Der CoolTourist

will Sie auf höchst subjektive Weise zu einer Reise durch partielle Welten der Kultur einladen.

Auf den folgenden Seiten finden Sie u.a. aktuelle Rezensionen zu

Musik (Schwerpunkt: Americana, Folk, Country, Rock), Film, Sprechtheater und Belletristik (Schwerpunkt: deutschspr. Literatur des 20. und 21. Jh.)


Im Schweine-Transporter nach Frankreich

Anne-Laure Bondoux: Die Zeit der Wunder

 

Nach der Auflösung der UdSSR kam es ab 1992 zu einem Bürgerkrieg zwischen dem Staat Georgien und den sezessionswilligen Gebieten Abchasien und Süd-Ossetien. Gloria, die weibliche Hauptperson des Romans, schätzt die Situation im Kaukasus recht lakonisch ein: „zu viele Länder … zu viele Völker … die Grenzen verschieben sich und die Namen ändern sich ständig … zum Schluss bleiben nur Ruinen und unglückliche Menschen über“. Das ist der Ausgangspunkt für eine Geschichte, bei der der Ich-Erzähler Komaïl, dessen wahre Identität erst am Ende des Romans enthüllt wird, in anrührender Weise von einer langen Flucht nach Frankreich berichtet. Anne-Laure Bondouxs „Die Zeit der Wunder“ ist also ein Vorläufer jener Erzählungen, die vor allem während und nach der Flüchtlingskrise 2015 auf dem literarischen Markt feilgeboten wurden ...

 

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Kapitelman kritisch in Kiew

Dmitrij Kapitelman: Eine Formalie in Kiew

 

Der Ich-Erzähler Dima (der natürlich mit dem Autor Dmitrij Kapitelman identisch ist) lebt seit 1994 - damals war er acht Jahre alt - in Deutschland, nachdem er mit seiner Familie aus der Ukraine als Kontingentflüchtling eingewandert ist. Nun will er - 32jährig - die deutsche Staatsbürgerschaft erwerben, muss dazu aber in seinem Herkunftsland eine erneuerte Geburtsurkunde und eine zusätzliche behördliche Bestätigung ausstellen lassen. Nur eine Formalie? Keineswegs, denn das wäre auch für ein literarisches Projekt etwas dünn. Stattdessen entwickelt sich seine Flugreise von Leipzig nach Kiew zu einer kritischen Erkundung seiner früheren Heimat und zu einer Bewährungsprobe für den Zusammenhalt der Familie ...

 

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Mordnacht in Penzberg

Kirsten Boie: Dunkelnacht

 

Wahrscheinlich kann jede Kommune in Bayern eine Geschichte aus dem April 1945 erzählen. Doch selten dürften die Tage vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen so dramatisch verlaufen sein wie in der oberbayerischen Kleinstadt Penzberg, 50 km südlich von München gelegen. Historiker sprechen mit Blick auf den 28. April 1945 von der „Penzberger Mordnacht“, die zu den sogenannten „Endphaseverbrechen“ des Zweiten Weltkriegs gezählt wird. Die bekannte Jugendbuch-Autorin Kirsten Boie hat sich mit den Ereignissen vertraut gemacht und daraus eine spannende Novelle für Jugendliche (bewusst keine Dokumentation) konstruiert ...

 

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Intergenerationelle Suche nach Zugehörigkeit

Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt (Roman)

 

Iris Wolff (geb. 1977) ist etwa eine Generation jünger als Herta Müller (geb. 1953) und könnte bald die legitime Nachfolgerin in der Schublade der rumäniendeutschen Literatur werden. Die steile These von der Nachfolgerin hat in jedem Fall einen belegbaren Hintergrund: während Herta Müller nach ihrer „Atemschaukel“ (2009) weitgehend als Erzählerin verstummte (möglicherweise, weil sie in eine thematische Blockade geraten ist), hat Iris Wolff seit 2012 nun schon ihren vierten Roman vorgelegt ...

 

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"Warum muss es Menschen geben, die so sind?"

Heinz Strunk: Der goldene Handschuh

 

Wie tief will man in menschliche Abgründe schauen? Es war die Literatur des Vormärz und Georg Büchners „Woyzeck“, der uns - auf der Basis einer wahren Begebenheit - einen Antihelden vorführte, der - gesellschaftlich diskriminiert und marginalisiert - in seiner Verzweiflung zum Mörder seiner geliebten Marie wird. Dahinter stand die Frage der deter­ministischen Anthropologie „Was ist das, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet?“

Ein gewagter Sprung führt zu dem Roman von Heinz Strunk, der uns in „Der goldene Handschuh“ schon mit dem einführenden Zitat von Jürgen Bartsch eine ähnliche Frage stellt („Warum muss es überhaupt Menschen geben, die so sind?“) und dann auf 250 Seiten die Untiefen des Hamburger Trinkermilieus erkundet ...

 

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Jalousien runter!

Foto: Konrad Fersterer
Foto: Konrad Fersterer

Phädra von Jean Racine  

Online-Premiere (auf YouTube) am Staatstheater Nürnberg

 

Die große deutsche Rollladen-Firma „Roma“ wirbt in ihren Fernseh-Spots mit dem Slogan „Wenn sie mal für sich sein wollen“. Diese Assoziation drängt sich auf, wenn man das Bühnenbild von Judith Oswald als bestimmende Größe des Theaterabends erkennt. Denn sie hat für die Tragödie von Phädra und Hippolyt, einen rechteckigen Guckkasten gebaut, der überall von modernen Lamellen-Jalousien beschattet ist. Und so sind die Akteure wirklich für sich, wenn sie ihre Dilemmata dialogisch austragen. Sie haben natürlich auch keine Live-Zuschauer, sondern nur distanzierte Beobachter am Laptop, die diese eindrucksvolle Online-Verfilmung - die aber ohne nervige filmische Mittel auskommt und sehr oft dokumentarisch die Bühnen-Totale anbietet - verfolgen ...

 

Ausführliche Theaterkritik unter Schau.Bühne ...


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