LESE.PROTOKOLL


***** hervorragend   **** lesenswert   *** Licht und Schatten

** nur bedingtes Vergnügen   * überflüssig


Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten (Roman 2017)     ****

Ullstein, Berlin 2017

285 Seiten, 20,00 €

 

Daniel Kehlmann hat es vorgemacht: mit seiner fiktiven Doppelbiografie des Mathematikers Carl Friedrich Gauß und des Naturforschers Alexander von Humboldt („Die Vermessung der Welt“) landete er 2005 einen veritablen Bestseller. Nun versucht Ilona Jerger - rechtzeitig vor Karl Marx‘ 200. Geburtstag am 5. Mai 2018 - dieses Erfolgsrezept zu kopieren.

Dazu konstruiert sie im London des Jahres 1881 eine (in Wahrheit nie stattgefundene) Begegnung zwischen Charles Darwin und Karl Marx, bei der die beiden Wissenschaftler, nach denen jeweils ein Ismus benannt wurde, ihre Weltsichten austauschen. Katalysator für dieses Aufeinandertreffen ist der erdachte Hausarzt Dr. Beckett, der die beiden älteren Herren wegen ihrer Gebrechen häufig aufsucht. Er glaubt nämlich, dass der Naturwissenschaftler Darwin und der Gesellschaftswissenschaftler Marx mehr gemeinsam haben als weitläufig vermutet wird: während Darwin mit seiner Theorie der Evolution den Glauben an das Paradies im Jenseits gebrochen hat, strebt Marx auf dem Weg der Revolution nach dem Paradies auf Erden.

Das Abendessen beim Ehepaar Darwin in Down House droht aber aus dem Ruder zu laufen, weil Gattin Emma (geborene Wedgwood) den deutschen Exilanten beim Tischgespräch provoziert: „Sie sind also derjenige, der auf der Flucht vor den Preußen bei uns in England Unterschlupf gefunden hat und zum Dank unsere Arbeiter zum Widerstand gegen die Fabriken aufhetzt?“ Zur Abkühlung und zur Verdauung verziehen sich Darwin und Marx in den Garten, wo sie zwar ihre gegensätzlichen Positionen (Darwin zeigt sich als aufgeklärter Frühliberaler, der den Wert des Wettbewerbs in der Gesellschaft betont), aber auch ihre gegenseitige Wertschätzung als Wissenschaftler (Darwin sagt zu seinem Gast: „Ich glaube, dass Ihre große Zeit noch kommen wird“) bekunden. Zwei Jahre später sind beide tot und Friedrich Engels erklärt am Friedhof Highgate: „Wie Darwin das Entwicklungsgesetz der organischen Natur, so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte“.

Ilona Jergers Abkehr vom Sachbuch erweist sich als unterhaltsame Mischung aus biografischen Momentaufnahmen und der fiktiven Begegnung, die aber nur 30 Seiten des Romans ausmacht. Manchmal driftet die Geschichte dank des Arztes Beckett sehr ins Pathologische, sodass die beiden Hauptpersonen wie die grummelnden alten Herren Waldorf und Statler in der Muppet-Show erscheinen. Als Ergänzung zu den beiden Biografien von Jürgen Neffe („Marx. Der Unvollendete“ und „Darwin. Das Abenteuer des Lebens“) ist Jergers leichtfüßige Story jedenfalls eine zum Weiterdenken anregende Lektüre, die es dann tatsächlich bis auf Platz 30 der SPIEGEL-Bestsellerliste geschafft hat.

 

https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/und-marx-stand-still-in-darwins-garten-9783550081897.html


Georg M. Oswald: Alle, die du liebst (Roman 2017)    ***

Piper, München/Berlin 2017

208 Seiten, 18,00 €

 

Es ist die alte Geschichte vom geschäftlichen Erfolg, der mit privaten Katastrophen erkauft wird, von der glänzenden Karriere und dem gleichzeitigen Zerfall der Familie, vom starken Mann, der plötzlich den Scherbenhaufen seines bisherigen Lebens betrachtet.

Dies erzählt Georg M. Oswald am Beispiel und aus der Perspektive des Münchner Steuer-Anwalts Hartmut Wilke, der sich von seiner Frau getrennt hat, nun eine junge Freundin namens Ines an seiner Seite hat, dafür aber den Kontakt zu seinen drei erwachsenen Kindern praktisch verloren hat. Zudem laufen noch staatsanwaltliche Ermittlungen gegen seine Kanzlei (wegen Geldwäsche oder Steuerhinterziehung?). Also der richtige Moment für eine Auszeit, für eine Reise nach Kenia, wo der Sohn Erik auf Kiani Island eine Strandbar betreibt.

Doch die Flucht ins Resort bringt nur neue Probleme: Wilke sieht sich mit einer politisch instabilen Gegend konfrontiert, in der Begriffe wie Rechtsstaat oder Reisefreiheit Fremdwörter sind. Ein klischeehaft korrupter Polizeigeneral, ein dubioser deutscher Steuerflüchtling, der als Immobilienhändler agiert, und ein somalischer Warlord machen aus dem geplanten Liebes-Refugium und der erhofften Vater-Sohn-Aussprache eine dramatische Notlage, die nur durch viel Schmiergeld bereinigt werden kann.

Oswalds Roman kippt somit vom Genre des Patriarchen-Dramas zum politisch-kulturellen Thriller, der in seiner Vagheit und seiner schwarz-weißen Culture-Clash-Atmosphäre doch etwas vordergründig erscheint. Kurz vor Schluss ist Wilke zwar wieder zu Hause, jedoch aller Beziehungen verlustig und damit „auf ganzer Linie gescheitert“. Doch plötzlich kommt per E-Mail eine Einladung von Sohn Erik: er soll einfach Hausmeister in dem afrikanischen Ferienresort auf der Insel werden. Und wenige Seiten später bricht die postmaterialistische Idylle durch: „Auf eine merkwürdige Art bin ich glücklich.“ Diese finale Botschaft ist in Zeiten von Panama- und Paradise-Papers denn doch etwas schräg!

 

https://www.piper.de/buecher/alle-die-du-liebst-isbn-978-3-492-05752-3


John von Düffel: Klassenbuch (Roman 2017)     ***

DuMont Buchverlag, Köln 2017

317 Seiten, 22,00 €

 

Ein Klassenbuch ist im Schulalltag eine Art Verwaltungsprotokoll des Unterrichts: Der Lehrer trägt ein, welche SchülerInnen fehlen, welcher Stoff in den einzelnen Fächern unterrichtet wird. Ganz anders in dem neuen Roman von John von Düffel, dem Dramaturgen am Deutschen Theater Berlin: in seinem Roman erzählen neun SchülerInnen aus einem Deutschkurs der 11. Jahrgangsstufe in der Ich-Perspektive über ihre sehr unterschiedlichen Befindlichkeiten - für jeden ist je ein Kapitel in Teil I und in Teil II reserviert. So entsteht ein differenziertes Stimmungsbild der heutigen Generation der 17- bis 18jährigen ohne den Anspruch auf Repräsentativität.

Verbindende Klammer der Einzelschicksale ist die Deutschlehrerin Frau Höppner, die mit dem Kurs offensichtlich gerade LaFontaines Fabel von der Grille und der Ameise bespricht. Doch das Gleichnis über die Funktion des Künstlers und des Arbeiters hat recht wenig mit der teilweise dramatischen Lebenssituation der einzelnen Erzählpersonen zu tun. Stanko, ein Bosnien-Flüchtling lebt in einer Fantasy-Traumwelt, Li Park ein koreanisches Waisenkind bewirbt sich mit einer Hausarbeit über den Belcanto-Stil für den Studiengang Gesang/Musiktheater, Emily schreibt eine Philippika gegen die Catering-Firma, die das Schulkantinen-Essen liefert, Beatrice geht nach einem Suizidversuch zum ersten Mal wieder in die Schule, Lennarts Gedanken kreisen nur um Computerspiele, die er trotzdem als „Langeweile-Industrie“ durchschaut hat und Annika sammelt tote Tiere, die sie dann im Dachgeschoss der Schule in Pappkartons zur Leichenschau ausstellt.

Es ist also ein reichlich schräges Ensemble, das nur eine Empfindung gemeinsam hat: die Problematik des Umgangs mit einer Welt zwischen virtueller Manipulation und Beziehungslosigkeit. Jene Problematik erfasst auch zunehmend den Leser, denn er muss ständig zwischen Realität und Andeutung differenzieren: Ist die Deutschlehrerin wirklich krebskrank? Hat Emily wirklich einen Burn-Out? Ist Li Park wirklich schwanger - und von wem? Hat Beatrice mit dem Satz, sie wisse, warum sie sterben wolle, endgültig ihr Ende (zusammen mit dem Abfackeln der Schule) vorbereitet?

Im zweiten Teil kreisen die Berichte immer mehr um Internet-Anonymitäten, um Fake-Porno-Videos, um das Hacken von Smartphones und sogar um künstliche Intelligenz als Zukunftsvision. Damit hat von Düffel zwar geschafft, sich vom Klischee des tradierten Schul- und Adoleszenzromans zu befreien, ob er aber ein nachvollziehbares und halbwegs stimmiges Bild zeichnet, bleibt höchst fraglich. Dann hat doch der Torbergsche Schüler Gerber oder der Wedekindsche Moritz - obwohl etwa 100 Jahre alt und fern vom digitalen Umfeld - im Kern mehr über das Thema der „Klassen“-Gesellschaft zu sagen.

 

http://www.dumont-buchverlag.de/buch/von-dueffel-klassenbuch-9783832198343/


Jörg-Uwe Albig: Eine Liebe in der Steppe (Novelle, 2017)      **

Klett-Cotta, Stuttgart 2017

175 Seiten, 20,00 €

 

Der Titel verleitet zu einer Reihe von Assoziationen: Handelt es sich um ein Remake eines alten Alexandra-Schlagers? Oder um eine Fortschreibung der ZDF-Kitsch-Serie von Rosamunde Pilcher, die nun mal in der Puszta spielt? Weit gefehlt: Bei Jörg-Uwe Albigs neuer Novelle geht es um das fast entvölkerte Gebiet eines sächsischen Braunkohlereviers nahe der erfundenen Stadt Zinnroda, und mit der Liebe ist die ungewöhnliche Beziehung des dortigen Museumsmitarbeiters Gregor Steinitz zu einer kleinen Kirche in diesem Niemandsland gemeint.

Wenn man nach dem Phänomen der Objektophilie oder der Objektsexualität googelt, erhält man als Definition die „sexuelle Anziehung von Menschen zu unbelebten Objekten“, bzw. die „pathologischen Sucht, bestimmte Dinge sammeln zu müssen“. Für Gregor wird jene Kapelle St. Maria Magdalena zur geliebten „Madeleine“, der er sich - nachdem er die Beziehung zur Museumspädagogin Judith praktisch abbricht - immer intensiver nähert und die er gegen Konkurrenten eifersüchtig verteidigt. Im glaubenslosen Ostdeutschland scheint dieses Gebäude für ihn eine letzte Bastion des Heiligen zu sein. Logischer Widersacher könnte der Pfarrer Dornkamp sein, der dort zweimal im Monat einen Gottesdienst vor spärlichem Publikum feiert, dann aber versetzt wird. Härter ist die Auseinandersetzung mit einer Gruppe schwarz gekleideter Germanenkult-Aktivisten und Freya-Jünger, gegen die Gregor das Gebäude mit aller Macht beschützt, dabei aber vom Vordach stürzt und ins Krankenhaus eingeliefert werden muss. Aus der Ferne erfährt er schließlich, dass die Kirche erst zur Flüchtlingsunterkunft werden sollte, dann aber als Dokumentationsstelle der DDR-Plattenarchitektur umgebaut wird. Der einzige Körperteil, den er nach seinem Sturz noch bewegen kann, ist die Zunge, die er nun als hilflosen Protest gegen eine kaputte Umwelt herausstreckt.

Ob die „schrullige Perversion“ der Hauptperson als Spannungsbogen von 175 Seiten trägt, darf bezweifelt werden; auch die Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises, der Albig ein Kapitel vorlas, konnte sich für den Text nicht erwärmen.

 

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Eine_Liebe_in_der_Steppe/80003


Alina Bronsky: Und du kommst auch drin vor (Roman 2017)        ****

München 2017 (dtv)

192 Seiten, 16,95 €

 

Traum oder Alptraum für einen Leser: er blättert in einem Jugendbuch und stellt fest, dass darin genau sein Leben erzählt wird. So ergeht es jedenfalls der zunächst ziemlich lesefaulen 14jährigen Kim, die nach einer Schullesung der Autorin Leah Eriksson - in Wahrheit heißt sie ganz bieder Tina Müller - entsetzt feststellt: „Was diese L. E. da nuschelte, handelte von mir!“

Mit einem Balanceakt zwischen Fiktion und Realität konstruiert Alina Bronsky, die mit „Scherbenpark“ und „Baba Dunjas letzte Liebe“ bereits zwei große literarische Erfolge verzeichnen konnte, eine nachdenkliche Geschichte für Jugendliche. Denn Kim macht sich nun mit recht gemischten Gefühlen an die Fortsetzung der Lektüre des Romans und erfährt damit, wie ihr Leben weitergehen wird („Ich wollte das nicht wissen“). Ihr Vater, der nicht mehr zu Hause wohnt, hat eine Farbige als Freundin, die von ihm ein Kind erwartet. Ihr Freund wird demnächst nach einem Bienenstich an seiner Allergie sterben. Wie kann man zumindest Letzteres verhindern? Mit ihrer Freundin Petrowna nimmt Kim den Kontakt zur Schriftstellerin auf („Ich habe ein Problem mit ihrem Buch“) und verlangt von ihr, sie möge doch den Schluss des Romans umschreiben. Die Autorin verweigert dies natürlich und weist darauf hin, dass sie nur einen typischen Teenager erfunden habe, mit dem sich viele identifizieren können. Der fast schon verzweifelten Kim gibt sie einen treffenden Tipp: „Du willst nicht, dass das im Buch deine Geschichte ist? Dann leb eine andere“. Mit einigen Mühen gelingt es Kim schließlich, sich aus den Handlungsmustern des Romans wieder herauszuarbeiten. Als am Ende ihr Vater die Geburt einer Tochter vermeldet, ist ihr Urteil über Romanschreiber abgeschlossen: „In Leahs Buch war von einem Bruder die Rede gewesen. Aber egal. Schriftsteller waren eben schlampig.“ Während Jugendliche (ab 13) dieses Buch mit Spannung aufs Ende lesen können, bietet es gleichzeitig für Erwachsene eine Möglichkeit, auf einer launigen Meta-Ebene über die Inhalte von Jugendbüchern und über die Kommunikationsprobleme von Autoren zu reflektieren.

 

https://www.dtv.de/buch/alina-bronsky-und-du-kommst-auch-drin-vor-76181/


Michael Wildenhain: Das Singen der Sirenen   ***

Stuttgart 2017 (Klett-Cotta)

319 Seiten, 22,00 €

 

Wieder ein Geisteswissenschaftler im Krisenmodus: nach Jonas Lüschers scheiterndem Philosophieprofessor "Kraft" präsentiert Michael Wildenhain nun den Literatur-Dozenten Dr. Jörg Krippen, dessen Versuch einer Habilitation über Mary Shelleys Schauergeschichte "Frankenstein" (ca. 1818 verfasst) in einem Strudel privater Beziehungs-Katastrophen versandet. Beide Romane stehen erwartungsfroh auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2017.

In einer fordernden Serie von Zeit- und Ortssprüngen erzählt Wildenhain die Karriere Krippens vom Berliner Antifa-Kämpfer über den vielversprechenden Nachwuchs-Theater-Dichter bis hin zum Literaturwissenschaftler, der in London einen Lehrauftrag erhalten hat. Dabei kreuzen vier Frauen und zwei (mögliche!) Söhne seinen Weg. Mit Martina, die er aus den Revoluzzer-Zeiten von 1990 kennt, lebt er in Berlin-Hellersdorf zusammen, ihr gemeinsamer (?) Sohn Leon sucht einen Vater, der dauerhaft anwesend ist, mit dem man zum Pizzaessen und zum Fußballtraining gehen kann. In London trifft Krippen aber nicht ganz ohne Zufall auf die indisch-stämmige Mae, die ihm nachweist, dass er der Vater von Raij ist, dem Sohn ihrer älteren Schwester Arundhati. Vor etwa elf Jahren war Raij wohl das Produkt einer ausschweifenden Abschlussfeier während eines Theater-Workshops. Gleichzeitig führt sie ihm die Fragwürdigkeit der universitären Germanistik vor Augen: während er sich nur über die fiktive Figur des Viktor Frankenstein - er gilt als literarisches Musterbeispiel der entgrenzten menschlichen Vernunft, die sich mit Gott gleichsetzt - Gedanken macht, experimentiert sie ganz konkret mit der Petrischale in ihrem Forschungsinstitut am Thema Stammzellen. Die an Odysseus erinnernden Beziehungs-Irrfahrten (vgl. Titel!) zwischen Skylla/Berlin und Charybdis/London führen Krippen auch zu einer avantgardistischen Vernissage in New York und zu einer Pegida-Demonstration in Dresden. Man gewinnt zunehmend den Eindruck, dass sich Wildenhain in zu viele Handlungs- und Reflexionsebenen stürzt, ohne dabei zu einer schlüssigen Zeit-Diagnose zu gelangen. Dies war ihm in seinem Vorgänger-Roman "Das Lächeln der Alligatoren" (2015) deutlich besser gelungen. Ein bisschen gilt nun auch für den Autor, was die schöne junge Inderin Mae zu dem hin- und hergerissenen Dr. Krippen sagt: "Du weißt nicht, was du willst, du bist ein Weißer".

 

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Das_Singen_der_Sirenen/84822


Peter von Becker: Céleste   ***

Hamburg 2017 (mare verlag)

240 Seiten, 22,00 €

 

Wenn einer über lange Jahre Kunstschaffende aller Art journalistisch begleitet hat, dann kann er was erzählen. Peter von Becker war Mitherausgeber der Zeitschrift Theater heute und bis 2005 Feuilletonchef des Berliner Tagesspiegels. Fast folgerichtig präsentiert er nun einen postmodernen KünstlerInnenroman.

Ganze 23 Jahre nach seinem Erstling „Die andere Zeit“ verknüpft er in „Céleste“ auf elegante Weise die Schicksale von mehreren Personen. Es handelt sich um (natürlich fiktive) Menschen aus der Oberschicht der gegenwärtigen Kunstszene, die nicht mehr durch Tasso- oder Tonio-Kröger-artige Selbstzweifel zerfressen sind, sondern an repräsentativen Insel-Orten (Panarea, Capri, Korsika, Guernsey, Sylt) und in Metropolen (Berlin, London, Tokio) ein abgehobenes Luxusleben führen und sich selbst teilweise als „völlig überflüssig“ bezeichnen.

In den fünf Episoden treten vier männliche Erzähler auf: der Schriftsteller Jonas Hecker, den sein Verleger auf einer Insel vor Sizilien „eingesperrt“ hat, damit er ein neues Buch zustande bringt; Nikolaus Brunner, der Kulturreferent der deutschen Botschaft in Rom, der auf Capri eine Biografie von Curzio Malaparte vollenden will; Edvard Krieger, ein Berliner Anwalt, der auf Kunstfälschungs-Streitigkeiten spezialisiert ist und der Philosoph Julius Seelenberg (!), der mit seinen Essays über die Küsten der Welt („Landanfang und Meeresende“) auf Lesereise geht. Ihnen stehen deutlich interessantere Frauen gegenüber, wie die blinde Pornodarstellerin Paolina, die fast 100jährige französische Künstlerin Céleste Salvatori, die noch ihre Lebensgeschichte diktieren will, oder die Photographin Marie Bach, die Hände und Hundertjährige in Serie porträtiert. In einer gewagten thematischen Spannbreite wird einerseits die Rolle der Künstler in der Resistance gegen Nazi-Deutschland beleuchtet, andererseits wird dann auch mal im Whirlpool mit Eukalyptuszweigen geplätschert, im Liegesitz der Lufthansa-Business-Class Sex gemacht oder eine Geisha-Bar im Vergnügungsviertel von Tokio besucht. Kein Zweifel: wenn die Freizeit-Revue einen Kulturteil hätte, könnten dort solche Geschichten platziert werden. Doch Peter von Becker rettet seinen Roman durch leicht ironische Sprache, durch virtuose Verbindungen und durch hintergründige, fast magische Bilder und Motivketten (Blindheit und Verirrung, Kunst und Kommerz, Frauen als dienende Roboter oder als Vinyl-Schallplatten in deren Rillen die Männer ihre Nadel setzen) vor den Niederungen der yellow press. Manchmal fühlt man sich an die zunächst disparaten Erzählungen von Raymond Carver erinnert, die Robert Altmann so kongenial unter dem Titel „Short Cuts“ verfilmte. Der japanische Professor Takamura entwickelt schließlich eine originelle Idee zum Nicht-Sammeln von Büchern: „wenn er ein besonders schönes gelesen habe, dann gebe er es hinterher ins Feuer“. Dieses Schicksal sollte man Beckers Roman nicht wünschen.

 

http://www.mare.de/index.php?article_id=4707


George Pelecanos: Hard Revolution (Roman 2017)  ****

Cadolzburg 2017 (Ars Vivendi Verlag)

400 Seiten, 24,00 €

 

Das nennt man wohl Erweiterung des Horizonts: der Cadolzburger Ars-Vivendi-Verlag, der bislang durch eine lange Liste fränkischer Regional-Krimis bekannt war, wagt sich nun über den großen Teich und präsentiert mit George Pelecanos' "Hard Revolution" aus dem Jahr 2004 eine spektakuläre deutsche Erstausgabe.

Dabei ist für Pelecanos' eindrucksvollstes Werk der Begriff Kriminalroman teilweise irreführend, denn unter der Oberfläche zweier Mordfälle konstruiert der griechisch-stämmige Autor einen vielschichtigen, sehr detailverliebten Subtext aus gut recherchierter Zeit- und Kulturgeschichte (Musik, Autos, Baseball) der späten 60er Jahre in den USA. Die Metropole Washington D. C. ist Wohnort des Schriftstellers und Schauplatz der Handlung.

Als Hauptperson hat er den jungen farbigen Polizisten Derek Strange erfunden, der in einem ca. 80seitigen Prolog als kleiner Junge vorgestellt wird (1959). Dann springt die Chronologie in das Jahr 1968, einer Zeit der Umbrüche, Proteste und Veränderungen - nicht nur in den USA. Da sitzt dann Strange in einer markanten Schlüsselszene mit seiner momentanen Freundin im Kino, wobei sie bekennt, dass sie die alten Western liebt, bei denen "man immer gleich weiß, wer der Gute und wer der Böse ist". Er aber hat für sich herausgefunden, dass die Welt äußerst komplex ist und nicht mehr mit der John-Wayne-Ideologie erklärt werden kann. Folgerichtig betreibt Pelecanos auch keine vordergründige Schwarz-Weiß-Malerei, sondern zeichnet ein differenziertes Bild einer verunsicherten Gesellschaft, in der die Grautöne (Kritiker sprachen von einem "D.C.-Noir-Stil") überwiegen.

Werden im dritten Teil von Ken Folletts Jahrhundert-Saga ("Kinder der Freiheit") die von der schwarzen Protestbewegung ausgehenden Unruhen aus der Perspektive der politischen Klasse beleuchtet, so führt uns Pelecanos kenntnisreich in die abgewrackten Viertel von East Washington, in die Welt der Unterschicht, der hard working americans - und auch der Kleinkriminellen. Vielleicht ist dabei Dereks älterer Bruder Dennis die eigentliche tragische Hauptfigur, denn er pendelt in jenem diffusen Dunstkreis von politischer Aktivität, Drogenabhängigkeit und krimineller Energie, die schließlich auch seinen Tod mit sich bringt.

Der Roman steuert auf einen fiktiven und dokumentarischen Showdown am 4. April 1968 hin, als gleichzeitig Derek Strange und sein älterer Kollege Frank Vaughn in einer wilden Schießerei ein Bankräuber-Trio außer Gefecht setzen und kurz darauf in Memphis Dr. Martin Luther King Opfer eines Attentats wird. Danach brechen für ein paar Tage die Dämme der bürgerlichen Ordnung; nicht nur bei der von Stokely Carmichael geführten Protestbewegung, auch beim Polizisten Strange, der zugibt, dass es Situationen gab, wo er Lust gehabt hätte, sich diesen Leuten anzuschließen.

Weil er schließlich den Mord an seinem älteren Bruder Dennis in einer vor-rechtsstaatlichen Form von Selbstjustiz löst, sieht er sich mit der Warnung seines Vaters konfrontiert: "Falls du etwas tust, womit du unsere (?) Prinzipien verrätst, verdienst du nicht, diese Uniform zu tragen." Als kleiner Hoffnungsschimmer in dieser dunklen Szenerie bleibt dem ambitionierten Sammler von Soul-Platten nur noch der Rückzug in seine Zwei-Zimmer-Wohnung und die Stimme von Otis Redding: "That's How Strong My Love Is".

Jetzt würde man freilich gerne lesen, wie es mit Derek Strange als Privatdetektiv weitergeht: "What It Was" erschien 2012 und ist noch nicht ins Deutsche übersetzt.

 

https://arsvivendi.com/Buch/Search/9783869137667-Hard-Revolution


Bov Bjerg bei der Lesung in der Buchhandlung Pelzner in Nürnberg-Eibach
Bov Bjerg bei der Lesung in der Buchhandlung Pelzner in Nürnberg-Eibach

„Ein bisschen Glück war auch dabei!“

 

Interview mit Bov Bjerg über seinen Erfolgsroman „Auerhaus“ und die Folgen

 

Inwieweit sind Sie in die Folgeprojekte Ihres Romans „Auerhaus“ involviert?

Am ersten Drehbuchentwurf des geplanten Kinofilms war ich beteiligt, im Moment ist allerdings unsicher, ob die Constantin das Projekt überhaupt realisieren wird. Bei den Dramatisierungen war ich nie beteiligt, weil jedes Theater seine eigene Fassung schreibt. Insofern war ich jedes Mal gespannt, was dabei herausgekommen ist. Die Uraufführung in Düsseldorf hat mich sehr berührt, hat mir total gut gefallen unter anderem auch deswegen, weil sich der Song „Our House“ in allen möglichen Varianten durch das Stück zieht, z. B. auch als Weihnachtslied interpretiert wird. Die Berliner Inszenierung (Deutsches Theater) erscheint mir wesentlich abstrakter und assoziativer, was allerdings dazu führen kann, dass man dem Handlungsablauf schwerer folgen kann. Ich bin bei solchen Bearbeitungen (auch bei der Hörspielfassung des RBB) recht offen; wenn da nicht jemand Schindluder mit dem Text treibt, bin ich von jeder Beschäftigung mit meinem Text geschmeichelt.

 

Wie erklären Sie sich rückblickend den großen Erfolg des Romans „Auerhaus“?

Es ging in Etappen voran: der Verlag hat Vorab-Leseexemplare an Kritiker und Buchhändler geschickt, letztere waren durchgehend von dem Buch sehr angetan noch bevor es offiziell erschienen ist und bestellten bereits größere Mengen für ihre Läden. Dann kam eine Fülle von durchwegs positiven Rezensionen, etwas später erfolgte die Besprechung im „Literarischen Quartett“ des ZDF. So kam eins zum anderen, und ein bisschen Glück war wohl auch dabei.

 

Wie würden Sie einem Leser die stilistische Kehrtwende zwischen Ihrem Erstling „Deadline“ und dem Roman „Auerhaus“ erklären?

„Deadline“ habe ich geschrieben, weil ich sauer war auf einen Literaturbetrieb der gehobene Unterhaltungsliteratur einseitig begünstigt und Literatur, die sich etwas mehr traut, links liegen lässt, weil man glaubt, dies könne man dem Leser nicht zumuten. Die experimentelle und etwas sperrige Sprache von „Deadline“ hat sich schlichtweg auch aus dem Stoff entwickelt, denn die Erzählerfigur ist eine Übersetzerin, die ständig sprachliche Alternativen erwägen muss. Die gedruckte Auflage von „Deadline“ war 750 Stück, davon sind 224 verkauft worden, der Rest ist bei einem Lagerbrand zerstört worden.

 

Was darf man von Bov Bjerg nach „Auerhaus“ erwarten?

Der Verlag hätte natürlich so bald wie möglich einen neuen Roman, aber ich brauche dafür so lange, wie ich dafür brauche. Ich habe eine ungefähre Idee und habe auch angefangen zu schreiben. Im Moment bin ich dabei herauszukriegen, wohin das Ganze gehen soll, d.h. es bilden sich die Klumpen aus denen der neue Roman entstehen wird.

 

Wie ist die Zusammenarbeit mit Robert Stadlober zustande gekommen?

Ich wollte für das Hörbuch „Auerhaus“ eine prominente Stimme gewinnen und da ist mir Robert Stadlober eingefallen, den ich nicht nur als Schauspieler sondern auch als politischen Menschen schätze. Ich habe ihn dann einfach dreist nach einer Theatervorstellung angehauen; er hat sehr schnell zugesagt und auch eine sehr relaxte Coverversion von „Our House“ produziert.

 

Was ist für Sie der Unterschied zwischen einer abendlichen öffentlichen Lesung etwa in einer Buchhandlung und einer Lesung vor Schülern?

Es kommt zunächst darauf an, ob die Schüler das Buch schon kennen oder nicht. Es entwickeln sich mit 17- oder 18jährigen in jedem Fall interessante Diskussionen und Gespräche, über die ich sehr glücklich bin. Ich stelle erfreut fest, dass Leute, die gut 30 Jahre jünger sind als ich, mit dem Roman etwas anfangen können, unabhängig von der Zeit, in der das Geschehen spielt.

 

Eine typische Schülerfrage könnte sein: Wie stark sind die Parallelen zwischen dem Ich-Erzähler Höppner und dem Autor Bov Bjerg?

Die Frage wird eigentlich immer gestellt, manchmal gebe ich darauf Antworten, manchmal nicht.

 

Und wie kommt man eigentlich auf das Autoren-Pseudonym Bov Bjerg?

Darauf gebe ich grundsätzlich keine Antwort!


Jonas Lüscher bei der Lesung in Sulzbach-Rosenberg
Jonas Lüscher bei der Lesung in Sulzbach-Rosenberg

Erzählen oder Zählen?

 

Interview mit dem Autor Jonas Lüscher am 18. Mai 2017 in Sulzbach-Rosenberg

 

Wie ist Ihr persönlicher Umgang mit Rezensionen und Bestsellerlisten?

Natürlich liest man Rezensionen, ich freue mich besonders dann wenn sie substantiell sind, wenn sich jemand - möglicherweise auch kritisch - sehr genau mit dem Text befasst hat. Auch Bestsellerlisten nehme ich wahr, wobei die SWR-Liste für mich einen besonderen Stellenwert hat.

 

Waren Sie überrascht von dem Erfolg Ihres neuen Romans „Kraft“?

Ich war mir nicht sicher, weil ich befürchtete, dass der Roman für viele zu fremd oder zu schwierig ist.

 

Muss man also ein Philosophie-Studium abgeschlossen haben, um den Roman erschöpfend lesen zu können?

Auf keinen Fall! Es sind zwar viele Anspielungen enthalten, dennoch sollte es auch ohne dies ein Lesevergnügen sein. Wenn ein Schüler Voltaires „Candide“ im Gymnasium liest, wird ihm auch das eine oder andere entgehen. Ich habe den Anspruch, dass man mein Buch auf mehreren Ebenen lesen kann.

 

Kann man den Roman „Kraft“ auch sehen als Ausdruck Ihrer eigenen Enttäuschung über den Hochschulbetrieb?

Nein, das würde meine Gefühle nicht treffen; es ist eher ein Roman über das Verhältnis von Geisteswissenschaften und Technik, von Optimismus im Silicon Valley und Pessimismus im old europe.

 

Thematisieren Sie also eher die naive Zukunftsgläubigkeit der Amerikaner?

Ja, aber es geht speziell um die Technikgläubigkeit des Silicon Valley. Dieser Ort ist eine Art von Blase, der mit dem Rest von Amerika wenig zu tun hat.

 

Sehen Sie in ihrer Hauptfigur Kraft eine Parallele zu Goethes Faust, dem verzweifelt suchendenden und liebenden Wissenschaftler?

Das klingt gut, ist mir aber nie bewusst gewesen, sie sind der erste, der diese Verbindung gesehen hat.

 

Warum haben für Sie die Themen Finanzkapitalismus, Neoliberalismus und Unternehmertum eine so große Bedeutung beim Schreiben?

Weil ich es für sehr wichtige Themen halte, mit denen ich mich auch wissenschaftlich beschäftigt habe. Wir leben in einer durch und durch ökonomisierten Welt, mit diesen Themen erhalten Romane mehr Relevanz. Ich wüsste nicht wie ich schreiben sollte, wenn das nicht - zumindest im Hintergrund - eine Rolle spielt. Leider fürchten sich viele Autoren vor diesen Themen, weil sie glauben, es könnte langweilig sein oder sie würden zu wenig davon verstehen. Ich dagegen gelte manchen schon als Finanzmarktspezialist, was ich natürlich auch nicht bin.

 

Sie haben sich lange mit der Frage beschäftigt, ob man die Welt besser durch Erzählen als durch Zählen (= Analysieren) beschreiben kann.

Diese Frage war - verkürzt gesprochen - der Mittelpunkt meiner abgebrochenen Dissertation. Schon im antiken Epos ging es um den Kampf zwischen Mythos und logos. In der Geschichte der Wissenschaft finden sie bis heute den Pendelschlag zwischen einem Übermaß an quantitativ-rechnerischem, wissenschaftlichem Glauben und eher narrativen Phasen. Meine Idee ist, dass wir uns heute wieder in einer Phase befinden, wo das erste eine (zu) große Rolle spielt.

 

Wären Sie nicht der richtige Mann, um einen Roman über das neue Narrativ für Europa zu schreiben?

Das ist nicht mein Anspruch; außerdem gibt es für Europas viele kleine Geschichten und nicht das eine große Narrativ, weil dann ein Mono-Mythos entstehen würde.

 

Welche Einsichten sollten Schüler aus der Novelle „Frühling der Barbaren“ gewinnen?

Ich bin skeptisch gegenüber einem Literaturunterricht, der aus einer Lektüre fast Handlungsanweisungen entnehmen will. Man quetscht den Text so lange aus, bis unten die gewünschte Moral herauskommt. Dies habe ich einmal als „hermeneutische Folter“ bezeichnet. Mit dem ersten und dem letzten Satz der Novelle („Du stellst die falschen Fragen“) versuche ich genau diesem Dilemma zu entkommen. Schüler sollten sich selber Fragen stellen!

 

Zu welchen Assoziationen lädt aus Ihrer Sicht der Titel „Frühling der Barbaren“ ein?

Einerseits natürlich der arabische Frühling, zum anderen das Frühlingserwachen des Finanzkapitalismus mit all seinen barbarischen Folgen. Die arabische Übersetzung des Titels hat zu Missverständnisse geführt wegen der Nähe des aus der Antike stammenden Begriffs „Barbar“ zu dem Begriff „Berber“. Dies musste ich auf Lesereisen in Tunesien und Ägypten feststellen. Vorher hatte ich keine Reiseerfahrungen über Nordafrika, schrieb also wie Karl May!

 

Der Erzähler ist Insasse einer Nervenheilanstalt. Ist dieser Ort ein Refugium des modernen Menschen?

Zunächst einmal wollte ich einen unsicheren Erzähler konstruieren. Dann stellt die Nervenheilanstalt eine Art des sozialstaatlichen Überlebens - fast einen Hoffnungsschimmer - nach dem Kollaps des Finanzsystems dar. Außerdem ergibt sich eine interessante erzählerische Dopplung: Die Oase in der Nervenheilanstalt und später die Oase in der Wüste.

 

Welche Erfahrungen haben Sie mit Theaterfassungen zu „Frühling der Barbaren“?

Es gibt mittlerweile sogar schon vier! Die Uraufführung war in Wiesbaden, dann kam Sankt Gallen und Bielefeld, mittlerweile auch eine französische Fassung in Brüssel.

 

Sie befinden sich nun häufig auf Lesereise. Sehen Sie sich als guten Vorleser?

Ich bemühe mich darum, aber das Urteil steht nur dem Zuhörer zu.

 

Gibt es umgekehrt noch gute Zuhörer?

In der Regel sind die Leute aufmerksam dabei, nur gelegentlich schläft ein älterer Herr ein. Manchmal sind auch die Publikumsgespräche interessant - nicht immer.

 

Wie erleben Sie den Unterschied zwischen einer öffentlichen Lesung und einer Schullesung?

Die Schüler sind oft besser vorbereitet, sie haben den Text gelesen und kommen mit substantiellen und auch sehr offenen, erfrischenden, nicht standardisierten Fragen daher. Bei öffentlichen Lesungen scheint es mir, dass ca. 80 Prozent der Zuhörer den Text noch gar nicht gelesen haben.

 

Gibt es die Einsamkeit des Autors nach der Lesung?

Manchmal fühlt man sich in den Hotelzimmern etwas abgestellt. Anstrengend ist aber eher das Socialising danach, das Essengehen mit dem Veranstalter.

 

Wie stehen Sie zu den neuen Medien Hörbuch und E-Book?

Relativ leidenschaftslos! Ich benutze und mag beides nicht, weil ich mich auf Hörbücher nicht konzentrieren kann und ständig vor- und zurückspulen müsste. Aber andererseits gilt: Hauptsache, die Leute lesen!


Juli Zeh: Unterleuten (Roman, 2016)     ***

München 2016 (Luchterhand Literaturverlag)

635 Seiten, 24,99 €

 

Es passiert auf der Seite 574: Frederik Wachs, einer der elf Kapitel-titelgebenden Hauptpersonen des Romans „Unterleuten“ ist mit dem Auto auf dem Weg von Berlin zurück in das kleine brandenburgische Kaff. Weil ihn ein hinterherfahrender Kastenwagen nervt, möchte er in einer scharfen Linkskurve zeigen, „wo der Hammer hängt“. Doch leider kommt in diesem Moment ein Traktor entgegen! So ähnlich hat auch Juli Zeh ihren mittlerweile vielgerühmten Roman auf den letzten etwa 150 Seiten gegen die Wand gefahren. Aus einer differenzierten Konflikt-Studie eines ostdeutschen Dorfes und seiner Bewohner wird zum Ende hin eine bluttriefende Tragödie von antiken Dimensionen, die den gesellschaftskritischen Ansatz der langen vorherigen Passsagen fast zunichtemacht.

Zunächst erfahren wir höchst unterhaltsam von einer „halbanarchischen … Lebensform, einer Art vorstaatlicher Tauschgesellschaft, fernab vom Begriff des Staates“, in der ganz im Sinne der Hobbesschen Vertragstheorie ein Kriegszustand herrscht. Es bekämpfen sich zwei alteingesessene Machos (der Großgrundbesitzer Gombrowski und der notorische Querulant Kron), es bekämpfen sich ein bayerischer Investor (Meiler) und aus Berlin Zugereiste (Fließ, Franzen), es geht um die Auseinandersetzung zwischen Vogelschutz und Windpark-Flächenzuweisung, es geht um sehr alltägliche, aber mit harten Bandagen ausgefochtene Nachbarschafts-Streitigkeiten und um unklare Dreiecksbeziehungen. Juli Zeh hat also tief in der Dystopie-Schublade der deutschen Provinz gegraben, um die Aussage, das Dorf sei eine „Schlangengrube“ gründlich zu untermauern. Die naive Idylle der Zugereisten, Unterleuten bedeute Freiheit und das Symbol der Freiheit sei ein „unverstellter Horizont“, erweist sich schnell als trügerisch, weil der schöne Horizont durch Zäune, Bretter vorm Kopf und Windparks verstellt ist. Die Gerüchteküche verbreitet unaufhaltsam Mord-Geschichten, Kindsentführungen und Ehebrüche. An allem soll Rudolf Gombrowski beteiligt sein, der doch angeblich dort nur friedlich leben will: „man lässt sich gegenseitig in Ruhe“. Als er erkennt, dass er gegen die Fama nicht ankommt, inszeniert er einen filmreifen und sehr symbolträchtigen Selbstmord.

Ohne Zweifel: Juli Zeh weiß, wovon sie schreibt, denn Unterleuten ist für sie: „der Ort, an dem ich in meiner Phantasie fast zehn Jahre lang gelebt habe. Ich kenne dort jeden Stein, jede Hausecke, alle Menschen, die dort leben“. Und sie weiß, welche Themen im Mainstream des aufgeklärten Lesepublikums goutiert werden (das hat sie schon mit „Spieltrieb“ und „Corpus delicti“ bewiesen), dazu ist sie eine gewandte realistische Erzählerin. Manchmal aber lässt sie sich dazu verleiten, eigene pointierte Beobachtungen der jüngeren Gegenwart (z. B. Uni-Reform, Entpolitisierung, oder Stadt-Land-Konflikt) ihren Protagonisten als wenig glaubhafte Gedanken­konstrukte überzustülpen.

Witzig ist der Epilog der Journalistin Lucy Finkbeiner, die vor Ort nach einer Zeitungsnotiz über den spektakulären Selbstmord recherchiert hat, dann aber von ihrer Redaktion erfährt, der Stoff sei doch mehr für einen Roman geeignet! Und um die Leser ein bisschen an der Nase herumzuführen, wird immer wieder ein Psycho-Guru namens Manfred Gortz zitiert („Alles ist Wille“), dessen fiktive Existenz eine veritable Plagiats-Debatte in den Medien heraufbeschworen hat. Für alle web-affinen Leser wurde vom Verlag sogar eine eigene Seite eingerichtet, die Stoff für interaktives Tun bereithält. Ob wir hier aber „den“ (ost-)deutschen Gesellschaftsroman des beginnenden 21. Jahrhunderts vor uns haben, sei mal noch dahingestellt.

 

http://www.juli-zeh.de/

http://www.unterleuten.de/


Martin Walser: Ein sterbender Mann (Roman, 2016) ****

Reinbek b. Hamburg 2016 (Rowohlt Verlag)

287 Seiten, 19,95 € (geb.)

 

Wenn ein 89jähriger Schriftsteller einen Roman mit dem Titel „Ein sterbender Mann“ vorlegt, dann darf man getrost vermuten, dass es sich um eine Art abschließendes Vermächtnis, um gewichtige letzte Worte handelt. Nicht so bei Martin Walser (Jahrgang 1927): denn der nimmermüde Autor hat mittlerweile schon kurz vor seinem 90. Geburtstag am 24. März 2017 ein weiteres Buch auf den Markt geworfen: „Statt etwas oder Der letzte Rank“. Blickt man acht Jahre zurück und nimmt Walsers Roman „Ein liebender Mann“ (2009) in die Hand, so hat man das Spektrum seines Spätwerks vor Augen. War es damals der 73jährige Goethe, der noch einmal das Abenteuer der Liebe mit einer 19jährigen (Ulrike von Levetzow) eingeht, so steht beim „sterbenden Mann“ der 72jährige Münchner Unternehmer Theo Schadt im Mittelpunkt, der gleich auf den ersten Seiten bekundet, dass er „am Ende“ ist. Mit ihm treibt Walser ein virtuoses literarisches Spiel, das in vielen Ich- und Er-Perspektiven das Thema Alter und (Frei-)Tod beleuchtet. Schadt hat seine Firma in den Konkurs geführt, weil er einem jungen Lyriker (Carlos Kroll) ein teures Geschäftsmodell vertraut hat, das dieser aber an einen Konkurrenten verrät. Damit bricht für Theo eine Welt zusammen: „Ich wurde verraten von dem einzigen Menschen, der mich nicht hätte verraten dürfen“. Er linkt sich unter dem Pseudonym Franz von M. (= Moor) in ein Internet-Forum für suizidnahe Menschen ein und diskutiert dort vor allem mit einer Frau namens „Aster“, die ihren geplanten Selbstmord für irreversibel hält. Schadt selber postet ebenso eindeutig: „Ich kann nicht leben, wenn das, was mir passiert ist, möglich ist“. Mit seiner Frau Iris, die ein Geschäft für Tango-Artikel betreibt, pflegt er eine „offene Beziehung“ - immerhin arbeitet er für sie noch als Kassierer in ihrem Laden in der Schellingstraße. Dort kommt es noch einmal zu einem lichten Moment, als er von der Kundin Sina geblendet wird. Mit ihr tritt er in einen Briefwechsel der Gefühlsverwirrungen als eindeutig verspäteter Liebhaber: „Ich bin eine Mogelpackung … eine Nullnummer“. Weitere Textbausteine des eigensinnig konstruierten Romans sind Schadts aphoristische Notizen unter der Überschrift „Ums Altsein“, seine Erinnerungen an Träume, seine „Berichte an die Regierung“ und seine Briefe an einen „Schriftsteller“, der für ihn offensichtlich ein Art „Selbstgesprächskulisse“ darstellt. Am Ende scheint es jedoch, dass er der einzige Überlebende ist, denn seine Frau Iris, die tangosüchtige Sina (von der sich herausstellt, dass sie die Internet-Aster ist) und der jüngere Carlos sind aus dem Leben geschieden. Dies bestärkt Schadt in seinem Fazit: „Das Leben ist eine verlorene, nicht zu gewinnende Partie“. An ein anderes Fazit hat sich Schadts Alter Ego Walser jedoch nicht gehalten: „Den Wörtern kündige ich. Sie haben mir nicht geholfen“.

Walsers Roman zeugt von einer kühnen Altersnarrheit, vom spielerisch leichten Umgang mit schweren Themen, von der nie verlorenen Neigung zur Ironisierung gewisser Gesellschaftsbereiche (hier die Münchner Kultur-Schickeria) und von großer persönlicher Offenheit. In einem Interview hat er mittlerweile sogar erklärt, dass die Briefpassagen der Sina gar nicht von ihm geschrieben wurde sondern von der Sinologin Thekla Chabbi, die ihn auch auf die Fährte der Internetforen zum Thema Freitod geführt hat. Nehmen wir also angeregt zur Kenntnis, dass Martin Walser den letzten Tango noch nicht getanzt hat!

 

https://www.rowohlt.de/hardcover/martin-walser-ein-sterbender-mann.html


Mario Schlembach: Dichtersgattin (Roman, 2017) ****

Salzburg/Wien, 2017 (Otto Müller Verlag)

227 Seiten, 20,00 € (geb.)

 

Der Roman beginnt - wie so oft - mit dem Ende: mit einem Tod in Venedig. Bei dem 85jährigen Mann (!) namens Hubert schwinden im Österreich-Pavillon der Biennale die Lebenskräfte, und er beendet ein Leben, das einem fast manischen Begräbnis-Kult und dem Schweigen („Sprich nur dann, wenn du etwas Wertvolleres zu sagen hast als dein Schweigen“) gewidmet war.

Umso mehr spricht seine resolute 90jährige Frau Hedwig, die nun zu einem atemlosen Monolog ansetzt und die Geschichte ihrer etwa fünfzigjährigen Beziehung ausbreitet. Sie hat ihn damals in der Provinz kennengelernt, sah in ihm einen vielversprechenden „Dichter“, der einen Neubeginn der Literatur einleiten kann, zieht mit ihm nach Wien und will ihn in die österreichische Kultur einführen, ihn sozusagen „burgtheatertauglich“ machen. Das verbindet sie mit immer wiederkehrenden Attacken gegen das moderne Burgtheater („den profanen, geldgierigen Wirtschaftlern überlassen“) sowie gegen die österreichischen Großautoren der Moderne, Elfriede Jelinek („unsere in die Bedeutungslosigkeit geachtete Literaturnobelpreisträgerin“), Thomas Bernhard („bedruckte Seiten voller Wiederholungsmanie und Befindlichkeitsliteratur“) und Peter Handke („Publikationsinkontinenz“). Als dienende Muse und „Dichtersgattin“ will sie ein neues Kapitel der literarischen Hochkultur initiieren. Doch leider interessiert sich Hubert nur für Friedhöfe und Bestattungen, wird beamteter Arrangeur bei dem städtischen Wiener Beerdigungsinstitut und schreibt zahllose poetische Nachrufe für „seine“ Toten. Weiterhin beschäftigt er sich mit der voraussichtlichen Verwesungsdauer von Verstorbenen und plant akribisch den Ablauf seiner eigenen Grablegung. Bei den von seiner Frau verordneten Burgtheater-Besuchen schläft er dagegen regelmäßig ein. Die enttäuschte Gattin resümiert: „Theater oder Tod - das ist der ganze Kosmos unserer Existenz“.

Mario Schlembach gelingt mit seinem Romandebüt eine schwarzhumorige und zutiefst satirische Betrachtung der jüngeren österreichischen Kulturgeschichte. Aus autobiografischen Elementen und literaturwissenschaftlichen Forschungsprojekten bastelt er einen höchst unterhaltsamen Roman - irgendwo zwischen Samuel Becketts „Endspiel“ und Thomas Bernhards „Auslöschung“. Und für eine Grande Dame des deutschsprachigen Theaters (etwa Carmen-Maja Antoni) wäre dies ein herausforderndes Sprechstück - natürlich mit Premiere in der Wiener Burg und Regie von Claus Peymann!

 

http://www.omvs.at/de/autoren/schlembach-mario-401/


Cornelia Travnicek: Chucks (Roman, 2012)     ***

München 2014, 3. Auflage (btb)

187 Seiten, 8,99 € (Tb)

 

Der Adoleszenzroman hat ungebrochen Konjunktur, und spätestens seit Dagmar Chidolues „Lady Punk“ (1985) sind auch weibliche Protagonisten in die Welt der Hans Giebenraths und Holden Caulfields eingebrochen. Die Niederösterreicherin Cornelia Travnicek (Jahrgang 1987) erzählt uns nun die Geschichte von Maeva Reimel aus Wien (genannt: Mae), die sich mit gar vielen Beschwernissen der heutigen Zeit auseinandersetzten muss. Der Vater hat die Familie verlassen, der ältere Bruder stirbt an Leukämie und hinterlässt ein paar rote Chucks. Das alles wirft Mae aus der Bahn, sie bricht die Schule ab und beginnt mit der älteren Tamara ein Punker-Leben auf den Straßen Wiens. In dieser Phase lernt sie zwei Männer kennen - die heftigen Zeitsprünge des Romans lassen die Chronologie bewusst etwas im Ungewissen -: den jungen Architekten Jakob im Zusammenhang mit einer Hausbesetzer-Demo und den HIV-kranken Paul bei ihrer Bewährungsarbeit in einem Heim für Aids-Kranke. Damit stehen ihr mehrere Möglichkeiten zur weiteren Lebensgestaltung offen; der Vater bietet ihr noch Geld für die Wiederaufnahme der Schule, die Mutter die Einladung zu einer Tupperparty. Sie entscheidet sich für den kranken Paul und sammelt bis zu dessen Tod Erinnerungsstücker in kleinen Plastikdosen (Sperma, Haare, Zehennägel). Die Grundspannung erhält der Roman durch ein vorgegebenes Dilemma: „sobald mehrere zusammentreffen, gibt es Probleme“ sagt Freundin Tamara und meint damit eigentlich Atome. „Das bin ich, sind wir, im Endeffekt: nicht gerne allein“ sagt Mae und eröffnet damit einen halbwegs positiven Ausblick über das Ende der 187 Seiten hinaus. Allerdings fehlt dem Debütroman noch etwas die sprachliche Präzision, um solche philosophischen Fragestellungen adäquat poetisch zu vermitteln. Eine Verfilmung kam 2015 in die österreichischen Kinos, an den Erfolg eines Roman mit einem sehr ähnlichen Titel (man ersetze das „u“ durch ein „i“!?) wird es wohl nicht heranreichen.

 

https://www.corneliatravnicek.com/


Jonas Lüscher: Kraft (Roman, 2017)     *****

München 2017 (C. H. Beck Verlag)

235 Seiten, 19,95 € (geb.)

 

Richard heißt zwar mit Nachnamen Kraft, doch dieselbe hat den Mittfünfziger offensichtlich verlassen. Er steht zutiefst verunsichert vor einem privaten und beruflichen Scherbenhaufen. Mit einem letzten Kraft-Akt will der von Selbstzweifeln geplagte Philosophie-Professor noch einmal die Millionen-Frage nach dem Grund für Optimismus in der heutigen Zeit beantworten, aber dann entscheidet er sich lieber für einen spektakulären Showdown.

Jonas Lüscher, der es 2013 mit seiner intelligenten Novelle über die Abgründe des Finanzkapitalismus („Frühling der Barbaren“) in die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte, legt nun den ersten Roman vor, eine brillante, analytische Satire über den transatlantischen Wissenschaftsbetrieb und über die Dilemmata des intellektuellen Neoliberalismus. Richard Kraft blickt aus dem Heute auf eine seit den 1980er Jahren geschmeidig verlaufende Universitätskarriere: zuerst profiliert sich der Berliner VWL-Student als Reaganomics-Fan und Lambsdorff-Liberaler, zuletzt wird er als Nachfolger von Walter Jens auf den Lehrstuhl für Rhetorik in Tübingen berufen. Aber auch drei gescheiterte Beziehungen (Ruth, Johanna und Heike), die ihn finanziell ruiniert haben, stehen zu Buche. Der Denker-Wettbewerb an der Stanford University, den ein visionärer Unternehmer aus dem Silicon Valley mit einem Preisgeld von einer Million Dollar ausgestattet hat, motiviert ihn zu einer letzten intellektuellen Anstrengung. Es soll der Satz „Alles was ist, ist gut, und warum können wir es dennoch verbessern“ philosophisch in einem 18-Minuten-Vortrag begründet werden. Mit analogem Copy & Paste (= Papier, Tesafilm und Schere) schustert sich Kraft in der kalifornischen Uni-Bibliothek ein gedankliches Konstrukt zusammen, von dem er am Ende sagt: „was für eine ausgedachte Hühnerkacke“. Damit wird er endgültig zum „Habe-nun-ach …“-Faust des 21. Jahrhunderts, der vergeblich nach einer irgendwie stimmigen Lebens-Konstruktion sucht; wie dieser greift er letztlich zu der tödlichen „Befreiung“ - nur läuten zu seiner Rettung keine Osterglocken!

Lüschers kühne Satzbau-Konstruktionen, seine bildreiche Sprache, die zusammengetragenen Lesefrüchte (von Isaiah Berlin über Odo Marquard bis zu Joseph Vogl) sowie die authentische Erfahrung einer abgebrochenen Dissertation entfalten einen gewaltigen erzählerischen Sog, der die Leichtigkeit eines Joseph von Westfalen mit der Zeitkritik eines Hanns-Josef Ortheil verbindet. Wenn der Gesellschafts-Beobachter Jonas Lüscher einmal selbstironisch seinen Protagonisten Kraft als „Schwafler“ charakterisiert, ist viel über den Zustand der gegenwärtigen postfaktischen Kommunikationsstrukturen gesagt. Vielleicht schafft es Lüscher ja mit diesem vollständig gelungenen Roman-Wurf in die Shortlist 2017! Und wenn nicht, hat er dafür zumindest den Dr. h.c. verdient!

 

http://www.chbeck.de/Luescher-Kraft/productview.aspx?product=17627187


Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe (Roman, 2015)    ***

Köln, 2016, 11. Auflage (Kiepenheuer & Witsch)

154 Seiten, 16,00 € (geb.)

 

Darf man mit Entsetzen Scherz treiben? Darf man die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl (1986) als Setting für einen Roman wählen, der überhaupt nichts von den furchtbaren Folgen erzählt, sondern eher eine Heimat-Idylle beschreibt? Alina Bronsky, die sich in ihren Büchern (ihr Debüt „Scherbenpark“ wurde zu einem großen Erfolg) gerne politisch unkorrekt geriert, hat für sich entschieden: Ich darf, ich will! Und so schildert sie eine skurrile Siedlung von alten Menschen in dem Dorf Tschernowo, für die der Begriff „Todeszone“ keine Angst mehr auslöst, weil sie „nichts zu verlieren“ haben, weil sie „bereit zu sterben“ sind. In Tschernowo „gibt es keine Zeit … keine Fristen und keine Termine“. Die ca. 20 Bewohner „spielen den Tag nach wie Kinder mit Puppen und Kaufmannsladen das Leben nachspielen“. Baba Dunja - ihr vollständiger Name lautet Evdokija Anatoljewna - ist so etwas wie die heimliche Bürgermeisterin, ihr Mann ist schon gestorben und die Tochter Irina lebt mit Mann und Tochter Laura wohlbehalten als Bundeswehr-Ärztin in Deutschland. So könnte man also aus dieser Situation ein Plädoyer für die Kraft des Alters stricken, wie dies die amerikanische Autorin Elizabeth Gilbert in einem Essay getan hat. Doch Alina Bronsky hat wohl gemerkt, dass ohne Handlung ein Roman etwas mager daherkommt. Deshalb konstruiert sie den Mord an einem Mann, der sich - wohl aus Rache an seiner geschiedenen Frau - mit der gesunden jungen Tochter Aglaja in Tschernowo ansiedeln will, und der die ganze Dorfgemeinschaft vor den Richterstuhl führt. Großmütig erklärt sich Baba Dunja zur einzigen Schuldigen, wird zu drei Jahren Haft verurteilt, aber nach einem Schlaganfall vom Staatspräsidenten begnadigt. Die andere Handlungsebene sind die Briefe der Enkelin aus Deutschland und die späte Wahrheit, dass die schönen Vorstellungen der Großmutter nur Träume sind. Tochter Irina ist nämlich längst von ihrem Mann geschieden und Enkelin Laura ist mit 13 alkoholabhängig und von zu Hause abgehauen. Da ist es kein Wunder, dass die freigelassene Baba Dunja wieder in ihre verstrahlte „Heimat“ zurück will. Unter dem Strich ist das für den aufmerksamen Leser zwar keine Verniedlichung der Tschernobyl-Katastrophe, aber als gedankliche Anregung etwas wenig. So kann man die Vorurteile gegen den Frauen- und Heimat-Roman nicht wegwischen!

 

http://www.kiwi-verlag.de/buch/baba-dunjas-letzte-liebe/978-3-462-04802-5/


Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis. Eine Novelle (2016)     ****

Frankfurt/Main 2016 (Frankfurter Verlagsanstalt)

224 Seiten; 21,00 € (geb.)

 

Deutsche Bildungsbürger des 18. Jahrhunderts reisten nach Italien (oder gar nach Griechenland), um die großen Kunstwerke der Antike zu bewundern. Postmaterialistische Hedonisten des späten 20. Jahrhunderts fuhren nach Italien wegen des guten Weins, wegen der kulinarischen Lebensart und wegen des angenehmen Klimas. Doch wer nun im 21. Jahrhundert dieses Reiseziel wählt, kann auf die hässlichen Spuren eines globalen Problems treffen, auf - meist illegale - Flüchtlinge. Dies ist auch der Kern von Bodo Kirchhoffs meisterhaft konstruierter Novelle, die mit dem Deutschen Buchpreis 2016 ausgezeichnet wurde. Zunächst beginnt es aber wie beim späten Martin Walser: zwei ältere Singles, die ihren Berufsalltag gerade beendet haben, treffen zufällig in einer oberbayerischen Seniorenresidenz aufeinander und beschließen (sehr!) spontan nach ein paar Zigaretten und ein paar Gläsern Rotwein einen Road-Trip in den Süden: „Wir fahren einfach, bis die Sonne irgendwo aufgeht, dann frühstücken wir“. Bald stellt sich heraus, dass der ehemalige Kleinverleger Julius Reither (der als erzählender Textkritiker eine schöne Metaebene aufbaut) und die ehemalige Hutladen-Besitzerin Leonie Palm an einem schweren Defizit leiden: sie haben es nicht geschafft, eine funktionierende Familie zu gründen. Reithers längste Beziehung scheiterte an einem zwar einvernehmlichen, aber doch nur der Rationalität geschuldeten Schwangerschaftsabbruch, Leonie Palm wurde vom Mann verlassen, die Tochter beging eines Nachts Selbstmord. Da haben sich also zwei gefunden, die im letzten Drittel des Lebens Nähe suchen; und nach zwei Tagen in Richtung Sizilien stellen sie fest: „Wie gut wir vorankommen“. In Catania nehmen sie ein einfaches Zimmer und treffen dann unverhofft auf ein sehr anhängliches, etwa zwölfjähriges Mädchen. Wie geht man mit dieser direkten Konfrontation um? Reither will das Problem mit Geld lösen, Leonie aber diktiert: „she belongs to us“; „Wir lassen sie auf der Couch schlafen“. So erleben Reither & Palm also eine sehr ungewohnte „Widerfahrnis“. Die Geschichte mündet dann in eine unerhörte Begebenheit und dramatische Zuspitzung, die Bodo Kirchhoff zwar eloquent erzählt, jedoch manchmal hart an die Kitsch-Grenze (mit Blut, männlichem Weinen und einer schweren Krankheit) steuert. Reithers weitere Begegnung mit einer nigerianischen Flüchtlingsfamilie weckt in ihm mühsam nachvollziehbare Reflexionen, denn er beneidet den jungen Vater namens Taylor „um sein Leben ohne Dach und Bett, ohne Konto und ohne Fürsprache, mit nichts in der Hand außer Frau und Tochter und dem eigenen Mut“. Wäre das wohl ein geeigneter Leitsatz für das Flüchtlingslager Lampedusa oder ist das eher intellektueller Zynismus? Eines aber ist bewiesen: wer ein interessantes Duo mit einer knackigen Road-Novella präsentiert, hat schon den halben Weg zum Bestseller geschafft - „Tschick“ sei Dank!

 

http://bodokirchhoff.de/

http://frankfurter-verlagsanstalt.de/frames/fva_a_frs_autoren.html


Martin Mosebach: Mogador (Roman 2016)   ***

Rowohlt Verlag (Reinbek b. Hamburg, 2016)

367 Seiten, 22,95 € (Hardcover)

 

Dass Martin Mosebach ein sprachmächtiger und kompositorisch versierter Erzähler ist, beweist er wiederum mit seinem neuen Werk „Mogador“, das er selbst im Text so charakterisiert: „ein Roman mit Wirklichkeiten gemischt … und doch im Ganzen unwahrscheinlich“. Dass er aber aufgrund seiner wertkonservativen Grundhaltung die Literatur wohl nicht für ein Instrument kritischer Gegenwartsbearbeitung hält, wird ebenso deutlich. Eigentlich präsentiert auf den 367 Seiten zwei parallel laufende Geschichten, zwei Hauptpersonen und zwei äußerst disparate Welten. Zugespitzt könnte man formulieren: Tausendundeine Nacht trifft auf die Untiefen des modernen Finanzkapitalismus, Marokko trifft auf Düsseldorf, die geheimnisumwobene Khadija trifft auf Dr. Patrick Elff, den junge Bank-Karrieristen. Dabei ist ihr Kontakt vollkommen zufällig, ihre Beziehung völlig oberflächlich. In der renommierten Großbank hat nämlich ein Mitarbeiter (Dr. Filter), von dessen Finanzmanipulationen Elff als Vorgesetzter wusste, Selbstmord begangen, was dazu führt, dass sich die Kriminalpolizei einschaltet. In einer Panikreaktion entschließt sich Elff zur Flucht nach Marokko, wo er glaubt, bei einem ehemaligen begüterten Klienten namens Pereira Zuflucht zu finden. Seine bürgerliche Existenz und seine Ehe mit Pilar setzt er dabei bewusst aufs Spiel.

In Mogador vermittelt ihm der Eckensteher Karim ein Zimmer bei Khadija, die dank verschiedener Professionen die heimliche Königin der Stadt ist. Sie organisiert als Vermittlerin Prostituierte an hochrangige Persönlichkeiten, sie betreibt einen Geldverleih und führt mit einem greisen Imam eine spiritistische Lebensberatungspraxis. Elff erlebt die ihm fremde Mahgreb-Welt mit Schwitzbädern, Meeresrauschen, Bettlern und tradierten Geschlechterrollen wie ein distanzierter Reisender - und als er merkt, dass ein Vordringen zu Pereira kaum möglich ist, entschließt er sich zur Rückkehr nach Deutschland: „Das deutsche Gericht erschien ihm wie eine Zuflucht“. Umgekehrt muss sich Khadija gegenüber dem örtlichen Commandante verteidigen, da sie einen „Illegalen“ bei sich aufgenommen hat. Für beide endet das Problem offensichtlich glimpflich: „Alle waren sie davon gekommen“. Mit dem Symbol der reinigenden Hitze beginnt und endet der Roman.

Dies alles ordnet Mosebach im Stile eines hochgebildeten Reisejournalisten, eines altmodischen Sprachbastlers und eines allmächtigen Komponisten der verschlungenen Zeit- und Ortsebenen. Wer allerdings erwartet, kritische Gedanken zum westeuropäischen Finanzkapitalismus oder zu den Konflikten in den Staaten des arabischen Frühlings zu erhaschen, wird enttäuscht sein. Was außerdem der Zusammenstoß dieser zwei Welten mit den Protagonisten macht, bleibt weitgehend rätselhaft. Dazu erfährt man eindeutig mehr in Jonas Lüschers meisterhafter Novelle „Frühling der Barbaren“ (2014), wo englische Jungbanker in einem tunesischen Ferienresort eine Katastrophe der Globalisierung erleben.

 

http://www.rowohlt.de/hardcover/martin-mosebach-mogador.html


Abbas Khider: Ohrfeige (Roman 2016)  ***

Hanser Literaturverlag (München 2016)

220 Seiten, 19.90 € (geb.)

 

Abbas Khider liebt es provokativ und ein bisschen deftig: das narrative Setting seines neuen Romans zeigt uns den irakischen Asylbewerber Karim Mensy, der seiner Entscheiderin bei der Asylbehörde - eine Frau Schulz - gegenübersitzt, ihr eine Ohrfeige gegeben und sie dann an den Bürostuhl gefesselt hat, um ihr endlich in aller Ruhe seine Geschichte erzählen zu können. Die beginnt mit zwei einschneidenden Erlebnissen in Bagdad: als Jugendlicher wächst ihm plötzlich ein Frauenbusen, was ihn in der irakischen Männergesellschaft zum totalen Außenseiter macht; seine erste Jugendliebe, die taubstumme Hayat wird von drei Männern vergewaltigt und getötet. Das bringt ihn dazu, nach dem Abitur mithilfe eines Schleppers in Richtung Westeuropa zu fliehen. Eher zufällig landet er 2001 in Deutschland (eigentlich war Frankreich sein Ziel) und muss sich nun mit der „stumpfsinnig entseelten deutschen Verwaltung“ auseinandersetzen. Er erlebt „Folter in der Ausländerbehörde“ sowie „Polizeirassismus“ von „Scheißbullen“. Dreieinhalb Jahre durchläuft er die Stationen Dachau, Zirndorf, Bayreuth und Niederhofen. Dank einer falschen Aussage über seine Vorgeschichte bekommt er sogar einen positiven Bescheid - es ist noch die ruhige Stimmung von dem 11. September 2001! Doch das Leben im Asylbewerberheim (später im Obdachlosenheim) , wo sich ein „Haufen nervöser Vögel“ aufhält, die Langeweile und der schwere Zugang zu einem Arbeitsplatz (sein irakischer Schulabschluss wird nicht anerkannt) drücken auf seine Stimmung. Als er für einen Euro pro Stunde als Müllsortierer jobben darf, erinnert ihn das an seine Schreibtätigkeit: „Aus diesen Bausteinen baute ich meine Sätze, ich recycle und sortiere die Vokabeln genauso wie den Müll.“ Die Vermittlung durch eine Zeitarbeitsfirma, die Aussicht auf einen Deutschkurs und die Beziehung zu der (verheirateten!) Deutschrussin Lada hellen seine Laune nur kurzfristig auf. Der Widerruf des Asylbescheids treibt ihn in die Illegalität und schließlich zu einer geplanter Weiterreise nach Finnland: „das Leben in Deutschland endet jetzt, obwohl es nie angefangen hat“. Immerhin wird die Binnenerzählung am Ende aus dem Ruch der Illegalität gehoben: seine Attacke auf Frau Schulz erweist sich als Haschisch-Traum!

Khider erzählt die Geschichte eines Asylbewerbers weit vor dem Massenansturm 2015 ungeschminkt und ohne didaktische Vorbehalte, manchmal wirkt die zwangsläufige Subjektivität allerdings als billige Entschuldigung für Gesetzesübertretungen. Die Sprache passt sich teilweise den reduzierten Deutsch-Kenntnissen des Ich-Erzählers an. Demgegenüber erscheint die durchaus komplizierte Roman-Konstruktion mit 17 Kapiteln und vier Einschüben etwas gewollt.

 

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/ohrfeige/978-3-446-25054-3/


Klaus Oppitz: Landuntergang (Roman 2016) **

Residenz Verlag (Salzburg / Wien 2016)

335 Seiten, 19,90 € (geb.)

 

Dies ist der zweite Teil von Klaus Oppitz‘ Dystopia Austriensis. Nachdem er mit „Auswandertag“ beschrieben hat, wie Österreicher etwa im Jahr 2030 ihr Land, das vom autoritären Kanzler Hichl und seiner Parteielite regiert wird, in Richtung der freien (!) und wirtschaftlich prosperierenden Türkei verlassen, wirft er nun (ohne die Unterstützung der Freunde von der „Tafelrunde“) einen Blick auf die innenpolitische Situation und nutzt dazu wieder die Perspektive von vier Hauptpersonen (Alwine, Emma, Pascal und Wolf). Subtile Ironie ist gar nicht die Sache von Oppitz, daher entsteht ein grelles Szenario, eines Landes, das gründlich aus den Fugen geraten ist. Der schwule Pascal ist zunächst in einer geduldeten Oppositionsgruppe („Gelbe Brigade“) aktiv. Er kommt ins Gefängnis, wird aber überraschend bald wieder freigelassen, weil er als „Regisseur eines Revolutionstheater“ - als V-Mann agieren soll. Es gelingt ihm aber die Flucht ins Mühlviertel, wo er geistiger Mentor einer Gruppe von „Waldleuten“ wird, die eine Art christliche Republik von Oberösterreich aus verbreiten wollen. Dort trifft er auf die politisch aktive Emma, die sich demonstrativ in einer Fabrik für Arbeitsscheue den rechten Unterarm während einer TV-Übertragung von der Kleidernähmaschine hat abtrennen lassen. Sie kommt zur Behandlung in das Klonlabor von Dr. Bölzer, beißt dort Bölzers Muster-Hendl namens Haider(!) den Kopf ab, erledigt Bölzer mit einem Schraubenschlüssel und montiert sich eine Gartenkralle als rechte Hand. Auf der Regierungsseite profitiert Wolferl davon, dass sein Vater führender Funktionär bei Hichl ist, bei einem selbst verschuldeten Autounfall stirbt seine schwangere Freundin Ayse (!). Anstelle einer Bestrafung durchläuft er die Grundausbildung bei der Polizei, sein erster Auftrag ist die Ausschaltung der oppositionellen Nicole Putschek durch Gurgelschnitt. Danach entbrennt um Linz ein österreichischer Bürgerkrieg, bei dem Wolferl in die Geiselhaft der Waldleute gerät. Als lebender Sprengstoffattentäter soll er den Bundeskanzler bei einer Gedenkfeierlichkeit in die Luft jagen - ob das klappt, bleibt weitgehend offen. Wer also Sinn für diese Art von Radikal-Satire hat, wer sich an der Ästhetik von fantasyartigen Splatter-B-Movies - vgl. Buchcover - mit viel Blut, Scheiß und Spänen erfreut (denn wo literarisch grob gehobelt wird, fallen letztere häufig an), wird von Oppitz reichlich bedient; wer aber etwas über den neuen Rechtspopulismus in Europa erfahren will, sollte lieber zu anderen Druckwerken greifen!

 

http://www.residenzverlag.com/?m=30&o=2&id_title=1814


Robert Seethaler: Ein ganzes Leben (Roman 2014) ****

Berlin 2014 (Hanser Verlag)

160 Seiten, 17.90 € (geb.)

 

„Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler ist ein trauriges und zugleich wunderschönes Buch. Eine ganz eigene Sprachmelodie fließt dahin, obwohl Prosa, versinkt man teilweise in lyrischen Sprechhaltungen - Assoziationen stellen sich ein, die an das Unsagbare rühren; wir sind im Kernbereich der Poesie.

Ein einfacher Mann (Andreas Egger) mit einem total entbehrungsreichen Leben, mit harter Knochenarbeit, mit vielen Schicksalsschlägen, wird doch am Ende 79 Jahre alt - und in seinem persönlichen Fazit blickt er auf ein zufriedenes Leben zurück. Ein Leben, das untrennbar mit seinem Gebirgstal verbunden ist, in dem er erfährt, wie in einer kargen Bauernwelt der Ski- und Wandertourismus-Zirkus Einzug hält und die alten Wertbezüge umstürzt.

Er bleibt am Rande und staunt, kann und will sich der Moderne aber nicht ganz entziehen, ja profitiert sogar davon, indem er seine Knecht-Rolle aufgibt und für einige Jahre Privatgäste durch sein Gebirge führt, bis ihm das aufgesetzte Getue der Städter zu bunt, ja zu blöd wird und er sich im Alter in seine einsame Holzkate hoch über dem nächsten Dorf zurückzieht.

Über wenige Monate hat er in seinen jungen Jahren eine wunderbare Liebe erfahren, die grausam vernichtet. Es ist vor allem diese kurze Liebe, die im Hintergrund immer da ist und die ihn leben und überleben lässt.

So verläuft ein einfaches, hartes, ganzes Leben, das in einer Sprache erzählt wird, die zwischen und über den Dingen schwebt und uns trotz aller Traurigkeiten irgendwie versöhnt und getröstet zurücklässt:

„Er hörte ein Geräusch, ganz nah an seinem Ohr. Ein sanftes Wispern, so als spräche jemand zu einem kleinen Kind. 'Es ist doch schon spät', hörte er sich selbst sagen und es war als schwebten seine eigenen Worte einige Augenblicke vor ihm in der Luft, ehe sie im Licht des kleinen Mondes im Fenster zerplatzten. Er spürte einen hellen Schmerz in seiner Brust und sah zu, wie sein Oberkörper langsam nach vorne sank und sein Kopf mit der Wange auf der Tischplatte zu liegen kam. Er hörte sein eignes Herz. Und er lauschte der Stille, als es zu schlagen aufhörte. Geduldig wartete er auf den nächsten Herzschlag. Und als keiner mehr kam, ließ er los und starb.“

Gast-Rezension von W. H.

 

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/ein-ganzes-leben/978-3-446-24645-4/


Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut (Roman 2016)

Carl Hanser Verlag (München 2016)

140 Seiten, 18,90 € (geb.)

 

In der Reihe von längeren Prosatexten, die sich mit der derzeitigen Flüchtlingsproblematik beschäftigen, wählt Michael Köhlmeier einen besonderen Fokus: er erzählt die Geschichte eines sechsjährigen Mädchens, und es scheint als habe er sich Büchners „Anti-Märchen“ aus dem Fragment „Woyzeck“ zum Vorbild genommen, wo die Großmutter erzählt: „Es war einmal ein arm Kind und hatt' kein Vater und keine Mutter, war alles tot, und war niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es is hingangen und hat gesucht Tag und Nacht … Und wie's wieder auf die Erde wollt, war die Erde ein umgestürzter Hafen. Und es war ganz allein. Und da hat sich's hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und is ganz allein“.

Zusammen mit ihrem „Onkel“ ist Yiza - so nennt sich das kleine Mädchen, weil sie ihren wirklichen Namen nicht kennt - in einer westeuropäischen Stadt gelandet, verliert dann aber ihren erwachsenen Betreuer. Sie irrt in der Stadt umher, schläft in einem Müll-Container, wird von der Polizei aufgegriffen und in ein Heim gebracht. Zwei ältere Jungs (Schamhan und Arian) überreden sie dort zu einer nächtlichen Flucht (und schenken ihr davor einen Fingerhut aus Messing für ihren verletzten Finger). Angeblich kennt Schamhan ein Haus, das im Winter leer steht, in dem man (über)leben kann. Yiza übernachtet mit den beiden zunächst im Winter-Wald, dann finden sie einen Heustadel. In der nahe gelegenen Siedlung brechen sie in ein Haus ein, dessen Bewohner tagsüber auf der Arbeit sind. Die Polizei findet sie aber anhand ihrer Fußspuren. Auf der Polizeistation plant Schamhan eine erneute Flucht. Ihm gelingt dies nicht, dafür aber Arian und Yiza, die sich zuerst in einem Lastwagen verstecken und auf diese Weise nach längerer Fahrt bei einem Supermarkt landen. Mit einer Plane tragen sie Lebensmittel aus dem Supermarkt und finden in der Nähe eine Villa mit Gartenhäuschen. Yiza hat Fieber, Arian will für sie sorgen; er fährt mit der U-Bahn ins Stadtzentrum und besorgt Aspirin und Lebensmittel. Nachts träumen beide, sie seien ein erwachsenes Ehepaar. Als Arian wieder einmal unterwegs ist, findet die Hausbesitzerin (Renate) das Mädchen und bringt es ins Haus. Sie will Yiza für sich als eine Art Enkelin haben: „dann leben wir zusammen … sag Oma zu mir“. Doch wenig später sieht die quasi von einer Märchen-Hexe eingesperrte und fürsorglich belagerte Yiza durchs Fenster ihren Kumpel Arian und plant eine erneute Flucht. Sie sperrt Renate in der Küche ein, holt Arian ins Haus. Als die Frau droht, die Polizei zu rufen, schlägt ihr Arian mit einem harten Gegenstand mehrfach auf den Kopf. Sie fahren mit der U-Bahn und einem gefüllten Koffer in die Stadt, finden einen Supermarkt-Einkaufswagen, in dem sich Yiza von Arian chauffieren lässt. Arian ist nun ihr „Kapitän“, der sie zu Freunden („eine Horde von Zerlumpten“) und in den Sommer bringen soll. Den Erfrierungstod des „Mädchens mit den Schwefelhölzern“ (Andersen) wird sie wohl nicht sterben

Köhlmeiers Geschichte weckt zwar Empathie beim Leser, erzeugt aber durch die letztlich distanzierte Erzählweise einen reflexiven Abstand. Es gibt keine eindeutigen Schuldzuweisungen und keinen pädagogischen Zeigefinger, vielmehr werden wir auf sprachlich gekonnte Weise mit dem fast ausweglosen Dilemma von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen konfrontiert.

 

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-maedchen-mit-dem-fingerhut/978-3-446-25055-0/


Peter Handke: Wunschloses Unglück (Erzählung 1972) ****

Suhrkamp Taschenbuch Verlag (Frankfurt/M. 1974)

105 Seiten, 6,99 € (Tb)

 

Peter Handke „erzählt“ die Geschichte seiner Mutter, die im Alter von 51 Jahren Selbstmord beging. Doch der eher kurze, sieben Wochen nach dem Tod der Mutter verfasste Text ist keine normale Mutter-Biografie, sondern eher eine Analyse von Rollenmustern und Verhaltens-Ritualen einer Frau in der Mitte des 20. Jahrhunderts in der österreichischen Provinz. Gleichzeit fragt Handke auf einer Metaebene nach der zwangsläufigen Fiktionalität von Biografien: „ist nicht ohnehin jedes Formulieren, auch von etwas tatsächlich Passiertem, mehr oder weniger fiktiv?“ Der Sprachkritiker Handke (siehe auch das Theaterstück „Kaspar“) vergleicht tastsächlich „den allgemeinen Formelvorrat für die Biografie eines Frauenlebens … mit dem besonderen Leben“ seiner Mutter. So entsteht das sensible Bild einer Frau, die mehrere Versuche des Ausbruchs unternommen hat (Lesen, Rauchen, „leichtsinniges“ Einkaufen, Urlaub in Jugoslawien), dann aber von einer Krankheit, die mit dem Begriff „Nervenzusammenbruch“ nur ungenau beschrieben ist, niedergeworfen wird. Da auch das Begräbnis nur als Ritual mit religiösen Formeln wahrgenommen wird, erwächst in dem wütenden Peter Handke „das Bedürfnis etwas über meine Mutter zu schreiben“ - und dies mit erstaunlicher Offenheit und Ehrlichkeit entgegen dem tradierten Grundsatz „de mortuis nihil nisi bene“. Handke schließt seine Erzählung mit den - nie eingelösten - Worten: „später werde ich über das alles Genaueres schreiben“.

 

http://www.suhrkamp.de/autoren/peter_handke_1738.html

http://www.suhrkamp.de/buecher/wunschloses_unglueck-peter_handke_39787.html


Sherko Fatah: Im Grenzland (Roman 2001) ****

Btb Verlag (München 2003)

189 Seiten, 9,00 € (Tb)

 

Sherko Fatah, ein deutscher Schriftsteller mit irakischen Wurzeln, der in Berlinlebt, erzählt hier die Geschichte eines Mannes, der im Grenzgebiet zwischen Irak, Iran und der Türke als Schmuggler sein Geld verdient. Das einsame Land - das „wilde“ Kurdistan - ist sein Metier, mit den Tretminen aus dem Golfkrieg kann er gut umgehen, für die Grenzsoldaten hat er stets genug Bestechungsgeld bei sich.

Doch die scheinbar so geordnete Nachkriegs-Welt des Kleinkriminellen gerät in Aufruhr. Freischärler treiben sich in den Grenzregionen herum, auch sein Sohn scheint sich einer islamistischen Kampfgruppe anzuschließen. Der Schmuggler sieht sich zwischen den Fronten, soll für den Geheimdienst Informationen über seine Routen ausplaudern. Auch sein privates Glück gerät verloren: der Sohn verlässt die Familie, seiner Frau will er nicht mehr folgen, sexuelle Verirrungen mit der Schwester werden im Rückblick sichtbar.

Die tragische Katastrophe wird schließlich auf zwei Ebenen angedeutet: der Schmuggler wird von kurdischen Freischärlern gefoltert und verwundet, sein Sohn endet beim letzten Aufeinandertreffen in einer Landmine.

Fatah beschreibt das Geschehen mit schwierigen chronologischen Sprüngen Menschen, die der Krieg aus der Spur geworfen hat, karge Landschaften, die keinen Schutz mehr bieten und Beziehungen, die vom Gefühl der Unsicherheit geprägt sind. Das Bewusstsein der Hauptperson, von der es am Anfang noch heißt „ein Nimbus umgab seine Gestalt“, schwankt zwischen Verunsicherung und Fieberträumen. Die Landminen begleiten quasi als Dingsymbole den Fortgang der Handlung, fester Boden scheint für diese Region nicht mehr zu existieren. Fatahs Sprache hat große, fast filmische Kraft, zu Recht erhielt der Roman den Aspekte-Literaturpreis.

 

https://www.randomhouse.de/Autor/Sherko-Fatah/p73717.rhd


Klaus Oppitz & Die Tafelrunde: Auswandertag (Roman 2014) ***

St. Pölten/Salzburg/Wien 2014 (Residenz Verlag)

300 Seiten, 19,90 € (geb.)

 

Klaus Oppitz verbindet eine dystopische österreichische Zukunftsvision mit einem satirisch gemeinten Paradigmenwechsel der Flüchtlingsproblematik.

Österreich ist unter dem rechtspopulistischen Kanzler Hichl aus der EU ausgetreten, hat den Euro abgeschafft und ist dadurch in eine veritable Wirtschaftskrise gerutscht. Die vierköpfige Familie Putschek - Vater Bastian, Mutter Chiara, Sohn Maximilian und Tochter Valentina (alle treten als wechselnde Erzähler auf) - ist eigentlich politisch indifferent, kommt aber mit der herrschenden Partei in Konflikt, weile das Erbe, das die verstorbene Oma der Hichl-Partei vermacht hat, für sich abzweigen wollen. Dieser Konflikt und die Arbeitslosigkeit von Vater und Sohn führen zu einer folgenschweren Entscheidung: die Putscheks wollen Österreich verlassen und in das wirtschaftlich stärkste Land der EU, in die Türkei (!) einwandern. Da aber Hichl die Grenzen dichtgemacht hat, wagen sie eine Flucht mit all den Begleiterscheinungen, die wir heute in der Gegenrichtung kennen. Burgenländische Schlepper verstecken sie in einem Lastwagen (mit Erstickungsgefahr!), auf der chaotischen Bootsfahrt von Rumänien nach der Türkei scheint Tochter Valentina tödlich zu verunglücken. Am Ende sind aber alle vier - illegal - in Istanbul und basteln an einer besseren Zukunft.

Oppitz erzählt dieses traurige Märchen aus dem Jahr 2030 (?) in einem schnoddrigen, ironiegetränkten und recht unterhaltsamen Ton. Allerdings haben sich die Autoren der Tafelrunde in zu viele Nebenhandlungen verwickeln lassen, und das finale Kapitel in der Türkei gerät zum satirischen Overkill, der eher ratlos als erkenntnisreich macht. Dass die Tochter als Hotel-Zimmermädchen eine Art Strauss-Kahn-Affäre hat, dass der Sohn als Schauspieler in türkischen Porno-Filmen mitwirkt und dass der Vater einer Tiroler Exil-Nationalbewegung beitritt, erscheint zu gewollt und im Wortsinne abwegig. Der pseudo-tragische Schluss mit zwei Toten - Selbst- und Ehrenmord - sowie einer Abschiebung passt schon gar nicht zum nonchalanten Sound der vorherigen 290 Seiten.

Mit "Landuntergang" legt Oppitz mittlerweile schon seinen zweiten Teil der österreichischen Zukunft vor.

 

http://www.residenzverlag.com/?m=20&o=2&char=O&id_author=724


Bov Bjerg: Die Modernisierung meiner Mutter (Geschichten 2016)  ***

Berlin 2016 (Blumenbar / Aufbau-Verlag)

150 Seiten, 16,00 € (geb.)

 

Das ist der Fluch der guten Tat: Wenn man (= B. B.) mit dem Roman "Auerhaus" in der Wintersaison 2015/16 einen erwärmenden veritablen Bestseller hinlegt, der wohl bald in die multimedialen Fußstafen von Wolfgang Herrnsdorfs "Tschick" treten wird, dann animiert man den Verlag dazu, auch noch mal die große Schublade mir älteren Texten in Buchform zu gießen. So enthält der vorliegenden Band "Best Of Bov" - oder etwas weniger spektakulär ausgedrückt: Vermischtes aus den letzten 20 Jahren, in denen Bjerg vor allem auf kultigen Lesebühnen reüssierte oder auch einen MDR-Literaturpreis einheimste. Es sind auf 150 Seiten 22 Geschichten und acht Mini-Texte versammelt, denen die Blumenbar-Layouter eine schicke Auto-Verkehrs-Symbolik als Ordnungsprinzip und als grafisches Leitbild verpasst haben. Die erste Textgruppe enthält Geschichten aus der schwäbischen Dorf-Idylle, zahlreiche Motive wurde in "Auerhaus" wieder aufgegriffen (die Mutter als Verkäuferin, der Auschwitz-Apotheker, das Münzalbum des Onkels, die Irren aus der Nervenheilanstalt und die Lust am Ladendiebstahl). Das zweite Kapitel markiert wohl eher Bjergs Zeit in Berlin und seine Nebenverdienste als Fabrikarbeiter oder als Serien-Horoskop-Schreiber. In der dritten Abteilung geht es dann quer durch Deutschland und mit der prämierten Kurzgeschichte "Howyadoin") sogar nach USA. In der Erzählung von einer Reise zu einer Lesung nach Frankfurt (die aber dann wegen 9/11 2001 abgesagt wird) verrät Bov Bjerg ganz nebenbei sein Erfolgsrezept: er schreibe Geschichten, "die die Grenze vom geselligen Witz zum einsamen Wahnsinn gerade noch nicht überschritten hatten". Mit seinem Roman-Erstling "Deadline" (2008) hatte Bjerg diese Grenze eindeutig übertreten: die Folge war, dass der Roman (leider) in der Versenkung verschwunden ist. Ein munterer Meta-Gag krönt die letzte Geschichte mit dem Titel "Die beste Geschichte". Dieses angebliche Meisterstück geht zunächst verloren, wird dann doch auf merkwürdige Weise wiedergefunden, schafft aber nicht den Weg in die neueste Textsammlung. Schade!

 

http://www.bjerg.de/

http://www.blumenbar.de


Bov Bjerg: Auerhaus (Roman 2015)****

Berlin 2015 (Blumenbar / Aufbau Verlag)

236 S., 18,00 € (geb.)

 

Das ist die Geschichte einer überraschenden Erfolgsgeschichte. Nachdem Bov Bjerg (merkwürdiges Pseudonym - eigentlich heißt er Rolf Böttcher) mit seinem Roman-Erstling „Deadline“ (2011) bestenfalls den 7. Platz in der Arno-Schmidt-Epigonen-Hitparade erreicht hat, startet er mit Auerhaus voll durch, wird von allen (!) Mitwirkenden des Literarischen ZDF-Quartetts hoch gelobt und etabliert sich über mehrere Wochen in der SPIEGEL-Bestsellerliste. Und dieser Erfolg ist verdient, denn Bjerg legt hier einen eindrucksvollen, knappen, nie bemüht wirkenden Text vor, der vollkommen klischeefrei das Leben von sechs ca. 18jährigen Jugendlichen (vier davon stehen kurz vor dem Abitur) in der schwäbischen Provinz nahe Stuttgart in den frühen 1980er Jahren erzählt. Das Sextett findet sich teilweise zufällig zu einer sehr lebendigen WG in einem alten Bauernhaus zusammen, das als „Auerhaus“ bezeichnet wird, nachdem der Nachbar den Song der Gruppe Madness („Our House“), der häufig und laut auf dem Kassettenrecorder läuft, so eingedeutscht hat. Jeder trägt seine Probleme mit sich herum: am schlimmsten steht es um Frieder, der einen Selbstmordversuch hinter sich hat und mit dem „normalen“ Leben nur schwer zurechtkommt; der Ich-Erzähler hat Ärger mit dem Freund seiner Mutter, will sich nicht recht auf die Schule konzentrieren und sucht nach Fluchtmöglichkeiten vor der Bundeswehr (West-Berlin?); Pauline kommt als notorische Brandstifterin aus der Nervenheilanstalt und findet bezeichnenderweise einen Platz im Heuboden des Auerhauses; Harry ist ein Drogendealer und Bahnhofs-Stricher, der vom eigenen Vater nach seinem Coming Out verprügelt wurde; dazu ziehen noch Vera und Cäcilia ein, die teilweise für Beziehungs-Verwirrungen sorgen bzw. doch wieder auf die bürgerliche Karriere-Schiene abspringen. Für alle aber ist das Auerhaus ein knappes Jahr lang ein Ort der Geborgenheit, der Selbstbestimmung, der neuen Freiheit - leider mit der absehbaren Zukunft, dass dieses Leben nur eine glückliche Momentaufnahme sein wird. „Wir hatten immer so getan, also ob das Leben im Auerhaus schon unser richtiges Leben wäre, also ewig“ (S. 214). Nach mehreren Konflikten mit der Polizei steuert der Roman zielsicher auf ein Unhappy End zu. Bjerg lässt die ganze Geschichte seiner Ich-Person erzählen, diese bedient sich einer unprätentiösen, lakonischen Jugendsprache, die jedoch niemals aufgesetzt oder bemüht wirkt. Somit lesen sich die 236 Seiten einfach gut. Egal.

 

http://www.bjerg.de/

http://www.auerhaus.de/


Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen (Roman 2015) ****

München 2015 (Albrecht Knaus Verlag)

350 Seiten, 19,99 € (geb.)

 

An dem Thema, das derzeit täglich in den Medien verhandelt wird - meist in Form von lautstarken, aber weniger inhaltsstarken Polit-Talk-Shows -, kann auch die „schöngeistige“ Literatur nicht vorübergehen. Und so hat sich auch Jenny Erpenbeck sichtlich beeilt, um einen Roman zur Problemstellung „Flüchtlinge“ bieten zu können. Dabei benutzt sie eine auf den ersten Blick verwunderliche narrative Methode: ihre Hauptperson ist Richard, ein soeben emeritierte Professor für Klassische Philologie an der Humboldt-Universität - also ein geradezu idealtypischer Bewohner des bildungsbürgerlichen Elfenbeinturms -, der allein in einem idyllisch gelegenen Haus am See bei Berlin lebt. Auf den ersten Seiten fühlt man sich fast in einen späten Roman von Martin Walser verschlagen (z. B. „Brandung“), dann aber wird Richard mit der Aktualität konfrontiert: im Fernsehen erfährt er von einer Protestaktion schwarzafrikanischer Flüchtlinge, die am Kreuzberger Oranienplatz mit einem Zeltlager und Hungerstreik auf ihre missliche Situation aufmerksam machen wollen („We become visible“). Dies ist der Anlass für Richard, der ja nun genügend Zeit hat, ein neues „Projekt“ zu starten. Er will sich über die Lage der Flüchtlinge informieren und deren Fluchtgeschichten durch Interviews erfahren. Damit kommt er in Kontakt mit Raschid, Ithemba, Osarobo, Rufu, Karon und einigen anderen mehr. Gleichzeitig erlebt er die Sackgassen des deutschen Asylrechts zwischen Dublin-Vertrag, Duldung, Arbeitsverbot und Abschiebeandrohung. Bald entschließt er sich zu dem alltagspraktischen Ansatz der direkten Hilfe: er lässt ein paar Flüchtlinge in seinem Garten arbeiten, lädt sie zum Klavierspielen und zum Weihnachtsessen ein, kauft ihnen Winterpullover und finanziert Arztbesuche oder sogar ein Grundstück in Ghana, damit die dort lebende Familie eine Existenz schaffen kann. Als er zwischendurch zu einem Seneca-Colloquium nach Frankfurt eingeladen wird, stellt sich ihm die Frage: „Ist das noch sein Leben?“ Doch die privat praktizierte Willkommenskultur erlebt auch Rückschläge, z. B. einen Einbruch in sein Haus - möglicherweise durch einen der Asylsuchenden. Und als die Flüchtlinge ihre Abschiebeaufforderung erhalten, bekommt die Konjugation aus dem Deutschunterricht („gehen, ging gegangen“) eine tragische Realität. Doch Richard lässt sich nicht beirren, am Ende wird sein großes Haus sogar zur genehmigten Heimunterkunft, in dem er seinen Geburtstag feiert.

Dass hier von Jenny Erpenbeck eigene Recherchen einem fiktiven Protagonisten in die Schuhe geschoben werden, erlaubt einen manchmal interessanten Perspektivenwechsel. Dennoch erscheint der Roman an manchen Stellen noch überarbeitbar, einige Motive (etwa der Tote im See) laufen leer, einige Geschichten aus dem deutschen Freundeskreis werden nur vordergründig kontrastiert. Dennoch enthält der Roman nachdenkliche Reflexionen („Wohin geht ein Mensch, wenn er nicht weiß, wo er hingehen soll“) zur aktuellen Debatte und schaffte es in die Longlist des Deutschen Buchpreises 2015.

 

http://www.randomhouse.de/Buch/Gehen,-ging,-gegangen/Jenny-Erpenbeck/e336327.rhd

http://www.deutscher-buchpreis.de/nominiert/


Merle Kröger: Havarie (Roman 2014) **

Hamburg 2015 (Argument Verlag)

228 Seiten, 15,00 € (geb.)

 

Ein großes Programm hat sich Merle Kröger für ihren neuesten Roman, der fälschlicherweise der Gat­tung „Kriminalroman“ zugeordnet wird, vorgenommen: „Ein Meer, vier Schiffe, elf Wirklichkeiten“. Das Meer ist das Mittelmeer zwischen Algerien und Spanien, die vier Schiffe sind ein großes Kreuzfahrtschiff mit dem beziehungsreichen Namen „Spirit of Europe“, ein spanischer Seenotkreuzer, ein ukrainischer Frachter und ein Schlauchboot, das mit algerischen Flüchtlingen unterwegs ist. Die elf Wirklichkeiten sind elf Hauptpersonen, deren individuelle Schicksale in dieser Situation vorgeführt werden. Man erlebt auf dem Kreuzfahrtschiff z. B. die Security-Angestellte Lalita Masarangi aus Indien, den Bordmusiker Joseph Quezon von den Philippinen, den 1. Offizier León Moret, den nordirischen Passa­gier Seamus Clarke und die Rollstuhlfahrerin aus Ham­burg, Sy­bille Malinowski. Auf dem Schlauchboot, das nachts in Algerien startet, befindet sich Karim Yacine, der schon fünfmal ein Boot gen Spanien gesteuert hat und nun selbst im hoffnungsvollen Europa ankommen will. Das nebelver­hangene Aufeinandertref­fen dieser beiden Fahrzeuge bildet den Höhepunkt des Romans, der somit ein höchst aktuelles Thema als eine Art Doku-Fiction transportiert. Leider verzet­telt sich die Autorin in der Vielzahl der Einzelschicksale, die auch alle noch eine problematische Vorge­schichte haben. So packt sie in diesen Text nicht nur die aktuelle Flüchtlingskrise sondern auch noch den Ukraine-Konflikt, den Algerien-Krieg, den Syrien-Krieg, den Religionskrieg von Nordir­land, die sozi­alen Unruhen auf den Philippinen, ja sogar den Un­tergang der „Wilhelm Gustloff“ 1945 im Zusammenhang mit der Ver­treibung der Deutschen aus den früheren Ostgebieten. Merle Kröger hat eifrig Wikipedia studiert, um all diese Problembe­rei­che halbwegs sachkundig einzubauen - aber: zu viel ist zu viel. Darüber hinaus ist auch der Sprachstil sehr gewöh­nungsbedürftig, er versucht offensichtlich, das hekti­sche Schnitttempo heutiger Video-Clips in einen Prosatext zu übernehmen. Typische Textprobe gefällig? „Siobhan, Cargo Ship. Die Chaoten von gestern Nacht, liegen in Cartagena, als könnten sie kein Wässer­chen trüben. Weiter. Nichts Auffälliges. Schuhe. Wo sind die scheiß Schuhe? Blick in den Spiegel. León, müde, verwuschelt. León, Strandkind. Grüne Augen. Grü­nes Meer. Leon, Aussteigerkind. Schweigendes Abendessen am Holztisch. Sein Vater Georges mahlt mit den Kiefern. Fanatischer Umweltschützer. Ge­ologe. Hat ein Verfahren entwickelt, wie man aus alten Neonröhren Seltene Erden recyceln kann. Einzi­ges Geräusch das Schmatzen von Fabien. Großer Bruder. León schneidet Grimassen vor dem Spiegel. Lächeln, León. León Moiret. Erster Offizier. Immer im Dienst. Contenance!“ (S. 37) Infotainment und Satzbau für BILD-Le­ser! Sehr anstrengend!

PS: Über die Begegnung der Schiffe entstand nach dem Roman ein Film, der unter dem gleichen Titel im Forum-Programm der Berlinale gezeigt wurde (Regie: Philip Scheffner).

 

http://merlekroeger.de/de

http://www.argument.de/belle_index.html?/ak/ak_index.html

http://havarie.pong-berlin.de/de/9/news


Daniel Goetsch: Ein Niemand (Roman, 2016) ***

Stuttgart 2016 (Klett-Cotta)

222 Seiten, 18,95 € (geb.)

 

Die bekannte Psycho-Frage „Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?“ beantwortet Daniel Goetsch in seinem neuen Roman für seine Hauptperson widersprüchlich: niemand, einer oder zwei? Denn im Dezember 2007 sitzt in den Räumen der Flughafenwache Berlin-Tegel ein Mann, der seine Identität nicht eindeutig klären kann. Ist er der deutsche Staatsbürger Tom Kulisch oder der Rumäne Ion Rebreanu? Diese verwirrende Ausgangssituation wird dann durch mehrere Rückblenden in die Vergangenheit ansatzweise aufgeklärt. Tom Kulisch, der nach der Trennung von seiner langjährigen Freun­din Julia in der Berliner Wohnung eines Studienfreunds lebt und mit seiner Arbeit als Übersetzer von Bedienungsanleitungen recht un­zufrieden ist, wird plötzlich Augenzeuge eines Verkehrsunfalls, bei dem ein Mann von einem Lastwagen tödlich umgefahren wird. Die Frage der Notärztin, ob er der Bruders des Toten sei, beantwortet er unergründlich mit „Ja“. Dadurch kommt er in den Besitz eines Passes, einer Bahnfahrkarte nach Prag und eines Wohnungsschlüs­sels. Und damit wandelt er sich - wohl auch aufgrund einer Ähn­lichkeit des Aussehens - zu Ion Rebreanu. Er selbst sieht sich als einen „Niemand, und das war unglaublich befreiend“. Doch die ersten Kontakte in Prag - und dann später in Bukarest - ergeben, dass er sich auf eine nicht unproblematische Identität eingelassen hat: „bevor ich es begreifen konnte, war ich in eine fremde Biographie verstrickt“. Denn der tote Ion stammt aus einer Familie von Schweizer Exil-Rumänen, die den Fängen Ceaucescus entflohen waren und in Zürich über die Möglichkeiten eines Dritten Wegs zwischen Staats-Sozialismus und Kapitalismus nachdachten. Dabei kommt auch ein myste­riöser J. C. Schwartz ins Spiel, der die Regimekritiker im Ausland im Dienste der Securitate wohl ausspio­nieren wollte, dem Ion auf der Spur war und der möglicherweise einen Killer auf Ion angesetzt hatte. So balanciert sich der Roman teilweise recht hermetisch als psychologisch fundierter Polit-Thriller zu einem eher banalen Ende: da ab dem 1. Januar 2008 Rumänien Mitglied der EU ist, darf Tom/Ion ohne weitere Fragen die Flughafenwache verlassen.

Der in Berlin lebende Schweizer Daniel Goetsch (geb. 1968) legt mit diesem Text eine ausgeklügelte Erzählkonstruktion vor, die passagenweise fesselt. Ein Manko ist allerdings nicht zu übersehen: das Thema wirkt etwas obsolet!

 

http://danielgoetsch.com/

http://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Ein_Niemand/70018

http://volksbuehne-berlin.de/praxis/lesen_daniel_goetsch_ein_niemand/


Ludwig Laher: Verfahren (Roman, 2011) ****

Innsbruck/Wien 2011 (Haymon Verlag)

170 Seiten, 19,90 € (geb.)

 

Schlag nach bei Kafka: In seiner wohlbekannten Parabel steht ein Mann vom Lande „vor dem Gesetz“, doch der Furcht einflößende Türhüter verwehrt ihm den Eingang, sodass er schließlich nach langem Warten verstirbt. Ähnlich in Ludwig Lahers nach wie vor höchst aktuel­lem Roman „Verfahren“: hier ist es die jüngere Ko­sovo-Serbin Jelena Savicevic, die in Österreich um Asyl wirbt, je­doch auf dem langen Rechtsweg zu scheitern (sich zu „verfahren“) droht. Laher hat aus einem gut recherchierten Fall mit veränder­ten Namen einen vielschichtigen, manchmal sogar spannenden Doku-Roman geschaffen, der dazu zwingt, sich mit den Dilemmata des europäi­schen Asylrechts auseinanderzusetzen. Jelena war ein Opfer des Nationalitätenkonflikts auf dem Balkan, ihr Elternhaus wurde von Albanern abgefackelt, sie selbst wurde entführt und tagelang ver­gewaltigt. Nach einem missglückten Selbstmordver­such empfiehlt ihr der Arzt in der Psychiatrie, nur ein grundlegen­der Ortswechsel sei eine Rettung aus ihrer Lage. Über Budapest schafft sie es an die ungarisch-österreichische Grenze, die sie ille­gal überquert; danach stellt sie 2006 einen Asylantrag. Der wird abgelehnt, es kommt zu einer Berufung, deren Ende in dem Roman nicht mehr dargestellt wird. Warum eigentlich nicht? Laher schreibt doch auf S. 164: „Wir wollen, dass es ausgeht. Ob gut oder schlecht, das ist zweitrangig.“

 Der Autor möchte die Problematik aus mehreren Perspektiven beleuchten und hat so drei Parallel­handlun­gen eingefügt. Zum einen schiebt er Kapitel ein, die die Situa­tion am Asylgerichtshof schildern und die vor allem aus Interviews mit einem dortigen Richter (Dr. Zell­weger) resultieren. Diese Gespräche wer­den essayistisch ergänzt und führen schließlich zu Mängeln des Verfahrens („strukturelle Defizite“), letztlich aber zu dem grundlegenden Spannungsverhältnis zwischen Humanität und den Formalien des Rechtsstaats. Wie man zwischen diesen beiden Werten angesichts einer krisenhaften Gesamtsituation vermitteln kann, beantwortet natürlich auch dieser Roman nicht. Etwas gewollt erscheint die zweite Parallelhandlung, die Geschichte des jüdischen Arztes Kurt Lippmann, dessen Eltern 1938 aus Österreich nach England emigrieren und damit ihr Leben retten konnten. Der mittlerweile in Kanada lebende be­tagte Lippmann spendet aus innerer Verpflichtung Geld für österreichische Asyl(be)werber (auch für Jelena), damit diese in der Lage sind, den langwierigen Rechtsweg durchzuhalten. Das erste und das letzte Kapitel berichten schließlich von einer Demonstration gegen die österreichische Innenministerin, bei der zwei junge Männer scheinbar willkürlich verhaftet und später verurteilt wer­den. Natürlich er­greift Laher Partei, aber sein Roman ist dennoch eine differenzierte und nachdenkenswerte Anmerkung zur Lage. Die sachliche und manchmal protokollartige Sprache (teilweise verblüffend ähnlich den im Original zitierten Texten aus dem Verfahren!) trägt zu diesem Befund bei.

Die (Nürnberger) Tageszeitung vom 25.1.2016 beweist die Aktualität von Lahers Fall: „seit über einem Jahr kämpft eine Albanerin, mit ihren Töchtern Asyl zu bekommen, sie fürchtet in ihrer Heimat Blutra­che … zurück will Blerina in keinem Fall, mehrfach hat sie Suizidgedanken geäußert …“

 

http://www.ludwig-laher.com/index2.htm

http://www.haymonverlag.at/page.cfm?vpath=buchdetails&titnr=680


Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

(Roman, 2015)    ***

Köln 2015 (Kiepenheuer & Witsch)

348 Seiten, 21,99 € (geb.)

 

Joachim Meyerhoff ist ein vielbeschäftigter und höchst erfolg­reicher Schauspieler: am Wiener Burgtheater wird er als einge­bildeter Kranker Argan, als Kreon und als Danton gefeiert, in Hamburg rühmt man sein komödiantisches Talent als Arnolphe in Molieres „Die Schule der Frauen“. Doch damit nicht genug - mit dem dritten Teil seiner Autobiografie („Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“) belegt er Top-Platzierungen in der Bestsellerliste, seine Lesungen aus diesem Roman (in Hamburg und in Berlin) sind lange vorher ausverkauft. Wer wagt es also, gegen diesen Mann zu mäkeln? Die Jury des Ingeborg-Bach­mann-Wettbewerbs in Klagenfurt tat es 2013 - und hier soll es auch ein bisschen versucht werden. Das Positive vorweg: Meyerhoff ist ohne Zweifel ein fesselnder Erzähler (besonders wahrscheinlich, wenn er seine Texte auf der Bühne vorträgt), der es locker schafft, die ca. vier Jahre (1989 - 1993), die er als Schüler der Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München verbracht hat, auf knapp 350 Seiten auszubreiten. Dabei er­weist sich die Schule gar nicht als Haupt-Erinnerungs-Thema, sondern vielmehr die Großeltern (die Schauspielerin Inge Birkmann und der Philosoph Hermann Krings), in deren Villa er während dieser Zeit wohnte. Über diese beiden barocken und originellen Persönlichkeiten versammelt Meyerhoff eine breite Folge von putzigen Episoden, die die Schrulligkeit und Kapriziosität der älteren Herrschaften bis zu deren Tod illustrieren. Demgegenüber sind seine Reminiszenzen an die Schauspielschule eher zwiespältig: er erlebt sich als jungen Eleven, der sich auf der Bühne lieber hinter Kostümen versteckt als das eigene Innerste hervorzukehren. Als heutiger Star-Akteur schildert er also etwas selbstverliebt seine problemati­schen Anfängerjahre („narzisstisches Overacting“ nannte das Christoph Schmidt in der SZ). Permanente Zweifel an dem möglichen Beruf sind die Folge. Hier wären Ansätze für Vertiefungen, grundsätzliche Reflexionen gewesen, doch Meyerhoff zieht es vor, humorige Situationen auszubreiten und munter drauflos zu fabulieren. So bewegt sich dieser „Künstlerroman“ vorwiegend an der Oberfläche, obgleich doch viele Stationen die Möglichkeit eröffnet hätten, sprachlich und inhaltlich tiefer zu graben. Dies aber muss wohl letztlich der Grund für den phänomenalen Erfolg sein!

PS.: Ein vierter Teil über die ersten Engagements in Kassel und Bielefeld scheint schon in der Produktion zu sein.

 

http://www.kiwi-verlag.de/buch/ach-diese-luecke-diese-entsetzliche-luecke/978-3-462-04828-5/


Martin Horváth: Mohr im Hemd

oder Wie ich auszog, die Welt zu retten (Roman, 2012)   ****

München 2014 (btb Verlag)

345 Seiten, 9,99 € (Tb)

 

Der österreichische Schriftsteller und Musiker Martin Hor­váth dürfte einer der ersten sein, der sich dem Thema Flüchtlingswelle nach Europa auf belletristische Weise an­nimmt. Sein Romandebüt präsentiert sich dabei als meist gelungener Versuch, einerseits durch einen schelmenhaf­ten Ich-Erzähler ironische und sprachwitzige Töne anzu­schla­gen, andererseits durch die Berichte über Einzel­schicksale auch Betroffenheit zu erzeugen. Im Mittelpunkt steht der allwissende Ali (oder auch: Dr. Idaulumbo?), von dem wir aber nicht genau wissen, ob er 15 oder 51 Jahre alt ist, wie er wirklich heißt, woher er genau nach Öster­reich gekom­men ist, warum er alle Weltsprachen perfekt beherrscht und wie er es schafft, die vielfältigen Gescheh­nisse in dem Wiener Asyl(be)werberheim zu beobachten. Jedenfalls fa­buliert er schwungvoll über seine Mitbewoh­ner, die UMFs (unbegleitete minderjährige Flüchtlinge) Kamal, Djaafar, Yaya, Djamila, Omatu, Murad, Nico­leta, Nino usw. Gleichzeitig sehen wir ihn als unglücklichen Liebhaber der Damen Mira, Sibel und Isabel und als poly­glotten Übersetzer für die Hausverwaltung. Als die Polizei zum ersten Mal mit Schutzhaft- und Abschiebebefehlen in das Wohnheim einrückt, nistet sich eine neue Mitbewohnerin ein, „sie heißt Angst“. Doch Ali bleibt offensiv, gründet ein Revolutionskomitee und schmiedet diverse Aktionspläne (z. B. die Entführung der Abschiebeministerin). Zunehmend vermischen sich am Ende der 25 Kapitel er­zählte Realität und Traumwelt, der Epilog zeigt die verbliebenen Flüchtlinge zunächst gefesselt und geknebelt in der Ringstraßen-Straßenbahn, dann spricht ein Mann mit Schnauzer (!) am Heldenplatz: „Das Ende der Zeiten ist gekommen … Gott bestraft die Menschen für all ihre Freveltaten“.

Michael Horváth (48), der zu dem Thema ausführlich recherchiert hat, überschreitet mit seinem Roman zwar die Obergrenze von 300 Seiten, außerdem kommt er aus einem sicheren Drittstaat (Österreich). Dennoch sollte die Duldung im Bücherregal ausgesprochen werden!

 

http://www.randomhouse.de/Autor/Martin-Horvath/p440023.rhd


Robert Seethaler: Der Trafikant (Roman, 2012) *****

 

Die Literaturgeschichte ist reich an Adoleszenzromanen, somit muss sich Robert Seethalers Protagonist, der 17jähriger Franz Huchel, z. B. mit dem Zögling Törleß (Robert Musil) oder mit Hans Giebenrath (Herrmann Hesse) messen - und er besteht diesen Vergleich mit Bravour. Wir erleben fasziniert die Geschichte eines Jungen vom Land (er kommt aus dem verschlafenen Nußdorf am Attersee), den seine allein erziehende Mutter 1937 in die große Stadt Wien schickt, damit er dort bei einem Bekannten als Trafikanten-Lehrling arbeitet. Hier wird nun Franz nicht nur mit der ersten beruflichen Herausforderung sondern auch mit der ersten Liebe, der ersten Begegnung mit einer modernen Wissenschaft und mit massiven politischen Umwälzungen konfrontiert. Einerseits ist Franz von der Hektik der Großstadt irritiert, andererseits kann er aber mit seiner „natürlichen“ Beobachtungsgabe vieles treffend einordnen. Dazu ist es hilfreich, dass er gleichzeitig mit seiner ersten problematischen Liebesbeziehung zu der Varieté-Tänzerin Anezka in der Trafik den Psychologen Sigmund Freud kennenlernt. Die Gespräche mit ihm sind zwar aufschlussreich, enthüllen aber auch mit zarter Ironie die Grenzen der modernen Psychoanalyse. Immerhin entschließt sich Franz dazu, Kurznotizen seiner nächtlichen Träume ans Fenster der Trafik zu kleben. Die Machtübernahme der NSDAP in Österreich erfährt Franz an drei Handlungslinien: sein Chef, der Trafikbesitzer Otto Trsnjek, wird grundlos verhaftet, später erhält die Nachricht von seinem Tod in der Untersuchungshaft. Anezka, der er mit jugendlichem Liebesfeuer nachstellt, wirft sich an den Hals eines NS-Mannes. Und Sigmund Freud kündigt an, er werde morgen Österreich verlassen und nach England ausreisen. Mit der naiven Unschuld des jungen Mannes ist es nun endgültig vorbei, in einem letzten Akt von politischer Bewusstwerdung montiert Franz nachts vor dem Gestapo-Hauptquartier die NS-Fahne ab und lässt stattdessen die Hose von Otto im Wind flattern („wie ein Zeigefinger“). Am nächsten wird er abgeholt, doch sein letzter Traumzettel vom 7. Juni 1938 überlebt den 2. Weltkrieg: „Der Riss ging mitten durch das letzte Wort“. Robert Seethaler kann unprätentiös erzählen, pflegt einen angenehmen Stil der romantischen Ironie und verweist mit scheinbar banalen Episoden auf den Riss der in dieser Zeit durch Europa ging.


Kai Weyand: Applaus für Bronikowski (Roman, 2015) **


Bei seinem zweiten Romanversuch bemüht sich Kai Weyand auf 188 Seiten um ein Klima der Skurrilität, des Absurden und der sprachspielerischen Reflexion. Hauptperson ist der etwa 30jährige Nies - er nennt sich NC (Kürzel für no canadian) -, dessen Eltern, als er 13 war, nach Kanada ausgewandert sind, wobei sie ihn und seinen älteren Bruder allein zu Hause ließen. NC wird zum karrierescheuen Passanten und Gelegenheitsarbeiter, der sich schließlich bei einem Bestattungsinstitut als Bestattungshelfer bewirbt. Dort erlebt er zum einen neue Blicke auf den Tod, zum anderen passieren ihm bei zwei Leichen drastische Fehler. Für Frau Landgraf will er eine "poetische" Seebestattung organisieren und den alten Schauspieler Bronikowski muss er im Sarg die steile Treppe hinunterstoßen, da sein Mitarbeiter, der Kasache Victor, wegen einer Muschel-Allergie ausfällt. Neben seiner beruflichen Tätigkeit hat er noch punktuelle Kontakte mit dem Schüler im Bus (Marcel), mit der Bäckereifachverkäuferin (Maria) und mit dem alten Mann samt dreibeinigem Hund November (der Hund hat so viele Beine wie sein Name Silben!?). All dies mag passagenweise recht originell sein, es fehlt jedoch der erzählerische Faden, das klare Thema und das narrative Anliegen. So hinterlässt der Roman nur einen faden Nachgeschmack und diverse Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Lektüre. Wer Lust auf Abwegiges hat, kann ja mal ein rohes Ei oder eine Tomate auf den Buchdeckel werfen!?


Hermann Broch: Die Schlafwandler (Romantrilogie, 1928 - 1932) *****

 

Thomas Bernhard hat die Lektüre empfohlen, Norbert Gstrein ebenfalls und der Autor Hermann Broch spricht in einem vollmundigen Selbstkommentar (1932) von einem Markstein und einem Wendepunkt der deutschen Erzählkunst. Grund genug also sich diesem umfangreichen Werk zu nähern, um am Ende beeindruckt festzustellen, dass es Broch gelungen ist, an drei / vier Hauptpersonen und ihren Schicksalen den gesellschaftlichen Wandel von der ausklingenden Romantik des späten 19. Jahrhunderts zur sogenannten Sachlichkeit der Epoche nach dem 1. Weltkrieg darzustellen. Zudem leistet die Trilogie auch in der sprachlichen Methode eine Exemplifizierung des Wandels vom poetischen Erzählen zum Unordnungsprinzip des modernen Romans: es wirkt, als habe Broch seine Feder zunächst von Theodor Fontane und später von Karl Kraus leiten lassen.

Der erste Teil führt uns an dem Premierleutnant Joachim von Pasenow den obsoleten Wertekodex des ostpreußischen Landadels und des Militärs vor, der wie eine romantische  Monstranz vor sich hergetragen wird, obwohl er - wie am Beispiel des Duells nachgewiesen wird - nicht mehr in ein aufgeklärtes Zeitalter passt. Wer einmal "Effi Briest" aus der Perspektive eines Mannes lesen will, ist mit "Pasenow oder die Romantik" bestens unterhalten.

Im Mittelpunkt des zweiten Teils steht der kaufmännische Handlungsgehilfe August Esch, der die Jahrhundertwende als verstörend erlebt: "alles geht durcheinander". Die Arbeiterbewegung wird unterdrückt und ihre Führer werden kaserniert. Er selbst sieht sich zu Unrecht entlassen und entschließt sich nach Kontakten mit Personen aus der Revuetheater-Branche zur Organisation von Damenringkämpfen. Tatsächlich erlebt er diese ungeordnete Welt als Spielfeld des Antichrist und phantasiert einen Erlöser herbei. Das Fazit von "Esch oder die Anarchie" ist aber eher resignativ: Wir haben hier auf Erden alle "auf Krücken unseren Pfad zu gehen".

Die Verwerfungen am Ende des 1. Weltkriegs - jene letzten Tage der Menschheit - ranken sich im dritten Teil um die Figur des Deserteurs Wilhelm Huguenau, der sich in einem Städtchen nahe der Mosel niederlässt und dort mit fragwürdigen geschäftlichen Tricks eine Wochenzeitschrift erwirbt. Die beiden Hauptfiguren der vorherigen Romane tauchen als Exponenten gesellschaftlicher Strömungen hier noch einmal auf. Huguenau repräsentiert den "zweckmäßig" und "wertfrei" handelnden Geschäftsmann, der im Wesentlichen die eigenen finanziellen Interessen verfolgt. Mit Opportunismus und taktischem Geschick laviert er sich durch die Wirrungen des revolutionären Oktober / November 1918, um am Ende als gutbürgerlicher Ehemann ein nicht mehr weiter berichtenswertes Leben zu führen. Mit "Huguenau oder die Sachlichkeit" sprengt Broch gleichzeitig die Formen des einsträngigen Erzählens, längerer Passagen sind philosophische Essays des Dr. Bertrand Müller über den Zerfall der Werte, einem ca. 400jährigen Prozess der Auflösung des christlich-platonischen Weltbildes durch das ambivalente Prinzip der Rationalität (Horkheimers "Dialektik der Aufklärung" lässt grüßen!). In jenem Bertrand findet sich auch der heimliche Held der gesamten Trilogie, der als Vorläufer der jeweiligen Zeitentwicklung fungiert.

Die Trilogie lässt sich als intensives zusammenhängendes Gedankenwerk lesen, es ist aber auch möglich, die einzelnen Teile gesondert auf sich einwirken zu lassen. In jedem Fall gelingt es Hermann Broch jenen eigentlichen Bereich der Literatur, den Bereich des irrationalen Erlebens zwischen realem Geschehen und Traumhaftigkeit (daher auch der Gesamttitel) eindringlich zu vermitteln.


Patrick Modiano: Place de l'Étoile (Roman, 1968)

 

Modianos Erstlingswerk, mit 23 Jahren geschrieben, in Paris 1968 veröffentlicht, in Deutschland erst 2010 in Übersetzung erschienen.

Die Lebensgeschichte von Raphael Schlemilovitch (Peter Schlemihl lässt grüßen!), ein Feuerwerk an Erlebnissen, Gedanken und Ideen vor, im und nach dem Zweiten Weltkrieg. Die fiktive Autobiographie eines jüdischen Chamäleons zwischen Anpassung, Kollaboration und Widerstand. Gleichzeitig eine Tour d'Horizon durch die deutsch-französiche Literatur- und Ideengeschichte der letzten Jahrhunderte - am Ende liegt er bei Sigmund Freud auf der Couch. Ein virtuoses Spiel mit antijüdischen und projüdischen Klischees (der Roman ist wohl auch aus Political-Correctness-Gründen so spät in Deutschland erschienen), bei dem man sich nie sicher fühlen kann - ungesagte und gedachte Meta-Ebenen schwingen immer mit.

Gleichzeitig ein expressionistischer Jugendroman mit ungeheurer Ausdrucksbreite, der manchmal ins Dadaistische abkippt. Literatur, Liebe, Frauen, Geld, Verrat und Treue, die Elemente der conditio humana, drehen sich in immer neuen Windungen, so dass dem Leser schwindelig wird.

Ein Roman, der wunderbar zur Hitze dieses Sommers passt - Vorsicht, man kühlt aber nicht ab dabei.

 Jean-Luc Bannalec: Bretonische Verhältnisse - Ein Fall für Kommissar Dupin (Roman, 2012)

 

Die Unterscheidung von E- und U-Literatur ist ja so eine Sache  ... Hier haben wir jedenfalls einen wunderbaren Sommerkrimi, in dem man viel über das französische "savoir vivre" und die sturen Bretonen im Besonderen erfährt.

Gleichzeitig ein wirklich spannender Roman, in dem es um die geniale Fälschung eines Bildes von Gauguin geht - so viel darf man verraten. Gauguin hat übrigens am Ende des 19. Jahrhunderts wirklich in einer Künstlerkolonie in dieser wunderbaren Ecke der Bretagne einige seiner berühmtesten Werke geschaffen. Darauf einen Lambig (Auflösung im Buch)!

Gastrezensionen von Wolfgang Herbst


Peter Stamm: Agnes (Roman, 1998) *****

 

Eine Begegnung, eine Bekanntschaft, eine Liebesbezie­hung, die aber schon von Anfang an das Scheitern in sich trägt; davon erzählt Peter Stamm in seinem sprachlich "leisen", stilistisch minimalistischen Debütroman, der mit dem Ende beginnt: "Agnes ist tot". In 36 knappen Kapi­teln entfaltet sich das Verhältnis zwischen dem Ich-Erzähler, einem Verfasser von Sachbüchern, und Agnes, einer Phy­sik-Doktorandin an der Universität Chicago. Es beginnt mit Gesprächen, einem Abendessen, Spaziergängen und schließlich einer Nacht bei ihm zuhause. Danach fragt Agnes - schon immer vom Schreiben und Lesen fasziniert - ihren Liebhaber: "Könntest du nicht eine Geschichte über mich schreiben?" Daraus entwickelt sich eine gefährliche Doppelbödigkeit des Textes zwischen Realität und Zu­kunfts-Vorstellung. Dominiert die vorausschauende Fik­tion das wirkliche Geschehen oder beugt sich der Schrei­ber den unabwendbaren Tatsachen? Diese sind die ungewollte Schwangerschaft von Agnes, ihre häufigen Krankheiten und die Erweite­rung zur Dreiecksbeziehung mit der fordernden Louise. Dem Leser werden mögliches Happy Ending oder zeitgemäße Katastrophe vorgestellt. Schließlich wendet sich der Erzähler dem nüchternen "Schluss 2" zu und wir sind wieder am Anfang (und am Ende) der traurig stimmen­den Geschichte. Peter Stamm ist ein Meister der reduzierten Prosa, der Vorausdeutung, der schwebenden Atmosphäre. In diesem Stil verhan­delt er sehr aktuelle Beziehungsfragen, ohne dabei in die vordergründige Problem-Erörterung zu verfallen. Sehr empfehlenswert!


Benedict Wells: Becks letzter Sommer (Roman, 2008) ***

 

Gar viel hat sich Autor Benedict Wells für sein Romandebüt vorgenommen, am Ende wohl zu viel. Als erstes finden sich ca. 250 Seiten, die dem Leser das Krisenszenario eines 38jährigen Lehrers namens Robert Beck vorführen. Beck unterrichtet an einem Münchner Gymnasium die Fächer Musik und Deutsch und erkennt zunehmend die verdammte Mittelmäßigkeit seiner Profession. Denn in dem 17jährigen Schüler Rauli Kantas aus Litauen erlebt er das Gitarren- und Songwriter-Genie, das er selbst gerne gewesen wäre. Der Versuch, als Manager von Rauli Erfolg im Musik-Business zu haben, scheitert an den knallharten Umgangsformen in diesem Geschäft. Auch die Beziehung zu Lara steht auf der Kippe, als diese sich entschließt, eine Modeschule in Rom zu besuchen. Becks ehemaliger Bandkollege Charlie braucht als chaotischer Junkie von ihm Hilfe und Unterstützung und die gut aussehende Lieblingsschülerin Anna Lind ist für ein Abenteuer nicht zu haben. So also bricht im Zeitraum von einem halben Jahr (Februar - Juli 1999) sein Lehrerdasein stückweise auseinander, selbst das Angebot einer beförderungsrelevanten Funktionsstelle (Beratungslehrer) kann seinen beruflichen Enthusiasmus nicht mehr entfachen. Für Beck ist "ausgebrannt" allerdings das falsche Wort - "da war ja nie irgendeine Art Feuer für diesen Beruf gewesen".  Deshalb (?) kommt es im zweiten Teil - Wells ordnet seine Kapitel wie die Musikstücke auf einer Vinyl-LP - zu einem turbulenten Road-Trip mit Rauli und Charlie von München nach Istanbul. Charlies Tätigkeit als Drogenkurier führt zu blutigen Verwicklungen und Becks eigener Drogenkonsum endet in einem Gespräch mit Robert Zimmermann (Bob Dylan), dessen Songtitel die Kapitel überschreiben und dessen Songtexte als Subtexte die Geschichte leitmotivisch begleiten. Nach der Rückkehr aus Istanbul findet sich Beck alleine, denn Rauli startet seine Pop-Karriere in London, Charlie stürzt beim verspäteten Rückflug aus Istanbul mit dem Flugzeug ab und Lara scheint schon auf dem Weg nach Rom. In dieser Situation will Beck nun endgültig aus dem Lehrerberuf aussteigen: "Ich brauche keine Sicherheit, ich brauche Freiheit". Doch irgendwie war das noch nicht der letzte Sommer, denn in einem Schlusskapitel ("Bonus Track") erleben wir Beck acht Jahre später: zurückgezogen in dem kleinen Dörfchen Raito bei Neapel, immer noch auf der Suche nach dem großen Hit, den er komponieren will, allerdings auch mit zunehmenden grundsätzlichen Lebenszweifeln. Ein überraschender Besuch von Rauli, der inzwischen ein von Drogen gezeichneter Pop-Star geworden ist, führt zu einem letzten (?) Verlust und zu einer letzten (?) Chance: Rauli klaut Beck seine lieb gewordene Katze, lässt ihm dafür aber die Melodie und den Text für einen potentiellen Hit zurück: "Finding Anna".

So wissen wir wenig über Becks endgültiges Schicksal und wenig über den eigentlichen Schwerpunkt dieses Romans. Soll es ein Lehrer-Krisen-Szenario sein, soll es ein irres Road-Movie darstellen, soll es semikritische Einblicke ins Musik-Business geben oder soll es gar nur eine kitschnahe Liebe-und-Tod-Story sein? Wells kurzatmiger, dialoglastiger Schreibstil enthält viele Elemente der aktuellen Filmsprache, daher ist es nicht weiter überraschend, dass die Geschichte seit Juli 2015 im Kino (Regie: Frieder Wittich, Hauptdarsteller: Christian Ulmen) zu sehen ist. Wer epische Spielereien und Gimmicks (z. B. Kontakte zwischen der Hauptperson und dem Romanschreiber-Ich oder chronologische Hüpfburgen) mag, findet in der Buchausgabe ganz nette Passagen.


Ken Follett: Die Kinder der Freiheit (Roman 2014) **

 

Dies ist nun der dritte Teil von Ken Folletts Saga des 20. Jahrhunderts, er umfasst die Jahre von 1960 bis 1990 und macht noch einen kurzen Sprung ins Jahr 2008, als Barack Obama Präsident der USA wurde. Wenn man sich durch die stattlichen 1200 Seiten gearbeitet hat, fällt einem auch noch ein anderer möglicher Titel ein: „Sex and the Zeitgeschichte“! Denn letzten  Endes kombiniert Follett anhand von etwa fünf Erzählsträngen die zentralen Ereignisse der Zeitgeschichte (von der Kuba-Krise bis zum Mauerfall) mit privaten Beziehungsgeschichten der fiktiven Hauptakteure. Damit erhält der Roman den Charakter einer Serien-Soap mit historischem Doku-Drama - oder härter formuliert: Denver Clan meets Guido Knopp! Mit seinen Leitfiguren schleicht sich der Autor in die Vorzimmer der Macht, um die Herren Kennedy, Chruschtschow etc. dialogisch zu belauschen. George Jakes ist der engagierte Karriere-Neger, der zum direkten Berater der US-Polit-Prominenz wird. Rebecca Hoffmann verkörpert die Ostdeutsche, die vom eigenen Mann ausspioniert wird, dann in den Westen flieht und dort im BRD-Außenministerium eine führende Position einnimmt. Dimitri Dworkin hofft als persönlicher Berater von Chruschtschow auf liberale Veränderungen in der UDSSR, was sich dann erst unter Gorbatschow realisiert; seine Zwillingsschwester Tanja unterstützt als TASS-Journalistin heimlich Systemgegner und sondiert die Lage in Kuba und Polen. Damit auch die Pop-Musik als Zeitströmung ihren Platz findet, erleben wir den Berlin-Flüchtling Walli und den Briten Dave Williams als Köpfe der gefeierten Band „Plum Nellie“. Am Ende kann man konstatieren, dass Follett die Historie sehr penibel recherchiert hat und gleichzeitig ein gewandter Schreiber für eine TV-Serie wäre. Nur wem seine kommerzielle Mischung aus Bettgeschichten und politischen Brennpunkten gefällt, wird auch die lange Lesestrecke nicht als Qual empfinden. Die personellen Spuren für eine nimmer endende Fortsetzung im 21. Jahrhundert sind schon gelegt - Arbeitstitel: „Die Kosten der Freiheit“?


Patrick Modiano: Im Café der verlorenen Jugend (Roman, 2007) ***

 

Durch die Verleihung des Literatur-Nobelpreises rücken Autoren in den Focus von deutschen Lesern, die vorher nur einer Gruppe von Eingeweihten bekannt waren. So auch bei Patrick Modiano, der den Preis 2014 erhielt und nun auf dem deutschen Buchmarkt viele neue Auflagen erhält. Wessen Interesse geweckt ist, könnte zunächst auf den "kleineren" Roman "Im Café der verlorenen Jugend" sto­ßen. Doch nach den 160 Taschenbuch-Seiten wird man feststellen, dass hier ein sehr französisches Thema abge­handelt wird, das heute ziemlich an Aktualität verloren hat. Es geht um das Paris der frühen 60er Jahre, wo sich in den einschlägigen Kneipen (und Hotels) ein Gruppe von jungen Leuten trifft, die am ehesten mit dem Begriff "Bohème" zu fassen ist. Im Mittelpunkt steht die junge Frau Jaqueline Delanque, genannt "Louki", die in diesem Milieu eine Art Zuflucht sucht, flüchtige und intensive Bekanntschaften macht, sich schließlich von ihrem bürgerlichen Ehemann Jean-Pierre trennt, am Ende aber recht überraschend in den Selbstmord rennt. Die besondere Erzählkonstruktion beruht darauf, dass Loukis Leben aus vier verschiedenen Ich-Erzählperspektiven beleuchtet wird: von einem jungen Stammgast des Café Condé, vom Privatdetektiv ihres Ehemanns, von ihrem Freund Roland und von sich selbst. Angedeutet werden auch Sitzungen bei einem okkulten Guru namens Guy de Vere und die Begegnung mit Rauschgift durch die Freundin Jeanette. Wenn man bedenkt, dass diese Jahre eigentlich von dem späten Existenzialismus und der beginnenden Politisierung geprägt waren, wirkt Modianos Roman etwas aus der Zeit gefallen.


Milan Kundera: Das Fest der Bedeutungslosigkeit (Roman 2015) ****


Nach vierzehnjähriger erzählerischer Pause meldet sich Milan Kundera, der mittlerweile 86jährige Exil-Tscheche in Paris, mit einem kleinen, aber höchst originellen Roman zurück. In sie­ben Kapiteln, mit vier Hauptpersonen sowie mehreren Zeit- und Hand­lungsebenen versucht er einen philosophisch-ironi­schen Blick auf das vergangene und das neue Jahrhundert zu werfen. In Paris begegnen sich Alain, Ramon, Charles und Ca­liban, kunst­sinnige und kreative Köpfe, die aus ihren eigenen Lebens­problemen eine assoziative Weltanschauung basteln. Alain beobachtet den weiblichen Nabel als erotisches Symbol und als Symbol der Fortpflanzung, empfängt aber gleichzeitig Bot­schaften von seiner früh verschwundenen Mutter, die für ein Menschenrecht, nicht geboren zu werden (und selbstbestimmt zu sterben), plädiert. Charles ist ein Organisator von Nobel-Partys, gleichzeitig ein Theater-Besessener, der eine Episode aus dem Leben von Stalin als Marionet­tentheater gestalten will. Ramon ist ein Park-Schlenderer, der den Wert der Bedeutungslosig­keit als "Essenz der Existenz" erkennt und zudem das Ende der zynischen Ironie - a la "Charlie Hebdo"? - verkündet ("Dämmerung der Scherze"). Caliban ist ein arbeitsloser Shakespeare-Schauspieler, der als Diener bei Partys arbeitet und sich dort als Pakistani ausgibt. Die Passagen mit dem historischen Stalin (ausgehend von der inhumanen Parabel über die 24 Rebhühner), der erkennt dass sein starker Gestaltungs-Wille im 21. Jahr­hundert erlahmt ist, vermischen sich zunehmend mit den Episoden der vier Pariser, bis schließ­lich Stalin (und der inkontinente Kalinin) höchst theatralisch in einer Pferdekutsche aus dem Jardin du Luxembourg her­ausfahren. Wer bereit ist, sich auf die oft sehr spontan wirkenden Assoziations-Ketten von Kun­dera einzulassen, bekommt am Ende der 140 Seiten ein gewitztes Panorama der postmodernen Gegenwart geliefert, das federleicht die Textsorten Essay und Roman verbindet.


Kristine Bilkau: Die Glücklichen (Roman 2015) ****

 

Im Jahre 2009 hat Peter Henning mit seinem Großfamilien-Roman „Die Ängstlichen“ ein beachtliches Psychogramm über ein Segment der bundesdeutschen Gesellschaft abgeliefert. Das gleiche Prinzip, aber einen anderen Focus verfolgt Kris­tine Bilkau (41) mit ihrem eindrucksvollen Debütroman „Die Glücklichen“. An der demografisch relevanten Kleinfamilie Georg (40), Isabell (35) und Kleinkind Matti will sie zeigen, wie eine Generation der Vorsichtigen mit Lebenskrisen um­geht. Bei Georg und Isabell scheint zunächst das Familienmo­dell sowohl emotional als auch finanziell zu funktionieren: er ist Redakteur bei einer (Hamburger) Tageszeitung, sie arbei­tet (wieder) als Cellistin in einer Musical-Produktion. Doch ein gewisses Unbehagen ist unverkennbar: „die Abläufe funktio­nieren perfekt und laufen aneinander vorbei“.

Die Krise setzt dann massiv ein, als Isabell wegen Nervosität und zitternder Hand nicht mehr auf hohem Niveau Cello spielen kann und sich krankschreiben lässt, und als Georg wegen einer Umstrukturierung des Verlags seinen Job verliert. Nun ist zwar Zeit (für die fürsorgliche Belagerung des Sohnes Matti) vorhanden, doch die finanziellen Wün­sche (große Altbau-Wohnung, gesunde Ernährung, Wochenendurlaube an der Ostsee) drohen zu platzen. Dies schlägt sich auch in Spannungen, Gereiztheiten zwischen den beiden Erwach­senen nieder. Der Tod von Georgs leicht dementer Mutter bringt keine Erleichterung, doch ur­plötzlich, im letzten der 41 Kapitel entwickelt sich möglicherweise eine bescheidene Idylle: „auf einmal war zwischen ihnen wieder Raum für etwas unwägbar Gutes“. In der „Vollkommenheit des Moments“ - hier ein entspanntes Picknick zu dritt im Stadtpark - entsteht neues (?) Glück.

Kristine Bilkau liefert mit den beiden Hauptpersonen zwei fundierte und durchdachte Charak­terstudien aus der Generation der 30 - 40jährigen , die die Aufstiegsmentalität ihrer Eltern nicht mehr nachvollziehen können, trotz eingeschränktem politischem Bewusstsein die Unsicherheit hinter der Fassade der Bürgerlichkeit spüren und das „Talent zur Unbeschwertheit“ nicht besit­zen.

Insgesamt ein höchst lesenswerter Roman, in dem sich viele Lese-Individuen partiell wiederfin­den können. Und bei dem Nachfolger „Die Über-Glücklichen“ wollen wir dann noch wissen, was sich in dem alten Safe im Wohnzimmer befindet!!


Daniel Kehlmann: F (Roman 2013) ****

 

Das F im Titel des neuesten Romans von Daniel Kehlmann könnte für vieles stehen: für Familiengeschichte, für Friedland (dem Namen der Familie) oder für das lateinische Wort fatum (Zufall, Schicksal). Denn es geht im Wesentlichen um vier Per­sonen aus dieser Familie. Um den Vater Arthur, der, beeinflusst von einem Zirkus-Hypnotiseur namens Lindemann, urplötzlich im Jahr 1984 beschließt, seine Familie zu verlassen: „man brau­che nicht auf ihn zu warten, er werde sehr lange nicht zurück­kommen“ heißt es im Abschiedsbrief. Des Weiteren um die drei Söhne Martin, Eric und Iwan (vielsagende Namen!?), die sich in drei längeren Kapiteln als Ich-Erzähler vorstellen und von den Fehlentscheidungen ihres Lebens berichten. Martin wird katho­lischer Geistlicher, obwohl er eigentlich nicht an Gott glaubt; Eric wird Vermögensverwalter und verspekuliert das Geld seiner Klienten; Iwan wird zunächst Kunsthändler, dann in Kooperation mit dem Maler Eulenböck des­sen Fälscher und Nachlassverwalter. Durch einen unglücklichen Zufall wird er von pöbelnden Jugendlichen schwer verletzt, schleppt sich in sein geheimes Kunstlager, stirbt dort und wird nie mehr gefunden. Das letzte Kapitel gehört der dritten Generation F, Erics Tochter Marie, aus de­ren Perspektive das problematische Weiterleben der Älteren dargestellt wird.

Kehlmanns Roman ist aktuelle Zeitdiagnose mit kritischem Blick auf Kirche, Finanzmärkte und Kunstbetrieb, zugleich aber auch märchenhaftes, leicht verrätseltes Philosophie-Drama über die merkwürdigen Weltläufte der Individuen in einer ungläubigen Welt - oder: in einer Zeit, die vor allem an Materielles glaubt. Der verschwundene Vater schreibt in absentia ein erfolgreiches Buch mit dem Titel „Mein Name sei Niemand“. Kann man sich vielleicht so als Odysseus des 21. Jahrhunderts durch die Klippen des Lebens mogeln?

Kehlmann erzählt stets anschaulich, erzeugt hintergründige Spannung und sorgt für überraschende Wendungen und Ex­kurse.

F … orzüglich!


Christiane Neudecker: Sommernovelle (2015) ***

 

Zwei 15jährige Mädchen, die zum ersten Mal Urlaub ohne die Eltern machen - das könnte glatt eine weibliche Version der Tschick-Geschichte werden. Doch bei Christiane Neudeckers „Sommernovelle“ ist alle anders: Panda und Lotte kommen wohlbehütet aus intakten Familien, sind gymnasial gebil­det, sagen nur einmal „krass“ oder „verfickt“ und wollen ihre Freizeit für etwas Sinnvolles nutzen. Deshalb gehen sie nicht auf den Ponyhof, sondern haben sich für ein Praktikum bei einer Vo­gelwarte auf einer Nordsee-Insel angemeldet. Es ist 1989 - drei Jahre nach Tschernobyl und beide sind überzeugt: „es gab so viele Dinge, gegen die man etwas unternehmen musste.“ Doch die Sinnsuche gestaltet sich natürlich problematisch, wird über­schattet von Liebesschmerz, Pubertätskrisen und Auseinander­setzungen mit Erwachsenen. Die aus Nürnberg stammende Christiane Neudecker ist eine souveräne Erzählerin, die sich bis in sprachliche Details mit ihrer Protagonistin Panda identifiziert (oder umgekehrt: viel Biografisches investiert) und erst im letzten Kapitel Distanz aufbaut: 25 Jahre später. Die Mischung aus Beobachtungen der Nord­see-Fauna und -Flora (im Siegfried-Lenz-Gedächtnis-Ton) sowie den Reflexionen von Panda plätschert etwas dahin, bis auf S. 148 ff. ein besonderes Ereignis eintritt, das sogar  - novellen­theoretisch höchst korrekt - von einem großen Falken (!!) begleitet wird. Panda und Lotte rei­sen vorzeitig ab, weil sich ihr romantischer „free-as-a-bird-Traum“ mit der Realität nicht ganz vereinbaren lässt.

Der NDR hat die Novelle als Buch des Monats ausgewählt, in der SZ vom 13.7. findet sich ein sehr positive Rezension.


Jan Wagner: Regentonnenvariationen (Gedichte 2015) ***

 

Der Verlag (Hanser, Berlin) wirbt mit dem Versprechen, der Blick des Lesers werde sich weiten und das Gefühl werde sich einstellen, für einen Moment zum Wesen der Dinge vorge­drungen zu sein. Die Jury für den Literaturpreis der Leipziger Buchmesse 2015 lobt die Lust am Spiel mit der Sprache und eine Lyrik voller Geistesgegenwart. Grund genug, Jan Wag­ners neuesten Ge­dichtband aufzuschlagen und sich in die 57 poetischen Texte einzugraben. Erster Eindruck nach dem ers­ten Durchgang: hier hat jemand ein Thema abseits der klassi­schen Pfade gefunden. Wagner befasst sich überwiegend mit den eher profanen Dingen aus Fauna und Flora, mit Pferden, Tümmlern, Eseln, Koalas, Mücken, Maulwürfen, einem Grot­tenolm, einem Koi und einem Dachshund (u.a.), mit dem Un­kraut Giersch, Weidenkätzchen, Schlehen, der Melde, der Morchel, der Blutbuche und den Silberdisteln (u.a.). Geht es also um die Empfindungen eines Hobby-Gärtners oder eines Wochenend-Wanderers? Natürlich bohrt Wagner schon ein biss­chen tiefer und aus den meist lästigen Mücken werden Zei­tungsbuchstaben, die durch die Luft fliegen und schlechte Nachrichten überbringen. In der titelgebenden Regentonne findet sich überraschend eine (tote?) Amsel, der Nutzbottich bebildert sich zum Barrel Styx und gefriert im Winter zu einer Scheibe Eis. Das Genre der Naturlyrik, das sich ja meist an „großen“ Eindrücken abarbeitete, wird hier in den Alltag zurückgeführt. Doch auch auf der sprachmächtigen Meta-Ebene springt Wagner nicht weit aus dem Thema heraus; wer also Lebenshilfe, Liebesgefühle oder Gesell­schaftskritik sucht (sicher die beliebtesten Motive der Lyrik) wird ins Leere greifen. Eingestreut werden wir auch noch Zeuge von Reiseerlebnissen (Venedig, Neapel u.a.), Tennis­plätzen und Klavierstunden. Was man schließlich in banale Gegenstände wie Nägel, Servietten oder Seife hineindenken kann, macht Wagner metaphernreich sichtbar. Die Gedichte sind nach konventi­oneller Strophik aufgebaut, oftmals in sonettähnlicher Form. Konsequente Kleinschrei­bung und weitgehende Vermeidung von Reim überraschen im 21. Jahrhundert keinen mehr. Fast schon inflationär bedient sich Wagner der Methode des Enjambements, sogar einzelne Wörter wer­den durch Zeilen oder gar Strophen abgetrennt (dabei erlaubt er sich sogar Recht­schreibfehler wie drach-en oder kupfern-en!). Am Ende bleibt ein gemischter Eindruck: man stößt auf Vor­dergründiges („schlehen“) und Verrätseltes („sarajewo“), auf Putziges („koalas“) und Periphe­res („der letzte von zanigrad“), auf Mediokres („nach canaletto“) und fast Meisterhaftes („la­mento mit yak“). Und wenn dann noch Jan Delay den „kentaurenblues“ vertont, wird den Wag­ner-Tex­ten auch ein großes Publikum gewiss sein.


Thomas Bernhard: Goethe schtirbt (Erzählungen, 2010) **

 

21 Jahre nach dem Tod von Thomas Bernhard entschloss sich der Suhrkamp-Verlag zu einer posthumen Edition von vier Erzählungen, die vorher (1982/83) nur in Zeitschriften (DIE ZEIT) oder Programmheften erschienen waren. Wer also will, kann damit noch einmal in den typi­schen Suada-Stil und die Hass-Motivik von Bernhard einsteigen, Neues lässt sich dem schmalen Band nicht entnehmen. "Goethe schtirbt" ist eine skurrile und historisch natürlich völlig fik­tive Titel-Geschichte, in der der alte Goethe seinen Sekretär Theodor Kräuter beauftragt, den Philo­sophen Ludwig Witt­genstein (1899 - 1951) von Cambridge nach Weimar einzu­laden. Nebenbei spielt Bernhard mit möglichen voraus­schauenden Gedanken Goethes über seine Funktion für die deutsche Literatur (er habe die deutsche Literatur auf Jahr­hunderte "gelähmt"). "Mon­taigne" und "Wiedersehen" sind zwei kafkaeske Geschichten, die als monologische Ab­rechnung mit den Eltern (und ihrer Generation) konzipiert wurden. Der Ich-Erzähler fühlt sich verhöhnt, verachtet, vernichtet, empfindet die Zeit bei den Eltern als "Kerkerhaft" und erinnert sich be­sonders negativ an die erzwungene Erziehung zur "Hochgebirgsleidenschaft" - alles Themen, die bei Bernhard ständig variiert (?) wurden. Der letzte Text "In Flammen aufgegangen" ist schließlich ein Reisebericht aus dem hohen Norden, der sich aber in einer einzigen Philippika gegen alles Österreichische / Deutsche erschöpft. Der Schreiber erwähnt einen Traum, bei dem ganz Österreich abgebrannt sei, wonach man wieder frei und erleichtert aufatmen könne. Es gibt eigentlich zur zwei Möglichkeiten, diese Texte mit gewissem Vergnügen zu lesen: entweder man ist ein suizidgefährdeter Masochist, der immer wieder heftig mit dem Kopf nicken will, oder man lässt sich - unter Vernachlässigung des Inhalts - von der Bernhardschen Sprach-Re­dundanz und seiner beißenden Ironie einwickeln. Beide Möglichkeiten sind nicht gerade Idealsi­tuationen einer Lektüre!


Michael Wildenhain: Das Lächeln der Alligatoren (Roman, 2015) ****

 

M&M oder Matthias und Marta oder eine problemati­sche Liebe in den Zeiten des RAF-Terrorismus - das ist das zentrale Motiv in Michael Wildenhains neuem Roman, der das schwierige Paar in drei Zeit-Etappen (Matthias als 15jähriger, der auf Sylt die Liebe entdeckt; Matthias als 21jähriger Student, der unfreiwillig in terroristische Kreise gerät; Matthias als 45jähriger erfolgreicher Profes­sor, der trotz gut bürgerlicher Ehe und zweier Kinder die Verbindung zu Marta nicht abreißen lassen kann) ver­folgt. Für Marta steht der sexuelle Aspekt dieser Bezie­hung im Vordergrund, eine weitergehende Beziehung kann sie mit ihrer politischen Kampf-Attitüde (sie ist wohl jener Alligator, der nur manchmal lächelt!) nicht in Ein­klang bringen. Der dramatische Aspekt des Romans ent­steht durch die Fügung, dass Matthias' Ersatz-Vater (= Onkel), der Professor Dr. Dr. Kastél in der NS-Zeit Eutha­nasie-Thesen vertreten hat und nun auch gegenüber Matthias' geistig behindertem jüngeren Bruder Carsten diese Haltung nicht ganz ablegt. Als Professor doziert er über das Verhalten der Staatsgewalt angesichts hungerstreikender inhaf­tierter Terroristen (vgl. Holger Meins!) und wird damit zum Hassobjekt der RAF-Sympathisan­ten. Über Matthias verschaffen sich Marta und ihre Freunde Zutritt zu Kastéls Haus; als dieser sich überraschend heftig gegen eine Entführung wehrt, wird er von Marta mit einem Kopf­schuss liquidiert. Matthias wird dann zum Zeugen und zum Prozessbeobachter - er fühlt sich gleichzeitig von der inhumanen Grundhaltung der Terroristen wie auch von den im Nachlass gefundenen Thesen seines Onkels abgestoßen. Im dritten Teil kommt es zu einer erneuten Be­gegnung mit der aus dem Gefängnis entflohenen Marta, die aber der Polizei wieder eine Spur eröffnet. Auf Sylt, dem Schauplatz des ersten Teils mit seiner romantisch verstörenden Jugend­liebe, findet dann der blutige Showdown statt, den Matthias schockhaft erlebt und überlebt. Sein Leben als Professor und Familienvater wird er freilich weiterführen, wenngleich er am Ende konstatiert: "an den weniger guten Tagen schlafe ich schlecht". Michael Wildenhain ver­bindet Elemente des Adoleszenzromans mit dem Rückblick auf die politischen Spannungen der 70er und 80er Jahre und entwickelt daraus eine spannungsreiche und zur Reflexion einladende Geschichte. Die Vermischung von Privatem (Matthias Liebe zu der etwas älteren und erfahre­nen Marta) und Politischem (Marta als gewaltbereite RAF-Sympathisantin) erinnert an die Kon­struktion von Bernhard Schlinks Roman "Der Vorleser", wo ebenfalls ein "naiver" Junge durch die Liebe in die Fallstricke des Historisch-Politischen gerät und aspektreich die Schuldfrage dis­kutiert wird.


Lukas Hartmann: Auf beiden Seiten (Roman, 2015) ****

 

Schon bald merkt der geneigte Leser von Lukas Hartmanns neues­tem Roman, dass der Titel „Auf beiden Seiten“ natürlich eine doppelte Bedeutung hat. Die beiden Seiten sind zum einen die ideologischen und machtpolitischen Gegensätze Ost-West, die sich in den Jahren 1989/1990 aufzulösen scheinen, und die Gegen­sätze zwischen zwei Generationen: den Vätern (geboren um 1925, geprägt von Antikommunismus) und den Töch­tern/Söhnen (gebo­ren um 1955, geprägt von antiautoritärem Denken und Pazifis­mus). Dazu entwickelt Hartmann eine dop­pelte, miteinander ver­wobene Familiengeschichte mit dem kon­servativen und militaris­tisch orientierten Deutschlehrer Dr. Ar­mand Gruber (Ich-Erzähler Nr. 1), seinem späteren Schwiegersohn und früheren Lieblings­schüler Mario Sturzenegger (Ich-Erzähler Nr. 2) und der Rechtsanwältin Karina Koller, der besten Freundin von Grubers Tochter Bettina (Ich-Erzählerin Nr. 3). Karinas Vater wiederum arbeitet als unpolitischer, nichts wissen wollender Hausmeister beim Schweizer Nachrichten­dienst. Damit ist freilich der Roman nicht nur erzähltechnisch sondern auch inhaltlich etwas zu aufgebläht. Denn Hartmann thema­tisiert auf den 330 Seiten nicht nur die literarischen Ausei­nandersetzungen zwischen Gruber und dem jungen Mario (= Adalbert Stifter vs. moderne zeit­genössische Literatur) sondern auch den Skandal um die Schweizer Geheimorganisation P 26, die als demokratisch nicht legiti­mierte, antikommunistische Kadertruppe ein Überwachungs-Netzwerk entwickelt hatte („Fichenskandal“) und erst 1990 auf Druck der Öffentlichkeit aufge­löst wurde. Dr. Gruber war dort aktives Mitglied, sein problematisches Doppelleben lässt ihm schließlich keinen anderen Ausweg als den Selbstmord im Seniorenheim. Weiterhin schickt der Autor den Journalisten Mario auf diverse Reportagereisen, vor allem 1988 nach Ostberlin, wo er in der Künstlerszene über deren Haltung zum DDR-Staat recherchiert (vgl. den Film „Das Le­ben der Anderen“). Diese zeitgeschichtlichen und literaturhistorischen Konfliktlinien werden noch überwölbt durch verschiedene private Beziehungskrisen der Protagonisten, die in ein of­fenes Ende münden. Der höchst interessante Schweizer Blick auf das Ende des Kalten Kriegs bekommt so eine durchaus spannende, teilweise aber auch zu konstruierte Dimension. Am Schluss versuchen Mario und Bettina die zerfetzten Unterlagen des (Schwieger-)Vaters wieder als Puzzle zusammenzusetzen - ein bisschen ähneln sie damit dem Leser des Romans.


Botho Strauß: Herkunft (autobiographisches Essay 2014) ***

 

In diesem kleinen Bändchen (96 Seiten) reflektiert Botho Strauß (Jahrgang 1944) seine Kinder- und Jugendzeit etwa ab 1955 in Bad Ems an der Lahn. Im Mittelpunkt steht dabei der Vater und die Auseinandersetzung mit dessen ambivalenter Persönlichkeit, die Strauß als ein „Gegen-über“, eine „Gegen-wart“ beschreibt. Dessen „bürgerliche Moral des Scheiterns“ (einmal heißt es: „für ihn bestand die halbe Welt aus Comment“) sieht er gleichzeitig als unabweisbares Erbgut, dem auch er sich nicht vollständig entziehen konnte. Anders jedoch als expressionistische Berserker (wie Walter Hasenvclever) oder antiautoritäre 68er (wie Peter Schneider) führt Strauß den Vater-Sohn-Konflikt nicht mit der Brechstange sondern mit dem Florett der elaborierten Kunstsprache und dem Hang zur schonungslosen (?) Selbstkritik. Zudem ist dieses kleine Essay auch eine Verhandlung über das Erinnern an sich, die schließlich in den verstörenden Satz mündet: „Die Kugel mit dem Einst-Weltlein bleibt rundum dein und unzugänglich für jeden anderen.“ Und damit ist allerdings jenem durchaus fesselnden Stück Reflexionsprosa der kommunikative Boden entzogen. Für Freunde neo-konservativer Gedankensplitter innerhalb der Strauß-Gemeinde bleibt aber noch reichlich Zitierfähiges übrig.


Martin Suter: Montecristo (Roman 2015) **

 

Man bemerkt die Absicht und ist teilweise verstimmt. Man bemerkt, dass der Bestseller-Autor Martin Suter die Rezeptur für Bestseller der Unterhaltungsliteratur geradezu verinner­licht hat und dies auch in seinem neuesten Roman (natürlich mit Erfolg) präsentiert. Dier Man-nehme-Ingredienzien sind wohl ausgewählt und apart gerührt (nicht geschüttelt!): ein hochaktuelles Grundthema, nämlich die unseriösen Machen­schaften der (Schweizer) Finanzbranche und deren Verstri­ckungen mit der Politik; viel Staffage aus der Welt der Rei­chen und Mächtigen platziert an naheliegenden und auch exotischen  Schauplätzen (der Gedanke einer Verfilmung drängt sich mächtig auf); als Hauptfigur ein unfreiwilliger Ermittler (Jonas Brand), der nie genau weiß, ob er gerade an der Lösung oder an der Vertuschung des Skandals mitarbei­tet, garniert mit einer attraktiven, aber undurchsichtigen Freundin (die Bond-Girls lassen grüßen!); schließlich mit dem Stichwort Montecristo eine intertextuelle Metaebene, die wirklich geschickt in der zentralen Handlung verwoben ist.

Dies alles dient unzweifelhaft der Lesefreude, wenn da nicht immer wieder Suters hausbacke­ner Sprachstil negativ auffallen würde, der im Niveau nur wenig über dem Parlando der Gro­schenliteratur liegt.

Der Roman endet mit einer Talkshow-kompatiblen Botschaft, halb analytische Gesellschaftskri­tik, halb nebulöse Verschwörungstheorie: möglicherweise ist es besser, die Seifenblase unserer Illusionen nicht anzustechen, weil nur so das Funktionieren gewisser Systeme noch gewährleis­tet ist.


Joachim Zelter: Wiedersehen (Novelle, 2015) **

 

Joachim Zelter hat uns mit seinen Prosa-Werken schon in die Welt der Politik ("Der Minister­präsident") und in die Abgründe des Literaturbetriebs ("Einen Blick wer­fen") geführt. Die aktu­elle Novelle "Wiedersehen" scheint nun die Gilde der Germanisten in Schule und Universität als Leitthema zu haben. Dazu konstruiert Zelter das Wiedersehen eines Deutschlehrers (Thorsten Korthausen) mit seinem ehemaligen Lieblingsschüler (Arnold Litten) zwanzig Jahre nach dem Abitur. Litten ist mittlerweile angesehener Germanistik-Professor und anerkannter Kafka-Ex­perte. Die Einladung zu einem Wo­chenend-Treffen bei seinem bewunderten Deutschleh­rer ist für ihn eine große Ehre, auf der Fahrt dorthin schwärmt er gegenüber seiner Freundin Anna von dem Unterrichtsstil des Lehrers: "jede Unterrichtsstunde mit ihm war ein Paukenschlag, ein Überraschungscoup, eine Neuerfindung seiner selbst oder irgendeines Teiles von Welt" - davon können reale Lehrer nur träumen! Korthausen möchte seinerseits das Treffen zu einem Salon der Auserwählten machen, er lädt weitere Kollegen, ehemalige Schüler und aktuelle Schüler ("ein Raritätenkabinett") dazu ein und verspricht diesen ein grandioses Impulsreferat von Lit­ten. Doch schon der erste Abend ge­rät zum Desaster: Littens erzwungener, eher chaotischer Spontan-Vortrag stößt bei den meis­ten auf Desinteresse, lieber gehen sie in den Nebenraum, um mit einem anderen ehemaligen Schüler Simultanschach zu spielen. Die anschließenden Ge­spräche empfindet Litten als leblose Phrasen, als er sich in sein Zimmer zurückziehen will, findet er dort im Doppelbett den Latein­lehrer Steimle. Zurück in der nächtlichen Gesellschaft erlebt er sodann eine Deutsch-Unter­richts-Show Korthausens, die von den anderen wie von einem Fan­club begeistert gefeiert wird. Auch als Träger der Schülerrolle empfindet Litten nur Sinnlosigkeit und zieht für sich das Fazit, dass er niemals zu diesem Treffen hätte kommen sollen, weil er da­bei nur verlieren konnte: "Zuerst einen geliebten Lehrer und dann sich selbst."

Auf den ersten Blick mag dieses Handlungsmuster interessant erscheinen, dann aber fragt man sich, was Zelter mit der merkwürdigen Situation eigentlich zeigen wollte: ist das nun ein ironischer oder ein realistischer Blick auf diese Personengruppe? Handelt es sich bei dem Modell Korthausen um ei­nen wirklich idealen Lehrer oder nur um einen Schaumschläger? Ist Litten ein zu Recht angese­hener Professor oder nur ein durch glückliche Umstände erfolgreicher Uni-Karrierist, der beim Basiswissen Lücken aufweist? Ein kritischer Ansatzpunkt könnte das verdrehte Leitmotiv ("Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir") sein, dieses wird aber durch die Entwicklung des Geschehens fast nirgends schlüssig untermauert. Auch der überraschende - gleichzeitig aber wenig logische - Schlussgag kann diese Novelle nicht retten und so steht zu befürchten, dass nach der Lektüre am ehesten der äußerst peinliche Rechtschreibfehler (1. Auflage, S. 119) "Feuerzangen­bohle"(!) in Erinnerung bleiben wird. Wer eine meisterhafte Komposition einer Novelle über einen Deutschlehrer erleben will, sei nach wie vor auf Martin Walsers "Ein fliehendes Pferd" verwiesen.


Thomas Kapielski: Je dickens, destojewski! Ein Volumenroman (2014) *****

 

Im politischen Leben der BRD gilt immer noch die Parole, dass die CSU die Lufthoheit über den deutschen Stammtischen für sich re­klamiert. Das Bild vom Stammtisch ergibt sich hier als eine An­sammlung von Menschen mit recht(s) reaktionärem, einfach struk­turiertem Gedankengut und der Vorliebe für Schwarz-Weiß-Male­rei. In eine ganz andere Welt entführt uns nun Thomas Kapielski mit seinem Roman, der im Wesentlichen an zwei ähnlich struktu­rierten Stammtischen in Berlin-Spandau und in Bamberg statt­findet. Dort treffen sich aber „weise und liebenswerte Leute, mit denen es lohnt zu reden“, Menschen beiderlei Geschlechts, die trotz heftigem Alkoholkonsum in intellek­tuelle (Un-)Tiefen vorstoßen, Originale, Nörgler, Lebenskünstler und gebildete Sonderlinge. Der Autor wirbt für dieses Milieu: „die verlorensten Welten verbürgen uns aufragendste Modernität“. Aus diesem Personal gewinnt Kapielski 455 Seiten für seinen „Volumenroman“, der - wie so oft - von Liebe und Tod handelt und sein Volumen aus der „Gleichzei­tigkeit von Liebes- und Krimi­nalroman“, vor allem jedoch aus der Freude am gepflegten Nonsens und am fein ziselierten Sprachspiel nimmt. In 294 „Kapiteln“ konferiert die Hauptperson Ernst L. Wuboldt (das L. steht für Leerstelle!) wechselweise im Span­dauer „Büttelmann“ und im Bamberger „Fässla-(ß)-Spezial“ mit einer Kernmannschaft sitzfester Ge­wohnheitstrinkerInnen. Daneben kommentiert er noch seine amourösen Abenteuer mit Spindel und Murmel und der ihm urplötzlich zugewiesenen Ehefrau Bucker samt ihrer zwei Kinder. Kapielskis stilvolle, dem 19. Jahrhundert verpflichtete Er­zählweise (Jean Paul und E.T.A. Hoff­mann lassen grüßen) bedient sich der Traditionen des Schelmenromans, schreckt aber auch nicht vor modernen Inhalten, Grobianismen und Abkanzeleien zurück, die stark an Eckhard Hen­scheid, Arno Schmidt, Thomas Bernhard oder Frank Schulz erinnern. Das liebevolle Spiel mit der Sprache wird noch durch eine putzige Vermi­schung der Erzählebenen - quasi als reflektierende Meta-Schiene - ergänzt, denn die Hauptfigur muss die Launen eines „Pohlen“, der eigentlichen „Schreibkraft“, ertragen, der ihm willkürlich in seine Lebenssituation hinein­pfuscht. Aus diesem „prekären Duett“ entstehen kunstvolle Reflexionen und innere Brüche, die dem höchst unter­haltsamen Roman Kultstatus bescheren werden. Wer also seinem edition-suhrkamp-Bücherre­gal eine ganz neue Farbe hinzufügen will, ist mit Kapielskis launigem Werk bestens bedient!

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Herzlichen Dank für ... Ihre erbaulichen Worte!                                          Ihr TK


Kai Weyand: Schiefer eröffnet spanisch (Roman, 2008) **

 

Von den (neuen?) Leiden der Lehrer konnte man in der bellet­ristischen Produktion der letzten Jahre manches lesen: Nina Bußmann, Judith Schalansky, Klaus Böldl, Anna Katharina Hahn und Norbert Gstrein - um nur einige Autoren zu nennen - be­richteten von Lehrern und ihren beruflichen Deformationen. In diese thematische Reihe passt auch der Roman „Schiefer er­öffnet spanisch“ von  Kai Weyand - leider eher als abschre­ckendes Beispiel. Weyand präsentiert gleich zwei Lehrer: den titelgebenden Schiefer, der schon seinen Beruf quittiert hat und sich lieber als Gitarrist der Hochzeitsband „Honeymoon“ betätigt. Da er einen  jungen Lehrer namens Theo Mal als Un­termieter bei sich beinquartiert, wird dieser zum nachträgli­chen Studienobjekt, zum wie unter einem Mikroskop beobach­teten Hamster im Rad, dessen Scheitern exemplarischen Cha­rakter haben soll. Für diesen Feldversuch arrangiert sich Schiefer mit dem Ich-Erzähler, einem Privatdetektiv, den er gleichzeitig als Schach-Partner schätzt. Die beiden installieren Videokameras in Theos Schule und werden so Zeugen der Ab­gründe des heutigen Schulalltags („Strukturen des Unglücks“). Schließlich entwickelt Schiefer am Ort des Grauens noch seine Theorie über die Krise des Schulsystems, auf die es nur eine Antwort gibt: sich verweigern. In einer surrealen Überhöhung geht der Ich-Erzähler und Explo­sions-Experte noch einen Schritt weiter. Er will die Schule abfackeln, denn „wenn ein Brand außer Kontrolle geraten ist, dürfen Feuerwehrmänner Gegenfeuer legen“. Aus dem bisher Ge­sagten wird vielleicht schon deutlich, dass Weyand seiner unstrukturierten Erzählfreude sehr freien Lauf lässt und damit regelmäßig am Thema vorbeischrammt. Die beiden Lehrer werden zu skurrilen Kasperle-Figuren ohne reale Anbindung. Auch bei der bildlichen  Sprache ist Weyands Trefferquote mäßig, vieles ist nur gewollt, aber nicht gekonnt. Und wenn man schon das Schachspiel zum Titel macht, sollte man wenigstens über einige grundlegende Abläufe Be­scheid wissen!


Sandra Gugic: Astronauten (Roman, 2015) ***

 

Sandra Gugic (38) ist bisher vor allem als Lyrikerin aufgefallen. Mit „Astronauten“ präsentiert sie ihren ersten Roman. In dem Roman spielt ein (aus Papier gefalteter) Fuchs eine gewisse sym­bolische Rolle. Soweit die Parallelen zu Lutz Seiler und seinem Roman „Kruso“. Ob allerdings für Gugic ein Deutscher Buchpreis 2015 in Aussicht steht, muss bezweifelt werden.

Der zweifellos sehr ambitioniert gestaltete Roman zeigt dem Leser sechs Personen in einer Stadt (Wien, Leipzig, Berlin?), die allesamt mit Mühsal beladen vor sich hinleben und deren eher ziellose Wege sich manchmal überschnei­den. Im kleinschrittigen Rotationsprinzip wechseln Mara, Darko, Zeno, Alen, Niko und Alex die Rolle des Ich-Erzäh­lers, fixieren ihre inneren Monologe als strömende Be­wusstseins-Short-Cuts. Dass hinter diesen Namen drei Ju­gendliche (Mara, Darko und Zeno) und drei Erwachsene (der schreibende Taxifahrer Alen, der Polizist Niko und der drogensüchtige Alex) stehen, vermittelt die jeweilige Sprachebene nicht, denn alle sechs sind geprägt vom sprachartistischen Duktus der Autorin. Der Zeitraum ist begrenzt - ein paar heiße Sommertage: „Summer In The City“. Woher die Protagonisten kommen, wohin sie wollen wird bestenfalls angedeutet. Das Prinzip scheint eher zu sein: „Man begegnet einander, und wozu ist es gut?“ Jeder torkelt wie ein abgekapselter Astronaut (!) durch die angedeutete Realität, die durch Psycho-Gruppen im Krankenhaus, ein leer stehendes Hotel, einen vietnamesischen Im­biss und Szene-Treffpunkt in der Stadt gekennzeichnet ist. Das Potpourri der angesprochenen Probleme (Drogen, Selbstmord des Vaters, Krankheit des Großvaters, Alkoholismus, latente Gewaltbereitschaft, Beziehungsunfähigkeit) entspricht dem aktuellen Zeitgeist. Nur einmal scheint für eine Person einen Ruhepunkt gefunden zu sein: als Darko seinen sterbenden Groß­vater auf dem Dorf besucht sagt er: „Das ist mein Zuhause für jetzt!“ Aufgepeppt durch viele verrätselte Symbole, durch adaptierte Schriftsteller-Zitate und Mottosprüche (z. B. von Samuel Beckett) hinterlässt der Roman beim Leser eher Fragezeichen. Damit schließt sich auch der Kreis zum Kollegen Lutz Seiler, dessen „Kruso“ mit seinen vielen Ausrufezeichen eine Jury (zu Recht) beeindruckt hatte.


Peter Wawerzinek: Rabenliebe (Roman, 2010) ***


Zu den großen und den gesellschaftlichen Diskurs der 60er Jahre bestimmenden sozialpsycho­logischen Studien gehörte Alexander Mitscherlichs „Auf dem Weg zur vaterlosen Gesell­schaft“. Darin untersuchte er die Auswirkungen des Verlusts der tradierten Autoritäten in Familie und Gesellschaft. Die Auseinandersetzung mit dem autoritären Vater ist auch ein Topos vieler be­deutender literarischer Werke des 20. Jahr­hunderts (man denke an Walther Hasenclever Drama „Der Sohn“ oder an Frank Kafkas „Brief an den Vater“). Eine neue Seite schlägt nun Peter Wa­werzinek in seinem umfänglichen Roman „Rabenliebe“ an: er trauert um die nicht vorhandene Mutter, sieht darin die Ursache seiner problematischen Sozi­alisation und macht sich auf den schmerzhaften Weg der „Mutterfindung“. Wawerzinek blickt zurück in das Jahr 1954, als seine leibliche Mutter - offensichtlich wegen der Verlo­ckungen des Westens - die DDR verließ und zwei Kinder al­leine zurückließ. Somit macht ihn die „ununterbrochen ausgestrahlte Angeberei des Westens“ zum Vollwaisen, denn ein Vater ist ohnehin unbekannt. Es folgen Jahre in Kinder­heimen und bei Adoptionseltern, doch dabei fühlt er sich „fehlerhaft umerzogen“ und beklagt den „Verlust weiblicher Wärme“. Er will der „Adoptionsmaschine“ entkommen, doch die eigene Flucht in den Westen traut er sich nicht zu. Erst nach der Wiedervereinigung sieht er wieder eine Chance, die Mutter zu finden und damit 50 leere, mutterlose Jahre zu einem Abschluss zu brin­gen. Doch das späte Treffen in Eberbach am Neckar gestaltet sich als wenig positiv: immer noch bleibt die Mutter für ihn eine „geistige Kindesmörderin“, die er mit einem Kampfhund ver­gleicht, dem das Böse ins Gesicht geschrieben ist. Auch die überraschende Begegnung mit vier Halbbrüdern und Halbschwestern kann ihm das Gefühl der intakten Familie nicht mehr zu­rück­geben. So bleibt dem Ich-Erzähler nur die narrative Bewältigung der Vergangenheit, er wird zum „Schreibautomaten“ mit „Angst vor dem weißen Papier“, der schreibend tiefer ins Erin­nern hineingerät, als ihm lieb ist. Es ist für den Leser nicht leicht, dem Autor auf seinem sehr persönlichen Weg der Vergangenheitsbewältigung zu folgen. Lange Phasen des assoziativen Schreibens, unterminiert von Liedstrophen, Sprichwörtern und anderen Erinnerungsfetzen er­zeugen eine beklemmende Sprachmelodie mit einem gewissen Hang zur Monotonie. Die Kapi­tel sind teilweise noch abgetrennt durch Zeitungsmeldungen (z. B. über Kindesmisshandlungen) oder durch Passagen aus dem Adoptionsrecht. Die politisch-gesellschaftliche Dimension seines Schicksals im geteilten Deutschland schimmert dabei nur sehr marginal durch die Zeilen. Ganz anders ist das bei Grit Poppes kritischem Roman über die Heimerziehung in der DDR („Weg­gesperrt“). Weitaus unterhaltsamer scheint es Wawerzinek zu hören - etwa mithilfe des Hör­buchs, einer Lesung im Maxim Gorki Theater Berlin vom 17. Juni 2011, wo er 144 atemlose Mi­nuten lang den Roman mit Leben erfüllt (argon edition 2 CDs).


Hans Magnus Enzensberger: Tumult (Autobiographischer Rückblick, 2014) ***


So ein Buch können sich nicht viele Autoren leisten. Hans Magnus Enzensberger reicht ein zufälliger Kellerfund, um eine Annäherung an seine Vergangenheit der 60er und 70er Jahre unter dem Titel „Tumult“ zu versuchen. „Caveat lector“ warnt er selbst seine Leserinnen und Leser in einer seiner Atempausen mitten im Buch (S. 107). Denn das alles ist ein Sammelsurium und nicht etwa eine Autobiografie. Die aufgefundenen Aufzeichnungen zweier Reisen in die Sowjetunion (1963/66) kombiniert der Autor mit einem Dialog des 85jährigen Enzensberger mit seinem Doppelgänger von vor etwa 45 Jahren. Dazu kommen inne haltende Postscripta 2014, voraus schauende Prämissen 2015 (!), Aufzeichnungen aus seinem Sudelbuch und ein sagenhaftes Personenverzeichnis.

Inhaltlich geht es auf einer ersten Ebene um ein rastloses Poeten-Reisetagebuch zwischen Berlin, Habana, Moskau, Tiflis, San Diego, London und Cambridge, Oslo und Stockholm, um sagenhafte Kontakte des deutschen Vorzeige-Literaten mit sagenhaft internationalen Kollegen, nicht zuletzt auch um dessen seinerzeit aufregendes Privatleben mit Mascha Makarowa, seiner zweiten Frau aus Moskau. Auf einer zweiten Ebene wird mit nüchterner Attitüde enzyklopädische Belesenheit und Weltzugewandtheit vermittelt, wobei selbst private Schicksale ohne Empathie recht trocken bewältigt werden. Die dritte Ebene der ironischen Selbstreflexion ist damit bereits verwoben und wird im letzten Teil epigrammatisch auf den Begriff gebracht. Doch was formale und inhaltliche Kohärenzen angeht, ist man fast versucht zu sagen, dass sich ein solches Buch nur das designierte Mitglied H.M.E. im Aufsichtsrat der bevorstehenden Neugründung einer Suhrkamp-Aktiengesellschaft leisten kann (vgl. hierzu auch S. 245 f.).

Der Leser staunt dennoch über unglaublich präzise und kluge Porträts eines Nikita Chruschtschow, eines Alexander Twardowski, eines Jewgeni Jewtuschenko, einer Maria Aleksandrowna Makarowa, der Mutter seiner zweiten Frau, und über seine Bilder aus Buchara, Samarkand, Alma-Ata, Irkutsk, Novosibirsk. Die sowjetrussischen Reiseeindrücke werden bald abgelöst, aber nicht überlagert durch die Beschreibungen der „cubanischen“ Revolution und ihrer anarchisch-romantischen Aspekte aus der Sicht des jungen Ehemanns, ohne dass dabei der eigentliche „Tumult“ im Berlin der 68er-Revolte vergessen wird - hierzu gibt es vielsagende Impressionen und Bruchstücke.

Immer wieder auch Selbstaussagen wie diese: „Als Buchhalter unserer Vergangenheit bin ich eine Fehlbesetzung. (…) Was mir aber gefiel, war die Erschütterung der deutschen Ordnung. Das war überfällig und schwer aufzuhalten.“ (S. 203); und Einschätzungen wie diese zur militanten Linken: “Die Blindheit vor den einfachsten Grundregeln der politischen Mechanik deutet, ebenso wie der Wunderglaube an ideologische Doktrinen, auf den quasi-religiösen Charakter einer Bewegung hin, zu der sich manche Parallele im Frühsozialismus des neunzehnten Jahrhunderts finden lässt.“ (S. 269); und zum „abscheulichen“ Andreas Baader: „..ein flüchtiger Ganove, der als Photomodell für ein Schwulenmagazin gearbeitet hatte und außer sich selbst vor allem schnelle Autos liebte. Die Frauen hatten sich ihm bedingungslos unterworfen. Er trat ihnen gegenüber wie ein Zuhälter auf.“ (S. 230).

Man sollte dieses Buch nicht zu später Stunde in die Hand nehmen, weil man dann vieles überlesen würde, was der genaueren Überprüfung wert wäre. Wenn es eine Faszination in diesem Sudelbuch gibt, dann ist es die eines bunten Reisekoffers mit alten Bildern, sandigen Muscheln und vergilbten Briefen. Doch verdichtet sich diese Faszination in einer ungeheuer lakonischen Sprache und nicht zuletzt in einigen schönen nachgelassenen Gedichten. Dennoch steht zu befürchten, dass der Autor damit nur diejenigen unter seinen Leserinnen und Lesern überzeugen kann, die ohnehin schon von ihm überzeugt sind - für die lohnt es sich aber allemal.

Gast-Rezension von herms


Albert Ostermaier: Flügelwechsel (Fußball-Oden, 2014) ***

 

Allzu groß dürfte die Schnittmenge zwischen der Gruppe der Lyrik-Liebhaber und der Gruppe der Fußball-Fans nicht sein - allenfalls einige sportbegeisterte Deutschlehrer, kickende Ger­manistik-Studenten und natürlich die komplette deutsche Au­torennationalmannschaft samt ihrem literarisch interessierten Trainer Hans Meyer. Der Torwart dieses Teams ist Albert Os­termaier, sein neuester Lyrik-Band „Flügelwechsel“ präsentiert sich als definitives Kompendium der aktuellen Fußball-Poesie.

Schon 1979 hat Eckhard Henscheid mit einer „Hymne auf Bum Kun Cha“ den Doppelpass zwischen Profifußball und ambitio­nierter Lyrik versucht, Peter Handkes „Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968“ war dagegen nur eine beliebig ge­wählte Provokation für alle Lyrik-Traditionalisten. Ror Wolf ver­suchte mit seinen Prosa-Werken „Die heiße Luft der Spiele“ (1980) und „Das nächste Spiel ist immer das schwerste“ (1990) die Klischeehaftigkeit der Fußballsprache - sag ich mal - zu desa­vouieren. Allen diesen literarischen Annäherungen an den Fußballsport wohnte eine gehörige Portion Ironie inne - ganz anders bei Ostermaier. Seine Oden entsprechen wirklich der Sach­wörterbuch-Definition, haben etwas Weihevolles, Feierlich-Erhabenes und eine „tiefe Ergriffen­heit vom Erlebnis“ (Gero v. Wilpert). Das Gegenüber sind Fußballstars, allen voran Torwart-Ti­tan Olli Kahn, dem allein sechs Oden gewidmet werden („wer auf seiner seite steht / hat die eins im rücken“). Weitere Partner der ehrfurchtsvollen Ansprache sind z. B. Bastian Schwein­steiger, Philipp Lahm, Thomas Müller, Manuel Neuer, Frank Ribery, Michael Ballack, Mehmet Scholl (man merkt, dass Ostermaier in München lebt!) sowie Ronaldo, Socrates, Jorge Valdano, Jimmy Hartwig und Nadine Angerer. Ostermaiers Focus richtet sich also auf die schillernden Figuren der Zunft, deren Übersteiger „metaphysik zwischen den seitenauslinien“ sind, deren Auftreten Drama und Show verspricht.

Ostermaiers neo-expressionistische Sprache ist geprägt von konsequenter Kleinschreibung, Strophenlosigkeit, meist Reimlosigkeit und vielen intertextuellen Bezügen. In die Oden baut er Originalzitate der Protagonisten, aber auch Verweise auf Brecht („Kinderhymne“), Benn, Sha­kespeare, Goethe („Prometheus“, „Ganymed“, „Sensenheimer Lieder“) und die Odyssee ein - der Literaturkenner könnte das Büchlein als interessantes Suchrätsel benutzen. Oliver Kahn hat dem Projekt sogar ein freundliches Vorwort verpasst und sich an den Fachbegriffen Denotation und Konnotation („Flügelwechsel“) versucht. Zum Anschauen und Verweilen laden die Bilder von Florian Süssmayr ein - verwischte foto-ähnliche Porträts von diversen großen und kleinen Fußballplätzen.

Letztlich bleibt aber die Frage, wer mit diesen Texten etwas anfangen kann: der eingefleischte Fußball-Anhänger wird sie schwerlich dechiffrieren können, der traditionelle Lyrik-Freund wird sich mögli­cherweise vom Sujet abgestoßen fühlen. Vielleicht ordern ja DFB und DFL größere Kontingente für Gast- und Weihnachtsgeschenke?

Gastkommentar von Klaus Gasseleder: Ich glaube, da irren Sie sich, wenn Sie schreiben, die Schnittmenge zwischen Lyrikfreunde und Fußballfreunde sei gering. Ich würde sie aus meiner persönlichen Kenntnis einer ganzen Reihe von Lyrikern für ausgesprochen hoch halten (so zwischen 50-70 Prozent). Ich erinnere mich z. B. an einer Autorenzusammenkunft bei den Bachmann-Lesungen in Klagenfurt, als bei Beginn einer Fußballübertragung nur noch ein paar Frauen übrig waren. - Und es gibt ja auch eine ganze Reihe von Schnittmengen zwischen Gedichten und Fußballspielen in Struktur und Abläufen und Erregunszuständen. Ein wenig davon findet sich auch in unseren Fußballbetrachtungen (Reinhold Aumaier/Klaus Gasseleder: Rundes Leder, raue Zeiten. Fußballgeschichten und Fußballphilosophie. 68 Seiten, Paperback, 9,80 Euro; WILDLESER VERLAG, Klaus Gasseleder, Sperlingstraße 1, 91056 Erlangen , Tel/Fax 09131/933596 , e-mail: klaus.gasseleder@t-online.de ) und manchen fußballphilosophischn Schriften.


Nina Bußmann: Große Ferien (Roman, 2012) ***

 

Der Roman beginnt mit einer sehr klaren, irgendwie sehr deutschen und wohl durchaus symbolhaften Beschäftigung: Lehrer Schramm (Vorname unbekannt) bekämpft im Hochsommer systematisch das Unkraut in seinem Grundstück. Dieser Tag ist der Fixpunkt der Handlung, von hier aus laufen diverse Rückblenden, die jedoch alle etwas nebulös gehalten sind. Man erfährt, dass Schramm schon seit einiger Zeit (?) vom Dienst suspendiert ist, weil im Kontakt mit dem Schüler Artur Waidschmidt etwas (?) vorgefallen ist und weil Schramm (infolgedessen?) auf dem Schulparkplatz einen Zusammenbruch erlitten hat. Homoerotische Motive klingen an - oder ist es nur ein ganz normaler Burnout eines Lehrers, der an seinem pädagogischen Einsatz verzweifelt (Waidschmidt sagt einmal zu ihm: „Ich an ihrer Stelle hätte längst den Verstand verloren“, „Wie halten Sie das eigentlich aus?“) Gleichzeitig denkt Schramm über seinen Bruder Viktor nach, der seinen Besuch angekündigt hat. Viktor war wohl als Student ein RAF-Sympathisant gewesen, insgesamt ein Mensch, der das Normale der Existenz ablehnt, was er in seinem Mathematik studierenden Bruder vorfindet. Zeitweilig schweifen Schramms Gedanken auch in seine Kindheit, zu Vater und Mutter - dies erweist sich aber als wenig aufschlussreich für sein späteres Schicksal und nährt den Verdacht, dass die Autorin ihre Zeitebenen allzu gewollt verwoben hat. Insgesamt verdichten sich mit diesem Roman die Indizien, dass der Lehrerberuf heute viel Stoff für Tragisches und Problematisches bietet (vor 100 Jahren hatten eher die Schüler Probleme mit dem System). Wer mehr darüber erzählt bekommen will, sei an Judith Schalansky („Der Hals der Giraffe“), Klaus Böldl („Der nächtliche Lehrer“), Jan Böttcher („Das Lied vom Tun und Lassen“), Sylvie Schenk („Der Aufbruch des Erik Jansen“), Anna Katharina Hahn („Am Schwarzen Berg“) oder Norbert Gstrein („Eine Ahnung vom Anfang“) verwiesen. Für Schramm endet der „Ferientag“ bedrohlich: er legt sich in seinem Garten auf den Boden, er will „nur einen Moment an der Erde liegen“.


Lutz Seiler: Kruso (Roman 2014) *****

 

Wenn  jemand mit seinem ersten Roman gleich den renommierten Deutschen Buchpreis gewinnt, muss er was zu erzählen haben - und das in manierlicher Form. Lutz Seiler hat diesen Katapult-Start im Literaturbetrieb mit „Kruso“ (und mit Recht!) geschafft, weil er den dominierenden Subtext der neueren deutschen Prosa - die DDR-Vergangenheit - auf höchst poetische und originelle Weise darbietet. „Kruso“ will nämlich ganz und gar kein Wenderoman sein, sondern eine phasenweise phantastische Insel-Abenteuer-Robinsonade und eine emotionale Hommage an die Werte der subjektiven Freiheit. Der Schauplatz Hiddensee im Jahre 1989 ist für Seilers Figuren der Ort, „wo man zurückkehrt in sich selbst“, wo man überleben kann, bis die „Freiheit in den Herzen die Unfreiheit der Verhältnisse mit einem Schlag überwindet“. So erlebt dort die Hauptperson Edgar (Ed) Bendler, der in Halle nach dem Tod seiner Freundin G. ein Germanistikstudium (Schwerpunkt: Lyrik des vor 100 Jahren gestorbenen Dichters Georg Trakl) aufgibt, die Untiefen der realsozialistischen Gastronomie, aber auch die Solidarität der „Ess-Kas“ (Saisonkräfte) und besonders die tiefe Freundschaft zu Alexander Krusowitsch - einer Art Leitfigur für alle „Schiffbrüchigen“, die auf Hiddensee gestrandet sind. Der gelernte Lyriker Seiler zwingt dabei den Leser in ein Wechselbad aus realistischer Erzählweise und fast hermetisch verschlüsselten Bewusstseinsebenen. Vielsagend hat der Autor in einem Statement angedeutet: „Worum es eigentlich geht, wäre noch herauszufinden“. Vielleicht auch um die Menschen, die auf der waghalsigen Flucht ins nahe Dänemark ertrunken sind und denen Seiler in einem bewegenden Epilog ein literarisches Denkmal setzt.


Peter Henning: Der schöne Schatten (Novelle 2012) ****

 

Der Copy-Baron Guttenberg lässt grüßen: in der Novelle von Peter Henning lernen wir Max Wahlberg kennen, der nach einer gefälschten Examensarbeit einen Brief von der Universi­tät erhält (vermutlich die Relegation?) und als vermeintliche Antwort auf die bevorstehende berufliche Lebenskrise spon­tan die Flucht ans Meer nach Zandvoort ergreift. Dort lernt er eine rätselhafte Frau namens Mia Brouwers kennen, die sich auf ihn einlässt, jedoch jede tiefere Nachfrage nach ihren Lebensumständen abblockt und offensichtlich falsche Anga­ben zum Grund ihres Aufenthalts macht. Gleichzeitig taucht auch noch Max‘ Freund Jens auf, mit dem eine spannungs­volle Dreiecksbeziehung denkbar wäre, der aber bald beim gemeinsamen Surfen mit Mia ums Leben kommt. Am Ende des kurzen Prosatexters bleiben zahlreiche Unklarheiten und Leerstellen - auch der Inhalt des Briefes von der Uni bleibt unbekannt, denn diesen zerreißt Max ungeöffnet und lässt ihn am Nordseestrand davon flattern. Peter Henning schreibt eine in 14 Kapiteln eingeteilte „Meeresnovelle“, die mit schön verrätselter Symbolik die Beziehungs­problematik einiger Menschen darstellt. Teilweise erinnert die Geschichte an Martin Walsers „Fliehendes Pferd“ - z. B. bei dem Unfall auf dem Wasser. Der Autor beweist nach seinem kom­plexen Gesellschaftsroman „Die Ängstlichen“, das er auch die kleine Form trefflich beherrscht


Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders (Dokumentarisches Essay, 2003) ****

 

Schuld ist ein Thema der deutschen Geschichte seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts, und die Auseinandersetzung damit reicht selbstverständlich auch ins scheinbar so befriedete 21. Jahrhundert hinein. Schriftsteller haben die Frage nach der individuellen, kollektiven und persönlichen Schuld immer wieder gestellt, die Einzelfälle Walter Jens und Günter Grass, d.h. deren Mitgliedschaft als junge Erwachsene in der Waffen-SS, waren auch für eine breite Öffentlichkeit wichtig. Bei Uwe Timm ist es das Beispiel seines 16 Jahre älteren Bruders Karl-Heinz, das ihn zum intensiven Nachdenken anregt. Dieser entschloss sich zur Mitgliedschaft in der Waffen-SS, war dann an der Ostfront eingesetzt und starb im Oktober 1943 in einem Lazarett in der Ukraine. Uwe Timm bedrückt die nüchterne, lakonische Sprache im Feldtagebuch des Bruders, in dem sich Sätze finden lassen wie "75 m raucht Iwan Zigaretten, ein Fressen für mein MG". Als Widerspruch (oder Lernprozess) findet sich am Ende aber auch die Aussage "Hiermit schließe ich mein Tagebuch, da ich für unsinnig halte, über so grausame Dinge, wie sie manchmal geschehen, Buch zu führen". Der Verfasser entwirft dazu eine Art ausführliche Familienaufstellung, untersucht die Rolle des Vaters, der Mutter und der Schwester, befasst sich aber auch mit allgemeinen Informationen über die NS-Zeit und verschiedenen prominenten Zeitzeugenberichten. Letztendlich sieht er die Schuld der Generation seines Bruders (und auch seines Vaters) in einer Kultur des Wegschauens und in einem blinden Akzeptieren des autoritären Zeitgeists. Für alle Nachgeborenen ist dies ein leicht lesbares und ausgesprochen differenziertes Stück semi-dokumentarischer Literatur, das auch noch viele Anregungen zum Weiterlesen gibt.


Jonas Lüscher: Der Frühling der Barbaren (Novelle, 2013) ****

 

Große Ereignisse werfen literarische Schatten. Die deutsche Wieder­vereinigung 1989/90 produzierte mehrere Wenderomane, vor allem solche, die den Übergang von einem Staatssozialismus zu einer kapi­talistischen Demokratie thematisierten. Reaktionen auf die große Finanz- und Bankenkrise sind dagegen noch rar. Einen der ersten Ver­suche unternimmt nun Jonas Lüscher mit seiner originell komponier­ten Novelle, deren Titel sich aus einer Definition des Wirtschaftswis­senschaftlers Franz Borkenau ableitet: Barbarei ist "ein Zustand, in dem viele Werte der Hochkultur vorhanden sind, aber ohne die ge­sellschaftlichen und moralische Kohärenz, die eine Vorbedingung für das rationale Funktionieren einer Kultur ist." Mit anderen Worten: der schrankenlose Finanzkapitalismus zerstört den Zusammenhalt der Gesellschaft. Dies exem­plifiziert Lüscher an einem exotischen Setting, einer kleinen Geschichte "voller unglaublicher Wendungen", die der vornamenlose Preising (Erbe einer weltweit erfolgreichen Firma für Mo­bilfunkantennen) einem Freund (= "Ich") erzählt. Bei einer Erholungsreise zu einem Geschäfts­partner nach Tunesien hält er sich in einem luxuriösen Wüsten-Hotel auf. Auf der Fahrt dorthin erlebt er gleichzeitig einen "natürlichen" Unfall (Zusammenstoß eines Reisebusses mit einer Kamelherde) und die Meldung vom Zusammenbruch zweier englischer Großbanken. In dem Hotel trifft er dann auf eine große englische Hochzeitsgesellschaft - überwiegend junge Londo­ner BankerInnen. Am Tag nach der rauschenden Hochzeit kommt die erneute Meldung vom Zusammenbruch des englischen Bankensystems und dem Staatsbankrott. Die Jung-Banker verfallen nun in alkoholisierte Apathie und veranstalten eine "barbarische" Blut- und Brand-Katastrophe. Preising erfährt auf dem Flucht-Rückweg, dass in Tunis seine Produkte durch Kin­derarbeit gefertigt werden. Zurück in der - ach so zivilisierten - Schweiz zieht er das ernüchterte Fazit, dass sich wohl auch aus dieser Geschichte nichts lernen lässt. Lüscher ist ein differenzier­ter Erzähler, der mit ungewöhnlicher Symbolsprache einen kleinen Fokus auf die brüchige Fas­sade unserer schuldenfinanzierten und damit gar nicht so nachhaltigen Zivilisation wirft.


Asta Scheib: Der Austernmann oder Die Sprache des Schweigens (Roman 2004) ***

 

Die literarische Geschichte von der Unfähigkeit zur verbalen Kommu­nikation beginnt eigentlich mit Georg Büchners Sozio-Drama "Woy­zeck", sie hat seitdem viele Nachfolger gefunden, die sich an diesem Thema abarbeiten wollten - vielleicht auch, weil der schreibende Schriftsteller nicht unbedingt ein Mensch des gesprochenen Wortes ist. Dies ist nun die sehr aktuelle Geschichte von Jochen Osthaus, dessen Leben eben dadurch geprägt ist, das ihm ver­bale Kommunikation schwerfällt, dass er verschlossen wie eine Auster wirkt, dass ihm z. B. der Berliner "Sprechanismus" zuwider ist. Seine damit zusammenhängenden Beziehungsprobleme werden an zwei Frauen verdeutlicht: an der Punk-orientierten Georgia im Berlin der 80er Jahre und an der modebewussten, eleganten Lili, mit der er - in München - verheiratet ist und zwei Kinder (Anton, Sophie)  hat. Doch beide verlassen ihn, weil man mit ihm nicht reden kann. Er­staunlicherweise wirkt sich sein Manko nicht auf die berufliche Karriere (Veterinärmediziner an der Uni München) aus! Als zweite Hauptperson kommt zunehmend Lili ins Spiel, die sich fragt, ob es zulässig ist, Mann und Kinder einfach zu verlassen. In einem spät aufgefundenen Nach­lass-Brief schreibt Jochen Großvater von seinen wissenschaftlichen Problemen während der NS-Zeit und erklärt sich für schuldig, geschwiegen zu haben, als die Rassentheorie auch die Tier­medizin belagerte. Am Ende steht ein dramatischer Schlussakkord: Tochter Sophie vergiftet sich mit Spülmaschinen-Tabs, doch Lili bringt sie rechtzeitig ins Krankenhaus und sieht sich danach wieder als Familienmutter. Gleichzeit passiert Jochen auf der Fahrt zur Hochzeit seiner Schwes­ter Bea ein Autounfall, bei dem sein Vater (der aber gar nicht sein Vater ist!) stirbt. Ist das nun der erlösende, das Schweigen lösende Punkt der Befreiung? Bedauerlich ist, dass die Verfasse­rin nach der Hälfte des Textes von dem Kern des Themas abrückt und eher einen leicht melodramati­schen Frauen-Beziehungsroman schreibt.


Martin R. Dean: Falsches Quartett (Roman 2014) ***

 

Man hat‘s nicht leicht als ambitionierter Deutschlehrer: die heutige Schülergeneration ist nur noch schwer für ernsthafte, problemori­entierte Literatur zu begeistern - und wenn man dann doch einmal eine willige, interessierte Schülerin findet, die sich mit Kafka oder Kesten auf die Interpretations-Schienen des Pädagogen ziehen lässt, dann treten gleich private Verwicklungen auf. So war es schon nachzulesen in Sylvie Schenks  Roman "Der Aufbruch des Erik Jan­sen" (2012), wo sich jener Erik Jansen in eine unauflösbare litera­risch-sexuelle Verwicklung mit der Schülerin Johanna verwickelt. Ähnlich konstruiert ist auch Martin R. Deans Roman über den Deutschlehrer Lucas Brenner und die Schülerin Nadia, die Perso­nen-Aufstellung wird aber noch durch Brenners Ehefrau Lisa und den 20jährigen Schüler Deniz zum Beziehungs-Quartett aufgeblasen, was schließlich fatal an Juli Zehs Roman "Spieltrieb" erinnert. Somit müssen wir uns auf vier problemhafte Personen konzent­rieren, eine Hauptperson ist im Verlaufe des Romans fast nicht mehr auszumachen: Lehrer Brenner kommt wegen seiner gewagten Interpretationsversuche (er deutet das Märchen von der Prinzessin und dem Froschkönig als Modell der Überwindung einer Deflorationsphobie!) und wegen seiner besorgten Nähe zu der suizidgefährdeten Schülerin Nadia in eine berufliche Krise mit selbstverordneter Auszeit auf einer Berghütte. Seine Frau Lisa (nach einem Eislauf-Unfall kinderlos!) verliert ihren Job und will sich als freie Fotografin verwirklichen; gleichsam als Konter auf die Beziehung ihres Mannes lässt sie sich auf einen One Night Stand mit dem Schüler Deniz ein, der ihr auch als Fotomodell dient. Nadia hat grundsätzliche Beziehungs­ängste und begeht schließlich einen echten Selbstmord, weder die fürsorgliche Belagerung von Lehrer Brenner noch von Deniz löst ihre inneren Verspannungen.  Deniz schließlich, der an Narkolepsie leidet, sieht sich schuldig am Selbstmord von Nadia, weil er wohl praktisch einen erzwungenen Bei­schlaf herbeigeführt hat.  Man erlebt also ein weites Problem-Potpourri, stets hart am Kli­schee. Auch die erzählerische Kraft von Martin R. Dean hält sich in Grenzen: in kurzatmigen Kapitelchen entwickelt er seine Story, die mit den Nöten eines Deutschlehrers beginnt und mit den Selbstzweifeln einer nur halbherzig emanzipierten Ehefrau offen endet.


Ewald Arenz: Ein Lied über der Stadt (Roman, 2013) ***

 

In 20 Kapiteln erzählt Arenz die Geschichte vom Freiheitstraum der jungen Luise Anding, den sie als Motorfliegerin verwirklichen will. Ihre Lehrzeit in München, wo sie ihren Flugschein macht und mit dem Flieger Greben kurzzeitig liiert war, wird in kurzen Rückblenden berichtet. Unterfüttert ist diese frühe Emanzipations-Saga durch die Auseinandersetzung zwischen etwas klischeehaft gezeichneten NSDAP-Anhängern und Nazi-Gegnern (z. B. Luises Vater, der evangelische Pfarrer, und ihr Jugendfreund, der sozialistische Schlosser Georg) in einer fränkischen Kleinstadt in den 1930er Jahren. Die provinzielle, käfigartige Enge wird für Luise zum Symbol der NS-Ideologie, der sie "über den Wolken" entfliehen will. Während der Vater wegen einer verbalen Attacke gegen den NS-Bürgermeister bei einer Beerdigung im KZ-Dachau sitzt, macht Luise mit Georg einen Flug im selbstgebauten Flugzeug ("Entsetzen und Freude") und verliebt sich endgültig in ihn. Ihre Anstellung als Mathematiklehrerin im Ort scheitert jedoch an ihrer angeblich zu indifferenten politischen Haltung. Mit einem arg spektakulären Schluss-Drama (Freiheit oder Tod als Alternative) beendet Arenz den Roman und führt so die konventionelle Erzählweise in ein narratives Kamikaze-Manöver: Luise opfert sich (samt Flugzeug) für Familie (Vater und Bruder) und den Geliebten Georg - hatte der Autor eine mögliche Verfilmung im Kopf?


Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit. Tragödie in 5 Akten mit Vorspiel und Epilog (1922) ****

 

Das 100jährige "Jubiläum" des Ausbruchs des 1. Weltkriegs hat eine Fülle von (vornehmlich) Sachbüchern auf den Markt gebracht. Daneben sollte es sich aber auch lohnen, einen poetischen Text zur Hand zu nehmen, der dieses Ereignis zum Thema macht. An kanonischer Literatur käme außer Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues" auch die Tragödie von Karl Kraus in Frage. Dabei handelt es sich bekanntlich um ein beängstigendes Opus magnus, dessen 199 Szenen (ohne Vorspiel und Epilog!) nach Meinung des Verfassers der normale Theatergänger nicht standhalten könne. Immer wieder versuchen Regisseure, diesen riesenhaften Text-Korpus für einen Theaterabend zurechtzufeilen – zuletzt Georg Schmiedleitner im Rahmen der Salzburger Festspiele 2014. Wer sich die Mühe macht, das Werk einer nur privaten Lesung zu unterziehen, könnte erkennen, dass Karl Kraus eigentlich als Urvater des dokumentarischen Theaters des 20. Jahrhundert bezeichnet werden müsste. Er hat fast nur originales Textmaterial szenisch umgesetzt und warnt den Leser: "Die grellsten Erfindungen sind Zitate!" Beginnend mit dem Attentat auf den Kronprinzen (Vorspiel) arbeitet sich Kraus durch die vier Jahres des Kriegs und lässt neben besonderen Personen (Hofmannsthal, Ganghofer, Wilhelm II.) alle Schichten der Gesellschaft zu Wort kommen. Wiederkehrende Dialoge finden statt zwischen einem Abonnenten und einem Patrioten sowie besonders zwischen einem Optimisten und einem Nörgler (eindeutig das alter ego von K. K.!). Dabei wird immer wieder die Grundfrage gestellt: Wer sind die Profiteure / die Opfer dieses Krieges? Mit dem 5. Akt bestätigt sich dann die Prophezeiung (des Nörglers), dass "der Weltkrieg die Welt in ein großes Hinterland des Betrugs, der Hinfälligkeit und des unmenschlichen Gottverrats verwandeln wird". Der ironisch-kritische Grundton des Stückes verwandelt sich schließlich im Epilog in eine expressionistische Deklamation mit sehr symbolgeladenen Vers-Auftritten (Hyänen, Antichrist, ungeborener Sohn). Aus einem manchmal kabarettistischen Panoptikum wird ein grelles Pandämonium, bei dem im Moment des Weltuntergangs im Meteoritenregen Gott als Stimme von oben das Schlusswort hat: "Ich habe es nicht gewollt!"


Peter Härtling, Božena (Novelle, 1994) ****

 

Peter Härtling hat aus Berichten seines Vaters diese tatsächliche Frauenfigur geschaffen und erzählt uns in gewohnter sprachlicher Meisterschaft die Geschichte von Božena Koska aus Olmütz in Mähren. Sie arbeitet vor 1944 für einen deutschen Rechtsanwalt, der aber dann noch zur Armee eingezogen wird. Nach dem Krieg wird Božena als "Faschistenhure" bezeichnet, ihre Pläne (Studium) sind nicht zu verwirklichen. Stattdessen wird sie verhört, kurzzeitig verhaftet und schließlich zur Zwangsarbeit auf dem Land verpflichtet. Ansprache und Aussprache findet sie nur bei ihren Hunden (die alle Moritz heißen), bei der Lektüre tschechischer Schriftsteller und bei (fiktiven) Briefen an den (geliebten?) Herrn Doktor, der angeblich 1945 gefallen ist. Mehrere reale Liebesversuche scheitern an den Umständen, so ist Božena 1972 eine ältere, gebeugte Frau, die sich ein Leben lang mit vermeintlicher Schuld auseinandersetzen musste - Parallelen zu Bernhard Schlinks Hanna Schmitz ("Der Vorleser") sind unverkennbar. Härtling zeigt, wie die Frau zwischen alle Fronten gerät, in einer Zeit, die nur Schwarz oder Weiß kennt. Da er seiner Titelfigur eine natürliche Würde ohne falsche Tragik gibt, erspart einem die Novelle auch jeglichen mahnenden Zeigefinger.


Rolf Hochhuth: 9 Nonnen fliehen (Komödie in drei Akten, 2014) **

 

Unter Verzicht auf jegliche Altersmilde sieht sich der 83jährige Rolf Hochhuth wohl mehr denn je als agent provocateur, der keinem Wespennest, keinem Fettnäpfchen und keinem Streit ausweichen will. Ob diese Spätform eines frühkindlichen Trotzverhaltens jedoch seine literarische Qualität bestärkt, lässt sich (auch) an seinem aktuellen Opus mit Fug und Recht bezweifeln.

Nach dem Aufsehen erregenden "Stellvertreter" (1960, UA 1963) hat er immer wieder versucht, historische und zeitgeschichtliche Skandale literarisch als Theatertext aufzudecken: mit "Soldaten"(1967), mit "Juristen" (1980), mit "Ärztinnen" (1980), mit "Wessis in Weimar" (1993) und mit "McKinsey kommt" (2004).

Mit "9 Nonnen fliehen" kehrt er nun ins kirchengeschichtliche Terrain zurück - allerdings weit zurück ins 16. Jahrhundert, in die Zeit Martin Luthers, dessen bevorstehendes Jubiläumsjahr vielleicht auch ein Grund der Beschäftigung mit dieser Figur war.

Zentrale Person des Theaterstücks ist aber die Ex-Nonne Katharina von Bora, die in allen drei Akten präsent ist und sozusagen den Leitfaden dieser wenig schlüssigen Theaterhandlung bilden soll.

Im ersten Akt fliehen neuen Nonnen aus ihrem Kloster, weil sie die Nähe des Reformators in Wittenberg suchen. Sie baden nackt (!) in der Elbe und sind durchaus bereit, ihre drei adligen Befreier zu entlohnen. Die aufgeklärte Johanna erklärt den - so Hochhuth - wahren (?) Zeitgeist des 16. Jahrhunderts: „wurde mir bewusst … wie absurd widernatürlich Nonnen und Mönche leben“. Die neun Nonnen - vom Autor als Teenies und Twens apostrophiert - reden dabei in einer merkwürdigen Mischung aus Verssprache und derber Umgangssprache, sie verwenden, obwohl Hochhuth in der Einleitung Geschichtstreue einfordert, sogar mehrfach Anglizismen ("No risk no fun"). Angeregt wurde diese Szene durch Lucas Cranachs Gemälde "Das Goldene Zeitalter".

Ein Zeitsprung führt zum 2. Akt, wo das Paar Luther und Katharina Besuch vom dänischen König Christian bekommt. Das Zwei-Männer-Gespräch pendelt recht ziellos um Themenkomplexe wie Bibel-Übersetzung, Hexenverbrennung und fürstliches Mäzenatentum. Als aber Katharina (hier: Käthe) ihren Luther auffordert, Position gegen die Hexenverbrennungen zu beziehen, bleibt er recht indifferent, flüchtet sich in den „scholastischen Dreck“ der Abendmahls-Theorie.

Im 3. Akt steht Luthers Eheweib als Aktmodell für Lucas Cranach, Luther nimmt das liberal hin und lässt sich auch vom hessischen Prinzen Philipp dazu erpressen, dessen Zweitehe zu legalisieren. Dem Wunsch eines Gesandten von Thomas Münzer nach einer positiven Würdigung der kriegerischen Bauern entzieht sich Luther jedoch feige.

Geht es also darum, eine Ikone des Protestantismus vom Sockel zu stoßen? Das wäre gar nicht nötig gewesen, denn selbst in kirchennahen Kreisen ist die Ambivalenz der Person Martin Luther längst bewusst. Also scheint es eher so, dass Rolf Hochhuth aus den historischen Skizzen ein paar als aktuell vermutete Reizthemen destillieren will und dies in umfänglichen Zwischentexten (Kommentare? Regieanweisungen?) ausbreitet. Das gar bunte Potpourri von arg populistischer Kritik an so allerlei sei hier nur stichwortartig aufgezählt: Kritik am modernen ("marxistischen"?) Regietheater, an der finanziellen Unehrlichkeit von Schriftstellern, an der neuen Prüderie ab dem 19. Jahrhundert, an der Staatsverschuldung in der EU, an der Ablehnung der Bedeutung der Persönlichkeit in der Geschichte, an dem Irrsinn bei Gruppen, Parteien, Völkern (Nietzsche) - wohl im Gegensatz zur Vernunft des Individuums ? - an der viel zu geringen Kunstförderung der Politik (z. B. Kunst am Bau), an der monogamen Ehe als Institut zur Lähmung des Geschlechtstriebs (vgl. Gottfried Benn).

Dass aus dieser Mixtur von Urteilen und Vorurteilen kein schlüssiges Theaterstück werden kann, versteht sich fast von selbst. Der krude Text wurde bisher einmal als szenische Lesung erprobt: bei dem „Festspiel der deutschen Sprache“ im sächsisch-anhaltinischen Bad Lauchstädt (2013), immerhin in Anwesenheit von Ministerpräsident Haseloff, Kulturstaatsminister Naumann und local hero Hans-Dietrich Genscher. Seitdem ist das Stück in Vergessenheit geraten - zu Recht! Vielmehr wäre zu wünschen, dass sich ein paar Intendanten an Dieter Fortes Reformationsdrama "Martin Luther & Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung" erinnern würden.

Zusätzliches Ärgernis: Die Buchausgabe bei Rowohlt wird noch durch ein fast schon peinliches Nachwort von Uta Ranke-Heinemann und eine arg wohlwollende Exegese von Antje Vollmer "abgerundet".


Frank Schulz: Morbus fonticuli oder: die Sehnsucht des Laien (Roman 2001) ****

 

Mit der Hauptperson Bodo Morten ist es Frank Schulz im Rahmen seiner Hagener Trilogie gelungen, eine Kultfigur zu schaffen. Von den drei Romanen, die knapp fünfzig Jahre eines Lebens darstellen, ist "Morbus fonticuli" sicherlich der schillerndste und abgefahrenste (neben "Kolks blonde Bräute", 1991 und "Das Ouzo-Orakel", 2006).

Darin erzählt der hypochondrische, stets gut durchalkoholisierte Bodo in Rückblenden von seiner Jugend in einem Kaff zwischen Hamburg und Hannover und als Abschluss von seiner Flucht in dieses Kaff, nachdem er das Leben und die anstrengende Dreier-Beziehung mit der lieben Anita und der sexsüchtigen Bärbel nicht mehr aushält. Die Freunde finden ihn aber nach etwa zehn Tagen, er geht in eine Psycho-Klinik und schreibt sein Schlusswort aus Griechenland (gleichzeitig Auftakt und Schauplatz für den dritten Roman).

Dazwischen ist Bodo ewiger Student (Germanistik?), Mitarbeiter bei einem Hamburgischen Anzeigenblatt ("Elbe-Echo") und teilweise arbeitslos. Gleichzeitig ist er penibler Journal- (= Tagebuch-) Schreiber, der sogar für jede Zeitperiode die Menge an Zigaretten und Alkohol auflistet. Bodo präsentiert sich also als klassischer Schelm, der sein ausschweifendes Sex, Drugs & Rock’n‘Roll-Leben immer mit der leisen Selbstkritik des verhinderten Intellektuellen betrachtet.

Frank Schulz hat sich dabei - keineswegs epigonal - an einige Vorbilder angelehnt. So erinnern die kauzigen Kiez-Figuren an Texte des frühen Udo Lindenberg und an Romane von Hubert Fichte. Bei Olli "Ditsche" Dittrich kann man ähnliche leer laufende Kneipen-Dialoge oder-Monologe finden. Von Sven Regener hat Schulz die Laber-Lust und die Liebe zu Außenseiter-Typen adaptiert. Der unvergessene Charles Bukowski war natürlich früher mal der beste Kenner des Trinker- und Raucher-Milieus. Große Parallelen finden sich zu Eckhard Henscheids "Trilogie des laufenden Schwachsinns", wo ein ähnlich ironischer Blick auf die Absurditäten des Alltags geworfen wird. Und unverkennbar schimmert die bildungsgesättigte sowie wortmächtige Sprache eines Arno Schmidt immer wieder durch die Zeilen (letzterer hätte allerdings nie ein Lexikon der verwendeten Fremd- und Fachwörter angefügt!). Auf jeden Fall ist das Schulzsche Opus magnus ein Gesamtkunstwerk, das spätestens nach 100 Seiten den Leser eingesaugt hat und nicht mehr loslässt.


Daniel Saladin: Aktion S. (Literarische Dokumentation, 2014) ***

 

Wenn man heute mit Jugendlichen im Rahmen des Deutschunterrichts Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen" liest (oder szenisch umsetzt), kommt man nicht umhin, das zentrale Thema Sexualität aufzugreifen, denn der Provokateur der Jahrhundertwende macht (ungewollte) Schwangerschaft, Selbstbefriedigung und Homosexualität bei 14 - 16jährigen zu den zentralen Motiven seines Theaterstücks.

So wählte der Zürcher Deutschlehrer Dr. Daniel Saladin für seine Gymnasialklasse Paralleltexte von Marlen Haushofer ("Menschenfresser"), Unica Zürn ("Dunkler Frühling"), Jeffrey Eugenides ("Die Selbstmord-Schwestern") und Aglaja Veteranyi ("Warum das Kind in der Polenta kocht") aus, die weit über die Wedekindsche Thematik hinausgehen und wohl nicht unbedingt für 15jährige geeignet sind; er verlangte schriftliche Stellungsnahmen zur Thematik und bot auch praktische Übungen zur körperlichen Nähe an. Dass missfiel einer Schülerinnenmutter, die sich nach erfolglosen Kontakten mit dem Direktorat an die Staatsanwaltschaft Zürich wandte und den Lehrer dort als Pornographen denunzierte. Dies wiederum setzte - rechtsstaatlich sehr fragwürdig - den Justiz-Apparat in Gang, der umgehend eine Wohnungs-Durchsuchung mit Beschlagnahme zahlreicher Unterlagen durchführte. Auf einem Computer Saladins wurden dabei Nacktfotos von Jugendlichen gefunden (die gesamte Zahl wird von ihm bestritten) - nun war für die Staatsanwältin die Sachlage klar. Eine Anklage und eine vorläufiger Beurlaubung waren die Folge. Der Vorwurf der Verbreitung literarischer Pornografie fällt jedoch mit der Zeit in sich zu-sammen, der Besitz von kinderpornografischem (?) Bildmaterial führt jedoch zu einer Geldstrafe. Gleichzeitig ist aber auch die berufliche Stellung Saladins ruiniert worden - der Fall Edathy lässt grüßen! So weit - so kritikwürdig.

Lehrer Saladin setzt sich dagegen zur Wehr - vor allem in Form einer literarischen Dokumentation seines Falles. Dabei lässt der Autor aber ebenso eine Tugend vermissen: die der Selbstreflexion. Stattdessen wütet er in Kohlhaasscher Manier, bedient sich äußerst platter Verschwörungstheorien und lässt an mehreren Stellen durchblicken, dass Sex mit Kindern für ihn eben doch kein Tabu ist. Sinnvoller wäre es - bei aller verständlicher Wut - gewesen, wenn er differenziert darüber nachgedacht hätte, wie man das Thema und die Lektüre mit abhängigen 15jährigen im System Schule verantwortungsvoll behandeln kann. Wer sich (zu Recht) darüber lustig macht, dass heute noch offizielle Stellen Wedekinds Tragödie (ungelesen!) als Pornografie titulieren, muss umgekehrt Sorge tragen, nicht in eine nebulöse Odenwaldschule-Ideologie zu verfallen.


Erich Loest: Nikolaikirche (Roman, 1995) ***

 

Neben der relativ großen Zahl rein autobiographischer DDR-Familiengeschichten (z. B. von Marion Brasch, Maxim Leo oder Uwe-Karsten Heye) bleiben letztlich drei große fiktionale Romane bestehen, die den Versuch unternehmen, die Konfliktlinien innerhalb des sich destabilisierenden sozialistischen Staates am Modell einer Familie nachzuzeichnen.

Dabei konzentriert sich Uwe Tellkamp in "Der Turm" (2008) auf die 80er Jahre und auf das Bildungsbürgertum in Dresden. An der Familie Hoffmann / Rohde (Arzt, Verlagslektor) werden einige Verhaltensmuster in einer autoritären Diktatur verdeutlicht. Mit breiterer Chronologie und mit mehr Generationen (4) entfaltet Eugen Ruge ("In Zeiten des abnehmenden Lichtes", 2011) das Einstellungsspektrum zur DDR innerhalb der Familie Powileit / Umnitzer. Diese reicht von der stalinistischen Kampftradition bis zur Begeisterung für die westliche Popo-Kultur.

Schließlich ist noch Erich Loests Roman "Nikolaikirche" (1995) zu nennen, der das Thema eindeutig am Plakativsten angeht und über die Mitglieder Familie Bacher / Protter hinaus weitere Schlüsselfiguren der friedlichen Revolution in Leipzig in seine erzählerische Konstruktion einbaut. Die Spannungslinien während der Wendejahre 1985 - 1989 sind dabei klar gezeichnet: auf der einen Seite steht der MfS-Hauptmann Alexander Bacher, der den Auftrag hat, die Leipziger Kirchen-Opposition zu bespitzeln und zu verunsichern, auf der anderen Seite seine Schwester Astrid Protter, die zunächst nur mit den Arbeitsbedingungen bei der Leipziger Stadtplanung unzufrieden ist, dann aber sich mehr und mehr den oppositionellen Kreisen nähert. Beide sind auf bestimmte Weise geprägt durch den Vater Albert Bacher, der aktiver Kommunist in der Weimarer Republik und in der NS-Zeit war und dann in der DDR zum General der Volkspolizei aufstieg. Dessen Kadergehorsam wird auch teilweise bei Sohn Alexander sichtbar, der sich auf dringendes Anraten des Ministeriums von seiner Freundin Claudia trennt, da diese Kontakte zu oppositionellen Umwelt-Aktivisten hat. Zum Glück hat Erich Loest dieses schwelende Familien-Duell nicht als platte, quasi-dokumentarische Schwarz-Weiß-Kolportage verfasst (die Distanz eines ausgebürgerten Wessis hätte so etwas erzeugen können), sondern bei beiden Seiten mit Differenzierung gearbeitet. So sind auch die Leipziger Kirchenmänner nicht frei von Opportunismus und Taktik. Der personell deutlich überladenen Roman endet mit der Montags-Demonstration vom 9. Oktober 1989 und der resignativen Einsicht eines Stasi-Generals: "das war die Revolte, Markus Wolf im Bund mit Gorbatschow, vielleicht hatte sich die NVA schon auf deren Seite geschlagen … Im Hinausgehen hätte er gerne die Faust zum alten Rot-Front-Gruß erhoben. Aber es wäre lächerlich gewesen …"


John Williams: Stoner (Roman, 1965 / 2006) ****

 

Erst am Ende des unspektakulär erzählten Romans und am Ende des Lebens der Hauptperson William Stoner erkennt man die Tiefe und die Dimension dieser Geschichte: es ist nicht weniger als eine Fortschreibung der Faust-Tragödie im 20. Jahrhundert. Während aber der Goethesche Faust versöhnt die Augen schließen kann, zieht Professor Stoner das resignierte Fazit, "dass man sein Leben für gescheitert halten würde". Der Grund dafür ist zum einen die Tragödie des Wissenschaftler (als Professor für englische Literatur an der Universität in Columbus, Missouri): "er hatte ein Lehrer sein wollen … doch wusste er … dass er über weite Strecken seines Lebens nur ein mittelmäßiger Lehrer gewesen war … Er hatte Weisheit erstrebt und am Ende langer Jahre Unwissenheit erlangt". Die außer-wissenschaftlichen Machtkämpfe im Uni-Betrieb zerstören dazu immer wieder seinen Forscher- und Lehrer-Idealismus. Zum anderen erlebt er die Tragödie des Liebenden, der auf die "Einzigartigkeit … der Ehe" hoffte, aber nicht wusste, was er damit anfangen sollte und in seiner Frau Edith nur eine Absolventin der gesellschaftlich gewünschten Ehe-Rituale findet, der schließlich außerhalb der Ehe Liebe (zu der Doktorandin Katherine) erfährt, diese aber aus Furcht vor dem gesellschaftlichen Druck wieder aufgibt. So stellt sich für den aus ganz einfachen Verhältnissen aufgestiegenen Mann das Leben als eine Serie von Kompromissen und "grellen Zerstreuungen des Trivialen" dar, die ihn natürlich nicht befriedigen können. Eher dezent brechen in dieses auf den ersten Blick provinzielle Schicksal noch die weltweiten Tragödien des 20. Jahrhunderts hinein: der 1. Weltkrieg (mit dem Tod seines Freundes David Masters), die Weltwirtschaftkrise (mit dem Ruin seines Schwiegervaters) und der 2. Weltkrieg (mit dem Tod des Ehemannes seiner Tochter Clara). Wer sich also mit den existenziellen Dingen und der tatsächlichen Traurigkeit des Daseins (vgl. Albert Camus!) auseinandersetzen will, findet in diesem Überraschungs-Bestseller zahlreiche Anregungen.

 

Gastkommentar von Dr. U. H.:

Zunächst finde ich den Terminus des "unspektakulär(en)" Erzählens schief bis fehl am Platze.

Den Stil des Autors würde ich als ausgesprochen spröde und karg bezeichnen, - und damit passt er exakt zum kargen Leben der Romanfigur. Was soll denn bei einem Leben wie dem Stoners spektakulär erzählt werden? Das wäre entweder deplaciert oder ggf. reißerisch-sentimental. Gerade das lapidare Erzählen entspricht der Materie und erhöht die Wirkung ungemein.

Dazu gehört auch eine Art von minimalistischem Erzählen. Die Personen von Vater und Mutter und die Beziehung des Kindes zu den Eltern werden mit bewusst wenigen, kleinen, aber enorm bildkräftigen Strichen gezeichnet und lassen Personen und Umstände miniaturmäßig aufleuchten.

Mit der Faust-Paralle kann ich gar nichts anfangen, denn Stoner ist von Anfang bis Ende ein loser, und zwar in vielerlei Hinsicht. Ich finde schon die scheinbar nebensächliche Feststellung aussagekräftig "at seventeen his shoulders were already beginning to stoop beneath the weight of his occupation". Faust mit seinem aufwärts und außer sich Streben ist schon vom Gestus her das Gegenteil.

"He did his work at the university as he did his work on the farm - thoroughly, conscientiously, with neither pleasure nor distress". Sieht so Fausts Furor, Ekstase und Transzendenzgerichtetheit aus? Stoner - "He had no plans for the future" (!!!).

Wenn der junge Lehrende mit seinen Studenten arbeitet, erscheint er, als ob er sich verloren hätte ("Sometimes, as he spoke to his students, it was as if he stood outside himself and observed a stranger speaking to a group assembled unwillingly.") Identitätsverlust kann man Faust wahrscheinlich nicht nachsagen. Stoner ist m. E. ein im modernen Sinn Fremder, ein Unsicherer, der Sehnsüchte hat, elementare Bedürfnisse, für die er auch in seinem bescheidenen Rahmen unterdrückt-verzweifelt kämpft, aber er verliert alle, tatsächliche alle seine Kämpfe. Insofern ist er für mich eher ein Sinnbild einer absurden Existenz, aufgetischt auf vordergründig realistischer Ebene, aber höchst abgründig.


Roger Willemsen: Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament (Ffm. 2014, S. Fischer Verlag) ***

 

Ein sprachmächtiger Intellektueller führt ein zeitraubendes Experiment durch: er besucht ein Jahr lang (vom 16.1.2013 bis zum 19.12.2013) alle Plenarsitzungen des Deutschen Bundestags (Mi/Do/Fr). In tagebuchartiger Manier addiert er seine Notizen: meist beginnt er mit einem eher willkürlichen kurzen Sammelsurium von Ereignissen des Vortags, dann folgen (manchmal) Beobachtungen zu dem Gebäude, zu den Menschen auf den Zuschauertribünen, schließlich kommt die teilweise recht ausführliche Nachbetrachtung der Tagesordnung, d.h. der Reden. Eingerahmt wird das Bundestags-Jahrbuch durch die süffisante Kritik zweier Merkelscher Neujahrsansprachen (Musterbeispiele für essayistische Textanalyse!).

Das Ergebnis dieser Mühen ist allerdings bescheiden: man erfährt, dass sich der rhetorisch begabte Willemsen ein "spannenderes" Redeparlament gewünscht hätte, stattdessen erlebt er gestanzten Polit-Sprech, ritualisierte Zustimmung/Ablehnung viel argumentatives Mittelmaß und schlichte Langeweile. Letzteres auf fast 400 Seiten auszubreiten und mal ironisch, mal kritisch zu kommentieren, ist auch für den Leser kein reines Vergnügen. Mit den Inhalten der Debatten setzt sich Willemsen recht vorsichtig auseinander, teilweise signalisiert er Sympathie für grüne oder linke Positionen, doch auch der "aufrechte" Konservative Norbert Geis ist ihm als authentischer Kämpfer für die traditionelle Familie ein Lob wert. Dafür richtet der Autor häufig den Blick auf die Äußerlichkeiten des Berliner Reichstags-Geschehens: die Farbe vom Angela Merkels Jackett (mittlerweile vom tagespolitischen Kabarett inflationär abgearbeitet!), die Smartphone-Nutzung der Regierungsmitglieder, die Wer-mit-wem-Gespräche während laufender Reden, die Gestik oder Sitzhaltung einzelner Abgeordneter. Insofern kolportiert das Buch nur ein weiteres der vielen - kritisch gemeinten - Missverständnisse über den deutschen Parlamentarismus des 21. Jahrhunderts (z. B. die Beschwerde über die Unaufmerksamkeit vieler Abgeordneter oder über die schwache Besetzung des Plenarsaals). Ein zentraler Vorwurf von Willemsen ist längst bekannt und wird selbst in Materialien der Bundeszentrale für politische Bildung den Schülern zur Diskussion vorgetragen: "Die Parlamentsrede … informiert eigentlich nur noch Plenum und Öffentlichkeit über eine Position, trägt aber nicht mehr zur Entwicklung von Positionen bei. Deshalb ist der Aufwand an Überzeugungsarbeit nur noch rhetorisch, die Rede für das Abstimmungsverhalten gleichgültig" (S. 387). Tatsächlich gibt es auf der Welt auch Parlamente, wo (nicht nur rhetorisch) mehr die Fetzen fliegen, doch ist das wirklich so wünschenswert? Zugegegeben, ein unterhaltsameres Buch hätte man dann wohl schreiben können! So haben wir es mit einem Bericht zu tun, der Züge des intellektuell-elitären Antiparlamentarismus mit Facetten des resignativen Polit-Kultur-Pessimismus verbindet. Der vollmundige Klappentext des Verlags wird jedenfalls nur zur Hälfte eingelöst. Man erfährt eben nicht substantiell "wie … Entscheidungen (fallen) und wie … uns unsere Volksvertretung wirklich vertritt", ob und wie "das Herz unserer Demokratie" funktioniert. Dafür scheint es dann ergiebiger, zu Schriften von Werner J. Patzelt zu greifen, etwa zu seiner Edition "Parlamente und ihre Evolution" (Baden-Baden 2012).

Als nächstes Projekt (vielleicht für 2015) wäre dem Analytiker Roger Willemsen zu empfehlen, einmal ein Jahr lang alle Polit-Talks im TV anzuschauen und zu würdigen - ob dabei mehr herauskommt?


Alina Bronsky: Scherbenpark (Roman, 2008) ****

 

Die Amerikaner sagen "when the going gets tough, the tough gets going", was auf deutsche Umgangssprache etwa bedeutet "Nur die Harten kommen in den Garten!" So ein hartes toughes Mädchen ist die 17jährige Exil-Russin Sascha (Alexandra) Naimann in dem Debütroman von Alina Bronsky „Scherbenpark“. Dabei hat die Autorin, die mit diesem Werk einen Überraschungserfolg landete, eine sehr ungewöhnliche Ich-Erzählerin in der modernen Adoleszenzliteratur geschaffen, einen Spät-Teenager, der trotz härtester Schicksalsschläge versucht, in einem sozialen Brennpunkt irgendwo bei Frankfurt seinen Weg zu gehen. Dieser Weg ist geprägt durch vier Motive: Rache - sie will irgendwann den Mörder ihrer Mutter, den eifersüchtigen Ex-Mann Vadim umbringen; Leistung - sie ist die Spitzenschülerin im Gymnasium; reflektierendes Schreiben - sie bringt die eigene Vergangenheit und Gegenwart zu Papier; Liebesverweigerung - sie verschafft sich zu (fast) allen Menschen Distanz, Sex wird zum mechanischen Spiel. Erst als ihr erster Antrieb (Rache) verloren geht - Vadim hat sich nämlich im Gefängnis umgebracht - und als der vierte Antrieb (Liebesverweigerung) auf der Kippe steht - die Beziehung zu dem jungen Felix und seinem Vater, dem Journalisten Volker, könnte trotz des problematischen Dreiecks doch mehr bedeuten - verliert Sascha ihre Geradlinigkeit und erlaubt sich einen emotionalen Ausbruch. Sie wirft mit Pflastersteinen auf die Fenster ihres maroden Aussiedler-Hochhauses und produziert einen weiteren Scherbenpark (neben dem gleichnamigen Jugendtreff in der Nähe). Alina Bronskys Roman lebt von dichten Dialogen, einprägsamen Szenen und einer Hauptperson, die als Charakterkopf fernab aller Klischees der Jugendliteratur Bestand haben wird. Am Ende verlässt Sascha mit offenem Ziel ihr Ghetto: "Ich habe hier nichts mehr zu tun".


Peter Handke. Versuch über den Stillen Ort (Essay, 2011) **

 

Einstmals fasziniert von den quasi-revolutionären Sprachexperimenten des jungen Peter Handke habe ich den Autor und sein Prosa-Werk seit etwa zwanzig Jahren aus den Augen verloren. Das Interesse am Thema ließ mich zu dem Essayband "Versuch über den Stillen Ort" greifen; die kurze (nicht unbedingt kurzweilige) Lektüre bestätigte jedoch den Eindruck, nichts Wesentliches versäumt zu haben und endete in dem plakativen Monolog beim Zuklappen: "So ein Sch…". Peter Handke schwadroniert in geradezu unerträglich bildungsbürgerlicher bis esoterischer Weise über stille Orte und Stille Orte (u.a. in Österreich, Japan und Portugal), rekonstruiert vage Erinnerungen (es ist ja zum Glück nur ein "Versuch") und beendet die ca. 100 großzügig bedruckten Seiten (Preis 17,95 € = 26mal sanifair-Autobahn-Raststätten-Toilette) immerhin mit einer nachvollziehbaren Erkenntnis: Wer im gesellschaftlichen "Lärm" zum Schweiger wird, kann auf dem Stillen Ort als geschütztem Rückzugsraum seinen Gedanken und Worten wieder freien Lauf lassen (oder im Handke-Deutsch: "die Sprach- und Wörterquelle springt frisch auf"). Von anderen Befreiungen ist leider nie die Rede!


Jan Böttcher: Das Lied vom Tun und Lassen (Roman, 2011) ***

 

Drei Generationen und drei Erzähler lässt Jan Böttcher in seinem höchst musikalischen Roman aufeinander los: den schon älteren Musiklehrer Immanuel Mauss; der als verhinderter Künstler von dem starren Schulsystem enttäuscht ist und seine Schüler mit freiem Projektunterricht aus der Reserve locken will; den Musikwissenschaftler Johannes Engler, der von seinem Professor einen Evaluationsauftrag für die Schule, an der Mauss unterrichtet, bekommen hat, sich dann aber in eine Beziehung zu Clarissa verstrickt; und eben jene Abiturientin Clarissa Winterhof, die im Auftrag von Mauss an dem (fiktiven ?) Bandprojekt "Animal Museums" arbeitet und nur mit Mühe und Schummelei die Reifeprüfung schafft. Als bedrohlicher Schatten des Scheiterns geistert noch die Schülerin M. (Meret) durch das Bewusstsein der Personen, da sie mit einem spektakulären Selbstmord ausgestiegen ist. Alle drei Hauptpersonen sind von Selbstzweifeln und privaten Krisen geprägt, die sie versuchen mit Musik (Instrumentenbau, Schallplattensammlung, Songwriting, Band-Tourprojekt) zu bewältigen - insgesamt mit unsicheren Erfolgschancen.

Böttchers Schreibstil nervt zeitweise durch krampfhaften Metaphern-Zwang, im abschließenden Tour-Blog von Clarissa (hauptsächlich durch Frankreich) entspannt sich aber diese Manie und die Handlung führt in einen interessanten Kreislauf der Personen und Zeiten, der sogar zum Neubeginn der Lesearbeit einlädt. Die Songs, die in diesem Roman getextet werden, kann man auf Böttchers Homepage als akustisches Begleitmaterial anhören - vielleicht verfängt man sich dann auch in Böttchers zweiter Leidenschaft neben dem Schreiben: dem Songwriting und der musikalischen Performance (z. B. mit der Band "Herr Nilsson").


Kerstin Hensel: Das verspielte Papier. Über starke, schwache und vollkommen misslungene Gedichte (2014) ***

 

Gedichte und Gedichteverfasser haben es nicht leicht: die Auflagenzahlen von Lyrikbänden sind klein, die Schar der Leser überschaubar. Vielleicht hat das damit zu tun, dass die Schüler nie richtig mit dieser poetischen Form konfrontiert wurden - so hat das Hans Magnus Enzensberger schon seit langem scharfzüngig formuliert - und dann nur noch konstatieren: "Lyrik nervt!" Kerstin Hensel, erfahren als Verfasserin von Gedichten, Poetikdozentin und Leiterin von Schreibwerkstätten, unternimmt nun einen neuen Versuch, dem Gutwilligen eine Erste Hilfe bei der Annäherung an Gedichte zu leisten. Sie erweist sich dabei als eher konservative Mahnerin für Qualität und Formkunst, argumentiert gegen das popkulturelle "anything goes" und gegen die Beliebigkeit bei Schreibern und Interpreten.

Für Kerstin Hensel ist der Umgang mit Gedichten durchaus Arbeit ("Handwerk"), dabei leben Gedichte von der "Spannung zwischen Erregung und Erkenntnis", von Überraschungen und Erschütterungen. Insofern ist der gewählte Buchtitel "Das verspielte Papier" eher irreführend, da die Verfasserin das Schreiben und Lesen von Gedichten eben nicht als Spielerei versteht. Der mutige Versuch, Kriterien für das "gute" Gedicht zu ermitteln, muss zwangsläufig umstritten bleiben. Für Kerstin Hensel ergibt sich die Qualität aus dem Einfall und der Ausführung; d.h. der eigenen Sprache und dem eigenen Stil ("Kunst ist Form"). Am Ende darf beim Leser durchaus ein "Restgeheimnis" übrig bleiben. Dabei ist sich die Autorin im Klaren, dass immer nur ein schmaler Grat (nicht Grad; S. 81!) zwischen Kunst und Banalität (also zwischen Karl Mickel und Kristiane Allert-Wybranietz) besteht. Mit zupackender didaktischer Methode arbeitet sich Kerstin Hensel durch die vielfältigen Themen und Sprechweisen der Lyrik und zitiert aus ihrem reichen Schatz an guten, mittelmäßigen und misslungenen Beispielen (leider mitunter ohne klare Quellenangaben!). Für die Textanalyse-geplagten Schüler hat sie eine wenig tröstliche Botschaft am Schluss: der allein spielerische Umgang mit Gedichten schafft noch keine Erkenntnis!


Klaus Böldl: Der nächtliche Lehrer (Roman, 2010) ****

 

Lennart, der Junglehrer aus Stockholm, bekommt seine erste Anstellung fernab der Hauptstadt in den Provinzort Sandvika - eine "Abgeschiedenheit, die so tief war, dass man sich wohl niemals mehr aus ihr würde herausarbeiten können". Er unterrichtet Kunst und Religion, er ist ein sehr genauer Beobachter und eher verschlossener Mensch, er "liebte das Unterrichten im Grunde nicht, schon weil er selbst kein guter Schüler gewesen war". Er bezieht eine Wohnung und liebt es, bis tief in die Nacht am Küchenfenster zu sitzen, zu lesen und zu schauen. Er macht ausgedehnte Wanderungen in seiner Freizeit, manchmal auch mit seinem Kollegen Grasberg. Er beobachtet die Bibliothekarin Elisabeth, ist von ihrer "madonnenhaften Reglosigkeit" beeindruckt, man kommt ins Gespräch und verbringt die Nacht miteinander. An einem Wochenende erfährt er, dass Elisabeth schwanger ist, kurz danach heiraten sie. Ein halbes Jahr später wird Elisabeth in ihrem Auto am Bahnübergang erfasst und stirbt sofort. Lennart bleibt in Sandvika und freundet sich mit dem Pfarrer Lukas an. Die Zeit vergeht unmerklich - "fünf Jahre … oder waren es nicht gar schon zehn?". Lennart veröffentlicht etwas überraschend ein Buch mit dem Titel "Waldgedanken", eine Art philosophischer Betrachtung der Natur - das Buch wird zu einem Erfolg, Lennart macht weite Lesereisen und quittiert den Schuldienst. Er wandert wieder viel und wird in Sandvika zu einem "harmlosen Kauz" und zu einer "Randfigur", der auf dem Klappstuhl vor dem Grab seiner Frau sitzt und die Nächte oftmals im ehemaligen Klassenzimmer verbringt.

Klaus Böldl erweist sich als außergewöhnlicher Erzähler, der irgendwo zwischen Jean Paul, Adalbert Stifter und Peter Handke die narrative Langsamkeit entdeckt hat, der seine Geschichte gänzlich unspektakulär aufbereitet, mit versteckten Symbolen und Vorausdeutungen arbeitet und nur an wenige Stellen kurze Handlungs-Eruptionen zulässt. Der kleine Roman entfaltet aber eine geradezu schlafwandlerische Stilsicherheit fernab aller (Post-)Modernität, einen Stimmungs-Sog, der den Leser in die Geschichte förmlich hineinzieht.


Sylvie Schenk: Der Aufbruch des Erik Jansen (Roman, 2012) ***

 

Die lakonische Antwort auf die Frage "Wohin geht die Reise?" in Franz Kafkas kleiner Parabel "Der Aufbruch" lautet "Ich weiß es nicht … nur weg von hier … die Reise ist so lang … zum Glück eine wahrhaft ungeheure Reise".

Diesen Text lässt der Deutschlehrer Erik Jansen in seinem Leistungskurs an einem Aachener Gymnasium interpretieren. Die schriftlichen Antworten der Schülerin Johanna gehen jedoch schnell über den traditionellen Erschließungs-Mechanismus hinaus, es entwickelt sich eine nicht nur literarische Kommunikation mit dem Lehrer, die schließlich zu einem (einmaligen) sexuellen Kontakt führt - durchaus angestachelt von Johanna, die den Lehrer ermutigt, auch seinen eigenen "Aufbruch" zu wagen. Dann aber beschuldigt sie ihn beim Direktor des Übergriffs, Erik muss die Schule (und auch seine Frau Viola) verlassen. Die erzwungene Pause nutzt er zu einer Gruppen-Studienreise nach Jordanien/Israel, wo er die beiden belgischen Schwestern Monique und Nelly kennenlernt, jedoch ständig von Gedanken an seine letzte Zeit als Deutschlehrer abgelenkt wird. Diese zweite Zeitschiene endet mit dem rätselhaften Verschwinden Moniques, zu der er ein beinahe vertrauliches Verhältnis geschaffen hatte. In einem abschließenden Epilog (zwei Jahre später) berichtet Erik Jansen, dass er an ein niederländisches Gymnasium gewechselt ist und das Buch über die Ereignisse fertiggestellt hat. Die Frage, ob eine der beteiligten Personen den kafkaschen (kafkaesken?) Aufbruch geschafft hat, bleibt unbeantwortet, der Radikalität von Kafkas Denken mag sich letztlich niemand stellen.

Die literarisch-problemhafte Substanz des Romans wird leider durch mancherlei sprachliche Untiefen und durch eine nachlässige Lektorierung beschädigt. Das Umschlagbild verweist ebenfalls in den Bereich der bloßen Unterhaltungsliteratur.


Jakob Arjouni: Hausaufgaben (Roman, 2004) ***

 

Eigentlich will Joachim Linde, Deutschlehrer am Schiller-Gymnasium, am Donnerstagnachmittag zu einem verlängerten Wochenende in die Mark Brandenburg reisen, um dort von seinem privaten und schulischen Problemen Abstand zu gewinnen und auf den Spuren Theodor Fontanes zu wandern.

Doch es kommt ganz anders - und knüppeldick!

Schon die letzte Schulstunde mit seinem Deutsch-Oberstufenkurs endet in einem chaotischen verbalen Schlagabtausch, weil sich an dem Thema Israel - Palästinenser Emotionen hochschaukeln. Zu Hause taucht dann kurz vor der geplanten Abfahrt der Photograph Moritz auf, ein Freund von Lindes Tochter Martina, der deren Sachen zu sich (nach Mailand) umziehen will. Dabei werden auch Lindes etwas fragwürdige Annäherungen an die junge Martina bei einem Frankreich-Urlaub thematisiert. Am Telefon meldet sich noch die Schülermutter Kaufmann, die Lindes politische Aussagen im Unterricht massiv kritisiert und ihn als "kleinen antisemitischen Scheißer" tituliert. Kurz darauf kommt Sohn Pablo, ein gerechtigkeitsliebender Polit-Aktivist, nach Hause und haut dem Vater die Nase blutig, weil er von dessen angeblicher „Aufklärung“ der Tochter erfahren hat. Dies, schockierende Bilder von Kindern im Gaza-Streifen und eine ungewohnte Dosis Cognac führen dazu, dass Pablo wenig später einen Verkehrsunfall baut und schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht wird. Dort liegt ohnehin schon die depressive Ehefrau Ingrid, die aus Rache E-Mails an das Schulkollegium sendet, in denen sie ihren Mann der Pädophilie bezichtigt. Damit ist für Linde endgültig das Wochenende gelaufen, doch bei der sofort einberufenen Lehrerkonferenz am Montag gelingt ihm eine eindrucksvolle Verteidigungsrede. Ist das der Befreiungsschlag …?

Jakob Arjouni (1964 - 2013), der vor allem durch seine Kayankaya-Krimis bekannt wurde, flüchtet in diesem Lehrer-Roman vor allen Angeboten der Subtilität und steuert ohne rechten Kompass in die Wogen der political incorrectness. Dass der Schuldirektor nachts Strichjungen zu sich einlädt und mit ihnen Champagner-Partys feiert, ergänzt diese literarische Rowdy-Pose. Es scheint, als sei der Roman "Hausaufgaben" rein additiv aus spektakulären Talk-Show-Themen der letzten ca. 15 Jahre (Nahost-Konflikt, Pädophilie, Depression, Lehrer-Mobbing) komponiert mit einem irgendwie profillosen Deutschlehrer im Auge des Hurrikans. Man fühlt sich ein bisschen an Gudrun Brugs Brachial-Schulroman "Die Schande" (1980) erinnert, die das Sujet aus der Perspektive einer Schülerin noch ins Phantastische überdehnte. Für beide Beispiele gilt jedoch: übertriebene Deutlichkeit kann auch wieder verschleiernd wirken. Vielleicht hätte Autor Arjouni ein bisschen mehr Anleihen bei Fontanes Realismus-Konzept nehmen sollen.


Hermann Ungar: Die Klasse (Roman, 1927) ****

 

Zu berichten ist von einem weitgehend vergessenen Autor, dem mährischen Juden Hermann Ungar (1893 - 1929). In seinem schmalen Oeuvre nimmt der Roman "Die Klasse" (1927) eine besondere Stellung ein. Eigentlich müsste man den sehr nüchtern klingenden Titel umformulieren: "Die Angst des Lehrers Josef Blau vor …". Denn die Hauptperson steht für ein umfassendes Psychogramm des Ängstlichen. Josef Blau hat Angst vor seiner Schulklasse (18 heftig pubertierende Jungen), hat Angst vor der Sexualität, hat Angst vor sonstigen Sinnesfreuden (Essen, Alkohol), hat Angst vor fast allen anderen Menschen, hat Angst vor der unausweichlichen Schuld, die aus einer Kette von Zwangsläufigkeiten entstehen kann, hat also eigentlich Angst vor dem Leben. Blau ist damit auch ein Opfer jener Modernisierungstendenzen, die durch den 1. Weltkrieg, durch das Ende der Monarchien und durch den Aufstieg des Faschismus markiert werden. In der Schule erkennt er, dass die Autorität des Lehrers nicht mehr unhinterfragt ist und dass Nähe zu den Schülern die Hierarchie des Unterrichts zerstören kann. In seiner Ehe mit der attraktiven Selma sieht er sich von überlegenen Nebenbuhlern (z. B. dem sportlich-dynamischen Lehrer Leopold) umgeben. Im Kontrast zu dem lebenslustigen und genusssüchtigen Onkel Bobek erkennt er die Fragwürdigkeit seiner sozialen Existenz. Sein Jugendfreund Modlizki verkörpert als "dunkler" Proletarier die ambivalenten Perspektiven des revolutionären Kommunismus. Blau sieht sich dagegen als einer jener "Klassen"-Aufsteiger, der in keiner sozialen Schicht mehr zu Hause sein kann. Trotz der Geburt eines Sohnes mündet sein Leben über die Krankheit in eine Katastrophe. Josef Blau fühlt sich für den Selbstmord eines Schülers (Laub) verantwortlich - die Schüler bezeichnen ihn als "Mörder"; zu seiner Frau Selma kann er kein endgültiges Vertrauen herstellen. Ein Abschiedsbrief wird formuliert, doch im spannungsreichen Kontakt zu dem Schüler Karpel, den er lange Zeit als wichtigsten und gefährlichsten Widersacher gesehen hat, entwickelt sich plötzlich eine neue Möglichkeit des Helfens und damit des Lebenssinns. Der Schlusssatz des Romans lässt aber dennoch viele Fragen offen.

Ungars Lehrer Blau ist zum einen das Beispiel für einen literarischen (und gesellschaftlichen) Paradigmenwechsel: nicht mehr die Schüler sind die Opfer des Lehrers, sondern der Lehrer wird zum Opfer eines bröckelnden autoritären Systems. Josef Blau erinnert stark an das Personenrepertoire aus den Erzählungen Franz Kafkas oder aus den Romanen Robert Walsers. Der angstbesetzte Umgang mit der Sexualität und die angedeuteten homoerotischen Neigungen eines Schülers lassen an Musils "Zögling Törleß" und an Wedekinds "Frühlings Erwachen" denken. Hermann Ungars Werk ist die eindrucksvolle psychologische Analyse der Pathologie eines Zeitalters, weit mehr als nur ein Schul- oder Lehrerroman.


Anna Katharina Hahn: Am Schwarzen Berg (Roman, 2012) ***

 

Emil Bub ist Deutschlehrer, steht kurz vor dem Ruhestand; seine Frau Veronika ist Bibliothekarin. Da das literarische Paar kinderlos geblieben ist, entdecken sie Peter, das Kind im Nachbarhaus, als Objekt der pädagogischen Begierde. Mit Jugendliteratur aus der Bibliothek, mit Mörike-Gedichten und sonstigen geistig-kommunikativen Angeboten versuchen sie seine Sozialisation zu prägen; Peters Eltern (Hajo und Carla) sind mit der Arztpraxis voll ausgelastet. Doch der Plan scheitert etwa zwanzig Jahre später: Peter kommt als körperliches und psychisches Wrack in das Elternhaus (im Stuttgarter Vorort Burghalden) zurück. Seine Ehe ist zerrüttet, seine berufliche Karriere stockt. Seine Frau Mia hat ihn mit den beiden Kindern verlassen, weil sie eine Wohlstands-Perspektive erwartet. Stattdessen findet sich Peter eher in der Bahnhofs-Besetzer-Szene von Stuttgart 21. Mit einem kurzen Hoffnungsschimmer und einem drastischen Finale geht der Roman spektakulär zu Ende.

Anna Katharina Hahn ist eine virtuose Erzählerin (was sie auch schon mit dem Roman "Kürzere Tage" unter Beweis stellte), die gekonnt mit den Zeitebenen jongliert und manchmal fast zu viel Detailverliebtheit an den Tag legt. Doch hinter der Spannung bezüglich Peters Schicksal bauen sich zunehmend große Fragezeichen auf: Welches Motiv vermittelt uns das "Dingsymbol" Aquarium, das auch den Buchumschlag ziert? Welche Erkenntnisse ergeben sich aus der Intertextualität (Mörike) und aus der eingewobenen Zeitgeschichte (Stuttgart 21)? Was soll uns letztlich dieses Personentableau aus drei Paaren zeigen? Lange ist‘s her, da hat Martin Walser in seinem Roman "Ehen in Philippsburg" (1957) gezeigt, wie private Konflikte mit Gesellschafts- und Zeitkritik verknüpft werden können. Die Ehen in Stuttgart hinterlassen hier nur eine Leerstelle.


Peter Schneider: … schon bist du ein Verfassungsfeind

Das unerwartete Anschwellen der Personalakte des Lehrers Kleff (Roman, 1975)

 

Das waren noch Zeiten, als in den 70er Jahren Lehramtsanwärter auf ihre Verfassungstreue geprüft wurden, wenn die Regelanfrage beim Verfassungsschutz einen Anfangsverdacht ergeben hatte oder wenn ein als "links" eingestufte Formulierung publik wurde. Peter Schneider wäre vielleicht ein guter Lehrer geworden, doch man hat ihn in Berlin nicht in den Schuldienst gelassen. Aus dieser politischen und juristischen Auseinandersetzung (und aus einigen anderen Fällen dieser Zeit) hat er dann einen halb fiktiven, halb dokumentarischen Bericht über den Deutschlehrer Matthias Kleff gefiltert, der in tagebuchartigen Ich-Notizen (die an seinen Rechtsanwalt gerichtet sind?) ein halbes Jahr lang seine eigene Personalakte fortschreibt. Der Schreibanlass wird fast wie bei Oskar Matzerath konstruiert: "Ich bin heute in das Papiergeschäft gegenüber gegangen und habe mir ein Schreibheft gekauft, das dickste, was zu kriegen war. In das weiße Rechteck auf dem Deckblatt habe ich geschrieben: Personalakte - Matthias Kleff." Ausgangspunkt ist die These des Junglehrers, es könne nicht bestritten werden, dass es auch undemokratische Gesetze und Bestimmungen gebe, bei denen Widerstand (!), nicht Gehorsam angebracht sei. Trotz Art. 20 (4) GG lässt dieser Satz aus einem offenen Brief für die Gewerkschaft bei den Behörden die Alarmglocken klingeln, und für Kleff beginnt eine Zeit der Rechtfertigung, der persönlichen Befragung, der politischen und privaten Diskussionen. Er erlebt richtige und falsche Solidarität, Opportunismus und formaljuristische Machtstrukturen. Dabei ist der kurze Text (106 Seiten) keine dogmatische Attacke sondern eher die glaubhafte Bilanz eines radikal-demokratischen Individualisten mit gehörigen Selbstzweifeln. Das Ende ist dann fast schon kafkaesk: nicht wegen seiner Äußerung wird Kleff aus dem öffentlichen Dienst verbannt, sondern weil er die Befragung durch die Behörde in einem Gedächtnisprotokoll publik gemacht hat. Peter Schneiders "Roman" ist ein zeitgebundenes Dokument, er hat vorher (mit der Erzählung "Lenz") und nachher (mit dem autobiographischen Rückblick "Rebellion und Wahn") substantiellere Aussagen zur APO-Zeit zu Papier gebracht. Heute haben Studienreferendare andere Probleme; manche bekommen trotz guter Noten und eingestandener Verfassungstreue keine Stelle, weil die Arbeitsplätze z. B. für junge Deutschlehrer knapp sind. Nach wie vor muss man aber als zukünftiger Beamter (in Bayern) unterschreiben, dass man nicht Mitglied der Partei "Die Linke" ist!?


Norbert Gstrein: Eine Ahnung vom Anfang (Roman, 2013) ****1/2

 

Pädagogische Erfolge von Lehrern sind ein knappes Gut, noch dazu wenn man so hochgesteckte Ziele hat wie der Deutschlehrer Anton, der Ich-Erzähler in Norbert Gstreins Roman "Eine Ahnung vom Anfang". Private Schicksalsschläge haben ihn ohnehin mürbe gemacht, sodass er lieber bei einer alten Mühle am Fluss sitzt als in der Schule einer österreichischen Kleinstadt. Dorthin zieht es auch seinen Schüler Daniel am Nachmittag und in den Ferien hin, zwischen den beiden entwickelt sich ein besonderes Verhältnis, denn in Daniel glaubt der Lehrer ein vielversprechendes Objekt der literarischen Bildung zu sehen. Seine Leseempfehlungen (z. B. Hermann Broch, Camus, Thoreau) könnten auf fruchtbaren Boden fallen und aus dem Jungen einen kreativen, unangepassten Individualisten machen. Doch es kommt (wahrscheinlich?) anders: Daniel verfängt sich in christlich-fundamentalistischen Ideologien und scheut möglicherweise auch vor terroristischen Aktionen nicht zurück. In der Kleinstadt entwickelt sich eine (fast andorranische) Pogromstimmung gegen Daniel - und auch gegen seinen Mentor. Eine tatsächliche Bombenexplosion in einer Garage stellt dann aber alles wieder in Frage. Der Lehrer verliert den Kontakt zu seinem Ex-Schüler und beschließt den Beruf aufzugeben. In dem kleinen Sohn einer jungen Kollegin findet er (vielleicht?) einen neuen Bezugspunkt. Gstreins Roman lockt den Leser in die komplizierte Bewusstseinsstruktur der Hauptperson, vermittelt fast krimiartige Spannung, weigert sich aber klare Auflösungen anzubieten. Das Gefühl des Suchens und des Scheiterns bleibt eine bestimmende Größe. Manche Nebenhandlungen stören etwas die Konzentration auf die elektrisierende Lehrer-Schüler-Beziehung, dennoch fesselt der Roman durch subtile und nie vordergründige Personenzeichnung. Man möchte sich fast neben Anton an die alte Mühle setzen und ihm beim vorsichtigen Formulieren, bei seiner Erinnerungsarbeit zuschauen.


Carl Amery: Die Große Deutsche Tour. Heiterer Roman aus den fünfziger Jahren (1958, Neuauflage 1986) ****

 

Nach den Irrungen der NS-Zeit sollte im neuen Deutschland ein neuer Weg eingeschlagen werden. Aus der Situation des Kalten Kriegs entwickelten sich in der BRD als Wegmarkierungen die Formen der westlichen Demokratie und der liberalen Marktwirtschaft - auch als "rheinischer Kapitalismus" tituliert. Einen bemerkenswerten satirischen Kommentar zu diesem Prozess liefert Carl Amerys Roman, der den bildhaften Titel "Die Große Deutsche Tour" trägt.

Der bildungsgesättigte Erzähler führt quasi moderierend durch 17 Kapitel samt Geleitwort, Epilog und Nachtrag, die aus einem Potpourri von "Dokumenten" bestehen, die alle eine bestimmte Lebensphase von Dr. Wulfrid Niegel beleuchten. Dabei geht es hauptsächlich um das Reiseunternehmen "Die Große Deutsche Tour", das der Finanzier Karl Grunding im insolventen Zustand dem General a. D. Traugott v. Pfister abgekauft hat. Mit neuem Konzept und mit Wulfrid "Putz" Niegel als Geschäftsführer soll das Unternehmen zukunftsfähig gemacht werden. Bald starten die thematischen Bus-Touren "Gläubiges Deutschland", "Demokratisches Deutschland" und "Probleme des modernen Deutschland" - die Reaktionen der ausländischen Reisenden sind begeistert. Neben seiner planerischen Arbeit für das Unternehmen erlebt Dr. Niegel auch noch diverse amouröse Abenteuer, sozusagen eine education sentimentale. Nach dem Wechsel des Generals in die Bonner Politik und dem taktischen Ableben von Grunding setzt sich Niegel allein an die Spitze des Unternehmens und ehelicht Ulla, die Witwe Grundings.

Carl Amery markiert prägnant die gesellschaftlichen Themen der 50er Jahre: Aufarbeitung der NS-Zeit und des 2. Weltkriegs, Elitenkontinuität in der deutschen Armee, Wirtschaftswunder, Religiosität und katholische Kirche, gesellschaftliche Doppelmoral. Der Roman ist ein erzählerisches Feuerwerk voll von Satire, Ironie und tiefere Bedeutung, ein schelmischer Spiegel der gesellschaftlichen Zustände der späten 50er Jahre in der BRD. Oder wie es der "Verfasser" in einem Meta-Brief an den potentiellen Verleger (Nachtrag) schreibt: "eine Dokumentation unserer zeitgenössischen condition humaine". Der Autor fügt sich damit in eine Reihe von kritischen Zeit-Beobachtern wie Arno Schmidt ("Das steinerne Herz"), Wolfgang Köppen ("Das Treibhaus") oder Martin Walser ("Ehen in Philippsburg") - sein literarischer Ansatz ist allerdings weitaus spielerischer, weniger "modern".

Erfreulicherweise hat sich der Süddeutsche Verlag 1986 zu einer Neuauflage entschlossen und somit dem Roman die Chance zu einer neuen Leser-Generation gegeben.


Martin Walser: Die Inszenierung (Roman, 2013) ***

 

Seit der erfolgreichen Novelle „Das fliehende Pferd“ (1978) hat sich Martin Walser im Wesentlichen von gesellschaftspolitischen Themen abgewendet und sich in seinem emsigen literarischen Schaffen fast nur noch mit dem Thema Liebe (im Alter) auseinandergesetzt - nicht unähnlich seinem nordamerikanischen Kollegen Philip Roth (Jahrgang 1933).

Der neueste Roman "Die Inszenierung" erweist sich nun als formale Überraschung und auch als inhaltliche Klein-Provokation. Letzten Endes hält Walser ein Plädoyer für die offene Dreierbeziehung und gegen die Herrschsucht und die Besitzansprüche von liebenden Frauen: "Ihr versprecht dem Mann den Himmel, wenn er sich euch unterwirft. Und ihr überzieht ihn mit der Hölle, wenn er sich euch nicht bedingungslos unterwirft."

Variiert wird dieses Thema auf drei Ebenen: zunächst erleben wir die Hauptperson, der Star-Theaterregisseur Augustus Baum, der sich - nach einem Schlaganfall - in der Klinik in die Nachtschwester Ute-Marie verliebt, gleichzeitig aber seine Frau Gerda nicht verlieren möchte.

Auf der zweiten Ebene erfahren wir - vermittelt durch die Regieassistentin Lydia - vom Fortgang der Proben zu Tschechows "Die Möwe", wo ja Nina zwischen ihren möglichen Liebhabern Tschigorin und Treplev eingeklemmt ist, was dazu führt, dass letzterer sich aus enttäuschter Liebe erschießt. Diese "Lösung" passt aber dem Regisseur Baum gar nicht, er orientiert sich lieber an der frühen - libertinären - Fassung von Goethes Schauspiel für Liebende, "Stella" (1776), wo Fernando mit Stella und seiner Ex-Frau Cäcilie einen flotten Dreier hinlegt. Die dritte Ebene des Romans sind zwei längere Briefe seines Freundes, des Philosophie-Professors Hans Georg. Dieser hat sich aus den Zwängen einer Doppelbeziehung (zu seiner Frau Ursula und zu seinem Freund Berti) gelöst und ist aus Starnberg in die USA gereist. Die drei Ebenen des Romans umspielen sich mit ihren Kontrasten auf anregende, teilweise auch etwas gewollt konstruierte Weise.

Formal handelt es sich eigentlich um ein Schauspiel mit Dialogen und knappen Regieanweisungen, die Briefe werden von Augustus laut vorgelesen werden. Man darf also gespannt sein, ob eine deutsche Bühne sich an dieses "Roman"-Kammerspiel heranwagt.

Wem aber die Liebes-Reflexionen eines 86jährigen zu theoretisch erscheinen, kann den Roman auch als Satire auf den Theaterbetrieb und auf dessen liebessüchtige Regie-Superstars (unwillkürlich denkt man an Bertolt Brecht oder an George Tabori) lesen.


Sven Regener: Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt (Roman, 2013) ***

 

Das passiert: Charly (= Karl Schmidt) kommt nach fünf Jahren Drogenentzug in der Hamburger Clean-Cut-WG wieder in Kontakt mit seinen alten Rave-Freunden, vor allem Ferdi und Raimund, die in Berlin ein Techno-Label betreiben. Sie überreden Charly als Fahrer für eine kleine Deutschland-Tournee einzusteigen. Diese Tour entwickelt sich dann zum meist chaotischen Road Trip, denn - so Raimund - die Raver sind die wahren Hippies der 90er!? Am Ende steht für Charly eher ein Fragezeichen über seiner weiteren Zukunft, vielleicht bringt ihn die Beziehung zu Rosa weiter …

Kurz - und mit den Worten des Autors - gesagt: es ist der gute alte Sven, der, bei dem alle Lampen an sind und der keine Stichworte braucht, um unter Volldampf zu laufen, er metert den ganzen Quatsch in einem Stück herunter, er zwitschert uns sein Lied mit allen Strophen, der alte Ekstasevogel (vgl. S. 127!). Die Folge dieser Erzählweise ist eine zunehmende Neigung zum diagonalen Lesen, da man ja bei dem inflationären Gerede kaum etwas Entscheidendes versäumt.


Timur Vernes: Er ist wieder da (Roman, 2012) ****

 

Die Grundidee: Adolf Hitler erwacht am 40. August 2011 in Berlin aus einer Art „Winterschlaf“ und muss sich nun in einer vollkommen neuen Welt zurechtfinden. Zunächst findet er Unterschlupf in einem Zeitungskiosk und bei dessen Pächter. Er entschließt sich dazu, Deutschland noch einmal zu retten: "Ja, ich will! Und ich werde!" (S. 50) Zwei Scouts für einen Privatsender werden auf ihn aufmerksam. Man besorgt ihm ein Hotelzimmer, wo er völlig irritiert viele Fernsehsender ausprobiert. Hitlers erster Auftritt in der Comedy-Show von Ali Wizgür gerät zur hintergründigen Propagandarede. Auch die BILD-Zeitung wird aufmerksam und macht sich auf die Fährte des "irren YouTube-Hitlers". Der Produktionsfirma MyTV ist die öffentliche Aufmerksamkeit gerade recht. Hitler besucht die NPD-Zentrale und macht sich über Holger Apfel lustig. Die Auseinandersetzung mit der BILD-Zeitung scheint zu seinen Gunsten zu laufen. Das aufgezeichnete Gespräch mit Holger Apfel soll sogar den Grimme-Preis erhalten. Hitlers persönliche Sekretärin Krömeier zeigt ein Foto von Verwandten ihrer Oma, die vergast worden sind, weil sie "illegale" Juden waren. Krömeier will jetzt bei Hitler kündigen. Hitler bekommt eine eigene Sendung mit einem der Wolfsschanze nachgebauten Studio - als Gast: Renate Künast! Hitler besucht das Oktoberfest auf Einladung einer Illustrierten. Nach dem Besuch mehrerer Drogeriemarktketten und vor dem Besuch einer Wagner-Oper wird Hitler auf offener Straße von zwei Rechtsradikalen niedergeschlagen. Im Krankenhaus erhält er Sympathieanrufe von fast allen Parteien (Künast, Gabriel) und ein Buch-Angebot vom Golz-Verlag. Er schmiedet neue Pläne für die Zeit nach dem Krankenhaus und entwirft einen Slogan: "Es war nicht alles schlecht!" Eine bitterböse Satire, die gekonnt mit deutschen Tabuthemen jongliert und beim Leser ein ganz neues Hitler-Bild als möglicher Medien-Star des 21. Jahrhunderts und als konservativ-grüner Kritiker der Moderne evoziert. Erhältlich beim Eichborn-Verlag zum Preis von 19,33 €!


Rainald Goetz: Johann Holtrop (Roman, 2012) ***

 

Es gab in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Literatur der Arbeitswelt (Gruppe 61), bei der Autoren wie Max v. d. Grün oder Günter Wallraff versuchten, den einfachen Arbeiter literarisch hoffähig zu machen - mit wenig Erfolg. Staatlich verordnet und gefördert konnte der "Bitterfelder Weg" in der ehemaligen DDR länger publizieren. Seit etwa zehn Jahren gibt es nun - im Zeichen von Wirtschafts-, Banken- und Finanzkrise eine neue Literatur der Arbeitswelt, die aber weniger die da unten sondern eher die da oben beleuchten will.

Ein besonders auffallendes - und auch überraschendes - Beispiel dafür ist der Roman von Rainald Goetz. Die Hauptperson Johann Holtrop ist Vorstandsvorsitzender einer AG (Assperg Medien), die vor allem im Druck- und Medienbereich aktiv ist. Goetz liefert zu diesem Mann eine teilweise entlarvende, teilweise verstörende Charakterstudie, die heftig an der Fassade der modernen Top-Manager kratzt. Dass Holtrop mit seiner Beschleunigungs-Ideologie auch über die Leichen von untergeordneten Spitzenangestellten geht, erscheint wie meine Vorschau auf den Fall Ackermann in der Zurich AG.

Insgesamt leidet die Geschichte jedoch an einer inkonsistenten Erzählstrategie und an einem überbordenden Personen-Tableau. Das Goetzsche Pendeln zwischen spannungsreichem Schlüsselroman und mehrdimensionaler Kapitalismuskritik sprengt letztlich den leserverträglichen Rahmen.


Jürgen Domian: Der Tag, an dem die Sonne verschwand (Roman, 2008) ***

 

An einem 17. Juli ereignet sich eine Katastrophe: Wolken verdunkeln die Sonne, die Temperatur sinkt beständig auf minus 11 Grad, Schnee fällt. Der 40jährige Lorenz muss feststellen, dass außer ihm plötzlich keine Menschen mehr da sind. Er organisiert mühevoll sein Leben und dokumentiert alles in insgesamt 63 "Einträgen". Dabei vermischen sich aktuelle Begebenheiten mit den Erinnerungen an Marie, seine große Liebe. Nicht viel passiert: eine Woche lang ein infernalischer Lärm, der ohne Grund wieder aufhört; ein vermeintliches Lichten des Nebels und der verrückte Plan einer „Expedition“ zu Maries Grab. Dabei trifft er in einer Scheune auf einen anderen Mann namens Finn! (S. 159) Zu zweit leben sie nun in der Wohnung und es entwickelt sich eine tiefe Freundschaft. Allerdings verschwindet Finn aus unerklärlichen Gründen nach einem beschwerlichen Gang zu der nahegelegenen Apotheke (wo er Antibiotika für Lorenz holen will) Lorenz ist also wieder allein und am Ende? Auf einmal wird das Wetter besser, es wird wärmer, der Schnee taut und die Sonne scheint! Lorenz plant einen Neubeginn: "Ich werde gen Süden ziehen … Vielleicht finde ich Leben … andere Menschen. Vielleicht auch nicht." (285)

Das postapokalyptische Setting nutzt Domian als Hintergrund für teilweise recht banale philosophische Fragestellungen zu Leben, Liebe etc. Die literarischen Mittel sind begrenzt, immerhin gelingen gegen Ende Momente der Spannung.


Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht (Roman, 2006) ***

 

An einem 4. Juli steht Jonas auf und muss feststellen, dass er nur noch allein auf der Welt (?) ist. Die nächsten Tage untersucht er Wien und Umgebung, ob nicht doch irgendwo noch Leben existiert. Er arbeitet mit Videokamera-Aufzeichnungen, die aber nur diffuse Ergebnisse bringen. Er fährt relativ ziellos durch Österreich (z. B. an den Mondsee / Attersee) und installiert in ganz Wien Videokameras mit Automatikbetrieb. Im Haus seines Vaters findet er Erinnerungsstücke an seine Kindheit. Erstaunlich selten reflektiert Jonas den Hintergrund, die Ursachen dieser apokalyptischen Situation (z. B. einmal kurz auf S. 126/127). Er pendelt mit einem Ring über verschiedenen Fotos von Eltern und Schulfreunden und erhält dabei "inkonsistente Ergebnisse" (194). Er filmt sich selbst im Schlaf und betrachtet die aufgenommenen Kassetten, dabei unterscheidet er zwischen sich und der Person des "Schläfers". Zwischendurch passieren unerklärliche Veränderungen, die auf äußeres Einwirken (?) hindeuten könnten. Wie soll man aber, wenn man ganz allein ist, massive Zahnschmerzen bekämpfen - außer mit hochdosierten Schmerzmitteln?

Dann folgt sein Plan nach England zu fahren um dort nach seiner Freundin Marie zu suchen. Mit Lastwagen und Motorrad (aufgeladen) will er den Tunnel durchqueren, doch mittendrin versperrt ein Zug die Trasse. Es folgt ein alptraumhafter Fußmarsch bis ans andere Ende. Danach merkwürdige Irrfahrten in England - Jonas ist wohl aufgrund sein er gesundheitlichen Verfassung "gefangen in einer Zwischenwelt" (347). Dann erreicht er tatsächlich Smalltown, wo Maries Schwester und Mutter lebten. Rückkehr durch den Tunnel; Mitnahme der an markanten Autobahnstellen montierten Kameras, dann zurück nach Wien. Suche nach dem Grab der Großmutter auf dem Zentralfriedhof. Schließlich macht sich Jonas letzte Gedanken über die Relativität von Zeit auf dem Turm des Stephansdoms - und sein Leben endet.

Insgesamt ein kafkaesker, den Leser vereinnahmender Bewusstseins-Roman, allerdings mit relativ zielloser "Handlungs"führung.