HÖR.TEST


***** hervorragend    **** hörenswert    *** Licht und Schatten 

** nur bedingtes Vergnügen    * überflüssig


Vicky Emerson: Wake Me When The Wind Dies Down ****

Triad Entertainment (USA 2016)

Produced by Matt Patrick

10 Tracks - 36:54 Min.

 

Es ist ein großer Ring, in den Vicky Emerson mit ihrem fünften Album (abzüglich früherer Piano-Experimente) ihren Hut wirft. Sie möchte nämlich beweisen, dass sie auf Augenhöhe mit ihren großen Vorbildern Emmylou Harris, Roseanne Cash, Allison Krauss oder Lucinda Williams Musik macht. Und das, obwohl sie in der Heartland-Provinz von Wisconsin zu Hause ist und ihren zwei kleinen Kindern beim Aufwachsen helfen will. An ihrer Seite hat sie den geschmackssicheren Produzenten und Gitarristen Matt Patrick, der die zehn Eigenkompositionen von Vicky Emerson mit einem präzisen Americana-Arrangement und einigen versierten Studiomusikern in Szene setzt. An der Stimme von Vicky Emerson, die optisch an die junge Linda Ronstadt erinnert, gibt es sowieso nichts zu mäkeln. Sie kann gefühlvolle Balladen („Silhouette“) und rollende Country-Rocker („Under My Skin“), sie klingt gleichzeitig zeitlos und modern, traditionell und eigenständig. Die Rache-Geschichte „Long Gone“ hat ohne Zweifel das Zeug zum Hit, genauso wie „Runaway Train“ oder das atmosphärisch erhebende „Silhouette“, das man am, liebsten in einer kalten Winternacht als Dauerschleife hören würde. Es stellt sich eigentlich nur noch die Frage nach dem bisschen Glück, das die selbstfinanzierte CD in die entsprechenden Schienen setzt, die zum überregionalen Erfolg führen könnten. Von hier aus gibt es jedenfalls eine dicke Empfehlung!

 

http://www.vickyemerson.com/


Michael Logen: New Medicine ***

PledgeMusic (USA 2016)

Produced by Michael Logen, Thomas Doeve, Reid Scelza & Charles Yingling

10 Tracks - 37:19 Min.

 

Zweierlei muss man dem umtriebigen Michael Logen, der lange Jahre mit Koffer und Gitarre in der Welt herumgereist ist und sich nun in Nashville, Tennessee angesiedelt hat, zugestehen: er hat eine markante, variable Stimme mit hohem Wiedererkennungswert und er hat ein Händchen für die Komposition von leicht hymnischen Folk-Pop-Nummern mit hoher Radiotauglichkeit. Somit braucht er sich keineswegs hinter all den John Legends, Jack Johnsons oder Milows dieser Welt verstecken. Mit „New Medicine“ präsentiert er nun seine zweite (selbst finanzierte) CD, nachdem das Debut aus dem Jahr 2012 („Things I Failed To Mention“) nur mittelmäßigen Erfolg hatte. Immerhin ist er aber auch als Songwriter für andere Künstler recht gefragt, die Liste seiner AbnehmerInnen reicht von Mat Kearney über Paul Carrack bis zu der angesagten Kelly Clarkson. Auf der Basis von Piano und vor allem akustischer Gitarre (und diesmal zeitweise in der Einsamkeit einer Waldhütte) konstruiert Logen seine kompakten Indie-Pop-Songs, die meist hohes Mitsing-Potential haben, textlich aber wenig Überraschendes bieten. Die Single „Ready Or Not“ erweckt ohne Zweifel Hit-Verdacht und könnte im formatierten Nachmittags-Radio zu einem Dauerläufer werden. Bei „Best Of You“ greift er sogar zu einem gesampelten Drum-Loop und bei „That Next Thing“ veredelt Kim Richey mit ihrer Background-Stimme die Produktion. Das volle Band-Arrangement - auch mit elektrischer Gitarre und echtem Schlagzeug - scheint dann gegen Ende bei „Paper Thin“ und „Human After All“ auf. Logens musikalische Neu-Medizin wird sicher manchem die Langeweile oder eine miese Stimmung vertreiben - zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie ihren Apotheker oder andere Harmonie-Apostel. Wenn Taylor Swift zufällig sein Album hören sollte und einen Song für sich herauspickt, dann ist Michael Logen definitiv ein gemachter Mann.

 

http://michaellogen.com/home

http://www.pledgemusic.com/projects/michaellogen


The Rides: Pierced Arrow   ****

Provogue PRD 74615 (USA 2016)

13 Tracks (3 Bonus Tracks) - 62:01 Min.

Produced by Stephen Stills, Kenny Wayne Shepherd, Barry Goldberg & Kevin McCormick

 

Eigentlich hatten alle vermutet, die als neue Super-Session titulierte 2013er-CD „Can’t Get Enough” werde ein einmaliges Rides-Ereignis sein. Doch offensichtlich hatten Stills, Shepherd & Goldberg so viel Spaß miteinander, dass daraus mittlerweile eine richtige Band entstanden ist: mit Tour und zweitem Album! Somit startet das generationenübergreifende Trio-Projekt - unter solider Mithilfe des Bassisten Kevin McCormick und des Schlagzeugers Chris Layton eine erneute Reise in die Welt des modernen Blues-Rock, wo ganz offensichtlich die emotionale Heimat der Akteure angesiedelt ist. Die CD umfasst zehn sehr hörenswerte Gemeinschaftsproduktionen (darunter mit „My Babe“ auch eine klassische Willie-Dixon-Erinnerung), wobei die Lead-Vocals ganz demokratisch 5:5 unter Stephen Stills und Kenny Wayne Shepherd aufgeteilt sind. Erst bei der Nachspielzeit (drei Bonus Tracks) kommt Altmeister Stills alleine ans Mikrofon. Während Shepherd vor allem geradlinige Retro-Rocker anbietet (z.B. „Riva Diva“ und „I Need Your Lovin‘“), darf Stills die ganze Bandbreite seiner musikalischen Vorlieben ausleben. Dabei ist mit „Virtual World“ auch ein radiotauglicher Song hineingerutscht, der Millimeter-genau in ein Crosby, Stills & Nash-Album passen würde - beim Zuhören meint man sogar die Background-Stimme von Graham Nash zu hören. Und mit „There Was A Place“ verbreitet Stills Altersweisheit im Slow-Blues-Gewand des 21. Jahrhunderts - Gary Moore lässt grüßen. Für eine weitere gelungene Überraschung ist Barry Goldberg - der ansonsten eher im Hintergrund bleibt - zuständig. Sein Song „I’ve Got To Use My Imagination“, den er einst mit Gerry Goffin für Gladys Knight geschrieben hatte, wird hier zu einer packenden Soul-Blues-Nummer, ganz in der Tradition von Robert Cray. Dieses zweite Lebenszeichen einer recht zufällig zustande gekommenen Band hat nur ein Manko: auf die Bonus Tracks hätte man glatt verzichten können, weil hier fast nur noch der konventionelle 12-Bar-Blues ermüdend ausgewalzt wird. Weniger wäre also mehr gewesen! Unter dem Strich bleibt aber die erstaunliche „Vater&Sohn“-Demonstration zweier nimmermüder Gitarristen und Sänger, die wohl auch für einen dritten Streich gut sind.

 

http://www.theridesband.com/

http://www.stephenstills.com/index.html

http://www.kennywayneshepherd.net/


Paul McCartney ***

Live im Olympiastadion München

10.6.2016

 

Für einige Großbanken galt während der Bankenkrise vor etwa sieben Jahren das Motto „Too big to fail“! Ähnliches darf man mittlerweile auch dem „Sir“ Paul McCartney attestieren, der im Rahmen einer Welt-Tournee mit dem Titel „One On One“ kurz vor seinem 74. Geburtstag in Deutschland drei Live-Konzerte  absolviert. Sein Rettungsschirm sind allerdings nicht die staatlichen Haushalte sondern die loyalen Fans, die seit ca. 50 Jahren die musikalischen Produktionen des agilen Engländers verfolgen. Rund 30 000 Menschen pilgerten ins Münchner Olympiastadion und warteten geduldig auf die großen Mitsing-Hymnen wie „Let It Be“, „Obladi Oblada“ oder „Hey Jude“. McCartneys epochaler Beitrag zur Geschichte der Pop- und Rock-Musik ist einfach so gewaltig, dass man (und auch er selbst) verkraften kann, dass in den letzten knapp zwanzig Jahren nur noch wenig Außergewöhnliches aus den Federn des Ex-Beatle geflossen ist. Und so steht er nun angenehm unprätentiös auf der riesigen Stadion-Bühne, arbeitet sich redlich durch ein pausenloses Programm von zweieinhalb Stunden, kokettiert mit deutschen Ansagen, schwenkt - quasi als Anti-Brexit-Botschafter - die deutsche und die englische Fahne, widmet manche Songs verstorbenen Mitstreitern, umarmt vier Edel-Fans mit Transparenten und verschwindet dann umjubelt im schwarzen Großraum-Van aus der Arena. 57 Jahre umspannt die musikalische Darbietung: von einem 1958er-Song der Quarrymen („In Spite Of All The Danger“) bis zu seiner Hit-Kooperation mit Rihanna und Kanye West („FourFiveSeconds“) aus dem letzten Jahr. Dabei werden vom  mitgealterten Publikum die Songs aus seinen neueren Solo-Alben wohlwollend ignoriert, die großen Beatles- und Wings-Klassiker dagegen enthusiastisch gefeiert. Man kann McCartneys Live-Mischung abwechslungsreich nennen, man kann sie aber auch ein wenig planlos finden - eben nach dem Konsens-Prinzip „für jeden etwas“. Seit Jahren hat er live seine bekannten Mitstreiter dabei (Abe Laboriel, Paul Wickens, Brian Ray und Rusty Anderson), die allerdings bei dem diffusen Sound im Münchner Stadion nur wenig brillieren können und tapfer versuchen die widersprüchlichen Arrangements zwischen Ukulele-Geschrammel und massiven Breitwand-Sound angemessen zu interpretieren. Der Höhepunkt fürs Auge ist ohne Zweifel das Feuerwerk bei „Live And Let Die“, während die beleuchteten Smartphones bei „Hey Jude“ unterm Zeltdach für Lagerfeuer-Stimmung 2.0 sorgen. Irgendwie wird man den Verdacht nicht los, dass viele Zuschauer aus einem zur Nachsicht mahnenden  Motiv gekommen sind: vielleicht war es die letzte Chance, dieser lebendigen Legende „Auge in Auge“, d.h. mit dem Fernglas oder mit der aufgezoomten Digitalkamera zu begegnen?

 

https://www.paulmccartney.com/


Birds Of Chicago: Real Midnight   ****

FHE 009 (USA 2016)

11 Tracks - 44:47 Min.

Produced by Joe Henry

 

Dass es nicht immer gut geht, wenn Ehepaare ein gemeinsames musikalisches Projekt starten, lässt sich an den Beispielen Ike & Tina Turner oder Sonny & Cher studieren. Ganz anders sieht es bislang bei dem Duo JT Nero (= Jeremy Lindsay) und Allison Russell, die neben einer kleinen Tochter (Ida) nun auch ihr zweites Album mit dem Titel „Real Midnight“ produziert haben. Unter der erfahrenen Leitung von Independent-Folk-Legende und Madonna-Schwager Joe Henry - und gefördert von einer Kickstarter-Gruppe - ist dabei in dessen legendärem Home-Recording Studio „The Garfield House“ in Pasadena ein beachtliches Stück Musik entstanden, das mit der Genre-Schublade Americana nur sehr ungenau beschrieben ist. Nach mehrfachem Hören kann man sich nur wundern, wie es möglich ist, derartig düstere Texte in ein so freudvolles musikalische Gewand zu kleiden - ist vielleicht die Bezeichnung „Apocalypse meets Gospel“ ein Hinweis? Verständlicher wird manches, wenn man erfährt, wer die großen Vorbilder von JT Nero sind: Van Morrison, Sam Cooke und John Prine. Irgendwo in der Schnittmenge dieser drei außergewöhnlichen Künstler sind die Songs der Birds anzusiedeln. Das geht von flockigem Folk-Pop wie „Remember Wild Horses“ über elegischen A-capella-Sound („Barley“) bis zu rockigen Tönen bei „The Good Fight“. Damit kann man auch Zeilen verkraften, die nach dem letzten Song vor dem Untergang der Titanic klingen: „Real midnight’s gonna come / real wolves at your door / with blood on their tongues“. Und wenn schon - mit der Stimme von Allison Russel und den Kompositionen von JT Nero lassen sich auch katastrophale Zeiten („Tomorrow’s on you like a pack of wild hounds“) aushalten. Nach der Fertigstellung von „Real Midnight“ wurden übrigens die Türen des Garfield-Studios geschlossen, weil Joe Henry sich räumlich verändern will. Auf jeden Fall: ein würdiger Schlusspunkt - aber nicht für die Birds Of Chicago.

 

http://www.birdsofchicago.com/


Jeremy Nail: My Mountain ****

Open Nine Music (USA 2016)

11 Tracks - 47:24 Min.

Produced by Alejandro Escovedo

 

Der mythologische Sisyphus wälzte einen schweren Felsbrocken den Berg hinauf, um dann die Erfahrung zu machen, wie er auf der anderen Seite wieder herunterrollt. In die banale Gegenwart gewendet heißt das, dass jeder Mensch so seine Berge hat, die ihm im Wege stehen. Bei Jeremy Nail schien dieser Berg besonders unüberwindlich. Gerade als der texanische Singer-Songwriter zu einer vielversprechenden Karriere ansetzen wollte, bekam er die Krebs-Diagnose, die schließlich 2013 zur Amputation seines rechten Beins führte. Nun ist er dank einer Prothese wieder auf den Beinen und hat definitiv was zu erzählen. Seine neue (= zweite) CD ist eine Art Bericht über die Ups and Downs der letzten zwei Jahre mit einem ermutigenden Fazit, das schon im Titelsong, der ein bisschen Swamp-Rock-Feeling verbreitet, gezogen wird: „I might fall, but I’ll get up again“. Im zweiten Song „Down To The Ocean“ blickt er optimistisch in die Zukunft und erklärt nach einem erfrischenden Bad im Meer: „Let the waves wash away my failure / To come back new again“. Alejandro Escovedo hat das Album in Austin im Stile eines Daniel Lanois produziert und zusammen mit Jeremy Nail eine musikalische Textur und eine inhaltliche Botschaft geschaffen, die teilweise unter die Haut geht. Auf der kargen Basis von Schlagzeug, Kontrabass und akustischer Gitarre entfaltet sich ein dichtes atmosphärisches Gewebe, das vor allem für die markante Stimme von Jeremy Nail und die kreative Gitarre von Chris Masterson viel Platz lässt. Das Ergebnis ist texanischer Roots-Rock, der an Künstler wie Kevin Gordon, Jimmy LaFave oder Lee Clayton erinnert und der deutlich macht, dass die großen Namen („Heroes“) Townes Van Zandt und Steve Earle zu den Vorbildern von Nail gehören - aber dennoch: „you’ve bound to find yourself following their tracks“. Der einzige Kritikpunkt ist die Gefahr, dass Nail die Mischung aus up-tempo und low-tempo-Nummern etwas zu Gunsten des letzteren Genres vernachlässigt. Dennoch liegt hier ein vielversprechendes Zweit-Debüt vor, ein dynamischer Aufbruch zu neuen Grenzen. Bei der nächsten CD muss Nail dann hoffentlich beweisen, dass er uns auch ohne Krankheitsgeschichte berühren kann.

 

www.jeremynail.com


John Pousette-Dart: Talk  *****

Little Big Deal Music (USA 2015)

11 Tracks - 40:26 Min.

Produced by Bill VornDick

 

Wenn es erlaubt ist, die alte Floskel vom Steak, das dann richtig gut ist, wenn es vorher lang abgehangen wurde, auf Menschen zu übertragen, dann kann man mit Fug und Recht sagen, dass John Pousette-Dart eigentlich erst jetzt den Höhepunkt seiner musikalischen Produktion erreicht zu haben scheint. Nach der angestrengten Karriere-Rallye mit seiner Pousette-Dart-Band in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren hat er sich nun mit einer Rolle des entspannten Liebhaber-Musikanten abgefunden und gibt in längeren Abständen akustische Rauchzeichen. „Talk“ ist seine fünfte Solo-CD und die besondere Qualität liegt darin, dass man den Eindruck hat, hier sei im Studio („Ronnie’s Place“) ein kreatives Bandgefüge um den Singer-Songwriter Jon Pousette-Dart entstanden. Bekannte Namen wie Reggie Young, Dan Dugmore und David Hungate haben sich in Nashville eingefunden, um die durchwegs geschmackvollen Songs zu veredeln. So entsteht eine nie aufdringliche, aber stets hoch emotionale Melange aus Southern R&B, Soft-Rock und Country-Soul, die immer wieder an die großen Vorbilder Dobie Gray oder Jesse Winchester (dem auch mit seinem Songs „I Want To Mean Something“ aus dem Jahre 1988 ein Gruß ins Grab nachgesandt wurde) erinnert. Aus der 1977er-Schublade wurden dazu noch zwei PDB-Klassiker hervorgezaubert: „Amnesia“ und „County Line“, beide haben nichts an Frische verloren. Pousette-Darts Stimme ist immer noch in Bestform und seine neuen Kompositionen - egal ob als Mid-Tempo-Rocker oder als Soft-Rock-Balladen - haben eine besondere Attraktivität. Der beste Ausdruck dafür ist wohl: zeitlos! Oder: Gut abgehangen!

 

http://www.pousette-dart.com/


Thomas Hine: Some Notion Or Novelty **

THM Records (USA 2016)

13 Tracks -  56:42 Min.

Produced by Steven Hine

 

Aus der Kleinstadt Golden in Colorado meldet sich der Singer-Songwriter Thomas Hine mit seiner fünften Produktion, die er selbst als eine Mischung aus Traditional Folk, Americana und Experimental Music bezeichnet. Das Album startet (und endet!) mit frühmorgendlichem Vogelgezwitscher und einem Arrangement, das an die späten Beach Boys von Brian Wilson erinnert. Thomas Hine sitzt bequem im Stuhl, besingt den hinduistischen Sonnengott Surya und philosophiert über die Vergänglichkeit von Menschen und Zeit. In diesem fast schon meditativen Neo-Folk-Stil geht es weiter, wobei Thomas Hine ein breites Arsenal an Instrumenten selbst bedient und nur selten Unterstützung am Schlagzeug (Jason Wheeler), an der Slide Guitar (Mike Pearson) oder bei den Background Vocals (u. a. von seiner Tochter Sadie) bekommt. Die Songs entfalten einen gewissen Retro-Charme, haben aber zu selten das Zupackende, das einen John Prine oder einen Townes Van Zandt (um ein paar große Namen in den Ring zu werfen!) auszeichnet. Ohne Zweifel, Thomas Hine ist ein hintersinniger Beobachter von Orten, Beziehungen und Lebensentwürfen, doch seine poetischen Miniaturen versanden meist in vorhersehbaren Melodien und gleichförmigen Arrangements. Aber wie sagt er doch selber: „Why do I have to hold my tongue when I know I am right?“ (“Monsters”)

 

Contact: thomashinemusic@gmail.com


Wild Ponies: Radiant ****

No Evil Records (USA 2016)

11 Tracks - 40:39 Min.

Produced by Tres Sasser

 

In dem gut bestellten Feld der Neo-Folk-Duos melden sich die Wild Ponies mit einem deutlichen Ausrufezeichen. Das Ehepaar Doug und Telisha Williams hat sich vom akustischen Weltschmerz ihres 2013er-Albums „Things That Used To Shine“ verabschiedet, die elektrischen (Bass-)Gitarren umgeschnallt und einen Power-Pop-Kurs belegt, der teilweise an Lindsey Buckingham und Stevie Nicks erinnert. Zusammen mit den unauffälligen Drums von Megan Jane und den atmosphärischen Fiddle- und Steel-Texturen des unverwüstlichen Fats Kaplin entstand im Sound Shelter Studio von Franklin, Tennessee ein aufregendes neues Werk, das mit elf packenden Songs die Spanne vom kammermusikalischen Folk der Civil Wars über den Alt-Country von Shovels & Rope bis hin zu Billy-Joel-haftem Mainstream-Rock schafft. Die geographische Nähe zu Nashville ist erkennbar, aber durch sperrige und kritische Texte - über so verschiedene Themen wie homophobe Politiker, sterbende Kleinstädte und Tarot-Karten - unterscheiden sie sich von der traditionellen Country Music. Schon der grunchige Start mit „Born With A Broken Heart“ verspricht: Die Zeit der Soft Ponies ist definitiv vorbei, hier ist ein sehr kreatives und stimmlich hoch präsentes Duo auf dem Weg zu höheren Ehren. „Radiant“ ist ein Album, das mit mehrfachem Hören wächst - empfohlene Anspieltipps für den punktuellen Beobachter sind „The Night We Never Met“, „Unplug The Machine“ und „Home Is Where The Road Goes“.

 

http://www.wildponies.net/


Lyle Lovett: My Baby Don’t Tolerate ***

Lost Highway Records (USA 2003)

14 Tracks - 56:45 Min.

Produced by Billy Williams

 

Manchmal erscheint der kauzige Dr. h.c. Lyle Lovett doch etwas zu oft in der Yellow Press (Liaison mit Julia Roberts, Unfall mit einem Stier, Eraserhead-Frisur) und zu wenig in seinem eigentlichen Geschäft: dem Produzieren und Veröffentlichen von guter Country-Crossover-Musik mit leichtem Widerhaken. So war man einerseits froh, dass er 2003 nach siebenjähriger Pause wieder einmal neue Songs auf einer CD vereinigte, andererseits machen einen die 14 Titel beim Durchhören etwas stutzig. Denn elf davon sind relativ glatte Country-Ware (besonders der poppige Opener „Cute As A Bug“), insgesamt ziemlich epigonal. Stets hat man den Eindruck aus Versehen eine Scheibe von Rodney Crowell oder Guy Clark aufgelegt zu haben - was eigentlich kein Vorwurf sein sollte, aber für eine so kreative Figur wie Lyle Lovett doch ein bisschen enttäuschend wirkt. Nur selten blitzt sein bissiger Texas-Humor auf (wie etwa bei der Nashville-Satire „On Saturday Night“) und nur einmal wagt er sich in einen Zeitlupen-Stilmix („You Were Always There“), der auch von T-Bone Burnett produziert sein könnte. Das äußerst überraschende - und auch ein bisschen ratlos stimmende - Fade-Out der CD ist ein schmissiger, aber länglicher Doppel-Gospel, d.h. zwei Songs mit sehr ähnlichem Titel („I‘m Going To Wait“, „I’m Going To The Place“), bei denen die Background-Sängerinnen Francine Reed und Sweet Pea Atkinson von der Leine gelassen werden. Ansonsten machen seine Large-Band-Kumpanen einen soliden Job, zeitweise unterstützt von Stuart Duncan (fiddle) oder Sam Bush (mandolin). Wie gesagt: das ist nicht schlecht, aber auch nichts, was einen vom Hocker reißt.

 

http://www.lylelovett.com/


The Turnpike Troubadours: The Turnpike Troubadours ****

Bossier City Records - USA 2015

12 Tracks - 44:28 Min.

Produced by The Turnpike Troubadours

 

Wenn man als Independent-Band mit einer selbst produzierten CD den Platz 3 der Billboard Country Album Charts erreicht, muss man irgendetwas richtig gemacht haben. Vielleicht geht das Erfolgsrezept so: das Quintett um Singer/Songwriter Evan Felker schert sich seit seiner Gründung 2007 einen Dreck um die Mainstream-Masche aus Nashville sondern spielt das breite Country-Genre gerade so, wie es gefällt. Das heißt z. B., dass sie (auf ihrem mittlerweile vierten Album) mit einem schwungvollen Country Waltz („The Bird Hunters“) starten, um gleich darauf einen kernigen Country-Rocker („The Mercury“) folgen zu lassen. Man merkt, dass sie die Wurzeln kennen, aber auch wissen, wie modern traditionelle Musik klingen kann. Je nach Bedarf steuert Ryan Engleman entweder eine kraftvoll verzerrte Gitarre oder eine stimmungsvolle Steel Guitar bei. Eine prominente Rolle in fast jedem Song übernimmt die Fiddle von Kyle Nix, ohne je nervig zu werden. Die Troubadours wissen auch um ihre Herkunft aus Oklahoma und orientieren sich manchmal ein bisschen am Red-Dirt-Sound (was immer das auch ist!) ihrer Kollegen von den Old 97’s, den Bottle Rockets oder den Drive-By Truckers. Dazu kommen die absolut klischeefreien Lyrics von Evan Felker (er schrieb neun der 12 Songs), der über seine Altersgenossen mit Country-Attitüde selbstkritisch schreibt: „They all want to be Hank Williams / but they don’t wanna have to die“ („Long Drive Home“). Die dritte Säule der Karriere ist die harte Arbeit on the road. Die Turnpike Troubadours haben mittlerweile ihre Fühler auch über Oklahoma hinaus ausgestreckt und gelten als heißer Live-Act in den gesamten USA. Wenn also der moderne Nashville-Country in den Untiefen des internationalen Pop ertrinkt, darf man getrost weiter den Troubadours zuhören: sie wollen bestimmt nicht die nächste Taylor Swift Backing Band sein!

 

http://www.turnpiketroubadours.com/pg/home


Delta Moon: Low Down ****

Jumping Jack Records - USA 2015

12 Tracks - 45:11 Min.

Produced by Delta Moon

 

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts (klingt sehr bedeutend!?) trafen sich Tom Gray und Mark Johnson auf dem Parkplatz eines Musikladens in Atlanta, Georgia, wo Tom aus dem Kofferraum eine Dobro verkaufen wollte (klingt sehr alltäglich!?). Aus dem Deal wurde nichts, aber der musikalische Kontakt blieb bestehen und bald entstand - orientiert an Vorbildern wie Ry Cooder oder David Lindley - die Band Delta Moon. Dass Programm war gitarrenorientierter Blues-Rock, mittlerweile ist die CD # 10 entstanden. Tom Gray legt sich gerne die Lapsteel-Gitarre aufs Knie, während Mark Johnson mit E-Gitarre und Vox AC 30-Box die Suche nach dem definitiven Riff startet. Sie bewegen sich dabei in einem musikalischen Genre, das z. B. von Rory Gallagher, ZZ Top oder John Hiatt abgesteckt sein könnte. Auf der neuen CD gibt es wieder nichts Revolutionäres, neun flockige Kompositionen von Tom Gray und drei Covers (z. B. von Tom Waits oder Bob Dylan). Ein bisschen aus dem Rahmen fallen „Mean Streak“ als Mainstream-Rocker, „Mayfly“ mit einem leichten Country-Blues-Flavour und Skip James‘ „Hard Time Killing Floor Blues“ als akustische Retro-Blues-Hommage. Auf der soliden Basis von Marlon Pattons Schlagzeug und Franher Josephs Bass können Gray und Johnson konzentriert ihre Saiten ziehen, Gray angeraute Stimme gibt dem Ganzen noch einen Schuss Whiskey-Club-Atmosphäre. Für diese Art von Musik gilt bedingungslos: „It's okay / It's all right / They're open all night”.

 

http://deltamoon.com/


Kelley McRae: The Wayside ****

Self-Released - USA 2016

11 Tracks - 40:12 Min.

Produced by Roy Salmond

 

Aufgewachsen in der lebendigen Musikszene von Austin, Texas wechselte die Singer/Songwriterin Kelley McRae nach New York, wo sie dann Matt Castelein traf, der bald ihr Gitarrist, Background-Sänger und Ehemann (Reihenfolge kann auch geändert werden!) wurde. Seit 2011 haben sich die beiden für ein Leben on the road (d. h. in einem VW-Campingbus) entschieden und sind auf einer quasi never ending Tour durch USA, Kanada und Europa. Bei einer Zwischenstation in Vancouver entstand im Studio von Roy Salmond die mittlerweile fünfte CD mit dem Titel „The Wayside“, deren Erscheinung am 7. April 2016 im renommierten Bluebird Cafe von Nashville gefeiert wurde. Darauf präsentieren Kelley und Matt elf gemeinsam komponierte Songs, die alles Mögliche thematisieren, was man so unterwegs am Rand der Straße vorfindet. „If You Need Me“ - eines der Highlights der CD - entstand z. B. an einem strahlend klaren Tag am Lake Tahoe. Musikalisch darf man gepflegten Folk-Rock erwarten, der durchaus an die legendären Bryndle (oder zumindest 50 % davon) erinnert und nicht den kammermusikalischen Approach der Civil Wars ausbreitet. Mittelpunkt ist ohne Zweifel Kelley McRaes kristallklare, aber nie gekünstelte Stimme. Dazu kommen die beiden Gitarren, Matt Casteleins Background-Bariton und ein paar Studio-Instrumente, die vor allem Produzent Roy Salmond eingespielt hat. Auch für dieses viel versprechende Duo gilt: der Weg ist das Ziel!

 

http://kelleymcrae.com/


Vorne: Mark Johnson (g) und Tom Gray (slide g); hinten: Marlon Patton (dr) und Franher Joseph (b)
Vorne: Mark Johnson (g) und Tom Gray (slide g); hinten: Marlon Patton (dr) und Franher Joseph (b)

Delta Moon

Live in der Kofferfabrik Fürth ****

Mo. 14.3.2016

 

Wenn der Vollmond auf den Mississippi scheint und in einer stickigen Bar der Moonshine Whiskey ausgeschenkt wird, dann ist es Zeit für Tom Gray und Mark Johnson die Gitarren auszupacken und zum Ritt auf dem Flaschenhals einzuladen. Die beiden sind der Doppel-Kopf von Delta Moon aus Atlanta, Georgia und mit der neuen CD „Low Down“ (Jumping Jack Records 12012) im Gepäck touren sie zurzeit durch Europa. So wurde der Montagabend in der gut besuchten Fürther Kofferfabrik zu einem stimmungsvollen Blues-Rock-Abend, bei dem sich sowohl der traditionelle Blues-Fan als auch der etwas modernere Southern-Rock/Americana-Liebhaber bestens unterhalten fühlt. Die solide Basis für die knackigen Drei-Minüter, aber auch für die ausladenden Solis liefern Franher Joseph am Bass und Marlon Patton am Schlagzeug. Darüber können sich Gray und Johnson auf die immerwährende Suche nach dem definitiven Blues-Rock-Riff oder dem rauchigen Bottleneck-Sound machen. So ähnlich müssen wohl auch die frühen ZZ Top geklungen haben, als sie noch nicht zum Stadion-Rock mutierten. Delta Moon präsentieren vorwiegend Songs aus dem neuen Album (z. B. „Afterglow“ oder „Open All Night“), greifen dabei auch in die klassische Blues-Kiste („Hard Times Killing Floor Blues“ von Skip James) und finden immer wieder lohnenswerte Fremdkompositionen (z. B. „Low Down“ von Tom Waits oder „Down In The Flood“ von Bob Dylan). Zum Glück erinnern sie sich auch an ihr eigenes bisheriges Highlight, das 2007er-Album „Clear Blues Flames“ (eine unbedingte *****-Kaufempfehlung!!). Das Fürther Publikum kann sich dem auf den Punkt gebrachten Groove nicht entziehen, darf die eingängigen Refrains mitsingen, am Ende kommen Gray und Johnson sogar zu einem langen Double-Solo von der Bühne runter. Rau, aber herzlich -  gerne wieder!

 

http://deltamoon.com/




Jason Isbell: Something More Than Free *****

Thirty Tigers / Southeastern Records (USA 2015)

11 Tracks - 43:37 Min.

Produced by Dave Cobb

 

Es gibt auch gute Nachrichten! Jason Isbell (Jahrgang 1979) hat die Schatten seiner Vergangen­heit, die von Alkohol, Drogen, Scheidung und mäßigem musikalischem Erfolg mit den Drive-By Truckers geprägt waren, überwunden und ist spätestens seit seiner CD „Southeastern“ (2013) in der Erfolgsspur unterwegs. Nun hat er mit „Something More Than Free“ erneut ein kräftiges Statement hingelegt: elf selbst kompo­nierte Songs, die beweisen, dass sein krea­tives Potenzial ungebrochen vorhanden ist. Damit schiebt er sich an die Spitze der Americana-Bewegung und darf ohne Zweifel in einer Liga mit Namen wie John Mayer oder Amos Lee genannt werden - ob die vollmundigen Kritiker-Vergleiche mit Neil Young oder gar Bruce Springsteen Stand halten, sei noch dahingestellt - im­merhin sprechen zwei Grammys 2016 für das beste Americana-Album und den bes­ten Americana-Song („24 Frames“) eine deutliche Sprache. Isbell ist jedenfalls eine markante Stimme, auf die man gerne hört und die auch was zu sagen hat. Bei der neuen CD erzählt er zum einen von seinen eigenen Problemen („I was sick, I was scared, I was socially impaired“), die er aber glaubt überwunden zu haben. Die positive Botschaft des ersten Songs lautet: „My day will come, if it takes a lifetime“. Zum anderen lie­fert er stimmige Miniaturen aus Smalltown, USA ab, z. B. in den atmosphärisch sehr dichten Songs „Flagship“ oder „Speed Trap Town“. Mit seiner Band namens „The 400 Unit“ (etwas pro­vokant benannt nach einer psychiatrischen Station in Florence, Alabama!) produziert Isbell ein­gängigen, aber nie klischeehaften Roots-Rock, bei dem auch mal Mellotron-Teppiche oder die Fiddle seiner Frau Amanda Shires zu hören sind. Aus seiner Heimat Alabama hat es ihn mittler­weile nach Nashville verschlagen, wo Produzent Dave Cobb ihm die Rahmenbedingungen für die zwei erfolgreichen Alben geschaffen hat. Eine Europa-Tournee am Anfang des Jahres 2016 könnte seinen Erfolg noch international ausgeweitet haben. Eines ist jedenfalls sicher: Jetzt lebt Jason Isbell das Leben, das er gewählt hat („The Life You Chose“). Dringende Hör-Empfehlung!

 

http://www.jasonisbell.com/


Eric Brace & Peter Cooper: C&O Canal ****

Red Beet Records - USA 2016

10 Tracks - 35:01 Min.

Produced by Thomm Jutz

 

Die zehn Songs auf der neuen CD sind wie zehn tönende Bilder einer Ausstellung mit dem Thema „Die Folk-, Blue- und Newgrass-Szene der Washington D.C. Area in den 70er Jahren“ (Untertitel: „No Politics“). Die kenntnisreichen Kuratoren dieser Ausstellung heißen Eric Brace und Peter Coo­per, beide haben ihre musikalischen Sozialisations-Schlüssel­erlebnisse in jener Zeit in den berühmten Clubs wie besonders dem „Birchmere“ gefun­den, wo jeden Donnerstag die legendären Seldom Scene auftraten. Von diesen Trendset­tern reicht eine logische musikalische Kette zu Mary Chapin Carpenter, zu Emmylou Harris, zu Jonathan Edwards, zu Karl Straub, zu den Rosslyn Mountain Boys, zu Alice Gerrard und zu John Jackson. Eric Brace hat über all diese Na­men seine Artikel in der Washington Post abgeliefert, Peter Cooper hat den versierten Saitenzupfern Mike Auldridge oder John Starling aus der vordersten Reihe auf die Finger ge­schaut. Diese Erfahrungen haben sie auch in ihrem heutigen Aufenthaltsort East Nashville nicht vergessen und daraus ein hoffnungslos nostalgisches, aber gleichzeitig berührendes Erinne­rungs-Produkt gemacht. Unter der Leitung von Thomm Jutz beamen sie sich ca. 40 - 50 Jahre zurück und bringen die unvergessenen Klassiker wie „C&O Canal“, „Boulder To Birmingham“, „If That’s The Way You Feel“ oder „Boat’s Up The River“ wieder zu Gehör. Dies alles ist eine tiefe Ver­neigung vor den Großen der Szene, musikalisch aber absolut auf Augenhöhe.

Übrigens: auch heute ist der Birchmere Club in Alexandria, Virginia noch einen Besuch wert, wenngleich die Aufbruchsstimmung der 60er und 70er Jahre verschwunden ist. In der nächs­ten Zeit wären dort so illustre Namen zu hören wie Leo Kottke, Ry Cooder, Shovels & Rope, John Hiatt, Tom Rush und Don McLean - warum eigentlich nicht Brace & Cooper?

 

http://www.birchmere.com/

http://redbeetrecords.com/eric-brace-peter-cooper


The Doobie Brothers: Southbound  ***

Sony Music / Arista - USA 2014

13 Tracks - 49:26 Min.

Produced by David Huff

 

Es ist immer ein schlechtes Zeichen, wenn renom­mierte Bands erkennen müssen, dass die Fans gar keine neuen Songs mehr von Ihnen hören wollen, sondern nur die alten Hits. Wenn dann die Methode der Best-Of-CDs ausgereizt ist, bleibt noch ein Ausweg: man nimmt die alten Kracher wieder neu auf und bittet ein paar illustre Gäste mitzusingen. So machten es vor kur­zem Little Feat oder John Fogerty - mit mäßigem Ertrag. Dies ist nun auch der Versuch der Doobie Bro­thers, die nach ihren großen Erfolgen in den 70er Jah­ren den stilistischen Kultur-Schock mit Michael McDo­nald nie ganz verdaut haben und seither ewig auf das Gestrige verwiesen sind. „Southbound“ enthält die wohl zwölf größten Hits der Doobies, eingespielt von einer versierten Nashville-Studiomusiker-Crew (z. B. Dan Dugmore oder J. T. Corenflos) unter Leitung und druckvoller Produktion von Hard-Rock-Drummer David Huff. Dazu kommen stimmliche Gastbeiträge von Country-Musikern der gegenwärtigen A- und B-Klasse, am bekanntesten wohl noch Zac Brown, Blake Shelton, Toby Keith und Brad Paisley. Mit ihnen duettieren die Herren Johnston, Simmons und McDonald, für John McFee ergeben sich noch ein paar Gitarren-Einwürfe und ein solistisches Intro zu „Nobody“. Die Klassiker aus den Jahren 1972 - 1979 be­halten dabei ihren Grundcharakter: harmoniefreudiger Mainstream-Rock mit eine paar Country-Anlei­hen. Insofern stellt sich die Frage, ob man mit einer der alten Best-Of-CD nicht letzten Endes besser bedient wäre? Da aber die Doobie Brothers immer noch unverzagt als flotter Dreier mit Band-Unterstützung (neuerdings sogar mit Bill Payne von Little Feat an den Tasten!) unterwegs sind, wird sich nach den Kon­zerten ein Kontingent von treuen Käufern finden.

 

http://www.doobiebros.com/


Nathan Bell: I Don‘t Do This For Love, I Do This For Love ****

Stone Barn Records - USA 2015

13 Tracks - 51:42 Min.

Produced by Nathan Bell

 

Man muss lange suchen, aber es gibt sie noch, die aufrechten Linken in der US-amerikanischen Kulturindustrie. Nathan Bell (geboren 1960) ist so einer, der seine Songs der Working Class widmet und sie dabei nicht mit der We-are-all-in-the-same-boat-Ideologie einseift. Mit Arbeitern meint er die Handarbeiter, die auf einem Flussdampfer schuften, die den Beton für eine Eisenbahnbrücke anrühren, die Deckenträger annageln, sich auf einem Shrimp-Boot von den Netzen die Haut abschürfen lassen, in den Tiefen Kentuckys nach Kohle graben oder in einer Autofirma in Detroit das Metall biegen. Ihnen widmet er den Titelsong, ihre unwürdige Situation beschreibt er in „Stamping Metal“ mit den Zeilen „If the first day doesn’t kill you, the next day will“. Bell erzählt auch von den Industrie-Ruinen in Georgia, Pennsylvania oder Indiana, wo sich die Arbeitslosen in dreckigen Kneipen zusammenfinden und von einem anderen Arbeitslosen namens Jesus bedient werden. Dieser “Jesus of Gary, Indiana” sieht sein Auskommen sehr nüchtern: „It pays the bills most of the time, but I wouldn’t call it honest work“. Das ist erst die dritte Solo-CD von Nathan Bell; im Gegensatz zum Vorgänger „Blood Like A River” haben die meisten Songs ein volles Band-Arrangement. Dazu hat sich Bell die Musiker um die Kult-Kontrabassistin Missy Raines (The New Hip) ins Nashville-Studio eingeladen. Gastspiele als Sänger (und Mitkomponist) geben Craig Bickhardt und Annie Mosher. Nathan Bell steht für Blue-Collar-Authentizität im Rahmen eines eindringlichen Americana-Sounds, der manchmal an die mittlere Folk-Rock-Schaffensphase von Bob Dylan (freilich ohne dessen poetische Imagination), manchmal an die emotionale Kraft eines Steve Earle erinnert. Nathan Bell ist ein unbeirrbarer und rastloser Kämpfer, vielleicht sollte er auch einmal für politische Ämter kandidieren - wie das sein Glaubensgenosse Kinky Friedman schon getan hat - oder wenigstens die Kampagne von Bernie Sanders musikalisch begleiten!

 

http://www.nathanbellmusic.com/home


Phil Cook: Southland Mission *****

Thirty Tigers - USA 2015

9 Tracks - 32:22 Min.

Produced by Phil & Brad Cook

 

Zehn Jahre ist es her, dass sich Phil Cook samt Familie auf den Weg vom Heartland (Wisconsin) nach Southland (North Carolina) gemacht hat. Sein großes Interesse an den Wurzeln der Südstaaten-Musik hat diesen Ortswechsel maßgeblich beeinflusst. Nach einer Findungsphase als Studiomusiker und Produzent wagt er nun als Solo-Artist den Schritt ins Rampenlicht. Vor vier Jahren gab es eine unscheinbare Fingerübung auf der akustischen Gitarre („Hungry Mother Blues“) nun fährt Cook das komplette Band-Arrangement auf - und wie. Wenn einer das Recht auf das Label „Roots-Rock“ hat, dann ist es Phil Cook. Seine Songs vermischen den angegospelten rockigen Country Blues des Südens mit der Bluegrass-Romantik der Bergwelt. Es klingt, als habe man die alten Little Feat in ein Blue Ridge Mountain Studio gesetzt und kräftig gelüftet, damit sich der ländliche Geschmack niederschlägt. Und wenn Phil Cook mit Nerd-Brille und Strubbel-Haar vom psychedelischen Cover schaut, fühlt man sich in die glorreichen Zeiten von Grateful Dead zurückversetzt. Im Zentrum der CD stößt der gefesselte Hörer inmitten von denkwürdigen Songperlen auf die beiden Höhepunkte: das schwerfällige „Sitting On A Fence Too Long“ - ein musikalisches Essay zum Thema Prokrastination - und das dynamisch perlende „Lowly Road“. Von einer angezerrten Gitarren-Arabeske wie dem kurzen „Time To Wake Up“ möchte ich jeden Morgen geweckt werden. Mit der ausgekoppelten Single „Great Tide“ könnte sich Phil Cook jederzeit bei Little Feat bewerben, falls Paul Barrere und/oder Fred Tackett mal frisches Blut brauchen. Das einzige, was man dem künstlerischen Produkt vorhalten kann, ist die magere Laufzeit der CD - da aber Qualität vor Quantität gehen sollte, ist dies verschmerzbar (und jeder Player hat ja eine Repeat-Taste!). Vom schwungvollen „Ain’t It Sweet“ bis zum leicht morbiden „Gone“ - dieses Album ist aus einem Guss! Wer Phil Cook live in Deutschland sehen will, muss sich am 28. April 2016 nach Berlin aufmachen - bestimmt lohnenswert!

 

http://philcookmusic.com/#main

http://www.privatclub-berlin.de/


Blue Water Highway Band: Things We Carry *****

Blue Water Highway - USA 2015

13 Tracks - Laufzeit: 58:20 Min.

Produced by David Butler

 

Es passiert sehr selten, dass man das Longplay-CD-Debüt einer Band erleben darf, die gleichzei­tig den Enthusiasmus der Novizen und die Ab­geklärtheit von langjährigen Professionals zeigt. Hier aber ist es der Fall - und wer nach den ers­ten fünf Titeln (vor allem dem eindringlichen „Greytown“: "the golden train is rolling out of Greytown“) noch immer nicht die Ohren steil gestellt hat, der sollte mit täglichem Dauer-Abhören von Format-Autoradio bestraft werden. Der Band­name könnte dabei zunächst etwas in die Irre führen, denn die BWHB präsentiert keinen Hinterwäldler-Country sondern eine höchst intelli­gente und frische Mischung aus Modern Country (etwa ebenso viel­versprechend wie vor Jahren die Band Stonehoney) und Neo-Folk (geschult an Hörerlebnissen von den Avett Brothers oder Mumford & Sons). Doch hier sind keine Epigonen oder Eklektiker am Werk, sondern vor allem zwei außergewöhnlich einfallsreiche Songwriter aus der Kleinstadt Kyle in Texas - nahe bei Austin:  Zack Kibodeaux & Greg Essington können sehr gut einschätzen, wie man runde vier Minuten spannungsreich füllt. Der eigentli­che Trumpf der Band sind aber die Vocals: Zack Kibodeaux steht mit einer hörbar geschulten Stimme im Vordergrund, doch die Harmonies mit Greg Essington und  der Sän­gerin Catherine Clark suchen in der Szene nach Vergleichbarem. Damit strahlen viele Songs eine hymni­sche, fast schon religiöse Atmosphäre aus - Prediger Richie Furay würde sich darüber sehr freuen und die alten Hollies würden genussvoll schmunzeln. Die Band-Arrangements sind sehr dicht (für den soliden Background sorgen Kyle Smith am Bass, Daniel Dowling am Schlagzeug und Zach Landreneau an diversen Tasteninstru­menten), es gibt kaum Solo-Pas­sagen und der altbekannte Lloyd Maines ergänzt als Gast mit seiner Pedal Steel Guitar im Hintergrund wei­hevolle Texturen. In den Liedern geht es meist um persönliche Erfahrungen und Emotionen, ohne jemals die sattsam bekannten Klischees zu bedienen - selbst ein Train-Song wie „Hard Time Train“ klingt unverbraucht ("Hallelujah for the mo­ments I am rolling on these rails of pain"). Der Titelsong ist eine nostalgische Erinnerung an die Zeiten des Schwarz-Weiß-Kinos ("when nothing stays the same it’s the things we carry"). Von den Live-Shows der Band - bislang hauptsächlich auf den Staat Texas beschränkt - hört man nur Gutes, der Durchbruch im Radio könnte mit zwei unwiderstehlichen Folk-Pop-Nummern gelingen: „Medicine Man“ und „John Henry“. Warten wir also, wie es mit einem möglichen „Highway To Glory“ weitergeht - Don Henley und Glenn Frey haben auch einmal klein angefangen!

 

http://www.bluewaterhighwayband.com/home

https://soundcloud.com/blue-water-highway-band/sets/things-we-carry


John Moreland: High On Tulsa Heat ****

(Odd Omens OO 01 - USA 2015)

10 Tracks - 40:48 Min.

Produced by John Moreland

 

Der Mann aus Oklahoma sieht ein bisschen aus wie der deutsche ESC-Verweigerer Andreas Kümmert, Zauselhaar und Zauselbart, darunter eine massive Wampe, aus der er eine natürlich angerostete Bariton-Stimme presst, die - einmal gehört - nicht mehr in Ver­gessenheit geraten kann. Mit seinem dritten vollstän­digen Album scheint Moreland nun auch die musikali­sche Richtung gefunden zu haben, die ihm auf den übergewichtigen Leib geschneidert ist: hochemotio­naler Roots-Rock, mal mit dynamischer Band-Unter­stützung, mal nur akustisch im Dreierpack. Bei den ruhigeren Nummern erinnert er etwas an John Mayer, wenn es rockig zur Sache geht, lässt sich sein großes Vorbild Steve Earle nicht mehr unterschlagen. Moreland will mit seinen Song nicht nur Hintergrund-Beschallung im Sinne des Formatradios sein, er hat seine Erfahrungen in lauten Bars gesammelt, wo er es offensichtlich schaffte, durch Persönlichkeit und Aussage aufmerksame Zuhörer zu gewinnen. Dabei thematisiert er in seinen Songs die eigenen Erfah­rungen als jugendlicher Kirchgänger, der sich plötzlich unter den Zuschauern einer Punk-Rock-Show wiederfindet („Sad Baptist Rain“), und die immerwährende Suche nach einem Fixpunkt im Leben, sei es in der Heimat Oklahoma („High On Tulsa Heat“), sei es in dem gehassten und geliebten Land USA („Ame­rican Flags in Black And White“) oder sei es in einer erfüllenden Beziehung  („You Don‘t Care Enough For Me To Cry“).  Doch, Achtung: für inhaltliche Schonkost ist Moreland nicht zu haben, ein biss­chen kli­scheefreier Schmerz muss immer dabei sein - und so singt er unverdrossen „I wanna learn a new sickness / And dance around forgiveness / Darling, won’t you be my ache to please?“ John Moreland ist ein ausdrucksstarker Singer/Songwriter und Multi-Instrumentalist, der vor allem an der akustischen Gitarre zu Hause ist und für die CD namhafte Freunde ins Studio geholt hat (Jesse Aycock an der pedal steel guitar, John Calvin Abney III. an Gitarren und Keyboards). Nachdem er im Januar 2016 mit Jason Isbel drei Termine in Deutschland absolviert hat (Berlin, Hamburg, Köln) sollte er auch hier den Status eines Geheimtipps überwinden.

 

http://www.johnmoreland.net/

http://johnmoreland.bandcamp.com/


Kevin Gordon: Long Gone Time

(Crowville Media CROW 4004 - USA 2015) ***

11 Tracks - Laufzeit: 55:29 Min.

Produced by Joe V. McMahan

 

Drei Jahre sind vergangen seit Kevin Gordons Meis­terwerk „Gloryland” (2012), jetzt hat er sich wieder mit seinem Kumpel Joe V. McMahan für drei Mo­nate in dessen Studio „Wow And Flutter“ verkro­chen und eine neue CD (auch mit der Hilfe einiger Sponsoren) herausgebracht. „Long Gone Time“ heißt das Album und der Titel ist Programm, denn in fast allen Songs befasst sich Gordon mit ambi­valenten, meist eher düsteren Eindrücken seiner Jugend im Staate Louisiana (I grew up down the road, it’s been 40 years / Walking on the levee now, I’m a stranger here“). Es geht um das Auto seines Vaters, das eines Nachts im Fluss wieder­gefunden wurde („GTO“), um Erinnerungen an Shreveport, der drittgrößten Stadt in Louisiana („Letter To Shreveport“), um den Opa, der für alle Fälle sein Gewehr hinter der Tür stehen hat („Shotgun Behind The Door“), um das gottverlassene Kaff Crowville, um den halbindianischen Rodeo-Reiter Brownie Ford, der auch mal an der Straßenecke zur Gitarre gesungen hat („Goodnight Brownie Ford“) und um Erinnerungen an Beton und Unkraut im Jahr 1973 („Cajun With A K“). Wie das Land, so die Mu­sik. Gordon hat sich für einen sehr erdigen Sound entschieden, für ein rumpliges Schlagzeug und für dreckig angezerrte Gitarren. Damit instrumentalisiert er ein musikalisches Spektrum aus Swamp-Blues und Roots-Rock, das diesmal allerdings von den Kompositions-Ideen etwas gleichförmig ausgefallen ist. Die CD hat den Aufbau eines Live-Konzert mit drei elektrischen Rockern am Anfang, dann vier verhalte­nen akustischen Nummern und einem elektrischen Restprogramm, das in den annähernd zehnminüti­gem Talking-Blues „Cajun With A K“ mündet - danach folgt noch ein Bonus-Track. Kein Zweifel, Kevin Gordon ist ein versierter Textschmied und Geschichtenerzähler, doch diesmal fehlt etwas das span­nungsreiche musikalische Gegengewicht (und es fehlen leider auch die Lyrics - sowohl bei der CD-Verpa­ckung als auch auf der Homepage!).

 

http://kg.kevingordon.net/


Peter Cooper: Depot Light. Songs Of Eric Taylor

(Red Beet Records RBRCD 020 - USA 2015) ****

12 Tracks - Laufzeit: 43:59 Min.

Produced by Thomm Jutz & Peter Cooper

 

Wer kennt im alten Europa Peter Cooper? Wer kennt Eric Taylor? Wer kennt beide? Niemand? Wenige? Insofern ist diese CD-Kritik ein bisschen Nachhilfeunterricht für Mainstream-Rocker und lobende Erwähnung für die Randgruppe der Experten. Peter Cooper lebt in East Nashville, ist ein attraktiver Singer/Songwriter, ein gefragter Studiomusiker, ein geschmackvoller Produzent, ein ehemaliger Musikjournalist und ein Liebhaber der Musikgeschichte Amerikas. Diverse CDs hat er unter seinem Namen bisher veröffentlicht, dazu auch ein paar Kooperationen mit seinem Kumpel Eric Brace. Was aber bringt einen profilierten Songwriter dazu eine vollständige CD mit 12 Songs eines anderen Kollegen aufzunehmen? Coopers Antwort: Ich singe diese einzigartigen Songs, weil es Lieder sind, die ich unbedingt selbst singen wollte. Also kein Tribute-Album mit Einladung an eine fröhliche Runde von Bekannten, sondern eine ganz persönliche Auseinandersetzung mit einem Freund/Kollegen/Vorbild. Der verehrte Eric Taylor lebt in Houston/Texas, hat 1981 mit seiner LP „Shameless Love“ für ein bisschen Aufsehen gesorgt, ist dann aber erst 1995 wieder ins Musik-Business zurückgekehrt. Seine Ex-Frau, die wohlbekannte Nancy Griffith sagt über ihn, er sei der William Faulkner der derzeitigen Songschreiber und sein Kollege Lyle Lovett meint, Eric habe den absoluten Riecher für die Konstruktion eines perfekten Songs. Dennoch ist Eric Taylor ein Geheimtipp geblieben, der im 3-4-Jahresabstand CDs veröffentlicht hat, zuletzt „Live At The Red Shack“, das Beste von zwei Abenden mit befreundeten Musikern vor erlesenem Publikum. Auf Folk-Festivals oder anderen Events hat Peter Cooper den charismatischen Taylor kennengelernt, irgendwann reifte der Wunsch dieses besondere Album zu machen. Seine Annäherung an Eric Taylor erfolgt nicht als devote Imitation, sondern als eigenständige Interpretation mit einer Reihe von erlesenen Studiomusikern. Aus dem Unplugged-Arrangement scheinen besonders Thomm Jutz an der akustischen Gitarre und Andrea Zonn (von der James Taylor Backing Band) an der Geige hervor. Die 12 ausgewählten Songs umspannen Taylors gesamte musikalische Karriere, eine Art Best Of Revisited. Wer also mit einem Schlag zwei hervorragende Musiker näher erleben möchte, ist mit dieser CD bestens bedient.

 

http://www.petercoopermusic.com/

http://www.bluerubymusic.com/home/News.html

http://redbeetrecords.com/


Kevin Gordon: Gloryland (CROW 4003 - USA 2012) *****

 

Wenn man sich vorstellt, dass Keith Richard mit dem jüngeren John Fogerty eine Gitarren-Session macht und dazu die Country-Outlaws Lee Clayton und Steve Earle als Sänger einlädt, hat man vielleicht eine Idee, was einen bei Kevin Gordons CD „Gloryland” erwartet. Doch Gordon braucht nicht nach irgendwelchen Vorbildern zu schielen, seine Musik ist ein höchst eigenständiges und künstlerisch extrem originelles Produkt aus gitarrenlastigem Roots-Rock und Swamp-Blues sowie einer sensiblen Arbeiterklassen-Lyrik. Die Jugend in Louisiana, das Studium der Dichtkunst in Iowa und die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Bo Ram­sey, Lucinda Williams oder Gwil Owens haben seine Ausdrucksweise geprägt. Jetzt lebt er in Nashville und wartet geduldig auf einen größeren Durchbruch. Es bedurfte einer Crowd-Funding-Aktion, um diese CD (das fünfte Studioalbum von Gordon) zu produzieren, doch das Ergebnis ist umwerfend! Elf Songs sind enthalten, alles Eigenkompositionen - dreimal in Kooperation mit Gwil Owens -, die von einer schwierigen Kinder- und Jugendzeit in den Südstaaten und von den Defekten des heutigen Amerika erzählen. Das Wort „erzählen“ ist hierbei bewusst gewählt, denn Kevin Gordon ist ein großer Storyteller, der sich in seinem Opus Magnus „Colfax / Step In Time“ schon mal zehn Minuten Zeit lässt, um die Ge­schichte des farbigen Musiklehrer Mr. Minifield und dessen Konfrontation mit Ku-Klux-Klan-Mitgliedern zu entfalten. Gleichzeitig ist der Song ein Musterbeispiel, wie man über diesen längeren Zeitraum mit sparsamen musikalischen Mitteln einen Spannungsbogen erhalten kann. Ähnlich konstruiert ist „Bus To Shreveport“, wo der 12jährige Kevin nach einem ZZ-Top-Konzert (mit Onkel Randy und Freund Hank) in eine Schlägerei mit Latinos verwickelt wird. Der Titelsong „Gloryland“, der den dynamischen Auftakt der CD macht, ist eine scharfe Abrechnung mit den heutigen Heilsversprechungen von Religionen und Polit­kern. „Pecolia’s Star“ erinnert schließlich die an die farbige Künstlerin Pecolia Warner, die mit ihren far­benprächtigen Quilts die Welt zum, Leuchten brachte („this here will keep you walking / straight ‘cross a crooked world“). Der Markenkern des gesamten Albums  ist Gordons Stimme, die nach Staub und rotem Sand  schmeckt, und seine mal sanfte, mal rohe Arbeit an der Gitarre. Dringende Hör- und Kaufemp­fehlung (www.kevingordon.net)!


Richard Thompson: Still (Proper Records  PRPCD 131 - 2015) ****

 

Unlängst hat der 66jährige Richard Thompson in einem Interview gesagt: „In unserer Senilität glauben wir einfach, dass Leute weiter Alben kaufen, deshalb hören wir nicht auf, welche zu machen.“ Dieser Satz zeigt nach ca. 40 CDs (Fairport Convention, Duo mit Frau Linda, Solo) eine gewisse Abgeklärtheit, die auch damit leben kann, als ewiger Geheimtipp, als bester Rockmusiker, der nie einen Hit hatte, gehandelt zu werden. An diesem Zustand wird wahrscheinlich die neue CD mit dem vielsagenden Titel „Still“ nicht viel ändern. Richard Thompson offeriert zwölf neue Songs (in der fragwürdigen Deluxe-Version sind es sogar 16), die ihn wieder einmal als kreativen Grenzgänger zwischen britischem Folk Rock und Americana zeigen - unberührt von der Tatsache, dass das Album von Jeff Tweedy (Wilco) in Chicago produziert wurde. Während „Pony In The Stable“ ganz stark in die eine Richtung (Folk Rock) weist, gehört „Patty Don’t Put Me Down“ mehr zur anderen Fraktion (Americana). Zusammengehalten wird dieser schlüssige Mix durch Thompsons exzellentes Gitarrenspiel und durch sein originelles Songwriting. Im Gegensatz zu seinem Landsmann Mark Knopfler, der ja immer mehr in meditatives Klang-Kunstgewerbe verfällt, orientiert sich Thompson nach wie am klassischen Rock-Song-Schema ohne freilich auch manchmal ausführlich perlende Gitarrenläufe einzufügen. Denn so zugeknöpft wie sein Girl im Song "All Buttoned Up" ist er auf keinen Fall. Die Schlussnummer ist eine Hommage an seine „Guitar Heroes“, an Django Reinhardt, Les Paul, Chuck Berry, James Burton und Hank Marvin mit dem typischen Understatement „I Still Don’t Know How My Heroes Did It“. Warten wir also ab, bis Richard Thompson auch das noch gelernt hat.


Judith Owen: Ebb & Flow (Twanky Records TWR 00131 - 2014) ****

 

Judith Owen, klaviermächtige Singer-Songwriterin aus Wales, die seit 1993 in den USA lebt, hat sich einen kleinen (?) Traum erfüllt. Für ihr neues Album „Ebb & Flow“ holte sie sich eine legendäre Backing Band ins Sunset Studio (Hollywood): nämlich die Herren Russ Kunkel, Leland Sklar und Waddy Wachtel, die einstmals die Songs von James Taylor, Carole King, Joni Mitchell usw. veredelten. Und so klingen die zwölf Songs - zehn Eigenkompositionen und je eine überraschende/logische Cover-Version - wie ein Rückblick auf jene Goldene Zeit, den Judith Owens jedoch ganz authentisch und stimmsicher vom reinen Nostalgie-Trip abhebt. Sie klingt wie eine Mixtur aus frühem Elton John und Joni Mitchell, sie thematisiert in ihren sehr emotionalen Songs mehr die Downs des eigenen Künstlerlebens, ohne freilich in überbordenden Weltschmerz zu verfallen. Sehr dezent und zurückhaltend bis zur Selbstverleugnung assistieren die drei Section-Herren dem manchmal recht wuchtigen Piano-Spiel und der markanten Stimme von Judith Owens. Nicht einmal hat sich Waddy Wachtel zu einem Solo hinreißen lassen. Die stilistische Bandbreite reich von poppigem Westcoast-Sound bis zu gefälligem Bar-Jazz. Anspieltipp ist für mich die treffende Zwei-Personen-Beobachtung „I’ve Never Been To Texas“ oder das swingende „Train Out Of Hollywood“.


Eric Brace & Peter Cooper: You Don’t Have To Like Them Both (Red Beet Records RBR CD 009 - 2008) ****

 

Wenn es darum geht, wer die besten Archivverwalter der modernen (und weniger modernen) Country-Music sind, dann kann man Eric Brace und Peter Cooper nicht überse­hen. Die beiden führen ihre Zuhörer auf entspannte Weise durch ein Museum der Spielarten dieser Musik, stets mit einem leicht ironischen Zwischenton, stets auf künstlerisch hervorragende Weise. Die 12 Songs auf der vorliegenden CD sind nur zu einem Drittel selbst komponiert, der Rest vereint eine geschmackvolle Auswahl von namhaften Komponisten (wie Kris Kristofferson, David Olney, Kevin Gordon u. a.). Vorgeführt wird der Newgrass im Stile der le­gendären Seldom Scene, die traditionelle Country Music („The First In Line“), die rhythmische Form des Rockabilly („Drinking From A Swimming Pool“), der erdige Roots Rock (mit dem Klassiker „Down To The Well“) und der stimmungsvolle Country Blues („Omar‘s Blues # 2“). Dass man auch über den Namen des höchsten Berges der USA einen witzigen Song machen kann, beweist Peter Cooper mit „Denali, Not McKinley“ (sehr prophetisch übrigens!). Brace und Cooper wissen um sich eine versierte Backing Band, bei der der alte Haudegen Lloyd Green mit der Pedal Steel Gitarre die Höhepunkte setzt. Aber auch Ses­sion-Star Richard Bennet ist zur Stelle, wenn es gilt, einen „einfachen“ Song gitarrenmäßig zu veredeln. Wer sich an diesem Jäger-und-Sammler-Konzept erfreuen kann, sollte unbedingt auch die beiden Folge-CDs („Master Sessions“ und „Comeback Album“) in den Warenkorb legen und damit den Gang durch das Brace-Cooper-Museum um weitere Räume erweitern. Es gibt eigentlich in der Szene nur noch ein Duo, das den beiden das Wasser reichen kann: Chris Hillman und Herb Pedersen - letztere leider notorisch faul, was neue Veröffentlichungen betrifft!


The Burros: Maya (Sauna Records 2015) *

 

Enthusiastische Bemerkungen bei CD-Online-Verkäufern können einen manchmal verleiten, einer Empfehlung „blind” zu folgen. So geschehen bei The Burros. Da wir hier aber niemanden zum Kauf animieren müssen, folgt eine ernüchterte und ernüchternde Kritik. Das neue Album von den Burros - und das sind die beiden Songwriter John Harvey und Bob Pereira aus Detroit - ist ein durchwegs missglücktes Stück Musik, das sich zwar sehr ambitioniert und konzeptartig gibt, letzten Endes aber nur als nerviges Gedudel in Erinnerung bliebt. Von „Americana“ keine Spur, stattdessen ins Nichts führende Kompostionen, die hoffnungslos überarrangiert sind, dazu die profillosen Gesänge der beiden Macher. Irgendwo soll der Titel an George Harrison und seinen philosophisch durchtränkten Song „Beware Of The Darkness“ erinnern, doch die angeboten 16 Songs (Quantität ersetzt nicht Qualität!) und zwei Nachspiel-Gimmicks hinterlassen nur Ratlosigkeit. Das Dickicht von ausufernden Vokalpassagen, und klebrigen String-Arrangements vermüllt jeden Zugang zu den vielleicht gut gemeinten Songs. Dass sich Produzent Dave Feeney gern an die Pedal Steel Gitarre und an die Hammondorgel setzt, hat der CD auch mehr geschadet als genützt. Somit ist dieses Musik-Produkt ein klarer Fall für den gelben Sack!


Danielle Miraglia: Glory Junkies (2015) ***

 

Es gehört schon Mut dazu, was diese junge Rock-Lady aus Boston, Danielle Miraglia, auf ihrer dritten CD inszeniert. Wir reden hier nicht vom unternehmerischen Risiko und dem Fehlen einer potenten Plattenfirma. Wir reden von der Art, wie dieses Produkt mit zehn Eigenkompositionen aufgebaut ist: Danielle startet nämlich mit zwei Songs, die so gar nicht ins Ohr gehen („Dead End Street“, „Coffee Stained Thank You Cards“), die nur schrägen Rumpel-Rock mit holprigen Tempo- und Harmonie-Wechseln von Bass und Schlagzeug und eine nervig sägende Bratsche (Laurence Scudder) anbieten. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, wird ab dem dritten Titel „Glory Junkie“ viel besser bedient. Es scheint, als habe Danielle und ihre Band (das ist vor allem der Bassist, Background-Sänger und Produzent Tom Bianchi) den Dreh gefunden, wie man ansprechenden, originellen Blues-Rock zwischen Retro-Attitüde und moderner Textur konstruiert. Ab diesem Moment scheint sie zur stilsicheren Rock-Röhre im Stile von Bonnie Raitt, Rory Block oder gar Janis Joplin zu werden. Trotzdem hätte man sich bei vielen Songs ein treffsichereres Arrangement gewünscht, eine weniger dominante Stimme der Sängerin, eine bessere Einbettung in den Band-Sound  und viel sattere Bläser (z. B. bei „Warning Fair Warning“). Es gibt also noch viel zu tun …


Danny O’Keefe: Light Leaves The West (Road Canon Music - 2014) ***

 

Ein Erlebnis von der Sorte „Schön, dass wir uns mal wieder gehört haben!” - das ist die neue CD von Danny O’Keefe. Der Singer/Songwriter war mal in den 1970ern ein heißer Tipp, hatte mit „Good Time Charlie’s Got The Blues“ einen Top Ten Hit und freute sich über die Verwendung seiner Songs durch Größen wie Elvis Presley, Willie Nelson, Jimmy Buffett, Bonnie Raitt und vielen mehr. Dann aber wurde es ruhiger für O’Keefe, der sich in den rauen Nordwesten der USA zurückzog und nur noch vereinzelt musikalische Rauchzeichen aussandte. Jetzt hat er wieder 13 Songs veröffentlicht, die ihn als gereiften Komponisten und nach wie vor als sanfte Tenorstimme im Stile von Jesse Winchester präsentieren. Musikalisch pendelt er mit seiner lokalen Studio-Bande zwischen soften Folk-Blues-Balladen und leicht angejazzten Pop-Songs, irgendwo zwischen Michael McDonald, Boz Scaggs und Donald Fagen. In den besten Phasen berührt einen die Musik sehr emotional, in einigen - zum Glück nur wenigen! - Passagen fühlt man sich aber an Lounge- oder Elevator-Music erinnert.  Danny O’Keefe singt mit ehrlicher Überzeugung von vergangenen Beziehungskisten, von der Zerstörung der Natur und vom unanwendbaren Lauf der Zeiten. Das wirkt alles - wie man so schön nichtssagend sagt - gut abgehangen, aber auch nicht besonders aufregend. Die Seriosität des Künstlers ist jedoch in allen Momenten erkennbar, und vielleicht findet sich ja wieder ein großer Name, der einen neuen O’Keefe-Song für sich entdeckt. Heiße Angebote dafür wären „Hardball“, „The End Of The Game“ oder „Soul Provider“.


John Batdorf: Beep Beep (Batmac Music 2015) ****

 

Abseits der großen marktbeherrschenden Musik-Mo­nopole gibt es für die alten Herren aus den glorreichen 1970ern immer noch Möglichkeiten der Musik-Leiden­schaft zu frönen. John Batdorf, mittlerweile ein mehr­facher Großvater im rentenfähigen Alter von 63, will weiter CDs veröffentlichen und hat dies nun wieder einmal mit Hilfe eine Fundraising-Kampagne verwirk­licht. Seine neue Produktion ‚“Beep Beep“ erweist sich als sympathische Retro-Fundkiste mit 11 Eigenkompo­sitionen des einstigen Batdorf & Rodney-Aktivisten. Stimmlich ist John Batdorf immer noch in Bestform und seine Freunde - allen voran Bill Batstone - erzeu­gen im (Home?)-Studio einen kernigen Old School Westcoast-Rock-Sound, der manchmal an die besten Zeiten von Jock Bartley und Firefall erinnert. Der Titel­song ist eine lockere Hommage an die Beatles, „Feels Like Home“ erinnert an die guten alten Zeiten damals in Kalifornien und „What‘s A Guy To Do“ erweist sich als knackiger Mainstream-Rocker. Die CD empfiehlt sich also als perfekte Hintergrund-Beschallung für die nächste Hippie-Party im Seniorenheim. Love & Peace & Keep on Rocking! Beep beep beep beep yeah!


Don Henley: Cass County (Capitol 2015) ****

 

In den knapp bemessenen Pausen zwischen den Tournee-Strecken entwickeln die vier Eagles-Mitglieder den Ehr­geiz Solo-Projekte zu realisieren. Die letzten drei Veröf­fentlichungen waren allerdings eher mau: Timothy B. Schmit präsentierte recht seichte Liedchen („Expando“ 2009), Joe Walsh stöberte wenig originell in seiner Rum­pel-Kammer („Analog Man“ 2012) und Glenn Frey leistete sich einen definitiv überflüssigen Ausflug in die 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts („After Hours“ 2012). Somit durfte man gespannt sein, welchen solistischen Exkurs der Chef Don Henley anbietet. Die Auflösung: "Cass County" ist ein Rück­blick in seine Jugendzeit, die er in Linden, Texas ver­brachte, und ein anspruchsvoller Feldversuch zum Thema Modern Country oder Henley goes Nashville. Angesichts der seichten Massenware, die aus diesem Genre geliefert wird, tut sich der Ober-Eagle nicht allzu schwer, zu beweisen, dass er auch hier mehr Zwischentöne als die dröge Achy-Breaky-Heart-Fraktion produzieren kann. Zusammen mit großen Ge­sangskollegInnen (Dolly Parton, Alison Kraus, Trisha Yearwood, Lucinda Williams, Vince Gill, Merle Hag­gard und Mick Jagger) und zusammen mit seinem Kumpel Stan Lynch als Produzenten und Mit-Autor (der war mal Drummer bei Tom Petty) wurden auf der Deluxe-Version 16 Songs verewigt (die Economy-Ausgabe hat 12), die überwiegend selbst komponiert sind, aber auch fünf ausgefallene Cover-Versionen enthalten. (PS: um die Produkt-Verwirrung perfekt zu machen gibt es auch noch eine Super Deluxe Edition mit 18 Songs, darunter ein Duett mit Stevie Nicks!!)

Don Henley schlendert mit seiner markanten Stimme durch ca. 60 Jahre Country-History von der schmalztriefenden Ballade wie sie in den 1950er Jahren im Radio gespielt wurde („When I Stop Dreaming“) über den kalifornischen Country-Rock der 1970er Jahre a la „Tequila Sunrise“ („Waiting Tables“) bis zum genreübergreifenden Modern Country der Gegenwart („No Thank You“). Und irgend­wie sind dann auch noch zwei Songs hineingerutscht, die den altbekannten Don Henley der letzten Solo-CDs repräsentieren („Take A Picture Of  This“, „Words Can Break Your Heart“). Insgesamt ein gelungenes Kompendium, das aber über eine Tatsache nicht hinwegtäuschen kann: Am besten klingt’s, wenn sich die vier Eagles zusammensetzen und ihre musikalischen (und persönlichen) Reibungen wirken lassen.


Larry Campbell & Teresa Williams: Same (Red House Records - 2015) ****

 

Manchmal muss man wohl 60 Jahre alt werden, bis man bereit ist, sich in die erste Reihe zu stellen. So jedenfalls bei dem amerikanischen Gitarristen Larry Campbell, der sieben Jahre lang in Bob Dylans Tournee-Band spielte und danach die Produktion von Levon Helms (Ex-Band) musikalischem Wirken dirigierte. Nun aber tritt er mit seiner ersten CD und mit seiner Frau Teresa Williams erstmals ins solistische Rampenlicht, präsentiert elf eindringliche Folk-Rock-Songs (davon acht Eigenkompositionen), die stark an der Stimme von Teresa Williams und den vielfältigen Gitarren von Larry Campbell orientiert sind. Im Hintergrund werkelt meist eine dreiköpfige Backing Band, zu der auch Bill Payne (Little Feat) gehört. Auf dem Cover stehen Campbell und Williams ehrfürchtig vor der Kamera, als würden sie an den Traualtar treten und "Yes We Can" sagen. Und sie können es wirklich, folgen konsequent ihrem musikalischem Kompass und klingen an vielen Stellen wie eine Neuauflage von Stevie Nicks und Lindsey Buckingham oder wie eine 50%-Version von Bryndle. Derzeit touren Campbell und Williams als Opening Act für Jackson Browne durch die USA - mal schauen, was sich für die beiden im reifen Alter noch entwickelt.


Idlewheel: 3 (Stone Barn - Dogpile Production 2015) ****

 

Die Zusammenarbeit der beiden Songschreiber, Sänger und Instrumentalisten Craig Bickhardt und Jack Sundrud scheint sich etwas zu intensivieren. War bislang Jack Sundrud mit seiner Rolle bei Poco voll ausgelastet und Bickhardt als Solo-Künstler gut beschäftigt, erkennen nun beide die Synergie-Effekte einer funktionierenden Partnerschaft. Es stellt sich heraus, dass der etwas rauchige hochgestimmte Tenor von Sundrud (damit könnte er sich auch als Don-Henley-Imitator bewerben!) hervorragend mit dem sanften Bariton von Bickhardt (Erinnerungen an Jesse Winchester!) harmoniert. Beide müssen über ihre Fähigkeiten als Komponisten, deutlich abgegrenzt vom Nashville-Mainstream, keinen Beweis mehr abliefern. Mittlerweile sind es eine CD und zwei EPs, die die stilistische Bandbreite des Duos untermauern. 2013 präsentierten sie mit „Old Roots“ anhand von sechs Titeln ihre akustische Seite: zwei Gitarren, zwei Stimmen, sonst fast gar nichts. Bei dem neuen Sixpack „3“ ist nun die elektrifizierter Abteilung zu beobachten. Bis auf die etwas laue Sundrud-Nummer „Constantly“ hören wir exzellente Songperlen in einem leicht countryfizierten Pop-Rock-Arrangement. Besonders hervorstechend sind der lockere und positiv gestimmte Sommer-Song „Drop The Rock“ und die Anti-Gewalt-Hymne „Love Is Where You Are“. Viel zu schnell laufen die sechs Titel mit südkalifornischem Country-Rock-Feeling durch, doch die Repeat-Taste bringt die bald wohlbekannten Töne wieder zurück.


v. l. n. r.: Jeff Young (keyb, acc, voc), Bob Glaub (b), Mauricio Lewak (dr), Greg Leisz (g, lap steel, pedal steel), Jackson Browne (voc, g, p), Alethea Mills (voc), Shane Fontayne (g, voc) ------------------------------------------------Foto: Reitzammer
v. l. n. r.: Jeff Young (keyb, acc, voc), Bob Glaub (b), Mauricio Lewak (dr), Greg Leisz (g, lap steel, pedal steel), Jackson Browne (voc, g, p), Alethea Mills (voc), Shane Fontayne (g, voc) ------------------------------------------------Foto: Reitzammer

Live: Jackson Browne

(München, Tollwood-Sommerfestival,

30.6.2015)  *****

 

Wenn es darum geht, komplizierte Beziehungs-Kisten, politisch korrekten Weltschmerz und aufgeklärte Lebensphilosophie in poetische Worte, eingängige Melodien und griffige Rock-Arrangements zu fassen, dann ist immer noch der Kalifornier Jackson Browne die beste Adresse. Der Singer/Songwriter der ersten Stunde hat sich auch in Europa ein treues und mit ihm gealtertes Fan-Publikum geschaffen, das das Konzert in der Münchner Tollwood-Arena am Schluss zu einer enthusiastischen Feierstunde geraten ließ. Nach einer halben Stunde stellte Browne mit einem leisen Anflug von Ironie fest, dass er ein recht leises Zelt vor sich habe - um dann aber gleich fortzusetzen, dass er auch eher "leise" Lieder spiele. Tatsächlich: die ersten 70 Minuten vor der Pause sind durchwegs Zuhör-Songs für ein sitzendes, lauschendes Publikum und eben keine Bierzelt-Hymnen. Nach dem kurzen Break aber verschärft Jackson Browne - stets gut gelaunt und nie übertrieben missionarisch - seine politischen Botschaften mit dem etwas klischeehaften, aber kräftig rockenden "Which Side" und leitet mit der überraschenden Cover-Version von Warren Zevons "Lawyers, Guns & Money" in ein rauschendes Finale, das ab "Running On Empty" den Saal auf die Füße bringt. Spätestens hier erkennt man die lässige Präzision seiner Band, in der Greg Leisz mit der Lap-Steel-Gitarre den "David Lindley" macht und Routinier Bob Glaub am Bass für das solide Fundament sorgt. Der Sound ist transparent und glasklar, die Stimme von Browne nach wie vor treffsicher. Betrachtet man allerdings die Setlist des Konzerts, so wird deutlich, dass der Übergang ins 21. Jahrhundert für Browne eine künstlerische Krise bedeutete. Von seinen beiden (vor)vorletzten Alben ("The Naked Ride Home" und "Time The Conqueror") spielt er gerade mal einen Song! Umso mehr überzeugen die Kompositionen aus seiner aktuellen CD "Standing In The Breach". Am Ende sind es aber dann die Klassiker wie "Take It Easy" oder "Stay (Just a Little Bit Longer)", die die ca. 3000 Zuhörer aus den Stühlen locken. Der 66jährige Browne läuft jedenfalls noch lange nicht auf Reservetank und ist ohne Zweifel "alive and rockin"!


Venice: Lucky 7 - Part 1 (Lennon Records 2015) ****

 

Vor 24 Jahren trafen sich die vier Mitglieder der südkalifor­nischen Lennon-Familie (Michael, Mark, Kipp und Pat) mit drei Musik-Freunden, um ihr erstes Album (Titel: „Venice“) aufzunehmen. Für ihren stimmgewaltigen Westcoast-Rock gab es viel Lob, Vergleiche mit den Eagles wurden ange­stellt. Doch der einzige, der auf dieses Level aufspringen konnte, war Jahre später Schlagzeuger Scott Crago, heute reguläres Mitglied der Eagles Tourband. Venice dagegen verblieb als wohlwollend akzeptierter Geheimtipp auf der Szene mit einer treuen Fangemeinde in Kalifornien und in Holland(!). Der umtriebige Michael Lennon arrangierte nun ein Revival-Treffen der „Class of 1990“ im Hideaway Hill Studio. Herausgekommen ist dabei zunächst eine Mini-CD mit sieben Titeln und dem mehr versprechenden Untertitel Part 1. Bei den sieben Songs handelt es sich um gefällige Soft-Rock-Perlen, bei denen die Lennons vor dem Hintergrund einer routi­nierten Back-Up-Band (Keyboard, Bass, Schlagzeug) ihre vokale Präsenz erneut unterstreichen können. Anspieltipps sind das selbstironische „Hollywoodland“, das etwas moderner arrangierte „Wave After Wave“ und das Highlight „Hiberrnate“, das auch von einem der größten Venice-Fans stammen könnte - von David Crosby. Insgesamt also eine runde Sache, die durchaus Appetit auf den Part 2 macht, viel­leicht dann auch mit ein paar rockigeren Einfärbungen!


Paul Cotton: 100% Paul Cotton (Black Bayou Music - 2014) ****

 

Nachdem sich Paul Cotton 2010 von der Gruppe Poco verabschiedet hatte, glaubten viele, er werde nur noch seinem Hobby, dem Segeln, frönen. Doch weit gefehlt: die Leidenschaft für die Musik ist geblieben, auch wenn in Key West (Florida) das Wetter einen nicht unbedingt ins Studio einlädt. Dort hat sich Paul Cotton nun mit seinem Kumpel Russ Scavelli zusammengetan und ne­ben spontanen Live-Gigs eine Studio-CD produziert. Der Inhalt ist freilich nicht sonderlich innovativ: es handelt sich um elf wohlbekannte Stücke, die Paul Cotton früher auf diversen Poco-Scheiben untergebracht hatte, nun aber so interpretiert und arrangiert wurden, wie sich das Cotton angeblich im Original vorgestellt hat. An dem herausragenden und autobiographischen Song „Running Horse“ (2002) lässt sich der Stil-Wechsel gut beobachten: Paul Cotton beschränkt sich auf das Wesentliche, auf Gitarre, Bass und Drums, so klingt der Song erdiger, rockiger. Country Rock war das Label, das Poco als Trendsetter berühmt machte, Paul Cotton hat aus diesem Doppelbegriff den ersten Teil im Wesentlichen gestrichen, d.h. Steel Guitar und Fiddle aus seinen Arrangements verbannt. Was bleibt ist melodiöser US-Mainstream-Rock, besonders anhörbar in seinen Klassikern „Midnight Rain“ und „Heart Of The Night“. Typischerweise fehlt mit „Bad Weather“ ein großer Cotton-Hit, der aber eben mehr die Acoustic-Freunde in seinen Bann gezogen hat. Es ist sicher nicht unwahrscheinlich, dass der „Captain“ noch einmal 100 Prozent in der Hinterhand hat, vielleicht dann auch mit ein paar neuen Kom­postionen! Der Faden zu den alten Poco-Freunden ist übrigens nicht gänzlich gerissen: 2015 wird es mindestens ein Poco-Revival-Konzert mit Cotton und Richie Furay geben!


Blackberry Smoke: Holding All The Roses (Rounder Records - 2015) *****

 

Mit gespitzten Ohren und Bleistiften saßen (sitzen) die einschlägigen Musik-Experten an den Lautsprechern und stell(t)en sich vor dem Einlegen der neuen CD die Frage: Können Blackberry Smoke ihren genialen Vor­gänger "Whippoorwill" (2012) noch einmal toppen? Die Antworten lauten flächendeckend (und etwas überraschend): "Ja!" Noch einmal ist den Mannen aus Atlanta das Kunst-Stück gelungen, riff-lastigen Sou­thern Rock mit dezenten Country-Elementen zu ver­edeln, ohne dabei in die Klischee-Falle zu tappen oder die banale Hit-Radio-Maschine anzuwerfen. Die Wahl des Top-Produzenten Brendan O'Brien (AC/DC, Neil Young, Bruce Springsteen) hat solche Auswüchse be­fürchten lassen, das Hör-Ergebnis spricht aber eine andere Sprache. Schon mit dem Auftakt "Let Me Help You (Find The Door)" haben Charlie Starr & Co. fast alles gewonnen und die Fan-Gemeinde auf das Folgende bestens eingestellt. Dabei wird es nie langweilig, denn z. B. "Woman In The Moon" ist ein leicht gebremster und harmonisch höchst origineller Slow-Rocker. Die akustisch geprägte Country-Nummer "Too High" wird mit einem Wah-Wah-Gitarren-Solo erfrischend verfremdet. Und rechtzeitig vor dem Schluss drücken die Blackberries wieder aufs Gaspedal: "Payback's A Bitch" leitet den rau­schenden Endspurt ein. So bleibt nur ein einziger Fehlgriff zu beklagen: den Old-Time-Rock&Roll-Song "Rock And Roll Again" hätte man besser dem Seniorenclub namens Status Quo überlassen sollen! An­sonsten aber: höchster Respekt für eine erneute CD mit definitivem Suchtpotenzial!


Richie Furay: Hand In Hand (Entertainment One - 2015) ****

 

Wir müssen uns Richie Furay als einen glücklichen Menschen vorstellen: er ist seit 48 Jahren mit dersel­ben Frau (Nancy) verheiratet, hat vier Töchter und 12 Enkel, fühlt sich sicher und aufgehoben in seiner christlichen Gemeinschaft und ist sogar notorisch optimistisch, was die Zukunft der USA als politisches System angeht. Das ist im Wesentlichen die Botschaft, die von seiner zweiten „weltlichen“ Studio-Solo-CD „Hand In Hand“ ausgeht. Der Titelsong ist eine gereifte Liebeserklärung an die Ehefrau, andere Lovesongs wurden aus Anlass der Hochzeit von Tochter Jesse komponiert, der Song „Dont Tread On Me“ ist ein letztlich konservativer Aufruf an den traditionellen Zusammenhalt aller Amerikaner und ihrer Werte („land oft he brave“). Dazu kommt noch ein leicht verklärter Rückblick auf die musikalische Ver­gangenheit mit Poco, die ja ab 1968 als Pioniere des Country Rock auftraten: „We Were The Dreamers“!

Vermutlich wäre diese CD aber gar nicht zustande gekommen, wenn 2010 das Projekt einer Reunion von Buffalo Springfield funktioniert hätte, doch der schnöde Absprung von Neil Young ließ eine längere Tour und ein mögliches Album platzen. So musste Richie Furay selbst als Produzent und Labelsucher agieren, erst 2015 war dann die Veröffentlichung perfekt. Ähnlich wie bei dem - allerdings ambitionierteren - Vorgänger „Heartbeat Of Love“ (2006) verpackt Furay seine Songs in ein angenehmes Country-Rock-Arrangement, das heutzutage natürlich fast ein bisschen nostalgisch erscheint. Stimmlich ist er aber nach wie vor über jeden Zweifel erhaben und schafft es auch, kompetente Mitmusiker zu finden (z. B. Michael Rhodes, Dan Dugmore oder Sam Bush). Wer sich also mit dem Westcoast-Country-Sound der 70er Jahre ein wenig über gegenwärtige Probleme erheben will, ist mit dieser CD bestens bedient.


Kevin Gordon: Down To The Well (Shanachie - 2000) ****

 

Manche halten ihn für einen ewigen Geheimtipp, für „Americas best kept secret” - davon kann er sich natürlich nichts kaufen. Dennoch lässt Kevin Gordon nicht locker, der mal in Iowa Poetik studiert hat, dann aber ab 1990 lieber Musik machen wollte und in East Nashville eine zentrale Basis fand. Das kompetente deutsche Taxim-Label hat damals versucht, seine frühe LP „Carnival Time“ in Deutschland bekannt zu machen, leider nur mit bescheidenem Erfolg. Mittlerweile ist mit „Gloryland“ sein neuestes Album er­schienen, doch hier soll die Rede von seinem „Klassiker“ aus dem Jahr 2000 sein. Es war die Zeit der intensiven Zu­sammenarbeit mit Bo Ramsey, der seinerseits wieder Pro­duzent für Lucinda Williams war. Somit fiel es nicht schwer, Lucinda für ein Duett bei dem Titelsong zu gewinnen: „Aint goin down to the well no more / Believe I had my fill /Worked that ground til I done got sore / Aint goin back down to the well”. Der Song ist zusammen mit dem kanadischen Blues-Folkie Colin Linden entstanden, hat inzwischen Kult-Statut, und wurde schon mehrfach gecovert. Ansonsten bieten die 12 Songs sprachlich originelle Stories, die das eigene Leben oder die Geschichten von Außenseitern thematisieren. Die Musik ist songorientierter Americana-Roots-Rock - etwa in einer Kategorie wie John Hiatt, David Olney, Stephen Bruton oder Kevin Welch. Zentrales Element aller Songs ist die subtile, verletzlich klingende Stimme von Kevin Gordon und die Gitarre seines Mitstreiters Joe McMahan. Vielleicht findet Kevin Gordon doch noch die Aner­kennung, die er eigentlich verdient hat, jedenfalls wünschen wir ihm nicht die Textzeile aus seinem Song „Pueblo Dog“: „Aint got a Dollar, aint got no plan / Pueblo dog sleeps in the sand“.


Shovels And Rope: O‘ Be Joyful (Dualtone/Shrimp Records 2012) ****

 

Wer die Vorgeschichte dieses Duos authentisch nachver­folgen will, muss sich nur den Song “Birmingham” anhö­ren. Dort erklären Cary Ann Hearst und Michael Trent, wie sie nach unterschiedlichen Solo-Pfaden bei einem Konzert in Birmingham endgültig (?) zusammengefunden haben mit „two old guitars like a shovel and a rope“. Das erste gemeinsame Album trug den Titel „Shovels & Rope“ (2008) und war sozusagen der Aperitif zur Hochzeit im folgenden Jahr. Mit der vorliegenden CD gelang dann der deutliche Karrieresprung und die Ehrung  als „emerging artist oft the year 2013“ im Sektor Americana.

Was macht nun das Besondere aus? S & R sind eine stimmige Kombination aus Power-Country und In­die-Rock, sie mixen ein einsames Banjo mit verzerrter Bass-Gitarre, sie lieben Rockabilly-Drums und - wenn’s denn sein muss - auch mal einen schrägen Bläser-Satz. In manchen Songs klingen sie wie eine Transplantation der Everly Brothers ins 21. Jahrhundert, in anderen wie die kauzigen Wiedergänger von Alison Krauss und Robert Plant. Bis auf einen Ausrutscher („This Means War“) enthält die CD zehn wei­tere höchst originelle Songs, aller vom Duo selbst komponiert, weitgehend selbst instrumentiert und auf recht einfache Weise aufgenommen („At Our House studios, our van, back yard and various hotel rooms across America“). Genau das macht den Charme dieser Musik aus, die sich nicht vom großen Nashville vereinnahmen lässt und immer eine Überraschung parat hat. Mittlerweile ist die dritte CD erschienen: „Swimmin‘ Time“ - davon später mehr.


The Lone Bellow: The Lone Bellow (Descendant Records - 2013) **

 

Die Geschichte beginnt mit einer beinahe tragischen Situation: nach einem Reitunfall droht der Frau von Zach Williams eine Querschnittlähmung. Tage verbringt Zach im Krankenhaus und schreibt in dieser Zeit ein Bündel von Songs. Danach gerät alles zum Besseren: die Gattin gesundet und Zach Williams findet in Brian Elmquist und Kanene Pipkin zwei Mitstreiter, die seine Lieder umsetzen wollen. Unter dem Namen The Lone Bellow absolvieren sie bemerkenswerte Auftritte im Raum New York und mit ihrer Debüt-CD (produziert von Charlie Leacock) gewinnen sie zahlreiche Lobeshymnen. Sie scheinen in dem Feld des New Folk (oder wie immer man das nennen möchte) hinter Mumford & Sons, Civil Wars, Fleet Foxes und The Lumineers der nächste heiße Act zu sein.

Doch diese Musik muss man mögen - oder eben nicht. Die Kritiker führen die Hörer mit Attributen wie „Brooklyn Country“ oder „Dreiklang a la CSNY“ eindeutig auf die falsche Fährte. In den elf Songs von The Lone Bellow sind zwar vereinzelt Elemente des Country-Folk-Instrumentariums zu hören, insgesamt aber neigt alles zum großorchestralen, tendenziell überladenen Arrangement. Die Lakonik des Rock ist verloren und die zugegeben perfekten Dreiklang-Harmonien ersticken in einem Overkill an vokalen Emotionen - fast wie ein mit Ritalin vollgepumpter Gospelchor. Das Ganze ist also eher eine problematische Melange aus Bieder-Country von Lady Antebellum (freilich mit großstädtischer Intellektualität veredelt), Vokal-Pop wie die späten Fleetwood Mac und - leider! - Bombast-Sound von U 2. Da erinnert man sich wehmütig an eine Band wie Bryndle, die diesen Folk Rock ohne lästige Schnörkel, nur mit stimmigen Songs auf den Weg brachte.


John Fullbright: Songs (Blue Dirt Records - 2014) ***

 

Mit seiner Debut-CD “From The Ground Up” (2012) hat John Fullbright (26), ein Singer/Songwriter aus einem Kaff namens Bearden in Oklahoma, einen Überraschungserfolg gefeiert: Grammy-Nominierung, Besuch in der Letterman-Show, aner­kennende Worte von Großen der Branche, besonders aus der Country-Metropole Nashville. Umso grö­ßer war nun die Spannung auf das Folgeprodukt, das mit einem unspektakulären Schwarz-Weiß-Cover und dem bescheidenen Titel („Songs“) daherkommt. 12 selbst komponierte Songs hat Fullbright dafür ausgewählt, und aus der eher rauen gitarren-orientierten Roots-Machart von vor zwei Jahren ist nun eine ambitionierte, fast schon kammermusikalische Neo-Folk-Art des Arrangement geworden. Fullbright sieht sich offensichtlich wieder mehr als Mann am Piano, der sich am liebsten ganz allein begleitet. Dier Lieder verbreiten eine überwiegend positive Stimmung („Tell me what‘s so bad about happy“), zu der seine leicht angestrengte Stimme nicht immer passt. Insgesamt hätte man sich doch öfter eine groovige Band im Hintergrund gewünscht, die zwischen den getragenen Balladen etwas Feuer gibt. Die hochtra­benden Vergleiche in einigen Kritiken mit Neil Young oder gar Joni Mitchell erscheinen so gesehen noch reichlich verfrüht!


Blue Sky Riders: Finally Home (3 Dream Records  - 2013) **

 

Auf den ersten Blick ein viel versprechendes Trio: Kenny „Footloose“ Loggins mit dem erfahrenen Nashville-Songwriter Gary Burr und dessen stimmgewaltiger Neu-Ehefrau Georgia Middletown. Diese drei haben sich im prägnanten Harmoniegesang und im ambitionierten Songwriting gefunden und unter der Produktion von Legende Peter Asher eine Debüt-CD mit 15 Titeln an den Start gebracht. Der Song Nr. 1 - "I'm A Rider (Finally Home)" - lässt zunächst aufhorchen, doch nach den restlichen 40 Minuten muss festgestellt werden, dass insgesamt nur eine weitere Mainstream-Country-Pop-Sammlung herausgekommen ist, die in ihren süßlichsten Momen­ten bestenfalls fürs nachmittägliche Hausfrauen-Radio taugt und in ihrer Textgestaltung die sattsam bekannten Klischees bedient. Während bei den beiden Herren stimmlich noch der eine oder andere Charakterzug erkennbar wird, ist Frontfrau Georgia nur ein überzogenes Hybrid-Produkt aus den be­kannten Hitparaden-Drosseln. Man erkennt die zutiefst kommerzielle Ausrichtung des Projekts und ist leidlich verstimmt, weil es diese erfahrenen MusikerInnen gar nicht nötig hätten, einen so verlogen ge­stylten Optimismus zu verbreiten wie in dem Song „Just Say Yes“ („All the worries in the world don‘t mean anything / Just keep sayin‘ Yes!“). Dass an dieser CD auch gestandene Instrumentalisten wie Dan Dugmore, Joe Walsh und Richard Marx mitgewirkt haben, macht das End-Ergebnis nicht unbedingt er­freulicher.


Kinky liest ...
Kinky liest ...
Kinky singt ...
Kinky singt ...

Live: Kinky Friedman in der Kofferfabrik (Fürth) am 24.2.2015 ****

 

Kinky Friedman war in den 1970ern auf dem Weg zum Country-Rock-Star, als bisher einziger Jude durfte er mit seiner Band, den Texas Jewboys, in der legendären Grand Ole Opry von Nashville auftreten, er wagte es, über den Holocaust einen Country-Song zu schreiben („Ride ‘Em Jewboy“) und konnte für sein Album „Lasso From El Paso“ Größen wie Eric Clapton, Ron Wood, Ringo Starr oder Levon Helm als Studiomusiker gewinnen. Heutzutage ist er für viele eher als Autor und Hauptperson kauziger New-York-Krimis bekannt. Bei seiner Europa-Solo-Tournee machte der 70jährige mit Gitarre, Stetson, gut gefülltem Whiskyglas und Zigarre auch in der Fürther Kofferfabrik Station und stellte sich dem Cooltouristen zum Interview.

 

Mr. Friedman, wie gefallen Ihnen die Konzerte in Deutschland?

Die Deutschen sind mein zweitliebstes Publikum, das liebste sind alle anderen Nationen! Spaß beiseite - ich treffe auf gute Resonanz und sehr aufmerksame Zuhörer, manchmal dauert es etwas länger, bis ein Gag zündet, weil jemand, der gut Englisch spricht, die Pointe erst seinen Nachbarn erklären muss.

 

Was kriegen Sie tagsüber von ihrer Reise mit?

In Österreich habe ich an einem Tag das Geburtshaus von Mozart, das Geburtshaus von Hitler und das Geburtshaus von Arnold Schwarzenegger besucht - eine wahre Geschichte der menschlichen Evolution. Und in Wien wollten sie mich aus dem Sigmund-Freud-Museum schmeißen, weil ich eine Zigarre rauchte. Ob das dem großen Psychoanalytiker gefallen hätte?

 

Sie beziehen sich musikalisch immer wieder auf große „alte“ Namen wie Willie Nelson, Merle Haggard oder Bob Dylan. Was halten Sie von der jungen Country-Szene in den USA?

Wenig! Die jungen Leute wollen nur noch ein „American Idol“ (eine Casting-Show wie DSDS oder „Voice Of Germany“) werden. Sie können zwar besser singen als ich, sind aber nicht in der Lage einen interessanten Abend für ein Publikum zu gestalten.

 

2006 haben sie für den Posten des Gouverneurs von Texas kandidiert und immerhin 13 % der Stimmen erhalten. Was sind ihre politischen Aktivitäten heute?

Ich habe mich weitgehend aus diesem Feld zurückgezogen, weil ich festgestellt habe, dass man nicht auf zu vielen Hochzeiten tanzen sollte. Der Zustand der heutigen Politik macht mich eher depressiv, von Barack Obama bin ich - wie viele - sehr enttäuscht. Es fehlen uns Politiker, die eine Idee wirklich verkörpern so wie Nelson Mandela, John F. Kennedy, Winston Churchill oder Abraham Lincoln. Meine kleine politische Aktivität ist die Leitung der Tierschutzorganisation „Utopia Ranch: Animal Rescue“, die sich vor allem um streunende Hunde kümmert.

 

Wie sind Sie vom Songschreiber zum Buchschreiber geworden?

Meine Songs waren schon immer kleine Geschichten, bei denen skurrile Personen im Mittelpunkt standen, etwa der rassistische Redneck, der an einem Tresen über Nigger, Juden und Kommunisten herzieht („They Ain‘t Makin‘ Jews Like Jesus Anymore“). Da ist es dann nur noch ein kleiner Weg zu einem richtigen Roman.

 

Was sind Ihre Pläne für das Jahr 2015?

In Kürze wird ein neuer Krimi herauskommen, er trägt den Titel „The Hard-Boiled Computer“ und ist über 400 Seiten lang geworden. Außerdem möchte ich eine CD mit neuen Songs fertigstellen, sie soll ganz lakonisch „Soundcheck“ heißen.


Richard Page: Goin’ South (Little Dume - 2015) ***

 

Wenn sich zwischen den Tournee-Verpflichtungen mit der hochkarätig besetzten Ringo Starr All Starr Band (Steve Lukather, Todd Rundgren, Gregg Rollie!!!) ein Zeitfenster auftut, macht sich Richard „Mr. Mister“ Page im Studio auf die Suche nach dem perfekten Song mit der griffigen Hookline - wie dereinst in den Radio-Dauerbrennern „Ky­rie“ und „Broken Wings“ erfolgreich gefunden. Auf „Goin‘ South“ stellt er zehn neue Eigen-Kompositionen ins Schaufens­ter, die das breite Feld von Mainstream-Rock, Ballade und sogar Country-Pop abstecken. Diesen Ausflug erklärt Richard Page recht schlüssig damit, dass die heutige Country Music im Grunde durchkonstruierte Pop-Rock-Songs mit etwas traditioneller Instrumentierung sind. So ist auch die starke Präsenz der Pedal Steel Guitar (Doug Livingston) auf „Goin‘ South“ zu verstehen. Drei Titel fallen allerdings nach mehr­maligem Abhören schnell durchs Raster („Diamonds“, „Me And My Guitar“, „Another Day Gone By“), der Rest hat durchaus Hit-Potential - wahrscheinlich aber kaum unter dem Label Richard Page, obwohl er nach wie vor bestens bei Stimme ist. Wenn aber ein Country-Superstar (wie z. B. Alan Jackson) den Song „Don’t Know Why I Miss You“ hören (und covern) sollte, könnte daraus ein echter Chartbreaker werden - und „Heaven Is Right  Now“ wäre gleich der Nachfolger. „Everybody’s Hometown“ hat schließlich mit seinem lockeren Reggae-Feeling und mit seiner positiven Botschaft das Zeug für einen z(uk)ünftigen Sommerhit. Der Rest wird die nach wie vor zahlreichen Richard-Page-Freunde zufrieden stellen, die die CD auf seiner Homepage ordern können. Ansonsten heißt es aber für Mr. Page zunächst mal „It Don’t Come Easy“  und „With A Little Help From My Friends“!


Justin Townes Earle: Absent Fathers  (Loose Music / Rough Trade B00OQY81MA - 2015) ****

 

Mit seinen 32 Jahren kann Justin Townes Earle schon eine Menge an (oft schmerzlichen Erfahrungen) einbringen, er ist nicht mehr nur der Sohn von Steve Earle und der Epi­gone seines Namenspaten Townes Van Zandt. Kämpfe mit einigen Nashville-Labels und mit dem Alkohol haben ihre Spuren hinterlassen, doch nun präsentiert sich der frisch verheiratete JTE als geläuterter und reifer Künstler, der seine Emotionen in fesselnder Musik verarbeitet. 20 Songs hat er in einer Studio-Phase 2014 aufgenommen und sich schließlich dazu entschlossen, diese auf zwei getrennten CDs herauszugeben. Somit ist auf Single Mothers nun in kurzem Abstand Absent Fathers gefolgt, eine Kombination der beiden CDs ist mittlerweile  auf Vinyl erhältlich. Die Musik von JTE pendelt zwi­schen traditionsbewussten Country im Stile von Hank Williams oder Tom T. Hall und modernem Alt-Country. Das Tempo der CD ist überwiegend zurückgenommen, die Arrangement sind sehr sparsam und durchsichtig, besonders bei den Blues-artigen Titeln, wo Earles leicht angeraute Stimme nur von der Gitarre und einer klagenden Steel Guitar (Paul Niehaus) begleitet wird (z. B. „Least I Got The Blues“ oder „Day And Night“). Wenn Schlagzeug, E-Gitarre und Bass dazukommen, wird das Ganze etwas rockiger und damit auch abwechslungsreicher (z. B. „Call Ya Momma“ oder „Someone Will Pay“). Gemeinsam ist allen Songs der nüchterne Blick auf Beziehungsprobleme und Identitäts-Schwierigkeiten (z. B. „When The One You Love Loses Faith In You“). Nie beugt sich JTE dem Nashville-Mainstream, er bleibt - wie sein Vater - ein Outlaw, der seinen eigenen Weg im Musik-Business durchsetzen will.


v.l.: Willi Förtsch, Helmer Körber, Klaus Braun-Hessing, Klaus Brandl, Jim Durham, eine Bierflasche, Curley Kauper
v.l.: Willi Förtsch, Helmer Körber, Klaus Braun-Hessing, Klaus Brandl, Jim Durham, eine Bierflasche, Curley Kauper

Live: Klaus Brandl Band (Zeltnerschloss, Nürnberg - 24.1.2015) ****

 

Auch im proppenvollen Saal des Nürnberger Zeltnerschlosses stellte Klaus Brandl wieder einmal unter Beweis, dass er ein außergewöhnlich origineller Bluesmusiker und vielleicht die fränkische Antwort auf Tom Waits ist. Brandl beackert mit seinen Eigenkompositionen auf virtuose Art das Feld, für das auch Namen wie J.J. Cale, Ry Cooder oder Calexiko stehen. Sein gefühlvolles Spiel auf der verstärkten Akustik-Gitarre und die unverwechselbare „Stimme“ machen die Songs zu besonderen Erlebnissen - drei Stunden vergehen wie im Flug. Nach Nürnberg hatte er diesmal auch den legendären Alt-Hippie Curley Kauper mitgebracht, der kräftig in die Mouthharp biss und bei drei traditionellen Blues-Nummern als Sänger einsprang. Gewohnt routiniert und differenziert trug die Klaus Brandl Band - Jim Durham (sax), Willi Förtsch (keyb), Helmer Körber (b), Klaus Braun-Hessing (dr) - ihren glatzköpfigen Leader durch die solistisch ausgedehnten Songs. Insgesamt ein stimmungsvoller Abend, der Lust auf mehr macht - z. B. auf Brandls aktuelle CD „November Is My Spring“.


The New Basement Tapes: Lost On The River (Capitol - Universal Music B00MRKX8LE - 2014) ***

 

Wenn man sich die Liste der Produktionen betrach­tet, die Joseph Henry (T-Bone) Burnett in den letz­ten Jahren verantwortet und künstlerisch geformt hat, kann man nur den Hut ziehen. Elton, John, Diane Krall, Elvis Costello, Willie Nelson, Robert Plant und Emmylou Harris (um nur einige zu nennen) verdanken diesem Sound-Genie unvergessliche musikalische Momente. Insofern sollte man eigent­lich höchst zuversichtlich Burnetts neues, höchst ambitioniertes Projekt anhören. Ihm wurden von Bob Dylans Management etwa 20 bisher unveröf­fentlichte Dylan-Lyrics aus dem Jahr 1967 zuge­spielt mit dem Angebot, einfach irgendetwas da­raus zu machen. Und Burnett ließ sich nicht lum­pen: er lud seinerseits die Creme des intellektuellen Neo-Folks (Elvis Costello, Rhiannon Giddens, Taylor Goldsmith, Jim James, Marcus Mumford) ein, die vergessenen Zeilen ganz individuell zu vertonen. Her­ausgekommen sind schließlich knapp 50 Versionen, die nun fast zur Hälfte auf der Deluxe Version unter dem Titel „Lost On The River“ erhältlich sind. Dazu ersannen sich die Komponisten einen beziehungsrei­chen Gruppennamen und nannten sich The New Basement Tapes, weil ja Dylan nach seinem schweren Motorradunfall in diesem Jahr mit The Band in dem legendären Big Pink Haus die ebenso legendären Basement Tapes aufnahm. Doch das Ergebnis dieser prominenten Hochglanz-Produktion 37 Jahre später ist weitgehend enttäuschend. Den bemühten Zeugnissen von Kunstfertigkeit und übertriebener Ernst­haftigkeit fehlt genau jener rurale und rumpelige Charakter der originalen Basement Tapes - es er­scheint wie der Unterschied zwischen einem stylischen New Yorker Penthouse und einer windschiefen Bretterhütte irgendwo im Staate New York. Außerdem können die einzelnen Komponisten trotz der soundtechnischen Klammer Burnett nie zu einem stimmi­gen Band-Gebilde (vgl. „The Band“!) werden. Weiterhin drängt sich der Verdacht auf, dass Dylan schon einen Grund hatte, diese Texte nicht unbe­dingt zu veröffentlichen, viele muten wie Demos eines Lyrik-Novizen an, der sich mit verschiedenen Spielarten der enttäuschten Liebe herumschlägt („I Got Lost On The River / But I Got Found“). Für die Yellow Press wurde noch vermeldet, dass auf einem Track („Kansas City“) Johnny Depp die Gitarre spielt, weil Elvis Costello wegen anderer Verpflichtungen keine Zeit hatte. Na, dann … Und nebenbei: fast gleichzeitig hat Bob Dylan The Basement Tapes Complete: The Bootleg Series Volume 11 als Sechser-CD-Box mit 138 Titeln veröffentlicht. Für manchen wohl die sinnvollere Kaufentscheidung!?


Hard Working Americans: Hard Working Americans (Melvin Records 22347 - 2014) ***

 

Der kauzige und originelle Singer/Songwriter Todd Snider hat einmal den Wunsch geäußert, mit einer richtigen Band zusammenzuspielen. Diesen Wunsch hat er sich nun er­füllt: er hat eine durchaus namhafte Gruppe gefunden (z.B. Neal Casal an der Gitarre, Dave Schools am Bass, Duane Trucks am Schlagzeug) und ist mit ihr ins Studio gegangen um ein interessantes Projekt auszuprobieren, das sich auch im Namen der Band widerspiegelt. Snider hat elf Songs von anderen Komponisten ausgesucht, die sich alle irgendwie mit dem Leben der amerikanischen working class auseinandersetzen. Die Palette reicht von Randy Newman über Kevin Gordon und Kieran Kane zu Frankie Miller, es sind echte Songperlen darunter, die schon wieder in Vergessenheit geraten waren. Die musi­kalische Umsetzung ist allerdings recht unausgewogen (man könnte auch positiv sagen: abwechslungs­reich): Die Hard Working Americans intonieren sanfte Country-Balladen, versuchen sich an Jam-Ansät­zen fast wie einstmals Grateful Dead oder knallen ein deftiges Southern-Rock-Brett ins Mischpult. Zu­sammengehalten wird das alles von Todd Sniders leicht brüchiger, immer etwas (zu) angestrengt klin­gender Stimme, die gerade bei den ruhigeren Nummern an Authentizität verliert. Ob aus diesem ambi­tionierten Americana-Projekt etwas Langfristiges wird, bleibt abzuwarten.


Eric Clapton & Friends: The Breeze. An Appreciation Of J. J. Cale (Surfdog 3786308 - 2014) ***


Wie ein leises Lüftchen („They Call Me The Breeze“) hat J.J. Cale seinen Weg durch ca. 40 Jahre Musik-Geschichte gemacht, hat den typischen Tulsa-Sound geprägt, das Attribut „laid back“ (oder auf Deutsch: Schaukelstuhl-Rock) zum Markenzeichen erhoben und einer Vielzahl von Gitarristen bei der Suche nach dem ökonomischsten Solo (lieber eine Note zu wenig als zu viel!) geholfen. Beson­ders im Verhältnis zu Eric Clapton hat sich eine ausgespro­chene Win-Win-Situation ergeben: während Clapton im­mer wieder betonte, wie viel er von Cale noch gelernt hat, hat er ihm umgekehrt mit der Aufnahme der beiden Titel „After Midnight“ und „Cocaine“ ein sorgenfreies - weil Tantiemen-reiches - Leben beschert. So ist nur logisch, dass Eric Clapton nach Cales Tod (am 26. Juli 2013) noch ein Tribute-Album organisiert und dazu namhafte Mitstreiter gefunden hat. Neben dem Zeremonienmeister Clapton finden wir bei den 16 Songs substantielle Beiträge von Mark Knopfler, Tom Petty, John Mayer, Willie Nelson und den langjährigen Lebensgefährten Christine Lakeland und Don White. Alle sind ausgewiesene J.J.-Adepten und wollen auf dieser CD dem Schweiger von Tulsa eine eh­renvolle Erinnerung sichern. Es gibt also keine musikalischen Überraschungen - auch nicht wirklich bei der Songauswahl (nur die beiden großen „Hits“ bleiben ausgespart), eine „echte“ Cale-CD hätte vermut­lich genauso geklungen. Selten hat eine Cover-Band so illustre Mitglieder gehabt! Gerne hätte man al­lerdings ein umfangreicheres Booklet mit viel mehr Informationen zur Produktion und zu der Rolle des Herrn J. J. gelesen.


Tom Petty & The Heartbreakers: Hypnotic Eye (Reprise 9362-49373-0 - 2014) ****1/2

 

Für sein neues Album hatte Tom Petty ein ersichtlich kla­res musikalisches Konzept: es soll rocken! Das heißt: eine Vielzahl verzerrter und Wah-Wah-manipulierter Gitarren, dazu eine druckvolle Bass-Drums-Abteilung (Steve Ferrone und Ron Blair), darüber die gewohnte, hintergründig ein­schmeichelnde, leicht nasale Stimme. Da Petty ein äußerst origineller Kompositeur und Arrangeur ist, geht dieses Konzept voll auf. Selten hat man den klassischen amerika­nischen Heartland-Mainstream-Rock so eindrucksvoll ge­hört wie bei diesen elf Titeln; es klingt, als habe Petty die besten musikalischen Ideen von Joe Walsh, Don Henley oder Lenny Kravitz in sein unverwechselbares Setting von Classic Rock übersetzt. Gleichzeitig wäre es fast auch ein inhaltliches Projekt-Album geworden, denn Petty ist ein aufmerksamer Beobachter einiger bedenklicher Entwicklungen in den USA, ohne freilich jenen - leicht naiven - patriotischen Grund-Optimismus über Bord zu werfen. Am Spannungsverhältnis zwischen dem ersten und dem letzten Song lässt sich dies gut beobachten. Die CD schließt mit dem düsteren „Shadow People“ - doch ganz am Ende singt Petty zum akustischen Nachklampf: „Waiting for the sun to be straight overhead / 'til we ain't got no shadow at all.“ Und der Auftakt-Song erkennt zwar, dass der ameri­kanische Traum in Scherben liegt, dass aber die Zeit für einen „American Dream Plan B“ noch nicht zu spät ist: „I got a dream I'm gonna fight til I get it“. Dazwischen finden sich in einzelnen Songs apokalypti­sche Szenarien („Burnt Out Town“ und „All You Can Carry“), Lebenssinn-Zweifel („Forgotten Man“) und ehrliche Selbstkritik („Sins of my Youth“). Doch die schlüssige Projekt-Klammer wird nicht ganz geschlos­sen, was auch an dem äußerst merkwürdigen Cover und dem assoziativ völlig unpassenden Titel „Hypnotic Eye“ liegt. Dennoch gibt es keinen Zweifel, dass wir hier einen Tom Petty im Höhepunkt sei­ner Schaffenskraft erleben; jeder, dem die Ohren vom Dudel-Radio weichgespült wurden, sollte hier zuhören und am besten mit „Power Drunk“ in gehöriger Lautstärke starten!


Bob Seger: Ride Out (Capitol Records B00214302 - 2014) ***

 

Rechtzeitig vor seinem 70. Geburtstag hat es Bob Seger doch noch geschafft, eine richtig neue CD zu veröffentlichen. Acht Jahre sind seit „Face The Promise“ vergangen, und man merkt daran, dass auch für einen solch renommierten Musiker eine CD-Produktion eher ein finanzielles Risiko darstellt. In einem Interview soll der Detroit-Rocker auch ange­kündigt haben, dass dies sein letzter Studio-Streich gewesen sei. Hier aber ist er noch einmal unüber­hörbar, im Kern unverändert, in der Stimme leicht gemäßigt, im Tempo etwas ruhiger und in der Rock-Country-Verteilung etwas mehr zu letzterem neigend (die CD wurde in Nashville von David Cole aufge­nommen!). Bob Seger erfindet das Rock-Rad natürlich nicht neu sondern bleibt als Mainstream-Rock-Schuster bei seinen Leisten, startet mit einem Power-Werbesong für die darbende Detroit-Autoindustrie („Detroit Made“ von John Hiatt), schiebt gleich noch eine knackige Texas-Blues-Nummer hinterher („Hey Gypsy“) und überrascht dann mit kritischen Tönen und dem Steve-Earle-Song „The Devil‘s Right Hand“. Dann nimmt er den Fuß etwas vom Gaspedal und steuert auf die Ballade „You Take Me In“ zu. Zwei wei­tere Fremdkompositionen bieten interessante Facetten: das bluegrassige „Adam And Eve“ von dem australischen Duo Chambers/Nicholson und das fast schon schlagerhafte „California Stars“ - ein Woody Guthrie-Text, der von Jeff Tweedy (Wilco) musikalisch aufgerüstet wurde. Die profilierten Nashville-Studiomusi­ker (es gibt wohl keine Silver Bullet Band mehr!?) tun einen routinierten Job, auf der Deluxe-Version mit insgesamt 13 Songs steuert Vince Gill noch einen Gastgesang bei. So erleben wir einen Alt-Rocker, der mit sich im Reinen ist und wohl nur mal ein angenehmes Lebenszeichen geben will. Bob Seger, ride on!


Doug Paisley: Strong Feelings (No Quarter NOQ 036 2 - 2014) ****

 

Nachdem Doug Paisley mit seiner zweiten CD “Constant Companion” den Status des Geheimtipps ver­lassen und von der Zeitschrift Rolling Stone das Prädikat „fast perfektes Singer-Songwriter-Album” be­kommen hat, geht er nun mit Strong Feeling noch einen entscheidenden Schritt weiter. Es handelt sich um eine ausgefeilte Studio-Produktion mit voller Bandbesetzung, die ihn mit Sicherheit in die Liga der stilübergreifenden Neo-Folkies wie Amos Lee oder John Mayer katapultieren sollte. Dabei verlieren die zehn (natürlich) selbstkomponierten Songs nie die Intimität der vorherigen Angebote und die Traditio­nen, mit denen Paisley offenbar seine musikalische Sozialisation gestaltet hat (z. B. Bluegrass a la Stanley Brothers).  Paisley ist bei der (analogen!) Studio-Arbeit seiner Heimatstadt Toronto treu geblieben, er findet in dem alten Band-Haudegen Garth Hudson einen stilsicheren Begleiter an den Keyboards. Wer den klassischen Doug Paisley hören will, sollte mit dem letzten Song beginnen („Because I Love You“) - eine kurze Gitarren-Ballade mit Mary Margaret O‘Hara als Vokal-Partnerin. Wer aber den aktuellen Doug Paisley kennenlernen will, sollte „What‘s Up Is Down“  wählen, eine leicht angejazzten Mid-Tempo-Nummer mit ausgreifender Saxophon-Einlage.  Und wer es noch etwas moderner und rockiger haben will, sei auf das dylaneske „To & Fro“ verwiesen, wo Emmett Kelly von der Cairo Gang knackige Licks einstreut. Bei den übrigens Songs gibt es keine Leerstellen, der Opener „Radio Girl“ könnte sogar ein gewisses Hit-Potential mitbringen. Es macht jedenfalls ungeheuren Spaß, sich die Feelings dieses jungen Kanadiers - der würdig in die Fußstapfen seines Landsmanns Neil Young tritt - immer wieder na­hekommen zu lassen.


Kane, Welch, Kaplin: Kane, Welch, Kaplin (Dead Reckoning Records 7 4464 2 - 2007) ****

 

1 + 1 + 1 = 3; das ist eine mathematisch völlig korrekte Glei­chung, ob sie musikalisch auch immer funktioniert, sei dahinge­stellt. Im vorliegenden Fall handelt es sich um die Addition von zwei erfahrenen Singer/Songwritern (Kieran Kane und Kevin Welch) mit dem Multinstrumentalisten Fats Kaplin (Gitarre, Sitar, Steel Gitarre, Fiddle, Akkordeon, Theremin). Die mittler­weile dritte CD des Trios beweist einerseits, dass es sich nicht um ein kurzfristiges Projekt handelt (wie etwa bei den Thorns oder bei Little Village), zum anderen, dass die Chemie im Trio stimmt und das musikalische Endprodukt ausgesprochen anhörbar erscheint. Von Kieran Kane stammen - neben dem gesamten Artwork - gereifte Song-Statements („Aint Gonna Do It“, „That‘s What I‘ve Got“), von Kevin Welch präzise Short Stories und Charakteristiken („Last Lost Highway“, „12 Chimes“). Die fesselnde Atmosphäre wird durch eine außerordentliche Reduk­tion des Musizierens er­zeugt: kein Bass, nur ein minimalistisches Schlagzeug (gespielt von Kieran Kanes Sohn Lucas), punktuelle Gitarren und markante Stimmen. Auf dem Cover heißt es „File under Folk“ - besser wäre die Rubrik Slow Americana-Folk-Country-Blues. Dass Kane und Welch eigenständige Unterneh­mer ihrer Musik sind, zeigt auch das Label Dead Reckoning, auf dem sie ihre eigenen Werke und streng ausgewählte CDs von be­freundeten Musikern produzieren.


 Blackberry Smoke: The Whippoorwill (Earache Records MOSH511CD - 2012) *****

 

Yippieh! Es ist wieder an der Zeit sich die Haare, Bärte und Koteletten lang wachsen zu lassen, sich abgewetzte Jeansjacken umzuhängen, den alten Cowboyhut und die großformatige Sonnenbrille aus dem Schrank zu holen. Denn eigentlich nur in diesem Outfit - und am besten laut und live - kann man die Musik der neuen Southern Rock Heroen Blackberry Smoke so richtig genießen. Charlie Starr und seine Kumpels haben es endgültig geschafft: nach ca. 12 Jahren on the road und mit der dritten CD haben sie würdig den Platz als definitive Nachlassverwalter von Lynyrd Skynyrd, Marshall Tucker Band, Outlaw etc. angetreten, ohne dabei als bloße Epigonen zu wirken. Sie präsentieren einen energischen, leicht countryfizierten Südstaaten-Blues-Rock, der irgendwo zwischen ZZ Top und Travis Tritt pendelt. Dank der Produktions-Mithilfe von Zac Brown ist die vorliegende CD ein absolutes Durchhör-Vergnügen (d. h. eher radiotaugliche Songlängen) mit zwei Live-Bonus-Titeln als krönendem Abschluss. Dass dabei die Live-Versionen kaum anders als die Studio-Nummern klingen, spricht für die authentische Arbeit im Echo Mountain Studio in North Carolina. . Blackberry Smoke hat alles, was man von einer mehrheitsfähigen Southern-Rock-Band erwartet: knackige Kompositionen und eine schöne raue Stimme von Charlie Starr, die perfekt getimte Sologitarre von Paul Jackson, das Honky-Tonk-Piano und die rauchige Hammond Organ von Brandon Still (absolut auf dem Niveau von Chuck Leavell oder Bill Payne!) und die stoische Rhythmus-Sektion der Gebrüder Richard und Brit Turner. Wenn dann Charlie Starr noch zur Pedal Steel greift (bei „One Horse Town“ und bei dem Titel Stück „The Whippoorwill“) dürfte auch bei Outlaw-Country-Freunde kein Auge trocken bleiben. Die Blackberries waren gerade auf Tournee in Europa und haben die hiesige Fangemeinde sicher enorm erweitert, das neue Album „Holding All The Roses“ (bei Rounder Records) ist schon fertig, allerdings erst für den Februar 2015 angekündigt. Das müsste dann eigentlich ein Pflichtkauf werden!


Various Artists: Looking Into You. A Tribute To Jackson Browne (Music Road Records MRR CD 018 - 2014) ***

 

Ein Tribute-Album ist so eine Art Wundertüte. Der Be­schenkte hat keinen Einfluss auf den Inhalt und muss sich notgedrungen darüber freuen. Der Bestücker dieser vorliegenden Wundertüte ist nun der texanische Multi-Millionär Kelcy Warren, der sich als Musik-Liebhaber die großzügige Unterstützung eines Plattenlabels (Music Road Records in Austin) leistet und zudem ein enthusi­astischer Anhänger von Jackson Browne ist. Was lag also näher, als bei der eigenen Firma ein (äußerst liebe­voll gestaltetes) Tribute-Album für den hochverehrten Singer/Songwriter zu produzieren. Das Ergebnis liegt nun vor: 22 Künstler haben mitgemacht, 23 Songs von Jackson Browne sind auf der Doppel-CD enthalten (Lyle Lovett wurde die Platzierung von zwei Songs gestattet, weil er sich angeblich nicht entscheiden konnte, was sein Lieblingstitel von J. B. ist!). Die Mitwirkenden sind teilweise enge Gefährten von Browne (wie Don Henley, J.D. Souther, Karla Bonoff, Bonnie Raitt und David Lindley), teilweise texanische Künstler aus dem Dunstkreis des Label, die damit etwas für ihre Popularität tun wollen (Bob Schneider, Paul Thorn, Jimmy LaFave, Griffin House etc.). Jeder konnte einen Song nach eigener Wahl im Studio performen, interessanterweise ist Brownes frühe Phase stärker repräsentiert. Die Cover Versionen reichen von inte­ressanten Neu-Interpretationen (Bob Schneider mit "Running On Empty" oder Bruce Hornsby mit "I‘m Alive") über wenig inspirierte Nachspielereien (Don Henley mit "These Days" oder Bonnie Raitt mit "Everywhere I Go") bis zu krassen Durchhängern und Langweilern (Joan Osborne mit "Late For The Sky" oder Lucinda Williams mit "The Pretender"). Fast durchweg kann man feststellen, dass an das Original keiner heranreicht. Der superreiche Fan Warren Kelcy wird dennoch äußerst zufrieden sein und es auch verschmerzen, wenn die Verkaufszahlen im überschaubaren Rahmen bleiben.


Jackson Browne: Standing In The Breach (Inside Recording INR 14107-1 - 2014) *****

 

Nach der üblichen längeren kreativen Pause meldet sich Jackson Browne - frisch rasiert - mit seinem mittlerweile 14. Studio-Album zurück. Nach den eher durchwachsenen beiden Vorgängern ist ihm wieder einmal ein Meisterwerk gelungen, das nahtlos an seine kraftvolle Schaffensphase in den 70 und 80er Jahren anknüpft. Bezeichnenderweise startet die CD mit einem Song, der schon 1967 geschrieben wurde und es bisher nie zur Veröffentlichung gebracht hat: "The Birds Of St. Marks", eine Hommage an die Freundin Nico in einem Vintage-Arrangement, das den 12-String-Sound der Byrds kongenial imitiert. Es ist offensichtlich die Vielfalt der Einflüsse (die Goldsmith-Brüder von The Dawes, Woody Guthrie, Carlos Varela) und es sind vielleicht auch die beiden neuen Studio-Kumpane Greg Leisz und Val McCallum, die Jackson Browne Flügel geben. Dabei verzichtet der altgediente Songwriter nicht auf seine politischen Botschaften, die er aber nicht penetrant aussendet, sondern als Denkvorschläge dezent anbietet. Das Leitmotiv des 66jährigen scheint dabei die Zeile "If I Could Be Anywhere right now I would want to be here" zu sein. Man muss diese Welt zunächst akzeptieren, obwohl sie sich in einer fast nicht mehr akzeptablen Weise verändert hat. Trotz der Ölverschmutzung im Golf, trotz der Pervertierung der US-Demokratie durch superreiche Wahlhelfer und konservative Pressure Groups, trotz der amerikanischen Waffengesetze ("two or three disasters") hat Browne seinen südkalifornischen Optimismus und den Glauben an die Macht der ehrlichen Musik noch nicht ganz verloren. Wenn dann zwischendurch mal ein leicht selbstironischer Country-Rock-Song wie "Leaving Winslow" eingestreut wird, darf man das Katastrophen-Szenario auf dem Cover vergessen, ist die Rückkehr zum sonnigen Take-It-Easy-Feeling im Hinterkopf erlaubt. Es mag mittlerweile viele junge Singer-Songwriter geben, die mit der Gitarre in der Hand die Welt beglücken wollen, Jackson Browne aber steht für Authentizität, ungebrochene Intellektualität und musikalische Kompetenz.


Jeff Larson: Close Circle  (NCompass Music NM 140805 - 2014) ****

 

Wenn es einen (unermüdlichen) musikalischen Nachlassverwalter für das südkalifornische Lebensgefühl der 70er Jahre gibt, dann ist es Jeff Larson. Seit über 15 Jahren arbeitet er sich an der Reproduktion des damaligen Westcoast-Sounds von den Eagles, Neil Young, Jackson Browne und auch der Gruppe America ab. Deren Refrain aus dem Song „Ventura Highway“ steht wie ein Leitmotiv über den bislang fünf CDs von Jeff Larson: „Ventura Highway in the sunshine, where the days are longer, the nights are stronger than moonshine, you're gonna go I know, 'cause the free wind is blowin' through your hair and the days surround your daylight there, seasons crying no despair, alligator lizards in the air”. Die neue Produktion „Close Circle” enthält zehn atmosphärisch dichte Songs, die von akustischen Gitarren und der hypnotischen Stimme Larsons getragen werden. Sehr vorteilhaft wirkt sich die Zusammenarbeit mit Jeff Pevar aus, der an vielerlei Saiteninstrumenten die passenden Highlights einsetzt. Zu dem Titel „Rain Soaked Cloud“ konnte Larson sogar seine guten Bekannten Dewey Bunnell und Gerry Beckley gewinnen - ein echtes America-Revival also. Diese Musik im Auto-CD-Player auf dem Highway No. 1 von L.A. Richtung Süden sorgt für lang anhaltende Hochstimmung (notfalls auch im novembergrauen Europa!).


Live: Foreigner (Meistersingerhalle Nürnberg, 2.11.2014) ****

 

Als der Hard Rock der frühen 70er Jahre den Radiostationen zu wild wurde, schlug die Geburtsstunde von AOR = Adult Orientated Rock - zu den Geburtshelfern und Profiteuren dieser Musikrichtung gehört ohne Zweifel auch die Band Foreigner, bei denen Mick Jones für die eingängigen Songs und Lou Gramm für die markante Stimme sorgten. Mit einer Mischung aus gut durchhörbaren Mainstream-Rockern und Schmuse-Balladen komplettierten sie im Laufe der Jahre ihren beeindruckenden Hit-Katalog. Im neuen Jahrtausend war die Luft dann irgendwie raus, Sänger Lou Gramm zog sich zurück, erst mit einem dy­namischen Ersatzmann (Kelly Hansen) wollte Mick Jones ab 2005 noch einmal durchstarten. Neue Hits stellten sich nicht mehr ein, aber das Repertoire reichte locker für erfolgreiche Live-Shows. Die neueste Idee - man könnte auch sagen: eine Alterserscheinung - ist nun seit 2011 ein Unplugged-Progamm mit dem Titel „Acoustique“. Damit zieht Mick Jones samt seiner vier Rock-Enkel, jedoch ohne Schlagzeug, Keyboards und E-Gitarren durch die Lande und die Frage lautet: Kann man die alten Knaller auch auf akustischen Gitarren darbieten? Die Antwort lautet für die Zuhörer in der Nürnberger Meistersinger­halle eindeutig „Ja“, denn der Wiedererkennungswert ist durch Hansens Stimme gewährleistet und ab einem gewissen Alter fühlt man sich in den Sesseln wohler als in der verschwitzten Steh-Halle (gleiches gilt wohl auch für den Bandleader!?). Dazu verbreiten Hymnen wie „I Wanna Know What Love Is“ ohne­hin schon eine eher sedative Stimmung. Trotzdem bleibt der Auftritt als sympathisches und unprätenti­öses Rock-Revival in Erinnerung, durch ausgeklügelte Vokal-Arrangements liegt die Messlatte deutlich über einem drögen Lagerfeuer-Geschrammel. Gut, es fühlt sich vielleicht nicht mehr an wie beim ersten Mal, aber auf dem Weg zum Seniorenheim ist diese Zwischenstation allemal zulässig.


Jim Photoglo: Halls Of My Heart (Grifftone Records  - 2014) ***

 

In regelmäßigen Abständen zeigt uns der Nashville-Songschreiber Jim Photoglo seine neuen Produkte, diesmal sind es zehn Songs, die er alleine oder mit seinem Kollegen _Gary Burr geschrieben hat. Er bewegt sich dabei in einem stilistischen Spektrum von Soft-Country, Folk und leicht souligem Gospel, das sehr stark von langjähriger Erfahrung und einer gewissen Altersmilde geprägt ist. Die gesangliche und instrumentale Darbietung ist wie immer makellos - allerdings auch frei von Überraschungen. Wäre man böswillig, würde man von dezenter Hintergrundmusik sprechen. Die CD startet mit „Try Me Tomorrow“, einem Country-Song mit definitivem Hit-Potential. Bei „Halls Of My Heart“ beleuchtet Photoglo Licht und Schatten seiner großen Vorbilder: Elvis Presley, Brian Wilson und Paul McCartney. Sehr persönlich kommen „Brown-Eyed Boy“ (Erfahrungen eines griechischen Einwanderers), „My Fathers Son“ und „What Do I Tell My Son“ (pädagogische Reflexionen). Die familiären Bindungen drücken sich immerhin auch dadurch aus, dass Sohn Griffin im Studio das Schlagzeug bediente. Höhepunkt dieser CD ist zweifellos das „Brothers Medley“, ein souliger Gospelsong, der an die toten Brüder im Geiste der Musik erinnert, an Al Green, Johnny Otis, Levon Helm, Dan Fogelberg und Michael Botts (Schlagzeuger der Soft-Pop-Legende Bread!). Für das amerikanische Hausfrauen-Radio am Nachmittag ist diese Song-Sammlung sicherlich eine Fundgrube, mehr aber leider nicht!


Beyond Reach: Further (Beyond Reach Music  CD 002 - 2014) ****

 

In den 70er Jahren, zu den Hochzeiten des Country Rocks sind auch die Ozark Mountain Daredevils aus Missouri aufgetaucht und haben mit ein paar soften Country-Pop-Titeln die Hitparaden gestürmt. Als in den 80ern diese Welle wieder abebbte, verließen unter anderem Randle Chowning und Larry Michael Lee die Band, um sich fortan mehr eigenen Projekten zu widmen. 2005 sind die beiden wieder aufeinander getroffen und hatten offensichtlich Lust auf gemeinsames Musizieren - die Geburtsstunde von Beyond Reach. Nach einem wuchtig arrangierten Debütalbum wurde die Musik immer mehr auf die Basics reduziert, d.h. auf vier Stimmen, Gitarre, Bass und Mandoline, alles akustisch, weitgehend ohne Schlagzeug. Zum festen Stamm der Band gehören seither Ned Wilkinson (b) und David Wilson (mand, g, fiddle). Nach einer EP ("Waiting On The Sun"), die wie eine Art zwischenzeitlicher Testballon gestartet wurde, ist nun eine vollständige CD mit zehn  Titeln im Angebot, das heißt, es geht weiter: "Further". Man darf sich von diesem Album natürlich keine revolutionären Ideen erwarten, vielmehr präsentieren die beiden älteren Herren gepflegte Country/Folk-Song, die zeitweise sehr an den Modern Bluegrass der Gruppe Seldom Scene oder an das Team Chris Hillman/ Herb Pedersen erinnern. Lee und Chowning erzählen kleine Geschichten, in denen sie auch oft ihre bisherige musikalische Karriere Revue passieren lassen. Ein Fazit dabei heißt: "We never had an urge to take that long flat straight highway". Die CD kommt recht sparsam und natürlich höchst independt im Karton daher, weitere Informationen (z. B. Lyrics und die Credits) sind nur auf der Website erhältlich: www.beyondreachmusic.com. An diesem musikalischen Angebot wird sich also lediglich eine kleine Fan-Gemeinde erfreuen, der Rest der Welt wird von U2 und Konsorten zugemüllt.