LESE.PROTOKOLL


***** hervorragend    **** lesenswert    *** Licht und Schatten 

** nur bedingtes Vergnügen    * überflüssig


Sibylle Berg: GRM. Brainfuck (Roman) *****

Kiepenheur & Witsch (Köln 2020)

ca. 630 Seiten, 14,00 Euro

 

Bei Enid Blyton hätte der Roman vermutlich „Vier Freunde und der Traum von einer besseren Zukunft“ geheißen, bei Sibylle Berg steht die düstere Botschaft im Untertitel: irgendjemand hat der Menschheit ins Gehirn geschissen, und das ist dabei herausgekommen. Bergs Prosa-Langstrecke mit dem Kürzel „GRM“ ist eine Dystopie der nahen Gegenwart, ein Blick auf eine vermeintlich schöne neue Welt, eine schnöde (man könnte auch sagen: zynische) Abrechnung mit Hoffnungs-Trägern und Utopisten.

In dem Kaff Rochdale bei Manchester finden sich vier Jugendliche, die vom Schicksal ihrer bisherigen Sozialisation bös bestraft worden sind. Don, Karen, Hannah und Peter beschließen: „Keiner wird uns mehr verletzen … wir rächen uns an allen, die uns wehgetan haben!“ Grime (= GRM), der Punk der 2020er Jahre ist ihre Musik, der Ausdruck ihrer Wut, London ihr neues Ziel.

Weitere Personen kommen ins Spiel: Thome und sein Vater, ein führender Politiker, MI5 Piet, ein alles überwachender Geheimdienst-Mann, der Programmierer, ein Protagonist des digitalen Imperiums. Die Geschichte weitet sich zur düsteren Gesellschaftsanalyse. Wie bei George Orwells „1984“ mit Glücksspiel, werden hier die unteren Schichten mit bedingungslosem Grundeinkommen ruhig gestellt. Der Staat installiert eine lückenlose Überwachung mit implantierten Chips und Sozial-Punkte-System, Virtual-Reality-Räume ersetzen den Urlaub, Start-Up-Sklaven bevölkern die Arbeitswelt - die vier Freunde sehen sich als letzte kritische Untergrundbewegung umgeben von einer „Herde absolut dämlicher Tiere“, von einer Masse aus fleischgewordener, bedürfnisloser Zufriedenheit. Thomes Vater, das Musterexemplar des alten weißen Mannes bezeichnet die Demokratie als veraltete Technologie, als bloße „Übergangslösung zum Endziel eines technokratisch geführten Landes“. Gar nicht so zukünftig ist der Befund, dass die Welt sich erleichtert alten Diktatoren unterzuordnen scheint. Dann aber verliert der Populist Thome die Wahl gegen das perfekteste System des Populismus, gegen die Internet-Partei, die mit 80 Prozent der Wählerstimmen gewinnt und einen Avatar, einen Schauspieler (!) als Premierminister einsetzt: „die Bürger haben in der neuen, glücklich machenden, direkten Demokratie dafür gestimmt, sich komplett überwachen zu lassen“.

Und die vier Freunde erkennen neben sinnlosem Liebeskummer das Fehlschlagen ihrer revolutionär gedachten Aktion - es war nur ein weiterer Versuch, „die Welt in dieser Junge-Menschen-ändern-die-Welt-Art zu retten“. Sie werden ihren Platz in der neuen Mitte der Gesellschaft einnehmen. Die Zeitläufte gehen wunderbar und ruhig weiter als geleitete Demokratie ohne Unruhen, mit viel Kontrolle und weniger Natur. „Fast alles scheint den Menschen egal“.

Diesen deprimierenden Befund verkündet Sibylle Berg mit verbaler Härte und einer sprachlichen Radikalität, die an Brett Easton Ellis‘ „American Psycho“ oder Anthony Burgess‘ „Clockwork Orange“ erinnern. Ein deprimierender Blick auf die 2030er Jahre, ein fesselndes Stück Gegenwarts-Literatur, ein aufrüttelnder Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte!

 

https://www.kiwi-verlag.de/buch/sibylle-berg-grm-9783462000207


Paul McCartney: Lyrics. 1956 bis heute ****

Aus dem Englischen übersetzt von Conny Lösch

Verlag C. H. Beck (München 2021)

847 Seiten, 78,00 Euro

 

Zum 80. Geburtstag kann man dem lieben Paul McCartney etwas abnehmen: ca. 5 Kilogramm Songs für 78,00 Euro, was nach der deutschen Handelsverordnung einen Kilopreis von 15,60 Euro ausmacht. Dafür erhält man einen wuchtigen grünen Schuber mit zwei Bänden, in denen auf knapp 900 Seiten 154 Songs von Sir Paul versammelt sind. Sie stammen aus den Jahren 1956 - 2020, also von dem Lied, das er als Vierzehnjähriger anlässlich des Todes seiner Mutter Mary geschrieben hat („I Lost My Little Girl“) bis zu den Songs seines bislang letzten Albums „McCartney III“.

Die Werke sind alphabetisch - d. h. nicht chronologisch - geordnet, sie enthalten die üblichen Credits, dazu natürlich den Songtext, einen unterschiedlich langen Kommentar des Komponisten und eine bunte Mischung von Archivfotos. Die Kommentare entstanden in etwa 24 Gesprächsrunden („Sitzungen“) zwischen 2015 und 2020, bei denen sich der nordirische Dichter Paul Muldoon (71) mit Paul McCartney traf. Muldoons Affinität zur Rockmusik zeigt sich daran, dass er nach wie vor Gitarrist der Hobby-Rockband „Rackett“ ist und neben traditioneller Lyrik auch Songtexte für Warren Zevon geschrieben hat. In der Einleitung bezeichnet er seinen Freund PMC als bescheidene „Ikone des 20. Jahrhunderts“ und die Beatles als außergewöhnliche Band, denn bei ihnen „waren keine zwei Stücke gleich“.

Das Vorwort des Jubilars deutet darauf hin, dass er keine Biografie mehr über sich schreiben, sondern nur seine Songs sprechen lassen will. Als Einflüsse listet er natürlich seine Mutter, den Vater Jim, einen begabten Jazz-Pianisten, den Englischlehrer Alan Durband, der bei ihm die Liebe zu Nonsens- und Kinderreimen, zu Lewis Carroll und Dylan Thomas weckte, die musikalischen Vorbilder Chuck Berry und Buddy Holly sowie seine verstorbene Ehefrau Linda Eastman auf. Songschreiben bezeichnet er als Kompromiss zwischen persönlichen Interessen und den Erwartungen der Fans. In der Endphase der Beatles und mit seinen letzten Alben bewies McCartney, dass er es sich leisten kann, kreative Experimente zu wagen.

In einer weltweiten Hitliste von McCartney-Songs dürften zwei Titel an erster Stelle stehen: „Yesterday“ (1965) und „Let It Be“ (1970) - fachkundiger Widerspruch ist natürlich jederzeit möglich. Über „Let It Be“ erfährt man, dass Shakespeares Hamlet und Pauls Mutter mit dem Titel etwas zu tun haben und dass der Song als eine Art „Mini-Gebet“ in harten Zeiten verstanden werden kann. Bei „Yesterday“ entstand im Hause seiner damaligen Freundin Jane Asher zuerst die Melodie am Klavier, als Arbeitstext fungierten die Zeilen „Scrambled eggs, oh my baby how I love your legs“. Soviel Banalität wäre aber nicht angemessen werden: in der Endfassung schwingt wieder der Tod der Mutter zwischen den Zeilen und ein originelles Streicher-Arrangement schickt die Beatles ins Kunst-Gewerbe und den Song auf Platz 1 der besten Songs des 20. Jahrhundert (laut „Rolling Stone“). Das Original-Textblatt für „Yesterday“ kann übrigens im British Museum bestaunt werden.

Eine musikhistorisch interessante Frage umschifft der harmoniesüchtige Paul McCartney allerdings weitgehend. In der Beatles-Ära traten John Lennon und Paul McCartney als festes Songschreiber-Duo auf, unabhängig davon, wer nun wieviel kreative Arbeit in einen Song investiert hatte. Das führte nach 1970 zu einigen Streitereien über die tatsächliche Autorenschaft., zum Beispiel bei den Titeln „Eleanor Rigby“ und „Ticket To Ride“ - beide sind aber in McCartneys Buch präsent. Unbestrittene Alleingänge von John Lennon wie „Strawberry Field Forever“, „All You Need Is Love“ oder das Beatles-Porträt „Come Together“ wurden ausgelassen. Insgesamt bezeichnet Paul McCartney seinen langjährigen Partner als großes Vorbild, als eine Art großer Bruder, aber auch (manchmal) als „totalen Idioten“. Das immer respektvolle gemeinsame Songschreiben sieht er als „kleines Wunder“.

Es lohnt sich also, acht Regalzentimeter freizumachen und immer wieder durch diese Schatzinsel mit Songs, Bildern und Erinnerungen zu streifen; ach ja: „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson war auch das erste Buch, in das sich Paul McCartney als kleiner Junge verliebt hatte.

 

https://www.chbeck.de/mccartney-lyrics/product/32417565


Annika Büsing: Nordstadt   ****

Steidl Verlag (Göttingen 2022)

125 Seiten, 20,00 Euro

 

Aus dem Mathematik-Unterricht kennen wir die Formel: Minus mal Minus ist Plus. Das scheint auch das Konzept des Debütromans von Annika Büsing zu sein: zwei Loser treffen aufeinander und gewinnen am Ende (vielleicht) ein zufriedenstellendes Leben.

Nene und Boris sind zwei junge Erwachsene, auf die - wie mit einem Brennglas - soziale Härten abgeladen wurden: Nenes Mutter starb an Krebs, der alleinerziehende Vater ist Alkoholiker, er schlägt immer wieder seine Tochter („als Familie waren wir aufreizend asozial und arm“); im Alter von 17 Jahren wurde Nene von einem anderen Jugendlichen vergewaltigt. Das alles hat sie hart gemacht, gleichzeitig aber auch durch Realschule und Berufsschule zum Beruf der Bademeisterin geführt. Denn das Schwimmen war schon immer ihre Leidenschaft, vielleicht auch als ein Sinnbild, wie man den Kopf über Wasser hält.

Boris erkrankte mit zwei Jahren an Kinderlähmung, weil seine Mutter ihn nicht impfen ließ, seitdem ist er gehbehindert, ein „Krüppel“ und ein Misanthrop. Zu oft hat man „Das kannst du nicht“ zu ihm gesagt, er selbst bezeichnet sich als „vom Tode markiert“, verleugnet seine Arbeitslosigkeit und verfällt immer wieder in Resignation: „Das ist alles ein großer Irrtum hier“.

Im Schwimmbad lernen sich die beiden kennen, im Kino kommt es zu ersten Annäherungen, im Bett aber auch zu er(n)sten Problemen.

Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive von Nene erzählt; von ihrem Deutschlehrer an der Realschule hat sie die Vorzüge der lakonischen Sprache erlernt, die aber oft in einen explizit-derb-vulgären Slang verfällt. Sie schlägt immer wieder Klischee- und Kitsch-Alarm, warnt vor der Metaphern-Keule und vor verschlissenen Bildern: da schimmert die textkritische Ausbildung der Autorin gewaltig durch!

Der Titel „Nordstadt“ verweist auf die sozialen Brennpunkte in Ruhrgebiet-Großstädten und erinnert ein bisschen an den legendären Song von Franz-Josef Degenhardt (1965): „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, / Sing nicht ihre Lieder, / Geh doch in die Oberstadt“. Insgesamt ein viel versprechendes Roman-Debüt mit einem geschärften Blick für die Becken-Randgruppen, das rückblickend die Hauptperson Nene wohl gerne schon während ihrer Realschulzeit im Deutschunterricht gelesen hätte.

 

https://steidl.de/Kuenstler/Annika-Buesing-1123354752.html


Martin Beyer: Und ich war da (Roman) ***

Ullstein Verlag (Berlin 2019)

ca. 185 Seiten, 20,00 Euro

 

Romane über Schicksale in der NS-Zeit gibt es viele, wer da noch ein weiteres Angebot macht, muss schon ein überzeugendes Programm vorweisen. Diesen Anspruch will die Konzeption von Martin Beyers zweiten Roman (nach: „Alle Wasser laufen ins Meer“) einlösen. In drei Etappen soll gezeigt werden, wie ein Jugendlicher in der Hitlerjugend mit der NS-Ideologie (aber auch mit Gegenentwürfen) konfrontiert wird, wie er als junger Mann 1941 an der Ostfront zum Täter wird und wie er schließlich 1943 mit (prominenten) Opfern des NS-Regimes konfrontiert wird. Spiegelbildlich werden diese drei Kapitel umrahmt durch eine Szene am 23. Februar 1943, dem Tag, an dem sich der Ich-Erzähler August Unterseher erschießen will.

August wächst mit dem älteren Bruder Konrad auf einem Bauernhof südlich von München auf, die Mutter ist bei seiner Geburt gestorben, der alleinerziehende Vater Hermann Unterseher ist ein körperlich dominanter Haus-Tyrann, der ein strenges Arbeitsregiment führt und seinen 17jährigen Sohn fast zu Tode prügelt. Während Bruder Konrad Karriere bei der HJ und beim Reichsarbeitsdienst macht, lernt August den gleichaltrigen Paul Jansen kennen, ein jüdischer Junge mit einem ganz anderen Bildungshintergrund und der Organisator einer geheim bündischen Gruppe. 1938 verlässt Paul Deutschland, weil sein Vater ein Angebot als Arzt in Italien bekommt. Wenig später stößt August auf Isabella, die in einer alten Mühle ein geheimes Warenlager anlegt und deren Bruder Peter offensichtlich Kontakte zu kommunistischen Organisa tionen hat. Nach dessen Verhaftung ist auch Isabellas Leben gefährdet. Somit wird August zweimal mit Modellen des Widerstands konfrontiert - aber offensichtlich nicht infiziert.

Denn das zweite Kapitel enthält nun plötzlich und reichlich unvermittelt, drei sogenannte Klarträume von Kriegssituationen an der Ostfront 1941. Diese Methode der Vergangenheitsbewältigung hat ihm seine Tochter Anna, eine Psychologiestudentin, empfohlen: erst 1988 bringt August diese Träume mit drastischen Erlebnissen zu Papier.

Das dritte Kapitel schildert Augusts Aufenthalt im Lazarett, die Rückkehr an den väterlichen Bauernhof, den Kontakt mit drei Kriegsgefangenen als Zwangsarbeiter und schließlich seine Tätigkeit als Helfer des historisch verbürgten Scharfrichters Johannes Reichart. Am 22. Februar 1943 führt er mit diesem die Hinrichtung der Geschwister Sophie und Hans Scholl in München-Stadelheim durch, die dann bei ihm eine grundlegende Sinn- und Schuldkrise auslöst. In der Nacht zum 23. Februar entwickelt sich ein kritischer Gedanke in seinem Kopf: „Du hättest eine Flamme sein sollen … und bist nur eine Funzel geworden“.

Die Entwicklung des Ich-Erzählers lässt zwar aus heutiger Leser-Perspektive die Frage zu, wie man sich selber in vergleichbaren Umständen verhalten hätte, insgesamt aber bilden sich zu viele Leerstellen, bei denen die Motivation der Hauptperson nicht schlüssig analysiert wird. Die Vermischung von Fiktion und historischer Realität wirkt insgesamt eher störend und konstruiert. Wer den Typus des Mitläufers studieren will, ist beispielsweise mit Hans Werner Richters kleinem Roman „Die Stunde der falschen Triumphe“ besser bedient.

 

https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/und-ich-war-da-9783550200397.html

https://www.hinter-den-tueren.de/


Knut Hamsun: Hunger (Roman) ****

aus dem Norwegischen von Siegfried Weibel

Ullstein Verlag (Berlin 2017)

ca. 230 Seiten, 12,00 Euro (Tb)

 

Eine Umfrage zu Beginn des 21. Jahrhunderts ergab, dass Carl Spitzwegs Gemälde Der arme Poet (1839) - gleich nach Leonardo da Vincis Mona Lisa - zu den beliebtesten Bildern der Deutschen zählt. Bei Knut Hamsuns Romandebüt Hunger (1890) dürfte unter der Rubrik „beliebtester Roman der Deutschen“ ein solches Ergebnis keineswegs zustande kommen. Thematisch sind sich die beiden Kunstwerke wohl sehr nahe, doch in der Herangehensweise an das Motiv zeigen sich gravierende Unterschiede. Während Spitzweg eine Boheme-Idylle zeichnete, die trotz der prekären sozialen Situation noch Romantik und Wärme ausstrahlt, verfasste Hamsun eine düstere Psycho-Studie, die von Kälte und Isolation geprägt ist, die einen Schreib-Künstler im Zustand psychosomatischer Debilität, zwischen Traum und Wahnsinn illustriert.

Der Ich-Erzähler - sein Name ist vermutlich Andreas Tangen - lebt in Kristiania (später Oslo) als meist arbeitsloser Schriftsteller in großer Armut. Er leidet Hunger, kann die Zimmermiete nicht bezahlen und besitzt eigentlich nur einen Bleistift, mit dem er vormals eine Abhandlung über philosophische Erkenntnis geschrieben hatte. Der handlungsarme Roman besteht im Wesentlichen aus Selbstbeobachtungen und Reflexionen, teilweise mit übersteigertem Wahrnehmungsvermögen, teilweise im existenziellen Dämmerzustand - meist als Gratwanderung zwischen subjektiver Wahrheit und Traum: „Mein verwirrter Zustand ging mit mir durch und gab mir die wahnsinnigsten Einflüsterungen, denen ich der Reihe nach gehorchte“ oder „Wie war es mit mir nur die ganze Zeit beständig bergab gegangen“. Kurze Erfolgserlebnisse mit erfolgreicher Abgabe von Texten bei Redakteuren wechseln mit Phasen der brotlosen Schreib-Kunst. Sozialhilfe oder Almosen lehnt er ab, eine undeutliche Liebesgeschichte führt nie zu stabilen Verhältnissen.

Hamsun spiegelt das verwirrte Bewusstsein eines Mannes, zeigt aber für seinen Anti-Helden keinerlei erklärende soziale Hintergründe, keine Anamnese der verfahrenen Situation. Somit distanziert er sich bewusst vom sozialen Drama des 19. Jahrhunderts, das in Skandinavien mit Ibsen und Strindberg eine große Tradition aufweist. Umso überraschender endet der Roman mit einer möglicherweise positiven Perspektive: Tangen heuert auf einem russischen Schiff als Matrose an, er verabschiedet sich auf unbestimmte Zeit von Kristiania, „wo in allen Häusern die Fenster so hell leuchteten“.

Der eindringliche Roman, zählt zu den bedeutendsten Werken der Moderne, er hat zahlreiche Schriftsteller des 20. Jahrhunderts beeinflusst, darunter Marcel Proust und James Joyce.

 

https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/hunger-9783843707947.html


Sascha Filipenko: Die Jagd (Roman)   *****

aus dem Russischen von Ruth Altenhofer

Originalausgabe „Trawlja“ (Moskau 2016)

Diogenes Verlag (Zürich 2022)

ca. 275 Seiten, 23,00 Euro

 

Hätte man es nicht schon längst wissen können? Das ist eine Frage, die im politischen Diskurs über Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine häufig auftaucht. Sascha Filipenkos Roman „Die Jagd“ ist schon 2016 erschienen, er beschreibt eine russische Gesellschaft, in der anstelle von demokratisch-rechtsstaatlicher Zivilisation das Gesetz des Dschungels herrscht, in der die Mentalität der russischen Inkasso-Mafia zum Leitbild geworden ist. Nun mag man einwenden, dass das Buch damals nur auf Russisch und sogar in einem Moskauer Verlag erschienen ist, ja dass es sogar noch für den russischen Booker-Preis vorgeschlagen wurde. Auf jeden Fall ist dieser Roman eine hellsichtige Satire, ein ziemlich unverschlüsselter Schlüsselroman mit hohem Erkenntniswert, der leider erst jetzt eine deutsche Übersetzung gefunden hat.

Filipenko erzählt genüsslich von der Familie des Oligarchen Wladimir Slawin (mit Frau und sechs Kindern), die ein Luxusleben in Südfrankreich führen, während der Vater im russischen Fernsehen antidemokratische Thesen vorträgt und als „Onkel Wolodja“ den Kampf gegen Oppositionelle organisiert. Dafür hat er unter anderem den Drogendealer Kalo und den korrupten Sportredakteur Lew Smyslow engagiert. Sie sollen den kritischen Schriftsteller Anton Quint, bei dem deutliche Nawalny-Parallelen sichtbar werden, im Rahmen einer Hetzjagd zur Strecke bringen. Quint, der über die Familie Slawin intensiv recherchiert hat, wird durch Fake-News im Netz verunglimpft, wird in seiner Wohnung terrorisiert und rastet am Ende in einer Verzweiflungstat aus.

Dies alles illustriert eine entsolidarisierte Gesellschaft, „ein Land, in dem die Mehrheit nur Lügen glauben will“ und in dem Patriotismus verwechselt wird mit der „Bereitschaft, auch die idiotischsten Ideen des Führers mitzutragen“. Filipenko sieht einen Antagonismus zwischen Gopniks (entwurzelten, gewaltbereiten jungen Männern) und der verbliebenen Intelligenzija, der offensichtlich zu Gunsten Ersterer auszugehen droht.

Als Aufbaustruktur des Romans hat sich der Hobby-Cellist Filipenko die Form des Sonatenhauptsatzes mit Exposition, Durchführung und Schlussteil ausgedacht, was dem gesamten Textgebilde etwas Kunstvolles hinzufügt und die polyphone Struktur mit einer multiperspektivischen Erzählhaltung unterstreicht. Der Weißrusse Filipenko lebte bis 2020 in St. Petersburg, danach zog er mit Familie nach Deutschland. Nebenbei: einen Booker Preis für Literatur gibt es in Russland nicht mehr, dafür werden die Schlächter von Butscha mit militärischen Orden geehrt.

 

https://www.diogenes.ch/leser/titel/sasha-filipenko/die-jagd-9783257071580.html


Nadine Schneider: Wohin ich immer gehe (Roman) ****

Jung und Jung Verlag (Salzburg / Wien 2021)

ca. 230 Seiten, 22,00 Euro

 

Man kann eine Fluchtgeschichte auch mehrfach erzählen; wenn man entscheidende Parameter verändert, entsteht daraus sogar eine erweiterte Perspektive. In dem hochgelobten Debütroman „Drei Kilometer“ (2019) von Nadine Schneider stand die Ich-Erzählerin Anna vor der Frage „Gehen (nach Deutschland) oder bleiben (in Rumänien)? Sie entschied sich (vorläufig?) für die familiäre Bindung und gegen das unkalkulierbare Risiko eines Neuanfangs. Ihre leicht problematische Dreierbeziehung zu Hans und Misch löste sich durch die Flucht des Letzteren.

Im Folgeroman „Wohin ich immer gehe“ ist die aus der Er-Perspektive beleuchtete Hauptperson nun männlich, heißt Johannes Seeler, und das erste Kapitel schildert seine abenteuerliche Flucht von Rumänien nach Jugoslawien als mutiger Schwimmer an einer engen Stelle der Donau. Schließlich landet er in Nürnberg und arbeitet dort als Angestellter in einem Hörgeräte-Laden. Er hat sich gegen sein Geburtsland entschieden und sucht neue Chancen im freien Westen. Als er jedoch 1993 vom Tod des Vaters erfährt, sieht er die Verpflichtung, eine Reise in die Gegend von Temeswar und damit eine Reise in die Vergangenheit anzutreten, zu der auch die homosexuelle Jugendbeziehung zu seinem Freund David gehört.

Mit sicherer Hand springt die Autorin in der Chronologie zwischen den komplizierten Familienstrukturen im Banat und der herausfordernden Neu-Integration im Frankenland. Das Begräbnis öffnet alte Wunden wie etwa den Selbstmord des jüngeren Bruders, an dem der Vater offensichtlich nicht ganz unschuldig war. Insgesamt erkennt Johannes, dass die Lüge, das Geheimnis und die Ausrede konstituierende Faktoren seiner Familie waren. In Nürnberg bietet ihm dagegen Kollegin Giulia neue Freizeit-Kontakte an und bezeichnet ihn schon als „waschechten Franken“. Er besteht die Gesellenprüfung als Hörgeräte-Akustiker, mietet sich einen eigene Wohnung und leistet sich einen Italienurlaub an der Adria.

Metaphorisch ist der ganze Roman kunstvoll mit zwei Leitmotiven durchzogen: dem Schwimmen gegen die Strömung, das natürlich auch politisch verstanden werden kann, und der Schwerhörigkeit, die auf kommunikative Störungen verweist. Nadine Schneider ist eine Meisterin des unsicheren Erzählens, lässt Leerstellen und verzichtet auf einen abgerundeten Schluss. Sie schreibt über ihre Hauptperson Johannes: „Er erzählte das alles und es war gelogen … für seine Wahrheit hatte es damals keine Worte gegeben und es gab sie auch heute nicht.“

Immerhin stellt sich am Ende heraus, dass seine Taubheit auf einem Ohr nur die Folge eines hartnäckigen Schmalzpfropfens war, manches lässt sich also lösen! Und der Titel des Romans zitiert eine Verszeile aus Franz Lehars Liebeslied „Dein ist mein ganzes Herz“, das die rumänische Großmutter gern in der Interpretation von Richard Tauber anhörte: „Wohin ich immer gehe, ich fühle deine Nähe“. Dennoch kommt Nadine Schneider nie in die Gefahr, ein operettenhaftes Land des Lächelns zu zeichnen!

 

https://nadine-schneider-autorin.com/

https://jungundjung.at/wohin-ich-immer-gehe/


Nadine Schneider: Drei Kilometer (Roman) ****

Jung und Jung Verlag (Salzburg/ Wien 2019)

ca. 150 Seiten, 20,00 Euro

 

Eine auf den ersten Blick unpassende Assoziation: Der Deutsch-Rock-Star Peter Maffay wanderte 1963 mit seinen Eltern aus dem rumänischen Braşov (Kronstadt) nach Bayern (Mühldorf am Inn) aus. 1976 veröffentlichte er sein damals sechstes Album mit dem Titel „Und es war Sommer“, im Titelsong heißt es: „Ich war 16 und sie 31 / Und über Liebe wusste ich nicht viel / Sie wusste alles und sie ließ mich spüren / Ich war kein Kind mehr“.

Was hat das mit Nadine Schneiders Debütroman „Drei Kilometer“ zu tun? Ihre Eltern wanderten aus dem Banat nach Deutschland aus, wo sie 1989 in Nürnberg geboren wurde. Ihr Roman „Drei Kilometer“ berichtet vor allem vom Sommer 1989 in einem Dorf nahe von Timisoara (Temeswar) und neben den zeitgeschichtlichen Begleiterscheinungen geht es auch um die nicht ganz unkomplizierte Dreierbeziehung zwischen der Ich-Erzählerin Anna und den beiden jungen Männern Hans und Misch.

Der Roman pendelt elegant zwischen Alltag und existenziellen Fragen, er blickt auf die Weitrauben- und Kukuruz-Ernte, auf einen Badetag an der Temes und auf eine Geburtstagsfeier in der Konditorei, auf einen alkoholisierten Kirchweihbesuch und auf die Pflege eines verletzten Storchenkükens. Das ist authentisch erzählte Dorf-Idylle, die aber immer wieder den wichtigen Fragen Platz machen muss.

Und da steht die Alternative „Gehen oder Bleiben?“ an erster Stelle. Gleich am Anfang setzt Hans den titelgebenden Grundton: „Es sind nur drei Kilometer … bis zur Freiheit. Warum machen wir es nicht heute Nacht?“ Anna fühlt sich aber an ihre Eltern und an ihre Heimat gebunden, sie hat „keine Ahnung von Deutschland, wo sie alle hinwollen“ und fragt sich, ob es nicht auch genug sei, hier zu sein und „an manchen Abenden eine gute Suppe“ zu essen. Der Vater bekommt für den Besuch bei einem schwerkranken Großonkel in Deutschland eine Ausreisegenehmigung, kehrt aber wieder zurück, weil er nicht gewusst habe, „was ich dort noch machen soll“.

Die andere Frage - gerade für die jungen Leute - lautet, ob man gegen die Regierung Ceauşescu demonstrieren und damit die eigene Gesundheit und die relative Freiheit riskieren soll. Hans kommt verletzt von so einem Protest zurück und sagt über Ceauşescu: „Ich bete, dass er elendig verreckt. Er und seine Frau“. Am 25. Dezember 1989 wird dann die Hinrichtung des Diktators im Fernsehen übertragen.

Nadine Schneider steht in der ehrenvollen Autorinnen-Tradition von Herta Müller und Iris Wolff, es gelingt ihr, durch eine unprätentiöse Sprache und durch präzise Beobachtungen, durch eine fein ausbalancierte Mischung aus Poesie und Lakonik die Gleichzeitigkeit von persönlichen Gefühlen und revolutionären Zeitumständen auf einer Ebene zu verhandeln. Sie will auch keine Verhaltensrezepte verordnen, sondern schildert subtil die Gewissenkonflikte ihrer Hauptpersonen. Am Ende hält Anna die Papiere für die Ausreise in Händen, obwohl sie weiß: „Heute hatte ich noch ein Heim und bald schon keines mehr“.

Für den Leser im „Zeitenwende“-Jahr 2022 bietet sich noch eine weitere Assoziation an: könnte das Schicksal des rumänischen Diktators Ceausescu eine Blaupause für die weitere Entwicklung in Russland sein?

 

https://nadine-schneider-autorin.com/

https://jungundjung.at/verfasser/schneider-nadine/


Joachim B. Schmidt: Tell   **

Diogenes Verlag (Zürich 2022)

ca. 280 Seiten, 23,00 Euro

 

Die schweizerische Tell-Sage, die im Zusammenhang steht mit dem Unabhängigkeitskampf gegen die Habsburger Herrschaft und dem Zusammenschluss der drei Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden (1291), hat mittlerweile drei literarische Ausformungen erlebt; das Schillersche Freiheits- und Tyrannenmord-Drama „Wilhelm Tell“ (1804), die kritisch-rationale Aufarbeitung von Max Frisch mit dem Titel „Wilhelm Tell für die Schule“ (1971) und nun ganz aktuell ein deftig erzählter Abenteuer-Roman, der als Vorlage für eine Serie im Streaming-TV dienen könnte: „Tell“ von Joachim B. Schmidt - nicht zu verwechseln mit Daniel Kehlmanns historischem Roman aus dem 30jährigen Krieg „Tyll“.

Schmidt (41) ist gebürtiger Schweizer, lebt aber seit 2007 in Island, dort hat ihn der Schriftsteller Einar Karason mit seinen Sturlungen-Romanen über den isländischen Bürgerkrieg im 13. Jahrhundert zu einer Tell-Saga inspiriert - der Apfel fällt also nicht weit vom Stamm. Bei Schmidt sind jedoch die politisch-historischen und ethischen Implikationen, die Schiller so bewegt hatten, weitgehend getilgt. Es handelt sich vor allem um einen rustikalen Alpen-Krimi über einen Berg-Querdenker in den trivialen Traditionen von Bergdoktoren und Bergrettern. Die zehn Kapitel enthalten knapp 100 „Szenen“, die jeweils aus einer bestimmten Personenperspektive geschrieben sind - insgesamt zählen wir am Ende 20 Erzähler, wobei Tell nur dreimal diese Rolle einnimmt. Aus den Seiten quillt recht viel mythisches Raunen von „Unheil“, von einer „Wunderkuh“ und schließlich vom Ende einer Hauptperson, die „in den Berg gegangen ist“ und seither über uns wacht - die Legende lebt, auch wenn die Zeit vergeht? Der Gegenspieler ist weniger der notorisch verunsicherte Landvogt Geßler - der schon bei Max Frisch als dicklicher und schwerkranker Herrschafts-Verwalter charakterisiert wurde - sondern eher der brutale Scherge Harras, der schließlich in einem finalen und blutigen Zweikampf auf Tell trifft.

Der Roman wirkt wie eine unverhohlene Anbiederung an Hollywood und ist damit bestenfalls als bildstarke Drehbuch-Vorlage zu empfehlen.

 

https://www.diogenes.ch/leser/titel/joachim-b-schmidt/tell-9783257072006.html


Kurt Fleisch: Aibohphobia (Roman) ****

Kremayr & Scheriau (Wien 2022)

ca. 175 Seiten, 20,00 Euro

 

Es ist die alte Frage, ob nicht die Verrückten die eigentlich Normalen seien und nur in einer verrückten Welt lebten, an die sie sich nicht anpassen können. Diese Gesellschafts- und Systemkritik führt fast zwangsläufig zu einer Kritik der Psychiatrie und zu dem problematischen Verhältnis zwischen Patient und behandelndem Arzt. Die Fragestellung tauchte schon bei Büchners „Woyzeck“ auf, wo der Doktor den Soldaten Woyzeck mit inhumanen Ernährungs-Versuchen traktiert. Die Romane von Robert Walser handeln von dem Verzweifeln an einer undurchschaubaren Welt, und die Kurzgeschichten von Franz Kafka zeigen das Individuum in existenziellen und scheinbar ausweglosen Bedrohungs- und Angst-Situ­ationen.

In dieser Tradition ist der kleine, aber höchst originelle Brief-Roman des österreichischen Autors Kurt Fleisch zu sehen, der im Titel schon eine Diagnose und ein literarisches Konzept verrät: das Wort „Aibohpobia“ ist ein Palindrom, das man von vorne und hinten lesen kann und das gleichzeitig einen Angstzustand bezeichnet: die Angst davor, dass die Welt und die Zeit gleichzeitig vorwärts und rückwärts laufen.

Die Briefe stammen von dem in der Wissenschaft der Psychiatrie hoch angesehenen und Nobelpreis-verdächtigen Dr. H., sie sind gerichtet an seinen Patienten S. In den vier großen Kapiteln, die etwa einen Zeitraum von knapp zwei Jahren umfassen, wechseln aber plötzlich die Rollen, aus Dr. H. wird nach einem kurzzeitigen „Verschwinden“ der Patient S. und aus dem Herrn S. wird der Arzt Dr. H. - man könnte die Geschichte also auch in umgekehrter Reihenfolge von hinten lesen!

Im Grunde geht es bei beiden Personen um wahnhafte Zustände: Dr. H. arbeitet an einer Wahrheits-Maschine (einem Teilchenbeschleuniger) zur Entschlüsselung des Ursprungs sämtlicher Geisteskrankheiten, Patient S. baut sich einen vollisolierten Bunker, weil er nur so - und mit einer gehörigen Dosis sedativer Medikamente - ein Weiterleben für möglich hält.

Am Ende stehen nur Fragen: Wer ist wer? Was ist Ordnung, was ist Chaos? Was war der Anfang, was ist das Ende? Woher kommt vielleicht eine Erlösung? Wer ist der Retter (noch so ein Palindrom!)? Trotz punktueller Heiterkeit und tragikomischer Aspekte verlangt der Roman wegen möglicher Nebenwirkungen gute Nerven und Resilienz gegenüber fiktiven Zumutungen.

 

https://www.kremayr-scheriau.at/bucher-e-books/titel/aibohphobia/


Martin Suter: Einer von euch. Bastian Schweinsteiger   **

Diogenes Verlag (Zürich 2022)

ca. 380 Seiten, 22,00 Euro

 

Zuerst die gute Nachricht: Bastian Schweinsteiger, der von sich sagt, er „lese“ lieber tausend Fußballspiele als ein Buch, hat diese Biografie nicht selber verfasst. Dann aber die schlechte Nachricht: die Tatsache, dass sich der renommierte Schriftsteller Martin Suter bereit erklärt hat, über die Person Schweinsteiger einen biografischen Roman zu schreiben, macht die Lektüre um keine Deut lohnenswerter. Dazu noch die überraschende Nachricht: „Einer von euch“ ist nun schon (seit Ende Januar 2022) drei Wochen in der SPIEGEL-Bestsellerliste, in der letzten Woche sogar auf Platz 1!

 

Doch der Reihe nach: Es beginnt schon mit der Frage, ob es eine Biografie des 37 Jahren alten Fußballspielers überhaupt braucht. Abgesehen von den tatsächlich großen sportlichen Erfolgen (Weltmeister 2014, mit Bayern München Champions League Gewinner 2013 und manches mehr) fehlt es ihm an kantigem Profil, an spielerischer Genialität und an persönlicher Ausstrahlung. Auch seine Auftritte als ARD-Experte nach dem Ende seiner Fußballer-Karriere verströmen eher Langeweile und erschöpften sich in altbekannten Floskeln. „Schweini“ ist also kein Querkopf wie einst Paul Breitner, kein Fußball-Genie wie Lionel Messi, keine tragische Figur wie Diego Maradona, nicht mal eine Ulknudel wie Lukas „Poldi“ Podolski. Um ihn als Stoff für eine Biografie zu positionieren, muss also schon sehr krampfhaft argumentiert werden. Schweinsteiger hat auf einer Pressekonferenz dargestellt, er wolle damit als Vorbild für junge Menschen dienen, eventuell für die alte Tellerwäscher-Geschichte, dass jeder eine Chance nach ganz oben hat. Genauso untauglich ist der ideologisch verschwurbelte Titel „Einer von euch“, der in den Kapiteln über Erste-Klasse-Transatlantikflüge, Ibiza-Luxus-Urlaube und dreitägige Hochzeit-Sause schlüssig widerlegt wird. Hier sollte man als realistische Alternative lieber Tonio Schachingers Roman über den wirklich fiktiven österreichischen Profi-Fußballer Ivo Trifunovic lesen, der die schöne Überschrift hat: „Nicht wie ihr“.

 

Nun kommt der bekannte Schweizer Schriftsteller Martin Suter ins Spiel. Wer auch immer die Idee hatte, ihn als benamten Ghostwriter einer Schweinsteiger-Biografie zu gewinnen (angeblich ein Freund des Fußballers), hat damit zwar einen originellen Marketing-Gag gelandet, aber auch gleichzeitig einen kapitalen literarischen Fehlschuss zu verantworten. Suters Vor-Bedingung, er wolle einen „biografischen Roman“ schreiben, also eine Kombination aus Dichtung und Wahrheit produzieren, funktioniert überhaupt nicht. Entweder will man etwas Authentisches - gerne auch Kritisches - über eine prominente Person erfahren oder man flüchtet gleich in die Fiktion. Die Mischform ist verwirrend und dient nur einer andächtigen Legendenbildung. Weiterhin schimmert ständig durch die Zeilen, dass der Autor Suter mit dem Thema Fußball so gar nichts anfangen kann und dass er auch jede sprachliche Originalität an der Garderobe abgegeben hat. Die kurzatmigen Kapitel, die jeweils mit einem erwartbaren Cliffhanger-Schlusssatz enden, hätte auch seine Sekretärin auf der Basis von Gesprächs-Aufzeichnungen verfassen können.

Und doch - oder gerade deswegen? - ist das Buch zum Bestseller geworden. Vielleicht sollte man also Martin Suter fragen, ob er nicht auch Lust hätte, im Trainingslager vor der Scheich-WM in Katar jeden Abend den DFB-Nationalspielern aus seinen besseren Romanen vorzulesen? Zum Beispiel aus:

 

Martin Suter: Elefant  ****

Diogenes Verlag (Zürich 2017)

ca. 350 Seiten, 13,00 Euro (Tb)

 

https://www.diogenes.ch/leser/titel/martin-suter/einer-von-euch-9783257071689.html


Klaus Cäsar Zehrer: Das schreckliche Zebra. Fotos und ihre Geschichten    ****

Diogenes Verlag (Zürich 2021)

ca. 250 Seiten, 25,00 Euro

 

Vor vielen, vielen Jahren trafen sich während einer Pestseuche zehn Menschen in einem Landhaus außerhalb von Florenz und erzählten sich an zehn Abenden gegenseitig Geschichten - diese 100 Novellen sollten später als „Il Decamerone“ in die Literaturgeschichte eingehen.

Im Jahre 2020, während des pandemischen Lockdowns saß der in Schwabach aufgewachsene Schriftsteller Klaus Cäsar Zehrer in seiner Berliner Dachbude und stöberte gelangweilt in einer alten Schachtel voller Fotos, die er nach Haushaltsauflösungen gesammelt hatte. Er beschloss zu jedem Foto eine Geschichte zu erzählen, obwohl er die abgebildeten Personen überhaupt nicht kannte und auf der Rückseite bestenfalls ein Stichwort („Onkel Willi, 1954“) zu finden war. Der Foto-Fundus seiner Bekannten Elinor Richter wurde ebenfalls einbezogen, und so entstanden schließlich 43 höchst unterschiedliche Texte zu 43 Fotos aus einer vergangenen Welt des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts.

Zehrer versucht sich in Prosa, Dialog, Interview, Lyrik, Zeitungstext oder Auflistungen - immer kommt eine überraschende Erläuterung zustande. Man merkt dem Autor seine Lehrzeit als Satiriker im Gefolge der sogenannten „Neuen Frankfurter Schule“ an; über den großen Robert Gernhardt hat er 2002 sogar eine Dissertation verfasst und somit bestimmt viel in alten Ausgaben von pardon oder Titanic geblättert. Doch auch die Sketche von Loriot und die Wortspiele eines Willi Astor finden hier ihren Widerhall. In der Titelgeschichte geht es um einen Menschen mit Zebra-Verkleidung und um die Nonsens-Botschaft „Das Kamerun möglich machen!“ Haben sie’s girafft?

Zehrer ist nach seinem Bestseller „Das Genie“ ein schön sinnfreies Buch gelungen, in dem man genussvoll blättern kann, das man portionsweise anschauen und lesen kann, ideal für die letzten 15 Minuten vor dem grinsenden Einschlafen.

 

 

 

Am Ende gibt es sogar noch einen produktiven Arbeitsauftrag für Zuhause: zu dem Foto auf der Schlussseite (links abgebildet) darf sich jeder Leser eine eigene Geschichte ausdenken und an den Verlag schicken (Diogenes Verlag, Stichwort: Fotogeschichte, Sprecherstraße 8, CH-8032 Zürich). Preis für das kreativste Feedback: Vielleicht ein Sammelband der alten pardon-Beilage „Welt im Spiegel“? Oder ein signiertes Foto von Cäsar?

 

https://www.diogenes.ch/leser/titel/klaus-caesar-zehrer/das-schreckliche-zebra-9783257071641.html

 


Kenneth Bonert: Toronto. Was uns durch die Nacht trägt   ***

aus dem Kanadischen von Stefanie Schäfer

Diogenes (Zürich 2021)

ca. 250 Seiten, 22,00 Euro (Hardcover)

 

Kenneth Bonert, der mit seinem Debütoman „Der Löwensucher“ einiges Aufsehen erregte, hat in dem neuen Buch vier Novellen zusammengestellt, die alle zwei Gemeinsamkeiten aufweisen: zum einen geht es um problematische Zweier-Beziehungen, zum anderen dient in allen Geschichten die kanadische Metropole Toronto als Hintergrund-Kulisse - mehr als das: als ambivalentes Modell einer gesellschaftlichen Struktur. Denn für Bonert, der mit seinen Eltern 1989 nach Kanada gezogen ist, erscheint Toronto als multi-ethnisches Einwanderungslabor, das er einerseits positiv als sein Zuhause erlebt: „alle kommen von woanders her … aber trotzdem gehen sie hier anständig miteinander um“, das er aber auch andererseits mit kritischen Bemerkungen versieht: „von Fremden bevölkert, Schattenmenschen, aus allen Teilen der Erde zusammengewürfelt“. Wenig erhellend ist da das Fazit, mit dem er seine dritte Geschichte („Das Paradies“) beschließt: „es gibt böse Menschen überall“.

Bonerts prekäre Beziehungs-Kisten haben mindestens zweimal etwas mit dem auch aus Porno-Videos bekannten Cougar-Motiv zu tun: ältere Frau lässt sich mit jüngerem Mann ein. Das ist in „Familienangelegenheiten“ eine 48jährige Mode-Einkäuferin, die einen 25jährigen Künstler als Untermieter ins Haus lässt. In „Willkommen im Eishotel“ ist es der jüngere Blake Morrow, der in einer Bar eine etwas ältere Frau kennenlernt, sie als Messie und definitiv unattraktiv erlebt und dennoch von ihr, die er liebevoll „Dirty Cougar“ nennt, nicht loskommt. Überlagert werden beide Geschichten durch schicksalshafte Krankheiten anderer Personen und durch das Erkennen des eigenen Versagens.

Aber auch ethnische Zugehörigkeiten spiegeln sich in den Zweier-Tragödien: Der lange verheiratete Trevor Welber (nur manchmal vergibt Kenneth Bonert richtige Namen; ansonsten bleibt es bei „sie und „er“) verguckt sich plötzlich in seine jüngere Arbeitskollegin Ping und entwickelt daraus ein Verlangen nach asiatischen Frauen, das er in schäbigen Massagesalon befriedigen will („Berührung“). In einem zwischengeschalteten inneren Monolog enthüllt er seiner Frau Trudy dieses schmutzige Geheimnis - mit offenem Ausgang. Der männliche Protagonist in „Das Paradies“ hat promoviert, findet aber - vielleicht wegen seiner asiatischen Herkunft - keinen Job und sucht mit seiner (waschecht kanadischen) Frau in einem Hauskauf nach einer Rückzugsmöglichkeit. Der Straßenlärm und die unsolidarischen Nachbarn vereiteln aber diese Idylle.

Bonert hat - in langer anglo-amerikanischer Tradition - zweifellos ein Händchen für die Entwicklung von Geschichten und Figuren, versteigt sich aber manchmal in gewollte Metaphern und reißt damit die Stories aus ihrem realistischen Netzwerk. Dennoch werden wichtige Motive wie Zuhause, Familie, Liebe und Lebensqualität kunstvoll debattiert, sie laden den Leser wegen der offenen Schlüsse zu einer Reflexion über Multikulturalismus ein.

 

https://www.diogenes.ch/leser/titel/kenneth-bonert/toronto-9783257071511.html


Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos  ****

Matthes & Seitz (Berlin 2020)

ca. 200 Seiten, 22,00 Euro

 

Erzähle mir, o Muse, von einer sprachgewandten Frau

mit dem alltäglichen Nachnamen Weber,

die bei einer Podiumsdiskussion in der kleinen französischen Gemeinde Dieulefit

eine andere - freilich über vierzig Jahre ältere - Frau

mit fast gleichem Vornamen kennenlernte und beim anschließenden

Abendessen (man speiste Entenbrust bzw. Tintenfisch)

mehr von deren Leben erfuhr. Dieses Leben

beeindruckte sie dermaßen, dass sie immer wieder

Gespräche mit jener Anne - oder Annette - Beaumanoir führte

und schließlich beschloss, über dieses Leben ein Buch zu schreiben.

 

Denn Annette war für sie eine linke Leitfigur, eine moderne Heldin,

obwohl es doch in der Literatur seit dem 19. Jahrhundert

fast nur noch (männliche) Antihelden gibt.

Annette war für sie eine Pazifistin, Revolutionärin, Kommunistin, Trotzkistin,

die im Kampf gegen den Nationalsozialismus, also in der Resistance,

und im Kampf für ein freies, sozialistisches Algerien,

also an der Seite der Front de Liberation Nationale (FLN),

ihre Lebensaufgabe fand.

 

Die sprachgewandte Deutsche - wohnhaft in Paris,

als Schriftstellerin und Übersetzerin tätig - fand für diesen Kampf

ein eindrucksvolles Schlusswort, das sie dem Nobelpreisträger Albert Camus

abgelauscht hat: „Der Kampf, das andauernde Plagen und Bemühen

hin zu großen Höhen, reicht aus, ein Menschenherz zu füllen“.

Und wie Sisyphos darf man sich auch Annette

trotz zahlreicher Schicksalsschläge und Enttäuschungen

als glücklichen Menschen vorstellen.

 

Jene Frau Weber kam nun beim Schreiben auf die

Idee, dass vor Zeiten heldenhafte Menschen (meistens Männer)

dem zuhörenden Publikum in der Form des Epos vorgestellt wurden;

also in gebundener Verssprache,

oftmals in strengen metrischen Formen und mit Reimen.

Sie erinnerte sich an Homers Ilias, an das Nibelungenlied

und gar an Goethes „Hermann und Dorothea“;

sie wusste aber auch, dass praktisch ab dem 20. Jahrhundert

das Versepos ausgestorben war und dem modernen Roman Platz machen musste.

 

Trotzig blieb sie jedoch bei ihrem Plan - und wurde dafür belohnt:

die Jury des Deutschen Buchpreises war nicht nur von der

Lebensgeschichte einer starken Frau, sondern auch von der

stilistischen Umsetzung - man redet von souveräner Dezenz

und feiner Ironie - durch eine sprachmächtige Frau

beeindruckt und vergab dafür den Deutschen Buchpreis 2020.

Das muss ein bisschen überraschen, da zur gleichen Zeit

die feurige Autobiografie von Anne Beaumanoir

- von einem gewissen Gerd Stange - ins Deutsche übersetzt

und im engagierten Kleinverlag Contra Bass zweibändig

mit dem Titel „Wir wollten das Leben ändern“ veröffentlicht wurde.

 

Der Rezensent, den Altmeister Goethe fast schon einmal gern

totgeschlagen hätte, fragt sich abschließend, ob

ohne die stilistische Attitüde, das Urteil der Preisverleiher

genauso ausgefallen wäre, und er erlaubt sich den ketzerischen Zusatz,

dass man beim Lesen die Verszeilen eigentlich gar nicht mehr bemerkt -

ebenso wie hier bei dieser Rezension?!

 

https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/annette-ein-heldinnenepos.html?lid=3


Dirk Bernemann: Schützenfest (Roman) ***

Heyne Hardcore (München 2021)

ca. 220 Seiten, 18,00 Euro

 

Man könnte die Lektüre auch mit dem Schlusskapitel auf Seite 222 beginnen. Da hat der Enddreißiger Gunnar Bäumer (gleichzeitig auch der Ich-Erzähler) einen Termin beim Psychotherapeuten in Berlin-Neukölln. Grund: „Es hat sich eine Menge angesammelt, ungute Beziehungen, Dinge und Menschen, die an mir zerren. Ich finde keine Ruhe mehr, fühle mich unfähig, den normalen Verpflichtungen eines sozial stabilen Menschen nachzukommen“. Der Therapeut erkennt eine ganze „Problemkiste“ und empfiehlt kleinschrittig vorzugehen: „Beginnen wir mit ihrer Kindheit“.

Oder beginnen wir jetzt mit Seite 5, mit einem Donnerstag, an dem Gunnar seinen Eltern mitteilt, dass er am Samstag von Berlin nach Dörrfeld in der westfälischen Provinz kommen werde, um deren Haus während ihres Urlaubs an der Nordsee für eine Woche zu hüten. Kurz zuvor hatte sich seine Freundin Anne von ihm getrennt; mit den Worten „wenn du so bleibst, wie du bist, wirst du für immer allein sein!“

Somit wäre diese Woche vielleicht eine Chance für Selbstreflexionen und für ein Fazit des bisherigen Lebens. Warum hat er es nicht zu einer festen Beziehung, zu einer Familie gebracht? Warum kann er nicht definieren, was für ihn Heimat ist? Warum ist er hin- und hergerissen zwischen seiner Berliner „Medienexistenz“ und den ambivalenten Erinnerungen an seine Jahre in der Provinz? „Ich kenne nichts, was ich mein Zuhause nennen würde“. Eine nüchterne Analyse wird allerdings dadurch verhindert, dass in Dörrfeld gerade Schützenfest ist und er in diese trunkene Stimmung hineingezogen wird, in der er vor 35 Jahren schon einmal seinen schwankenden Vater erlebt hat.

Er trifft auf alte Bekannte, Nachbarn und Jugendfreunde, besucht das Grab seiner früheren Sportlehrerin und beteiligt sich vor dem Festzelt an ausgedehnten Bier & Kümmerling-Runden - oder mit den Worten des Verfassers: „unaushaltbarer Stumpfsinn … wie Ferien auf der Schweinefarm“. Er erlebt aber auch Menschen, die in jener provinziellen Normalität Harmonie und Frieden finden - wie etwa seine frühere Freundin Franziska - und das Stadt-Land-Dilemma nimmt seinen Lauf. Gegen Ende lernt man, dass vielleicht ein Jugend-Trauma schuld an der Midlife-Crisis ist. Er war nämlich Beobachter eines Unfalls, bei dem eine Tochter (Wiebke) der Familie Siechmann gestorben ist, und den die andere Tochter (Wanda) nur mit einer schweren Behinderung überlebt hat. „Wenn man lernt, über die schlimmen Dinge hinwegzusehen, die hinter einem liegen, kann man eigentlich ein ganz okayes Leben führen. Denkt man zumindest, aber das stimmt nicht“. Und so löst natürlich auch das kleine sexuelle Abenteuer mit der 18jährigen Coco, die von der Großstadt Berlin träumt, sein Problem nicht.

Die nüchterne Umgangssprache des Romans rutscht manchmal in gefährlich konstruierte Untiefen von Bildlichkeit - etwa, wenn es heißt „wir küssten uns wie hungrige Schweine, in deren Trog unlängst zwei Eimer Kartoffelschalen geleert wurden“. Dennoch entwickelt Dirk Bernemann ein authentisches Panorama einer männlichen Sinnkrise als moderne Tragödie der Heimatlosigkeit.

 

https://dirkbernemann.de/

https://www.penguinrandomhouse.de/Buch/Schuetzenfest/Dirk-Bernemann/Heyne-Hardcore/e584280.rhd


Marc-Uwe Kling: QualityLand (Roman) **

Ullstein Verlag (Berlin 2017)

ca. 380 Seiten, 11,00 Euro (Tb)

 

Es war einmal ein Land das Deutschland hieß, dann aber aus Marketinggründen von der staatlichen Agentur WeltWeiteWerbung in QualityLand umbenannt wurde, weil man ein Land der Superlative sein wollte. So hat Bestseller-Autor Marc-Uwe Kling („Känguru-Chroniken“) -oder auch seine in die Handlung integrierte Text-Roboterin Kaliope 7.3 - diese Geschichte konzipiert.

Das Ergebnis ist eine Rundreise durch die Systemtheorie der Zukunft (Gesellschaft, Staat, Wirtschaft, Gesundheit, Ernährung, Medien, Technologie), basierend auf einer Mischung aus Möchtegern-Satire, Dystopie, banaler Soap-Handlung mit gestanzten Dialogen, Cliffhangern aus dem VHS-Kurs „Selber schreiben“ und zahlreichen - vermeintlich auflockernden - Textbausteinen.

Kling präsentiert eine komplett dur5chdigitalisierte Welt mit einer Formaldemokratie, in der gerade der Androide John of Us zum Präsidentschafts-Wahlkampf antritt. Die eigentliche Hauptperson ist aber der Schrottpressen-Kleinunternehmer Peter Arbeitsloser (neuerdings muss man den Beruf seines Vaters bei der Zeugung als Nachnamen tragen), der sich im Laufe des Romans zu einem Michael Kohlhaas 2.0 gegen das alles beherrschende Versand-Imperium TheShop entwickelt. Er hat nämlich erkannt, dass die Menschen durch Algorithmen gesteuert werden: „sie nehmen mir die Möglichkeit, mich zu verändern, weil meine Vergangenheit festschreibt, was mir in Zukunft zur Verfügung steht“. Dingsymbol für diesen Befund ist ein Delfinvibrator, ein Sex-Spielzeug, das im von TheShop - ohne Rückgaberecht - geliefert wurde. Er kämpft sich bis zum allmächtigen Firmenchef Henryk Ingenieur durch, der auf der These besteht, das System mache keine Fehler und Peter sei ein asozialer Trieb, den man abhacken müsse.

Es folgt noch ein Finale mit James-Bond-Spannungsmuster, bei dem der gewählte Roboter-Präsident von einem „Maschinenstürmer“ in die Luft gejagt wird. Der Epilog deutet dieses Ereignis quasireligiös: John of Us habe die Schuld der Menschen auf sich genommen und sich geopfert. Viel nüchterner ist die juristische Würdigung des Vorfalls: John war kein Mensch, also handelt es sich nur um Sachbeschädigung.

Fazit: nette Details, aber literarisch äußerst dürftig - da könnte ein Delfinvibrator vielleicht mehr Spaß machen!

PS: für Mai 2022 kündigt der Verlag eine Fortsetzung an, bei der auch die Klimakatastrophe und ein Dritte Weltkrieg eine Rolle spielen soll.

 

https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/qualityland-dunkle-edition-9783548291871.html


Eugen Ruge: Follower (Roman) ****

Rowohlt Verlag (Reinbek bei Hamburg, 2016)

ca. 320 Seiten, 10,00 Euro (Tb)

 

Eugen Ruge ist hauptsächlich bekannt für historische Familienromane im Umfeld der Familie Umnitzer. Sei preisgekröntes Debüt „In Zeiten des abnehmenden Lichtes“ führte in die ehemalige DDR, der Roman „Metropol“ (2019) in die stalinistische Sowjetunion der 1930er Jahre - stets aus der Perspektive seines Alter Ego Alexander Umnitzer. „Follower“ schaut dagegen in die Zukunft, genauer gesagt in das Jahr 2055, wo Nio Schulz, ein Enkel von Alexander U., sich gerade auf einer Geschäftsreise in China befindet. Er soll dort eine neue Produktidee der Firma CETECH, die True-Barefoot-Running-Fußbänder, vermarkten.

Ein Tag in Wu Cheng genügt, um eine schöne neue Welt vorzustellen, in der künstliche Intelligenz den Menschen steuert, in der implantierte Chips den aktuellen Gesundheitsstatus melden, in der eine multimediale Gesichtsmaske („Glass“) für pausenlose Rundum-Informationen sorgt und in der eine Sprachautomatisierung für political correctness („pisi“) sorgt. Das Schlafzimmer im Hotel, das Frühstücksbuffet im Hotel, ein Restaurant in der Fußgängerzone und die Shopping-Mall „Alles und Jedes“ genügen mal Schauplätze, der Rest wird über die Glass eingespielt.

Ruge zeichnet mit feiner Ironie - manchmal auch mit herber Groteske - eine staatliche Gesundheitssteuerung, die an Juli Zehs „Corpus Delicti“ erinnert, und eine mediale Beherrschung des Individuums durch simulierte Realitäten, wie sie schon in dem Filmen „Die Truman Show“ oder „Lost in Translation“ vorgeführt wurde. In diesen Zeiten der abnehmenden Selbstbestimmung, wo man sich als Follower an Internet-Botschaften koppelt, sucht auch Protagonist Nio Schulz (39) nach einer Escape-Taste und findet sie tatsächlich im 7. Untergeschoß des Kaufhauses als Licht am Ende des Tunnels. Plötzlich ist er unvernetzt in einem chinesischen Dorf, kann wieder normale Geräusche der Welt hören, kann Goj-Beeren von einer Hecke pflücken, Wasser aus einem Bach trinken und normale Luft atmen. Barfuß läuft er eine Straße entlang: „er kann so ewig weitergehen“. Wirklich? Oder doch nur eine nostalgische Ruge-Idylle?

Der Untertitel kündigt 14 Sätze über einen fiktiven Enkel an. Diese erweisen sich als 14 Kapitel, die aus jeweils einem (!) atemlosen Satz bestehen - sozusagen ein postmoderner stream of consciousness, der den stream of brain control illustriert. Kurz vor dem Ende leistet sich Ruge noch einen historischen Exkurs, eine 14 Milliarden Jahre lange Geschichte vom Urknall bis zur Zeugung von Nio Schulz, „dessen Schicksal wir gerade verhandeln“. Und dieses Schicksal ist ohne Zweifel eine stimmige Projektion von einem gewissen Winston Smith in das 21. Jahrhundert.

 

https://www.rowohlt.de/buch/eugen-ruge-follower-9783499271717


Clemens J. Setz: Der Trost runder Dinge    ****

Suhrkamp (Berlin 2019)

ca. 315 Seiten, 12,00 Euro (Tb)

 

Wer sich dem „literarischen Metaversum“ (so Ijoma Mangold in seiner Büchnerpreis-Laudatio) des Clemens J. Setz nähern will, fängt am besten mit der Sammlung von 20 Erzählungen an, die bei Suhrkamp 2019 unter dem Titel „Der Trost runder Dinge“ erschienen sind. Dieses Buch mischt aphoristische Kürzestgeschichten und längere Erzählungen (maximal 33 Seiten) von einem der „kreativsten, einfallsreichsten jüngeren Autoren deutscher Sprache“ (so die Jury-Begründung für die Verleihung des Jakob-Wassermann-Literaturpreises der Stadt Fürth im Jahre 2020).

Es wird - das muss man vorausschicken - keine unterhaltsame Lektüre werden, eher eine geistige Anstrengung, eine Auseinandersetzung mit verrätselten Assoziationen, Intertextualität und krassen Situation, eher ein Ausflug in die Welt von Franz Kafka oder Arno Schmidt als eine politisch korrekte Besichtigung des Realen, wie es in der jüngeren Gegenwartsliteratur häufig vorzufinden ist. Der mittlerweile 39jährige gebürtige Grazer wirkt eher wie von einer wissensgetränkten Fabulierlust, nicht von einem moralischen oder gesellschaftspolitischen Impetus getrieben, er hebt - wenn überhaupt - nur sehr dezent den moralisch-pädago­gischen Zeigefinger und überlässt es dem Leser, aus den manchmal absurden, manchmal grotesken Gemengelagen seiner Figuren Erkenntnisse zu ziehen.

Es sind aber eindeutig drei Themen, die in den Erzählungen immer wieder aufgerufen werden: Krankheit, Isolation und Suche nach Wahrheit. Exemplarisch für den Kosmos der Krankheiten steht die Erzählung „Das Schulfoto“, wo die Eltern Preissner sich weigern, ein Foto der Inklusions-Klasse, in der auch ihr Sohn unterrichtet wird, zu kaufen, weil auf dem Bild ein schwerstbehinderter Junge zu sehen ist. Vater Preissner zweifelt: „Ist das überhaupt noch ein Mensch?“ Und die Mutter Annamaria engagiert in der Erzählung „Zauberer“ Callboys, um mit ihnen Sex vor dem Bett ihres Kindes, das zu Hause im Koma liegt, zu machen. Ihr Plan läuft nur darauf hinaus, dass die bezahlten Lover sich weigern - mit der Begründung, dass das Kind ja noch was mitkriegen könnte.

Das Thema Isolation führt uns zu der Schulkrankenschwester Evelyn Triegler, die ihren Job verliert und in einem letzten Kraftakt einen Schüler zu sich nach Hause entführt, oder zu dem 16jährigen Marcel, der sich in ein Erotik-Lokal einschleicht, dort an der Toilettentür seine Handynummer unter dem Namen Suzy notiert und dann den Anrufern erklärt, das sei seine Mutter, die aber gerade nicht anwesend ist.

Die Welt zwischen Wahrheit und Fake spiegelt sich in der Erzählung „Ein See weiß mehr von der Erdkrümmung als wir“. Bei einem Junggesellenabschied in Bari kommt es zu handgreiflicher Gewalt gegen einen „Albaner“, die aber die drei jungen Männer aus Österreich im Nachhinein umdeuten. Und mit „Spam“ karikiert Setz einen jener Fake-Bettelbriefe, die im Internet zuhauf kursieren.

Schließlich darf man auch noch verraten, was es mit dem rätselhaften Buchtitel auf sich hat: Setz bezieht sich auf das Bild einer verschneiten Winterlandschaft, in der es keine Ecken und Kanten mehr gibt, in der alles tröstlich von weißen Kristallen überdeckt ist: „Es ist nicht leicht zu sich selbst streng zu sein, während draußen alles im tiefsten Winter versunken ist“. Diese Metapher bleibt aber eine Einzelerscheinung im verstörenden und gar nicht erbauenden Erzählspektrum des Clemens J. Setz.

 

https://www.suhrkamp.de/buch/clemens-j-setz-der-trost-runder-dinge-t-9783518470961


Thomas Mulitzer: Pop ist tot (Roman)   ***

Kremayr & Scheriau (Wien 2021)

ca. 190 Seiten, 20,00 Euro

 

Andreas Frege hat einen Bestseller geschrieben. Das verdankt er vor allem seinem Künstlernamen Campino und seiner Beschäftigung als Frontmann der Punk-Band „Die Toten Hosen“. Allerdings beschäftigt er sich in dem Roman „Hope Street. Wie ich einmal englischer Meister wurde“ weniger mit der Musik, sondern mehr mit dem englischen Fußball, insbesondere mit dem FC Liverpool. Thomas Mulitzer ist Thomas Mulitzer, macht Musik mit der etwas weniger bekannten österreichischen Mundart-Punkband Glue Crew und hat nun in seinem zweiten Roman die Geschichte des Punk-Rocks in seiner Heimat beleuchtet.

Er erzählt von den „Dead Kreiskys“, die vordem als Helden, Ruhestörer, Krawallmacher, Schreihälse, lärmende Heiden und Nomaden mit gewissem Erfolg durch Österreich getourt waren. Mit dem deutschsprachigen Song „Pop ist tot“ hatten sie sogar einen Hit. Mittlerweile sind die vier Musiker in halbwegs bürgerlichen Berufen tätig, doch Günther, der Schlagzeuger, gibt plötzlich die Parole aus: „Wir müssen zurück ins Paradies“. Er könne eine Tour als Opener für die Hütten-Gaudi-Band Superschnaps mit ihrem Bandleader Johnny Obstler organisieren. Tatsächlich machen alle mit: FX, der Sänger (und Ich-Erzähler), Branko, der Bassist (und Schlagerproduzent) und Gitarrist Hansi (früher „Hänsi“).

Doch die einstigen Ideale (wir waren eine „Schicksalsgemeinschaft“) sind zerschlissen, und aus der alten Parole „Anarchy in the UK“ wird eher eine laue Nostalgie im Ösiland. Naturnahes Vagabundenleben, Kellerkonzerte vor ein paar Junkies, Lärmorgien auf dem Feuerwehrfest in Prembergkirchen - sind das noch glorreiche Zeiten oder eher Abgesänge? So mündet der Roman folgerichtig mehr in Richtung einer Pathologie: Heiserkeit und Tinnitus, gefährliche Tabletten, der Bandbus geht in Flammen auf und Sänger FX kollabiert auf der Bühne.

Das wars? Nicht ganz: am Ende erfahren wir, dass FX als Chauffeur der Frauenband Hystera wieder on the road ist: „das Träumen hört nie auf“. Oder wie sangen die wiederbelebten ABBA: „I Have A Dream“.

Mulitzers Blick auf das Innenleben der Punk-Musik und auf die Veränderungen im Musik-Business hat den Charme der Ironie und gleichzeitig die Qualität der Authentizität. Den großen Erfolg seines deutsch-englischen Kollegen Campino wird er freilich als Nischen-Produzent nicht erreichen.

 

https://www.kremayr-scheriau.at/bucher-e-books/titel/pop-ist-tot/

https://www.gluecrew.at/


Maxim Biller: Der falsche Gruß (Roman)    ****

Kiepennheuer & Witsch (Köln 2021)

ca. 120 Seiten, 20,00 Euro

 

Der erste Blick auf den Umschlag erfordert schon zwei Korrekturen: es handelt sich nicht um eine kritisch-jüdische Auseinandersetzung mit Dürers „Betenden Händen“ und eigentlich auch nicht um einen „Roman“, sondern eher um eine Novelle.

Also eine kleine Erzählung über die meist hysterische Berliner Kulturszene, vielleicht sogar ein Schlüsselroman über die Fragwürdigkeit einiger schillernder Figuren im Literaturbetrieb (zu denen Autor Maxim Biller selbstverständlich auch gehört!) und eine höchst aktuelle Gratwanderung zwischen Fake und Seriosität, zwischen realen und erdachten Biografien.

Das besondere Ereignis dieser Novelle ist strafbar: denn nach § 86a StGB ist die Verwendung von NS-Kennzeichen (darunter auch des Hitlergrußes) verboten und kann mit Geld- oder Haftstrafen belegt werden. Der ambitionierte Schriftsteller Erck Dessauer wollte mit dieser „absurden Nazi-Gymnastik“ den Feuilleton-Papst Hans Ulrich Barsilay im Restaurant Trois minutes sur mer provozieren. Allerdings bleibt offen, ob er diese Geste wirklich vollständig ausgeführt hat und was die tieferen Gründe seines Handelns waren.

Jedenfalls sind damit die Hauptpersonen und die Kontrahenten angesprochen, beide ziemlich unsympathisch: der eine (Dessauer) ein „kleiner roter Nazi“, ein „verrückter, verlogener Mann“, ein neurotischer Zitterer voller Selbstzweifel, gleichzeitig ein altkluger, belesener und weltfremder Bewohner des Elfenbeinturmes; der andere (Barsilay) ein hühnchenhafter, arroganter, testosteron-gesteuerter Schönling, ein selbsternannter Kavallerist der Aufklärung, ein notorischer Besserwisser und Krawallmacher. Ständig fühlt man sich zu Spekulationen (und sogar anagrammatischen Umstellungen) veranlasst, wer wohl alles hinter diesen beiden Figuren versteckt wurde: Marcel Reich-Ranicki, Rainald Goetz, Frank Schirrmacher, Christian Kracht, der Autor selbst?

Dazu feiert die Methode der (fiktiven) Intertextualität fröhliche Urstände: Dessauer arbeitet an einer Magisterarbeit über „Spätbolschewismus als Identität und Nachteil“, später an einer Biografie über den stalinistischen Gulag-Manager Naftali Frankel, war beeindruckt von Edward Saids Sachbuch „Orientalismus“, schreibt eine Rezension über Grass‘ Biografie „Beim Häuten der Zwiebel“ und zitiert als angebliche Weltkriegs-Erinnerung seines Großvaters aus Hermann Lenz‘ Roman „Neue Zeit“. Von Barsilay wird ein fragwürdiges FAZ-Essay über die ausländerfeindlichen Unruhen in Rostock-Lichtenhagen erwähnt, sein Roman „Lustlos“ wird von einer Frau gerichtlich verboten (ähnlich ging es Biller mit „Esra“) und in seiner eigenen Biografie „Meine Leute“ hat er einen Auschwitz-Besuch hochgepimpt, der so nie stattgefunden hat. Auch eine kapriziöse Verlegerin - möglicherweise Ulla Unseld-Berkéwicz vom Suhrkamp-Verlag - taucht am Rande auf.

Diese literarischen Bezüge führen auf Nebenpfaden in die Debatte um Ernst Noltes Stalin-Hitler-Kausalitäts-These, Walsers Auschwitzkeule und um die Frage jüdischer Identität. Es ist also unzweifelhaft, dass hier eine Einladung zur Spurensuche für Insider ausgesprochen und zwischen Leipzig und Berlin ein weites kultur-politisches Spektrum der letzten 35 Jahre angetippt wird. Die verklausulierte Botschaft des Ich-Erzählers Dessauer lautet: alles mehr Schein als Sein, mehr Symbol als Substanz!

 

https://www.kiwi-verlag.de/buch/maxim-biller-der-falsche-gruss-9783462000825


Michael Farris Smith: In fremden Händen ****

Originaltitel: The Hands Of Strangers (USA 2011)

aus dem amerikanischen Englisch von Jürgen Bürger

Ars vivendi Verlag (Cadolzburg 2021)

ca. 200 Seiten, 18,00 Euro

 

Der Fall des belgischen Mörders, Sexualstraftäters und „Mädchenhändlers“ Marcel Dutroux ging in späten 1990er Jahren durch die Medien. Er wurde zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Die damals dreijährige Maddie McCann ist seit dem Mai 2007 aus einer portugiesischen Ferienanlage verschwunden. Ihre Eltern suchen bis heute nach der Tochter.

Solche Kriminalgeschichten mögen der Anstoß gewesen sein, dass sich Michael Farris Smith in seinem Debütroman mit diesem Thema befasste. Der US-Amerikaner wohnhaft in Columbia, Mississippi, konzentriert sich bei seinem knappen Text, der eher den Charakter einer Novelle hat, auf die Perspektive der verzweifelten Eltern, nicht auf die des Opfers oder des Täters oder der ermittelnden Behörden. Als Schauplatz hat er die Großstadt Paris gewählt, was wohl damit zusammenhängt, dass er selbst eine Zeitlang in Genf und Paris lebte.

Farris Smith erzählt von dem französisch-amerikanischen Ehepaar Estelle und Jon, die nach ihrer Tochter Jennifer suchen, die vor etwa zwei Monaten bei einem Schulausflug im Musée d’Orsay verschwunden ist. Sie haben Plakate und Flyer gedruckt, die sie an vielen öffentlichen Plätzen aufhängen und verteilen. Doch was macht die lange Erfolglosigkeit mit den beiden? „Der leere Platz“ (man vergleiche den gleichnamigen Debütroman von Marion Karausche) in Jennifers Kinderzimmer stellt auch die beiden Erwachsenen auf eine Probe. Gibt es noch Wunder? Soll man daran glauben? Wie verändert sich das Gemütspendel zwischen Hoffnung und Verzweiflung? Muss man nach Ablenkungen suchen? Hält die Beziehung den psychischen Belastungen stand?

Daraus zieht Farris Smith die Spannung seines Textes, und er tut das mit einer sehr nüchternen Prosa, die - nicht nur wegen des Schauplatzes - an Hemingway erinnert, die aber wegen ihrer ethischen Fragestellungen auch auf Albert Camus verweisen kann.

Die finale „Lösung“ - sie setzt erst im letzten Zehntel der Novelle ein - soll hier nicht verraten werden. Es ist aber fast zwangsläufig, dass Menschen aus solchen existenziellen Situationen verändert herausgehen. Farris Smith findet dafür das Bild der „Schatten vor ihnen“, der „Silhouetten“ als „flüchtiger Blick auf das, was sie einmal waren“.

Der ars vivendi Verlag hat schon mit „Desperation Road“ (2017/18) den Autor für deutsche Leser schmackhaft gemacht, nun ist auch sein schriftstellerischer Auftakt mit europäischem Ambiente in einer trefflichen Übersetzung verfügbar.

 

https://arsvivendi.com/Buch/Startseite/9783747203224-In-fremden-Haenden


Klaus Modick: Bestseller (Roman) ****

KiWi (Köln 2015)

ca. 280 Seiten, 9,99 Euro

 

Der Schreiber dieser Zeilen erinnert sich mit äußerst gemischten Gefühlen an ein Germanistik-Proseminar, das im Jahre 1971 an der Universität Erlangen stattfand. Thema war der „Literaturbetrieb in der Bundesrepublik Deutschland“, und ein halbes Jahr musste man sich anhand von Enzensbergers Kursbuch Nummer 20 über die Produktionsbedingungen der Literatur im Spätkapitalismus austauschen. Ach, hätte es damals schon den Roman von Klaus Modick gegeben, dann hätte man das zugegeben interessante Thema mit unterhaltsamer Lektüre unterfüttern und aus einer originell erzählten Satire Erkenntnisse gewinnen können!

Doch erst 50 Jahre später fiel mir das Buch in die Hände, nachdem ich kurz vorher Modicks Eichendorff-Adaption „Fahrtwind“ gelesen hatte. In „Bestseller“ erzählt der Verfasser von einem Schriftsteller namens Lukas Domcik (Anagrammatiker aufgepasst!), der bisher mit wechselndem Erfolg für den Lindbrunn Verlag in Frankfurt Bücher schreibt - vorher war er bei Strohbold (!). Nun aber will es der narrative Zufall, dass er völlig überraschend als Alleinerbe der verstorbenen Emma Theodora Elfriede Westerbrink-Klingenbeil eingesetzt wird (er erinnert sich nur mühsam an eine ferne Tante Thea) und in ihren Hinterlassenschaften eine Art schriftliche Lebensbeichte auffindet (nach eigener Einschätzung „gesammelter Schwachsinn“). Gleichzeitig kommt er in Kontakt mit der bildhübschen Rachel Bringman, die in seiner Stammkneipe, dem Bühnen-Bistro, kellnert und ihm ein eigenes Manuskript mit dem Titel „Wilde Nächte“ zur Prüfung vorgelegt hat („das Papier nicht wert, auf dem die Storys ausgedruckt waren“).

Da reift in Domcik ein raffinierter Fake-Plan: aus Tante Theas historischem Text, aus Rachels attraktivem Gesicht und aus seiner anonymen Autorenschaft könnte man einen „totalen Bringer“ konstruieren, der auch den Verlagsleiter Ralf Scholz überzeugen müsste. So entsteht tatsächlich ein veritabler Doku-Fiction-Bestseller von der Autorin Rachel Levison mit dem Titel „Vom Memelstrand zum Themseufer. Die Odyssee einer tapferen Frau durch die tausendjährige Zeit“. Ein Hybrid-Produkt, das alles enthält, was im heutigen Literaturbetrieb als gut verkäuflich erscheint, und der Qualitätsfrage des Verlegers - „Was würde Hollywood dazu sagen?“ - locker standhält. Auf der Leipziger Buchmesse wird das Buch mit einer Startauflage von 100 000 Stück vorgestellt, einschlägige Medien schreiben hymnische Rezensionen, weil sie vom Verlag auch satte Anzeigenaufträge bekommen haben. Doch für den eigentlichen Autor Lukas Domcik endet die Erfolgsstory enttäuschend, da Rachel ihn aufgrund unklarer Vertragsbedingungen finanziell austrickst: „Die Geschichte meines Bestsellers ist damit zu Ende“.

Modicks vergnüglich-ironische Geschichte sollte trotz oder gerade wegen ihres entspannten Plaudertons („Vom Hölzchen zum Stöckchen“) Pflichtlektüre im Germanistik-Studium werden! „Bestseller“ hat immer noch die Lizenz zum Bestseller - vielleicht sogar im Sturkampf-Verlag!

 

https://www.kiwi-verlag.de/buch/klaus-modick-bestseller-9783462048537


Marion Karausche: Der leere Platz (Roman)    ****

Kein & Aber (Zürich / Berlin 2021)

271 Seiten, 22,00 Euro

 

Eigentlich eine perfekte deutsche Familie: die Eheleute Marlen und Martin Lorenz mit ihren beiden Kindern Kai und Amy. Sie leben privilegiert in Marokko, weil Martin dort einen gut bezahlten Job bei einer großen Firma hat. Marlen bleibt Zeit für interessante Hobbys (Reiten, Tauchen), weil sie sich eine einheimische Haushaltshilfe leisten kann. Die Kinder sind strebsam, intelligent und fröhlich, sie werden an einer elitären Privatschule unterrichtet, wachsen drei- bis viersprachig auf. Mit den Worten der Hauptperson Marlen: „In ihrem Leben, dachte sie oft zufrieden, stimmte alles“.

Dann aber fällt ein dunkler Schatten in die aufgeräumte Idylle: der 18jährige Kai kündigt an, mit Freunden eine Europareise zu unternehmen - von der zunächst nicht zurückkommt. Erst nach drei Monaten meldet er sich wieder, er habe die Zeit für sich gebraucht. Jetzt will er in Mainz studieren, überschreitet aber dort schnell die erlaubte Abwesenheitsquote. Die nächste E-Mail kommt aus Peru mit rätselhaften Substantiven: „Erwachen nach einem lebenslangen Schlaf … Wiedergeburt und … Befreiung“. Er habe dort bei Schamanen im Urwald gelebt und Gott gesehen!

Nun bricht endgültig das Motiv vom verlorenen Sohn in den Roman, er ist zwar zurückgekommen, aber als Fremder. Die Situation verschärft sich, als er wenige Tage später sein Auto mit Benzin abfackelt und in die Notaufnahme der Psychiatrie eingeliefert wird. Es folgen Wochen in der geschlossenen Station; die Diagnose der Ärzte lautet: schizophrene Psychose. Ab diesem Moment erleben wir den verzweifelten Kampf einer Mutter, die ihrem Sohn helfen, ihn begleiten und gleichzeitig nach eigener Schuld sowie nach erblichen Belastungen in der Vergangenheit der Familie suchen will.

Wer eine solche Geschichte so authentisch und so packend erzählt, muss alles selbst erlebt haben. Es ist deshalb nachzuvollziehen, dass die Autorin drei Schutzmauern gegen literarischen Voyeurismus eingezogen hat: sie schreibt unter einem Künstlernamen (die Karausche ist ein Karpfenfisch), sie hat Namen und Orte geändert und sie vermeidet die Ich-Erzählweise.

Dennoch wird man als Leser von Wucht der Ereignisse erfasst, gegen diesen Roman ist Juli Zehs vorletztes Werk „Neujahr“, das mit ähnlichen Psycho-Motiven arbeitete, ein laues Lüftchen. Beeindruckend für ein spätes Roman-Debüt auch die schnörkellose Sprache im nüchternen epischen Präteritum fernab von Kitsch und Larmoyanz. Traurig, aber wahr: die großen Romane entstehen aus Katastrophen oder existenziellen Krisensituationen - wenn man noch die Kraft hat; alles zu Papier zu bringen.

 

https://keinundaber.ch/de/regal/frischkua/der-leere-platz/


Foto: Tom Schneider
Foto: Tom Schneider

Interview mit Marion Karausche

Nürnberg, 28.9.2021

 

Frau Karausche, im Zentrum ihres Romans steht die schwere psychische Krankheit eines jungen Mannes und die Frage, wie man damit umgehen kann. Er selber deutet manchmal an, dass er eher die „Normalen“ als die „Verrückten“ empfindet.

Die Grenzen sind verschwommen, sie sind unterschiedlich in verschiedenen Kulturen, es ist immer eine Frage der Perspektive, der Mehrheit und Minderheit.

 

Seine Mutter Marlen äußert an einigen Stellen Kritik an psychiatrischen Behandlungsmethoden und an rechtlichen Regelungen.

Das war eigentlich der Hauptgrund, dieses Buches zu schreiben, die Geschichte soll ein Aufhänger sein, um ein Thema in den Vordergrund zu rücken, das gerne unter den Teppich gekehrt wird. Ist das Recht, jemandem zuzuschauen wie er an seiner Psychose zugrunde geht, abgeleitet vom Recht auf körperliche Integrität, wirklich noch zu vertreten? Bei einer Schizophrenie muss man feststellen, dass der Betroffene unfähig ist, seine Krankheit noch selbst zu erkennen. Ein Schizophrener ist fest überzeugt, dass er gesund ist, dass er jedoch das Opfer einer Verschwörung ist.

 

Was heißt das konkret?

Zum einen müssen die Rechte der Eltern gegenüber den Rechten eines Betreuers gestärkt werden. Es kann nämlich sein, dass der Patient aus der Klinik entlassen wird, ohne dass die Familie davon erfährt, dass er dann hilflos in die Freiheit stolpert, was nicht selten aufgrund der Aussichtslosigkeit des Obdachlosenlebens zum Selbstmord führt. Außerdem ist es dringend, dass sich einige Gesetze ändern: die Richter entscheiden über den Patienten, sie sind aber keine Ärzte. Ein Arzt muss mitentscheiden, ob der Patient überlebensfähig ist, wenn er wieder in die Freiheit entlassen wird. Wenn man von Dämonen im Kopf beherrscht wird, muss die grundgesetzlich garantierte persönliche Freiheit etwas anders definiert werden. Wer in seinem Kopf die Aufforderung hört „Spring von der Brücke!“ muss leider in seiner Freiheit beschränkt werden. Aufgrund der hässlichen deutschen Vergangenheit ist dieses Thema aber sehr schwierig und belastet.

 

Welche Bedeutung hat für den verlorenen Sohn Kai im Roman die Religion, ein Glaube - oder ist das nur eine Ersatzdroge?

Wenn man in einer Psychose steckt, verliert man seinen normalen Anker, z. B. die Familie. Die Flucht zur Religion, zu Schamanen ist die verzweifelte Suche nach einem Halt.

 

Die Parallelen zwischen der Mutter im Roman und der Autorin liegen natürlich auf der Hand. War das Schreiben des Romans eine Art Trauerarbeit und Selbstbefragung? Wieviel Mut gehört dazu, diese Geschichte ungeschminkt zu erzählen?

Es ist nicht ausschlaggebend, wer hier wirklich betroffen ist. Sobald man sich mit diesem Thema befasst - und das kann auch sein, wenn bei Bekannten so ein Fall auftritt -, braucht man einen Weg, sich damit auseinanderzusetzen. Der Mut kommt dann von alleine, weil das Schreiben ein Schrei der Verzweiflung ist. Das Manuskript entstand in kurzen Episoden über ein Dreivierteljahr. Man muss jeden Tag an das Buch denken und dann am Computer Phasen des Schreibens einlegen. Der zweite Teil war die Arbeit mit dem Verlag, die ungefähr noch einmal so lange gedauert hat.

 

Das Ende des Romans ließe sich als optimistisch für den Sohn und tragisch für die Mutter deuten. Ist diese Beobachtung falsch?

Die Mutter entdeckt in letzter Sekunde eine Botschaft ihres zweiten Kindes (Amy), für das sie dableiben muss. Wer kämpft, hat noch nicht verloren! Mir war sehr wichtig, dass das Buch - auch angesichts der großen Zahl von Betroffenen - mit einem Hoffnungsschimmer endet.

 

Welche Reaktionen bekommt man als Verfasserin bei einem so sensiblen Thema?

Erstaunlich viele und sehr private Reaktionen; bei der ersten Lesung in Köln kamen zahlreiche Zuhörer nachher auf mich zu, und erzählten gerührt, dass sie ähnliche Erfahrungen machen mussten.

 

Wie schafft man es, sein Debüt-Manuskript bei einem so renommierten Verlag (Kein & Aber) unterzubringen?

Es ist ein Teil Glück, dass ein Manuskript wahrgenommen wird. Wichtig war auch das Thema, das die Verantwortlichen im Verlag interessiert hat.

 

Sie wohnen nun seit etwa einem halben Jahr in Nürnberg. Ist das die provinzielle Alternative zu einem bisher sehr weltläufigen Leben?

Es ist eine sehr wohltuende Abwechslung nach chaotischen Reisen und Aufenthalten in unruhigen Ländern. Ich fühle mich in Nürnberg sehr wohl, ich genieße die Natur, die Radwege und Wanderwege. Ich hatte immer das Klischee, dass die Deutschen kalt und steif sind. Das muss ich jetzt schon revidieren.


Klaus Modick: Fahrtwind (Roman)   ****

Kiepenheuer & Witsch (Köln 2021)

ca. 195 Seiten, 20,00 Euro

 

Was so alles passieren kann, wenn man auf ein altes Reclam-Bändchen stößt: bei Plenzdorfs Edgar Wibeau war es Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ - noch dazu ohne Titelblatt -, das ihm während der Betrachtung seiner neuen Leiden in der DDR der 70er Jahre erstaunliche Parallelen aufzeigte. Beim Ich-Erzähler in Klaus Modicks neuen Roman ist es Joseph von Eichen­dorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“, das ihn an die einstige Studentenzeit vor knapp 50 Jahren in Hamburg erinnert, an ein Proseminar mit dem Titel „Liebe und Ehe in Romanen der Romantik“ und an den damals gescheiterten Versuch die alte Geschichte zu aktualisieren. „Warum es also heute nicht noch einmal probieren?“

So entwickelt sich die Geschichte vom Vater, dem Chef der Installationsfirma Müller (!), und dem langhaarigen Sohn, der ziellos vor sich hin studiert, auf der Gitarre Lieder komponiert und schließlich zu dem Entschluss kommt, er müsse „weg von hier“ - am besten „südwärts“.

Zwei Frauen (Mutter und Tochter) nehmen den Tramper an einer Autobahnraststätte mit, er landet tags darauf verschlafen im Schlosshotel Lindenhof nahe bei Wien. Die ältere Dame - Josephina Carlotta Gräfin von Lindenhof - ist dort die Hoteldirektorin und bietet ihm einen Job als musikalischer Alleinunterhalter bei sogenannten Verwöhn-Wochenenden an. Der Troubadour ist vom Honorar beeindruckt - und von der möglichen Nähe zur sehr gut aussehenden Tochter. Im Schlossgarten findet er außerdem bewusstseinserweiternde Pilze (die Österreicher sagen „narrische Schwammerln“), die ihm die Unterscheidung von Traum und Leben schwer machen.

Damit startet im Abstand von etwa 150 Jahren eine postmoderne Taugenichts-Geschichte, in der sich Eichendorff-Gedichte mit Pop-Songs der 1970er Jahre mischen, in der aus der Postkutsche ein Fiat 500, aus Guido und Leonhard das Easy-Rider-Duo Billy und Wyatt, sowie aus dem Schloss bei Rom die Villa Maria Iona (!) wird. Danach landet der mit Woodstock sozialisierte Liedermacher noch in der Stipendiaten-Villa Massimo, wo der große Poet Rolf-Dieter Denkmann (!) radikale Thesen verbreitet und seine Mitbewohner als „hirnlose Schwätzer“ und „korrupte Schreiberlinge“ tituliert. Die Prager Studenten und Blasmusiker, die der Taugenichts auf dem Rückweg nach Wien trifft, sind nun Mitglieder der Band „The Students“; der Ich-Erzähler darf gleich als Ersatz-Gitarrist einsteigen und seine Eigenkomposition „Gestern, heute, morgen“ an Bord des Donau-Dampfschiffs vermarkten.

Klaus Modick verpflanzt den Lektüre-Klassiker mit viel Phantasie und Ironie aus der deutschen Romantik in die Hippie-Ära und folgt dem Original sogar mit einem - nur geträumten - Happy End. Im Bereich der Musik würde man von einer gelungenen Cover-Version sprechen - ähnliches wäre zu erwarten gewesen, wenn die Gruppe Jefferson Airplane 1970 Lieder von Franz Schubert neu vertont hätte. Der Leser mit Toskana-Migrationshintergrund findet das volle Vergnügen bei der Doppel-Lektüre des echten Eichendorffs und der Modick-Adaption, am besten in dieser Reihenfolge!

 

https://www.kiwi-verlag.de/buch/klaus-modick-fahrtwind-9783462001303


Jörg-Uwe Albig: Das Stockholm-Syndrom und der sadomasochistische Geist des Kapitalismus    ****

Klett-Cotta (Stuttgart 2021)

ca. 240 Seiten, 20,00 Euro

 

Es gibt Menschen, die nur Sachbücher lesen, weil sie beim Lesen etwas lernen wollen. Und es gibt Menschen, die sich der Belletristik verpflichtet fühlen, weil sie den Faktor Unterhaltung (oder altmodisch: Erbauung) für unverzichtbar halten. Für alle dazwischen, die das Beste aus beiden Welten kombinieren wollen, gibt es nun einen Hybrid-Roman von Jens-Uwe Albig, der sich auch auf eine Tagebuch-Notiz von Albert Camus beziehen könnte: "Wenn du Philosoph sein willst, schreib Romane ... man denkt nur in Bildern" (1935). Ganz aktuell erinnert man sich auch an das Statement von Jonas Lüscher, er sei "vor der akademischen Philosophie ins Erzählen“ geflüchtet.

Albigs gewagter Text (bleiben wir mal bei der neutralen Bezeichnung) erweist sich als Mischung aus sozialpsychlohgischer Studie und Roman-Groteske zu der These, dass sich das aus dem Stockholmer Geiseldrama (23. August 1973) er­kenn­bare Verhaltensmuster einiger Geiseln auch auf das grundlegende Verhältnis zwischen dem „Kunden“ und dem System des Spätkapitalismus übertragen lasse.

Die Firma „Human Solution“ in Glimpflingen bei Stuttgart hat ein Geschäftsmodell der gewerbs­mäßigen Entführung entwickelt. Chefin Sabine Seggler engagiert dazu die Psychologin Katrin Perger (gleichzeitig die Ich-Erzählerin), die das Verhältnis zwischen der Entführungs-Firma und den Entführten optimieren soll. Aktueller Kidnapping-Fall ist der Kunstsammler Frido von Sendmühl, der in einer verborgenen Hütte in den bayerischen Alpen festgehalten wird. Durch ihre Diplomarbeit (mit dem Buchtitel) wurde „Human Solution“ auf Frau Perger aufmerksam, nun beginnt sie eine Art Gesprächstherapie mit Sendmühl, dessen Marktwert auf 20 Millionnen Euro taxiert wird. Das vorherige Projekt, die Entführung eines gewissen Lucius Stingl hatte sich zu einem Desaster entwickelt, jetzt soll mit dem Lösegeld die Firma wieder saniert werden. Leider will niemand für Sendmühl etwas zahlen und Chefin Seggle erleidet eine Art Burnout, den sie in einem Kloster bekämpft. Dort aber setzt bei ihr ein bemerkenswerter Bewusstseinswandel ein: „Inzwischen glaube ich: Der Kunde ist vor allem ein Mensch!“ Ein abgeschnittenes Ohr ist damit als Druckmittel nicht mehr vermittelbar. Bei einer Betriebsversammlung wird die Firma zu einer Genossenschaft umorganisiert, ethische Standards sollen plötzlich eine Rolle spielen, die Nonnen haben Frau Seggle offensichtlich „die kompletten Grundlagen wirtschaftlichen Denkens und Handelns aus dem Hirn geblasen“.

Als ein von der Polizei gesuchter Flüchtling bei der Hütte auftaucht, ist ein Ortswechsel zwingend. Sendmühl schlägt vor, mit den Entführern in sein eigenes Luxus-Chalet umzuziehen. Es erfolgt eine zunehmende Verbrüderung, die damit endet, dass der Kunstsammler die Firma übernimmt und einen großen Freizeit- und Erlebnispark „Stockholm Story“ entwirft; Chef­animateurin wird Katrin Perger!

Zwischen dieser skurrilen Handlung ist - typografisch abgesetzt - die Sozialstudie passagenweise eingefügt, die auch andere prominente Entführungsfälle (z.B. Natascha Kampusch) analysiert. Wer will, könnte sich also mit der einen oder der anderen Betrachtungs- und Stil-Ebene des Buches begnügen. Das volle Vergnügen einer originellen Kritik der Gesetze des heutigen Markt-Kapitalismus entfaltet sich aber nur bei der Stereo-Lektüre!

 

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Das_Stockholm-Syndrom_und_der_sadomasochistische_Geist_des_Kapitalismus/136868


Rolf Gröschner / Wolfgang Mölkner: Kants Doppelleben   ****

Verlag Karl Alber (Freiburg / München 2021)

122 Seiten, 24,00 Euro

 

Keine Sorge: es handelt sich hier nicht um einen Enthüllungsroman über das Privatleben des nie verheirateten und vermutlich jungfräulich gestorbenen Philosophen. Die beiden Nürnberger Autoren wollen nur die Gedankenwelt des „philosophisch Unsterblichen“ durchleuchten und konstruieren dazu acht fiktive Audienzen in der Bibliothek seines Hauses in Königsberg, deren Ablauf von dem Diener Martin Lampe streng geregelt wird. Immanuel Kant tritt dabei stets in einer Doppelrolle als Vernunftmajestät und Sinnenmajestät auf, jedem Gast wird als Hilfsmittel gegen Gebühr eine Transzendentalbrille angeboten. Es erscheinen - in chronologischer Ordnung - Martin Luther, Jean-Jacques Rousseau, Charles Darwin, Ludwig Feuerbach, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud, Albert Einstein und Hannah Arendt.

Die Gespräche (jeweils knapp zehn Seiten) verlaufen teilweise im emotionalen Wettstreit, teilweise schlüssig argumentativ, teilweise mit konsen­sualem Ziel - fast wie in heutigen Philosophie-TV-Talk-Formaten von Richard David Precht oder Peter Sloterdijk.

Am Ende dürfen sich noch zwei weitere Unsterbliche (Platon und Aristoteles) ins Gespräch über politische Ethik mischen, bis schließlich auch die beiden Verfasser in das Talk-Forum aufgenommen werden. Dabei erläutern sie die Intention ihres Planspieles: sie wollten dem Philosophen, der „den historischen Höhepunkt der Aufklärung markierte“, eine Gelegenheit geben, seine Thesen im Dialog mit Denkern des 16. - 20. Jahrhunderts zu verteidigen. Dass sie zu dieser Gesprächsreihe die Herren Hegel und Marx (noch) nicht eingeladen haben, wird vom Protagonisten dankbar vermerkt, diese beiden geisteswissenschaftlichen Schaukämpfe hätten aber dem heutigen Leser weitere Denkanstöße vermittelt.

Ähnlich wie in Ilona Jergers Roman „Und Marx stand still in Darwins Garten“ entwickelt sich hier ein unterhaltsames szenisches Arrangement, fernab von trockenem Proseminar-Stoff mit Dozenten-Monolog. Daher gilt für diese originelle Publikation der kategorische Imperativ: Lesen und/oder bei der nächsten Einladung mit verteilten Rollen nachspielen!

 

https://www.herder.de/philosophie-ethik-shop/kants-doppelleben-kartonierte-ausgabe/c-27/p-20845/


Bernhard Schlink: 20. Juli. Ein Zeitstück   ****

Diogenes Verlag (Zürich 2021)

ca. 90 Seiten, 16,00 Euro

 

Nachdem Bernhard Schlink mit seinen beiden Erfolgsromanen „Der Vorleser“ und „Das Wochenende“ eindrücklich unter Beweis gestellt hat, dass man die Themen „Schuld in der NS-Zeit“ und „Terrorismus in den 1970er Jahren“ gleichzeitig differenziert, erkenntnisorientiert und dennoch unterhaltsam in erzählerische Form bringen kann, wagt er sich nun mit seinem neuesten Werk „20. Juli“ an die Problemstellungen der näheren Zukunft und in das Genre des Theatertextes. Dabei ist diese Gattung durch Ferdinand von Schirach, den Großmeister der Dilemma-Dramaturgie und des politisch-ethischen Diskurses bereits prominent besetzt und multimedial ausgewertet (vgl. „Terror“ oder „Gott“).

Schlink unternimmt einen gewagten Spagat vom Widerstand des 20. Juli 1944 zu dem politischen Engagement von fünf Abiturienten, die am 20. Juli des Jahres 2025 (?) den letzten Schultag mit einer Geschichtsstunde bei ihrem Leistungskurs-Leiter Ulrich Gertz absolvieren. Gleichzeitig ist dies der Tag, wo Rudolf Peters, der junge Spitzenkandidat der rechtsextremen „Deutschen Aktion“ (laut Regieanweisung ein „attraktiver deutscher Kennedy“) mit 37 % einen erdrutschartigen Wahlsieg bei einer ostdeutschen Landtagswahl feiert - erwünschte Assoziationen müssen wohl nicht erklärt werden!.

Am Vormittag haben die SchülerInnen Esther, Maria, Fabian, Niklas und Paul mit ihrem Lehrer die These erarbeitet, die Frauen und Männer des deutschen Widerstandes seien zwar Lichtgestalten der Geschichte, eine Verhinderung Hitlers hätte aber schon dreizehn Jahre früher (also etwa 1931) stattfinden müssen. Beim gemütlichen, zunächst entspannten Grillabend wird daraus die Forderung, es sei heute richtig, diesen Rudolf Peters umzubringen, damit er später (als möglicher Bundekanzler?) kein Unheil anrichtet, und es beginnt ein spannender Diskurs um die Legitimität des präventiven Tyrannenmordes.

Lehrer Gertz distanziert sich von der Radikalität seiner Schüler: man müsse zwar den Anfängen wehren - „aber doch nicht so!“ Diese kontern: „Wir wollen was bewirken. Du nicht!“ Als Vertreter einer resignativen Altersweisheit mischt sich auch noch der Opa von Fabian, ein desillusionierter Alt-68er, in die lebhafte Debatte ein. Bald bröckelt aber die Phalanx der jugendlichen Revolutionäre, als klar wird, dass Fabian nur ein provozierender Gedanken-Spieler ist („ihr könnt doch den Baader-Meinhof-Quatsch nicht ernstnehmen!“), Niklas noch viel Zeit zum Überlegen braucht und Esther eine private Beziehung zu dem Lehrer hat.

Am späten Abend und am Ende dieses ganz konventionell gestrickten fünfaktigen Dramas wächst durch ein zusätzliches Ereignis von außen zwar die Erkenntnis, dass die Welt um die Jugendlichen in Flammen steht, und dass es nötig sei „stark und böse zu werden“ (wie etwa die Akteure in dem sehenswerten Film von 2004 „Die fetten Jahre sind vorbei“) - aber meinen das alle wirklich ehrlich und ernsthaft?

Es darf gespannt abgewartet werden, wie die Verantwortlichen in den deutschsprachigen Theatern auf dieses Textangebot des Bestseller-Autors Schlink reagieren. Zumindest für das Jugendtheater und für die Behandlung im Unterricht kann man hier schon eine klare Empfehlung geben.

 

https://www.diogenes.ch/leser/titel/bernhard-schlink/20-juli-9783257071603.html


Anne-Laure Bondoux: Die Zeit der Wunder     ****

aus dem Französischen von Maja von Vogel

Carlsen Verlag (Hamburg 2017; franz. Original 2009

ca. 190 Seiten, 6,99 Euro (Tb)

 

Nach der Auflösung der UdSSR kam es ab 1992 zu einem Bürgerkrieg zwischen dem Staat Georgien und den sezessionswilligen Gebieten Abchasien und Süd-Ossetien. Gloria, die weibliche Hauptperson des Romans, schätzt die Situation im Kaukasus recht lakonisch ein: „zu viele Länder … zu viele Völker … die Grenzen verschieben sich und die Namen ändern sich ständig … zum Schluss bleiben nur Ruinen und unglückliche Menschen über“. Das ist der Ausgangspunkt für eine Geschichte, bei der der Ich-Erzähler Komaïl, dessen wahre Identität erst am Ende des Romans enthüllt wird, in anrührender Weise von einer langen Flucht nach Frankreich berichtet. Anne-Laure Bondouxs „Die Zeit der Wunder“ ist also ein Vorläufer jener Erzählungen, die vor allem während und nach der Flüchtlingskrise 2015 auf dem literarischen Markt feilgeboten wurden. Martin Horváth durchleuchtete mit ironischen Untertönen die Situation von UMFs in einem Wiener Asylbewerberheim („Mohr im Hemd oder Wie ich auszog, die Welt zu retten“), Michael Köhlmeier schilderte das betroffen machende Schicksal eines verloren gegangenen Kindes in der großen Stadt im Westen („Das Mädchen mit dem Fingerhut“) und Bodo Kirchhoff erzählte buchpreiswürdig von einem älteren Paar, das in Italien auf ein Flüchtlings-Mädchen trifft („Widerfahrnis“).

Ziemlich anders bei Mme. Bondoux: Der sechsjährige Komaïl macht sich mit seiner Zieh-Mutter (?) Gloria auf den Weg nach Westen - in dem Glauben, er sei als französisches Kleinkind namens Blaise aus einem von Freiheitskämpfern gesprengten Eisenbahnzug gerettet worden; seine Mutter Jeanne Fortune sei verschollen. Die abenteuerliche Reise geht mit Unterbrechungen über Russland in die Ukraine, weiter über Moldawien und Rumänien an die ungarische Grenze. Dort besteigen die beiden einen Lastwagen, der sie nach Frankreich bringen soll. Blaise/Komaïl soll sich im Anhänger verstecken, wo Schweine transportiert werden. Im Dezember 1997 wird er dann auf der Autobahn im Departement La Moselle von einer Zoll-Patrouille gefunden und als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling in ein Erstaufnahmezentrum gebracht - Gloria ist nämlich verschwunden!

In chronologischen Sprüngen erfährt man von seiner Sozialisation in Frankreich, die 2003 mit dem Erwerb des französischen Personalausweises eine Erfolgsgeschichte zu sein scheint. Doch zu seiner Identität fehlen Auskünfte zu zwei Personen: wo ist seine Mutter Jeanne, wo ist seine Flucht-Führerin Gloria? Über Internet- und Botschafts-Recherchen erfährt er, dass Gloria in einem Krankenhaus in Tiflis behandelt wird. Er fliegt sofort dorthin, es kommt zur Wiedererkennung, aber auch zur Erkenntnis, dass sie unheilbar krank ist. Doch vor ihrem Tod erzählt sie ihm die wirkliche Geschichte: sie ist seine wahre Mutter, der Tschetschene ZemZem Dabaïev ist sein Vater, die französische Frau und ihr Baby starben in den Trümmern des Zuges, doch in deren Koffer fand Gloria für ihren Sohn die Chance auf eine neue Identität, auf eine neue Zukunft in Frankreich, dem Land der Menschenrechte und des demokratisch-rechtsstaatlichen Friedens.

So endet diese Flucht-Odyssee samt Coming-of-age-Geschichte mit einer tragischen Heldin und einer finalen anagnorisis, mit einer optimistischen Botschaft ohne Kitsch-Verdacht, und mit einer fast schon Camusschen Hoffung trotz erkannter Absurditäten: das Leben immer weitergehen - „neuen Horizonten entgegen“. Ein Jugendbuch (ab 14), das auch Erwachsene mit Gewinn lesen können.

 

https://www.carlsen.de/taschenbuch/die-zeit-der-wunder/978-3-551-31285-3


Dmitrij Kapitelman: Eine Formalie in Kiew (Roman)  ****

Hanser Berlin (Berlin 2021)

ca. 175 Seiten, 20,00 Euro

 

Der Ich-Erzähler Dima (der natürlich mit dem Autor Dmitrij Kapitelman identisch ist) lebt seit 1994 - damals war er acht Jahre alt - in Deutschland, nachdem er mit seiner Familie aus der Ukraine als Kontingentflüchtling eingewandert ist. Nun will er - 32jährig - die deutsche Staatsbürgerschaft erwerben, muss dazu aber in seinem Herkunftsland eine erneuerte Geburtsurkunde und eine zusätzliche behördliche Bestätigung ausstellen lassen. Nur eine Formalie? Keineswegs, denn das wäre auch für ein literarisches Projekt etwas dünn. Stattdessen entwickelt sich seine Flugreise von Leipzig nach Kiew zu einer kritischen Erkundung seiner früheren Heimat und zu einer Bewährungsprobe für den Zusammenhalt der Familie.

Dimas Behördengänge entwickeln leicht kafkaeske Züge, denn es zeigt sich, dass man in der Ukraine nur mit doppeltem Vitamin B weiterkommt: Beziehungen und Bestechung (letzteres wird im Roman euphemistisch als „Entdankung“ tituliert). Als er doch Entscheidendes erledigt hat, kündigt Vater Otez seine Anreise an: er will sich in der Ukraine ein billiges Gebiss anfertigen lassen. Doch seine wahren Probleme sind die Folgen eines nicht erkannten Schlaganfalls und so schleppt ihn der Sohn in das Stadtkrankenhaus Nr. 8. Wenn man „diesen Ort in Flaschen abfüllen könnte, hätte man die Hoffnungslosigkeit konserviert“ heißt es über das ukrainische Gesundheitssystem. Die Enzephalopathie des Vaters ist nicht mehr operabel, deshalb planen beide die Rückreise. Aber nun kündigt Mutter Vera ihr Kommen an und die Kernfamilie ist in der alten Heimat vereint, um die hohen Grenzmauern ihrer internen Beziehungen umso deutlicher zu erkennen. So werden die Wochen in Kiew für Dima zum einen zur schmerzhaften Analyse der Zustände in diesem Staat. Regiert wird er von einem „Komikerpräsidenten“ (Wlodymyr Selenskyi), der auch nicht besser ist als seine Vorgänger Poroschenko (der „Pralinenproduzent“). Als der Vater mit seinen Wortfindungsstörungen beim Kreuzworträtsel nach einer Regierungsform mit dem Anfangsbuchstaben „D“ sucht, pendelt er hilflos zwischen Demokratie und Diktatur. „Ein so reich beschenktes Land wie die Ukraine kaputt zu stehlen, das schaffen nur die Ukrainer“ bleibt als böses Verdikt gegenüber der Bevölkerung. Auf der anderen Seite entwickelt sich für Dima aber eine dialektische Sympathie („Ich liebe diese verlorenste unserer Vergangenheit!“) und er dankt am Ende seiner Leipziger Sachbearbeiterin für den verordneten Flug ins Gestern.

Kapitelmans knapper Roman ist eine Art Paradigmenwechsel in der migrantischen Literatur: nicht die schwierige Integration in der neuen Heimat ist das Thema, sondern der wehmütig-kritische Blick auf die Zustände in der alten Heimat. Dies tut der Autor mit einer gehörigen Portion jüdischer (darf man das so sagen?) Ironie und einem ausufernden Sprachwitz, der auch vor dem tragischen Schicksal der Schwester Tonja nicht Halt macht.

 

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/eine-formalie-in-kiew/978-3-446-26937-8/


Kirsten Boie: Dunkelnacht    ***

Verlag Friedrich Oetinger (Hamburg 2021)

ca. 130 Seiten, 13,00 Euro

 

Wahrscheinlich kann jede Kommune in Bayern eine Geschichte aus dem April 1945 erzählen. Doch selten dürften die Tage vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen so dramatisch verlaufen sein wie in der oberbayerischen Kleinstadt Penzberg, 50 km südlich von München gelegen. Historiker sprechen mit Blick auf den 28. April 1945 von der „Penzberger Mordnacht“, die zu den sogenannten „Endphaseverbrechen“ des Zweiten Weltkriegs gezählt wird. Die bekannte Jugendbuch-Autorin Kirsten Boie hat sich mit den Ereignissen vertraut gemacht und daraus eine spannende Novelle für Jugendliche (bewusst keine Dokumentation) konstruiert.

In zwei Teilen mit insgesamt 44 Kapiteln werden der „Mordtag“ (28. April) - ergänzt durch einen kurzen Blick auf den Tag zuvor - und die „Mordnacht“ (vom 28. auf den 29. April) nacherzählt. Der literarische Kniff besteht darin, dass die Autorin neben den belegten historischen Figuren drei Jugendliche hinzugefügt hat, aus deren Perspektive die dramatischen Ereignisse weitgehend verfolgt werden. Die 14jährige Marie ist die Tochter des aufrechten Metzgermeisters Sebastian Reithofer, der durch einen Zufall den Ermordungen entgeht. Der 15jährige Schorsch ist der Sohn des örtlichen Polizeimeisters Lahner und gleichzeitig die Zentralfigur, mit der Kirsten Boie ihren didaktischen Auftrag einlöst. Denn bei ihm wird innerhalb von 24 Stunden ein Lernprozess sichtbar: will er am Anfang noch an den Endsieg glauben, so erkennt er als unfreiwilliger Beobachter der Mordaktionen am Ende, dass er sich beweisen muss, „auf welcher Seite er steht“. Der 15jährige Gustl hat sich der NS-Werwolf-Gruppe von Hans Zöberlein aus Großhadern angeschlossen, weil er die Schande seiner Eltern (sein Vater war als Kommunist in Dachau inhaftiert) sühnen und endlich gegen die Hitler-Gegner losschlagen will. Mit viel Alkohol und zeitweiser Übelkeit beteiligt er sich an der Lynch-Aktion der fanatisierten Gruppe. Dass zwischen den drei Jugendlichen auch noch eine dezente Dreiecks-Liebesgeschichte angelegt wird, erscheint angesichts der existenziellen Ereignisse verzichtbar.

Die Novelle endet relativ abrupt mit dem Morgen danach und dem Verweis auf den 30. April, dem Tag, an dem die Amerikaner in Penzberg einziehen und an dem sich Adolf Hitler in Berlin das Leben nimmt. Erst im Nachwort verweist Kirsten Boie auf die schleppende und schwierige juristische Aufarbeitung der Morde: 13 Jahre später gab es 16 Ermordete und keinen einzigen Mörder - das wäre ein Stoff für Ferdinand von Schirach!! Der Fall Penzberg war also - in den Worten von Hans Werner Richter - eine „Stunde der falschen Triumphe“ und ein Lehrstück für moralisch-ethisches Verhalten in Zeiten des Krieges. Es wäre sinnvoll, den jugendlichen Lesern (ab 14), die man diesem Buch wünscht, auch noch die Gewissenskonflikte von Erwachsenen vorzuführen, die in einem Dilemma zwischen Kapitulation und Gehorsam, zwischen aufgeklärter Vernunft und fanatischem Idealismus standen. Dafür wären dann der abgesetzte und wieder eingesetzte Bürgermeister Vonwerden oder der Hauptmann Bentrott vom 22. Werfer-Regiment passende Protagonisten.

 

https://www.oetinger.de/buch/dunkelnacht/9783751200530


Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt (Roman)  ****

Klett-Cotta (Stuttgart 2020)

ca. 210 Seiten, 20,00 Euro

 

Iris Wolff (geb. 1977) ist etwa eine Generation jünger als Herta Müller (geb. 1953) und könnte bald die legitime Nachfolgerin in der Schublade der rumäniendeutschen Literatur werden. Beide Schriftstellerinnen verließen zwischen 1985 und 1987 ihre Heimat Siebenbürgen (Banat) in Rumänien und siedelten sich in der damals noch von der DDR getrennten Bundesrepublik Deutschland an. Beide beziehen ihr literarisches Schaffen stark auf ihre frühere Heimat und auf die gesellschaftlichen Zustände während der Ceauşescu-Diktatur, die ja am 25. Dezember 1989 mit der Hinrichtung des Diktators und seiner Ehefrau endete. 2009 wurde Herta Müller mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet, Iris Wolff hat mittlerweile auch schon einige Preise eingesammelt, zuletzt schaffte sie mit „Unschärfe der Welt“ eine Nominierung für den Bayerischen Buchpreis 2020 und einen Platz auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2020. Um die Parallelen fortzuführen sei noch erwähnt, dass Iris Wolff dem Roman ein Gedicht von Richard Wagner, dem ersten Ehemann von Herta Müller, vorangestellt hat. Die steile These von der Nachfolgerin hat in jedem Fall einen belegbaren Hintergrund: während Herta Müller nach ihrer „Atemschaukel“ (2009) weitgehend als Erzählerin verstummte (möglicherweise, weil sie in eine thematische Blockade geraten ist), hat Iris Wolff seit 2012 nun schon ihren vierten Roman vorgelegt.

Der Ausgangspunkt der Handlung ist ein kleiner Ort im Banat, wo das Ehepaar Hannes (evangelischer Pfarrer) und Florentine lebt (man vergleiche: Iris Wolff wuchs in der Nähe von Arad auf). Da aber insgesamt vier Generationen dieser Familie in das Geschehen verwoben sind, breiten sich die Schauplätze in die Bundesrepublik Deutschland vor und nach 1990 aus. Karline und Johann, die Eltern von Hannes, haben noch die Monarchie (bis 1947) vor Ceauşescu erlebt, als Besitzer der größten Wollwäscherei Siebenbürgens sind sie strukturelle Antikommunisten und verlassen Rumänien in den 1980er Jahren. Hannes Sohn Samuel (wahrscheinlich die Zentralfigur des Romans) flieht mit seinem Freund Oz und einem alten Propellerflugzeug abenteuerlich nach Deutschland, wo beide erleichtert feststellen „Wir sind jetzt hier. Was gilt ist das Hier“. Damit ist auch zentrales Motiv angesprochen: die Suche nach Heimat, nach Zugehörigkeit, nach Identität. Nach dem Ende der Ceauşescu-Diktatur besucht Samuel wieder seine Eltern und seine Freundin Stana, die von ihm eine Tochter hat (Liv). Die junge Familie lebt dann in einer Großstadt in Baden-Württemberg, wo sie auch vom Tode der Großeltern erfahren. Nur Hannes und Karoline verlassen Rumänien nie: „ein Schäfer bleibt bei seiner Herde“. Als Liv bei einem Ausflug zu einem Pop-Konzert nach München Noah kennen- und lieben lernt, ist auch für die vierte Generation ein neuer Anfang in Sicht.

So pendelt Iris Wolffs Roman virtuos zwischen Biografischem und Erdachtem, zwischen Privatem und Politischem, zwischen persönlichen und gesellschaftlichen Beziehungen. Die Autorin erzählt sprachlich hoch konzentriert, aber ohne Manierismen, sie verwendet viele poetische Motive oder Dingsymbole, um den Balanceakt ihrer Protagonisten in einer Welt der Unschärfe und Unsicherheit darzustellen.

Ein bisschen erscheint der Roman wie eine Miniaturausgabe von Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ oder Jan Koneffkes „Die sieben Leben des Felix Kannmacher“. Oder mit den Worten von Iris Wolff: „Etwas kann so oft und eindrücklich erzählt werden, dass man meint, sich selbst daran zu erinnern“. Das open end für Liv und Noah lädt dazu ein.

 

"Ich freue mich über Ihre Rezension und über Ihre so umsichtigen und klugen Einordnungen. Auch Ihre Filmkritiken gefallen mir sehr."  Iris Wolff

 http://www.iris-wolff.de/

 

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Die_Unschaerfe_der_Welt/117319


Heinz Strunk: Der goldene Handschuh   ****

rororo (Reinbek bei Hamburg 2019, 7. Aufl.)

Originalausgabe 2016

ca. 250 Seiten, 11,00 Euro

 

Wie tief will man in menschliche Abgründe schauen? Es war die Literatur des Vormärz und Georg Büchners „Woyzeck“, der uns - auf der Basis einer wahren Begebenheit - einen Antihelden vorführte, der - gesellschaftlich diskriminiert und marginalisiert - in seiner Verzweiflung zum Mörder seiner geliebten Marie wird. Dahinter stand die Frage der deter­ministischen Anthropologie „Was ist das, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet?“ - übrigens auch eine Frage des an den Wendungen der Geschichte der Französischen Revoliution verzweifelten Danton.

Ein gewagter Sprung führt zu dem Roman von Heinz Strunk, der uns in „Der goldene Handschuh“ schon mit dem einführenden Zitat von Jürgen Bartsch eine ähnliche Frage stellt („Warum muss es überhaupt Menschen geben, die so sind?“) und dann auf 250 Seiten die Untiefen des Hamburger Trinkermilieus erkundet, wo auch der Mehrfach­mörder Fritz „Fiete“ Honka ab 1971 sein Unwesen trieb. 1976 wurde Honka wegen Mordes an vier Frauen zu lebenslanger Haft und zur Unterbringung in einem psychiatrischen Kran­kenhaus verurteilt. Ein ärztliches Gutachten aus dem Jahre 1981 sprach von einer hochabnormen „Persönlichkeit mit sexueller Devianz, der in Freiheit erneut dem Alkohol verfallen und sich älteren Frauen in der jahrelang praktizierten Art zuwenden würde“.

Im Gegensatz zu Büchner leistet Strunk aber keine gesellschaftskritischen Analysen, kein differenziertes Täter-Psychogramm, er begnügt sich mit einer manchmal unterhaltsamen, manchmal abstoßenden Dokumentation, die nicht einmal auf Elemente der Ironie verzichtet.

Was zunächst als scheinbar launige Reportage aus dem Trinkermilieu beginnt, nimmt eine beklemmende Wende und führt schließlich zu vier toten Frauen, die Honka in seiner Wohnung (Zeißstraße 74) auf bestialische Weise ermordet und in einer Dachschräge entsorgt hat. Zartbesaitete Leser sollten sich warm anziehen, kritische Leser werden versuchen, dem Autor spekulativen Umgang mit Gewalt und eine Art literarischen Voyeurismus vorzuwerfen. Doch das erscheint unzutreffend, denn Strunk agiert keineswegs als Sensationsreporter, sondern eher als kundiger Milieubeobachter, der seine Figuren nicht an den Pranger stellt und es dem Leser überlasst, welche Schlüsse aus diesen Ereignissen zu ziehen sind. Der Absturz von Honka verläuft auch nicht geradlinig sondern enthält eine Phase der Besserung, wo er als Wachmann arbeitet und von seinem bisherigen Leben wegkommen will. Die erfolglose Anmache bei der Putzfrau Denningsen führt aber wieder in die alte Sucht und in den alten Trieb: „jetzt will er Rache nehmen“. Jetzt will er so berühmt werden wie Jack The Ripper!

Als besondere Kunstfigur hat Strunk noch eine zweite Personen- und Handlungsebene eingebaut: die wohlhabende Hamburger Reederfamilie von Dohren mit drei Generationen von Wilhelm Heinrichs (WH 1 bis 3). Auch hier kann man Kaputtheit besichtigen, freilich auf einem ganz anderen gesellschaftlichen Niveau, jedoch ebenfalls mit Zufluchten in das berüchtigte Lokal.

Ein rauschhafter, trostloser und bedrückender Roman, eine Besichtigung von menschlichen Ruinen und eines Milieus der Verzweiflung.

 

https://www.rowohlt.de/buch/heinz-strunk-der-goldene-handschuh-9783499271274


Heinz Strunk: Fleisch ist mein Gemüse.

Eine Landjugend mit Musik      ****

Rowohlt Taschenbuch Verlag (Reinbek bei Hamburg 2019, 36.Aufl.),

Originalausgabe: 2004

ca. 255 Seiten, 10,00 Euro

 

Heinz Strunks (alias Jürgen Dose) autobiografische Erzählung über seine Zeit als Saxofonist bei der Tanzband Tifannys, mit der er in den Jahren 1985 - 1997 im norddeutschen Raum rund um Hamburg bei Schützenfesten, Faschingsbällen, Hochzeiten und Geburtstagen als Saxofonist auftrat, ist mittlerweile ein Klassiker der Live-Musik-Satire geworden. Niemand hat vor oder nach ihm jene besondere Atmosphäre aus Landgasthof, fettem Essen und zügellosem Trinken, aus tragischen Musik-Amateuren und kaputten Pseudo-Gaststars, aus totgenudelter Stimmungsmusik zwischen Drafi Deutscher und Marius Müller-Westernhagen, aus Verbal-Erotik, Anal-Radikalismus und verschwitzter Nachtarbeit so treffend und ironisch niedergeschrieben.

Heinz, der aus Harburg, dem „langweiligsten Ort der Welt“ stammt, hat Probleme mit seiner Akne, mit einer pflegebedürftigen Mutter, mit fehlenden beruflichen Perspektiven und mit wenig Erfolg bei den Mädchen. So pendelt er zwischen Depressionen, Drogenexperimenten, Sozialhilfe und dem Traum von einer Karriere im Pop-Business, bis er bei Tiffanys einen festen Platz findet, der die gröbsten materiellen Sorgen beendet und die drohende Langeweile zu Hause wenigstens am Wochenende mildert.

So entsteht im Laufe der Zeit eine Art Hassliebe zu dem Mucker-Job und am Ende die Frage, ob man das, was man in zwölf Jahren Tanzmusik erlebte, „nicht auch in einem halben Jahr hätte durchziehen können“. Doch der Sinn dieses Lebensabschnitts enthüllt sich überdeutlich: er hat wenigstens einen tollen Roman darüber geschrieben!

Nicht jeder hat(te) das Vergnügen in einer Tanzband, Cover-Band oder Oldie-Band an solch vergnügten Abenden teilzunehmen, aber sicher jeder hat schon einmal als Gast oder Gastgeber den diskreten Charme dieser Veranstaltungen miterleben dürfen. Ersteres trifft für Sven Regener zu, der anmerkte, dass einem jeder leid tue, „der das Buch von Heinz Strunk nicht gelesen hat“. Zur zweiten Gruppe gehört wohl Eckhard Henscheid, der Heinz Strunk unverdrossen in einer Liga mit Karl Valentin, Gerhart Polt, Helge Schneider und Heino Jäger ortet (vielleicht sollte man auch noch die Namen Frank Schulz, Olli Dittrich und Thomas Kapielski ergänzen).

Abschließend: der Titel ist eine dezidierte Aussage des Tiffanys-Keyboarders Jens anlässlich einer Bandmahlzeit vor dem Auftritt im Landgasthof Peters in Klein Eilstorf!

 

https://www.rowohlt.de/buch/heinz-strunk-fleisch-ist-mein-gemuese-9783644400313


Jörg Fauser: Rohstoff (Roman)     *****

Diogenes (Zürich 2019), Erstausgabe: Berlin 1984

ca. 350 Seiten, 24,00 Euro

 

In einem Interview erläuterte Jörg Fauser, er könne nur über etwas schreiben, was er selbst erlebt habe. Insofern ergibt sich hier die Vorbemerkung, dass zwischen Harry Gelb, der Hauptperson dieses Romans, und dem Autor große Überschneidungen bestehen, dass man aber das Buch nicht als bloße Autobiografie lesen sollte. In seinem eher kurzen Leben (1944 - 1987) hat Fauser aber eine Menge erlebt, der Rohstoff ist also vorhanden, es stellt sich nur die Frage nach der literarischen Formung. Der Roman beschränkt sich auf die Jahre 1967 - 1973, in denen der Ich-Erzähler zahlreiche Schauplätze aufsucht (u.a. Istanbul, Berlin, Göttingen und Frankfurt) und vor allem Erfahrungen in diversen „Szenen“ sammelt: die harte Drogenszene, die politische Linke mit Kommunarden und Hausbesetzern, die Kneipen-Trinker-Szene und natürlich den Avantgarde-Underground-Literaturbetrieb. Der Beruf des Schriftstellers ist Harry Gelbs Lebensziel, denn „unter allen Dächern lebten Geschichten, die darauf warteten, geschrieben zu werden“. Dieses Ziel verfolgt er mit seiner Schreibmaschine Olympia Splendid 33 und mit einem konsequenten Wankelmut: manchmal denkt er, er müsse mit diesem „Unsinn“ Schluss machen und einen Job suchen, der ein Überleben sichert. Das führt ihn dann (unter anderem) zu einer Aushilfsstelle bei der Deutschen Bundesbank, zu einer Tätigkeit bei einem Sicherheits- und Bewachungsdienst und zu einer Anstellung als Gepäckarbeiter am Frankfurter Flughafen. Zwischendurch formuliert er aber doch wieder das Programm, es als freier Schriftsteller zu schaffen, obwohl doch die guten Bücher alle schon geschrieben sind, die Avantgarde brotlos ist und sich in abwegigen Experimenten wie Cut-Up-Literatur ergeht. Harry Gelbs Karriere endet nach zwei Buchveröffentlichungen („Eisbox“ und „Stamboul Blues“) vorläufig mit einer traurigen Lesung beim katholischen Jugendbildungsklub in Montabaur. Genauso polarisierend entwickelt sich seine Lebensphilosophie in diesen Jahren: während er am Anfang im Istanbuler Junkie-Milieu noch formuliert „das Leben war ohnehin sinnlos“, sieht er am Schluss nach dem Rauswurf aus einer Frankfurter Bahnhofskneipe einen Riss im Asphalt aus dem ein Grashalm sprießt und denkt „Wenn das so ist … kannst du auch aufstehn!“

Eine prominente Nebenrolle spielen in dem Roman auch Harry Gelbs Beziehungen zu Frauen (Sarah, Bernadette, Anita und noch ein paar mehr), die jedoch meist in einer Sackgasse enden, von Bernadette beispielhaft beschrieben: „Ich kann nicht mit jemand leben, der sich so treiben lässt“. Auch in der linken Szene findet Harry keine Heimat und entdeckt dann nach seinem Drogen-Ausstieg eher die Kneipe als Asyl, Freihafen und Zuhause (wie das schon Eckhard Henscheid in seiner alkoholgeschwängerten Trilogie „Geht in Ordnung - sowieso - genau“ herausgefunden hat). Gerne kann man „Rohstoff“ auch als Schlüsselroman lesen, in dem einige bekannte Namen der linken Literatur- und Polit-Szene der 68er Jahre anonym auftauchen (im Nachwort bemüht sich Matthias Penzel um Auflösungen), oder als intertextuelle Fundgrube (Burroughs, Chandler, Dostojewski, Ambler, Fallada, Greene, Lowry, Bukowski usw.). Vor allem aber ist „Rohstoff“ ein halb-tragischer Entwicklungs- und Schelmenroman ein faszinierend-schlep­pender Großstadt-Blues, der sich literarisch liest und doch völlig unliterarisch ist. Gerade das macht den Reiz und die hohe Qualität von Fausers Beobachtungen aus.

 

https://www.diogenes.ch/leser/titel/joerg-fauser/rohstoff-9783257070347.html


David Grossman: Was Nina wusste (Roman)   ****

Carl Hanser Verlag (München 2020)

ca. 350 Seiten, 25,00 Euro

 

Drei Frauen, drei Generationen, drei Schicksale und die Aufdeckung eines Familien­geheimnisses, das für alle drei eine tiefe Bedeutung hat, sind die Ingredienzien des neuen Romans von David Grossman (Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2010). Es geht um die in Kroatien aufgewachsene Jüdin Vera (geboren 1918), um ihre Tochter Nina (geboren 1945) und um ihre Enkelin Gili (geboren 1969). Daraus entsteht eine dramatische Familien-Aufstellung mit bedrückenden Schicksalsketten vor einem leider nur sehr dezent angedeuteten historischen Hintergrund. Die biografische Basis für den Roman liefert die Geschichte von Eva Panić-Nahir (= Vera) und ihrer Tochter Tiana Wages (= Nina), die Grossman vor über zwanzig Jahren kennenlernte. Beide gaben ihm nach langen Gesprächen praktisch den Auftrag, ihre Lebensgeschichte nachzuerzählen und gestatteten ihm dabei viel poetische Freiheit.

Der Roman startet mit Veras 90. Geburtstag, den sie mit Verwandten und Freunden in einem israelischen Kibbuz feiert. Dabei entsteht bei Enkeltochter Gili und bei Rafael, Veras Sohn aus zweiter Ehe, die Idee, an die Schauplätze im früheren Jugoslawien zu reisen, um eine „Erkundung unserer Familiengeschichte“ zu starten und das Ganze in Form eines Dokumentarfilms festzuhalten. Auch Tochter Nina und ihr Ex-Mann Rafael (gleichzeitig ihr Stiefbruder) beteiligen sich an dem Projekt.

So berichtet Vera in dem Ort Ĉakovec von ihrer unerwünschten Liebe zu dem Serben Miloš Novak, von ihrer Heirat und von der Geburt ihrer Tochter Nina. Sie erzählt auch von ihrem gemeinsamen Engagement für eine sozialistische Zukunft, das sie aber direkt in das Spannungsfeld zwischen Stalinismus und Titoismus führt. Der jugoslawische Geheimdienst will Vera nach dem Tod ihres Mannes zu einer Selbstbeschuldigung und zu einer Denunzierung ihres Miloš zwingen. Sie weigert sich aber standhaft das zu tun, was Hans Magnus Enzensberger in feiner Dialektik viel später in seinem Gedicht „Ins Lesebuch der Oberstufe“ empfohlen hatte: „versteh dich auf den kleinen verrat / die tägliche schmutzige rettung“. Dafür nimmt Vera die Trennung von ihrer Tochter und die Inhaftierung auf der Umerziehungsinsel Goli Otok in Kauf. Über diese Zeit in Titos Nachkriegs-Gulag enthält der Roman eine bewegende, punktuell eingefügte - und typografisch abgesetzte - Ich-Erzählung, die von brutaler Psycho­folter und erstaunlichem menschlichem Überlebens-Vermögen berichtet.

Veras Entscheidung in einer existenziellen Dilemma-Situation führt aber auch in der Nachbetrachtung zu einer Anklage der Tochter Nina: Du hast mich (für die reine Weste deines Mannes) geopfert! Denn die Trennung von der Mutter hat sie derart aus der Bahn geworfen, dass sie über sich sagt, sie habe ihr Leben versaut, sei nur noch zu verderbter Liebe fähig und durch einen Dämon in sich korrumpiert. Fluchten in die USA oder in die Nähe des Nordpols sind auch keine Lösung: „Ich bin ein wehendes Blatt im Wind“. Dazu lebt sie seit kurzem mit einer Alzheimer-Diagnose, was soll ihr da die Erinnerung? Es kommt auf der Insel zu einer dramatischen Eruption der Gefühle, bei der Nina die Film-Dokumente in den Abgrund wirft. Zum Glück hat Enkelin Gili als fleißiges Scriptgirl alles mitgeschrieben und damit die Lebensgeschichte für die Nachwelt gerettet.

Grossmans Roman wird nach gewisser Anlaufzeit und trotz komplexer Erzählperspektive („wieder mal mache ich einen zeitlichen Sprung“) zu einer fesselnden Lektüre über eine problematische Heldin des 20. Jahrhunderts. Doch wie sagt schon der Student Andrea Sarti in Brechts „Leben des Galilei“: „Unglücklich ist das Land, das Helden nötig hat!“

 

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/was-nina-wusste/978-3-446-26752-7/

David Grossman     Foto: Hanser Verlag
David Grossman Foto: Hanser Verlag
Gastbeitrag von Wolfgang H. aus I.
In aller Kürze ein paar meiner Argumente, die das Buch meiner ganz unmaßgeblichen Meinung nach als "ganz große Literatur" einschätzen:
Im Kern geht es ja eigentlich um das Muster einer griechischen Tragödie, die junge Vera wird in einen tragischen Konflikt gestürzt, der von ihr eine sofortige Antwort verlangt in einer Situation, in der es keine richtige Antwort gibt, ja jede Antwort falsch ist. Und ihre Antwort belastet drei Generationen: Großmutter, Tochter und Enkelin (Mutter in spe) und die dazu gehörigen Männer, die auch keine unmaßgeblichen Rollen spielen.
Diese Tragik erfahren wir als Leser immer nur bruchstückhaft in absolut gebrochener Chronologie mit überraschenden, aber in sich glaubwürdigen immer neuen Wendungen und Änderungen der Perspektive - und dabei geht niemals der Faden verloren, wir bleiben stets am Ganzen orientiert.
In der Aufbereitung und Teillösung  (?)  dieser Tragik haben wir eigentlich in einem Buch drei sich überschneidende und mäandernd sich gegenseitig beeinflussende Werke: Einen Film, ein Drehbuch und einen Roman (der eigentlich auch eine Dokumentation ist). Und zum Teil muss man als Leser sehr genau aufpassen, ob man nun im Film ist, beim Drehbuchautor oder im Erzähler-Roman. Hier gibt es viele geniale Details, von denen ich nur eines pars pro toto explizit nennen will: So spricht Nina im zweiten Teil des Buches übergangslos als die Person Nina, die sich mit Mutter und Tochter auf den Insel-Trip macht und als Nina, die eine Filmfigur ist in der Geschichte ihrer Mutter. In einem Film gegen das Vergessen, der von ihrem Mann und ihrer Tochter gedreht wird und der eigentlich wiederum nur für sie gemacht wird, da über ihr das Damokles-Schwert der Demenz hängt.
So halte ich die Struktur dieses Romans für wirklich große Literatur. Gerade auch weil diese Struktur nicht irgendwie künstlich konstruiert herüber kommt, sondern ganz plausibel erscheint. Man kann diese tragische Geschichte, die irgendwo auch beispielhaft für die Gräuel des 20. Jahrhunderts steht, nicht linear erzählen. Struktur und Stoff bedingen sich gegenseitg. Die Worte allein genügen nicht, es braucht mehr, ganz verstehen werden wir diesen Wahnsinn sowieso nicht, es geht nur um Annäherungswerte. Für mich genial gelöst von David Grossman. Daneben bleibt der Roman immer auch spannend, das Geschehen vorwärts treibend. Grossman schafft es auch, uns die Figuren mit seiner Sprache sehr nahe zu bringen. Ich erinnere nur an die Diktion der Vera in diesem jiddisch serbisch kroatischen Gemisch, genial ins Deutsche übersetzt. Man lebt mit den Figuren, mit Vera, Nina, Gil und Rafi. Sie sind authentisch und wir denken und fühlen mit Ihnen mit - auch wenn wir manchmal aufschreien wollen über die Verwundungen, die sie sich gegenseitig zufügen.Natürlich muss und kann man auch Kritik üben. So finde ich die Nina mit ihrem nymphomanen Leben etwa überzeichnet und zu grell ausgemalt.
Zusammenfassend halte ich so "Was Nina wusste" für ein großes Stück Literatur des 21. Jh. - man muss ja nicht gleich so weit gehen wie Julia Encke, die Feuilletonchefin der FAS, die in der Rezension über das Buch am Ende schreibt, dass David Grossman der größte lebende Schriftsteller ist - dies halte ich nun doch zumindest für sehr dikutabel.
Ich schließe mit einem Zitat aus dem Buch: "Es gibt Samen, denen reicht schon ein Krümel Erde, um zu keimen."

Juli Zeh: Über Menschen    ***

Luchterhand (München 2021)

ca. 420 Seiten, 22,00 Euro

 

1931 hat Erich Kästner den Werbetexter Fabian als Roman-Hauptperson in das „Irrenhaus“ Berlin platziert, um über diesen Protagonisten die sozialen und psychischen Folgen der Weltwirt­schaftskrise in der deutschen Metropole zu illustrieren. Genau 90 Jahr später stellt Juli Zeh in ihrem neuen Roman „Über Leben“ die 36jährige Werbetexterin Dora vor, um zu zeigen, was die Klimakrise und die Corona-Pandemie mit den Menschen des Jahres 2020 machen.

Dora lebt allerdings nur am Anfang in Berlin, sie entschließt sich zusammen mit der Hündin Jochen-der-Rochen bald zu einem Ortswechsel in die Provinz, in das fiktive 285-Seelen-Kaff Bracken (wohl eine Wortfindungsstörung aus dem Heavy-Metal-Ort Wacken, dem Bundesland Brandenburg und einer Abwasser-Metapher?), wo sie sich als „Zufluchtsort“ ein altes Haus mit großem, verwilderten Grundstück gekauft hat. In diesem ostdeutschen Mikrokosmos befindet sich nun Dora - zweifellos in vielen Passagen das Alter ego der Autorin - unter Leuten (!) und erfährt manches über Menschen, auch (um das Wortspiel mit den Präpositionen fortzuführen) über die Ideologie von Übermenschen und Unterpriviligierten, über das Überleben und über das Untergehen in prekären Zeiten. Der Anspruch der Vielschreiberin Juli Zeh ist es also, in unterhaltsamer, spannender Form eine Analyse der conditio humana im 21. Jahrhundert vorzunehmen.

Dies ist nur teilweise geglückt, denn der Roman liest sich manchmal wie ein Beziehungs-Ratgeber - mal unter dem Titel „Jetzt reicht’s - mein Lebenspartner wurde zum Öko-Stalinisten“, mal unter der Rubrik „Hilfe - mein neuer Nachbar ist Neonazi - aber trotzdem ganz nett!“ In Berlin trennt sich Dora von ihrem Partner, dem Online-Journalisten Robert, weil dieser sich „in die Apokalypse verliebt“ hat und mit Thunberghafter How-dare-you-Attitüde und Mülltrennungs-Beleh­rungszwang nervt. In Bracken lernt sie dann Gottfried Joksch, genannt „Gote“, als neuen Nachbarn jenseits der Grundstücksmauer kennen, der sich mit bemerkens­werter Offenheit als „der Dorf-Nazi“ vorstellt. Dieser Ost-Gote singt einerseits mit rechts­radikalen Freunden in seinem Garten das Horst-Wessel-Lied, ist aber andererseits ein treusorgender Vater für seine Tochter Franzi. Er hat schon eine Anzeige wegen gefährlicher Körperverletzung hinter sich, ist aber jederzeit bereit, Dora beim Haus-Renovieren oder beim Einkaufen zu helfen.

Andere Ereignise des Jahres 2020 durchziehen die Handlung: Doras Entlassung bei der Werbeagentur trotz witziger Kampagnen-Ideen, die Online-Präsenz des Comedians Steffen Schaber, der zusammen mit dem Blumenhändler Tom in Bracken lebt, Polizei-Rassismus in den USA, Klima-Botschaften von Astronaut Alexander Gerst und natürlich die alltäglichen Corona-Nachrichten in den Medien.

Am Ende wird es tragisch und philosophisch: bei Gote diagnostiziert Doras Vater Jojo, ein renommierter Neurochirurg an der Charite, einen inoperablen Hirntumor; soll Dora ab jetzt seine Palliativ-Pflegerin werden oder zynisch seinen Tod als „Maßnahme der politischen Hygiene“ akzeptieren? Die Frage erledigt sich, denn Gote knallt (absichtlich) mit seinem Pick-Up-Kleinlaster bei Tempo 120 gegen einen Baum an der Bundesstraße. Für Dora ergibt sich am Ausgang dieses Seuchenjahres bei allen Zweifeln an den Botschaften der political correctness dennoch ein Vertrauen auf die menschliche Existenz­gemeinschaft, ein markiges „Trotzdem“. Sie sieht in ihrem Vater eine Art Wiedergänger des Camus-Pestarztes Dr. Rieux, der trotz der Absurdität des Alltag weitermacht, Sterbezahlen senkt und sich ganz nebenbei einen flotten Jaguar-Sportwagen leistet.

Kästners „Fabian“, der übrigens auch bis zu seinem Tod durch Ertrinken an die Besserung der Menschen glaubte, wurde auf der diesjährigen Berlinale als Neuverfilmung vorgestellt, für Juli Zehs „Über Menschen“ darf man so etwas schon für das nächste Jahr erwarten.

 

https://www.penguinrandomhouse.de/Buch/UEber-Menschen/Juli-Zeh/Luchterhand-Literaturverlag/e586989.rhd


Martin Mosebach: Krass (Roman)    ***

Rowohlt (Hamburg 2021)

ca. 525 Seiten, 25,00 Euro

 

Ey krass, Alder! Dieser Herr K. ist tatsächlich ein kompletter Kotzbrocken, ein „furchterregender Chef“, „verrückt oder zynisch“, einer, der glaubt alles - auch Menschen - kaufen und erobern zu können. Am Ende ist er aber doch nur ein Wiedergänger des Jedermann-Motivs vom Leben und Sterben des reichen Mannes, ein Prototyp der Selbstverherrlichung, der schließlich namenlos auf einem Friedhof in Kairo verscharrt wird. Soweit der interessante Kern des neuen Romans von Martin Mosebach, der leider über weite Strecken von der Plauder- und Exkurs-Sucht des Autors, von seinem Streben nach sprachlichem Talmi, von seinem poetischen Manerismus verschüttet wird. Da macht jemand unverhohlen Anleihen beim großen Thomas Mann, startet im ersten Teil, der in Neapel spielt, mit einem Verweis auf „Mario und der Zauberer“ und endet im dritten Teil mit dem ernüchternden „Tod in Venedig“, der allerdings in Kairo stattfindet.

Drei Personen stehen im Zentrum des dreiteiligen Romans, dessen Abschnitte wie ein philharmonisches Konzert charakterisiert sind. Zunächst („Allegro imbarrazante“) erlebt man im November 1988 eine illustre Reisegesellschaft, angeführt von dem autokratischen Ge­schäftsmann Ralph Krass, der in Neapel und Umgebung gut essen und trinken und dazu noch ein paar lukrative Immobliengeschäfte tätigen will. Als persönlichen Sekretär hat er sich Dr. Jüngel auserkoren, der zunehmend in persönliche Abhängigkeit zu seinem Chef gerät. Bei einem Abend in der Hotelbar muss er die Assistentin des Zauberers, die attraktive Belgierin Lidewine Schoonemakers, als Escort-Dame für Herrn Krass anwerben. Als diese aber eine Nacht mit einem Hotel-Kellner verbringt und von Jüngel verpfiffen wird, gibt es für Krass nur eine Konsequenz: beide werden - ganz nach Trump-Manier - umgehend gefeuert.

Der zweite Teil („Andante pensieroso“) ist den Tagebuchnotizen des Dr. Jüngel vorbehalten, der nach seiner „Lebenskatastrophe“ (Geldnot und Liebesnot) eine dreimonatige Auszeit in Frankreich braucht, wo er am 10.November 1989 - also einen Tag nach dem Fall der Mauer in Berlin! - ein nahegelegenes Kloster besucht und in der dortigen Abteikirche hundert kahlgeschorene Mönche singen hört. Das ist schon ein ausgeprägter Fall von Weltfremdheit und Eremitentum! Auch der Kontakt zu dem Klosterschuster Louis Desfosses ändert nichts daran, dass diese 150 Seiten zähe Lesekost sind.

Im dritten Teil, 20 Jahre später in Kairo mit dem Untertitel („Marcia funebre“), treffen auf wundersame Weise die drei hauptsächlichen Protagonisten noch einmal aufeinander - allerdings mit höchst veränderter Machtverteilung. Für Krass sind die fetten Jahre wohl vorbei und ein Herzinfarkt wirft ihn endgültig zu Boden. Er kann gerade noch den jungen ägyptischen Rechtsanwalt Mohammed als Nachlassverwalter und Adoptivsohn gewinnen. Dieses „Wiederfinden“ nach dem „Durcheinander des Lebens“ endet mit einer unerhörten Erleuchtung und gleichzeitig einem Stürzen und Fallen am 24.11.2008, dem Todestag.

Mosebachs konservative Erzählkunst kommt hier an ihre Grenzen, bleibt hohl und aufgesetzt. Man stellt sich den Autor irgendwie in aristokratischer Loriot-Pose auf dem grünen Sopha (!) vor, der seinen Lesern gefällig zunickt und gar nicht zeitgeistig behauptet: „Habe ich das nicht alles schön niedergeschrieben?“ Und der Enkel Kevin antwortet gelangweilt ... (siehe Anfang der Rezension!)

 

https://www.rowohlt.de/buch/martin-mosebach-krass-9783498045418


Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess    ****

btb Verlag (München 2020) Taschenbuch

ca. 270 Seiten, 11,00 Euro

Originalausgabe: Schöffling & Co. (Frankfurt 2009)

 

Seit Januar 2020 ist Deutschlands öffentliche Diskussion beherrscht von dem Thema Corona. Eine zentrale Frage in diesem Zusammenhang lautet: Wie viele Grundrechte darf eine Regierung einschränken, um die Gesundheit der Bürger zu schützen? Bei diesem komplexen Abwägungsprozess hätte man eigentlich ein Theaterstück von Ferdinand von Schirach erwarten dürfen, vielleicht mit dem Titel „Virus“. Der Erfolgsautor hat sich aber mit einem schmalen Dialogbändchen begnügt. In „Trotzdem“ (Luchterhand Verlag) präsentiert er eine Unterhaltung, die er am 30.3.2020 in zwei Etappen mit Alexander Kluge geführt hat. Ein Bestseller wurde die bildungsbürgerliche Plauderei zwischen München und Berlin fast zwangsläufig, die inhaltliche Substanz blieb jedoch überschaubar.

Umso mehr lohnt es sich, den Blick auf die Pandemie mit dem vorliegenden Text von Juli Zeh zu unterfüttern: „Corpus Delicti“ erschien 2007 als Theatertext und erhielt 2009 eine Prosafassung. Beide Werke waren höchst erfolgreich und erleben derzeit trotz oder gerade wegen des Lockdowns ein stürmisches und verdientes Revival auf Bühnen und im Buchhandel.

Der Roman spielt in der Mitte des 21. Jahrhunderts, die Biologin Mia Holl steht unter anderem wegen „Gefährdung des Staatsfriedens“ und „vorsätzlicher Verweigerung obligatorischer Untersuchungen“ vor Gericht. Der Staat ist eine Art oligarchischer Gesundheitsdiktatur, der nach dem Prinzip der METHODE seine Bürger zu gesundheitsbewusstem Verhalten zwingt, flächendeckende Gesundheitskontrollen durchführt und dafür lebenslanges Wohlergehen (oder besser: weitgehende Freiheit von Krankheit) garantiert. Mias Bruder Moritz war dagegen ein Kämpfer für Freiheit, Liebe und Natur, der das Motto „Das Leben ist ein Angebot, das man auch ablehnen kann“ verfolgte und angeblich Verbindungen zu der terroristischen Gruppe R.A.K. (Recht auf Krankheit) hatte. Wegen Vergewaltigung und Tötung einer jungen Frau wird er nach dem DNA-Beweis verurteilt, weil er aber von seiner Unschuld überzeugt ist, bringt er sich in der Zelle um. Es stellt sich im Nachhinein heraus, dass er als Leukämie-Patient eine Stammzellen-Infusion bekam und der Täter somit sein Spender war - eine dramatische Blamage für die METHODE.

Das ist für die bisher staatstreue Mia der Anlass in die Opposition zu gehen: „Ich entziehe … das Vertrauen“. Ihr Gegenspieler wird nun der Journalist und Regierungs-Chefideologe Heinrich Kramer, der mit der Abhandlung „Gesundheit als Prinzip staatlicher Legitimation“ sozusagen das Grundgesetz dieses Staates formuliert hat. Dieser argumentative Wettkampf, der sich über mehrere Kapitel zieht, erinnert teilweise an die Auseinandersetzung zwischen Katharina Blum und dem Journalisten Tötges in Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, die bei Böll mit der Verzweiflungs-Mordtat von Katharina endet. Bei Mia führt es zu einem Prozess und zunächst zu einer Verurteilung: sie soll im wahrsten Sinne des Wortes kaltgestellt werden (= Einfrieren auf unbestimmte Zeit). Doch weil die METHODE lieber keine Märtyrer produzieren will, kommt am Ende von einer höheren Stelle die Botschaft: Begnadigung!

Juli Zehs clevere Mischung aus satirischer Zuspitzung, Spannung und gut verständlichen Dialogen macht das Buch zu einer anregenden Lektüre, die schon seit einiger Zeit auch ihren Weg in den Schulunterricht gefunden hat.

Seit 2020 gibt es auch ein fiktives Interview, das Juli Zeh mit sich selbst geführt hat, unter dem Titel „Fragen zu Corpus Delicti“ (btb Verlag, 8,00 Euro)

 

https://www.randomhouse.de/ebook/Corpus-Delicti-erweiterte-Ausgabe/Juli-Zeh/btb/e582877.rhd


Katharina Rudolph: Rebell im Maßanzug

Leonhard Frank. Die Biographie   ****

Aufbau Verlag (Berlin 2020)

496 Seiten, 28,00 Euro

 

Wer war Leonhard Frank? Wenn man im Frankenland diese Blitzumfrage durchführen würde, ergäbe sich womöglich ein sehr ernüchterndes Ergebnis: nämlich dass der 1882 in Würzburg geborene Schriftsteller nicht nur 1933 ein „verb(r)annter Dichter“ war, sondern auch nach 1945 ein weitgehend vergessener Dichter wurde. Diesem Umstand will die Journalistin Katharina Rudolph entgegenwirken, die 2019 über das Leben Franks an der Universität Frankfurt promoviert und nun ihre Disserta­tion in nur geringfügig veränderter Form (das heißt mit Fußnoten und bibliografi­schem Anhang) beim Aufbau-Verlag veröffentlicht hat. Der Untertitel „Die Biographie“ ist dabei keine Anmaßung, denn es ist tatsächlich - fast 60 Jahre nach dessen Tod - die einzige umfassende Nachverfolgung seines Lebens, Liebens und Schreibens.

Die neun chronologisch geordneten Kapitel zeigen zum einen den sozialen Aufsteiger Leonhard Frank, der in einfachsten Verhältnissen als viertes Kind eines Schreinergesellen und eines ehemaligen Dienstmädchen seine Jugend in Würzburg verbrachte und in der Volksschule erlebte, was soziale Diskriminierung bedeuten kann. Im Alter von 18 Jahren entstanden die Sehnsucht und der Ehrgeiz, Künstler zu werden. Zunächst studierte er an der Akademie für Bildende Künste in München, um dann als literarischer Autodidakt in Berlin die Nähe von expressionistischen Autoren zu suchen. Der Durchbruch gelang ihm 1914 mit seinem ersten Würzburg-Roman „Die Räuberbande“, der sich schnell zum Bestseller entwickelte und Frank ein materiell abgesichertes Leben ermöglichte: aus dem hungernden Poeten wurde ein bürgerlicher Dandy mit gutem Einkommen, mit der Freude an Maßanzügen, teuren Hotels und guten Restaurants. Kritiker reagierten darauf mit einer Verballhornung des Titels seiner Antikriegs-Novellensammlung: „Der Mensch isst gut!“

Im Leben von Leonhard Frank spiegelt sich exemplarisch die deutsche Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Als Pazifist und Kriegsdienstverweigerer musste er sich 1916 in die Schweiz absetzen, als überzeugter (Gefühls-)Sozialist entfernte er sich 1933 aus NS-Deutschland und erlebte eine abenteuerliche Flucht über die Schweiz, Frankreich, Spanien und Portugal in die USA. Außer intensiven Gesprächen mit Thomas Mann brachte ihm der Aufenthalt in Los Angeles und New York wenig Befriedigung, sodass er 1950 mit dem Schiff und seiner dritten Ehefrau Charlott wieder ins geteilte Deutschland zurück­kehrte. Der Empfang in seiner Heimatstadt Würzburg war unterkühlt, denn er hatte es gewagt in seinem vierten Würzburg-Roman („Die Jünger Jesu“), die NS-Elitenkontinui­tät in der Bundesrepublik zu beklagen. Von nun an saß er irgendwie zwischen den Stühlen, wurde zum „politischen Illusionis­ten“, der die DDR als bejahenswerten Staat lobte, eine sozialistische Wirtschaftsord­nung für das Jahr 2000 prognostizierte, den Mauerbau 1961 als notwendige Schutzmaß­nahme begrüßte, gleichzeitig aber den wirtschaftlichen Wohlstand in seinem Wohnort München genoss. Mit dem neuen Ton der Gruppe-47-Autoren konnte er offensichtlich nichts anfangen und geriet bis zu seinem Tod 1961 zuneh­mend in Vergessenheit.

Wer heute das Werk dieses hoch interessanten Autors wiederentdecken will, muss in Bibliotheken und Antiquariate gehen, denn der Aufbau-Verlag bietet gerade mal eine Buchausgabe des Autors: die Kriegsheimkehrer-Dreiecks-Novelle „Karl und Anna“ aus dem Jahre 1927. Dabei wäre angesichts der Renaissance fränkischer Regionalliteratur die Lektüre seines gar nicht volkstümelnden Würzburg-Quartetts („Die Räuberbande“, „Das Ochsenfurter Männerquartett“, „Von drei Millionen drei“ und „Die Jünger Jesu“) ein sehr anregen­der Zeitvertreib.

 

https://www.aufbau-verlag.de/index.php/rebell-im-massanzug-leonhard-frank.html


Ludwig Fels: Dou di ned o. Gedichte ***

ars vivendi (Cadolzburg 2021)

ca. 110 Seiten, 15,00 €

 

Ludwig Fels ist am 11.1.2021 im Alter von 74 Jahren gestorben. Somit ist der folgende Text nicht nur eine Rezension sondern auch ein Nachruf auf einen bedeutenden fränkischen Schriftsteller.

Auf dem Buchcover leuchtet als letzter Buchstabe des Titels „Dou di ned o“ ein höchst symbolisches Stoppschild: als würde Ludwig Fels bei seiner literarischen Reise innehalten und wieder die Wurzeln seiner sprachlichen Sozialisation besichtigen. In Treuchtlingen wurde er 1946 geboren, zog dann 1970 nach Nürnberg, wo er erste dichterische „Anläufe“ (so der Titel seines Debüt-Gedichtbandes aus dem Jahre 1974) nahm, um dann mit dem Roman „Ein Unding der Liebe“ (1981) als Kulturpreisträger der Stadt Nürnberg den literarischen Durchbruch zu schaffen und eines seiner Lebensthemen zu finden. 1983 verlegte er seinen Wohnsitz nach Wien, gab aber den Kontakt nach Franken nie ganz auf.

Das Ergebnis seiner Rückbesinnungen - Fels nennt es ein „Lauschen in die Vergangenheit“ - ist eine Zusammenstellung von 85 kurzen Gedichten in fränkischer (genauer: südwest-mittelfränkischer) Mundart, eingeteilt in acht Kapitel von B wie Boesie bis U wie Uhrgnall. Dabei erinnert sich Ludwig Fels an seinen Geburtsort „Dreichdling, Kaff der goudn Hoffnung“, an die hart arbeitende Mutter, an Schauplätze rings um die Altmühl und an Freunde des Jahrgangs 1946. Es folgt: „Nach Nämberch bin i ganga wechn die Fabrign“. So wird Fels zum engagierten Arbeiterdichter, ein Etikett, das er heute ungern hört. In Nürnberg lernt er auch Fitzgerald Kusz kennen, den elder statesman der modernen fränkischen Lyrik, dem er nun eine Ode widmet: „Ach ich liebe seine Schbrache / dieses frängische Genache“.

Trotz aller Lakonik und Nüchternheit ist der Band eine Liebeserklärung an die alte Heimat, erfreulicherweise ohne tumbe Volkstümelei und klischeehafte Nostalgie, durchsetzt mit einer typisch fränkischen Blues-Stimmung: „Brauch blouß a Balladn hörn / und scho grein i Rodz und Wasser“. Oder an anderer Stelle: „Am liebschden moch i aber doch des Frangenword / weil i bin scho viel dslang vo Frangn fodd“. Umgekehrt darf man Ludwig Fels fragen, warum er seit fast vierzig Jahre in Wien lebt, wo er doch so abwägend schreibt: „In Wien gibds ka Bradwurschdsulz / kann Bressack und kann Frangenwein / blouß Schnidsel / und dai san zum Schbein“.

Bei Ludwig Fels werden Mundartgedichte nicht zur Alterstorheit sondern zu einem idealen Medium für nur auf den ersten Blick banal erscheinende Lebensweisheiten: „Des Leem, des is a Falle / mit einem Dod fier alle“. Und auf den Grabstein kann sich der bekennende Franke nun in treffender Dialekt-Ik schreiben lassen: „War hald dou / ko mer sagn / odä a ned“. Im Schlusssatz seines unaufgeregten Gedichtbandes steht ein nun leider endgültiges Fazit: „Wos i no sogn wolld / fälld mer nemmer ei“.

 

https://arsvivendi.com/Buch/Startseite/9783747201947-Dou-di-ned-o


Martin Walser: Mädchenleben oder Die Heiligsprechung. Legende ***

Rowohlt (Hamburg 20919)

ca. 90 Seiten, 20,00 Euro

 

Martin Walser feiert bald seinen 94. Geburtstag. Marin Walser feiert mit seiner Frau Käthe den 70. Hochzeitstag - auch Gnadenhochzeit genannt. Und Martin Walser bleibt weiterhin literarisch aktiv. Seine bislang letzte Publikation zeigt allerdings Zeichen von Kurzatmigkeit und Wiederaufbereitung alter Aufzeichnungen. Tagebuchnotizen und Arbeitsskizzen aus den frühen 60er Jahren, kurz nachdem Walser mit „Ehen in Philippsburg“ seinen ersten großen Erfolg feiern konnte, bilden das Gerüst dieser Legende.

Anton Schweiger - schon wieder mal ein Lehrer - ist der Erzähler, und das junge Mädchen Sirte ist sein Beobachtungsobjekt, vielleicht sogar ein bisschen mehr. Sirtes Vater, der Rüstungsingenieur und Immobilienhändler Ludwig Zürn (eine Dynastie die schon im „Schwanenhaus“, in „Jagd“, im „Augenblick der Liebe“ und in der „Seelenarbeit“ auftauchte) sieht in seiner wunder-lichen Tochter eine Heilige, andere sprechen eher von einer schizophrenen Psychose. Sie schafft es jedenfalls, ihrem Raben Chlodrian das Sprechen beizubringen, und den brutalen Ludwig Proll davon abzubringen, seine Frau zu schlagen. Lehrer Schweiger wird Sirtes Vertrauter, Ihm übergibt sie ihre Botschaften und Tagebücher, die vollgepfropft sind mit Aphorismen, Epigrammen und rätselhaften Definitionen nach dem Motto „Schreiben um nicht zu schreien“ oder nach dem Überlebensprinzip „meine Sätze sind Seile über Abgründen“.

Sirte behauptet, Jesus habe zu ihr „Komm!“ gesagt, sie hofft auf eine „Vertreibung ins Paradies“. Das alltägliche Leben wird nur noch als eine Art nebensächliches Rauschen wahrgenommen, eigentlich gibt es nur zwei Ziele: das Verschwinden oder die Heiligsprechung - oder beides!

Das klingt alles ein bisschen schrullig und fast kafkaesk - also ein Ausflug zu den Wurzeln des Erzählers Walser, an dem wohl nur die eingelesenen Vertrauten Freude haben.

Die Heilig- oder Seligsprechung des Martin Walser ist nach diesem opus minimus auf keinen Fall zu erwarten.

 

https://www.rowohlt.de/buch/martin-walser-maedchenleben-9783498001964


T. C. Boyle: Hart auf hart    ****

Originalausgabe: The Harder They Come (New York 2015)

aus dem Englischen übersetzt von Dirk van Gunsteren

Carl Hanser Verlag (München 2015)

ca. 400 Seiten, 22,90 €

 

Wer sich das illustre Personenspektrum einer deutschen Querdenker-Demo anschaut, wird feststellen, dass T. C. Boyle diese Archetypen schon 2015 in seinem Roman „Hart auf hart“ vorgeführt hat: Wutbürger, Verschwörungstheoretiker, Rassisten, Gewalt-Fetischisten, Waffennarren, Reichsbürger und Esoteriker. Boyle verengt diese Auswahl auf drei Hauptfiguren und entwirft damit ein Psycho-Panorama der heutigen USA (mit guten Exportchancen nach Europa!).

Darf man kurz vorstellen: zunächst taucht Sten Stensen auf, pensionierter High-School-Direktor, ehemaliger Vietnam-Kämpfer, jetzt in Kalifornien mit seiner Frau Carolee lebend. Auf einer Kreuzfahrt wird die Reisegruppe in Costa Rica von drei jungen Straßenräubern überfallen, Sten, ein 1,92 m großes und 100 kg schweres Mannsbild, wehrt sich und bringt einen von ihnen im Schwitzkasten um (wer denkt da nicht an „I Can’t Breathe“). War es Totschlag oder Notwehr, ist Sten nun eine Mörder oder ein Held? Er bleibt natürlich straffrei und gründet zuhause in Mendocino eine Bürgerwehr, die Jagd auf illegale Mexikaner macht.

Sein Sohn Adam (25) sieht sich derweil als Nachfolger des Trappers und Waldläufers John Colter (1744 - 1813) und führt ein kriegerisches Leben in der Einsamkeit des Waldes mit Opiumanbau. Als sein Geheimbunker aufzufliegen droht, erschießt er einige Passanten.

Sara Hovarty Jennings (40) ist eine radikale Staatsgegnerin und Verschwörungstheoretikerin, die zu Adam eine teilweise mütterliche Beziehung aufbaut, am Ende aber dessen Wahn erkennt.

Das letzte Kapitel gehört wieder den Eltern Stensen, die sich nach den Mordtaten ihres Sohnes selbst die Schuldfrage stellen, dann aber zur Ablenkung lieber auf den Golfplatz gehen (auch da erinnert man sich an eine ganz bestimmte Person!?).

Dies alles wird von Boyle in gewohnt souveräner Manier erzählt und ist damit um ein Vielfaches unterhaltsamer als etwa Reinhard Lettaus Notizen zum (all)täglichen Faschismus (damaliger Untertitel: Amerikanische Evidenzen aus sechs Monaten) aus dem Jahr 1973. Es scheint, als habe Boyle die Schlagzeilen aus den Jahren 2019/2020 prophetisch vorausgeahnt und fast schon ein Doku-Drama über die Missverständnisse beim Thema Freiheit und Selbstbestimmung geschrieben.

 

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/hart-auf-hart/978-3-446-24737-6/


Bernhard Kellermann: Der Tunnel    ****

Ars vivendi Verlag (Cadolzburg 2015)

ca. 315 Seiten, 20,90 Euro

 

Bernhard Kellermann lebte nur knapp neun Kinderjahre (von seiner Geburt 1879 bis 1888) in Fürth, dann zog die verwitwete Mutter mit ihren fünf Kindern nach Ansbach. Die weiteren Stationen des späte­ren Schriftstellers waren München (Studium) und Berlin (nach 1945: Berlin-Ost). Kellermann starb 1951 in Klein-Glienicke bei Potsdam. Posthum integrierte ihn die Stadt Fürth mit 15 anderen Persönlichkeiten in den soge­nannten „Ehrenweg“ (Kellermanns Ehrentafel steht in der Schwabacher Straße) und benannte nach ihm die Kellermannstraße in der Fürther Südstadt. Der Cadolzburger Verlag ars vivendi nahm den Bestsellerroman „Der Tunnel“ (1913 erstmals im Verlag S. Fischer erschienen) in seine kleine Reihe der fränkischen Klassiker auf; ein erneuter Verkaufserfolg scheint sich aber nicht eingestellt zu haben, so dass die Edition derzeit leider nicht lieferbar ist.

Das ist schade, weil dieser Roman sich auch nach über 100 Jahren seine Aktualität bewahrt hat und viele Problemstellungen sich als zeitlos erwiesen haben. In unserer Zeit, wo technische und bauliche Großprojekte schon mit der Gefahr eines tragischen Endes gestartet werden, erscheint die Infrastruktur-Fiktion, die in „Der Tunnel“ dramatisch aufbereitet wird, gar nicht so fern. Bei Kellermanns Roman geht es um das größenwahnsinnige (?) Projekt des Ingenieurs MacAllen, der zwischen Europa und Amerika eine submarine Menschen- und Postbeförderung bauen will: mit einem Tunnel, der 5000 km lang sein wird und 4500 Meter unter dem Meeresspiegel gebohrt werden und nach 15 Jahren fertiggestellt sein soll.

Nur zum Vergleich: der Eurotunnel zwischen Folkestone (Kent) und Calais hat eine Länge von ca. 50 Kilometern und wurde nach sechsjähriger Bauzeit im Jahre 1992 eröffnet. Pläne zur Unter­tunnelung des Ärmelkanals gab es schon seit dem 18. Jahrhundert, 1919 - also drei Jahre vor dem Erscheinen von Kellermanns Roman - schrieb der deutsche Journalist E. Arnold über das Projekt: es handle „sich nicht allein um ein ausführbares Riesenunternehmen, sondern mit der Verwirkli­chung des Planes auch um wirtschaftliche Vorteile ungeahnter Tragweite … Aller Wahr­scheinlichkeit nach würde der Tunnelbau mit einem Kapital von 300 bis 400 Millionen Franken in einem Zeitraum von 15 bis 20 Jahren möglich sein“.

Kellermann machte nun aus seiner nordatlanti­schen Techno-Vision einen spannen­den Aben­teuer-Roman, der mit Katastrophen, Liebe, Tod und sogar Happy End alle Zutaten eines modernen Bestsellers vorweist. Der Roman zeigt in expressionistischer Deut­lichkeit die Ausbeutung des Arbeiterhee­res (und die 3000 Toten, die als Kollateralschaden in Kauf genommen werden). Er erzählt von dem schwerreichen US-Unternehmer Lloyd, der darin einen lukrativen Deal sieht, und von dem jüdischen (!) Finanzmakler S. Woolf, der das Unternehmens-Konstrukt entwirft. Er beleuchtet die Eheprobleme des besessenen Erfinder MacAllen, der nach dem Tod seiner Frau Maud und seiner Tochter Edith die Unternehmertochter Ethel Lloyd aus taktischen Gründen heiratet, um mit ihr 24 Jahre nach Baubeginn tatsächlich die Jungfernfahrt zu unternehmen: „die größte menschliche Tat aller Zeiten“! Die literarische Aufarbeitung von Bernhard Kellermann wurde mit einer Gesamtauflage in Höhe von über einer Million zu einem der erfolgreichsten Bücher der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Es blieb aber bei einem „One Hit Wonder“, denn nach 1933 ging Kellermann in innere Emigration, 1945 wurde er Mitgründer des Kulturbundes der späteren DDR und geriet in Westdeutschland - ähnlich wie der Würzburger Autor Leonhard Frank - in Vergessenheit.

 

 

https://arsvivendi.com/Buch/Search/9783869135854-Der-Tunnel

 


Miroslav Krleža: Ohne mich (Roman, 1938)    ****

aus dem Serbokroatischen übertragen von Ina Jun-Broda

rororo (Reinbek 1966)

ca. 180 Seiten, nur noch antiquarisch erhältlich

 

Miroslav Krleža (1893 - 1981) gehört zu den bedeutendsten jugoslawisch/kroatischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Aus einer dezidiert undogmatisch linken Perspektive beobachtete er von seinem Wohnsaitz in Zagreb (Agram) die wechselhafte Geschichte des Landes zwischen Königsherrschaft, parlamentarischem Verfassungsstaat, faschistischem Ustascha-Regime und Tito-Sozialismus. In deutschen Übersetzungen sind nur noch der Roman „Die Rückkehr des Filip Latinovicz“ (1932) und die gesammelten Erzählungen „Der kroatische Gott Mars“ (1922) erhältlich. Sein griffigstes literarisches Werk ist aber der Roman „Ohne mich“, eine scharfsinnige Kritik der bürgerlichen Gesellschaft („Zylinderträger“) und der kapitalistischen Käuflichkeit. Dieser aber ist nur noch antiquarisch erhältlich.

Hauptfigur und Ich-Erzähler des Romans ist ein 52jähriger Rechtsanwalt, der radikal mit seinem bisherigen Leben bricht und zum isolierten Rebellen wird. Damit er erinnert er gleichzeitig an den Kleistschen Michael Kohlhaas wie an den Armenarzt Ferdinand Burdamu in Celines „Reise ans Ende der Nacht“. Seine grell karikierten Gegenfiguren sind der Industrielle Domacinski, der Advokat Hugo-Hugo und der Richter von Rugvay. Bis zum 52. Geburtstag war der Ich-Erzähler ein unauffälliger Durchschnittsbürger mit Frau und Töchterchen, doch dann sammelt sich bei ihm ein „trüber Bodensatz aus Ekel, Überdruss und einer bestimmten Ratslosigkeit“ an. Schlüsselerlebnis ist ein Abendessen im Weingarten des Generaldirektors Domacinski, bei dem dieser sich brüstet, im Jahr 1918 vier Einbrecher eigenhändig erschossen zu haben. Der Ich-Erzähler muss intervenieren: das sei ein Verbrechen, das sei moralisch krank. Doch die honorige Stadtgesellschaft verurteilt ihn: er sei unzurechnungsfähig, politisch gefährlich! Weil er in der Debatte kurz handgreiflich wurde, klagt man ihn an, er bekommt acht Monate Haft aufgebrummt. Verständnis findet er nur noch bei seiner Geliebten Jadviga und bei dem Mithäftling Valent Zganec. Nach der Freilassung geht der gesellschaftliche Krieg gegen ihn weiter, bis er schließlich im „Irrenhaus“ landet und er sich die Frage stellt, ob es nicht logisch sei, dass ein Mensch, den man wie einen Wolf jagt, wirklich ein Wolf wird.

Mit Krležas Ohne-mich-Protagonisten bekommt der Typus des gesellschaftlichen Außenseiters (darf man vielleicht auch noch „Querdenker“ sagen, ohne die Figur zu entwerten?) eine eindrucksvolle spät-expressionistische literarische Repräsentation.

 

https://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/ein-unbekannter-planet-1.18237985


Erik D. Schulz: Der Weizen gedeiht im Süden (Roman)   **

Acabus Verlag (Hamburg 2020)

ca. 415 Seiten, 16.00 Euro

 

Der schriftstellernde Allgemeinmediziner Erik D. Schulz aus Berlin reiht sich nach drei Jugendbüchern mit seinem aktuellen Roman in die literarische Tradition der Dystopiker ein. Sein fiktionaler Ansatz ist die Welt nach einem Atomkrieg - hier zwischen der USA und China. Eine größere Gruppe von (zahlungskräftigen?) Menschen hat sich in den Felsbunker einer privaten Sicherheitsfirma am Pischahorn bei Davos zurückgezogen, um dort das Überleben zu organisieren, bis die Erde wieder bewohnbar ist. Momentan liegt Europa bei 25 Grad minus „begraben unter Schutt, Asche und Eis“. Das diktatorische Verhalten des Bunkerchefs Fabio Wiegele stößt jedoch bei einigen Insassen auf Widerstand, zudem erhärten sich die Befürchtungen, dass das Wasser im Bunker verstrahlt und die geplante Getreideernte durch Schädlinge vernichtet ist. Deshalb will eine Gruppe von etwa zwölf Personen den Ausbruch wagen, ihre Alternative ist „Strahlentod und eingeschlagener Schädel“ im Bunker oder „abgefrorene Zehen und eine kleine Chance“ draußen. Der nächste bewohnbare Ort dürfte in Afrika liegen!

Die treibenden Kräfte sind die beiden Angehörigen des Schweizer Militärs, Haemmerli und Isler, sowie der medizinisch bewanderte Psychologe Oliver Bertram. Trotz Verfolgung durch den Bunker-Sicherheitsdienst gelingt der Exit und zunächst der Abstieg nach Davos. Von dort aus entwickelt sich eine abenteuerliche Flucht gen Süden, die ziemlich vordergründig nach den Ritualen des Katastrophen-Genres gestrickt ist. Es folgen Kämpfe mit marodierenden Plünderern, schwere Krankheiten, Hoffnungs- und Erschöpfungszustände, Notlandungen und dramatische Triage-Situationen, doch die Gruppe erreicht - wenn auch dezimiert - zunächst den Flughafen Locarno und dann auf dem Luftweg den Sudan (Temperatur: 25 Grad plus!). Hier finden sich die Europäer in der Rolle der unerwünschten Flüchtlinge, sie werden in einem menschenunwürdigen Camp festgehalten. Doch es gelingt Oliver, dem „Vater“ der so entstandenen Großfamilie, durch mitgebrachte Goldmünzen und durch Beziehungen zu einem früheren Bekannten, dem Sudanesen Salah Abed Elhai, die Chance für einen Neuanfang in Afrika zu eröffnen.

Im Vergleich zu zwei anderen Werken dieses literarischen Genres schneidet der Roman in seiner biederen Handwerklichkeit und mit seinen sprachlichen Schematismen deutlich schlechter ab: Arno Schmidts Erzählung „Schwarze Spiegel“ aus dem Jahre 1951 war dagegen eine leicht zynische Abrechnung mit der kriegerischen Wettkampf-Gesellschaft und fast eine Hymne auf den Individualisten, der (warum auch immer) einen atomaren 3. Weltkrieg überlebt hat und alleine gut zurechtkommt. Bei Christian Torklers Roman „Der Platz an der Sonne“ (2020 erschienen) wird die Hierarchie zwischen 1. und 3. Welt in einer spekulativen Last-Umkehr gedreht, was mit der Methode der Verfremdung erstaunliche Einsichten ermöglicht. Für Freunde von konventionellen Katastrophenfilmen (man sieht fast schon Wotan Wilke Möhring in einer Hauptrolle und Till Schweiger auf dem Regiesessel!) mit eingebauter Liebesgeschichte ist aber der Roman von Erik D. Schulz wohl die erste Wahl

 

https://www.acabus-verlag.de/belletristik_9/literatur_2/roman_12/der-weizen-gedeiht-im-suumlden_9783862827367.htm


Heinrich Steinfest: Der Chauffeur    ***

Piper Verlag (München 2020)

ca. 360 Seiten, 22,00 Euro

 

Johann Wolfgang von Goethe definierte vordem die Novelle als „eine sich ereignete, unerhörte Begebenheit“. Somit fällt dieser Gattungsbegriff für die neue literarische Produktion von Heinrich Steinfest flach, denn der Autor stapelt geradezu unerhörte Begebenheiten, die in wenigen Jahren des Lebens seiner Hauptperson Paul Klee stattfinden. Der Roman (sic!) ist auch keine Künstlerbiografie, denn es war nur eine bildungsferne Laune des Vaters Klee, dass er seinem Sohn bei der Geburt 1974 den Vornamen Paul gab. Dafür werden aber die Gattungen Märchen, Krimi und ironisches Essay nicht ganz unfreiwillig gestreift: in „Der Chauffeur“ passiert manches Skurrile, Unwahrscheinliche, Merkwürdige, dazu präsentiert Heinrich Steinfest (auf dessen Bibliografie-Liste schon diverse Krimis mit dem einarmigen Detektivs Cheng stehen) zwei ungeklärte Todesfälle und ein mysteriöses Verschwinden, weiterhin erlaubt er sich als Er-Erzähler längere Passagen mit Alltags-Beobachtungen (z. B. über die Problematik allein in ein Restaurant zu gehen) und Zeit-Analysen.

Doch zurück zum künstlerisch unbegabten Protagonisten Paul Klee. Nach einem abgebrochenen Jurastudium arbeitet er als Chauffeur eines Politikers (der ganz am Rande noch Karriere macht und Bundeskanzler zu werden scheint), trifft aber bei einem schweren Unfall eine falsche Triage-Entscheidung und quittiert seinen Job. Mit der großzügigen Abfindung realisiert einen Lebenstraum: er kauft ein großes Haus und gestaltet es um zum „Hotel zur kleinen Nacht“. Dabei hilft ihm die Maklerin Inoue Sander, alleinerziehende Mutter der ca. 10jährigen Zwillinge Iris und Uwe, die auch kurzzeitig seine Lebenspartnerin wird.

Es hat wenig Sinn, die überbordende Erzähllust des in Stuttgart lebenden Österreichers Steinfest nachzuzeichnen, man könnte noch auf das Erscheinen der Hündin Laika aus dem russischen Satelliten Sputnik 2 („Die Große Rückkehr“) oder auf ein Land-Art-Projekt der frühreifen Zwillinge („Gemütliche Kirche für die Große Leere“) hinweisen, man könnte den verschwundenen Kriminalpolizisten Klemens Holl, die Tennislehrerin Olga Stepanowa oder die rätselhafte Witwe Eva Gehring erwähnen. Das heißt zusammengefasst: entweder lässt man sich auf den Kosmos von Steinfests schillernder Fabulierkunst ein oder bleibt verstört draußen.

Für seine Wartezeiten als Chauffeur hat Paul Klee übrigens immer zwei Bücher auf dem Beifahrersitz liegen: ein leichtes und ein schweres. Zu welcher Kategorie nun „Der Chauffeur“ zählen würde, darf unter den Lesern diskutiert werden.

 

https://www.piper.de/buecher/der-chauffeur-isbn-978-3-492-05867-4


Ferdinand von Schirach: Gott. Ein Theaterstück    ****

Luchterhand (München 2020)

ca. 155 Seiten, 18,00 Euro

 

Der amerikanische Entwicklungspsychologe Lawrence Kohlberg (1927 - 1987) nutzte sogenannte Dilemma-Diskussionen als Messinstrument und gleichzeitig als Methode zur Fortentwicklung der menschlichen Moral. Daran knüpft seit geraumer Zeit auch die Didaktik der politischen Bildung an, die hofft, in einem solchen Rahmen Prozesse und Begründungen bei der Entscheidung für oder gegen einen Wert transparent zu machen. Diese Methode war schon immer eine Fundgrube für das Theater als „moralische Anstalt“: Sophokles fragte mit seiner „Antigone“, ob man in einer bestimmten Situation mehr dem weltlichen Herrscher oder mehr den göttlichen Geboten folgen soll. Bertolt Brecht stellte anhand seines Lehrstückes „Der gute Mensch von Sezuan“ mit der Hauptfigur Shen Te die Frage, ob man gleichzeitig gut sein und in dieser Welt überleben könne.

Zur Bestseller-Blüte führt Ferdinand von Schirach diese Form des szenischen Denkspiels, der nach „Terror“ jetzt mit „Gott“ eine weitere existenzielle, juristisch-moralische Grundfrage vor Publikum im Theater verhandeln lässt. Die Corona-Pandemie und eine überraschende Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zwangen den Verfasser aber zu kurzfristigen Umdispositionen. Erst am 10. September 2020 konnte die deutsche Uraufführung - gleichzeitig im Berliner Ensemble und im Düsseldorfer Schauspielhaus - stattfinden. Das BVG-Urteil vom 26. Februar 2020 setzte einen juristischen Rahmen, der die Bandbreite der Diskussion deutlich verengte.

Schirachs leicht lesbares Theaterstück stellt den 78jährigen Richard Gärtner in den Mittelpunkt, der trotz geistiger und körperlicher Gesundheit nicht mehr leben will, da er seit dem qualvollen Tod seiner Frau vor etwa drei Jahren keinen Sinn mehr im Leben findet: „Ich will sterben, und das ist nicht amoralisch, egoistisch oder krank“. Er bittet Frau Brandt, seine Augenärztin, ihm eine tödliche Dosis Natrium-Pentobarbital zu besorgen. Bei ihr liegt nun das ethische Dilemma, über das am Ende des Stückes eine Publikums-Abstimmung stattfinden wird: Halten Sie es für richtig, einem gesunden Menschen ein tödliches Medikament zu geben. Würden Sie es tun, wenn Sie Arzt wären?

Vorher wird der Fall aber in einer fiktiven (öffentlichen) Sitzung des Deutschen Ethikrates verhandelt, bei dem unter anderem ein medizinischer Sachverständiger, eine Professorin für Verfassungsrecht und ein katholischer Bischof auftreten. So kann Schirach - anders als in den teilweise verhassten Erörterungen im Deutschunterricht - das ganze argumentative Spektrum in ziemlich unterhaltsamer Weise vorführen. Dies allerdings mit der nun gültigen Vorgabe des Bundesverfassungsgerichts, dass das allgemeine Persönlichkeitsrecht nach Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben umfasst. Weiter heißt es im Urteil: „Dieses Recht schließt die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen, hierfür bei Dritten Hilfe zu suchen und, soweit sie angeboten wird, in Anspruch zu nehmen“. Dem Deutschen Bundestag, der das 2015 mehrheitlich anders gesehen hatte, obliegt also nur noch die Regelung der Ausführungsbestimmungen.

Die Buchausgabe enthält im Anhang drei sehr lesenswerte Nachwörter von drei ProfessorInnen, die die historischen, ethischen und juristischen Aspekte der Problematik verständlich zusammenfassen. Henning Rosenau vermerkt, dass die Debatte nun wieder an einem Anfang stehe, und Bettina Schöne-Seifert glaubt, dass Schirachs „Gott“ dazu Anstöße und Gelegenheit geben werde. Demnächst also in diesem oder jenem Theater!

 

https://www.randomhouse.de/Buch/GOTT/Ferdinand-von-Schirach/Luchterhand-Literaturverlag/e566774.rhd


Lisa Eckhart: Omama    ***

Paul Zsolnay Verlag  (Wien 2020)

ca. 380 Seiten, 24,00 Euro

 

Lisa Eckhart fühlt sich offensichtlich wohl in der Rolle der provokativen Agentin im deutschsprachigen Comedy-Betrieb und hat wesentliche Beiträge zu dem neuen Debatten-Sektor der Cancel Culture geleistet. All dies pusht die Auflagenzahlen ihres Debütromans „Omama“, der sich allerdings nicht wirklich entscheiden kann, ob er die ereignisreiche Nachkriegs-Geschichte der Oma Helga nacherzählen will oder ob er die Oma nur in Situationen versetzt, zu denen Text-Bausteine aus dem Bühnenprogramm von Lisa Eckhart passen.

Es beginnt 1945 mit dem Einmarsch der russischen Truppen in Österreich und der Angst der Familie Brandtner vor sexuellen Übergriffen der Soldaten der Roten Armee auf ihre Töchter Helga und Inge. Es kommt aber gar nicht so schlimm und die Einsicht setzt sich durch: „der Russe ist ein feiner Kerl“. Es folgen die Schulzeit, das langsame Erwachsenwerden mit mehreren genüsslichen Exkursen in die Feuchtgebiete der beiden Mädchen.

Der zweite Teil berichtet von der Verschickung Helgas in den Ort Freienstein, wo sie in der Dorfwirtschaft arbeiten soll. Dies gibt Lisa Eckhart die Gelegenheit eine kleine Typologie des Provinz-Kaffs in den 50er Jahren auszubreiten. Vier archetypische Charaktere der Dorfgemeinschaft werden vorgestellt: der Dorf-Schönling, die Dorf-Matratze, der Dorfdepp und der Trinker. Die heimliche Dorfherrscherin ist die resolute Wirtin, die Freiwillige Feuerwehr verwechselt manchmal Löschwasser mit Schnaps und der erste Fernseher bringt die große Welt in die kleine.

Ein heftiger Zeitsprung führt in den 3. Teil und in die Zeit nach 1989, wo Oma Helga Ausflugsfahrten nach Ungarn organisiert, obskure Gesundheitsmittel verkauft und die These vertritt, Essen sei der Sex des Alters - sehr zum Leidwesen der Enkelin, die aber immerhin das Buch mit einem Rehbraten-Rezept der Großmutter beendet. Vorher begleitet sie die Omas noch auf einigen Auslandsreisen, wobei eine Kreuzfahrt zur vorhersehbaren Gesellschafts-Satire ausgebaut wird.

Immer wieder sägt Lisa Eckhart - fast schon penetrant - an den Tabu-Leitplanken der political correctness, z. B. wenn es um NS-Begriffe, Behinderte und anale Obsessionen geht. Das trübt die Freude an der anfänglich sehr authentischen und sprachlich dichten Oma-Geschichte. Wer aber stolze Helikopter-Großeltern von heute einmal kräftig provozieren will, landet mit Lisa Eckharts Roman möglicherweise einen Volltreffer.

 

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/omama/978-3-552-07201-5/


Lili Grün: Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit … (Roman) ****

AvivA (Berlin 2016)

mit einem Nachwort von Anke Heimberg

ca. 220 Seiten, 18,00 Euro

 

Der Herausgeberin Anke Heimberg und dem AvivA-Verlag in Berlin ist es zu verdanken, dass die Romane der bis 1942 in Wien lebenden Jüdin Lili Grün nicht in Vergessenheit geraten und in ansprechenden Editionen erhältlich sind. Neben drei Romanen - außer der „jungen Bürokraft“ sind das noch „Herz über Bord“ mit dem aktualisierten Titel „Alles ist Jazz“ und „Loni in der Kleinstadt“ mit dem ebenfalls aktualisierten Titel „Zum Theater!“ - gibt es noch eine Sammlung von frühen Geschichten und Gedichten mit der Überschrift „Mädchenhimmel!“ Lili Grün gehört ohne Zweifel zu dem Katalog der verbrannten Dichter, ab 1938 war ihr die schriftstellerische Tätigkeit im angeschlossenen Österreich unmöglich, 1942 starb sie nach der Deportation in Weißrussland.

„Junge Bürokraft“ war zunächst eine Fortsetzungsgeschichte in der Zeitung „Wiener Tag“ (1936/37), sie erzählt unprätentiös und meist undramatisch von Susi Urban als Kind, als jungem Mädchen und als junger Frau. Natürlich sind auch biografische Elemente enthalten, grundsätzlich geht es um die Rolle der Frau zwischen Tradition und Emanzipation, zwischen dem Traum von Ehe, Familie in einem harmonischen Haushalt und der vagen Möglichkeit einer Selbstbestimmung. So entwickelt sich der Roman zu einer Art Fortschreibung von „Effi Briest“ im Angestellten- und Kleine-Leute-Milieu des 20. Jahrhunderts und zu einer fiktionalen Exemplifizierung der soziologischen Untersuchungen von Siegfried Kracauer. Die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe der 1930er Jahre in Österreich bleiben eher undeutlich.

Susi wächst praktisch ohne Vater auf, der im 1. Weltkrieg gefallen ist. Auch der ältere Bruder Franz ist keine Figur, an der sie sich orientieren kann, da dieser sich nach dem Krieg auf dubiose Geschäfte einlässt und verhaftet wird. Eher lernt sie von dem Hausmädchen Luise, die ihr empfiehlt, Mädchen müssten „ihr Leben genießen, solange sie jung und sauber sind, dann wird man rasch alt“. Mit 14 Jahren tritt sie eine Lehrstelle an, die Rest-Familie (Mutter und Tochter) muss in eine kleine Wohnung umsiedeln. Freundin Mitzi macht sie mit den Freuden der Freizeit bekannt, mit Tanzschule und Heurigenlokal, wo sie auch den ersten Kuss von einem Egon Lambert bekommt. Doch Mitzi warnt: „die Männer sind zum Unterhalten da … sonst zu gar nichts!“ Als „Büromädel“ beim Rechtsanwalt Dr. Müller erfährt sie von dessen Köchin: „sie sollten heiraten … jeder Mensch hat Anspruch auf ein bissel Glück“. Am Ende landet sie - in Zeiten sprunghaft ansteigender Arbeitslosigkeit - bei der Familie Huber als Kinder- und Hausmädchen und führt nun „das Leben einer alleinstehenden, arbeitenden Frau“. Der Roman schließt mit einem offenen Ende und einer auf den ersten Blick klischeehaften Botschaft: „Wenn sie tüchtig ist, wird sie das Glück finden. Nicht das ganz große Glück, vielleicht nur ein bescheidenes, kleines, auf das jeder Mensch im Leben Anspruch hat“. Ob Lili Grün nach 1938 auch noch eine solche Kompromissformel für das Leben einer Frau ausgesucht hätte?

 

https://www.aviva-verlag.de/programm/junge-b%C3%BCrokraft-%C3%BCbernimmt-auch-andere-arbeit/#cc-m-product-10317878121


Michael Wildenhain: Die Erfindung der Null    ****

Klett-Cotta (Stuttgart 2020)

ca. 295 Seiten, 22,00 Euro

 

Vor über 60 Jahren hat Max Frisch den Typus des homo faber in die literarische Welt eingeführt, eine Charakterstudie des aufgeklärten Technokraten Walter Faber, der durch problematische Beziehungen und durch Krankheit in eine Krise seines Denkens stürzt. In seinem neuesten Roman „Die Erfindung der Null“ dockt Michael Wildenhain an diese Tradition an und erfindet den homo mathematicus Dr. Martin Gödeler (möglicherweise eine Anspielung auf den österreichisch-amerikanischen Mathematiker und Philosophen Kurt Gödel), der als vielversprechender Uni-Dozent eine große wissenschaftliche Karriere vor sich hat, dann aber als Nachhilfelehrer bei einem Stuttgarter Lerninstitut, als Mietwohnungs-Messi und als Häftling im Untersuchungsgefängnis endet.

Drei Frauen und ein junger Mann kreuzen seinen Weg und begleiten ihn auf seinen Irrungen und Wirrungen: seine Ex-Ehefrau Gunde, die nach der Geburt der Tochter Sophia ihm zuliebe das Mathematikstudium beendet, die Beinahe-Stalkerin Susanne Melforsch, die als Abiturienten von einem Vortrag Gödelers begeistert ist und immer wieder seinen Spuren folgt, und die undurchsichtige Wissenschaftlerin Elisabeth Trouvé, mit der er eine lang dauernde Affäre hat, die ihn aber plötzlich aus zunächst unklaren Gründen verlässt („Du sollst mich nicht suchen. Du wirst mich nicht finden. Wir hatten unsere Zeit“).

Gödeler wird verdächtigt, bei einem Provence-Urlaub Susanne Melforsch in den Gorges du Verdon (aus Eifersucht?) umgebracht zu haben. Ein junger Staatsanwalt leitet die Untersuchung, er findet in Gördeler einen Häftling, der bereitwillig seine bisherige Lebensgeschichte (und damit den Inhalt des Romans) ausbreitet und auch schriftlich fixiert. Da aber ohne auffindbares Opfer kein Mord verfolgt werden kann, wird Gödeler freigelassen und kann auf eigene Faust weitere Nachforschungen betreiben. Die Ergebnisse schickt er schließlich per Paket an den Staatsanwalt und legt als deutlichen Hinweis die althochdeutsche Geschichte von Hadubrandt und Hildebrandt bei: die Tragödie vom Sohn, der seinen Vater nicht kennt, ihn zum Duell auffordert und von ihm getötet wird.

Wildenhains erzählerische Konstruktion bewegt sich mit gewagten chronologischen Sprüngen durch ca. vierzig Jahre und breitet eine erst langsam durchsichtige Personenstruktur aus. Die Kapitelüberschriften kopieren eine mathematische Beweisführung, bei der das abschließende quod erat demonstrandum zum Teil dem Leser überlassen bleibt. Ein einfacher Vorschlag: Das Leben ist nicht so leicht lösbar und kalkulierbar wie ein mathematisches Problem. Oder wie Max Frisch 1949 in sein Tagebuch über ein wichtiges Element der Biografie schrieb: „Der Zufall ganz allgemein: was uns zufällt ohne unsere Voraussicht, ohne unseren bewussten Willen. Schon der Zufall, wie zwei Menschen sich kennenlernen, wird oft als Fügung empfunden; dabei, man weiß es, kann dieser Zufall ganz lächerlich sein“.

 

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Die_Erfindung_der_Null/117321


Cihan Acar: Hawaii    ****

Hanser Berlin (Berlin 2020)

ca. 250 Seiten, 22,00 Euro

 

Dass es kein Bier auf Hawaii gibt, trifft zumindest für den berüchtigten sozialen Brennpunkt namens Hawaii, einem Stadtviertel in Heilbronn (auch Heilbronx genannt), nicht zu. Dort hat der Autor Cihan Acar seinen Debütroman angesiedelt, dort sucht seine Hauptperson, der Ich-Erzähler Kemal Arslan (21) nach einer Zukunft. Seine jüngste Vergangenheit sah nämlich vielversprechend aus: als Fußballprofi bekam er einen Vertrag bei einem türkischen Erstliga-Verein. Doch ein Unfall mit seinem Jaguar bei einem privaten Autorennen beendet die Karriere. Nun ist er wieder zurück in seiner Heimatstadt bei seinen Eltern, und der Vater fragt: "Wie geht es jetzt weiter mit dir, mein Sohn?" Kemal erlebt als fast neutraler Beobachter die gesellschaftlichen Spannungen in einer süddeutschen Stadt: zwischen Türken und Deutschen, zwischen reichen Familien - aus denen seine Ex-Freundin Sina stammt - und armen Zuwanderern, zwischen paramilitärischen Gruppierungen (den türkischen Kankas und der deutschen Schutztruppe "Heilbronn wach auf"). Sein großes Problem ist die Frage, zu wem er eigentlich gehört. Zu der attraktiven Sina, ihren reichen Eltern und ihrem snobistischen Freundeskreis, die im Club "Creme" ihre Privat-Lounge haben, oder zu den türkischen Machos, die angesichts der sich zuspitzenden Konflikte bei einer Schrottplatz-Versammlung ankündigen: "Ab heute wehren wir uns". Kemals Platz scheint zwischen den Stühlen zu sein: "Egal wohin ich geh, früher oder später flieg ich raus. Und wenn sie mich nicht rausschmeißen, dann will ich selber gehen". So bleibt ihm am Ende nur der Bahnhof von Heilbronn und ein Zug nach Irgendwo: "Ich wusste ganz genau, wo ich hinwollte. an einen Ort, an dem ich der sein kann, der ich bin".

Dem 34jährigen Cihan Acar gelingt mit diesem Roman eine erstaunlich differenzierte Beobachtung der Konflikte in einer deutschen Mittelstadt, eine klischeefreie Gesellschaftsanalyse konzentriert auf ein verlängertes Wochenende. Seine Hauptperson Kemal wirkt als loser, als Heimat- und Orientierungsloser wie eine Mischung aus dem Fußballprofi Ivo Trifunovic in Tonio Schachingers Roman "Nicht wie ihr" (2019) und dem jungen Clay aus Bret Easton Ellis' Roman "Unter Null" (1985), zwei höchst erfolgreiche literarische Debüts, mit denen Acar absolut mithalten kann. Eindringliche Leseempfehlung für alle zwischen 16 und 86!

 

https://www.hanser-literaturverlage.de/buecher?authorname=Cihan+Acar


Johannes Herwig: Scherbenhelden    ***

Gerstenberg (Hildesheim 2020)

ca. 270 Seiten, 16,00 Euro

 

Johannes Herwig (geboren 1979) erlebte die Nachwendezeit in Leipzig teilweise als Punk und erzählt in seinem zweiten Roman die - sicherlich teilweise autobiografische - Geschichte des 16jährigen Nino, der sich einer Gruppe von Punks (Kante, Schroeder, Glefe, Andy, Zombie) anschließt. Sein Vater betreibt das kleinste Schuhmachergeschäft Leipzigs, seine Mutter hat sich getrennt und lebt im Westen. Schulfreund Max macht Ninos innerliche und äußerliche (Irokesen-Schnitt) Hinwendung zur Punker-Szene nicht mit: „Ich bin erst mal raus“. Nino aber nähert sich dem Lebensstil der Clique immer mehr - mit Bier, Drogen, Klauen und ein bisschen Zerstörungswut. In der Schule schafft er gleichzeitig das Vorrücken nur mit Ach und Krach. Auseinandersetzungen mit den örtlichen Nazis gehören zum Alltag: Andy z. B. wird brutal zusammengeschlagen und sinnt auf Rache. Dann beginnen für Nino auch die Irrungen der Liebe: die Schulfreundin Mila; die einem wohlhabenden Elternhaus entstammt, ist ihm eigentlich zugetan. Er aber fühlt sich zu der Punkerin Zombie hingezogen, die von problematischer Kindheit und Schulabbruch berichtet. Gegenüber Mila definiert er einmal seinen neuen Lebensstil: „Ich scheiß auf das, was morgen ist“. Punk sei „das Gefühl, nirgendwo so richtig dazuzugehören, draußen zu stehen … das vielleicht auch so zu wollen … auch Wut darauf zu haben“. Dramatischer Höhepunkt des Romans ist Zombies Selbstmord-Drohung am Rand des 29. Stocks des Universitätsgebäudes; doch Nino kann sie zurückhalten: „Du bedeutest mir was. Einiges. Viel“. Als bewusster Teil der Nachwendegeneration will Nino auch wissen, warum seine Mutter in den Westen gegangen ist. Er erfährt von ihr: „Das Land (war) kaputt … abgewirtschaftet. Futsch“. Und warum ist sie nach 1990 nicht wieder zurückgekommen? Weil die Liebe zum Vater verblasste! Der muss seinerseits erkennen, dass sein Handwerk im marktwirtschaftliche System wenig Zukunft hat. Soweit ist die Geschichte von Nino, seinen Eltern und seinen Freunden ein authentischer Beitrag zur Lage in den Neuen Bundesländern nach 1990.

Zu dem Niveau von Clemens Meyer („Als wir träumten“) und Peter Richter („89/90“), die Jugendliche während der Wende in Leipzig bzw. in Dresden literarisch aufarbeiteten, reicht es aber nicht hin, denn leider hat irgendjemand dem Autor Herwig empfohlen, dass man als Schriftsteller mindestens alle zwei Seiten einen bildlichen Vergleich einbauen muss. Dies führt zu eher peinlichen Stileskapaden - hier eine kleine, aber gar nicht feine Blütenlese:

 

- „meine Beherrschung begann zu schwinden wie das Wasser aus einer undichten Kanne“ (S. 113)

-„Das Gewitter platzte auf die Straßen, als würden sich auf den Dächern gigantische Wesen mit Wasserbomben duellieren“ (S. 132)

- „Die Antwort platzte (!) aus mir heraus wie das Wasser aus einer kräftig geschüttelten Flasche“ (S. 166)

- „die Hoffnung, dass alles wieder so werden könnte wie früher, sickerte in mein Inneres wie Tinte in ein Glas Wasser“ (S. 168)

- „ein grauer Film hing auf den Gesichtern, als wären gute Gedanken nicht mehr möglich, als würden sie sofort zu Asche“ (S. 213)

- „das System bleibe an der Gesellschaft kleben wie ein Stiefel aus Beton“ (S. 239)

- „Ich blieb auf meinem Barhocker zurück wie der letzte Mantel an einer Garderobe“ (S. 261)

- „Auf Zombies Gesicht spielte ein winziges Lächeln. Wie ein einziger Stern in der Dämmerung“(S. 269)

 

Hier wäre ein kritisches Lektorat gefordert gewesen wie ein Feuerwehrauto bei einem gefährlichen Brandeinsatz!

 

https://www.gerstenberg-verlag.de/index.php?id=detailansicht&url_ISBN=9783836960595&highlight=scherbenhelden


Martin Meyer: Corona        ****

Kein & Aber (Zürich/Berlin 2020)

ca. 200 Seiten, 20,00 Euro

 

Was macht man in diesen Zeiten, wenn man ein Kratzen im Hals, Schluckbeschwerden, Fieber und Gliederschmerzen hat? Man macht sich Gedanken! So auch die von Martin Meyer, bis 2015 Feuilletonchef der Neuen Zürcher Zeitung, erfundene Figur namens Matteo, ein schon etwas gealterter Buchhändler in einer Kleinstadt.

Dieser Matteo entschließt sich zur häuslichen Quarantäne - seine Buchhandlung im Erdgeschoss ist ohnedies im Lockdown - und zu einem situationsbedingten Leseprojekt: er will sich „ein paar Bücher zur Seele nehmen, die sich zu früheren Zeiten mit der Seuche befasst haben“. Er startet mit der Bibel, genauer mit dem Zweiten Buch Mose im Alten Testament, wo die zehn Plagen als Bestrafung der Ägypter beschrieben werden. Die führt zu der Erkenntnis, dass existenzielle Situation dazu ermuntern, sich mit religiösen Gedanken zu befassen (Lohnt sich das Beten? Steckt hinter der Schöpfung ein Plan?). Die zweite Lektüre ist Boccacios Decamerone, wo zehn Personen vor der Pest in ein Landhaus flüchten, um sich dort Geschichten zu erzählen. Währenddessen werden in Florenz Gruben ausgehoben, um die großen Mengen von Leichen „wie die Waren in einem Schiff“ unterzubringen. Dies evoziert Bilder nicht nur von Bergamo 2020 sondern auch von Konzentrationslagern der 1940er Jahre. Das dritte Werk in seiner chronologischen Reihe ist Daniel Defoes „A Journal Of The Plague Year“, ein Bericht von der Pest in London im Jahre 1665 (auch in einer deutschen Übersetzung unter dem Titel „die Pest zu London“ erhältlich). Über Jeremias Gotthelfs „Die schwarze Spinne“ (früher mal eine beliebte Schullektüre) arbeitet er sich zu Thomas Manns „Der Tod in Venedig (ein älterer Mann wird von Liebe und der Cholera infiziert) und natürlich auch zu Albert Camus‘ Klassiker „Die Pest“.

Am Ende fühlt sich Matteo wieder besser, nicht weil er durch die Lektüre Tröstung, Sinnstiftung oder gar Gebrauchsanweisungen erfahren hat, sondern weil Bücher einen in prekären Lebenslagen begleiten und nur Reflexion über Gott und die Welt anregen können. Der Anruf des Hausarztes bescheinigt ihm, dass er „vermutlich“ nicht infiziert ist. Matteo beschließt sein literarisches home schooling mit einem symbolischen Gang zum Fenster: er „öffnete es, lehnte nach vorn, um den Magnolienbaum zu begrüßen, der, so schien ihm, zurückgrüßte“.

Martin Meyer ist mit der knappen Erzählung eine sehr aktuelle Einladung zum Lesen und Nachdenken in harten Zeiten gelungen, fernab von der alltäglichen Banalität der Fallzahlen und finanziellen Rettungsschirme. Der Verlag kann sich zudem rühmen, die erste belletristische Edition mit dem Wort des Jahres 2020 im Titel auf den Markt gebracht zu haben.

 

https://keinundaber.ch/de/autoren-regal/martin-meyer/corona/1160


Christian Torkler: Der Platz an der Sonne    ****

Rowohlt Tb rororo (Hamburg 2020)

ca. 590 Seiten, 14,00 Euro

Originalausgabe: Klett-Cotta (Stuttgart 2018)

 

Was wäre, wenn …? Das ist die Leitfrage in Christian Torklers ambitioniertem Debüt-Roman „Der Platz an der Sonne“. Was wäre passiert, wenn der 2. Weltkrieg nach einem erneuten Berlin-Konflikt etwa um 1948 wieder aufgeflammt wäre und Mitteleuropa bis 1960 im Griff gehabt hätte? Wir haben es hier mit einem Versuch von History Fiction zu tun, der dann im zweiten Teil noch in das höchst aktuelle Flüchtlings-Thema mündet.

Westdeutschland erlebt also kein Wirtschaftswun­der, statt dessen wird das ehemalige Deutschland in sechs Kleinrepubliken aufgeteilt, in denen fragwürdige Autokraten regieren, wo Depression und Korruption herrschen, und die dürftige Lebensqualität von Wirtschaftshilfe aus dem reichen Afrika (!) abhängig ist. In diese verkehrte Welt wird 1978 der schnoddrig-schelmische Ich-Erzähler Josua Brenner geboren. Er arrangiert sich mit den Verhältnissen in Berlin, der Hauptstadt der Neuen Preußischen Republik, die ein bisschen an das sozial prekäre Umfeld von Franz Biberkopf (aus Döblins „Berlin Alexanderplatz“) oder Johannes Pinneberg (aus Falladas „Kleiner Mann, was nun“) erinnern. Er heiratet, bekommt einen Sohn und startet mit der BARacke ein zunächst erfolgreiches Gastronomie-Projekt. Doch dann zermürben ihn ab dem Jahr 2000 die Einschläge des Schicksals: Sohn Martin stirbt an schwerem Fieber, seine Frau Ingrid lässt sich scheiden, die Mafia bedrängt ihn mit brutaler Schutzgeld-Erpressung, die Bar brennt ab und die Versicherung will nicht zahlen.

Ein Ansichtskarte seine Jugendfreundes Roller aus dem idyllischen Matema in Tansania mit der Botschaft „Ich hab’s geschafft!“ führt zum Entschluss Brenners: „Ich werde gehen“. Die Flucht füllt mit vielen retardierenden Momenten und sehr bekannten Schwierigkeiten die zweite Hälfte des Romans. Ähnlich wie in Klaus Oppitzs Satire „Auswandertag“ wird die aktuelle Flüchtlingskrise in Form einer Nord-Süd-Weg-Umkehr dargestellt. Brenner quält sich mit Hilfe von Schleppern wie einst Hannibal oder Kaiser Heinrich IV. im Winter über die Alpen, verdingt sich zeitweise als Zitronenpflücker und Schwefelgruben-Arbeiter in Süditalien und schafft nur durch einen glücklichen Zufall die Passage nach Nordafrika. Nach vielen gefährlichen Stationen erreicht er schließlich Tansania und findet dort beim Bahnhof von Mbeya seinen Freund Roller - allerdings als heruntergekommenen Drogendealer und -konsumenten. Der erträumte „Platz an der Sonne“ (so bebilderte schon Außenminister von Bülow 1897 den deutschen Anspruch auf koloniale Eroberungen in Afrika) ist also eher eine Fernseh-Lotterie mit äußerst geringen Gewinnchancen. Es kommt nicht überraschend, dass wenig später Brenners Bleibe-Antrag abschlägig beschieden und er nach Berlin zurückgeführt wird: „Ist es richtig, was sie machen … oder gerecht?“

Christian Torkler schafft es trotz einiger stilistischer Verrenkungen und gewisser Längen einen höchst aktuellen Roman zur Lage zu schreiben, der mit dem Mittel der zeithistorischen Verfremdung Empathie und Nachdenklichkeit erzeugt.

 

https://www.rowohlt.de/taschenbuch/christian-torkler-der-platz-an-der-sonne.html


Robert Seethaler: Ein ganzes Leben     ****

Goldmann Tb (München 2016)

ca. 180 Seiten, 11,00 Euro

Originalausgabe: Hanser Verlag (Berlin 2014)

 

Kann man über ein "ganzes" Leben einen Roman von nur etwa 180 (groß gedruckten) Seiten schreiben? Lohnt es sich über ein Leben zu schreiben, mit dem am Ende die Hauptperson "im Großen und Ganzen zufrieden" ist, das also kaum jene dramatische Zerrissenheit großer Geschichten beinhaltet? Soll man überhaupt von einer Person erzählen, die den Satz "Wem das Maul aufgeht, dem gehen die Ohren zu" zu einem persönlichen Leitmotiv erkoren hat? Autor Robert Seethaler hat diese drei Fragen mit "Ja" beantwortet und nach dem "Trafikanten" einen weiteren Bestseller produziert.

Es geht um Andreas Egger, der ca. 1898 unehelich geboren wurde und etwa achtzig Jahre später unspek­takulär an einem Herzschlag stirbt. Dazwischen liegen eine harte Kindheit bei dem Großbauern Kranz­stocker, ein durch Schläge verursachter Oberschen­kelbruch, der Egger lebenslang zu einem "Hinkemann" macht, gemeinsame Jahre mit seiner Frau Marie, die schwere Arbeit bei einer Seilbahn-Gesellschaft, der Unfall, ausgelöst durch eine Geröll-Lawine, die auch seine Frau tötet und sein Haus zerstört, Kriegsdienst und Gefangenschaft in Russland, ambivalente Versuche als Touristen- und Bergführer, eine späte zu nichts führende Romanze mit der pensionierten Dorfschullehrerin Anna und letzte eremitische Jahre als wunderlicher Außenseiter in einem leeren Viehstall. Daraus entsteht natürlich kein klischeebeladener Heimatroman sondern eine manchmal anrührende, manchmal verstörende Skizze, überwie­gend chronologisch erzählt, mit einer leicht skurrilen, aber sehr interpretati­onswürdi­gen Rahmenhandlung über den Ziegenhirten "Hörnerhannes" garniert.

Was will uns Seethaler mit diesem Protagonisten Andreas Egger erzählen? Vielleicht vom Wechselspiel aus Schicksalsschlägen und Gleichmut, von jenem antimodernen Stoizimus, der offensichtlich in alpenländischen Schutzzonen besonders gedeiht und gegen die Bedrohungen der kapitalistischen Welt immunisiert. Vielleicht ergibt auch die letzte Aktion vor seinem Tod ein symbolisches Bild: unser ganzes Leben ist eine ziemlich orientierungslose Busfahrt zu irgendeiner Endstation.

 

https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Ein-ganzes-Leben/Robert-Seethaler/Goldmann/e469253.rhd


Keineswegs Krimis: drei Mörder, drei Motive, zwei Todesurteile

Leonhard, Frank: Die Ursache

(Erzählung, 1915)

Aufbau Verlag Digital

In Buchform nur antiquarisch erhältlich

Albert Camus: Der Fremde

(Erzählung 1940/1942)

rororo , 9,00 Euro

Peter Handke: Die Angst des Tormanns beim Elfmeter

(Erzählung, 1968)

Suhrkamp Taschenbuch, 7,00 Euro



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anton Seiler, ein vermögensloser Dichter

 

 

Würzburg, Berlin 1907

 

erwürgt seinen früheren Lehrer Mager

 

 

Er erinnert sich an die unmenschlichen Demütigungen während der Schulzeit, er wollte sich eigentlich mit dem Lehrer versöhnen

 

 

wird zum Tod durch Hinrichtung verurteilt

 

 

Suche nach den Ursachen des Verbrechens: das autoritäre Erziehungssystem, das kapitalistische Wirtschaftssystem, Kritik am Justizsystem (Todesstrafe)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

der Angestellte Meursault als Ich-Erzähler

 

 

Algier

 

erschießt einen Araber, der vorher seinen Freund Raymond bedroht hatte

 

Schuld an allem hat nur die blendende Sonne (?); er ist ein anständiger Mensch, der eine Minute lang die Herrschaft über sich verloren hat - oder: vorsätzlicher Mord eines seelenlosen Menschen

 

Die Geschworenen verhängen ein Todesurteil

 

Das alltägliche (sinnlose?) Leben führt zu Überdruss, zur Frage „Warum?“, zur Erkenntnis der „zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Josef Bloch, Monteur, früher ein bekannter Tormann

 

Wien, Grenzstadt im Süden Österreichs

 

erwürgt die Kinokassiererin Gerda T.

 

 

Nach der ersten Nacht mit ihr „störte ihn alles immer mehr … Plötzlich würgte er sie.“

 

 

 

 

liest in der Zeitung von den polizeilichen Ermittlungen

 

Die Demonstration einer Verstörtheit, eines schizophrenen Bewusstseinszustands, einer Unfähigkeit, die Signale der Umgebung richtig zu fassen



Karl Bröger: Flamme (Gedichte)

Eugen Diederich Verlag (Jena 1920)

ca. 95 Seiten, nur antiquarisch erhältlich

 

Vor genau 100 Jahren ist im Eugen Diederichs Verlag (Jena) ein schmales Bändchen mit zwanzig Gedichten und drei Versspielen des Nürnberger Schriftstellers Karl Bröger unter dem Titel „Flamme“ erschienen. Der Biograf Gerhard Müller hält es für sein literarisch bedeutendstes Buch, Brögers ältester Sohn Friedrich, der von 1948 bis 1967 als Chefdramaturg an den Städtischen Bühnen Nürnberg arbeitete, bemerkte im Rückblick, dass sein Vater „seine glücklichste und fruchtbarste Zeit … in der Weimarer Republik, in der kurzen Spanne eines relativen Friedens“ erlebte. Den Literaturwissenschaftlern Herbert und Elisabeth Frenzel ist die „Flamme“ in ihrem Standardwerk „Daten deutscher Dichtung“ eine ausdrückliche Erwähnung wert, den Eingang in Kindlers Neues Literatur-Lexikon hat Karl Bröger jedoch nicht geschafft.

Auf der Vorderseite erhebt sich unter dem Titel eine nackte Frau aus der Feuersbrunst des 1. Weltkriegs, eine Illustration des Gedichts „Venus und der Tod“, in dem es heißt: „Auf dem Tisch ein Weib / reckt sich in zierlicher Schale … / ruhig steht die Gestalt / lockend die Hand an der Hüfte. / Über alle Grüfte / herrscht der Liebe Gewalt.“ Damit ist auch das zentrale Thema dieses Gedichtbandes angesprochen: es geht um die Überwindung von Krieg und Gewalt durch Liebe, Leben, Freiheit und Mitmenschlichkeit. Oder wie es in „Heimkehr und Gelöbnis“ heißt: „Der Krieg sei tot! Es lebe jedes Streben, / das alle fördert zu erhöhtem Leben!“

In der poetischen Analyse des Krieges, den Bröger nach einer Verwundung nur bis zum Dezember 1914 als Soldat an der Westfront miterleben musste, erweist sich der Autor als national denkender Idealist, gleichzeitig als sozialer Humanist, der den deutschen Soldaten das Recht auf Landesverteidigung nicht abstreitet, jede Form von expansiver Aggression aber kritisiert. Charakterisierungen wie das Heer, „das unserer Hüterfaust gewesen“ sei und mit erhobenem Haupt heimwärts ziehe, können natürlich isoliert missverstanden werden; sie führten auch zum Vorwurf einer „Nähe … zur nationalsozialistischen Weltanschauung“ (Alexander von Bormann). Zurecht hat Dieter Schug darauf hingewiesen, dass „national und sozialistisch die innersten Triebfedern“ von Brögers Wesen waren, „aber doch ganz und gar nicht im Sinne jener Partei, die in ihrem Namen beide Begriffe programmatisch verschmolzen hatte“.

Ein besonderer Bestandteil dieses Buches sind drei Versspiele, das heißt szenische Einakter mit lyrischer Sprechweise, die offensichtlich für den Einsatz bei Laienspielgruppen der Jugendbewegung gedacht waren. In dem „Spiel von Schuld und Sieg“ mit der Überschrift „Kreuzabnahme“ konstruiert Bröger ein Streitgespräch zwischen dem personifizierten Krieg und den von ihm Betroffenen. Mit mephistophelischer Schärfe und dem poetischen Ton der deutschen Klassik erklärt der Krieg, dass er nicht aus dem Nichts komme: „mein Wirken wohnt / im Geiste, in der Waffe nicht“.

Damit unterscheidet sich Bröger von seinen expressionistischen Zeitgenossen wie Trakl, Heym oder Stadler ebenso wie von der Dialektik des kapitalismuskritischen Kriegs-Berichterstatters Bertolt Brecht. Bei Brögers Verszeilen denkt man eher an einen hymnischen Prediger, der ein bisschen Frieden für die Menschheit einfordert. Nicht überraschend ist, dass einige der „Flamme“-Gedichte sogar vertont wurden: der ungarische Komponist Erwin Lendvai machte daraus Liedgut für A-Cappella-Chöre.

Die Krisensituation des Jahres 1920 in Deutschland ist gekennzeichnet durch eine zunehmende Unzufriedenheit mit den auferlegten Bedingungen des Versailler Vertrags, durch den von rechtsorientieren Freikorps versuchten Putsch unter der Führung von Wolfgang Kapp und General von Lüttwitz sowie durch die Gründung einer neuen Partei, der NSDAP, im Münchner Hofbräuhaus. Angesichts dieser Entwicklungen grenzt die Brögersche Naturlyrik mit einer „Hymne an einen Baum“ und einer Beschwörung der magischen Waldlandschaft schon fast an Eskapismus: eines Stadtmensch, der mit vierhebigem Trochäus und Kreuzreim im Tornister von seinem Siedlungshäuschen in Nürnberg-Ziegelstein in die Einsamkeit der Natur wandert.

Erst im letzten Gedicht des Lyrikbandes wird ein Thema angeschlagen, das Karl Bröger - eindeutig zu Unrecht - bis heute den Beinamen „Arbeiterdichter“ einbrachte. Unter dem Titel „Sturz der Fabriken“ illustriert er das Ende des Industriezeitalters: „über eine Nacht / sind die Fabriken der flachen Erde gleich gemacht“. Bröger stammt zwar aus einer armen (und bildungsfernen!) Arbeiterfamilie und schließt sich der Arbeiterpartei SPD und der Gewerkschaftsbewegung an, als Redakteur der Fränkischen Tagespost ist er aber eher der Schicht der Angestellten zuzuordnen, als Schriftsteller ist er weit von dem entfernt, was in den 1960er Jahren wieder als Literatur der Arbeitswelt publiziert wurde und als Bewahrer der elaborierten Verssprache der deutschen Klassik hält er es eher mit dem Postulat von Arno Schmidt, das Volk müsse zur Kunst kommen - nicht umgekehrt.

So liest sich Brögers Gedichtband „Flamme“ als vielschichtiges Zeitdokument, als Denkanstoß zu der Frage nach der (Nicht-)Wirksamkeit von Lyrik und der Missverständlichkeit von künstlerischer Sprache, ein Phänomen, das Theodor W. Adorno nach 1945 als „Jargon der Eigentlichkeit“ kritisiert hat. Das Buch ist derzeit nur antiquarisch zu einem Durchschnittspreis von etwa 10 Euro und natürlich auch in gut sortierten Stadtbibliotheken erhältlich.

Karl Bröger, geboren 1886 in Nürnberg-Wöhrd, veröffentlichte 1910 seine ersten literarischen Arbeiten. Nach mehreren Gelegenheitsjobs wird er ab 1910 Redakteur der Fränkischen Tagespost. Schon 1919 erscheint sein autobiografischer Roman „Der Held im Schatten“. Er ist Mitbegründer des republikanischen Reichbanners Schwarz-Rot-Gold, wo sein Gedicht „Vaterland, ein hohes Licht“ als Hymne der Organisation genutzt wurde (siehe unten). 1933 kandidiert Bröger (SPD) erfolgreich für den Nürnberger Stadtrat, wird aber von Nazi-Schlägern misshandelt und in das KZ Dachau verschleppt. Nach der Freilassung sucht er eine literarische Nische und schreibt vor allem historische Romane. Er stirbt 1944 an Kehlkopfkrebs. Bei der Totenfeier versuchen NS-Funktionäre ihn als Sympathisanten zu reklamieren: im nationalsozialistischen Deutschland habe seine Sehnsucht ihre Erfüllung gefunden. Die Nürnberger Karl-Bröger-Gesellschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Erbe des Schriftstellers zu bewahren, im Karl-Bröger-Haus und mit den Adressen Karl-Bröger-Straße, -Platz und -Tunnel ist sein Name verewigt worden.

 

Karl Brögers Gedicht „Heimkehr und Gelöbnis“ endet mit den folgenden vier Strophen:

Vaterland, ein hohes Licht,

Freiheit glänzt von deiner Stirne.

Von der Marsch zum Alpenfirne

glühen Herzen, wachen Hirne

und die heilige Flamme spricht:

Volk, hab acht!

Brüder wacht!

Eher soll der letzte Mann verderben,

als die Freiheit wieder sterben.

 

Brüder, schwört euch in die Hand:

Morgenrot um alle Berge!

Ausgetilgt der letzte Scherge!

Freies Leben, freie Särge,

freier Sinn im freien Land!

Volk, hab acht!

Brüder, wacht!

Hell die Augen, heller die Gewissen!

Sonst ist bald das edle Band zerrissen.

 

Deutscher Mensch, der nie verdirbt:

Eins die Stämme, eins die Auen!

Deutscher Geist in allen Gauen

soll nach einem Ziele schauen,

dass er nicht in Kleinheit stirbt.

Volk, hab acht!

Brüder, wacht!

Groß aus großem Leid uns zu erheben,

muss nach einem Reiche alles streben.

 

Brüder, lasst uns armverschränkt

Mutig in das Morgen schreiten!

Hinter uns die schwarzen Zeiten,

vor uns helle Sonnenweiten!

Wicht nur, wer die Freiheit kränkt!

Volk, hab acht!

Brüder, wacht!

Deutsche Republik, wir alle schwören:

Letzter Tropfen Blut soll dir gehören!

 



Peter Handke: Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte    ***

Suhrkamp Verlag (Berlin 2020)

ca. 158 Seiten, 20,00 Euro

 

Der Ich-Erzähler hat sich dazu entschlossen, eine „längst fällige Rache zu exekutieren“. Dieser Schlüsselsatz fällt schon auf der ersten Seite und viele Handke-Leser werden nun vermuten, dass diese Geschichte eine Abrechnung wird mit all den Kritikern, die dem Autor Handke den Nobelpreis für Literatur mies gemacht haben. Doch ziemlich weit gefehlt! Peter Handke hat diese kleine Erzählung schon im April/Mai 2019 geschrieben, der Zuerkennung des Nobelpreises wurde erst im Oktober 2019 verkündet. Alle Kaffeesatzleser des Feuilletons können nun trotzdem vorausahnende Eingebungen vermuten und aus den knappen 150 Seiten sogar mit etwas gewagter Textexegese herausfiltern. Denn immerhin: der Ich-Erzähler, hinter dem sich ganz unverstellt die Figur des Autor Peter Handke befindet, will Rache nehmen, Rache an einer Journalistin, die ein einem Zeitungsartikel seine Mutter auf schwerste beleidigt hat, nämlich mit der Behauptung, diese sei eine Nazi-Sympathisanten gewesen. Diese Journalistin steht exemplarisch für „die“ Zeitungen als allein richtige, alles besser wissende, alles deutende, alles beurteilende Medien der Verblendung. Der Sohn Peter Handke hat sich schon in seiner Erzählung „Wunschloses Unglück“ (1972) dieser „seligen, heiligen“ Mutter genähert: „Auf einmal hatte ich in meiner ohnmächtigen Wut (!) das Bedürfnis, etwas über meine Mutter zu schreiben“. So macht er sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln in der Ile de France/Picardie auf den Weg, um die verhasste Person zu erdolchen. Seine Neigung zu trödeln, die Umgebung assoziativ aufzunehmen und Träumereien nachzuhängen, bringt ihn aber vom geraden Weg ab. Mit einem Taxifahrer trällert er Eric-Burdon-Songs, in Port-Royal-des-Champs verliert er sich in die Jugenderinnerungen des Blaise Pascal und in eine Philippika gegen das Gerichtswesen, im Bus mischt er sich in eine multikulturelle Fahrgemeinschaft - und plötzlich wird er vom distanzierten Misanthropen zum Menschenfreund, der seinen ursprünglichen Racheplan revidiert: es genüge doch als Rache, die Übeltäterin einfach zu ignorieren und aus seiner Geschichte zu tilgen! Das ist das zweite, das bessere Schwert! Und damit nimmt die Tagesreise des späten Anton Reiser ein versöhnliches Ende als fromme Legende: am frühen Morgen erblickt er noch das „Gesicht eines Rächers“ im Spiegel, am Abend heißt es dann: „Fröhlich schaute ich mich aus dem Spiegel an“. So durchlebt man als Leser eine bunte Mischung aus schräger Banalität und tiefer Denkschule.

 

https://www.suhrkamp.de/buecher/das_zweite_schwert-peter_handke_42940.html


Albert Camus: Die Pest

deutsche Übertragung von Guido G. Meister

Rowohlt (Hamburg)

ca. 350 Seiten, 12.00 Euro (Tb)

 

Aus aktuellem Anlass wiedergelesen ...  und mehr gedankliche Anregungen bekommen als von so mancher Talkshow zum Thema. Denis Scheck hat in seinem Kanon der 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur dem Roman "Der Fremde" den Vorzug gegeben, nach COVID 19 sähe die Entscheidung vielleicht anders aus. Dummerweise wollte Camus mit "Die Pest" gar keine einfache Seuchen-Chronik schreiben, das Geschehen in der algerischen Stadt Oran, das sich - wahrscheinlich ab April 1944 - über etwa zehn Monte hinzieht, hat eher allegorischen bzw. parabelhaften Charakter. Camus erläuterte in einem Tagebuch-Notat: "Ich wollte mit der Pest das Ersticken ausdrücken, an dem wir alle gelitten haben, und die Atmosphäre der Bedrohung und des Verbanntseins, in der wir gelebt haben." Also reflektiert der 1947 erschienene Roman die Zeit der Besetzung Frankreichs durch die Nationalsozialisten und die Haltungen zwischen Resistance und Kollaboration. Dieser singuläre Bezug wird aber zwei Zeilen später relativiert: "Ich will zugleich die Deutung auf das Dasein überhaupt ausdehnen."

Es geht um die zentrale Frage: wie verhalten sich geschlossene Gesellschaften und darin besonders exemplarische Individuen angesichts einer existenziellen Bedrohung? Die Stadt Oran, eine französische Präfektur an der Küste, wird nach dem Ausbruch der Pestseuche komplett abgeriegelt und ist damit ein gut überschaubares Objekt für soziologische Feldforschung. Es ereignen sich zeitlose Phänomene: Bagatellisierung und Verschweigen, Fatalismus und Solidarität, Hoffnung und Apathie, illegale Ausbruchsversuche und verantwortungsvolle Regeln zur Eindämmung. Die Bewohner leben (und sterben) mit einem Gefühl der Trennung und der Entindividualisierung.

Sechs Hauptpersonen dienen der Veranschaulichung des grundsätzlichen Diskurses: Raymond Rambert sieht zunächst als liberaler Hedonist ein Menschenrecht der Flucht, stellt sich dann aber doch der sozialen Verantwortung; Jean Tarrou ist von Anfang an ein Organisator der sozialen Hilfstruppen, wird aber am Ende zynischerweise zum letzten Opfer der Pest; der Verbrecher Cottard ist kalter Nutznießer der Katastrophensituation, nachdem sein Selbstmordversuch gerade noch rechtzeitig vereitelt wurde - ohne den Notstand der Pest gerät er aber wieder in eine Sinnkrise; Joseph Grand ist ein kleiner Rathaus-Angestellter, der eigentlich einen Roman schreiben will, aber schon an der Formulierung des ersten Satzes verzweifelt; Castel ist der erfahrene, alte Arzt, der mit einem Impfstoff erste Erfolge feiert; Pater Paneloux ist der Verkünder des strafenden Gottes, revidiert aber sein alttestamentarisches Weltbild, als er dem grausamen Sterben eines Jungen beiwohnt, zumindest teilweise. Im Mittelpunkt steht der Chronist Dr. Bernard Rieux, dessen Worte ohne Zweifel von der existenzialistischen Philosophie des Autors Camus diktiert sind. Er stellt sich als gelernter Agnostiker der Absurdität des menschlichen Daseins und darf am Ende drei Lehren formulieren: die Menschen können keine Heiligen sein, sich aber dennoch bemühen, wenigstens pflichtbewusste Ärzte zu sein; bei derartigen Heimsuchungen könne man erkennen, dass es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt; schließlich müsse man akzeptieren, dass der (allegorische) Pestbazillus nie ausstirbt - zur immerwährenden Belehrung der Menschen. Einer solchen Analyse der conditio humana hätten und haben Brecht oder Sartre nicht zustimmen können, denn es muss doch irgendwann mal einen richtig guten Schluss geben?

 

https://www.rowohlt.de/taschenbuch/albert-camus-die-pest.html


Literatur zur Endzeitstimmung



Menschen, die in diesen Tagen kontaktlos durch menschenleere Straßen streifen oder die weltweiten Infektionszahlen der Johns Hopkins Universität am Live-Ticker abonniert haben, könnten in eine gewisse Endzeitstimmung verfallen. Auf dem Feld der fiktionalen Erzäh­lung sind einige AutorInnen diesen Schritt schon gegangen und haben sich in den letzten 70 Jahren gefragt: Was passiert, wenn nach der Apokalypse nur noch eine(r) übrig bleibt? Wie verhält sich der Mensch, der ja als soziales Wesen definiert ist, wenn er feststellt, der letzte/der einzige zu sein?

Überwiegend sind es Männer, die als letzte Menschen porträtiert werden; in zwei Fällen handelt es sich um antropophobe Einzelgänger, die sich für intellektuell überlegen halten und für die die neue Situation gar keine echte existenzielle Herausforderung darstellt. Der Ich-Erzähler in Arno Schmidts „Schwarze Spiegel“ (1951) sagt sogar lakonisch: „ach es war doch gut, daß Alle weg waren“. Bei Guido Morselli („Dissipatio humani generis“, 1977) begegnen wir einem eremitisch lebenden Selbstmord-Kandidaten, dem die Einsamkeit einen neuen Spiel-Raum in der leeren Stadt (Zürich) bietet. Für den 40jährigen Lo­renz (in Jürgen Domians „Der Tag, an dem die Sonne verschwand“ - 2008) und für den etwa gleichaltri­gen Jonas (in Thomas Glavinic‘ „Die Arbeit der Nacht“ - 2006) bedeutet die un-menschliche Situation jedoch eine soziale Katastrophe, ein Herausreißen aus gewohnten Zusammenhängen und Beziehungen. Sie reagie­ren darauf mit quälerischen Selbstreflexionen und eher ziellosen Erkundungs-Touren (Ist da noch je­mand?). Demgegenüber wirkt Anton L. (in Herbert Rosendorfers „Großes Solo für Anton“ - 1976) eher wie das narrative Kunstprodukt eines satirischen Erzählers. Die einzige Autorin in dieser thematischen Reihe beschreibt auch die einzige Frau als letzten Menschen: Marlen Haushofer mit „Die Wand“ (1963) - eindrucksvoll verfilmt mit Martina Gedeck in der Hauptrolle. Etwas aus dem Rahmen der hier vorgestellten Prosawerke fällt Carl Amerys Fantasy(?)-Roman „Der Untergang der Stadt Passau“ (1975). Nach einer Seuche, die höchstens einer von 50 000 Menschen überlebt hat, gibt es noch regional isolierte Perso­nengruppen, die später miteinander in Kontakt treten und um die rich­tige Strategie einer neuen Welt ringen. Damit liegt Amery am nächsten an der gegenwärtigen Situation.

Über die Hintergründe der Katastrophe gibt es zwar vereinzelte Reflexionen, doch niemals wird eine stichhaltige Erklärung mitgeliefert. Bei Arno Schmidt könnte ein Atomkrieg die Ursache sein, bei Carl Amery ist es eine Seuche als Folge der spätindustriellen Lebensweise, bei Jürgen Domian eine Klimaka­tastrophe. Die gläserne Wand, die sich bei Marlen Haushofer um die Protagonistin schließt, versteht sich ohnehin nur als symbolisches Konstrukt. Die Zerstörung auf der anderen Seite der Wand wurde als Folge einer Neutronenbombe gedeutet.

In drei Romanen bleiben die letzten Menschen trotz intensiver Suche allein und steuern auf den eigenen Tod oder auf ein offenes Ende hin. Anders bei Arno Schmidt und Jürgen Domian: dort treffen die Isolier­ten jeweils auf einen zweiten Menschen, der allerdings bald wieder verschwindet. Marlen Haushofers Ich-Erzählerin stößt am Ende des Romans auf einen Mann, den sie aber erschießt, weil er mit dem Beil auf ihren Stier losgegangen ist. Eine weitere Fortpflanzung der verbliebenen Menschheit wird damit unmöglich - für die Hauptperson ist nun das Alleinsein ein selbstbestimmter Akt, nur Tiere bleiben als Bezugsobjekte.

Diese Beobachtung verweist fast zwingend auf ein Phänomen, das diesen Werken gemeinsam ist: nicht die Apokalypse ist das eigentliche Thema sondern das Individuum, das sich auch heute schon als Einzelkämpfer in der Welt des Kapitalismus und Materialismus verstehen kann.

Wer nervlich stabil ausgestattet ist, dem sei als Lektüre empfohlen: Carl Amery für Öko-Utopisten; Jürgen Domian für konventionelle Leser; Thomas Glavinic für „moderne“ Menschen; Marlen Haushofer für sensible (weibliche?) Natur-Liebhaber; Guido Morselli für an sich selbst zweifelnde Philosophen; Arno Schmidt für selbstsichere Zyniker. Dazu darf man gespannt sein, wann der erste Virus-Endzeit-Roman auf den Markt kommt.

Arno Schmidt: Schwarze Spiegel. Suhrkamp, 154 Seiten, 7,00 Euro

     Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht. dtv, 400 Seiten, 10,90 Euro

          Herbert Rosendorfer: Großes Solo für Anton. Langen-Müller, 320 Seiten, 15,00 Euro

                Marlen Haushofer: Die Wand. Ullstein/List, 288 Seiten, 10,00 Euro

                      Carl Amery: Der Untergang der Stadt Passau. SüdOst Verlag, 112 Seiten, 12,90 Euro

                                                                                                            Guido Morselli und Jürgen Domian sind nur noch antiquarisch erhältlich




Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen   ****

Ullstein Buchverlag (Berlin 2018)

320 Seiten, 12,00 € (Tb)

 

Der Roman beginnt mit einer hoffnungsvollen, ja fast idyllischen Szene: die Familie Zschornack steht im Jahr 2000 in dem fiktiven sächsischen Ort Neschwitz an der Baugrube ihres eigenen Hauses, in das sie demnächst einziehen werden. Eine bundesdeutsche Normalfamilie mit dem Vater (Elektriker), der Mutter (Krankenschwester) und den beiden Söhne Söhnen Tobi (5) und Philipp (etwa 8). Der Roman endet fünfzehn Jahre später als Chronik eines Zusammenbruchs: der Vater hat sich von der Familie getrennt und lebt mit einer ehemaligen Freundin zusammen, Philipp (jetzt etwa 23) hat sich in eine eigene Wohnung zurückgezogen, verdient sein eigenes Geld, will sein eigenes Leben führen, Mutter musste wieder in eine kleine Wohnung umziehen und lebt dort mit Tobi (20), der sich mit dem Leitsatz „mich nervt die ganze Scheiße hier“ rechtsradikalen Kreisen angeschlossen hat.

In drei Kapiteln, die der Autor „Bücher“ nennt, wird ein düsterer Aspekt der jüngsten deutschen Sozialgeschichte nachgezeichnet. Schon im ersten Buch (2000 - 2004) verdüstert sich bald das Bild: unweit vom Bauplatz modert ein 1990 stillgelegtes Schamottewerk vor sich hin, der Vater und einige Bekannte mussten mit den Folgen der wirtschaftlichen Umwandlung zurechtkommen: Arbeitslosigkeit, Umschulung, finanzielle Unsicherheiten. Philipp zeigt seinem kleinen Bruder ein Bild aus einem Buch, das im weiteren Verlauf des Roman hohen Symbolwert bekommt: ein Vulkan mit den Farben rot und schwarz. Irgendetwas brodelt im Untergrund und droht zum Ausbruch zu kommen. Ein Jahr später findet gleichzeitig mit Tobis Einschulung die Einzugsfeier in das neue Haus statt: „Tobi stellte sich mit seiner Zuckertüte im Garten vor die niedrige Hecke. Auf das blasse, frische Gras. Grinste in die Fotoapparate … Er sagte kein Wort, drehte sich und lächelte, wie es seine Verwandten wünschten“. Erinnert das nicht ungemein an Ingeborg Bachmanns Beobachtung des amerikanischen Piloten, der 1945 die Bombe auf Hiroshima abwarf: „Erst vor kurzem sah ich ihn / Im Garten seines Hauses vor der Stadt. / Die Hecken waren noch jung und die Rosenbüsche zierlich. / Das wächst nicht so schnell, dass sich einer verbergen könnte / Im Wald des Vergessens. Gut zu sehen war / Das nackte Vorstadthaus, die junge Frau / Die neben ihm stand im Blumenkleid / Das kleine Mädchen an ihrer Hand / Der Knabe, der auf seinem Rücken saß /Und über seinem Kopf die Peitsche schwang. / Sehr gut erkennbar war er selbst / Vierbeinig auf dem Grasplatz, das Gesicht / Verzerrt von Lachen, weil der Photograph / Hinter der Hecke stand, das Auge der Welt.“ (Ingeborg Bachmann: Hiroshima, 1951)

Für die beiden Jungs beginnt eine Geschichte der Verstörung, ausgelöst durch Erlebnisse in der Schule, durch Weltnachrichten und durch andere Einflüsse von außen. Als Philipp mit seiner Klasse im Kunstunterricht ein Garagentor bemalen darf, entscheidet er sich für das Motiv eines Feuerbergs, er „nahm den Pinsel, als ballte er eine Faust“. Der Lehrerin und den Mitschülern scheint das nicht so recht zu gefallen und sein Bild wird später übermalt. Tobi sieht im Fernsehen die Ereignisse des 11. September 2001 und fragt sich „Ist das Krieg?“ Ein ehemaliger Kollege des Vaters wird tot aufgefunden, er ist mit dem Auto in einen Teich beim Steinbruch gestürzt. Mit den Großeltern fahren die beiden Jungs nach Hoyerswerda, sie sehen dort verbrannte Fassaden, niemand erklärt ihnen die Ursache dieser Beschädigungen. Von Zehntklässlern hört Philipp das Wort „Jude“, er schreibt es unbedarft auf seinen Heftumschlag, wenig später wird auf einem Felsen im Pausenhof der Schule eine Hakenkreuz-Schmiererei entdeckt - wohl von ehemaligen Schülern angebracht. Die Weihnachtsfeier bei den Großeltern löst bei Tobi erste Aggressionen aus: die von ihm im Hort selbst gebastelten Tannenzapfen mit Wackelaugen will er kaputt machen, weil er plötzlich findet, dass sie ein blödes Geschenk sind: „dann trat er dem ersten Zapfen ins Gesicht. Es knackte unter Gummisohle der Hausschuhe. Das übrig gebliebene Auge rollte weg“.

Diese Stationen einer problematischen Sozialisation setzen sich auch im zweiten Buch fort, das die Jahre 2004 - 2006 umfasst. Beide Jungen entwickeln Kontakte zu Freunden, die sie in bestimmte Richtungen beeinflussen. Philipp ist manchmal mit Ramon zusammen, der auf die „Scheiß-EU“ schimpft, der die Bevölkerungsgruppe der Sorben als undeutsch („Sorbenschweine“) bezeichnet. Sie treffen sich in Omas Gartenlaube auch mit dem älteren Menzel, einem glatzköpfigen Rechtsradikalen, kaufen sich Waffen, werfen Silvesterböller auf Bonzenautos und deponieren vor der Haustür einer türkischen Familie Schweine-Schlachtreste.

Ein Zeitsprung von sieben Jahren leitet über in das dritte Buch (2013 - 2015). Jetzt steht vor allem die Radikalisierung von Tobi im Vordergrund. Er sieht seine Gegend als „untergegangene, traurige Scheiße“, erlebt entsetzt, dass der Garten der Großeltern, nachdem der Großvater an einem Schlaganfall gestorben ist, an eine syrische Familie abgegeben wird, und inszeniert mit seinen Freunden bei Volksfesten Schlägereien mit „Assis und Kanaken“. All das mündet schließlich in den titelgebenden Satz: Er wolle „auf alles einschlagen, richtig rein mit der Faust, bis alles blutet“. Angelehnt an seinen Lehrmeister Menzel, der die These aufstellt, „dieses ganze System ist im Arsch“, bewegt er sich bald in einem rechtsradikalen Netzwerk von Heimatschutz, Bürgerwehr und Fußball-Hooligans. Der Roman endet mit einer direkten Aktion: als das mittlerweile leer stehende Schulhaus, in dem Philipp und Tobias ihre Schulzeit verbracht hatten, in eine Asylantenunterkunft umgewandelt werden soll, klettern Tobi und seine Kumpane nachts in das Gebäude und konstruieren einen massiven Wasserschaden. Das war also „seine Schule, sein Ort, sein beschissenes Leben“.

Es geht im Kern um vier Formen von Gewalt: symbolische Gewalt, verbale Gewalt, physische Gewalt gegen Sachen und gegen Lebewesen. Als Heinrich Böll 1976 seine Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ schrieb, wählte er den Untertitel „Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“. Darin beschreibt er, wie unverhältnismäßiges Eingreifen der staatlichen Organe und die Hetze des Boulevard-Journalismus in der Zeit des RAF-Terrorismus eine junge Frau dazu treiben, den Journalisten Werner Tötges zu erschießen. Ein ähnliches Anliegen hat Lukas Rietzschel mit seinem Debütroman. Er will zeigen, wie die Umstände in den Neuen Bundesländern (aber natürlich nicht nur dort!) dazu beitragen, dass junge Menschen für verbale Gewalt empfänglich sind, die dann in Fremdenfeindlichkeit, Rechtsradikalismus und physische Gewalt umschlagen kann. Manche Kommentatoren sahen in dem Roman einen höchst aktuellen Kommentar zu den Vorgängen in Chemnitz, was aber insofern falsch ist, als Rietzschel sein Manuskript bereits 2016 fertiggestellt hat. Vielmehr ist der Roman stark beeinflusst von den Vorgängen in ostdeutschen Städten und Ortschaften (erst Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, später zum Beispiel Heidenau und Freital), wo sich ausländerfeindlichen Gruppierungen lautstark zu Wort meldeten und gewaltbereite Netzwerke entstanden. Die Menschen fühlen sich umstellt von Sorben, Polen, Tschechen, Vietnamesen und Asylbewerbern aus arabischen und afrikanischen Ländern, sie reklamieren, dass die Lösung ihrer sozialen Frage Vorrang haben müsse vor der Humanität gegenüber „Fremden“. Diese Empfindung mündet in eine Protesthaltung gegenüber der fernen Berliner Regierung, in eine oftmals irrationale Wutbürgerschaft und in abenteuerliche Verschwörungstheorien. Rietzschels Roman beleuchtet aber auch andere Facetten dieser Problematik: wie eine Lokalreportage der abgehängten Provinz schildert er die Perspektivlosigkeit mancher Regionen, dazu zeigt er auch, wie die Brüchigkeit familiärer Strukturen auf heranwachsende Jugendliche wirkt.

 

https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/mit-der-faust-in-die-welt-schlagen-9783548061030.html

https://lukasrietzschel.de/


Tonio Schachinger: Nicht wie ihr    ****

Kremayr & Scheriau (Wien 2019)

302 Seiten, 22,90 Euro

 

Der Doppelpass zwischen Literatur und Fußball ist bislang selten erfolgreich gespielt worden. Nick Hornby landete mit „Fever Pitch“, dem Tagebuch eines Fans von Arsenal London, einen Bestseller, Ror Wolf sammelte in „Das nächste Spiel ist immer das schwerste“ die Sprach-Floskeln dieser Sportart, Michel Decar schrieb ein witziges Monodrama über „Philipp Lahm“ und Nobelpreisträger Peter Handke bewies mit seinem „Gedicht“ über die „Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968“ und seinem Romantitel „Die Angst des Torwarts vor dem Elfmeter“ dass er zu diesem Massensport lediglich eine textkritische Affinität hat.

Doch nun wagt sich mit dem 27jährigen Tonio Schachinger ein junges österreichisches Nachwuchstalent auf das Spielfeld, bringt bei einem kleinen österreichischen Verlag den Roman „Nicht wie ihr“ heraus und schafft es auf Anhieb in die Shortlist des renommierten Deutschen Buchpreises 2019, also praktisch auf die Plätze 2 - 6 der deutschsprachi­gen Literatur-Bundesliga - mit der Be­rech­tigung zur Teilnahme an der BCL (Book Champions League)?

In 48 fesselnden Kapiteln erzählt Schachinger die Geschichte des (ebenfalls 27jährigen) Fußballstars Ivo Trifunović, einem Österreicher mit bosnischen Vorfahren, erfolgreich in der Premier League beim FC Everton und in der österreichischen Nationalmannschaft, einer sehr realen Kunstfigur, die aus etwa 75% Mark Arnautović, 15% Franc Ribery und 10% Jerome Boateng besteht. Der geniale Kniff ist dabei die doppelte Erzählperspektive: zum einen spricht und denkt Ivo in der distanzierten Er-Form über sich selbst, über einen Proleten, „der sich nur für Autos und Silikontitten interessiert“ und der doch gerne ein treusorgender, glücklicher Familienvater für seine attraktive Frau Jessy und die beiden kleinen Kinder wäre. Zum anderen mischt sich immer wieder der Autor als Zweit-Beobachter ein, hebt damit das Reflexionsniveau und liefert schöne Breitseiten gegen den Sportjournalismus (fade „Schreibtisch-Cowboys“), gegen die Funktionärs-Clique und gegen die verlogenen Mythen dieses Sports: „Um gut zu werden muss man den Fußball nicht lieben, man muss ihn aushalten“.

Bei der Lektüre fühlt man sich manchmal an den Satz von Ludwig Harig erinnert: „Das, was im Leben passiert, ist so wie am Samstag beim Spiel“. Kapitalismus, Aggression, empathiefreies Macho-Gehabe, Ausländerfeindlichkeit, Rassismus - all das spiegelt sich im Profifußball (oder umgekehrt?). Zwei Ereignisse bringen dann aber Ivo von seiner Ich-denke-nur-von-Spiel-zu-Spiel-Routine ab: als Mirna, sein zweimaliger One-Night-Stand, die Beziehungs-Kündigung cool hinnimmt und ihn nur als „Scheiß-Narzissten“ bezeichnet und als der Everton-Präsident Vincent Khan nach einem Spiel mit dem Hubschrauber abstürzt, in dem beinahe Trifunovićs Frau und Tochter mitgeflogen wären. Doch ein romantisches Happy End wäre für diesen Roman zu billig: Ivos Buch-Karriere endet mit einem Wechsel zu AS Rom und einem Spiel gegen Genua, bei dem er viele Chancen vergibt und sogar die Rote Karte bekommt.

Auch ohne Videobeweis kann festgestellt werden: ein höchst lesenswerter Einblick in die Welt des Profifußballs, der in allen Mannschaftsbussen als Audio-Datei für die stylischen Kopfhörer der Spieler präsent sein sollte.

 

https://www.kremayr-scheriau.at/bucher-e-books/titel/nicht-wie-ihr/


Arno Geiger: Unter der Drachenwand    ****

Hanser Verlag (München 2018)

ca. 480 Seiten, 26,00 Euro

 

Wer schon einmal ein paar Tage im Salzkammergut verbracht hat, konnte vielleicht die ambivalente Ausstrahlung der Drachenwand aktuell erspüren. Denn einerseits ist dieser Felsbrocken ein bedrohlicher Riese, der jeden Moment in den Mondsee zu fallen droht, andererseits aber auch ein massiver Schutzwall für jene liebliche und beliebte Ferienregion. Arno Geiger nutzt diese spektakuläre Ambiente als symbolisches Bühnenbild für seinen Roman, der mit eindrucksvollen erzählerischen Mitteln zeigen will, wie die Hauptperson, der 23jährige Veit Kolbe, vom Zweiten Weltkrieg gezeichnet ist, gleichzeitig aber den Weg in eine erfüllte Beziehung findet.

An der russischen Front hat er Ende 1943 eine Verwundung erlitten, er landet erst im Lazarett im Saarland, dann kommt er nach Hause, nach Wien. Weil aber die österreichische Hauptstadt und auch sein Vater vom Krieg gezeichnet sind, entschließt er sich zu einem Genesungsaufenthalt bei seinem Onkel Johann in Mondsee. Dort bekämpft er im strengen Winter 43/44 seine Wundschmerzen und Angstanfälle mit Pervitin, findet aber schließlich dank der Beziehung zu einer Margot aus Darmstadt, die mit ihrer Tochter Lilo dorthin geflohen ist, zur Ruhe: „ruhig wird man erst, wenn man geworden ist, wer man sein soll“. Also: eine Liebe in den Zeiten des Weltkriegs - aber ohne jeden Anflug von Kitsch dargeboten, bemerkenswert distanziert und manchmal auch gebrochen. So freundet sich Veit Kolbe mit einem „Brasilianer“ an, der neben seiner kargen Wohnung in einer Gärtnerei arbeitet, aber eigentlich nicht mehr in einem Land leben will, das wie „ein auf Grund gelaufenes Sklavenschiff“ wirkt, in dem „jeder zweite ein Mörder ist“. Dabei wird Kolbe selber zum Mörder, der seinen Onkel erschießt, als dieser den Brasilianer wegen regimekritischem Verhaltens verhaften will. Er lernt auch Grete Bildstein, die Lehrerin eines Mädchenlagers kennen und die dorthin verschickte junge Nanni, die sich in ihren Cousin Kurt verliebt und später bei einer gewagten Tour in der Drachenwand ums Leben kommt.

Dreimal erlaubt sich Arno Geiger eine Pause für Veits Tagebuch, das heißt einen perspektivischen Exkurs: mit den Briefen der Mutter von Margot aus Darmstadt, mit den Briefen von Kurt an seine geliebte Nanni und mit den Berichten des Wiener Juden Oscar Meyer über das tragische Schicksal seiner Familie. Diese Wechsel des Erzählens, der Handlungsebenen und Schauplätze fügen sich zu einem ergreifenden Kaleidoskop des Jahres 1944. Am besten charakterisiert Veit Kolbe sein eigenes Schreiben: „es sind schon ereignisreichere Geschichten von der Liebe erzählt worden und doch bestehe ich darauf, dass meine … eine der schönsten ist.“ Deshalb kann man auch verkraften, dass Geiger mit seinen häufig eingeschobenen Schrägstrichen eine etwas manierierte Rhythmisierung des Textes vornimmt.

Der Roman endet - fast wie im Kino - mit einem quasi-dokumentarischen Nachspann, der vom weiteren Schicksal der Personen berichtet und die Frage aufwirft: Gab es Veit Kolbe und die anderen wirklich?

 

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/unter-der-drachenwand/978-3-446-25812-9/


Christiane Neudecker: Der Gott der Stadt     ****

Luchterhand (München 2019)

ca. 663 Seiten, 24,00 €

 

Nach der kleinen und wenig spektakulären "Sommernovelle" legt die in Nürnberg aufgewachsene Christiane Neudecker nun ihren zweiten autobiographisch eingefärbten Roman vor, der sich dank der Erzählfreude der Autorin zu einem opus magnum ausgewachsen hat. Beruhte die "Sommernovelle" auf den Erfahrungen der 16jährigen Schülerin bei einem Vogelschutz-Projekt auf Sylt, so ist der "Gott der Stadt" das literarische Extrakt der 21jährigen Regie-Studentin bei der renommierten Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch im Berlin der Nachwendezeit.

Unter dem Alias-Namen der Ich-Erzählerin Katharina Nachtrab (die ihren Nachnamen unbedingt als Nacht-rab betont sehen möchte) beschreibt Neudecker den Regie-Jahrgang 1995 - bestehend aus fünf StudentInnen -, dem der Professor Korbinian Brandner ein ambitioniertes Projekt zur Aufgabe stellt: aus dem Faust-Fragment des Dichters Georg Heym, das gerade mal drei höchst verrätselte Seiten umfasst, soll eine szenische Umsetzung gestaltet werden, die dann am 84. Todestag (Heym starb am 16. Januar 1912 beim Schlittschuhlaufen auf der Havel) öffentlich aufgeführt wird. Damit begeben sich nun allerdings alle Beteiligten wirklich auf dünnes Eis, denn die Heym-Recherche entwickelt sich zu einer Gratwanderung zwischen Leben und Tod, zu einem faustischen Experiment der Annäherung an den Teufel, zu einer problematischen Auseinandersetzung mit dem ambivalenten Genie Georg Heym und zu einem Macht- und Beziehungsspiel mit tödlichem Ausgang. Durch die düstere Fiktion scheinen immer wieder reale Versatzstücke durch, auch wenn die Hochschule im Roman den Namen "Erwin Piscator" trägt. Professor Brandner hat unübersehbare Züge des bekannten Regisseurs Manfred Karge, der übrigens 2012 das Faust-Fragment tatsächlich in Berlin zur Aufführung brachte. Und bei einer heftigen Studentenparty gibt es auch einen kurzen (anonymen) Auftritt von Lars Eidinger, der damals zusammen mit Fritzi Haberlandt, Nina Hoss, Devid Striesow und Mark Waschke eine legendäre Schauspieler-Klasse bildete.

Christiane Neudecker erweist sich als Meisterin einer magischen Erzählweise mit der Fähigkeit zu hochdramatischen Zuspitzungen und existenziellen Momentaufnahmen. Es gibt jedoch ein paar Passagen, in denen die inflationäre Zurschaustellung von Gemütszuständen der Ich-Erzählerin gekünstelt wirkt, wo eben dann sehr erwartbar das Herz "bis zum Hals" schlägt, wo die Augen zu tränen beginnen, die Brust brennt, die Luft fast wegbleibt, die Kehle trocken wird und die Knie zittern. Da fürchtet man als Leser kurzzeitig, sich in das Abenteuerbuch "Fünf Freunde und die Suche nach (Achtung Kalauer!) Georgs Geheymnis" verirrt zu haben. Zum Glück pendelt das Geschehen immer wieder in die spannende Realität des Jahres 1995 zurück, zu der besonderen Atmosphäre der von Ost-West-Spannungen geschüttelten Hauptstadt Berlin, zu den Machstrukturen einer elitären Theaterschule (20 Jahre vor der #MeToo-Debatte) und zu den unappetitlichen Leichen im Keller der DDR-Vergangenheit.

Wer das bunte Theaterleben luftig und schön ironisch miterleben will, ist mit Joachim Meyerhoffs "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" besser bedient. Wer aber den Blick auf die Abgründe der Zunft richten will, erhält von Christiane Neudecker einen fesselnden Einführungskurs.

 

https://www.randomhouse.de/Buch/Der-Gott-der-Stadt/Christiane-Neudecker/Luchterhand-Literaturverlag/e526117.rhd


Jörg-Uwe Albig: Zornfried     ****

Klett-Cotta (Stuttgart 2019)

ca. 155 Seiten, 20,00 €

 

Die echte Burg Rothenfels liegt idyllisch zwischen Lohr und Marktheidenfeld oberhalb des Mains. Sie beherbergt ein christliches Bildungshaus mit umfangreichem Programmangebot. Die fiktive Burg Zornfried versteckt sich unweit davon im dichten Spessartwald und ist der Schauplatz des neuen Romans von Jörg-Uwe Albig.

Der dubiose Freiherr Hartmut von Schierling, ein aristokratisch orientierter Ideologe mit mittlerem Sayn-Wittgenstein-Faktor, hat die historische Liegenschaft erworben und dort einen Kultur-Treffpunkt für die Neue Rechte etabliert. Innerhalb der trutzigen Mauern tummelt sich eine jugendliche Wehrsportgruppe, deren Mannen mit gelbem „W“ auf schwarzen T-Shirts herumlaufen. Vor allem aber lebt in einem Burggemach der Dichter Storm Linné, der eine völkisch denkende Tafelrunde regelmäßig zu Lesungen im „Saal des Willens“ empfängt. Der scheue Lyriker wird als „Meister“ verehrt, die Zuhörer hängen an seinen Lippen, wenn er fünfhebige Jamben wie diese vorträgt: „Wo ist das volk das sich noch retten könnte / Vor welt zerjochender gefangenschaft / Die garstger moloch über kontinente / Aus dollarn spannt und schwarzem zucker-saft“. Seine Bücher tragen Titel wie „Eiserne Ernte“ oder „Grenze und Gebot“, die Figur erinnert unweigerlich an NS-Lyriker wie Heinrich Anacker, fast noch mehr an National-Konservative wie Stefan George oder Erich Jünger.

In diesen eingeschworenen Kultur-Kreis dringt Jan Brock, freier Mitarbeiter des Feuilletons der Frankfurter Nachrichten ein, nach einem Verriss des Linné-Gedichtbandes hat er überraschenderweise eine Einladung von Schierling bekommen. Dieser erklärt ihm zunächst einmal bei einem Waldspaziergang seine krude darwinistische Naturkunde: starke Buchen seien die Alternative zum „kommunistischen Fichtenstaat“. Als die Antifa Aschaffenburg zur Demo gegen die rechten Burgherren („Nazis raus aus unseren Wäldern!“) antritt, verliert Reporter Brock etwas die politische Orientierung und findet sich Sekt trinkend im Kreise der Schierling-Familie auf dem Bergfried. Der kurzweilige und höchst aktuelle Roman endet damit, dass Brock mitten im Wald die kultisch aufgebahrte Leiche des Dichters findet. Der letzte Eintrag in dessen Notizbuch lautet: „So werd ich still. Und geb der zunge ruhe / Und schon des zahns der manche beute riss / Und reich die lippe frei dem kuss der norne / Und wende stolz den hals zu ihrem biss.“

 

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Zornfried/101072


Thomas Klupp: Paradiso  ****

Berlin Verlag (München/ Berlin 2009)

ca. 193 Seiten, 10,00 € (Tb)

 

Thomas Klupp: Wie ich fälschte, log und Gutes tat   ****

Berlin Verlag (München/Berlin 2018)

ca. 250 Seiten, 20,00 €

 

Die Geschichte des deutschsprachigen Schelmenromans bekommt nach Simplicissimus, Felix Krull und Oskar Matzerath mit den beiden Prosawerken von Thomas Klupp zwei interessante neue Protagonisten. Der etwa 25jährige Alex Böhm und der knapp 16jährige Benedikt Jäger stehen in dieser Tradition exemplarisch für den postmodernen Schelm des 21. Jahrhunderts. Sie verkörpern den Typus des (ewigen) Jugendlichen, der sich als gleichzeitiger Antiheld und Anti-Antiheld von verschiedenen gesellschaftlichen Strömungen treiben lässt, Beziehungen mit dem Diktat der relativen Unverbindlichkeit gestaltet, eine konsequente Konse­quenz­losigkeit an den Tag legt und sich mit den Parolen „anything goes“ und „Let it be“ irgendwie durchwurstelt.

Klupps Debütroman „Paradiso“ schildert etwa 24 Stunden im Leben des Alex Böhm (= der Erzähler), der in Potsdam das Schreiben von Filmdrehbüchern studiert und zu seiner Freundin Johanna nach München will, um mit ihr einen Portugal-Urlaub anzutreten. Allerdings hat Johanna sein Auto zu Schrott gefahren, deshalb muss er die Strecke Potsdam - München als Tramper bewältigen. Daraus ergibt sich ein originelles Stationen-Drama mit ungewöhnlichen Begegnungen. Er sitzt in einem Audi TT, einem Kühltransporter, einem bunt bemalten Kastenwagen, einem Taxi, dem Auto seine Mutter und dem Auto eines älteren Mannes. Er trifft auf den alten Bekannten Konrad, auf den LKW-Fahrer Roland, die Kunststudentin Patrizia, auf alte Bekannte, wie auch auf seine Ex Leni. Er besucht eine Erothek auf einem Autohof, es verschlägt ihn in seine Heimatstadt Weiden, wo er dann spontan eine Party am Baggersee aufsucht, er sucht Hilfe in einem Gotteshaus nahe München und landet schließlich gerade noch rechtzeitig am Flughafen München-Erding. Irgendwann erkennt er, dass der „Verlauf dieses Tages wie eine Art Zeichen oder wie ein Schicksal ist“, dass er also diesem Sich-Treiben-Lassen ein Ende setzen sollte: „Vielleicht werde ich jetzt ein besserer Mensch“. Doch am Ende lässt sich das Über-Ich des Drehbuchschreiber und versteckten Autors nicht leugnen: „Ich meine, es ist besser, Geschichten komplett zu erfinden, als mit Halbwahrheiten hausieren zu gehen“.

Schon im Titel seines zweiten Romans kündigt Thomas die Fortsetzung dieser Leitmotivik an. Diesmal ist die Hauptperson (und der Erzähler) der knapp 16 jährige Benedikt Jäger, der in tagebuchartiger Form über gut drei Monate (13. September - 23. Dezember) Bericht erstattet. Er ist Schüler am Kepler-Gymnasium Weiden und durchlebt die typischen Situationen eines Coming-Of-Age-Schicksals. Sportliche Erfolge mit der Schultennismannschaft, heftige Notenprobleme in den naturwissenschaftlichen Fächern, Beziehungs-Krisen mit Marietta und Margarete sowie ambivalente Erfahrungen mit Drogen und Anti-Drogen-Kampagnen. Zur Absicherung seiner schulischen Existenz startet er eine atemberaubende Fälscher-Karriere, die ihn am Schluss sogar zu einem Einbruch beim Physiklehrer Dr. Scharnagl treibt. Zur finalen Suizid-Konsequenz eines Schülers Gerber (Friedrich Torberg) versteht er sich freilich nicht. Heimliches Vorbild seiner Sein-Schein-Problematik ist die lebenslustige Mutter, eine begnadete Lügnerin und Eindruck-Schinderin. Recht gespalten ist auch sein Blick auf die Heimatstadt Weiden: einerseits „eine super Stadt“, andererseits, ein provinzielles „Trugbild“. Man kann gar nicht anders, als diesen „Dschägga“ irgendwie sympathisch zu finden und sich von seinen Ausführungen, die in einem Mix aus Jugendsprache und Sprache des Verfassers angelegt sind (erinnernd an Bov Bjergs „Auerhaus“), einfangen zu lassen. Er hat natürlich nicht die dramatische Weltsicht eines Törleß oder eines Moritz Stiefel, ist näher an der Nonchalance eines Holden Caulfield und damit ein authentischer Repräsentant unserer eher banalen Gegenwart.


Michal Hvorecky: Troll     ***

Stuttgart 2018 (Klett-Cotta/Tropen)

216 Seiten, 18,00€

 

Wer sagt uns zuverlässig, wie viele Menschen bei Donald Trumps Inauguration anwesend wa­ren, wer das niederländische Flugzeug über der Ukraine abgeschossen hat und ob der Klima­wandel menschengemacht ist? Von der neuen Wahrheits-Produktion im Internet erzählt Michal Hvoreckys höchst aktueller Roman „Troll“.

Das waren noch Zeiten, als vor etwa 40 Jahren Jürgen Habermas seine Idealvorstellung von der rationalen Kommunikation und vom „herrschaftsfreien Diskurs“ proklamierte - mit dem Glauben an die Überlegenheit des besseren Arguments und an das Motiv der kooperativen Wahrheitssuche. In der Frühzeit des Internets hofften noch viele, dass die Diskursnormen des Frankfurter Philosophen (prinzipielle Gleichheit der Teilnehmer, prinzipielle Problematisierbarkeit aller Themen) zum Durchbruch kommen müssten. Doch mit der Allge­genwart des WorldWideWeb ist die Konkurrenz zwischen Wahrheit und Manipulation eher ins Gegenteil umgeschlagen. „Fake News“ könnte das Unwort des 21. Jahrhunderts werden, und unter einem Troll versteht man kaum mehr ein dämonisches Wesen der nordischen Mythologie sondern eher einen Teilnehmer der Online-Community, der mit gezielt regelwidrigen Kommentaren „alternative“ Formen der Wahrheit verbreitet und unliebsame Gesell­schaftsgruppen diskri­mi­niert.

„Troll“ heißt auch der neue Roman des Slowaken Michal Hvorecky, der eine beängstigende Science-Fiction-Dystopie in Osteuropa präsentiert, die unverkennbar in der Tradition von George Orwells „1984“ und Jewgeni Samjatins „Wir“ steht, aber mit dem Zeitpunkt der Veröffentli­chung fast schon Realität geworden ist.

Im Mittelpunkt stehen der jugendliche Ich-Erzähler und die 22jährige Johanna, die sich im Kran­kenhaus von Kukislava kennenlernen - er wegen Masern, sie wegen Drogensucht („Fettwanst und Junkie“). Draußen tobt ein „Informationskrieg“, die Politik wird immer absurder und Tau­sende von Trollen überfluten die sozialen Netzwerke. Die beiden fassen einen Plan: „Wir wollen trollen, sogar besser als die anderen“; sie wollen also das System von innen her demaskieren. Sie lassen sich von einem gewissen Valys engagieren, der Internet-PR für das „Reich“ (unschwer als Putins Russland zu erkennen) macht und erklärt, man suche innovative Wege um mit dem Westen zu konkurrieren. Die beiden tauchen ohne ethische Hemmschwellen in die Troll-Fabrik ein, gründen unzählige fik­tive Profile und verbreiten in den passenden Chat-Foren abenteuerliche Sichtweisen der Reali­tät. Bilder werden manipuliert, erlogene Beweise von selbsternannten Experten werden gepos­tet, missliebige Personen werden gezielt attackiert.

Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere wagt Johanna den Ausstieg und wird zur gefährlichen Netz-Opponentin. Sie startet eine Anti-Troll-Bewegung mit der Parole „Die Freiheit, die ihr geschenkt bekommen habt, missbraucht ihr zur Verbreitung gefährlicher Lügen!“ Der Ich-Erzähler, der sich erst nach einer umfassenden kos­metischen Operation wieder an die Öffentlichkeit traut, schließt sich Johanna an, was zu einem überraschenden Happy End führt: die beiden gründen die Organisation „BlockFake“, die das alte kritische Denken wieder neu entwickeln will.

Michal Hvorecky, der zu den kritischen Intellektuellen der Slowakei gehört, weiß, wovon er spricht. Sein Freund, der Journalist Jan Kuciak wurde im Februar 2018 umgebracht, weil er mas­sive Korruption und mafiöse Strukturen aufgedeckt hatte. Aufgrund von Bürgerprotesten musste in diesem Zusammenhang Ministerpräsident Robert Fico zurücktreten, der Hvorecky einen „Krawallmacher“ und „Unruhestifter‘“ genannt hatte. Der Roman hat seine Stär­ken, wenn er die Nähe zur realistischen Reportage sucht, die teilweise arg konstruierten Hand­lungs-Sprünge und die dem Sensations-Journalismus nahe Sprache trüben etwas die Lese­freude.

 

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Troll/96747


Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie     *****

Zürich 2016 (Diogenes Verlag)

645 Seiten; 25,00 € (geb.)

 

Wilhelm Meister, die Hauptperson des Goetheschen Ur-Bildungsromans formulierte während seiner Lehrjahre: „Mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend an mein Wunsch und meine Absicht“.

Ganz anders hört sich die Zielsetzung bei dem erst 16jährigen Wunderkind William James Sidis an: „Ich möchte das perfekte Leben führen“. Dazu entwirft er im jugendlichen Alter einen Lebensplan mit 154 Paragraphen, bei dem § 1 lautet, er wolle sein Leben in den Dienst des Wissens stellen. Dem Autor Klaus Cäsar Zehrer haben wir es zu verdanken, dass er die Lebensgeschichte dieses vergessenen „Genies“ (1898 in New York geboren, 1944 in Boston gestorben) - und seines Vaters - genau recherchiert und in eine unterhaltsame, gleichzeitig sehr nachdenkens­werte literarische Form gefasst und damit weit mehr als eine schlichte Doppelbiographie geschrieben hat.

Der Roman startet zunächst mit dem Vater Boris Sidis, der 1886 im Alter von 18 Jahren aus der Ukraine nach New York auswandert, sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlägt, dann aber nach Boston - für ihn das intellektuelle Zentrum der Neuen Welt - zieht, weil er dort in den großen öffentlichen Bibliotheken das findet, wonach er lechzt: Bildung! Bildung ist für ihn der Schlüssel zur Befreiung der Menschen: „Wenn die Tyrannei wirklich ein Ende haben und das Volk sich selbst regieren soll, dann muss es erst einmal dazu befähigt werden“. Wissenschaftlich setzt er den Schwerpunkt im Bereich der Psychologie, arbeitet bei dem renommierten Harvard-Professor William James und erforscht die Methoden der Suggestion und der Hypnose, um damit auf die verborgene Energien des Gehirns zuzugreifen. Als 1898 seine Frau Sarah einen Sohn zur Welt bringt, ist dieser das ideale Versuchsobjekt für seine Erziehungsmethode: „der Mensch besitzt kein höheres Recht und keine höhere Pflicht als sich zur Perfektion herauszubilden“.

Der kleine Billy wird systematisch zum Wunderkind getrimmt, überspringt locker alle Schulklassen, darf im Alter von acht Jahren an die High School und ist dort der jüngste Absolvent in der amerikanischen Geschichte. Mit 16 Jahren darfbeginnt er in einer Spezialklasse das Studium an der Harvard-Universität und hält bald einen viel beachteten Vortrag vor Mathe-Professoren über die vierte Dimension des Raumes. Doch fast unaufhaltsam wandelt sich die Erfolgsgeschichte in eine bizarre Tragödie, William wird zum lonesome loser, hart an der Grenze des Wahnsinns. Er glaubt sogar, Wissenschaftler seien letzlich eine „Gefahr für die Menschheit“ und der Sinn des Lebens bestehe womöglich nur darin, mit der Straßenbahn über die Williamsburg Bridge zu fahren: „man muss sich zurückziehen und möglichst wenig mit anderen Menschen zu tun haben“. Gleichzeitig erkennt er, dass es auch so etwas wie Liebe gibt, eine soziale Kompetenz, die ihm von den Eltern nicht vermittelt wurde. Der späte diesbezügliche Feldversuch mit Martha Foley geht gründlich in die Binsen. Das letzte Vermittlungsangebot seines Studienkollegen Norbert Wiener scheitert ebenfalls: dieser will ihm verdeutlichen, dass „Kompromisse zum Leben gehören“. William Sidis entgegnet: „Ich bin der einzige Normale. Das merkt nur keiner, weil die Welt verrückt ist“.

Und so endet die Geschichte des „Aprilnarren“ William James Sidis mit einem sinnlosen Rechtsstreit und einem tödlichen Hirnschlag, also eher wie die von Hans Giebenrath aus Hermann Hesses Roman „Unterm Rad“ (1906), über den sein Vater bei der Beerdigung sagt: „Er ist so begabt gewesen, und alles ist ja auch gutgegangen, Schule, Examen - und dann auf einmal ein Unglück übers andere!“

Die Lektüre des „Genies“ sei allen denen empfohlen, die Lust haben, über das Leben und seine Dilemmata, über Erziehung und Psychologie nachzudenken.

 

http://www.diogenes.ch/leser/titel/klaus-caesar-zehrer/das-genie-9783257608243.html


Jonas Lüscher: Kraft (Roman, 2017)     *****

München 2017 (C. H. Beck Verlag)

235 Seiten, 19,95 € (geb.)

 

Richard heißt zwar mit Nachnamen Kraft, doch dieselbe hat den Mittfünfziger offensichtlich verlassen. Er steht zutiefst verunsichert vor einem privaten und beruflichen Scherbenhaufen. Mit einem letzten Kraft-Akt will der von Selbstzweifeln geplagte Philosophie-Professor noch einmal die Millionen-Frage nach dem Grund für Optimismus in der heutigen Zeit beantworten, aber dann entscheidet er sich lieber für einen spektakulären Showdown.

Jonas Lüscher, der es 2013 mit seiner intelligenten Novelle über die Abgründe des Finanzkapitalismus („Frühling der Barbaren“) in die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte, legt nun den ersten Roman vor, eine brillante, analytische Satire über den transatlantischen Wissenschaftsbetrieb und über die Dilemmata des intellektuellen Neoliberalismus. Richard Kraft blickt aus dem Heute auf eine seit den 1980er Jahren geschmeidig verlaufende Universitätskarriere: zuerst profiliert sich der Berliner VWL-Student als Reaganomics-Fan und Lambsdorff-Liberaler, zuletzt wird er als Nachfolger von Walter Jens auf den Lehrstuhl für Rhetorik in Tübingen berufen. Aber auch drei gescheiterte Beziehungen (Ruth, Johanna und Heike), die ihn finanziell ruiniert haben, stehen zu Buche. Der Denker-Wettbewerb an der Stanford University, den ein visionärer Unternehmer aus dem Silicon Valley mit einem Preisgeld von einer Million Dollar ausgestattet hat, motiviert ihn zu einer letzten intellektuellen Anstrengung. Es soll der Satz „Alles was ist, ist gut, und warum können wir es dennoch verbessern“ philosophisch in einem 18-Minuten-Vortrag begründet werden. Mit analogem Copy & Paste (= Papier, Tesafilm und Schere) schustert sich Kraft in der kalifornischen Uni-Bibliothek ein gedankliches Konstrukt zusammen, von dem er am Ende sagt: „was für eine ausgedachte Hühnerkacke“. Damit wird er endgültig zum „Habe-nun-ach …“-Faust des 21. Jahrhunderts, der vergeblich nach einer irgendwie stimmigen Lebens-Konstruktion sucht; wie dieser greift er letztlich zu der tödlichen „Befreiung“ - nur läuten zu seiner Rettung keine Osterglocken!

Lüschers kühne Satzbau-Konstruktionen, seine bildreiche Sprache, die zusammengetragenen Lesefrüchte (von Isaiah Berlin über Odo Marquard bis zu Joseph Vogl) sowie die authentische Erfahrung einer abgebrochenen Dissertation entfalten einen gewaltigen erzählerischen Sog, der die Leichtigkeit eines Joseph von Westfalen mit der Zeitkritik eines Hanns-Josef Ortheil verbindet. Wenn der Gesellschafts-Beobachter Jonas Lüscher einmal selbstironisch seinen Protagonisten Kraft als „Schwafler“ charakterisiert, ist viel über den Zustand der gegenwärtigen postfaktischen Kommunikationsstrukturen gesagt. Vielleicht schafft es Lüscher ja mit diesem vollständig gelungenen Roman-Wurf in die Shortlist 2017! Und wenn nicht, hat er dafür zumindest den Dr. h.c. verdient!

 

http://www.chbeck.de/Luescher-Kraft/productview.aspx?product=17627187


Bov Bjerg: Auerhaus (Roman 2015)    ****

Berlin 2015 (Blumenbar / Aufbau Verlag)

236 S., 18,00 € (geb.)

 

Das ist die Geschichte einer überraschenden Erfolgsgeschichte. Nachdem Bov Bjerg (merkwürdiges Pseudonym - eigentlich heißt er Rolf Böttcher) mit seinem Roman-Erstling „Deadline“ (2011) bestenfalls den 7. Platz in der Arno-Schmidt-Epigonen-Hitparade erreicht hat, startet er mit Auerhaus voll durch, wird von allen (!) Mitwirkenden des Literarischen ZDF-Quartetts hoch gelobt und etabliert sich über mehrere Wochen in der SPIEGEL-Bestsellerliste. Und dieser Erfolg ist verdient, denn Bjerg legt hier einen eindrucksvollen, knappen, nie bemüht wirkenden Text vor, der vollkommen klischeefrei das Leben von sechs ca. 18jährigen Jugendlichen (vier davon stehen kurz vor dem Abitur) in der schwäbischen Provinz nahe Stuttgart in den frühen 1980er Jahren erzählt. Das Sextett findet sich teilweise zufällig zu einer sehr lebendigen WG in einem alten Bauernhaus zusammen, das als „Auerhaus“ bezeichnet wird, nachdem der Nachbar den Song der Gruppe Madness („Our House“), der häufig und laut auf dem Kassettenrecorder läuft, so eingedeutscht hat. Jeder trägt seine Probleme mit sich herum: am schlimmsten steht es um Frieder, der einen Selbstmordversuch hinter sich hat und mit dem „normalen“ Leben nur schwer zurechtkommt; der Ich-Erzähler hat Ärger mit dem Freund seiner Mutter, will sich nicht recht auf die Schule konzentrieren und sucht nach Fluchtmöglichkeiten vor der Bundeswehr (West-Berlin?); Pauline kommt als notorische Brandstifterin aus der Nervenheilanstalt und findet bezeichnenderweise einen Platz im Heuboden des Auerhauses; Harry ist ein Drogendealer und Bahnhofs-Stricher, der vom eigenen Vater nach seinem Coming Out verprügelt wurde; dazu ziehen noch Vera und Cäcilia ein, die teilweise für Beziehungs-Verwirrungen sorgen bzw. doch wieder auf die bürgerliche Karriere-Schiene abspringen. Für alle aber ist das Auerhaus ein knappes Jahr lang ein Ort der Geborgenheit, der Selbstbestimmung, der neuen Freiheit - leider mit der absehbaren Zukunft, dass dieses Leben nur eine glückliche Momentaufnahme sein wird. „Wir hatten immer so getan, also ob das Leben im Auerhaus schon unser richtiges Leben wäre, also ewig“ (S. 214). Nach mehreren Konflikten mit der Polizei steuert der Roman zielsicher auf ein Unhappy End zu. Bjerg lässt die ganze Geschichte seiner Ich-Person erzählen, diese bedient sich einer unprätentiösen, lakonischen Jugendsprache, die jedoch niemals aufgesetzt oder bemüht wirkt. Somit lesen sich die 236 Seiten einfach gut. Egal.

 

http://www.bjerg.de/

http://www.auerhaus.de/


Thomas Kapielski: Je dickens, destojewski! Ein Volumenroman (2014) *****

 

Im politischen Leben der BRD gilt immer noch die Parole, dass die CSU die Lufthoheit über den deutschen Stammtischen für sich re­klamiert. Das Bild vom Stammtisch ergibt sich hier als eine An­sammlung von Menschen mit recht(s) reaktionärem, einfach struk­turiertem Gedankengut und der Vorliebe für Schwarz-Weiß-Male­rei. In eine ganz andere Welt entführt uns nun Thomas Kapielski mit seinem Roman, der im Wesentlichen an zwei ähnlich struktu­rierten Stammtischen in Berlin-Spandau und in Bamberg statt­findet. Dort treffen sich aber „weise und liebenswerte Leute, mit denen es lohnt zu reden“, Menschen beiderlei Geschlechts, die trotz heftigem Alkoholkonsum in intellek­tuelle (Un-)Tiefen vorstoßen, Originale, Nörgler, Lebenskünstler und gebildete Sonderlinge. Der Autor wirbt für dieses Milieu: „die verlorensten Welten verbürgen uns aufragendste Modernität“. Aus diesem Personal gewinnt Kapielski 455 Seiten für seinen „Volumenroman“, der - wie so oft - von Liebe und Tod handelt und sein Volumen aus der „Gleichzei­tigkeit von Liebes- und Krimi­nalroman“, vor allem jedoch aus der Freude am gepflegten Nonsens und am fein ziselierten Sprachspiel nimmt. In 294 „Kapiteln“ konferiert die Hauptperson Ernst L. Wuboldt (das L. steht für Leerstelle!) wechselweise im Span­dauer „Büttelmann“ und im Bamberger „Fässla-(ß)-Spezial“ mit einer Kernmannschaft sitzfester Ge­wohnheitstrinkerInnen. Daneben kommentiert er noch seine amourösen Abenteuer mit Spindel und Murmel und der ihm urplötzlich zugewiesenen Ehefrau Bucker samt ihrer zwei Kinder. Kapielskis stilvolle, dem 19. Jahrhundert verpflichtete Er­zählweise (Jean Paul und E.T.A. Hoff­mann lassen grüßen) bedient sich der Traditionen des Schelmenromans, schreckt aber auch nicht vor modernen Inhalten, Grobianismen und Abkanzeleien zurück, die stark an Eckhard Hen­scheid, Arno Schmidt, Thomas Bernhard oder Frank Schulz erinnern. Das liebevolle Spiel mit der Sprache wird noch durch eine putzige Vermi­schung der Erzählebenen - quasi als reflektierende Meta-Schiene - ergänzt, denn die Hauptfigur muss die Launen eines „Pohlen“, der eigentlichen „Schreibkraft“, ertragen, der ihm willkürlich in seine Lebenssituation hinein­pfuscht. Aus diesem „prekären Duett“ entstehen kunstvolle Reflexionen und innere Brüche, die dem höchst unter­haltsamen Roman Kultstatus bescheren werden. Wer also seinem edition-suhrkamp-Bücherre­gal eine ganz neue Farbe hinzufügen will, ist mit Kapielskis launigem Werk bestens bedient!

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Herzlichen Dank für ... Ihre erbaulichen Worte!                                          Ihr TK


Jonas Lüscher: Der Frühling der Barbaren (Novelle, 2013) ****

 

Große Ereignisse werfen literarische Schatten. Die deutsche Wieder­vereinigung 1989/90 produzierte mehrere Wenderomane, vor allem solche, die den Übergang von einem Staatssozialismus zu einer kapi­talistischen Demokratie thematisierten. Reaktionen auf die große Finanz- und Bankenkrise sind dagegen noch rar. Einen der ersten Ver­suche unternimmt nun Jonas Lüscher mit seiner originell komponier­ten Novelle, deren Titel sich aus einer Definition des Wirtschaftswis­senschaftlers Franz Borkenau ableitet: Barbarei ist "ein Zustand, in dem viele Werte der Hochkultur vorhanden sind, aber ohne die ge­sellschaftlichen und moralische Kohärenz, die eine Vorbedingung für das rationale Funktionieren einer Kultur ist." Mit anderen Worten: der schrankenlose Finanzkapitalismus zerstört den Zusammenhalt der Gesellschaft. Dies exem­plifiziert Lüscher an einem exotischen Setting, einer kleinen Geschichte "voller unglaublicher Wendungen", die der vornamenlose Preising (Erbe einer weltweit erfolgreichen Firma für Mo­bilfunkantennen) einem Freund (= "Ich") erzählt. Bei einer Erholungsreise zu einem Geschäfts­partner nach Tunesien hält er sich in einem luxuriösen Wüsten-Hotel auf. Auf der Fahrt dorthin erlebt er gleichzeitig einen "natürlichen" Unfall (Zusammenstoß eines Reisebusses mit einer Kamelherde) und die Meldung vom Zusammenbruch zweier englischer Großbanken. In dem Hotel trifft er dann auf eine große englische Hochzeitsgesellschaft - überwiegend junge Londo­ner BankerInnen. Am Tag nach der rauschenden Hochzeit kommt die erneute Meldung vom Zusammenbruch des englischen Bankensystems und dem Staatsbankrott. Die Jung-Banker verfallen nun in alkoholisierte Apathie und veranstalten eine "barbarische" Blut- und Brand-Katastrophe. Preising erfährt auf dem Flucht-Rückweg, dass in Tunis seine Produkte durch Kin­derarbeit gefertigt werden. Zurück in der - ach so zivilisierten - Schweiz zieht er das ernüchterte Fazit, dass sich wohl auch aus dieser Geschichte nichts lernen lässt. Lüscher ist ein differenzier­ter Erzähler, der mit ungewöhnlicher Symbolsprache einen kleinen Fokus auf die brüchige Fas­sade unserer schuldenfinanzierten und damit gar nicht so nachhaltigen Zivilisation wirft.


Frank Schulz: Morbus fonticuli oder: die Sehnsucht des Laien (Roman 2001) ****

 

Mit der Hauptperson Bodo Morten ist es Frank Schulz im Rahmen seiner Hagener Trilogie gelungen, eine Kultfigur zu schaffen. Von den drei Romanen, die knapp fünfzig Jahre eines Lebens darstellen, ist "Morbus fonticuli" sicherlich der schillerndste und abgefahrenste (neben "Kolks blonde Bräute", 1991 und "Das Ouzo-Orakel", 2006).

Darin erzählt der hypochondrische, stets gut durchalkoholisierte Bodo in Rückblenden von seiner Jugend in einem Kaff zwischen Hamburg und Hannover und als Abschluss von seiner Flucht in dieses Kaff, nachdem er das Leben und die anstrengende Dreier-Beziehung mit der lieben Anita und der sexsüchtigen Bärbel nicht mehr aushält. Die Freunde finden ihn aber nach etwa zehn Tagen, er geht in eine Psycho-Klinik und schreibt sein Schlusswort aus Griechenland (gleichzeitig Auftakt und Schauplatz für den dritten Roman).

Dazwischen ist Bodo ewiger Student (Germanistik?), Mitarbeiter bei einem Hamburgischen Anzeigenblatt ("Elbe-Echo") und teilweise arbeitslos. Gleichzeitig ist er penibler Journal- (= Tagebuch-) Schreiber, der sogar für jede Zeitperiode die Menge an Zigaretten und Alkohol auflistet. Bodo präsentiert sich also als klassischer Schelm, der sein ausschweifendes Sex, Drugs & Rock’n‘Roll-Leben immer mit der leisen Selbstkritik des verhinderten Intellektuellen betrachtet.

Frank Schulz hat sich dabei - keineswegs epigonal - an einige Vorbilder angelehnt. So erinnern die kauzigen Kiez-Figuren an Texte des frühen Udo Lindenberg und an Romane von Hubert Fichte. Bei Olli "Ditsche" Dittrich kann man ähnliche leer laufende Kneipen-Dialoge oder-Monologe finden. Von Sven Regener hat Schulz die Laber-Lust und die Liebe zu Außenseiter-Typen adaptiert. Der unvergessene Charles Bukowski war natürlich früher mal der beste Kenner des Trinker- und Raucher-Milieus. Große Parallelen finden sich zu Eckhard Henscheids "Trilogie des laufenden Schwachsinns", wo ein ähnlich ironischer Blick auf die Absurditäten des Alltags geworfen wird. Und unverkennbar schimmert die bildungsgesättigte sowie wortmächtige Sprache eines Arno Schmidt immer wieder durch die Zeilen (letzterer hätte allerdings nie ein Lexikon der verwendeten Fremd- und Fachwörter angefügt!). Auf jeden Fall ist das Schulzsche Opus magnus ein Gesamtkunstwerk, das spätestens nach 100 Seiten den Leser eingesaugt hat und nicht mehr loslässt.