FILM.KRITIK


***** hervorragend **** sehenswert *** Licht und Schatten

** nur bedingtes Vergnügen * überflüssig


The Founder (USA 2016)     ****

Regie: John Lee Hancock

Laufzeit: 115 Minuten

Darsteller: Michael Keaton u.v.a.

 

Ein Name steht für die Geschichte des nordamerikanischen Unternehmergeistes nach dem 2. Weltkrieg: McDonald. Mit einer revolutionären Imbiss-Idee wurde hier ab den 1950er Jahren ein weltweites Gastronomie-Imperium geschaffen, das als Lehrbeispiel für globalen Kapitalismus, profitorientierte Betriebswirtschaft und turbokapitalistische Marktwirtschaft gelten kann. Der Film, für den Robert D. Siegel des Drehbuch geschrieben hat, startet im kalifornischen San Bernardino wo die Gebrüder Richard und Maurice McDonald das Format des amerikanischen Diner in neue Bahnen lenkten: nur ein Gericht (Hamburger + Pommes und Milkshakes), wird ohne Wartezeit an einer Theke abgeholt, in Papier verpackt und ohne Besteck in der Nähe oder im Auto verzehrt. Die Herstellung des Produkts unterliegt dabei einem gnadenlosen Diktat der ergonomischen Effizienz („Time is money“). Die McDonald-Brüder sind mit ihrem lokalen Erfolg zufrieden, doch dann kommt der bislang wenig erfolgreiche Handelsvertreter Ray Kroc (Michael Keaton) ins Spiel. Er sieht in dem beliebten Esshäuschen ein Modell, das man mit den klassischen Unternehmertugenden (Beharrlichkeit, Verkaufstalent, Vision) auf die ganze USA übertragen kann, und in der Architektur des goldenen Bogens entdeckt eine emotionale Ikonografie, die gleichbedeutend mit dem Kreuz über der Kirche und der Stars-and-Stripes-Flagge über dem Rathaus in jeder amerikanischen Ortschaft ihren Platz haben sollte. Damit aber überdehnt er den biederen Qualitätsanspruch der Gründerbrüder und legt den Grundstein für das Kampf-Szenario der neuzeitlichen Marktwirtschaft. Mit Ellenbogen, Tricks und guten Kontakten zur Finanzwirtschaft setzt er sich durch und wird zum alleinigen Besitzer der McDonalds-Idee und damit bald zum Fastfood-Multimilliardär: „die Geschichte wird immer vom Sieger geschrieben“ heißt es auf dem Filmplakat.

Der Film von John Lee Hancock begnügt sich nicht mit nostalgischen 50er-Jahre-Kulissen, er seziert auch sehr analytisch und kritisch-realistisch die Unternehmensphilosophie von Ray Kroc, verfolgt allerdings nicht die späteren globalen Folgen dieser Lebensmittel-Kette und hebt somit einen wesentlichen Teil des McDonalds-Syndroms für spätere Dokumentar(?)-Filme auf. Michael Keaton, der 2014 für seine Hauptrolle in „Birdman“ für den Oscar (nur) nominiert wurde, überzeugt (erneut oscarwürdig) in der Rolle des bedenkenlosen Geschäftsmanns, der Privates und Ethisches knallhart dem Business unterwirft und von der Idee des schnellen Essens und des schnellen Geldes überzeugt ist. Deshalb will er auch seinen Namen zwar in der alleinigen Unternehmensführung, aber nicht auf dem Firmen-Logo sehen: „Kroc? Das klingt slawisch und nicht nach Erfolg.“

 

http://www.filmstarts.de/kritiken/234023.html


Manchester by the Sea (USA 2016)     ****

Buch und Regie: Kenneth Lonergan

Laufzeit: 138 Minuten

Darsteller: Casey Affleck, Lucas Hedges, Michelle Williams u.a.

 

Es ist eine jener tragischen Geschichten, die gerne von Boulevard-Blättern wie „BILD“ oder Boulevard-TV-Magazinen wie „Brisant“ reißerisch verhandelt werden. Dass man aus einem solchen Sujet aber auch einen eher leisen, differenzierten und zeitweise tragikomischen Film machen kann, beweist Kenneth Lonergan eindrücklich. Zunächst erfährt man nämlich von der schlimmen Vorgeschichte gar nichts, sondern erlebt nur Lee Chandler (Casey Affleck), den etwas mürrischen Hausmeister eines Wohnkomplexes in Boston, der mit finsterem Gleichmut seine Alltags-Routinen abwickelt und am Wochenende gerne mal in eine Bar-Schlägerei verwickelt wird. Ein Telefonanruf bringt die Handlung erst ins Laufen: sein Bruder ist in der kleinen Ostküstenstadt Manchester by the Sea an einem Herzinfarkt gestorben, er hinterlässt seinen etwa 16jährigen Sohn Patrick (Lucas Hedges), für den Lee nun das Sorgerecht übertragen bekommt. Damit muss Lee zurück an die Stätte, an der auch seine eigene Tragik stattgefunden hat. In punktuell eingesetzten Rückblenden erfährt man schließlich von einer Nacht, in der er leicht alkoholisiert sein Haus verlassen hat, um noch etwas im Supermarkt einzukaufen, dabei aber vergaß den Brandschutz vor den offenen Kamin zu stellen. Als er zurückkommt, ist er der fassungslose Beobachter eines brennenden Hauses, in dem seine drei kleinen Kinder ums Leben kommen und aus dem seine Frau Randi (Michelle Williams) schwer verletzt herausgetragen wird. Und die zentrale Frage lautet: kann man nach solch einem Ereignis überhaupt noch weiterleben? Der Film verweigert sich dem US-amerikanischen Optimismus, er stellt die Frage zur offenen Diskussion. Im Ambiente des winterlich grauen Manchesters führt Lee Chandler diesen Abwägungsprozess zwischen Suizid-Versuch und Leben-geht-weiter-Ideologie mit allerdings recht gleichförmiger Gestik (Hände in den Hosentaschen) und Mimik vor. Eine Art Sehnsuchtsort ist für ihn und seinen Neffen das offene Meer, der weite Blick auf einem reparaturbedürftigen Fisch-Trawler. Die ambivalente Leidensgeschichte der beiden Wahlverwandten wird sparsam inszeniert und kann einige Längen nicht ganz vermeiden. Dennoch oder gerade deswegen ist es ein realistisches Stück aus dem zum Glück nicht alltäglichen Leben, das die Blockbuster-Industrie weitgehend aus dem Blickfeld verloren hat.

 

http://www.filmstarts.de/kritiken/231408.html


La La Land (USA 2016) ****

Regie: Damien Chazelle

Laufzeit: 128 Min.

Darsteller: Emma Stone, Ryan Gosling u.a.

 

Es beginnt mit einem Stinkefinger auf einem verstopften Highway von Los Angeles und es endet mit einer bedauernd hochgezogenen Augenbraue in einem Jazzklub. Dazwischen verläuft die Geschichte von Mia (Emma Stone) und Sebastian (Ryan Gosling), die erkennen müssen, dass die romantische Liebe zwischen zwei von einer Karriere im L.A.-Kulturbetrieb Träumenden funktioniert, dass aber mit den Sachzwängen des Erfolgs die Liebe dahinschwindet. Aus dieser einfachen Erkenntnis hat Damien Chazelle einen höchst unterhaltsamen Film gezaubert, der mit dem Begriff „Musical“ nur ungenau markiert ist. Vielmehr wirkt „La La Land“ (eine treffende Beschreibung der oberflächlichen Hollywood-Kultur) eher wie eine ziemlich nostalgische Mischung aus einer an die Westcoast verlegten West Side Story und einem der Woody-Allen-Filme, die an die verklärte Vergangenheit der US-amerikanische Film-Industrie erinnern wollen („Purple Rose Of Cairo“, „Cafe Society“).

Mia arbeitet in der Cafeteria auf dem Warner-Brothers-Studiogelände und macht eine enttäuschende Casting-Erfahrung nach der anderen. Ein selbstgeschriebenes Solo-Stück präsentiert sie in einem gähnend leeren Theater. Sollte sie vielleicht besser ihren Traum aufgeben und wieder nach New Mexiko zurückkehren?

Sebastian ist ein versierter Jazzpianist, der in L.A. einen Jazzklub aufmachen will, in dem wirklich „echter“ Jazz gespielt wird; doch wer will das hören? So verdingt er sich zunächst zähneknirschend als Hintergrund-Pianist in einem Gourmet-Restaurant und als Synthie-Player in einer Party-Cover Band. Als er von seinem Freund (schöner Cameo-Auftritt von John Legend) das Angebot bekommt, in eine erfolgreiche Jazz-Rock-Band einzusteigen und mit ihr auf Welttournee zu gehen, kann er dem Kompromiss nicht entgehen, behält seinen Traum aber im Hinterkopf. Als aber auch Mia überraschend noch ein Film-Angebot mit Dreharbeiten in Paris erhält, beginnt der Herbst und der Winter ihrer Beziehung. Fünf Jahre später folgt noch ein Epilog, der die oben genannte Erkenntnis stimmungsvoll bebildert.

Der Film lebt von einer glücklicherweise immer wieder ironisch gebrochenen Story, von charmanten Song-Einlagen der beiden Hauptdarsteller (Musik: Justin Hurwitz) und von opulenten Choreografien - vor allem aber von dem angenehm zurückhaltenden und dennoch sehr emotionalen Auftreten von Stone und Gosling (letzterer wirkt aus deutscher Sicht wie eine Kompilation aus Jan Böhmermann und Till Brönner), die damit wehmütige Erinnerungen an das Hollywood-Paar Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann auslösen. Bevor die USA endgültig zum Lie Lie Land werden sollte man sich unbeschwerte Unterhaltung im La La Land gönnen.

 

http://www.filmstarts.de/kritiken/229490.html


Egon Schiele - Tod und Mädchen (Lux/Ö 2016)    **

Regie: Dieter Berner

Laufzeit: 109 Minuten

Darsteller: Noah Saavedra u. v. a.

 

Nur 28 Jahre währte das Leben von Egon Schiele. Doch nach seiner Zulassung für die Wiener Akademie der Bildenden Künste schon im Alter von 16 Jahren stieg er in den verbleibenden zwölf Jahren unaufhaltsam zum kreativsten Kopf der Wiener Moderne des beginnenden 20. Jahrhunderts auf. Die in Wien 1918 grassierende Spanische Grippe bedeute sein frühes Ende und gleichzeitig den Erzählrahmen für die aktuelle Verfilmung. Von diesem tragischen Tod blendet der Film immer wieder zurück - vor allem auf die fünf Frauen, die Schieles Leben maßgeblich beeinflusst haben: Schwester Gerti, die farbige Varietekünstlerin Moa, Lebenspartnerin und Aktmodell Wally, sowie die gutbürgerlichen Schwestern Adele und Edith Harms. Somit ist Dieter Berners Biopic also keine Auseinandersetzung mit der künstlerischen Wertigkeit und der gesellschaftlichen Rolle Schieles sondern eher eine hübsch montierte Beziehungsgeschichte, basierend auf dem biografischen Roman von Hilde Berger („Egon Schiele und die Frauen“). Hauptdarsteller Noah Saavedra nimmt der Titelfigur zudem viel von seiner Unbotmäßigkeit und gestaltet sie als besessenen Künstler („Ich arbeite immer“), der aber auch als prominenter Schwiegersohn durchgehen könnte. Die Selbstbezogenheit von Schieles Bildern, die problematische Körperlichkeit und die Expression der Preisgegebenheit sind in dem Film nur mit Mühe zu erahnen. Vom Kunstbetrieb, von den Produktionsbedingungen und von den programmtischen Positionen der Wiener Künstlerszene erfährt man wenig, dafür manches, was auch die Yellow Press interessieren dürfte. Für alle Nicht-Österreicher gibt’s zudem noch hochdeutsche Untertitel - immerhin!

 

http://www.egonschiele-derfilm.de/


Café Society (USA 2016)  ***

Regie und Drehbuch: Woody Allen

Laufzeit: 96 Minuten

Darsteller: Jesse Eisenberg, Kristen Stewart u.v.a.

 

Nach überschlägiger Zählung dürfte das Film Nr. 52 sein, bei dem Woody Allen das Buch schrieb und Regie führte - für ca. 50 Jahre im Geschäft eine stolze Leistung. Dass bei einem solchen Kompendium nicht alles gleich gelungen ist, darf als trivial abgehakt werden. Das beliebte Spiel „Was sind die Top 3-Filme von Woody Allen?“ muss jeder für sich entscheiden; der Vorschlag des Autors wäre: 1. Der Stadtneurotiker; 2. Matchpoint; 3. Manhattan. Das aktuelle Kino-Angebot - Premiere war außer Konkurrenz in Cannes - kann auf diesem Niveau keineswegs mithalten. Nachdem Woody Allen mit seinen Exkursionen in europäische Großstädte noch einmal einen kreativen Schub bekommen hat, wirkt „Cafe Society" eher wie ein lustloses Puzzle aus dem Baukasten der Allenschen Film-Motive. Viel Bekanntes wird in eine bescheidene Handlung gepackt: die Welt des Films in der Mitte des 20. Jahrhunderts, der Gegensatz zwischen New Yorker Intellektualität und Westküsten-Oberflächlichkeit, jüdisches Leben in Brooklyn, der Charme der Halbwelt und die Unmöglichkeit von problemfreien Mann-Frau-Beziehungen. So wirkt der Film letzten Endes wie eine prächtig dekorierte Zitatensammlung aus dem Woody-Fundus mit dem omnipräsenten Erzähler aus dem Off. Im Kern geht es um eine pikante Drei- bis Vierecksbeziehung, die mit gewohnter sanfter Ironie ausgespielt wird. Tiefere Hintergründe sind nicht zu entdecken, die Spannung hält sich in Grenzen, die Riege der Schauspieler ist ohne Fehl und Tadel. Wenn man aber über einen Film von Woody Allen „ganz nett“ sagt, ist das kein Kompliment!

 

http://www.filmstarts.de/kritiken/236050/kritik.html


Willkommen bei den Hartmanns (D 2016) ***

Regie: Simon Verhoeven

Laufzeit: 116 Minuten

Darsteller: Senta Berger, Heiner Lauterbach, Florian David Fitz, Elyas M‘Barek u.v.a.

 

Seit dem Sommer 2015 diskutiert Deutschland heftig über Zuwanderung und Willkommenskultur, da ist es kein Wunder, dass auch der deutsche Unterhaltungsfilm dieses Thema aufgreift. Simon Verhoevens Komödie „Willkommen bei den Hartmanns“ tarnt sich zunächst als mutig-ironische Soft-Provokation, wird aber im Laufe der knapp zwei Stunden zu einer biederen Mischung aus „Fuck you Salafist“, „Onkel Toms Hütte“ und „Münchner Gschichten“, die zähe staatstragende political correctness und rosaroten Happy-End-Optimismus verströmt. Man stellt sich immer wieder die Frage, was wohl ein Helmut Dietl aus diesem Sujet gemacht hätte.

Im Fokus steht die fünfköpfige Familie Hartmann als repräsentatives Spektrum der gutbürgerlichen oberen Mittelschicht mit großzügigem Haus am Münchner Stadtrand. Der Vater (Heiner Lauterbach) ist Orthopädie-Chefarzt, hat aber heftige Spät-Midlife-Crisis und flüchtet manchmal in die Praxis eines Schönheits-Chirurgen (Uwe Ochsenknecht). Der Sohn (Florian David Fitz) ist weltweit agierender Finanzjurist, der sich wegen vieler Konferenzen in Shanghai zu wenig um seinen Sohn kümmert. Die Tochter (Palina Rojinski) scheint als ewige Studentin auf der Suche nach einem Hochschulabschluss und einem passenden Mann. Diesem familiären Alltags-Wahnsinn - und auch ihrem umfassenden Weinkonsum - will die Mutter (Senta Berger) entfliehen, indem sie beschließt einen Flüchtling im Haus aufzunehmen. Diallo aus Kamerun (Eric Kabongo) gewinnt das Casting und sorgt im Hause Hartmann für verwirrende und entlarvende Momente. Daraus entwickeln sich recht vorhersehbare Beziehungs-Geschichten, das ganze Klischee-Inventar der deutschen Flüchtlings-Debatte von Pegida-Nationalisten über vertrottelte Terror-Fahnder und hyper-aktive Ehrenamtler bis zu gewaltbereiten Antifa-Demonstranten leistet seinen Beitrag. Peinlicher Höhepunkt des Comedy-Treibens ist die gesetzte Rede des Assistenzarztes (Elyas M’Barek) auf einer Dachterrasse, mit der er sich glatt für die Wahl zum Bundespräsidenten bewerben könnte. Man wartet nur noch einen Gastauftritt von Till Schweiger oder Matthias Schweighöfer, doch vorher fällt im Paarfindungs-Spiel die Happy-End-Klappe. Damit hat Verhoeven junior den Beweis auch für den deutschen U-Film abgeliefert: „Wir schaffen das!“

 

http://www.filmstarts.de/kritiken/245299/castcrew.html


Toni Erdmann (D - 2016) *****

Regie: Maren Ade

Laufzeit: 162 Minuten

Darsteller: Peter Simonischek, Sandra Hüller u.v.a.

 

Der Film lief 2016 in Cannes, bekam begeisterte Kritiken und Szenenbeifall im Saal - aber keine Preise. Doch das kann Regisseurin Marten Ade im Nachhinein verschmerzen, denn im Gegensatz zu manchem Cannes-Liebling blieb ihr (mittlerweile dritter) Film noch lange im Gespräch. Der Grund für den Erfolg ist einsichtig: kaum jemand kann eine derartige Balance herstellen zwischen skurrilem Humor und ernster Thematik, wie das hier 162 Minuten lang (ohne wirkliche Ermüdung) geschieht. Es ist zum einen eine Vater-Tochter-Geschichte, zum anderen ein semi-satirischer Blick auf die Welt der Unternehmensberater in der globalisierten Welt. Vater Conradi ist ein pensionierter Musiklehrer, gleichzeitig ein hintersinniger Kauz, der allein mit Hund Willi in einem Aachener Einfamilienhäuschen lebt. Tochter Ines zieht als Unternehmensberaterin durch die Welt des Neo-Kapitalismus, derzeit ist sie in Rumänen mit der „Restrukturierung“ (das heißt im Wesentlichen: Massenentlassungen) einer Ölfirma beschäftigt. Weil der Vater merkt, dass sein Verhältnis zur Tochter gestört ist, entschließt er sich spontan zu einer Reise nach Bukarest. Mit Perücke, falschem Gebiss, Furzkissen und neuer Identität als „Toni Erdmann“ bricht er ungefragt in die Welt des McKinseyanismus ein und sorgt nicht nur bei der Tochter, die er teilweise als seine Chefsekretärin Miss Schnuck ankündigt, für nachhaltige Verstörung. Er palavert im Business-Small-Talk über Ion Tiriac und den Tod von dessen Schildkröte, bezeichnet sich abwechselnd als Mentalcoach oder als Ölmagnat. Letzten Endes wirkt er wie eine Mischung aus Borat und Gerhard Polt, der von einer versteckten Kamera verfolgt wird und die handelnden Personen zu Schweißausbrüchen treibt. Bei seiner Tochter, die von Sandra Hüller mit einer intensiven Mischung aus Karrierefrau und Nervenbündel gespielt wird, führt diese väterliche Belagerung zu einer dauerhaften Sinnkrise, aber auch zu einer möglichen Befreiung aus den Zwängen der kapitalistischen Logik. Sie dominiert auch die drei eindrucksvollsten und ent­hül­lend­sten (!) Szenen des Films: wenn sie bei einer rumänischen Großfamilie Whitney Houstons Hit „Greatest Love Of All“ schmettert (mit Vater Toni am Home-Keyboard), wenn sie mit ihrem Kollegen eine absurde Sex-Szene abliefert und wenn sie spontan ein Firmen-Get-Together in ihrer Wohnung zur Nacktparty deklariert. Da kann dann Peter Simonischek nur noch einen draufsetzen, indem er im Vollkörper-Fellkostüm auftaucht und seine Botschaft verdeutlicht: Die Welt des 21. Jahrhunderts ist nur noch durch Fluchten in die Surrealität zu ertragen.

 

http://tonierdmann-derfilm.de/


Das brandneue Testament (FR/BEL/LUX - 2015) ****

Regie: Jaco van Dormael

Laufzeit: 116 Min.

Darsteller: Benoit Poelvoorde, Pili Groyne, Catherine Deneuve u.a.

 

Wenn die Hauptperson in diesem Film nicht Gott sondern Allah hieße und wenn sie nicht in Brüssel sondern in Riad oder Teheran leben würde, dann müsste Regisseur und Drehbuch­autor Jaco van Dormael mit dem Schlimmsten rechnen. Doch im aufgeklärten Westeuropa kann man sich an einer poeti­schen Mischung aus Blasphemie und Ironie ergötzen, wie das schon die internationale Kritik in Cannes 2015 tat. Van Dormaels bebilderte Geschichte ist märchenhaft, surreal und liebevoll versponnen: Gott lebt als prolliger Haustyrann in einer 3-Zimmer-Wohnung in Brüssel. Als bekennender Mi­santhrop trietzt er seine devote Frau Göttin und die Tochter (!) Éa. Am liebsten aber sitzt er in seinem überdimensionalen Arbeitszimmer und steuert die Weltläufte über einen antiqua­rischen Commodore-Computer. Die kleine Tochter entschließt sich nach einer Rücksprache mit dem verstorbenen Bruder Jesus, dieser patriarchalischen Sklaverei zu entfliehen. Vorher aber hackt sie sich noch unbeobachtet in die göttliche Soft­ware ein und sendet allen Menschen ihr vorherbestimmtes Sterbedatum, was die Prioritäten und das Verhalten fast aller massiv verändert. Dann verlässt Éa über eine Endlos-Waschmaschinentrommel die göttliche Sphäre und macht sich auf der Erde auf die Suche nach sechs weiteren Jüngern. Zunächst fin­det sie einen abgerissenen Obdachlosen, der für sie die Grundsätze des brandneuen Testaments auf­schreiben soll. In sechs Episoden erfährt man dann die Schicksale der neuen Apostel: von der einarmi­gen jungen Frau mit künstlicher Prothese, von dem Angestellten, der einer Vogelschar an den Polarkreis folgt, von dem Peep-Show-Besessenen, der plötzlich eine echte Liebe findet, von dem brutalen Killer, der sein weiches Herz entdeckt, von der reichen Hausfrau (Catherine Deneuve!), die sich einen Gorilla als Lebenspartner aus­sucht, und von dem kleinen Jungen, der für die restlichen Tage seines Lebens ein Mädchen sein möchte. Man sieht, dass bei Dormael die Phantasie wilde Kapriolen schlägt, was auch bei der bildlichen Umset­zung meist kongenial nachvollzogen wird. Dabei dürfte es müßig sein, in der sprunghaften, schelmischen und fabulierfreudigen Story einen tieferen Sinn zu suchen - bis auf den: dass es nie schaden kann die Zeit auf Erden für seine Träume zu nutzen und dass es heute abwegig ist, an die wohlgemeinten Fügun­gen eines lieben Gottes zu glauben.

 

http://www.dasbrandneuetestament-derfilm.de


Er ist wieder da (D - 2015) ***

Regie: David Wnendt

Laufzeit: 116 Min.

Darsteller: Oliver Masucci, Katja Riemann, Christoph Maria Herbst u.a.

 

1945 war Adolf Hitler dann mal weg, 2012 ist er wieder da - jeden­falls in der brillant-provokativen Fiction-Satire von Timur Vermes, die dann auch die Bestseller-Listen im Blitz eroberte. Drei Jahre später nun der Versuch, ein weiteres Mal an dem Erfolg zu saugen: mit ei­ner Verfilmung. Die hat jedoch nur selten den verminten Humor von Timur Vermes‘ Buch, vielmehr erweisen sich die zwei bebilderten Stunden als eine Mischung aus Borat mit versteckter Kamera on tour und leicht schmalziger Medien-Satire. Am Ende weiß man, was man längst schon wissen konnte: dass etwa 15 % aller Deutschen immer noch Sympathien für den NS-Staat und seinen autoritären Führer haben und dass gerade unter Jugendlichen Adolf Hitler mittlerweile einen unpolitischen Pop-Star-Kultstatus hat. Das erfährt man auch, wenn sich Hitler Darsteller Masucci einfach live auf der Straße oder in Kneipen bewegt und die Passanten zu Reaktionen herausfordert. Der Besuch in der NPD-Parteizent­rale ist allerdings nicht original, sondern gefilmt. Regisseur und Drehbuchautor David Wnendt konzen­triert sich auf die Analyse des Privatfernsehens, das begierig auf die Hitler-Schiene aufspringt und in ihm einen Quotenbringer sieht. Warum das noch mit einer Love Story zwischen dem freien Mitarbeiter und einer Studio-Sekretärin unterfüttert werden muss, bleibt rätselhaft. Witzig sind die Talk-Show-Schnipsel, in denen Frank Plasberg, Klaas & Joko und Jörg Thadeusz sich selbst spielen dürfen, flott auch die Kom­mentar-Serien der Original-You-Tuber. Am Schluss folgt noch die politisch korrekte aktuelle Nachbe­trachtung für alle Kinogänger, die die Zusammenhänge nicht verstehen: Haider, Wilders, Le Pen und Pegida-Konsorten als Wiedergänger des einstigen Führers.

 

http://www.constantin-film.de/kino/er-ist-wieder-da/


Spectre (USA/GB 2015 - 148 Minuten) ***

Regie: Sam Mendes

Darsteller: Daniel Craig, Christoph Waltz, Lea Seydoux, Ralph Fiennes u.a.

 

Die Arbeit der James-Bond-Drehbuch-Autoren darf man sich als etwas sehr Gleichförmiges vorstellen. Man muss nur aus dem immerwährenden Agenten-Baukasten mit den Buchstaben A (wie Auto oder Aston Martin) bis Z (wie Zeitschaltuhr) - nicht zu vergessen M und Q - die geeigneten Zutaten heraussuchen und  in eine irgendwie sinnstiftende Reihenfolge bringen. Dazu wirft man mit dem Dart-Pfeil auf einen rotierenden Globus, um ein paar spektakuläre Schauplätze zu ermitteln: diesmal traf es neben London noch das winterliche Österreich, Rom, Marokko und Mexico City. Auch die Hauptdarsteller sind austauschbar, solange sie dem tradierten Rollenmuster entsprechen. Zu Zeiten von Sean Connery wurde aus diesen Ingredienzien eine virile Macho-Show im Ost-West-Konflikt, mit Roger Moore wandelte sich das Ganze zum selbstironischen Kasperletheater mit britischem Humor, über die weiteren Bond-Mimen wollen wir den Mantel des Schweigens breiten. Doch seit Sam Mendes („American Beauty“) am Regiepult sitzt, schleichen sich in das Bond-Ritual neue Zwischentöne ein. Zwar gibt es immer noch den paranoiden Bösewicht (diesmal mit Christoph Waltz als Oberhauser/Blofeld erneut ein Österreicher, was ja aus historischen  Gründen gar nicht so abwegig ist), der gleichzeitig aus dem Bösen Profit schlagen und die Welt zugrunde richten will. Doch plötzlich erleben wir einen weiteren Gegenspieler: den geschmeidigen britischen Geheimdienstchef „C“, der die Dienste synergetisch verschmelzen und das Doppelnull-Programm zugunsten von Drohnen und flächendeckender Überwachung einstellen will (NSA lässt grüßen!). Nur so, glaubt er, sei die Welt noch regierbar, nicht durch lahme Politiker und ineffiziente demokratische Strukturen. Dadurch werden M und Bond zu Gesinnungspartnern des liberalen Rechtsstaats und Daniel Craig dämmert die sensationelle Erkenntnis: eine Lizenz zum Töten ist auch eine Lizenz, nicht zu töten! Deshalb darf auch Bösewicht Waltz am Ende auf die englischen Rechtswege hoffen, weil ihm Bond die finale Kugel verweigert. Für 007 aber entwickelt sich immer mehr eine Endzeit-Stimmung - oder gar ein Rückzug ins Private!?


Bridge Of Spies - Der Unterhändler (USA 2015 - 142 Minuten) ****

Regie: Steven Spielberg

Darsteller: Tom Hanks, Mark Rylance u.a.

 

Der dreifache Oscar-Preisträger Steven Spiel­berg lädt wieder einmal zu einer großen Ge­schichts-Doppelstunde ein und hat dafür ein spannendes Thema aus der Zeit des Kalten Kriegs von den Drehbuchautoren Matt Charman sowie Ethan und Joel Coen ausar­beiten lassen. Mit Hauptdarsteller Tom Hanks ist am Ende großes Hollywood-Kino zu erwar­ten - mit all seinen Stärken und Schwächen. Eigentlich bekommt man in den nie langwei­ligen 142 Minuten zwei Filme, die nur durch die beiden Hauptakteure und durch das zeitliche Konti­nuum zusammengehalten werden. Im ersten „Teil“ erlebt man den aufrechten Rechtsanwalt James Donovan (Tom Hanks), der es wagt, einen russischen Spion, den KGB-Agenten Rudolf Abel (Mark Rylance), mit allen Mitteln des Rechtsstaates zu verteidigen und am Ende eine Todesstrafe zu verhin­dern. Dies ist den späten 50er Jahren mit ihrer groben antikommunistischen Grundstimmung in den USA ein mutiges Unterfangen. Dafür muss man nicht nur böse Blicke in der U-Bahn sondern auch Steinewerfer vor dem eigenen Haus in Kauf nehmen. Die Tatsache, dass die USA auch heute noch gegen „Feinde“ der sogenannten freien Gesellschaft mit rechtsfreien Räumen (Guantanamo) und einem vor­aufklärerischem Strafenkatalog operiert, verschafft dem Thema eine zugleich historisch und aktuelle Dimension. In der Fortsetzung erweist sich dann die nicht gegebene Todesstrafe als sinnvoller Schachzug für einen Gefangenenaustausch zwischen der USA und der UdSSR. Jetzt ist Tom Hanks der clevere Un­terhändler, der es durch nicht immer ganz glaubhaftes diplomatisches Geschick erreicht, dass im geteil­ten Berlin nicht nur der abgeschossene U2-Aufklärungspilot Powers sondern auch noch ein unbefange­ner Wirtschaftsstudent, der sich am 13. August 1961 im falschen Moment auf der falschen Seite der Mauer aufhielt, freikommen. Dabei erlebt Tom Hanks Ost-Berlin aus der doch recht klischeehaften Per­spektive Hollywoods:  grau, kalt, kaputt, unberechenbar und unmenschlich. Aus dem S-Bahn-Fenster sieht er sogar Todesschüsse auf Flüchtlinge, die dann am Ende des Films in einer reichlich pauschalen Parallel-Motivik noch einmal aufgerufen werden. Insgesamt ist aber gegen Spielbergs Form des authen­tischen Ausstattungskinos und des moralischen Erzählens nichts einzuwenden, da der Zuschauer jeder­zeit die Chance hat, der Bildsprache des Kalten Kriegs zu entgehen.


Ab diesem Moment ändert sich was: Abe Lucas (Joaquin Phoenix) lauscht einem Gespräch am Nebentisch
Ab diesem Moment ändert sich was: Abe Lucas (Joaquin Phoenix) lauscht einem Gespräch am Nebentisch

Irrational Man (USA 2015 - 94 Minuten) ****

Regie: Woody Allen

Darsteller: Joaquin Phoenix, Emma Stone u.a.

 

Es steht denkbar schlecht um den Philosophieprofessor Abe Lucas (Joaquin Phoenix): Ein schlabbriges T-Shirt wölbt sich über seinen Bauch, in der Tasche seiner Cordjacke hat er stets den Flachmann mit Single Malt Whiskey parat, die sexuelle Potenz liegt darnieder, er kann zwar vor den andächtig lauschenden Studierenden flockige Pointen über Kierkegaard & Kant, Husserl & Heidegger absondern, mit seiner Wissenschaft scheint er aber fast abgeschlossen zu haben - „Philosophie ist doch nur verbale Masturbation“! (also das komplette Gegenbild zu Richard David Precht!) Dennoch interessieren sich zwei Frauen an der fiktiven Ostküsten-Uni Braylin für ihn: die frustrierte Kollegin Rita Richards (Parker Posey) will ihn im Bett und die empathische Jung-Studentin Jill (Emma Stone) bedauert sein nihilistisches Einsiedler-Dasein. Auf beide lässt er sich halbherzig ein, dabei immer wieder demonstrierend, dass ihm sein Leben eigentlich wurscht ist. Doch dann kommt ein Ereignis, das sein philosophisches Denken und seine Lebensgeister wieder weckt. Am Nebentisch in einem Restaurant hört das Gespräch einer Frau, die sich zutiefst über das Verhalten eines Familienrichters beklagt, der ihr willkürlich das Sorgerecht für ihre Kinder wegnehmen will. Ab diesem Moment changiert der Film von einer ironischen Wissenschafts-Satire zu einer fesselnden Ethik-Diskussion und zu einem Hitchcock-artigen Krimi mit epischen Anleihen bei Dostojewski. Darf man einen bösen Menschen töten, um damit wenigstens eine kleine Verbesserung der Lebenswirklichkeit eines anderen Menschen zu erreichen? Dies vor allem, nachdem Abes langjährige Versuche, am Zustand dieser Welt durch Demonstrationen, öffentliche Aufrufe und Publikationen etwas zu verändern, nicht gefruchtet haben. Lucas entschließt sich zu diesem bizarren (Irr-)Weg und plant den perfekten Mord - mehr sollte man zu der Handlung nicht verraten.

Der mittlerweile fast achtzigjährige Woody Allen, der wohl kein Jahr ohne einen neuen Film aushält, lädt jedenfalls mit „Irrational Man“ zu einem sehr unterhaltsamen Ethik-Diskurs irgendwo zwischen Existenzialismus und US-amerikanischer political correctness ein, nicht ohne diverse Motive seiner früheren Filme punktuell einzubringen.

 

Gast-Kommentar von herms: vier Sterne sind meiner Ansicht nach zu hochgegriffen. Woody Allen hat trotz einer zum Ende hin hitchcock-haften Zuspitzung einfach zu wenig getan für die Handlung und vor allem für etwaige nur angedeutete Nebenhandlungen. Auch die wenig prägnanten Philosophie-Kürzel sind irgendwie beliebig, und das Ostküsten-College ist auch nicht sehr liebevoll karikiert und illustriert. Hinzu kommt, dass mir Emma Stone für diese Rolle nicht genug an Ausstrahlung bietet, aber das kann man sicher auch anders sehen. Schauspieler-Kino eben, das man mögen muss - oder auch nicht, insbesondere dann, wenn man den Eindruck gewinnt, dass sich Woody Allen in "Matchpoint" noch mehr angestrengt hatte...


Der Staat gegen Fritz Bauer (D 2015 - 105 Min.) ****

Regie: Lars Kraume

 

Am Anfang des Films steht ein Dokument: eine Fernsehansprache, die Fritz Bauer, hessischer Generalstaatsanwalt, aus Anlass des Eichmann-Prozesses 1961 ans deutsche Publikum richtet. Die Jugend, so zeigt es später auch der Film, kann er damit erreichen - die Älteren eher nicht. Der Beginn des Films von Lars Kraume belegt dessen dokumentarische Ambition. Aktuelle Filme zur Nachkriegszeit wie der ganz ähnliche Themen berührende „Hannah Arendt“-Film (Regie: Margarethe von Trotta, D 2013) und vor allem das „Labyrinth des Schweigens“ (Regie: G. Ricciorelli, D 2014, für den Oscar nominiert) sind meist farbiger, bunter, dabei verräuchert und wirtschaftswunderlich. Der neue Kraume-Film ist dagegen eher noch „schwarzweiß“-formatig, die Farben sind sehr herbstlich-grau und gedämpft, sie transportieren keine Aufbruchsstimmung. Das passt sehr genau auf die Situation der Hauptperson anno 1957: Der Dauerraucher Fritz Bauer wird von Burghart Klaußner großartig als schwäbelnder, hustender, immer wieder an sich und der Welt zweifelnder und dennoch aufrechter Eremit in einer bräunlich-reaktionären Justizwelt gezeichnet, die ihn ausstoßen möchte. Doch lässt sich Bauer - politisch gestützt vom hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn - nicht beirren in seiner Jagd auf die kleinen und vor allem großen Vollstrecker des Bösen, die sich hier auf die Person Adolf Eichmanns fokussiert. Bauer verkündet ja eine „persönliche“ Niederlage, als er den Prozess gegen Eichmann in Jerusalem und nicht - wie von ihm gewollt - in Frankfurt kommentiert. Dass und wie aber der „Vollstrecker der Banalität des Bösen“ zur Strecke gebracht wird, ist der beachtliche Plot des dadurch nicht unspannenden Films, den Lars Kraume routiniert und nüchtern mit guter Schauspielerführung und raschen Schnitten umgesetzt hat. Die Nebengeschichte um den jungen Staatsanwalt Angermann (Ronald Zehrfeld mimt ihn sehr präsent) und der jazzige Filmsound machen nebenbei mit einer spießig-muffigen Grundstimmung vertraut, die schwüle Homoerotik in Nachtlokalen ansiedelt. Dadurch wird die zweite, neben seiner jüdischen Abstammung Fritz Bauer weiterhin belastende Dimension seines Privatlebens (die ihm formal angetraute Ehefrau lebte in Kopenhagen) nicht immer ganz stilsicher im Film thematisiert. Dass Bauer freilich „Landesverrat“ begehen musste, um den Mossad-Leuten Eichmanns Versteck in Argentinien zu verraten und so gesehen die „Bewältigung“ der Nazi-Gräuel in der westdeutschen Gesellschaft einzuleiten, ist die eigentliche Pointe dieses überzeugenden Films, der einem großen Deutschen ein hoffentlich publikumswirksames Denkmal setzt. Der Schwabe Fritz Bauer war einsam und doch erfolgreich bemüht, als Staatsanwalt nicht nur Ansprüche der Staatsräson zu vollstrecken, sondern Ansprüche einer gerade auch Menschen- und Grundrechte verwirklichenden Staatsordnung gegen Menschheitsverbrecher umzusetzen. Lars Kraumes Film liefert dazu eindrucksvolles Kino.

Gastkritik von herms


Hubert von Goisern - Brenna tuat‘s schon lang (D/Ö 2015 - 95 Min.) ***

Regie: Marcus H. Rosenmüller

 

Hubert Achleitner, der sich in einer Art Hassliebe den Künstler­namen Hubert von Goisern zugelegt hat, sitzt in einer Zille mit Elektromotor auf dem Hallstätter See, wirft die Angel aus und spricht bedächtig ein paar grundsätzliche, aber nicht besonders überraschende Sätze zum Sinn des Lebens. Das ist der Rahmen des Dokumentarfilms von Marcus H. Rosenmüller, der die be­wegte musikalische HvG-Geschichte der letzten knapp 30 Jahre erzählen will. Er zeigt den Weg vom rebellischen Alpin-Rocker, zum empathischen World-Musiker, der sich immer dem blinden Kommerz verweigert hat und so zu einer Kultfigur der nachhalti­gen Musikszene geworden ist. Leider fehlt der Dokumentation die gedankliche Tiefe, die Hubert auf dem Boot vorgaukelt. Die span­nungsvolle Auseinandersetzung zwischen traditioneller Volksmusik und jenem Musikantenstadl-Syn­drom, die auch an von Goisern nicht spurlos vorüber gegangen ist, wird nur angetippt. Seine partielle Nähe zum Lederhosen-Krach-Rock a la Zillertaler Schürzenjäger wird unterschlagen. Der Film will (zu) viel, verliert sich in zahlreichen Doku-Schnipseln, Konzert-Szenen und erstaunlich vielen Aussagen von Wegbegleitern, die natürlich die Hauptfigur recht unkritisch beleuchten. So entsteht insgesamt der Ein­druck eines Werbe-Personality-Films, den der viel beschäftigte Regisseur nebenbei abgedreht hat.


Der große Trip - Wild (USA 2014 - 116 Min.) **

Regie: Jean-Marc Vallée

Darsteller: Reese Witherspoon, Laura Dern u.a.


Durch Wilhelm Meister und spätestens seit Hape Kerkeling weiß man, dass längeres Wandern zur Stabilisierung der eige­nen Persönlichkeit beitragen kann. Aus der Wanderschaft der frühneuzeitlichen Handwerker sind heute allerdings eher Ext­rem-Touren mit existentieller Selbsterkundung geworden. So einen Versuch, der langjährigen Lebenskrise zu entfliehen, be­schreibt die Amerikanerin Cheryl Strayed (vielsagendes Pseu­donym!), aus ihrem Buch hat Nick Hornby im Auftrag der Pro­duzentin und Hauptdarstellerin Reese Witherspoon ein Dreh­buch konstruiert, das zum einen ca. drei Monate Alleinwande­rung auf dem Pacific Crest Trail (ca. 1600 km) nacherzählt, zum anderen zahlreiche Rückblicke in die Vorgeschichte der Haupt­person einbaut. Diese ist von extremen Schicksalsschlägen ge­pflastert: Krebstod der Mutter (Laura Dern), Tötung des Lieb­lingspferdes, Scheidung, Heroinsucht, ungesunde Promiskuität. Dem schwarzen Loch will Cheryl entrinnen, kauft sich eine überdimensionierte Wanderausrüstung und nimmt in Südkalifornien die Tour auf. Nach harten - und dennoch zeitweise heiteren - Anfangstagen findet sie ihren Rhythmus, trotzt der Hitze, dem Schnee und dem Regen und notiert literarisch wertvolle Epigramme in ihrem Tagebuch. Warum einen das trotzdem ziemlich kalt lässt, liegt an dem sehr konven­tionellen Strickmuster des Films, an den wenig eindringlichen Natur- und Landschafts-Aufnahmen und an einer fast beliebig erscheinenden Episoden-Revue auf dem Trail. Die krisenhafte Vorgeschichte wirkt in ihrer massiven Übersteigerung recht klischeehaft. Die ambitionierte Anstrengung von Schauspielerin Reese Witherspoon, sich von ihrem Rollenmuster zu befreien, endet als zähe Wandergeschichte und als zwangsläufig (?) positive Schlussperspektive. Sieht so Lebenshilfe im amerikanischen Kino aus?


Frau Müller muss weg!

Deutschland 2014 - 87 Min. ****

Regie: Sönke Wortmann

Darsteller: Anke Engelke, Alwara Höfels, Ken Duken u.a.

 

Man hat es nicht anders erwartet: der „Gott des Gemetzels“ hat seine Anhänger auch bei Elternabenden in deutschen Klassen­zimmern. Denn wenn es um das vermeintliche Wohl des eigenen Kindes geht und die Selektionsentscheidung zwischen Gymna­sium und Restschule ansteht, bröckelt die zivilisatorische Fassade bei vielen Eltern und verschüttete atavistische Verhaltensweisen brechen wieder durch. Lutz Hübner hat im Auftrag des Dresdner Staatsschauspiels 2010 das Kammerspiel geschrieben, nach er­folgreichen Theateraufführungen hat nun Sönke Wortmann den Stoff fürs Kino aufgegriffen. Zunächst scheinen die Fronten in der Dresdner Juri-Gagarin-Schule geklärt. Fünf Elternteile fordern von der Klas­senlehrerin Müller (Gabriela Maria Schmiedel), dass sie ihre 4. Klasse abgibt, weil sie befürchten, dass wegen der schlechten Noten der Übertritt ans Gymnasium gefährdet ist. Doch bald entwickelt sich ein munteres Aggressions-Spielchen jeder gegen jeden, bei dem - wie in Yasmina Rezas Beststeller - unschuldige Blumen zerdep­pert werden, dazu aber auch unfreiwillige Tauchgänge im Schulschwimmbecken stattfinden, Ausstel­lungs-Vitrinen mit Kastanien-Männchen zu Bruch gehen und blutige Nasen geschlagen werden. Es ist das Verdienst des Drehbuch-Teams (Lutz Hübner, Sarah Nemitz und Oliver Ziegenbald), das soeben auch den Bayerischen Filmpreis erhalten hat, dass die Abgründe von Klischee und Klamauk weitgehend um­schifft werden und bei aller Komik doch noch der Blick auf die fehlende Solidarität in einer Ellenbogen-Gesellschaft erkennbar bleibt. Eine originelle Schlusspointe und ein Abschleppwagen beenden den unterhaltsamen Film über die Klassen-Zimmerschlacht, der nicht nur GrundschullehrerInnen ansprechen sollte.


Skeptischer Stanley: Kann Sophie wirklich hellsehen?
Skeptischer Stanley: Kann Sophie wirklich hellsehen?

Magic In The Moonlight ****

USA 2014 - 97 Min.

Regie: Woody Allen

Darsteller: Colin Firth, Emma Stone u.a.

 

In der Weihnachts- und Neujahrszeit bekommt man zahlreiche wohlmeinende Grüße, teilweise mit banalem Inhalt, teilweise auch mit sehr nachdenkenswerten Zeilen wie z. B. den fol­genden: „Wenn Leben nicht etwas ist, was sei­nen letzten Grund in sich selber trägt, bedarf es eines transzendentalen Grundes - und den nennen die philosophische Tradition und der christliche Glaube Gott“. (Dominikaner-Pater Jean Michel Maldamé)

Ein paar Tage später geht man ins Kino und wird überraschenderweise mit derselben These - allerdings zunächst ex negativo gedacht - konfrontiert. Somit ist Woody Allens „Magic In The Moonlight“ - denn um diesen Film handelt es sich - keineswegs nur eine „romantische Komödie“ sondern vielmehr eine spielerisch leichte, aber sehr erhellende philosophische Abhandlung über die Beziehung des Menschen zur Trans­zendenz, ein Thema, das den aufgeklärten Juden Woody Allen schon seit langem begleitet. Er demons­triert die Problematik an der Hauptperson Stanley Crawford (Colin Firth), einem gefeierten Illu­sionisten der 1920er Jahre, der zwar das (einfältige) Publikum mit seiner Magie bezaubert, ansonsten aber ein vollkommen agnostischer, zynischer und leicht egomanischer Skeptiker ist. Für ihn, der als chi­nesischer Hexenmeister Wei Ling Soo die Bühnen betritt und dort Elefanten verschwinden lässt oder Frauen zer­sägt, ist - mit Nietzsche - Gott längst tot und jedwede Spekulation über eine Geisterwelt hirn­rissige Scharlatanerie. Da muss ihn natürlich die junge Hellseherin Sophie Baker (Emma Stone) heraus­fordern, die bei reichen Leuten an der Côte d’Azur Verbindungen ins Jenseits arrangiert. Doch zu seinem großen Bedauern kann er ihre übersinnlichen Fähigkeiten nicht rational widerlegen und entschließt sich kurzzei­tig zu einem Kurswechsel in seiner Lebenshaltung. Als seine Tante einen schweren Autounfall erleidet, betet er sogar zu Gott für ihre Genesung! Aber Drehbuchautor Allen hat noch zwei originelle Wendun­gen in petto: plötzlich entpuppt sich Sophie doch als Betrügerin, die Stanley nur mit Hilfe seines Freun­des und Zauber-Konkurrenten Howard Burkan hinters Licht geführt hat. Für Stanley ist allerdings die Rückkehr in seine ursprüngliche Nüchternheit versperrt, denn er erlebt nun eine neue Magie: die Magie der Liebe!

Hinter schönen Landschaften und stilvollen Kostümen verhandelt Woody Allen also in dieser dialogrei­chen und natürlich stets ironischen Komödie eine gewonnene Altersweisheit: der Mensch ist zum kon­sequenten Rationalismus nicht geschaffen, irgendeine Form von Magie braucht er zum Über-Leben!


Hannah Arendt ****

D 2013 - 90 Min.

Regie: Margarethe von Trotta

Darsteller: Barbara Sukowa u.a.

 

In der Filmografie der Margarethe von Trotta lässt sich durchaus eine Sequenz mit dem Leitmotiv "Starke Frauen" (oder auch: "Linke Leitfiguren") er­kennen. Nach Katharina Blum, Rosa Luxemburg und Hildegard von Bingen hat sich die Regisseurin nun mit der politischen Theoretikerin Hannah Arendt beschäftigt. Das Leben dieser jüdischen Deutsch-Amerikanerin (1906 - 1975) ist geprägt von den Ver­werfungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Film mit dem schlichten Titel "Hannah Arendt" konzentriert sich jedoch fast nur auf die Jahre 1960 - 1964, in denen Arendt als Professorin am Brooklyn College in New York arbeitet und der Zeitschrift "New Yorker" anbot, als Gerichtsreporterin nach Jeru­salem zum Prozess gegen Adolf Eichmann zu reisen. Aus dieser Beobachtung und dem Studium der Ge­richtsprotokolle erwuchs dann eine Artikelserie und ein Buch mit dem Titel "Eichmann in Jerusalem": Der Untertitel erlangte bald Berühmtheit als strittiges Schlagwort: "Ein Bericht von der Banalität des Bösen". Auch ihre kritische Bewertung der europäischen Judenräte, die mit den Nazis in gewisser Weise kooperierten, lösten bei der jüdischen Community massive Vorwürfe gegen die Autorin aus. Vor diesem Hintergrund zeigt der Film eine resolute, differenziert denkende Frau, die sich von intellektuellen New Yorker Freunden und von jüdischen Bekannten missverstanden fühlt. Drohbriefe und ein mögliches Berufsverbot begleiten die Denkerin abseits der political correctness - nur wenige Personen bleiben auf ihrer Seite. Dier Mischung aus Debatten min der New Yorker Wohnung, Originals-Aufzeichnungen vom Eichman-Prozess und Szenen aus Uni-Vorlesungen hätten allein für eine spannende und gleichzeitig dokumentartische Handlung gereicht. Leider konnte es ich die Regisseurin von Trotta nicht verkneifen, Rückblenden in die Studentenzeit von Hannah Arendt in Marburg einzubauen, wo sie offensichtlich ein Verhältnis mit Martin Heidegger hatte, das aber durch dessen NS-Nähe 1933 erkaltete. Für die Erklärung von Arendts Positionen zum Totalitarismus im Allgemeinen, zum NS-Staat im Besonderen und zum Ho­locaust leistet die jugendliche Affäre allerdings wenig. In Erinnerung bleiben in jedem Fall eine facetten­reiche Darstellerin Barbara Sukowa, die die Theorie der Professorin mit Leben erfüllt, und ein illustres Ensemble in den weiteren Rollen (Michael Degen, Axel Milberg, Ulrich Noethen, Julia Jentzsch). Zur im­mer wieder aktuellen Schuldfrage bietet der Film einen erhellenden Beitrag, ganz im Sinne von Hannah Arendts keineswegs relativierender Aussage: "Wer hat je behauptet, dass ich, indem ich ein Unrecht beurteile, unterstelle, selbst unfähig zu sein, es zu begehen."


Im Labyrinth des Schweigens ****

D 2014 - 122 Min.

Regie: Giulio Ricciarelli

Darsteller: Alexander Fehling, Gert Voss u.a.

 

Die Geschichte der Aufarbeitung der NS-Vergan­genheit und insbesondere der NS-Verbrechen durchlief in der Bundesrepublik Deutschland nach 1949 höchst unterschiedliche Phasen. Während in den ersten etwa 15 Jahren das Prinzip des Ver­drängens und Verschweigens in Kombination mit einer Schlussstrich-Ideologie vorherrschte, welche durch eine unbestreitbare Elitenkontinuität in Justiz und Verwaltung begünstigt wurde, setzte in der Mitte der 60er Jahre eine sehr intensive und (selbst-)kritische Beschäftigung mit dem Thema ein, die dann in der Folge am Ende des 20. Jahrhunderts eine Art „Sättigung“ hervorrief - markiert etwa durch Martin Walsers Schlagwort von der „Auschwitzkeule“. Heutige Schüler werden in recht umfassender Weise mit den Ereignissen der Jahre 1933 - 1945 konfrontiert, eine Reihe von Gedenkterminen sorgt auch für das Nicht-Vergessen bei der breiten Öffentlichkeit. Insofern ist es interessant, einen Blick zu­rück in die Jahre des westdeutschen Wirtschaftswunders zu werfen, wo - wie oben angedeutet - eher eine Mauer des Schweigens errichtet wurde. Der Film „Im Labyrinth des Schweigens“ unternimmt nun den Versuch, einen bedeutenden Wendepunkt, nämlich die Vorbereitung und Durchführung des Frankfurter Auschwitzprozesses 1959 - 1965 darzustellen. Dabei bedient sich Regisseur und Drehbuch­autor Giulio Ricciarelli sehr konventioneller dramatischer Mittel: es gibt den jugendlichen Helden (hier Alexander Fehling als Staatsanwalt Johannes Radmann), es gibt die Verwicklungen einer Liebesge­schichte (Friedrike Becht als Marlene Wondrak) und es gibt die Spannungsmomente eines Justiz-Krimis. Im Hintergrund arbeitet als weiser und unbestechlicher Ratgeber der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer - die letzte große Rolle von Gert Voss. So entsteht ein ausgesprochen unterhaltsames Semi-Doku-Drama mit authentischem Zeitkolorit, das dankenswerterweise nicht in platte Schwarz-Weiß-Kli­schees verfällt. Die Gegenspieler werden differenziert präsentiert, der junge Staatsanwalt verrennt sich zeitweise in einen Kohlhaasschen Rachefeldzug und muss letztlich einräumen, dass ihn nur die Gnade der späten Geburt von Schuld freigehalten hat. Demgegenüber entpuppt sich der angepasste Ober­staatsanwalt (Robert Hunger-Bühler) keineswegs als eindimensionaler Alt-Nazi, sondern eher als prag­matischer, bürgerlicher Realo. Das juristische und private Happy End wirkt somit nicht konstruiert. Ins­gesamt lohnt sich der Film als kurzweilige Geschichtsstunde über die jüngere deutsche Vergangenheit.


Gast-Kommentar von Filmkritiker und Jura-Profi "herms": Die Parallelen zwischen "Hannah Arendt" und "Labyrinth des Schweigens" erschöpfen sich nicht nur im zeittypischen Zigaretten-Gequalme, das im Kino gefühlte schlechte Luft erzeugt. Die Außenseiterstellung der Einen wie des Anderen in einer Nachkriegsgesellschaft der Verdrängung von gerade erst vergangenen unfassbaren Gräueln macht noch heute Angst. Unsere heutigen Junglehrer/innen sind gut beraten, das bald vergessene Thema angesichts vor allem des "Labyrinth"-Films wieder neu aufzugreifen. Die Nachkriegsgesellschaft in der jungen BRD wird recht plastisch bebildert und vertont, es fehlen keine Stereotypen, es bleibt aber dennoch recht spannend und wird niemals platt, vielleicht mit Ausnahme der kurzen Gewissensbefragung und Liebeszweifel des jungen Staatsanwalts, der am Ende doch noch in die Spur findet. Wir fragen nur verzweifelt, was denn Marlene ohne ihn anfangen soll ... Insgesamt hat das der Regisseur trotz deutsch-verkopfter Dialoge und überzogener Nahaufnahmen auf den Fehling-Charakterkopf doch richtig gut gemacht, so dass vier Sterne vom Cooltourist wirklich berechtigt erscheinen.


Monsieur Claude und seine Töchter **

FR 2014 - 97 Min.

Regie: Philippe de Chauveron

Darsteller: Christian Clavier, Chantal Lauby u.a.

 

Könnte es sein, dass es in Frankreich eine staatliche Filmförderungs-Behörde gibt, die den Auftrag hat, seichte Komödien zu protegieren, die die sozialen Gegensätze kaschieren? Jedenfalls sind nun schon zwei Filme aufge­taucht, die mit "radikalem Witz und schonungsloser Provo­kation" (so sehr vollmundig das Programmheft) die Span­nungen zwischen Arm und Reich, bzw. zwischen einzelnen Ethnien thematisieren wollen. Nach dem grandiosen Kas­senerfolg von "Ziemlich beste Freunde" ist nun Monsieur Claude (Verneuil) mit seinen Töchtern auf Kino-Tournee. Der Zufall - oder das arg konstruierte Drehbuch - will es, dass alle vier Töchter keinen "echten" Franzosen, sondern einen Juden, einen Araber, einen Chinesen und einen Farbi­gen von der Elfenbeinküste heiraten. Das strapaziert natürlich die Nerven von Patriarch Claude, der als wohlhabender Notar ein eh­renwerter Gaullist und keineswegs ein Anhänger von Le Pens Front National ist. Doch die multikulturellen Schwiegersöhne sind dankenswerterweise sozial höchst angepasst und stets fähig, die französische Nati­onalhymne abzugrölen. Somit darf nach mancherlei Verwicklungen der Film auch sicher in das Happy End mit Friede, Freude, Eierkuchen steuern und Vater Claude bei der Hochzeit seiner jüngsten Tochter enthemmt zu einem World-Disco-Sound auf der Terrasse seines noblen Anwesens tanzen. Es fehlte nur noch, dass zum Finale Francois Hollande mit dem Hubschrauber einschwebt und dem ganzen seinen prä­sidialen Segen schenkt.


Fack ju Göhte *

D 2013 - 118 Min.

Regie: Bora Dagtekin

Darsteller: Elyas M’Barek, Karoline Herfurth, Katja Riemann u.a.

 

Eine kleine Kino-Sensation ist aus dem Land der Dichter und Denker zu vermelden: nach nur zwei Monaten Laufzeit katapultierte sich "Fack ju Göhte" an die Spitze der deutschen Besucher-Charts. Warum? Weil offensichtlich der von Super RTL, Pro 7 und Super-Illu geprägte deutsche Medien-Konsument in diesem Film genau das vorfindet, was sein kleiner Geist ohne Anstrengung goutieren möchte: eine Mischung aus grenzdebiler Brachial-Comedy und rührender Sozial-Romantik. Besonders die weit verbreiteten Klischees über den Schulbetrieb (zu dem ja jeder seine eigenen Erfahrungen abrufen kann) scheinen es dem Drehbuchautor und Regisseur Bora Dagtekin ("Türkisch für Anfänger") angetan zu haben. In der Goethe-Gesamtschule finden wir wie in einem Schmelztiegel alles, was Stammtisch und Boulevard schon immer vermutet haben: suizid-gefährdete Lehrer mit Burn Out (Uschi Glas), zynische Direktorinnen (Katja Riemann), überforderte Lehramtsanwärterinnen (Karoline Herfurth), dazu kreuzbrave Siebtklässlerinnen, Informatik-Nerds und besonders die prollige 10b mit dem ganzen Arsenal an Big-Brother- und No-Future-Kids. In diese Welt bricht - o Wunder der Handlungsführung - der Ex(?)-Zuhälter Zeki Müller (Elyas M’Barek) ein und mischt mit intellektuell unverdorbener Macho-Pädagogik den ganzen Haufen auf. Die sogenannten Gags stammen aus dem verstaubten Fundus des deutschen "Hilfe-die-Schule-brennt"-Kinos, die sogenannte Jugendsprache entlarvt sich schon auf dem Kinoplakat, wo die beiden Hauptdarsteller als "Elyarsch" und "Herfurz" tituliert werden - sehr witzig! Dass es dem Pseudo-Lehrer Zeki sogar gelingt, seine bildungsferne 10 b zur Lektüre von Schillers "Reuba" zu animieren, ruft wehmütige Erinnerungen an den DDR-Proletarier Edgar Wibeau und dessen Rezeption von "Werther" hervor. Und in der Theater-AG proben die Schüler "Romeo und Julia" (von Shakes-Bier?) so wie sich Lieschen Müller das moderne Theater vorstellt. Am Ende wird aus dem Chaos Schule noch ein pädagogisch wertvoller und politisch korrekter Schluss gezogen - weiterer Beweis für die bemerkenswerte Schlichtheit dieses Filmprodukts. Über fünf Millionen Menschen haben sich bisher dafür mit Popcorn-Eimern in die Multiplexe geschoben - da drängt sich zwangsläufig der alte Slogan auf: "Esst Scheiße - Millionen Fliegen können nicht irren!"

P.S. Für 2014 ist Teil 2 angedroht!


Inside Llewyn Davis *****

USA 2013 - 92 Min.

Regie: Joel & Ethan Coen

Darsteller: Oscar Isaac, Carey Mulligan, John Goodman u.a.

 

Wenn Llewyn Davis seinen Vornamen buchstabieren muss, sollte er einfach mit zwei L wie loser beginnen. Denn darauf ist der ambitionierte Folkmusiker, der mit Cordjacke und Gitarrenkoffer durchs winterliche Greenwich Village der 60er Jahre streift, programmiert. Mit der Karriere geht es nicht voran, er spielt im Gaslight Cafe für Trinkgelder im basket und ein großer Karton unverkäuflicher Langspielplatten steht herum. Dazu schläft er fast jede Nacht auf einer fremden Couch, hat dabei schon die Freundin seines Freundes geschwängert und den Kater eines Uniprofessors unfreiwillig in die Freiheit entlassen. In dieser äußerst sympathischen Charakterstudie konzentriert sich der Film "Inside Llewyn Davis" von den Brüdern Joel & Ethan Coen. Dabei wollen sie nicht nur semidokumentarisch die damalige Folk-Szene (mit Künstlern wie Dave van Ronk, Phil Ochs oder Tom Paxton) spiegeln, sondern auch - ein bisschen wie Woody Allen - die Jugendkultur jener Zeit in New York andeuten. Ganz neue Dimensionen / Abgründe erreicht der Film aber, wenn Llewyn auf einer kalten Autofahrt nach Chicago auf zwei skurrile Typen trifft (John Goodman, Garret Hedlund), die den Ausflug zu einem Alptraum a la Jim Jarmuch machen. Als perfekte Zugabe zu einem atmosphärisch beeindruckenden Film erweist sich der von T Bone Burnett produzierte Soundtrack. Hauptdarsteller Oscar Isaac ist als Nicht-Profimusiker ein absoluter Glücksfall, der den Folk-Blues in der Stimme und das Merle-Travis-Picking in den Fingern hat. Weitere Beiträge kommen u. a. von Justin Timberlake (!) und Michael Mumford. Ganz am Ende schlurft noch ein hagerer Kerl auf die rauchige Bühne des Gaslight Cafés: es ist ein gewisser Bob Dylan und er singt "Farewell" - eine bislang unveröffentlichte Aufnahme aus dem Jahre 1964. Jener soll übrigens danach auf dem Sofa des Mentors Dave van Ronk geschlafen haben. Nicht zu Unrecht sprechen viele Kritiker von einem Meisterwerk, das (wie etwa "No Country For Old Men") einen Oscar verdient hätte.


Blue Jasmine ****

USA 2013 - 95 Min.

Regie: Woody Allen

Darsteller: Alec Baldwin, Cate Blanchett, Sally Hawkins u.a.

 

Sollte der Chefzyniker Woody Allen plötzlich zum altersmilden Romantiker geworden sein? In seinem neuen Film "Blue Jasmine" stellt er uns zunächst die Kritik einer Lebenswelt vor: die New Yorker Finanz-Hai-Society, in der die stilsichere Jasmine (Cate Blanchett) den vermeintlichen Super-Reichtum ihres Ehemanns Hal (Alec Baldwin) genießt. Doch hinter der glänzenden Fassade stecken hochriskante - letztlich in die Katastrophe führende - Spekulationen und fortgesetzte eheliche Untreue von Seiten des Gatten. Somit muss die mittellose Jasmine Zuflucht bei ihrer Schwester Ginger (Sally Hawkins) in San Francisco suchen. Diese ist Kassiererin in einem Supermarkt und mit dem Hilfsarbeiter Ginger befreundet. Der cultural clash ist unvermeidlich, weil Jasmine ihr tendenziell arrogantes Verstellspiel fortsetzt und dann tragisch in einer neuen Liebesbeziehung mit dem aufstrebenden Politiker Dwight scheitert.

Soweit ist das alles die wohlbekannte Gesellschafts-Satire nach Art des Hauses Woody Allen. Doch plötzlich zündet er am Ende zwei kleine Lichtlein der Hoffnung an: zum einen die Beziehung zwischen Ginger und Chili, die eine bescheidene Zweier-Idylle beschwören und zum anderen das erneute Auftauchen des Sohnes von Jasmine, der als Second-Hand-Gitarren-Händler seine Verwirklichung in bewusster Abgrenzung zu den Eltern gefunden hat.

Das letzte Bild des Films ist aber wieder der fast schon antiken Tragödie mit immenser Fallhöhe gewidmet. Jasmine sitzt allein auf einer Parkbank in San Francisco und redet wirr vor sich hin.

Eine Paraderolle für die nuancenreiche Cate Blanchett und eine neue Facette in der langen Filmographie des Woody Allen.

 

Gegengutachten des freien Mitarbeiters Joe Jackson:

... komme ich bei Blue Jasmine zu einem ganz anderen Ergebnis:

Klischeehaft, oberflächlich, überkonstruiert (etwa mit dem Märchenprinzen, der plötzlich auf der Party in San Francisco auftaucht) und eigentlich unnötig. Eine abgehobene Kritik an den Finanzwelt-Gaunern aus der High-Society-Ecke (vielleicht hat Woody ja auch Geld verloren und versucht jetzt seine private Rache), die jede Tiefe - und übrigens auch fast jeden Woody-Allen-Witz - vermissen lässt. Ich habe mich selten im Kino so gelangweilt, deswegen von mir höchstens zwei Sterne.


Liberace ***

USA 2013 - 116 Min.

Regie: Steven Soderbergh

Darsteller: Michael Douglas, Matt Damon u.a.

 

Was heute Elton John und Lady Gaga sind, war in den 70er Jahren Liberace (Michael Douglas) in einer Person.

Als virtuoser Pianist, Entertainer in Las Vegas und Superstar der pompösen Shows lag ihm weltweit ein Millionenpublikum zu Füßen. Auf der Bühne und im Privaten erhob er Luxus und Glamour zu seinem Lebensstil. Lange Pelzmäntel, glitzernde Kostüme, goldene Kerzenständer und massenhaft teurer Schmuck waren seine Markenzeichen. Mehrere Rolls-Royce zählten zu seinem Fuhrpark, alleine 39 Flügel schmückten seine private Villa. Alles gab es im Überfluss - und er selber sagte einmal: "Too much of a good thing is wonderful".

Im Sommer 1977 betritt ein attraktiver Jüngling nach einem großen Auftritt seine Garderobe: Scott Thorson (Matt Damon), ein einfacher Junge aus der Provinz, der von Liberace zum Prinzen an seiner Seite verwandelt wird. Zwischen den beiden entwickelt sich eine enge, über Jahre streng geheim gehaltene Affäre. Eine tragisch-faszinierende Liebesgeschichte, die immer intensiver wird – und die im Laufe der Zeit vom Exzess und Schönheits-OPs ebenso begleitet wird wie von großen Gefühlen, Eitelkeiten und Eifersucht …

Steven Soderbergh ("Erin Brockovich", "Ocean's Eleven") zeigt die beiden Oscar-Preisträger Michael Douglas ("Wall Street") und Matt Damon ("Good Will Hunting") in ebenso ungewöhnlichen wie großartigen Rollen. Aufstieg und Fall der intensiven Beziehung zwischen dem US-Entertainer Liberace und dem wesentlich jüngeren Scott Thorson begeisterte das Publikum bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes, dank zweier Schauspielstars in Höchstform und einer fantastischen Glitzer- und Glamourwelt auf und hinter der Bühne, die von Oscar- Gewinner Steven Soderbergh gekonnt in Szene gesetzt wurde.


Lincoln ***

USA 2012 - 151 Min.

Regie: Steven Spielberg

Darsteller: Daniel Day-Lewis, Sally Field, Tommy Lee Jones u.a.

 

Wenige Monate nach seiner Wiederwahl Ende 1864 schlägt Präsident Lincoln seine größte Schlacht. Von seiner Partei (den damals fortschrittlichen Republikanern!) und dem eigenen Gewissen unter Druck gesetzt, den Bürgerkrieg zu beenden, will er mit der Abschaffung der Sklaverei einen Verfassungszusatz durch das Repräsentantenhaus bringen, der Frieden und die Wiedereingliederung der abtrünnigen Staaten in die Union eigentlich unmöglich macht. Doch Lincoln kämpft um jede Stimme unter seinen politischen Gegnern, ohne dabei seine Grundsätze verraten zu müssen.

Steven Spielbergs ungewöhnliche Produktion ist ein episches Kammerspiel mit verbal intensiven Konfrontationen und Diskussionen von bärtigen Männern in Plenarsälen, Privatzimmern und Büros. Äußerst zeitlos erlebt man Interessen, Intrigen, Machtspiele und Taktieren in der Politik. Leider verfällt der Film immer wieder in unkritisches Pathos und zeichnet langatmige Schlachtengemälde.


Whatever Works ****

USA, 2009 - 92 Min.

Regie: Woody Allen

Darsteller: Larry David, Evan Rachel Wood u.a.

 

Der New Yorker Professor Boris Yelnikoff verbreitet gerne seine zynische Sicht der Dinge bezüglich Religion, Beziehungen und der Fragwürdigkeit der menschlichen Existenz. Nach der Trennung von seiner Ehefrau Jessica, endet ein selbstmörderischer Sprung aus dem Fenster auf einem alten Sofa. So wird er zu einem in den Tag hinein lebenden Bohemien, der sich nebenbei als Schachlehrer betätigt. Doch die jung-naive, von zu Hause weggelaufene Melodie (Evan Rachel Wood) weckt plötzlich in ihm so etwas wie Freundschaft, ja "Liebe". Ein einfaches Happy End wäre jedoch nicht akzeptabel und so kommen die Eltern von Melodie ins Spiel … Woody Allens Versuch sich selbst durch den Darsteller Larry David zu ersetzen, ist scheinbar nicht zur vollen Befriedigung ausgefallen, denn es blieb bei dem einen Mal. Dennoch ein Film, der Woody Allen als Regisseur und Drehbuchautor in lustvoller Beschäftigung mit seinen Lieblingsthemen zeigt.