KLEIN.KUNST


*****    hervorragend      ****    ganz ordentlich      ***    Licht und Schatten   

**   wenig erquicklich            *   Schade um die Zeit


Foto: Tim Händel
Foto: Tim Händel

Ein bisschen Spaß muss sein

Stand-Up Comedian Berhane im Fürther niu-Hotel

 

Das ist eigentlich die klassische Situation (bekannt aus diversen Woody-Allen-Filmen) und auch der ultimative Härtetest: ein Stand Up Comedian steht in einer Hotellounge vor einer überschaubaren Anzahl von Gästen, die teilweise von des Tages Arbeit ermattet sind, etwas müde auf ihr Getränk blicken und gelangweilt zu den Salzletten greifen. Die Aufgabe des Kommunikations-Künstlers ist es nun, die Leute aus der Reserve zu locken und im Idealfall zum Lachen zu bringen.

Dieser Herausforderung stellte sich nun auch Berhane Berhane, der zum Auftakt seiner Solo-Tournee mit dem Titel „Deutscher als Du“ ein Preview im Fürther niu Saddle Hotel präsentierte. Dabei kann man sogar von einem Heimspiel sprechen, denn der aus Äthiopien stammende Comedian lebte nach der Ausgangsstation Heidelberg die letzten sechs Jahre in der Fürther Hornschuchpromenade auf Hausnummer 11 und hätte nur um zwei Ecken zum Auftrittsort laufen müssen, wenn er nicht mittlerweile nach München weitergezogen wäre.

Berhane (das heißt auf Deutsch „Licht“), hat 2014 den Bülent-Ceylan-Award gewonnen, er steht in der Tradition des Roberto-Blanco-Refrains „Ein bisschen Spaß muss sein“ und sieht sich als eher unpolitischer Optimismus-Botschafter, der mit Situationskomik und Sprachwitz das Schwarz-Weiß-Schema aufbrechen will. Er kann viel davon erzählen, wie es sich anfühlt, als Farbiger in Deutschland unterwegs zu sein und ständig mit den Fragen „Woher Du kommen?“, „Wie Du gekommen?“ oder „Wie Du heißen?“ kon­frontiert zu werden. Das tut er ohne Bitterkeit, eher mit launigen Ratgeber-Geschichten und frechen Hinweisen, wie man komplizierte Momente auflösen kann.

Er berichtet davon, dass auch in Äthiopien - wo es derzeit ganz und gar nicht lustig zugeht - Witze erzählt werden, deren Pointen für Europäer gut verständlich sind. Das Thema „Ausländer“ beackert er mit der positiven Energie eines Integrationsbeauftragten, erlaubt sich aber auch eine brüllend komische Darstellung einer indischen Servicekraft im McDonalds-Restaurant des Nürnberger Hauptbahnhofs. Aus den geplanten 60 Minuten werden dann doch 90, weil er es trotz punktueller Timing-Probleme geschafft hat, das Publikum aus der Lethargie zu reißen, zwei Zugaben abzuliefern und seinem Komödianten-Credo zu folgen: „Ich finde, dass man nicht alles ernst nehmen muss und dass wir alle mehr Quatsch machen sollten. Es ist ganz wichtig, dass wir ein Stück weit Kind bleiben!“ Vielleicht sollte die Spielvereinigung den Herrn Berhane als zusätzlichen Mental-Trainer engagieren?


Im Zweifel für den Zweifel

„Meine Rede“: Bruno Jonas mit neuem Programm im Fürther Stadttheater    ****

 

Wetten, dass Bruno Jonas am vergangenen Samstagabend mit seinem neuen Programm „Meine Rede“ ein paar langjährige Fans verstört hat. Während zeitgleich in Nürnberg Thomas Gottschalk die Nation mit Baggerwette und Helene Fischer ans mediale Lagerfeuer holte, präsentierte sich Jonas im Fürther Stadttheater als ganz und gar nicht altersmilder Kabarettist, als unerschrockener Quer- und Freidenker (es gilt die alte Wortbedeutung!), als Knüppel-aus-dem-Sack auf grünes Gutmenschentum und als geimpft-genesen-genervter Kämpfer gegen den Gender-Wahnsinn. Dabei nimmt er auch in Kauf, vielleicht Beifall von der falschen Seite zu bekommen und die konsensuale Meinungsblase seiner Publikums-Community übermäßig zu strapazieren. Der denk-würdige Abend ist sein 13. Soloprogramm und keineswegs abergläubisch einem zentralen Motto gewidmet: gegen Dogmatik, für die Tugend des Zweifels.

Bruno Jonas steht als Redner mit Theo-Waigel-Gedächtnis-Augenbrauen hinter einem selbst zusammengeschraubten Ikea-Pult „Edmund“, hat um sich die Großbuchstaben ONURB SANOJ und ein heimatloses F gruppiert - vielleicht steht es für Fürth oder für die Frau, die eines Nachts bei ihm Asyl suchte oder für die Frage, ob es auch das Wort „Fräge“ gibt - und verfällt immer wieder in einen grellen Blues-Gesang: „I’m only an old white man“. Wie schrieb schon der Philosoph Niklas Luhmann: „Sinnlosigkeit ist eine Voraussetzung für Sinn“.

Das Rede-Manuskript ist bewusst schlecht sortiert und erlaubt ständige Exkurse: Jonas erzählt von seinen Erlebnissen in der Warteschleife eines Mobilfunkanbieters, von seinem anarchistischen Nachbarn in München-Haidhausen und von den Alterserscheinungen der Münchner Tatort-Kommissare. Er scheut sich aber auch nicht, die deutsche Neigung zu Vorbildhaftigkeit und Verantwortungskultur grob zu karikieren. Am deutschen Wesen soll die Welt genesen, beginnend in Polen, Tschechien, Ungarn und Osterreich, dann weiter in Italien, Frankreich und schließlich in Russland. Dabei ist aber darauf zu achten, dass der nächste Krieg klimaneutral geführt werden muss!

Dem betagten Publikum im ausverkauften Stadttheater empfiehlt er Panik-Workshops („betreutes Untergehen“) und die Gründung einer Spontan-Bewegung „Dictatorship for future“ - weil in der Demokratie alles so schleppend langsam vorangeht. Vorsichtiger Beifall - jedenfalls kein Schenkelklopfen! Die Pandemie hatte auch etwas Positives: Bruno Jonas ist unter die deutschen Dichter und Reimer gegangen. Und so schließt er mit drei Zugaben und einem Refrain aus dem (selbst geschriebenen?) Songbook von Baerbock: „Wir müssen euch das zumuten, weil wir sind die Guten!“

Übrigens: alle Besucher, die hinterher zu lange auf die Garderobe warten mussten, bekommen vom Veranstalter die kostenlose App „Bewusstseins-Neu-Design“ (BND) zugeschickt. Yeah!


Ein bisschen müde

Dullnraamer-Faschingssitzung im Kulturforum Fürth

 

Ganz Franken ist vom Fasching in Veitshöchheim in den Bann gezogen. Ganz Franken? Nein! Ein von unbeugsamen Fürthern bevölkertes Dorf hört seit 27 Jahren nicht auf, mit einer alternativen Dullnraamer-Sidzung Widerstand zu leisten.

In der ehrwürdigen Säulenhalle des Kulturforums Schlachthof traten Ute und Uwe Weiherer mit einem zwölfköpfigen Song & Dance & Sketch-Ensemble wieder an, einen satirischen Jahresrückblick zu präsentieren und dabei schnell mal auch die Welt zu retten. Mit bemerkenswerter In-Sich-Gekehrtheit markiert dazu die Dullnraamer-Hausband (Peter Mayhew, Jochen Sorg, Phillip Renz, Philip Kranz) eine Rock-Dampframme und darf kurz vor Schluss noch ein sinnfreies Hotel-California-Instrumental abliefern.

Das Publikum sitzt mit äußerst geringer Maskierungs- und Prominentendichte auf harten Bierbänken, löffelt Linseneintopf mit Geflügelwiener und tut sich sichtlich schwer, in Stimmung zu kommen. Es ist auch nicht ganz einfach, die sperrigen Refrains der eingedeutschten Popsongs mitzusingen, wie etwa: „Es braucht nicht Superman, Bat- oder Spiderman, der die marode Welt im Innersten zusammenhält, dass sie nicht auseinander fällt. Ich sag - Oh Oh Oh, Arsch hoch, du Alltagsheld“ (nach: „Shut Up and Dance“ von Walk The Moon). Zu „Shout, shout, let it out loud“ von „Tears For Fears“ passt natürlich „Maut - Maut, er hat‘s versaut, Andreas Scheuer hat Mist gebaut!“ Es folgen noch die üblichen Verdächtigen wie AKK, Toni Hofreiter, Recep Tayyip Erdogan und die im Grab rotierenden Willy Brandt und August Bebel. Schön, dass man auch ein traditionelles rheinland-pfälzisches Faschingslied parodieren kann: „Bei uns wird Müll, Müll, Müll strikt getrennt, was sich nicht trennen lässt, des wird halt verbrennt; was dann noch ü- ü- ü- übrig ist, wird nach Malaysia verschickt“. Dazu tobt die playmobile Faschingstruppe in spektakulären Verkleidungen über die Bühne, unterschiedlich zündende Sketche werden eingebaut, originelle Video-Einspielungen grüßen von den Bühnen-Leinwänden, während die Zeremonienmeister Ute (stimmlich stark angeschlagen) & Uwe (nicht immer textsicher) von erhöhter Perspektive die Weltlage erklären und regelmäßig den Gully-Gully-Schlachtruf anstimmen.

Wenn Philemon und Baucis die kritische Lage des deutschen Waldes beklagen wird es ein bisschen nachdenklich, wenn der E-Scooter die braven Fußgänger aufscheucht, wird es alltäglich, und wenn Adolf Hitler in einer Talkshow auftritt, wird es grenzwertig. Wenn man sich dann zu der These versteigt, der einzige Ort, wo die Inklusion funktioniere, sei das Berliner Regierungskabinett, muss die Frage gestattet sein, ob die Koordinaten des politischen Kabaretts noch intakt sind.

Am Ende steht es nach wechselhaften drei Stunden im Gaudi-Match zwischen der Laienspielvereinigung Fürth und Black Bull Veitshöchheim 1:4; Heimtrainer Uwe Weiherer klagt: „Wir sind nie so richtig in die Zweikämpfe gekommen!“ 27 Jahre Dullnraamer - und doch schon ein bisschen müde?


Besuch vom cholerischen Großvater

Gernot Hassknecht in der Fürther Comödie

 

Zum Sonntagsnachmittags-Kaffeekränzchen ist diesmal nicht die nervige Schwiegermutter sondern der cholerische Onkel Gernot gekommen. Oder: Gernot Hassknecht, die kultige Kunstfigur, hinter der der Schauspieler Hans-Joachim Heist steht, präsentierte sein zweites Solo-Programm „Jetzt wird’s persönlich“ in der Comödie.

Man kennt seine zweiminütigen Schrei-Attacken aus der ZDF-heute-show; insofern darf man gespannt sein, wie er ein abend- (bzw. nachmittags-) füllendes Programm gestaltet. Große Überraschungen bleiben dabei aus, denn Hassknecht hangelt sich episodenhaft durch einen wohlbekannten Themenkatalog der Politik und des Alltags - von Brexit, CSU, Donald Trump und Politikerfrauen bis zu Smartphone-Kult, gesetzlichen Krankenversicherungen, Autobahn-Raststätten und der Artigkeit der heutigen Jugend. Zwischendurch darf er sich und seine prägnante Stimme ausruhen, wenn diverse vorgefertigte Video-Schnipsel an die Leinwand geworfen werden.

Das Problem dieser Art von Polit-Comedy offenbart sich schon in der Anfangssequenz, wo Hassknecht ein Loblied auf die Demokratie, auf Grundgesetz und Menschenrechte singt und vor den Verirrungen der AfD warnt. Das Zitaten-Quiz „Höcke oder Hitler?“ endet für das Publikum mit einer nachdenklichen Überraschung, der Warnung vor der Nutzung des Begriffs „Volk“ („was für ein Mist das ist, sieht man schon an den Wörtern Volkswagen, Volksmusik und Volk-Ornbrot!“) kann niemand widersprechen. Wenn aber geäußert wird, dass leider etwa 95 Prozent aller verantwortlichen Politiker „Knalltüten“ oder „Flachpfeifen“ seien (eine Ausdrucksweise, die von den Zuhören stets willfährig beklatscht wird), dann schimmert hinter dieser scheinbar so kritischen Ironie eine heimliche aristokratische Sehnsucht nach überdurchschnittlichen Lichtfiguren durch. Ganz abgesehen davon, dass man sich nicht über die Verrohung der politischen Kommunikation in den sozialen Medien beklagen sollte, wenn man selber die inhaltsleere persönliche Verunglimpfung („Flinten-Uschi“, Trump als „Riesen-Idiot“, Boris Johnson schaut aus „wie der uneheliche Sohn von Gerard Depardieu und Olli Kahn“) als Markenzeichen vor sich herträgt und das Wort Hass schon im Künstlernamen führt.

Nach zwei Stunden ist alles vorbei und beim Abendessen zuhause gibt’s wahrscheinlich Superfood, zubereitet im Thermomix, danach beginnende Schläfrigkeit bei der Talkshow von Anne Will?


Ein Insel aus Propylen

Theater-Kabarett "Distel" im Fürther Stadttheater

 

Angesichts des inflationären Angebots an Comedy und Kabarett ist es für die traditionellen Ensembles schwierig, sich noch am Markt zu behaupten. Umso erstaunlicher, dass das seit 1953 aktive Berliner Theater-Kabarett „Distel“ sein 2017er-Programm vor einem vollen Fürther Stadttheater präsentieren konnte.

In den kurzweiligen zwei Stunden mit dem Titel „Wenn Deutsche über Grenzen gehen - oder: Das Ziel ist im Weg“ wird anhand dreier (repräsentativer?) Charaktere ein Deutschland beschrieben, das statt Frischblumen lieber Neurosen ins Fenster stellt, das von German Angst und Alarmismus geprägt ist und das von einer ewigen GroKo ruhig gestellt wird.

Die drei Akteure sind Lars, ein Pfarrer und brandenburgischer Dorfbürgermeister (Timo Doleys), Marion, eine Lehrerin (Caroline Lux, die in Diktion und Körpersprache manchmal an Christine Prayon, die Birte Schneider der „heute-show“, erinnert), und Dirk, ein Spulenwickler (Stefan Martin Müller). Ihre beruflichen und politischen Erfahrungen haben sie - ganz in der Tradition von Hape Kerkeling - zu einem Ausstieg aus dem Hamsterrad motiviert: sie befinden sich auf dem Jakobsweg in Spanien und treffen zufällig wegen schlechten Wetters in einer Schutzhütte zusammen. Diese Hütte bietet für 24 Stunden Trockenheit, ein karges Stockbett und die Möglichkeit viel miteinander (und gegeneinander) zu reden.

Aus dieser besonderen Situation und Rahmenhandlung haben die Autoren Michael Frowin und Philipp Schaller eine gut geölte Szenenfolge gestrickt, mit schnellen Dialogen und wenigen Solo-Partien - meist endet das Ganze in einem gemeinsamen Song (musikalisch begleitet von Falk Breitkreuz und Til Ritter).

Lars erzählt von den syrischen Flüchtlingen im Dorf-Schulhaus: „Damit wir Fördergelder bekommen, haben wir ein paar Jugendliche zu Nazis umgeschult“; Marion erzählt von nächtlichen Anrufen der Helikopter-Eltern, die ihr erklärten wollen, dass der Sohn das Zeug zum Star-Architekten habe (sie meint: vielleicht doch nur zum Star-Maurer); Dirk will gar nicht wissen, wofür seine gewickelten Elektrospulen gebraucht werden, nachdem seine Firma zum zehnten Mal den Investor gewechselt hat.

Als Songs bleiben in Erinnerung der Tango von den „Sozialen Abwärtsvergleichen“ und die satirische Capri-Fischer-Parodie über die Plastik-Vermüllung der Weltmeere („Eine Insel so schön / ganz aus Propylen“). So entsteht eine meist hintersinnige Revue über aktuelle politische Themen und deutsche Befindlichkeiten der Gegenwart, die es gar nicht nötig hätte, das Programm noch durch abgestandene Angela-Merkel-Witzchen anzureichern. Aber leider gibt es da die lautesten Lacher …