LESE.PROTOKOLL


Lisa Eckhart: Omama    ***

Paul Zsolnay Verlag  (Wien 2020)

ca. 380 Seiten, 24,00 Euro

 

Lisa Eckhart fühlt sich offensichtlich wohl in der Rolle der provokativen Agentin im deutschsprachigen Comedy-Betrieb und hat wesentliche Beiträge zu dem neuen Debatten-Sektor der Cancel Culture geleistet. All dies pusht die Auflagenzahlen ihres Debütromans „Omama“, der sich allerdings nicht wirklich entscheiden kann, ob er die ereignisreiche Nachkriegs-Geschichte der Oma Helga nacherzählen will oder ob er die Oma nur in Situationen versetzt, zu denen Text-Bausteine aus dem Bühnenprogramm von Lisa Eckhart passen.

Es beginnt 1945 mit dem Einmarsch der russischen Truppen in Österreich und der Angst der Familie Brandtner vor sexuellen Übergriffen der Soldaten der Roten Armee auf ihre Töchter Helga und Inge. Es kommt aber gar nicht so schlimm und die Einsicht setzt sich durch: „der Russe ist ein feiner Kerl“. Es folgen die Schulzeit, das langsame Erwachsenwerden mit mehreren genüsslichen Exkursen in die Feuchtgebiete der beiden Mädchen.

Der zweite Teil berichtet von der Verschickung Helgas in den Ort Freienstein, wo sie in der Dorfwirtschaft arbeiten soll. Dies gibt Lisa Eckhart die Gelegenheit eine kleine Typologie des Provinz-Kaffs in den 50er Jahren auszubreiten. Vier archetypische Charaktere der Dorfgemeinschaft werden vorgestellt: der Dorf-Schönling, die Dorf-Matratze, der Dorfdepp und der Trinker. Die heimliche Dorfherrscherin ist die resolute Wirtin, die Freiwillige Feuerwehr verwechselt manchmal Löschwasser mit Schnaps und der erste Fernseher bringt die große Welt in die kleine.

Ein heftiger Zeitsprung führt in den 3. Teil und in die Zeit nach 1989, wo Oma Helga Ausflugsfahrten nach Ungarn organisiert, obskure Gesundheitsmittel verkauft und die These vertritt, Essen sei der Sex des Alters - sehr zum Leidwesen der Enkelin, die aber immerhin das Buch mit einem Rehbraten-Rezept der Großmutter beendet. Vorher begleitet sie die Omas noch auf einigen Auslandsreisen, wobei eine Kreuzfahrt zur vorhersehbaren Gesellschafts-Satire ausgebaut wird.

Immer wieder sägt Lisa Eckhart - fast schon penetrant - an den Tabu-Leitplanken der political correctness, z. B. wenn es um NS-Begriffe, Behinderte und anale Obsessionen geht. Das trübt die Freude an der anfänglich sehr authentischen und sprachlich dichten Oma-Geschichte. Wer aber stolze Helikopter-Großeltern von heute einmal kräftig provozieren will, landet mit Lisa Eckharts Roman möglicherweise einen Volltreffer.

 

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/omama/978-3-552-07201-5/


Lili Grün: Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit … (Roman) ****

AvivA (Berlin 2016)

mit einem Nachwort von Anke Heimberg

ca. 220 Seiten, 18,00 Euro

 

Der Herausgeberin Anke Heimberg und dem AvivA-Verlag in Berlin ist es zu verdanken, dass die Romane der bis 1942 in Wien lebenden Jüdin Lili Grün nicht in Vergessenheit geraten und in ansprechenden Editionen erhältlich sind. Neben drei Romanen - außer der „jungen Bürokraft“ sind das noch „Herz über Bord“ mit dem aktualisierten Titel „Alles ist Jazz“ und „Loni in der Kleinstadt“ mit dem ebenfalls aktualisierten Titel „Zum Theater!“ - gibt es noch eine Sammlung von frühen Geschichten und Gedichten mit der Überschrift „Mädchenhimmel!“ Lili Grün gehört ohne Zweifel zu dem Katalog der verbrannten Dichter, ab 1938 war ihr die schriftstellerische Tätigkeit im angeschlossenen Österreich unmöglich, 1942 starb sie nach der Deportation in Weißrussland.

„Junge Bürokraft“ war zunächst eine Fortsetzungsgeschichte in der Zeitung „Wiener Tag“ (1936/37), sie erzählt unprätentiös und meist undramatisch von Susi Urban als Kind, als jungem Mädchen und als junger Frau. Natürlich sind auch biografische Elemente enthalten, grundsätzlich geht es um die Rolle der Frau zwischen Tradition und Emanzipation, zwischen dem Traum von Ehe, Familie in einem harmonischen Haushalt und der vagen Möglichkeit einer Selbstbestimmung. So entwickelt sich der Roman zu einer Art Fortschreibung von „Effi Briest“ im Angestellten- und Kleine-Leute-Milieu des 20. Jahrhunderts und zu einer fiktionalen Exemplifizierung der soziologischen Untersuchungen von Siegfried Kracauer. Die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe der 1930er Jahre in Österreich bleiben eher undeutlich.

Susi wächst praktisch ohne Vater auf, der im 1. Weltkrieg gefallen ist. Auch der ältere Bruder Franz ist keine Figur, an der sie sich orientieren kann, da dieser sich nach dem Krieg auf dubiose Geschäfte einlässt und verhaftet wird. Eher lernt sie von dem Hausmädchen Luise, die ihr empfiehlt, Mädchen müssten „ihr Leben genießen, solange sie jung und sauber sind, dann wird man rasch alt“. Mit 14 Jahren tritt sie eine Lehrstelle an, die Rest-Familie (Mutter und Tochter) muss in eine kleine Wohnung umsiedeln. Freundin Mitzi macht sie mit den Freuden der Freizeit bekannt, mit Tanzschule und Heurigenlokal, wo sie auch den ersten Kuss von einem Egon Lambert bekommt. Doch Mitzi warnt: „die Männer sind zum Unterhalten da … sonst zu gar nichts!“ Als „Büromädel“ beim Rechtsanwalt Dr. Müller erfährt sie von dessen Köchin: „sie sollten heiraten … jeder Mensch hat Anspruch auf ein bissel Glück“. Am Ende landet sie - in Zeiten sprunghaft ansteigender Arbeitslosigkeit - bei der Familie Huber als Kinder- und Hausmädchen und führt nun „das Leben einer alleinstehenden, arbeitenden Frau“. Der Roman schließt mit einem offenen Ende und einer auf den ersten Blick klischeehaften Botschaft: „Wenn sie tüchtig ist, wird sie das Glück finden. Nicht das ganz große Glück, vielleicht nur ein bescheidenes, kleines, auf das jeder Mensch im Leben Anspruch hat“. Ob Lili Grün nach 1938 auch noch eine solche Kompromissformel für das Leben einer Frau ausgesucht hätte?

 

https://www.aviva-verlag.de/programm/junge-b%C3%BCrokraft-%C3%BCbernimmt-auch-andere-arbeit/#cc-m-product-10317878121


Michael Wildenhain: Die Erfindung der Null    ****

Klett-Cotta (Stuttgart 2020)

ca. 295 Seiten, 22,00 Euro

 

Vor über 60 Jahren hat Max Frisch den Typus des homo faber in die literarische Welt eingeführt, eine Charakterstudie des aufgeklärten Technokraten Walter Faber, der durch problematische Beziehungen und durch Krankheit in eine Krise seines Denkens stürzt. In seinem neuesten Roman „Die Erfindung der Null“ dockt Michael Wildenhain an diese Tradition an und erfindet den homo mathematicus Dr. Martin Gödeler (möglicherweise eine Anspielung auf den österreichisch-amerikanischen Mathematiker und Philosophen Kurt Gödel), der als vielversprechender Uni-Dozent eine große wissenschaftliche Karriere vor sich hat, dann aber als Nachhilfelehrer bei einem Stuttgarter Lerninstitut, als Mietwohnungs-Messi und als Häftling im Untersuchungsgefängnis endet.

Drei Frauen und ein junger Mann kreuzen seinen Weg und begleiten ihn auf seinen Irrungen und Wirrungen: seine Ex-Ehefrau Gunde, die nach der Geburt der Tochter Sophia ihm zuliebe das Mathematikstudium beendet, die Beinahe-Stalkerin Susanne Melforsch, die als Abiturienten von einem Vortrag Gödelers begeistert ist und immer wieder seinen Spuren folgt, und die undurchsichtige Wissenschaftlerin Elisabeth Trouvé, mit der er eine lang dauernde Affäre hat, die ihn aber plötzlich aus zunächst unklaren Gründen verlässt („Du sollst mich nicht suchen. Du wirst mich nicht finden. Wir hatten unsere Zeit“).

Gödeler wird verdächtigt, bei einem Provence-Urlaub Susanne Melforsch in den Gorges du Verdon (aus Eifersucht?) umgebracht zu haben. Ein junger Staatsanwalt leitet die Untersuchung, er findet in Gördeler einen Häftling, der bereitwillig seine bisherige Lebensgeschichte (und damit den Inhalt des Romans) ausbreitet und auch schriftlich fixiert. Da aber ohne auffindbares Opfer kein Mord verfolgt werden kann, wird Gödeler freigelassen und kann auf eigene Faust weitere Nachforschungen betreiben. Die Ergebnisse schickt er schließlich per Paket an den Staatsanwalt und legt als deutlichen Hinweis die althochdeutsche Geschichte von Hadubrandt und Hildebrandt bei: die Tragödie vom Sohn, der seinen Vater nicht kennt, ihn zum Duell auffordert und von ihm getötet wird.

Wildenhains erzählerische Konstruktion bewegt sich mit gewagten chronologischen Sprüngen durch ca. vierzig Jahre und breitet eine erst langsam durchsichtige Personenstruktur aus. Die Kapitelüberschriften kopieren eine mathematische Beweisführung, bei der das abschließende quod erat demonstrandum zum Teil dem Leser überlassen bleibt. Ein einfacher Vorschlag: Das Leben ist nicht so leicht lösbar und kalkulierbar wie ein mathematisches Problem. Oder wie Max Frisch 1949 in sein Tagebuch über ein wichtiges Element der Biografie schrieb: „Der Zufall ganz allgemein: was uns zufällt ohne unsere Voraussicht, ohne unseren bewussten Willen. Schon der Zufall, wie zwei Menschen sich kennenlernen, wird oft als Fügung empfunden; dabei, man weiß es, kann dieser Zufall ganz lächerlich sein“.

 

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Die_Erfindung_der_Null/117321


Cihan Acar: Hawaii    ****

Hanser Berlin (Berlin 2020)

ca. 250 Seiten, 22,00 Euro

 

Dass es kein Bier auf Hawaii gibt, trifft zumindest für den berüchtigten sozialen Brennpunkt namens Hawaii, einem Stadtviertel in Heilbronn (auch Heilbronx genannt), nicht zu. Dort hat der Autor Cihan Acar seinen Debütroman angesiedelt, dort sucht seine Hauptperson, der Ich-Erzähler Kemal Arslan (21) nach einer Zukunft. Seine jüngste Vergangenheit sah nämlich vielversprechend aus: als Fußballprofi bekam er einen Vertrag bei einem türkischen Erstliga-Verein. Doch ein Unfall mit seinem Jaguar bei einem privaten Autorennen beendet die Karriere. Nun ist er wieder zurück in seiner Heimatstadt bei seinen Eltern, und der Vater fragt: "Wie geht es jetzt weiter mit dir, mein Sohn?" Kemal erlebt als fast neutraler Beobachter die gesellschaftlichen Spannungen in einer süddeutschen Stadt: zwischen Türken und Deutschen, zwischen reichen Familien - aus denen seine Ex-Freundin Sina stammt - und armen Zuwanderern, zwischen paramilitärischen Gruppierungen (den türkischen Kankas und der deutschen Schutztruppe "Heilbronn wach auf"). Sein großes Problem ist die Frage, zu wem er eigentlich gehört. Zu der attraktiven Sina, ihren reichen Eltern und ihrem snobistischen Freundeskreis, die im Club "Creme" ihre Privat-Lounge haben, oder zu den türkischen Machos, die angesichts der sich zuspitzenden Konflikte bei einer Schrottplatz-Versammlung ankündigen: "Ab heute wehren wir uns". Kemals Platz scheint zwischen den Stühlen zu sein: "Egal wohin ich geh, früher oder später flieg ich raus. Und wenn sie mich nicht rausschmeißen, dann will ich selber gehen". So bleibt ihm am Ende nur der Bahnhof von Heilbronn und ein Zug nach Irgendwo: "Ich wusste ganz genau, wo ich hinwollte. an einen Ort, an dem ich der sein kann, der ich bin".

Dem 34jährigen Cihan Acar gelingt mit diesem Roman eine erstaunlich differenzierte Beobachtung der Konflikte in einer deutschen Mittelstadt, eine klischeefreie Gesellschaftsanalyse konzentriert auf ein verlängertes Wochenende. Seine Hauptperson Kemal wirkt als loser, als Heimat- und Orientierungsloser wie eine Mischung aus dem Fußballprofi Ivo Trifunovic in Tonio Schachingers Roman "Nicht wie ihr" (2019) und dem jungen Clay aus Bret Easton Ellis' Roman "Unter Null" (1985), zwei höchst erfolgreiche literarische Debüts, mit denen Acar absolut mithalten kann. Eindringliche Leseempfehlung für alle zwischen 16 und 86!

 

https://www.hanser-literaturverlage.de/buecher?authorname=Cihan+Acar


Johannes Herwig: Scherbenhelden    ***

Gerstenberg (Hildesheim 2020)

ca. 270 Seiten, 16,00 Euro

 

Johannes Herwig (geboren 1979) erlebte die Nachwendezeit in Leipzig teilweise als Punk und erzählt in seinem zweiten Roman die - sicherlich teilweise autobiografische - Geschichte des 16jährigen Nino, der sich einer Gruppe von Punks (Kante, Schroeder, Glefe, Andy, Zombie) anschließt. Sein Vater betreibt das kleinste Schuhmachergeschäft Leipzigs, seine Mutter hat sich getrennt und lebt im Westen. Schulfreund Max macht Ninos innerliche und äußerliche (Irokesen-Schnitt) Hinwendung zur Punker-Szene nicht mit: „Ich bin erst mal raus“. Nino aber nähert sich dem Lebensstil der Clique immer mehr - mit Bier, Drogen, Klauen und ein bisschen Zerstörungswut. In der Schule schafft er gleichzeitig das Vorrücken nur mit Ach und Krach. Auseinandersetzungen mit den örtlichen Nazis gehören zum Alltag: Andy z. B. wird brutal zusammengeschlagen und sinnt auf Rache. Dann beginnen für Nino auch die Irrungen der Liebe: die Schulfreundin Mila; die einem wohlhabenden Elternhaus entstammt, ist ihm eigentlich zugetan. Er aber fühlt sich zu der Punkerin Zombie hingezogen, die von problematischer Kindheit und Schulabbruch berichtet. Gegenüber Mila definiert er einmal seinen neuen Lebensstil: „Ich scheiß auf das, was morgen ist“. Punk sei „das Gefühl, nirgendwo so richtig dazuzugehören, draußen zu stehen … das vielleicht auch so zu wollen … auch Wut darauf zu haben“. Dramatischer Höhepunkt des Romans ist Zombies Selbstmord-Drohung am Rand des 29. Stocks des Universitätsgebäudes; doch Nino kann sie zurückhalten: „Du bedeutest mir was. Einiges. Viel“. Als bewusster Teil der Nachwendegeneration will Nino auch wissen, warum seine Mutter in den Westen gegangen ist. Er erfährt von ihr: „Das Land (war) kaputt … abgewirtschaftet. Futsch“. Und warum ist sie nach 1990 nicht wieder zurückgekommen? Weil die Liebe zum Vater verblasste! Der muss seinerseits erkennen, dass sein Handwerk im marktwirtschaftliche System wenig Zukunft hat. Soweit ist die Geschichte von Nino, seinen Eltern und seinen Freunden ein authentischer Beitrag zur Lage in den Neuen Bundesländern nach 1990.

Zu dem Niveau von Clemens Meyer („Als wir träumten“) und Peter Richter („89/90“), die Jugendliche während der Wende in Leipzig bzw. in Dresden literarisch aufarbeiteten, reicht es aber nicht hin, denn leider hat irgendjemand dem Autor Herwig empfohlen, dass man als Schriftsteller mindestens alle zwei Seiten einen bildlichen Vergleich einbauen muss. Dies führt zu eher peinlichen Stileskapaden - hier eine kleine, aber gar nicht feine Blütenlese:

 

- „meine Beherrschung begann zu schwinden wie das Wasser aus einer undichten Kanne“ (S. 113)

-„Das Gewitter platzte auf die Straßen, als würden sich auf den Dächern gigantische Wesen mit Wasserbomben duellieren“ (S. 132)

- „Die Antwort platzte (!) aus mir heraus wie das Wasser aus einer kräftig geschüttelten Flasche“ (S. 166)

- „die Hoffnung, dass alles wieder so werden könnte wie früher, sickerte in mein Inneres wie Tinte in ein Glas Wasser“ (S. 168)

- „ein grauer Film hing auf den Gesichtern, als wären gute Gedanken nicht mehr möglich, als würden sie sofort zu Asche“ (S. 213)

- „das System bleibe an der Gesellschaft kleben wie ein Stiefel aus Beton“ (S. 239)

- „Ich blieb auf meinem Barhocker zurück wie der letzte Mantel an einer Garderobe“ (S. 261)

- „Auf Zombies Gesicht spielte ein winziges Lächeln. Wie ein einziger Stern in der Dämmerung“(S. 269)

 

Hier wäre ein kritisches Lektorat gefordert gewesen wie ein Feuerwehrauto bei einem gefährlichen Brandeinsatz!

 

https://www.gerstenberg-verlag.de/index.php?id=detailansicht&url_ISBN=9783836960595&highlight=scherbenhelden


Martin Meyer: Corona        ****

Kein & Aber (Zürich/Berlin 2020)

ca. 200 Seiten, 20,00 Euro

 

Was macht man in diesen Zeiten, wenn man ein Kratzen im Hals, Schluckbeschwerden, Fieber und Gliederschmerzen hat? Man macht sich Gedanken! So auch die von Martin Meyer, bis 2015 Feuilletonchef der Neuen Zürcher Zeitung, erfundene Figur namens Matteo, ein schon etwas gealterter Buchhändler in einer Kleinstadt.

Dieser Matteo entschließt sich zur häuslichen Quarantäne - seine Buchhandlung im Erdgeschoss ist ohnedies im Lockdown - und zu einem situationsbedingten Leseprojekt: er will sich „ein paar Bücher zur Seele nehmen, die sich zu früheren Zeiten mit der Seuche befasst haben“. Er startet mit der Bibel, genauer mit dem Zweiten Buch Mose im Alten Testament, wo die zehn Plagen als Bestrafung der Ägypter beschrieben werden. Die führt zu der Erkenntnis, dass existenzielle Situation dazu ermuntern, sich mit religiösen Gedanken zu befassen (Lohnt sich das Beten? Steckt hinter der Schöpfung ein Plan?). Die zweite Lektüre ist Boccacios Decamerone, wo zehn Personen vor der Pest in ein Landhaus flüchten, um sich dort Geschichten zu erzählen. Währenddessen werden in Florenz Gruben ausgehoben, um die großen Mengen von Leichen „wie die Waren in einem Schiff“ unterzubringen. Dies evoziert Bilder nicht nur von Bergamo 2020 sondern auch von Konzentrationslagern der 1940er Jahre. Das dritte Werk in seiner chronologischen Reihe ist Daniel Defoes „A Journal Of The Plague Year“, ein Bericht von der Pest in London im Jahre 1665 (auch in einer deutschen Übersetzung unter dem Titel „die Pest zu London“ erhältlich). Über Jeremias Gotthelfs „Die schwarze Spinne“ (früher mal eine beliebte Schullektüre) arbeitet er sich zu Thomas Manns „Der Tod in Venedig (ein älterer Mann wird von Liebe und der Cholera infiziert) und natürlich auch zu Albert Camus‘ Klassiker „Die Pest“.

Am Ende fühlt sich Matteo wieder besser, nicht weil er durch die Lektüre Tröstung, Sinnstiftung oder gar Gebrauchsanweisungen erfahren hat, sondern weil Bücher einen in prekären Lebenslagen begleiten und nur Reflexion über Gott und die Welt anregen können. Der Anruf des Hausarztes bescheinigt ihm, dass er „vermutlich“ nicht infiziert ist. Matteo beschließt sein literarisches home schooling mit einem symbolischen Gang zum Fenster: er „öffnete es, lehnte nach vorn, um den Magnolienbaum zu begrüßen, der, so schien ihm, zurückgrüßte“.

Martin Meyer ist mit der knappen Erzählung eine sehr aktuelle Einladung zum Lesen und Nachdenken in harten Zeiten gelungen, fernab von der alltäglichen Banalität der Fallzahlen und finanziellen Rettungsschirme. Der Verlag kann sich zudem rühmen, die erste belletristische Edition mit dem Wort des Jahres 2020 im Titel auf den Markt gebracht zu haben.

 

https://keinundaber.ch/de/autoren-regal/martin-meyer/corona/1160


Christian Torkler: Der Platz an der Sonne    ****

Rowohlt Tb rororo (Hamburg 2020)

ca. 590 Seiten, 14,00 Euro

Originalausgabe: Klett-Cotta (Stuttgart 2018)

 

Was wäre, wenn …? Das ist die Leitfrage in Christian Torklers ambitioniertem Debüt-Roman „Der Platz an der Sonne“. Was wäre passiert, wenn der 2. Weltkrieg nach einem erneuten Berlin-Konflikt etwa um 1948 wieder aufgeflammt wäre und Mitteleuropa bis 1960 im Griff gehabt hätte? Wir haben es hier mit einem Versuch von History Fiction zu tun, der dann im zweiten Teil noch in das höchst aktuelle Flüchtlings-Thema mündet.

Westdeutschland erlebt also kein Wirtschaftswun­der, statt dessen wird das ehemalige Deutschland in sechs Kleinrepubliken aufgeteilt, in denen fragwürdige Autokraten regieren, wo Depression und Korruption herrschen, und die dürftige Lebensqualität von Wirtschaftshilfe aus dem reichen Afrika (!) abhängig ist. In diese verkehrte Welt wird 1978 der schnoddrig-schelmische Ich-Erzähler Josua Brenner geboren. Er arrangiert sich mit den Verhältnissen in Berlin, der Hauptstadt der Neuen Preußischen Republik, die ein bisschen an das sozial prekäre Umfeld von Franz Biberkopf (aus Döblins „Berlin Alexanderplatz“) oder Johannes Pinneberg (aus Falladas „Kleiner Mann, was nun“) erinnern. Er heiratet, bekommt einen Sohn und startet mit der BARacke ein zunächst erfolgreiches Gastronomie-Projekt. Doch dann zermürben ihn ab dem Jahr 2000 die Einschläge des Schicksals: Sohn Martin stirbt an schwerem Fieber, seine Frau Ingrid lässt sich scheiden, die Mafia bedrängt ihn mit brutaler Schutzgeld-Erpressung, die Bar brennt ab und die Versicherung will nicht zahlen.

Ein Ansichtskarte seine Jugendfreundes Roller aus dem idyllischen Matema in Tansania mit der Botschaft „Ich hab’s geschafft!“ führt zum Entschluss Brenners: „Ich werde gehen“. Die Flucht füllt mit vielen retardierenden Momenten und sehr bekannten Schwierigkeiten die zweite Hälfte des Romans. Ähnlich wie in Klaus Oppitzs Satire „Auswandertag“ wird die aktuelle Flüchtlingskrise in Form einer Nord-Süd-Weg-Umkehr dargestellt. Brenner quält sich mit Hilfe von Schleppern wie einst Hannibal oder Kaiser Heinrich IV. im Winter über die Alpen, verdingt sich zeitweise als Zitronenpflücker und Schwefelgruben-Arbeiter in Süditalien und schafft nur durch einen glücklichen Zufall die Passage nach Nordafrika. Nach vielen gefährlichen Stationen erreicht er schließlich Tansania und findet dort beim Bahnhof von Mbeya seinen Freund Roller - allerdings als heruntergekommenen Drogendealer und -konsumenten. Der erträumte „Platz an der Sonne“ (so bebilderte schon Außenminister von Bülow 1897 den deutschen Anspruch auf koloniale Eroberungen in Afrika) ist also eher eine Fernseh-Lotterie mit äußerst geringen Gewinnchancen. Es kommt nicht überraschend, dass wenig später Brenners Bleibe-Antrag abschlägig beschieden und er nach Berlin zurückgeführt wird: „Ist es richtig, was sie machen … oder gerecht?“

Christian Torkler schafft es trotz einiger stilistischer Verrenkungen und gewisser Längen einen höchst aktuellen Roman zur Lage zu schreiben, der mit dem Mittel der zeithistorischen Verfremdung Empathie und Nachdenklichkeit erzeugt.

 

https://www.rowohlt.de/taschenbuch/christian-torkler-der-platz-an-der-sonne.html


Robert Seethaler: Ein ganzes Leben     ****

Goldmann Tb (München 2016)

ca. 180 Seiten, 11,00 Euro

Originalausgabe: Hanser Verlag (Berlin 2014)

 

Kann man über ein "ganzes" Leben einen Roman von nur etwa 180 (groß gedruckten) Seiten schreiben? Lohnt es sich über ein Leben zu schreiben, mit dem am Ende die Hauptperson "im Großen und Ganzen zufrieden" ist, das also kaum jene dramatische Zerrissenheit großer Geschichten beinhaltet? Soll man überhaupt von einer Person erzählen, die den Satz "Wem das Maul aufgeht, dem gehen die Ohren zu" zu einem persönlichen Leitmotiv erkoren hat? Autor Robert Seethaler hat diese drei Fragen mit "Ja" beantwortet und nach dem "Trafikanten" einen weiteren Bestseller produziert.

Es geht um Andreas Egger, der ca. 1898 unehelich geboren wurde und etwa achtzig Jahre später unspek­takulär an einem Herzschlag stirbt. Dazwischen liegen eine harte Kindheit bei dem Großbauern Kranz­stocker, ein durch Schläge verursachter Oberschen­kelbruch, der Egger lebenslang zu einem "Hinkemann" macht, gemeinsame Jahre mit seiner Frau Marie, die schwere Arbeit bei einer Seilbahn-Gesellschaft, der Unfall, ausgelöst durch eine Geröll-Lawine, die auch seine Frau tötet und sein Haus zerstört, Kriegsdienst und Gefangenschaft in Russland, ambivalente Versuche als Touristen- und Bergführer, eine späte zu nichts führende Romanze mit der pensionierten Dorfschullehrerin Anna und letzte eremitische Jahre als wunderlicher Außenseiter in einem leeren Viehstall. Daraus entsteht natürlich kein klischeebeladener Heimatroman sondern eine manchmal anrührende, manchmal verstörende Skizze, überwie­gend chronologisch erzählt, mit einer leicht skurrilen, aber sehr interpretati­onswürdi­gen Rahmenhandlung über den Ziegenhirten "Hörnerhannes" garniert.

Was will uns Seethaler mit diesem Protagonisten Andreas Egger erzählen? Vielleicht vom Wechselspiel aus Schicksalsschlägen und Gleichmut, von jenem antimodernen Stoizimus, der offensichtlich in alpenländischen Schutzzonen besonders gedeiht und gegen die Bedrohungen der kapitalistischen Welt immunisiert. Vielleicht ergibt auch die letzte Aktion vor seinem Tod ein symbolisches Bild: unser ganzes Leben ist eine ziemlich orientierungslose Busfahrt zu irgendeiner Endstation.

 

https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Ein-ganzes-Leben/Robert-Seethaler/Goldmann/e469253.rhd


Kai Wieland: Amerika      ****

Klett-Cotta (Stuttgart 2018)

ca. 240 Seiten, 20,00 Euro

 

Nachdem der Verfasser in seinen Kapitel-Einleitungen eifrig das allwissende Wikipedia zu Fachbegriffen der Gedächtnisarbeit zitiert, sei hier auch einmal der hoffentlich seriöse Schwarm-Fundus bemüht. Oral History (engl., wörtlich übersetzt: mündliche Geschichte) sei - so heißt es dort - eine Methode der Ge­schichts­wissenschaft, die auf dem Spre­chenlassen von Zeitzeugen basiert. Dabei sollen die Zeitzeugen möglichst wenig von dem Historiker beeinflusst werden. Insbeson­dere Personen aus diversen Milieus sollen auf diese Weise ihre Lebenswelt und ihre Sichtweisen für die Nachwelt darstellen können. Mit Kai Wielands Debütroman, der dank der Plattform „Blog­buster“ den Weg in deutsche Verlagshäu­ser fand, wissen wir nun, dass auch die Belletristik diese Methode mit erfreulichem Ergebnis verwenden kann.

In dem Roman besucht ein junger Mann, genannt „der Chronist“, das kleine fiktive Dorf Rillingsbach im schwäbischen Wald irgendwo zwischen Murrhardt und Backnang. Rillings­bach hat zwei Straßen und etwa zwanzig Häuser, eines davon ist die abgewirtschaftete Kneipe „Der Schippen“. Dort trifft er als zunehmend redefreudige Gewährsleute die Wirtin Martha und die Stammgäste Alfred, Frieder und Hilde. Dieses Quartett erzählt mit vom Alkohol gelockerter Zunge von sich und von anderen Menschen in den letzten etwa 100 Jahren. Man erfährt von dem ziemlich durchgeknallten Kriegsheimkehrer Erwin, der sich der kleinen Martha in unanständiger Weise näherte und wenig später tot in einer Scheune aufgefunden wurde - gab es im Dorf einen Mörder? Hilde berichtet von ihrer Mutter Elisabeth, die mit Erwin verheiratet war und wenige Monate nach dessen Tod die Tochter bekommt - wer war der Vater?

Zug um Zug erklärt sich auch der Titel des Romans, denn Rillingsbach gehörte nach 1945 zur amerikanischen Besatzungszone und die Bewohner wurden mit vielfältigen überseeischen Einflüssen konfrontiert. Frieders Vater, der ehemalige Oberscharführer Wilhelm Linzner soll im Auftrag der Amerikaner die Gemneindebücherei säubern, doch einige NS-Werke hat sich schon der Lehrer Mangelhardt gesichert. Martha erzählt von einem Buchgeschenk eines ame­rikanischen Soldaten: Kurzgeschichten von Ernest Hemingway - aber ihr Vater Gottlob will lieber eine tatkräftige Hand im Gasthaus: „die Literatur ist nichts Handfestes, du kannst dich nicht auf sie verlassen“. Alfred freundet sich bei einer Landrätekonferenz 1945 mit einem amerikanischen Captain an, was ihm andere übelnehmen. Seinen Traum einer USA-Reise verwirklicht er 1981, er besucht jedoch nur Schauplätze berühmter Toter (von Martin Luther King bis John F. Kennedy). Hilde erzählt von ihrem wilden Leben mit freier Liebe in den 1970er Jahren, nebenbei schrieb sie noch an einem wenig erfolgreichen Buch mit dem Titel „Hintergrundrauschen“.

So entsteht ein stimmiges und lesenswertes Kaleidoskop der schwäbischen Provinzgeschichte, ein „Heimatroman“ voller schräger Typen, ein unterhaltsames Protokoll von einem Aufenthalt unter Leuten. Am Ende ist der Autor/Chronist sogar etwas verlegen: „es ist ein wenig, als habe er das Dorf nackt gesehen und schämte sich dafür“.

 

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Amerika/96677


Annette Pehnt: Briefe an Charley  ***

Piper (München / Berlin 2015)

ca. 175 Seiten, 18,00 Euro

 

Es war einmal ein junger Mann, der an einer unerfüllten Liebe zu einer Frau namens Lotte litt und über diesen miserablen Zustand Briefe an seinen Freund Wilhelm schrieb. Nicht einmal die Lektüre von Homer oder Ossian kann ihn trösten und so begeht er am Ende Selbstmord. Ulrich Plenzdorf hat später die Geschichte in die DDR der 1970er Jahre transkribiert, aus der geliebten Char(Lotte) wurde eine Charlie.

Nun ist von einem aktuellen Briefroman zu sprechen: eine etwa 50jährige Frau schreibt als Ich-Erzählerin Briefe an einen Charley, mit dem sie eine Beziehung hatte, die aber mit einem recht unspektakulären Abschied auf einem Bahnhof endete. Die Briefe werden ohne Jahreszahl datiert, sie reichen vom 2. Januar bis zum 17. Februar. Es ist jedoch stark anzunehmen, dass die Briefe nie abgeschickt wurden, dass sie also eher eine Form von schreibender Trauerarbeit und Reflexion einer Lebenskrise sind. Angenehmer Synergieeffekt (für die Autorin): Ich „werde … einen Roman daraus machen“.

Die Briefschreiberin bemüht als Einleitungen leicht hermetische Sentenzen des französischen Philosophen Roland Barthes („Fragmente einer Sprache der Liebe“) und streut immer wieder Verweise auf ihre Lieblingsautorin Friederike Mayröcker und deren Text „brütt oder Die seufzenden Gärten“ ein. Ihre Gefühlswelt reicht von Hass auf Charleys Leben nach ihr bis zu sentimentaler Verklärung der gemeinsamen Zeit („Wir waren Vagabunden“). Sie leidet seither an der Krankheit acedia (Trockenheit des Herzens), für neue Beziehungen fühlt sie sich schon zu alt. Sie flüchtet sich in diffuse Metaebenen, zu einem „Schreiben, das vom Schreiben von Briefen handelt“ und zu Erinnerungen an das Reden mit Charlie und das Reden über das Reden.

Anders als der verzweifelte Briefschreiber Werther endet ihr letzter Brief mit einem Aufbruch: ich „werde losgehen, über die aufgeweichten Wiesen, durch die Kälte durch die Wärme, mit mir als Gesellschaft, was sagt du nun?“ Sagen wir es frei nach Goethe: Du, gute Seele, schöpfe Trost aus diesem Leiden und lass das Büchlein dein Freund sein, wenn du keinen nähern finden kannst!

 

https://www.piper.de/buecher/briefe-an-charley-isbn-978-3-492-05728-8

http://www.annette-pehnt.de/autorin.htm


Keineswegs Krimis: drei Mörder, drei Motive, zwei Todesurteile

Leonhard, Frank: Die Ursache

(Erzählung, 1915)

Aufbau Verlag Digital

In Buchform nur antiquarisch erhältlich

Albert Camus: Der Fremde

(Erzählung 1940/1942)

rororo , 9,00 Euro

Peter Handke: Die Angst des Tormanns beim Elfmeter

(Erzählung, 1968)

Suhrkamp Taschenbuch, 7,00 Euro



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anton Seiler, ein vermögensloser Dichter

 

 

Würzburg, Berlin 1907

 

erwürgt seinen früheren Lehrer Mager

 

 

Er erinnert sich an die unmenschlichen Demütigungen während der Schulzeit, er wollte sich eigentlich mit dem Lehrer versöhnen

 

 

wird zum Tod durch Hinrichtung verurteilt

 

 

Suche nach den Ursachen des Verbrechens: das autoritäre Erziehungssystem, das kapitalistische Wirtschaftssystem, Kritik am Justizsystem (Todesstrafe)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

der Angestellte Meursault als Ich-Erzähler

 

 

Algier

 

erschießt einen Araber, der vorher seinen Freund Raymond bedroht hatte

 

Schuld an allem hat nur die blendende Sonne (?); er ist ein anständiger Mensch, der eine Minute lang die Herrschaft über sich verloren hat - oder: vorsätzlicher Mord eines seelenlosen Menschen

 

Die Geschworenen verhängen ein Todesurteil

 

Das alltägliche (sinnlose?) Leben führt zu Überdruss, zur Frage „Warum?“, zur Erkenntnis der „zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Josef Bloch, Monteur, früher ein bekannter Tormann

 

Wien, Grenzstadt im Süden Österreichs

 

erwürgt die Kinokassiererin Gerda T.

 

 

Nach der ersten Nacht mit ihr „störte ihn alles immer mehr … Plötzlich würgte er sie.“

 

 

 

 

liest in der Zeitung von den polizeilichen Ermittlungen

 

Die Demonstration einer Verstörtheit, eines schizophrenen Bewusstseinszustands, einer Unfähigkeit, die Signale der Umgebung richtig zu fassen



Lucia Leidenfrost: Wir verlassenen Kinder ***

Kremayr & Scheriau (Wien 2020)

ca. 190 Seiten, 19,90 €

 

Es war im Jahr 1986, als Herbert Grönemeyer die musikalische Parole ausgab: Kinder an die Macht - mit einem deutlichen Ausrufezeichen und der Erläuterung „Gebt den Kindern das Kommando / Sie berechnen nicht / Was sie tun / Die Welt gehört in Kinderhände / Dem Trübsinn ein Ende“. Doch schon einige Jahre vorher hatte William Golding in seinem Roman-Klassiker „Herr der Fliegen“ episch verdeutlicht, dass auch bei Kindern und Jugendlichen dieselben Machtstrukturen und dieselbe Bereitschaft zur Unmenschlichkeit auftreten, wenn man sie denn lässt. Golding bezeichnete seinen Roman damals (1954) als einen Versuch „die Gebrechen der Gesellschaft auf die Gebrechen der Natur zurückzuführen“.

Nun liefert die in Mannheim lebende Oberösterreicherin Lucia Leidenfrost (das könnte ja fast ein programmatischer Künstlername sein?) mit ihrem aktuellen Roman „Wir verlassenen Kinder“ eine weitere Variation zu diesem Thema. Ein Ort, irgendwo, wird irgendwann von den Erwachsenen verlassen, nur die Kinder und Jugendlichen sowie ganz wenige Ältere bleiben zurück. Von 28 Häusern stehen über 16 leer, es gibt keine Schule, keinen Metzger, keinen Laden, kein Wirtshaus mehr. Also müssen die Kinder selbst die Lebens-Organisation übernehmen und Regeln aufstellen: z. B. „wer beißt, schlägt oder kratzt, wird bestraft … die Jüngeren gehorchen den Älteren“. Es entwickelt sich aber schnell eine Konfrontation zwischen Mila, der Tochter des ehemaligen Bürgermeisters, und der Wir-Gruppe von etwa 17 anderen Kindern. Die Wir-Gruppe führt ein brutales Regime mit Strafaktionen gegen die Außenseiterin Mila und einer tödlichen Attacke auf den Metzger, der anschließend samt Auto im Dorfweiher versenkt wird. Am Ende heißt die Parole „Hurra, die Schule brennt!“, es beginnt die Suche nach einem besseren Land.

Das grundlegende Problem des Romans ist seine Orts- und Zeitlosigkeit. Nur in Andeutungen wird darauf hingewiesen, was die Gründe der Landflucht der Erwachsenen sein könnten: ein Krieg, ein Konflikt, fehlende Arbeitsplätze, Klimawandel? Geht es (nur) um die abgehängte Provinz, um strukturschwache Regionen oder geht es um das Psycho- und Soziogramm einer allein gelassenen Kindergruppe? Die Motivation der Erwachsenen, von denen es heißt, dass sie woanders wieder Arbeit gefunden hätten und Geld und Pakete schicken, bleibt ziemlich im Dunkeln. Hat am Ende gar der Pfarrer recht, der einmal äußert, die Kinder seien dem Teufel auf den Leim gegangen? So ist Lucia Leidenfrosts Roman eine sprachlich durchaus interessante Fingerübung, die mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt.

 

https://www.lucialeidenfrost.at/


Jonas Lüscher: Ins Erzählen flüchten (Poetikvorlesung)    ****

C. H. Beck (München 2020)

ca. 110 Seiten, 16,00 Euro

 

In dieser dreiteiligen Poetikvorlesung (als Buch mit sparsamen Fußnoten und konzentrierter Bibliografie ausgestattet), die 2019 an der Hochschule St. Gallen stattfand, berichtet Jonas Lüscher über seinen Weg vom Doktoranden der Philosophie zum Schriftsteller, der die Form einer Flucht angenommen hat: „geflüchtet bin ich vor der akademischen Philosophie ins Erzählen“.

Als grundsätzlicher Skeptiker und Grübler beklagt und benennt er die „quantitative Blendung“ einer naturwissenschaftlich-mathematischen Welterklärung, erkennt aber auch die Beliebigkeit eines narrativen Ansatzes. In einem weiten Umgriff der Philosophiegeschichte spannt er den Bogen von Homer, dem europäischen Urvater der Epik, über Parmenides, Platon zum Ideal der Aufklärung (dem korrekten Gebrauch der Vernunft), also vom mythos zum logos. Mit Isaiah Berlin sieht er die Epoche der Romantik als Gegenbewegung, gleichzeitig auch als Tyrannei der Kunst über das Leben.

Lüscher hat sich in diesem Spannungsfeld und angesichts der „Unzulänglichkeit unserer Sprache“ nicht fürs Verstummen entschieden, auch nicht - wie sein Protagonist Richard Kraft - für den Suizid, sondern ist ins Erzählen geflüchtet. Damit will er sich auch der Hegemonie des Kapitalismus entziehen, der die mittelalterliche Theodizee durch eine Oikodizee ersetzt hat (genussvoll nachzulesen in seinem Erzähldebüt, der Novelle „Frühling der Barbaren“).

Der selbstkritische Erzähler warnt er aber vor Geschichten, die als Monomythen daherkommen, d.h. die endgültige und eindeutige Antworten gegeben wollen. Auch will er nicht die Immersion, das völlige Eintauchen des Lesers in den Stoff erreichen. Eher liebt er die ironische Distanz zu seinen Hauptpersonen, das „Oszillieren zwischen Sinnmomenten und Präsenzmomenten“.

Mit Blick auf sein(e) Arbeiten bekennt er sich zu der „Furcht vom Schreiben“, zum Hinauszögern und zu daraus lastenden Arbeitsschulden, also zu dauerndem Zweifel. Gleichzeitig sieht er sich - im Koordinatensystem zwischen Jean Paul Sartre und Peter Handke - als engagierten Autor, der nicht nicht-politisch schreiben kann, der sich zu einer Art „Verlobung von Autor und Leser mit der Welt“ verpflichtet fühlt, auch wenn es ihm schwerfällt, plakative Stellungnahmen zu bestimmten Themen zu verfassen.

Die kurze Selbstreflexion von Jonas Lüscher ist ein kluges Essay, aus dem man viel lernen und erkennen kann. Dazu macht es - nach dem spektakulären „Kraft“-Akt - Appetit auf den nächsten Roman des Autors.

 

https://www.chbeck.de/luescher-erzaehlen-fluechten/product/30097152


Markus Orths: Picknick im Dunkeln    ***

Hanser (München 2020)

ca. 235 Seiten, 22,090 Euro

 

In einem stockdunklen Tunnel treffen zwei Männer unvermutet aufeinander: Arthur Stanley Jefferson, bekannt als Stan Laurel (1890 - 1965) und Thomas von Aquin (1125 - 1274). Die beiden Untoten kommen - auf Englisch - ins Gespräch und stellen sich naheliegende Fragen: Wer sind wir? Wo sind wir? Wo wollen wir hin? Was soll das alles bedeuten? Der bedeutende Kirchenlehrer und der geniale Filmkomiker stoßen auf gefährliche Sturzlöcher, verschlossene Stahltüren und vereinzelte Gegenstände (ein Vorschlaghammer, ein Frauenkleid, zwei Bücher). Das Ganze erinnert an ein subtiles Escape-Game mit mehreren Spielebenen und der Parole „Solange wir reden, leben wir“.

In dieser klaustrophobischen Situation konstruiert Orths aber ein philosophisches Gespräch, eine unterhaltsame Disputation über die eigenen Bio-, Filmo- und Bibliografien, über Gott und den Glauben an ein Leben nach dem Tod, über die 700 Jahre Geschichte, die zwischen den beiden liegen, über Licht und Erleuchtung, über Lachen und Vergänglichkeit. Schließlich erkennen sich die „Geistseelen“ als halbe Kugeln, die ihr ähnliches Gegenteil gesucht haben; sie entdecken Parallelen und Gegensätze, dazu die etwas vordergründige Gewissheit: „zu zweit aber, da waren sie unschlagbar“. Im richtigen Leben hatten sie andere Traumpartner: Oliver Hardy und Aristoteles.

Markus Orths, ausgestattet mit einem Studium der Philosophie und der Anglistik, hat die Biografien seiner beiden Protagonisten sorgfältig recherchiert und in einem szenischen Rahmen a la Beckett arrangiert (es gibt übrigens auch eine Theaterfassung!). Das erinnert manchmal an „Sofies Welt“ von Jostein Gaarder und natürlich an das Erfolgskonzept von Daniel Kehlmann, der in der „Vermessung der Welt“ mit Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauss allerdings zwei Zeitgenossen poetisch zusammenfügte.

Der Roman endet mit einer zeitweisen Erleuchtung durch Stan Laurels Daumen und einem befreiten Lachen von Thomas. „Aber Schluss mit dem Tod. Was bleibt ist das Leben“. Für einen nächsten Roman darf über neue Paarungen spekuliert werden: Karl Marx und Till Schweiger? Oder Adam Smith und Sahra Wagenknecht? Oder Herodot und Guido Knopp??

 

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/picknick-im-dunkeln/978-3-446-26570-7/


Michael Stavarič: Fremdes Licht      ***

Luchterhand (München 2020)

ca. 509 Seiten, 22,00 Euro

 

Ja, habe ich denn hier ein Lektüre-Gutscheinbuch bekommen: zwei Geschichten zum Preis von einer? Jedenfalls wagt es Vielschreiber Michael Stavaric in seinem neuesten Roman, den Leser mit zwei weiblichen Hauptpersonen, mit zwei sehr weit auseinander liegenden Zeitsträngen und mit etwa vier Schauplätzen zu konfrontieren, alles irgendwie zusammengeknüpft durch das Motiv der Kälte und durch die kulturgeschichtliche Tradition der Inuit auf Grönland.

Der umfangreiche erste Teil heißt „Winterthur und das Ende der Welt“, ist eine Mischung aus Tech-Fiction, Apokalypse und Letzter-Mensch-Geschichte. Die Schweizer Reproduktionsforscherin Elaine Duval ist etwa im Jahre 2345 an Bord eines Raumschiffes, mit dem sich eine Gruppe von Menschen vor einem drohenden Kometeneinschlag retten will, indem man einen exoplanetarischen Lebensraum ansteuert und dort kältekonserviert neues Leben begründet. Die Mission geht aber offensichtlich schief und Frau Duval findet sich als vermutlich einzige Überlebende auf einem lebensfeindlichen Planeten irgendwo im Universum. Dabei erinnert sie sich an die Erzählungen ihres Großvaters, der lange Zeit in Grönland lebte und will mit dessen Kälte-Erfahrungen und ihrem mitgebrachten Genarchiv weiterleben. Ob das gelingt, bleibt offen; aber bei Erkundungen außerhalb havarierten Raumschiffes trifft sie doch noch ein menschliches Lebewesen: den Kapitän Dallas.

Ganz anders der zweite Teil mit der Überschrift „Grönland und die Weiße Stadt“: eine historische Doku, ein Expeditionsabenteuer und eine spannende Geschichte um einen Serienmörder - alles angesiedelt am Ende des 19. Jahrhunderts. Dieses Kapitel speist sich aus den Aufzeichnungen des „Vogelmannes“, hinter dem unschwer der Grönlandforscher Fridtjof Nansen zu erkennen ist, und den Erlebnissen der jungen Inuit-Frau Uki, die sich unter die Männer des Nansen-Schiffes auf dem Weg nach New York wagt. Dort besucht sie die Weltausstellung 1893 in Chicago und erfährt eine harte Konfrontation zwischen der Stille und Naturnähe ihrer Heimat und dem technologischen Aufbruch in Nordamerika. Zu allem Übel gerät sie in Fänge des Serienmörders H. H. Holmes, der ihren Begleiter Jens umbringt und sie in ein Eisverlies einsperrt. Kurz vor dem Erfrieren wird sie befreit: „wir sind ins Leben zurückgekehrt, welches sich voller Licht und Hoffnung vor uns ausdehnt“.

Das Bedürfnis des Autors, seine kulturgeschichtlichen Recherchen zu dem Volk der Inuit in dem Roman auszubreiten, wirkt teilweise etwas zwanghaft und verführt zum kursorischen Lesen. Ansonsten aber ein fesselndes Buch, das fordert und anregt.

 

https://www.randomhouse.de/Buch/Fremdes-Licht/Michael-Stavaric/Luchterhand-Literaturverlag/e515684.rhd


Dorota Maslowska: Schneeweiß und Russenrot    *****

KiWi (Köln 2009 - Originalausgabe 2002)

Aus dem Polnischen von Olaf Kühl

ca. 240 Seiten, 7,95 €

 

Als die Polin Dorota Maslowska 2002 im zarten Alter von 19 Jahren diesen ersten Roman veröffentlichte, spra­chen viele von einer literarischen Sensation - etwa vergleichbar mit dem Debüt des 20jährigen Bret Easton Ellis („Unter Null“, 1985) oder der 18jährigen Helene Hegemann („Axolotl Roadkill“, 2010): provokante Sprache, Authentizität, Tabubrüche, experimentelle Poesie - das waren die Aus­ru­fe­zeichen, die diese jungen Schriftsteller setzten.

Maslowska erzählt in furiosem Ton die wilde Geschichte von Andrzej Robakoska, genannt „der Starke“ und entwirft damit gleichzeitig ein Sittenge­mälde einer Generation junger Erwachsener in polni­schen Großstädten, die sich mit Drogen und Tabletten aktiv halten und ihre Spielchen mit wech­seln­den Frauen spielen. Die Autorin schlüpft ohne Tabus und Scheu in die Ich-Perspektive des Macho-Manns und verstößt provokativ gegen alle Regeln der traditionellen Epik, des Anstands und der political correctness und legte damit 2002 eine Lektüre-Bombe in die reaktionäre Welt des katholischen Kaczynski-Polens.

Der Roman liest sich wie „ein echt fetter Horrortrip“, den eben auch Protagonist Andrzej mit wechselnden Mädchen (Magda, Arleta, Angela, Natascha, Ala) und gut bestückten polnischen Hausapotheken (Vogelmilch, Mollies, Crystal Meth, Nevosol, Pandol etc.) erlebt. Ständig ist auch die Rede von einem polnisch-russischen Krieg, der in seiner Stadt tobt: „in diesem Land gibt es keine Zukunft … überall Gewalt … russische Triebschweine“. Zweimal mischt sich auch die Autorin ins Geschehen: einmal ist sie Sekretärin auf dem Kommissariat und protokolliert die Aussage von Andrzey, der gerade eine McDonalds-Filiale überfallen hat. Sie erzählt dem Untersuchungshäftling von ihren Schreibübungen, von ihrem Scheitern in der Schule, von ihren Gedichten; ein anderes Mal berichtet Ala von dem Tagebuch der Autorin Dorota Maslowska (16), das in einer Zeitschrift erschienen ist. Am Ende dieser sprachlichen Achterbahnfahrt ein Schimmer der Hoffnung: Andrzey tritt ins Freie „gewaltsam wie das Licht, das angemacht wird“.

2005 erhielt der Roman den Deutschen Jugendliteraturpreis mit der Begrün­dung: „Dorota Maslowskas farbenkräftiger Debütroman zwingt zu konzentrierter Lektüre. Wer sich darauf einlässt, gerät in den faszinierenden Sog einer ungebändigten, kraftvollen Sprache, die in Metaphern, hochpoetischen Bildern und Neologismen schwelgt.“ Die Unbekümmertheit und Direktheit dieses Romanerstlings hat Dorata Maslowska seither nicht mehr erreicht, dennoch sind „Die Reiherkönigin: ein Rap“ (2007), „Liebling, ich habe die Katzen getötet“ (2015) und „Andere Leute“ (2019) ebenfalls lesenswert.

 

https://www.kiwi-verlag.de/buch/dorota-maslowska-schneeweiss-und-russenrot-9783462033762


Kerstin Hensel: Regenbeins Farben      ****

Luchterhand (München 2020)

ca. 250 Seiten, 18,00 €

 

Wer in den Untiefen der Suchmaschinen gräbt, kann auf ein Öl-Bild des zuletzt in Berlin lebenden Malers Friedrich Ernst Wolfrom (1857 - 1923) stoßen: Poseidon und die Nereiden, wo auf 191 x 132 cm der Meeresgott trotz bewegter See mit diversen Nymphen zugange ist. Was hat das nun mit Kerstin Hensel zu tun? Nun, genau diese Szenerie ist das zentrale Bildsymbol ihrer neuen Novelle „Regenbeins Farben“, wo Karline Regenbein (knapp unter 50) ein solches Bild als Illustration einer originellen und subtilen Menage-a-quatre auf die Leinwand bringt.

Zu dem flotten Vierer gehören neben Karline zwei weitere, allesamt verwitwete Frauen, nämlich Lore Müller-Kilian (über 70), die ehemalige Gattin eines schwerreichen Unternehmers, der seine Villa mit teurer Malerei ausstattete, Ziva Schlott (ca. 85), die auch im Alter noch kapriziöse Kunstprofessorin und der Galerist Wettengel, der nach der Wende eine staatliche DDR-Kunstgalerie privatisiert hat. Sie sind ein „entzückendes Quartett“ und treffen sich regelmäßig auf dem Nordfriedhof, um die Gräber ihrer verblichenen Lebenspartner zu pflegen. Doch auch im Alter ergeben die Beziehungen der Hauptpersonen noch vereinzelte Funken, Spannungen und Verstörungen. Wer genau hinschaut kann in der Poseidon-Szene, die Charaktere aller vier Personen entdecken („das Bild ihres Lebens“) und Galerist Wettengel will dieses Kunstwerk (und noch andere) unbedingt in seiner Galerie ausstellen (er lobt die „fabelhafte Komposition, angesiedelt zwischen Bosch und Barock … ein Meisterwerk“); leider endet die Vernissage aber nach einem politisch unkorrekten Happening einer Studentengruppe im Tumult.

Kerstin Hensel erweist sich wieder als erzählerische Traditionalistin der guten alten Leipziger Schule mit feiner Ironie gegenüber der Kunstszene und mit Beachtung politischer Aktualität. Die vier Protagonisten sind in ihrer vielfältigen deutsch-deutschen Lebensgeschichte feinsinnig angedeutet, damit der Rahmen einer Novelle nicht gesprengt wird. Am Ende kann Karline doch mit dem Erlös des Gemälde-Verkaufs eines der Flugzeuge besteigen, die sonst immer störend über den Nordfriedhof donnerten.

 

https://www.randomhouse.de/Buch/Regenbeins-Farben/Kerstin-Hensel/Luchterhand-Literaturverlag/e548833.rhd


Karl Bröger: Flamme (Gedichte)

Eugen Diederich Verlag (Jena 1920)

ca. 95 Seiten, nur antiquarisch erhältlich

 

Vor genau 100 Jahren ist im Eugen Diederichs Verlag (Jena) ein schmales Bändchen mit zwanzig Gedichten und drei Versspielen des Nürnberger Schriftstellers Karl Bröger unter dem Titel „Flamme“ erschienen. Der Biograf Gerhard Müller hält es für sein literarisch bedeutendstes Buch, Brögers ältester Sohn Friedrich, der von 1948 bis 1967 als Chefdramaturg an den Städtischen Bühnen Nürnberg arbeitete, bemerkte im Rückblick, dass sein Vater „seine glücklichste und fruchtbarste Zeit … in der Weimarer Republik, in der kurzen Spanne eines relativen Friedens“ erlebte. Den Literaturwissenschaftlern Herbert und Elisabeth Frenzel ist die „Flamme“ in ihrem Standardwerk „Daten deutscher Dichtung“ eine ausdrückliche Erwähnung wert, den Eingang in Kindlers Neues Literatur-Lexikon hat Karl Bröger jedoch nicht geschafft.

Auf der Vorderseite erhebt sich unter dem Titel eine nackte Frau aus der Feuersbrunst des 1. Weltkriegs, eine Illustration des Gedichts „Venus und der Tod“, in dem es heißt: „Auf dem Tisch ein Weib / reckt sich in zierlicher Schale … / ruhig steht die Gestalt / lockend die Hand an der Hüfte. / Über alle Grüfte / herrscht der Liebe Gewalt.“ Damit ist auch das zentrale Thema dieses Gedichtbandes angesprochen: es geht um die Überwindung von Krieg und Gewalt durch Liebe, Leben, Freiheit und Mitmenschlichkeit. Oder wie es in „Heimkehr und Gelöbnis“ heißt: „Der Krieg sei tot! Es lebe jedes Streben, / das alle fördert zu erhöhtem Leben!“

In der poetischen Analyse des Krieges, den Bröger nach einer Verwundung nur bis zum Dezember 1914 als Soldat an der Westfront miterleben musste, erweist sich der Autor als national denkender Idealist, gleichzeitig als sozialer Humanist, der den deutschen Soldaten das Recht auf Landesverteidigung nicht abstreitet, jede Form von expansiver Aggression aber kritisiert. Charakterisierungen wie das Heer, „das unserer Hüterfaust gewesen“ sei und mit erhobenem Haupt heimwärts ziehe, können natürlich isoliert missverstanden werden; sie führten auch zum Vorwurf einer „Nähe … zur nationalsozialistischen Weltanschauung“ (Alexander von Bormann). Zurecht hat Dieter Schug darauf hingewiesen, dass „national und sozialistisch die innersten Triebfedern“ von Brögers Wesen waren, „aber doch ganz und gar nicht im Sinne jener Partei, die in ihrem Namen beide Begriffe programmatisch verschmolzen hatte“.

Ein besonderer Bestandteil dieses Buches sind drei Versspiele, das heißt szenische Einakter mit lyrischer Sprechweise, die offensichtlich für den Einsatz bei Laienspielgruppen der Jugendbewegung gedacht waren. In dem „Spiel von Schuld und Sieg“ mit der Überschrift „Kreuzabnahme“ konstruiert Bröger ein Streitgespräch zwischen dem personifizierten Krieg und den von ihm Betroffenen. Mit mephistophelischer Schärfe und dem poetischen Ton der deutschen Klassik erklärt der Krieg, dass er nicht aus dem Nichts komme: „mein Wirken wohnt / im Geiste, in der Waffe nicht“.

Damit unterscheidet sich Bröger von seinen expressionistischen Zeitgenossen wie Trakl, Heym oder Stadler ebenso wie von der Dialektik des kapitalismuskritischen Kriegs-Berichterstatters Bertolt Brecht. Bei Brögers Verszeilen denkt man eher an einen hymnischen Prediger, der ein bisschen Frieden für die Menschheit einfordert. Nicht überraschend ist, dass einige der „Flamme“-Gedichte sogar vertont wurden: der ungarische Komponist Erwin Lendvai machte daraus Liedgut für A-Cappella-Chöre.

Die Krisensituation des Jahres 1920 in Deutschland ist gekennzeichnet durch eine zunehmende Unzufriedenheit mit den auferlegten Bedingungen des Versailler Vertrags, durch den von rechtsorientieren Freikorps versuchten Putsch unter der Führung von Wolfgang Kapp und General von Lüttwitz sowie durch die Gründung einer neuen Partei, der NSDAP, im Münchner Hofbräuhaus. Angesichts dieser Entwicklungen grenzt die Brögersche Naturlyrik mit einer „Hymne an einen Baum“ und einer Beschwörung der magischen Waldlandschaft schon fast an Eskapismus: eines Stadtmensch, der mit vierhebigem Trochäus und Kreuzreim im Tornister von seinem Siedlungshäuschen in Nürnberg-Ziegelstein in die Einsamkeit der Natur wandert.

Erst im letzten Gedicht des Lyrikbandes wird ein Thema angeschlagen, das Karl Bröger - eindeutig zu Unrecht - bis heute den Beinamen „Arbeiterdichter“ einbrachte. Unter dem Titel „Sturz der Fabriken“ illustriert er das Ende des Industriezeitalters: „über eine Nacht / sind die Fabriken der flachen Erde gleich gemacht“. Bröger stammt zwar aus einer armen (und bildungsfernen!) Arbeiterfamilie und schließt sich der Arbeiterpartei SPD und der Gewerkschaftsbewegung an, als Redakteur der Fränkischen Tagespost ist er aber eher der Schicht der Angestellten zuzuordnen, als Schriftsteller ist er weit von dem entfernt, was in den 1960er Jahren wieder als Literatur der Arbeitswelt publiziert wurde und als Bewahrer der elaborierten Verssprache der deutschen Klassik hält er es eher mit dem Postulat von Arno Schmidt, das Volk müsse zur Kunst kommen - nicht umgekehrt.

So liest sich Brögers Gedichtband „Flamme“ als vielschichtiges Zeitdokument, als Denkanstoß zu der Frage nach der (Nicht-)Wirksamkeit von Lyrik und der Missverständlichkeit von künstlerischer Sprache, ein Phänomen, das Theodor W. Adorno nach 1945 als „Jargon der Eigentlichkeit“ kritisiert hat. Das Buch ist derzeit nur antiquarisch zu einem Durchschnittspreis von etwa 10 Euro und natürlich auch in gut sortierten Stadtbibliotheken erhältlich.

Karl Bröger, geboren 1886 in Nürnberg-Wöhrd, veröffentlichte 1910 seine ersten literarischen Arbeiten. Nach mehreren Gelegenheitsjobs wird er ab 1910 Redakteur der Fränkischen Tagespost. Schon 1919 erscheint sein autobiografischer Roman „Der Held im Schatten“. Er ist Mitbegründer des republikanischen Reichbanners Schwarz-Rot-Gold, wo sein Gedicht „Vaterland, ein hohes Licht“ als Hymne der Organisation genutzt wurde (siehe unten). 1933 kandidiert Bröger (SPD) erfolgreich für den Nürnberger Stadtrat, wird aber von Nazi-Schlägern misshandelt und in das KZ Dachau verschleppt. Nach der Freilassung sucht er eine literarische Nische und schreibt vor allem historische Romane. Er stirbt 1944 an Kehlkopfkrebs. Bei der Totenfeier versuchen NS-Funktionäre ihn als Sympathisanten zu reklamieren: im nationalsozialistischen Deutschland habe seine Sehnsucht ihre Erfüllung gefunden. Die Nürnberger Karl-Bröger-Gesellschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Erbe des Schriftstellers zu bewahren, im Karl-Bröger-Haus und mit den Adressen Karl-Bröger-Straße, -Platz und -Tunnel ist sein Name verewigt worden.

 

Karl Brögers Gedicht „Heimkehr und Gelöbnis“ endet mit den folgenden vier Strophen:

Vaterland, ein hohes Licht,

Freiheit glänzt von deiner Stirne.

Von der Marsch zum Alpenfirne

glühen Herzen, wachen Hirne

und die heilige Flamme spricht:

Volk, hab acht!

Brüder wacht!

Eher soll der letzte Mann verderben,

als die Freiheit wieder sterben.

 

Brüder, schwört euch in die Hand:

Morgenrot um alle Berge!

Ausgetilgt der letzte Scherge!

Freies Leben, freie Särge,

freier Sinn im freien Land!

Volk, hab acht!

Brüder, wacht!

Hell die Augen, heller die Gewissen!

Sonst ist bald das edle Band zerrissen.

 

Deutscher Mensch, der nie verdirbt:

Eins die Stämme, eins die Auen!

Deutscher Geist in allen Gauen

soll nach einem Ziele schauen,

dass er nicht in Kleinheit stirbt.

Volk, hab acht!

Brüder, wacht!

Groß aus großem Leid uns zu erheben,

muss nach einem Reiche alles streben.

 

Brüder, lasst uns armverschränkt

Mutig in das Morgen schreiten!

Hinter uns die schwarzen Zeiten,

vor uns helle Sonnenweiten!

Wicht nur, wer die Freiheit kränkt!

Volk, hab acht!

Brüder, wacht!

Deutsche Republik, wir alle schwören:

Letzter Tropfen Blut soll dir gehören!

 



Peter Handke: Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte    ***

Suhrkamp Verlag (Berlin 2020)

ca. 158 Seiten, 20,00 Euro

 

Der Ich-Erzähler hat sich dazu entschlossen, eine „längst fällige Rache zu exekutieren“. Dieser Schlüsselsatz fällt schon auf der ersten Seite und viele Handke-Leser werden nun vermuten, dass diese Geschichte eine Abrechnung wird mit all den Kritikern, die dem Autor Handke den Nobelpreis für Literatur mies gemacht haben. Doch ziemlich weit gefehlt! Peter Handke hat diese kleine Erzählung schon im April/Mai 2019 geschrieben, der Zuerkennung des Nobelpreises wurde erst im Oktober 2019 verkündet. Alle Kaffeesatzleser des Feuilletons können nun trotzdem vorausahnende Eingebungen vermuten und aus den knappen 150 Seiten sogar mit etwas gewagter Textexegese herausfiltern. Denn immerhin: der Ich-Erzähler, hinter dem sich ganz unverstellt die Figur des Autor Peter Handke befindet, will Rache nehmen, Rache an einer Journalistin, die ein einem Zeitungsartikel seine Mutter auf schwerste beleidigt hat, nämlich mit der Behauptung, diese sei eine Nazi-Sympathisanten gewesen. Diese Journalistin steht exemplarisch für „die“ Zeitungen als allein richtige, alles besser wissende, alles deutende, alles beurteilende Medien der Verblendung. Der Sohn Peter Handke hat sich schon in seiner Erzählung „Wunschloses Unglück“ (1972) dieser „seligen, heiligen“ Mutter genähert: „Auf einmal hatte ich in meiner ohnmächtigen Wut (!) das Bedürfnis, etwas über meine Mutter zu schreiben“. So macht er sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln in der Ile de France/Picardie auf den Weg, um die verhasste Person zu erdolchen. Seine Neigung zu trödeln, die Umgebung assoziativ aufzunehmen und Träumereien nachzuhängen, bringt ihn aber vom geraden Weg ab. Mit einem Taxifahrer trällert er Eric-Burdon-Songs, in Port-Royal-des-Champs verliert er sich in die Jugenderinnerungen des Blaise Pascal und in eine Philippika gegen das Gerichtswesen, im Bus mischt er sich in eine multikulturelle Fahrgemeinschaft - und plötzlich wird er vom distanzierten Misanthropen zum Menschenfreund, der seinen ursprünglichen Racheplan revidiert: es genüge doch als Rache, die Übeltäterin einfach zu ignorieren und aus seiner Geschichte zu tilgen! Das ist das zweite, das bessere Schwert! Und damit nimmt die Tagesreise des späten Anton Reiser ein versöhnliches Ende als fromme Legende: am frühen Morgen erblickt er noch das „Gesicht eines Rächers“ im Spiegel, am Abend heißt es dann: „Fröhlich schaute ich mich aus dem Spiegel an“. So durchlebt man als Leser eine bunte Mischung aus schräger Banalität und tiefer Denkschule.

 

https://www.suhrkamp.de/buecher/das_zweite_schwert-peter_handke_42940.html


Albert Camus: Die Pest

deutsche Übertragung von Guido G. Meister

Rowohlt (Hamburg)

ca. 350 Seiten, 12.00 Euro (Tb)

 

Aus aktuellem Anlass wiedergelesen ...  und mehr gedankliche Anregungen bekommen als von so mancher Talkshow zum Thema. Denis Scheck hat in seinem Kanon der 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur dem Roman "Der Fremde" den Vorzug gegeben, nach COVID 19 sähe die Entscheidung vielleicht anders aus. Dummerweise wollte Camus mit "Die Pest" gar keine einfache Seuchen-Chronik schreiben, das Geschehen in der algerischen Stadt Oran, das sich - wahrscheinlich ab April 1944 - über etwa zehn Monte hinzieht, hat eher allegorischen bzw. parabelhaften Charakter. Camus erläuterte in einem Tagebuch-Notat: "Ich wollte mit der Pest das Ersticken ausdrücken, an dem wir alle gelitten haben, und die Atmosphäre der Bedrohung und des Verbanntseins, in der wir gelebt haben." Also reflektiert der 1947 erschienene Roman die Zeit der Besetzung Frankreichs durch die Nationalsozialisten und die Haltungen zwischen Resistance und Kollaboration. Dieser singuläre Bezug wird aber zwei Zeilen später relativiert: "Ich will zugleich die Deutung auf das Dasein überhaupt ausdehnen."

Es geht um die zentrale Frage: wie verhalten sich geschlossene Gesellschaften und darin besonders exemplarische Individuen angesichts einer existenziellen Bedrohung? Die Stadt Oran, eine französische Präfektur an der Küste, wird nach dem Ausbruch der Pestseuche komplett abgeriegelt und ist damit ein gut überschaubares Objekt für soziologische Feldforschung. Es ereignen sich zeitlose Phänomene: Bagatellisierung und Verschweigen, Fatalismus und Solidarität, Hoffnung und Apathie, illegale Ausbruchsversuche und verantwortungsvolle Regeln zur Eindämmung. Die Bewohner leben (und sterben) mit einem Gefühl der Trennung und der Entindividualisierung.

Sechs Hauptpersonen dienen der Veranschaulichung des grundsätzlichen Diskurses: Raymond Rambert sieht zunächst als liberaler Hedonist ein Menschenrecht der Flucht, stellt sich dann aber doch der sozialen Verantwortung; Jean Tarrou ist von Anfang an ein Organisator der sozialen Hilfstruppen, wird aber am Ende zynischerweise zum letzten Opfer der Pest; der Verbrecher Cottard ist kalter Nutznießer der Katastrophensituation, nachdem sein Selbstmordversuch gerade noch rechtzeitig vereitelt wurde - ohne den Notstand der Pest gerät er aber wieder in eine Sinnkrise; Joseph Grand ist ein kleiner Rathaus-Angestellter, der eigentlich einen Roman schreiben will, aber schon an der Formulierung des ersten Satzes verzweifelt; Castel ist der erfahrene, alte Arzt, der mit einem Impfstoff erste Erfolge feiert; Pater Paneloux ist der Verkünder des strafenden Gottes, revidiert aber sein alttestamentarisches Weltbild, als er dem grausamen Sterben eines Jungen beiwohnt, zumindest teilweise. Im Mittelpunkt steht der Chronist Dr. Bernard Rieux, dessen Worte ohne Zweifel von der existenzialistischen Philosophie des Autors Camus diktiert sind. Er stellt sich als gelernter Agnostiker der Absurdität des menschlichen Daseins und darf am Ende drei Lehren formulieren: die Menschen können keine Heiligen sein, sich aber dennoch bemühen, wenigstens pflichtbewusste Ärzte zu sein; bei derartigen Heimsuchungen könne man erkennen, dass es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt; schließlich müsse man akzeptieren, dass der (allegorische) Pestbazillus nie ausstirbt - zur immerwährenden Belehrung der Menschen. Einer solchen Analyse der conditio humana hätten und haben Brecht oder Sartre nicht zustimmen können, denn es muss doch irgendwann mal einen richtig guten Schluss geben?

 

https://www.rowohlt.de/taschenbuch/albert-camus-die-pest.html


Literatur zur Endzeitstimmung



Menschen, die in diesen Tagen kontaktlos durch menschenleere Straßen streifen oder die weltweiten Infektionszahlen der Johns Hopkins Universität am Live-Ticker abonniert haben, könnten in eine gewisse Endzeitstimmung verfallen. Auf dem Feld der fiktionalen Erzäh­lung sind einige AutorInnen diesen Schritt schon gegangen und haben sich in den letzten 70 Jahren gefragt: Was passiert, wenn nach der Apokalypse nur noch eine(r) übrig bleibt? Wie verhält sich der Mensch, der ja als soziales Wesen definiert ist, wenn er feststellt, der letzte/der einzige zu sein?

Überwiegend sind es Männer, die als letzte Menschen porträtiert werden; in zwei Fällen handelt es sich um antropophobe Einzelgänger, die sich für intellektuell überlegen halten und für die die neue Situation gar keine echte existenzielle Herausforderung darstellt. Der Ich-Erzähler in Arno Schmidts „Schwarze Spiegel“ (1951) sagt sogar lakonisch: „ach es war doch gut, daß Alle weg waren“. Bei Guido Morselli („Dissipatio humani generis“, 1977) begegnen wir einem eremitisch lebenden Selbstmord-Kandidaten, dem die Einsamkeit einen neuen Spiel-Raum in der leeren Stadt (Zürich) bietet. Für den 40jährigen Lo­renz (in Jürgen Domians „Der Tag, an dem die Sonne verschwand“ - 2008) und für den etwa gleichaltri­gen Jonas (in Thomas Glavinic‘ „Die Arbeit der Nacht“ - 2006) bedeutet die un-menschliche Situation jedoch eine soziale Katastrophe, ein Herausreißen aus gewohnten Zusammenhängen und Beziehungen. Sie reagie­ren darauf mit quälerischen Selbstreflexionen und eher ziellosen Erkundungs-Touren (Ist da noch je­mand?). Demgegenüber wirkt Anton L. (in Herbert Rosendorfers „Großes Solo für Anton“ - 1976) eher wie das narrative Kunstprodukt eines satirischen Erzählers. Die einzige Autorin in dieser thematischen Reihe beschreibt auch die einzige Frau als letzten Menschen: Marlen Haushofer mit „Die Wand“ (1963) - eindrucksvoll verfilmt mit Martina Gedeck in der Hauptrolle. Etwas aus dem Rahmen der hier vorgestellten Prosawerke fällt Carl Amerys Fantasy(?)-Roman „Der Untergang der Stadt Passau“ (1975). Nach einer Seuche, die höchstens einer von 50 000 Menschen überlebt hat, gibt es noch regional isolierte Perso­nengruppen, die später miteinander in Kontakt treten und um die rich­tige Strategie einer neuen Welt ringen. Damit liegt Amery am nächsten an der gegenwärtigen Situation.

Über die Hintergründe der Katastrophe gibt es zwar vereinzelte Reflexionen, doch niemals wird eine stichhaltige Erklärung mitgeliefert. Bei Arno Schmidt könnte ein Atomkrieg die Ursache sein, bei Carl Amery ist es eine Seuche als Folge der spätindustriellen Lebensweise, bei Jürgen Domian eine Klimaka­tastrophe. Die gläserne Wand, die sich bei Marlen Haushofer um die Protagonistin schließt, versteht sich ohnehin nur als symbolisches Konstrukt. Die Zerstörung auf der anderen Seite der Wand wurde als Folge einer Neutronenbombe gedeutet.

In drei Romanen bleiben die letzten Menschen trotz intensiver Suche allein und steuern auf den eigenen Tod oder auf ein offenes Ende hin. Anders bei Arno Schmidt und Jürgen Domian: dort treffen die Isolier­ten jeweils auf einen zweiten Menschen, der allerdings bald wieder verschwindet. Marlen Haushofers Ich-Erzählerin stößt am Ende des Romans auf einen Mann, den sie aber erschießt, weil er mit dem Beil auf ihren Stier losgegangen ist. Eine weitere Fortpflanzung der verbliebenen Menschheit wird damit unmöglich - für die Hauptperson ist nun das Alleinsein ein selbstbestimmter Akt, nur Tiere bleiben als Bezugsobjekte.

Diese Beobachtung verweist fast zwingend auf ein Phänomen, das diesen Werken gemeinsam ist: nicht die Apokalypse ist das eigentliche Thema sondern das Individuum, das sich auch heute schon als Einzelkämpfer in der Welt des Kapitalismus und Materialismus verstehen kann.

Wer nervlich stabil ausgestattet ist, dem sei als Lektüre empfohlen: Carl Amery für Öko-Utopisten; Jürgen Domian für konventionelle Leser; Thomas Glavinic für „moderne“ Menschen; Marlen Haushofer für sensible (weibliche?) Natur-Liebhaber; Guido Morselli für an sich selbst zweifelnde Philosophen; Arno Schmidt für selbstsichere Zyniker. Dazu darf man gespannt sein, wann der erste Virus-Endzeit-Roman auf den Markt kommt.

Arno Schmidt: Schwarze Spiegel. Suhrkamp, 154 Seiten, 7,00 Euro

     Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht. dtv, 400 Seiten, 10,90 Euro

          Herbert Rosendorfer: Großes Solo für Anton. Langen-Müller, 320 Seiten, 15,00 Euro

                Marlen Haushofer: Die Wand. Ullstein/List, 288 Seiten, 10,00 Euro

                      Carl Amery: Der Untergang der Stadt Passau. SüdOst Verlag, 112 Seiten, 12,90 Euro

                                                                                                            Guido Morselli und Jürgen Domian sind nur noch antiquarisch erhältlich




Bov Bjerg: Serpentinen     ****

Claassen (Berlin 2020)

ca. 267 Seiten, 22,00 €

 

Bov Bjerg hat in zwölf Jahren drei Romane geschrieben: zuerst 2008 „Deadline“, ein gewagtes Stück experimenteller Prosa, von dem ca. 250 Exemplare verkauft wurden, der Rest ging nach einem Lagerbrand in Asche auf. Danach 2015 „Auerhaus“, ein sehr unterhaltsames, manchmal etwas flapsiges Stück Jugendstil-Literatur mit mittlerem Tiefgang, das in Kürze zum Bestseller avancierte. Nun setzt Bjerg mit einem Kompromiss seine Werkschau fort: „Serpentinen“ ist eine ziemlich graue Geschichte über eine Mehrgenerationen-Vater-Sohn-Problematik, über Depressionen und Suizid, eine sehr schonungslose Familienaufstellung ohne „Familienbla“, die einige Motive aus dem „Auerhaus“ aufgreift, diese aber in ein anspruchsvolles poetologisches Konzept einbaut.

Der Ich-Erzähler Höppner hat seine Schulzeit nun schon lange hinter sich, ist erfolgreicher Professor der Soziologie in Berlin, verheiratet mit der Anwältin M., leidet aber als spätberufener Vater an seiner Unfähigkeit, seinem Jungen Stärke zu geben. Deshalb macht er mit seinem Sohn einen Männerausflug in die Schwäbische Alb, das heißt in die eigene Vergangenheit, bei dem immer wieder die Frage „Um was geht es?“ gestellt wird. Nun, es geht vor allem um den eigenen Vater, einem Alkoholiker, einem richtigen Nachkriegs-Nazi, der mit dem Beil unter dem Kopfkissen schläft, und der nach mehreren Selbstmordversuchen sich schließlich erfolgreich im Keller aufhängt. Damit setzt er eine Familientradition fort, die der Urgroßvater und der Großvater begonnen haben: „ertränkt, erschossen, erhängt“. Was macht aber ein depressiver Ödipus, wenn er feststellt, dass der verhasste Vater sich schon selbst umgebracht hat? Er muss die Richtung ändern, für seinen Sohn gute Erinnerungen schaffen - was aber gar nicht so einfach ist, wenn man sich in der Rolle Mann/Vater nicht zurechtfindet.

In kunstvoll geschichteten Rückblenden tauchen einige Auerhaus-Figuren auf: der Deutschlehrer Dr. Turnschuh, das Grab des Schulkameraden Frieder, der drogensüchtige Harry Calabrese und natürlich die Mutter, die mittlerweile dement in einem Pflegeheim lebt.

Kein Zweifel: Bov Bjerg macht mit diesem Roman Ernst und es seinen Lesern nicht leicht. Aber die Anstrengung lohnt sich, vielleicht auch für den Protagonisten Höppner!

 

https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/serpentinen-9783546100038.html


Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen   ****

Ullstein Buchverlag (Berlin 2018)

320 Seiten, 12,00 € (Tb)

 

Der Roman beginnt mit einer hoffnungsvollen, ja fast idyllischen Szene: die Familie Zschornack steht im Jahr 2000 in dem fiktiven sächsischen Ort Neschwitz an der Baugrube ihres eigenen Hauses, in das sie demnächst einziehen werden. Eine bundesdeutsche Normalfamilie mit dem Vater (Elektriker), der Mutter (Krankenschwester) und den beiden Söhne Söhnen Tobi (5) und Philipp (etwa 8). Der Roman endet fünfzehn Jahre später als Chronik eines Zusammenbruchs: der Vater hat sich von der Familie getrennt und lebt mit einer ehemaligen Freundin zusammen, Philipp (jetzt etwa 23) hat sich in eine eigene Wohnung zurückgezogen, verdient sein eigenes Geld, will sein eigenes Leben führen, Mutter musste wieder in eine kleine Wohnung umziehen und lebt dort mit Tobi (20), der sich mit dem Leitsatz „mich nervt die ganze Scheiße hier“ rechtsradikalen Kreisen angeschlossen hat.

In drei Kapiteln, die der Autor „Bücher“ nennt, wird ein düsterer Aspekt der jüngsten deutschen Sozialgeschichte nachgezeichnet. Schon im ersten Buch (2000 - 2004) verdüstert sich bald das Bild: unweit vom Bauplatz modert ein 1990 stillgelegtes Schamottewerk vor sich hin, der Vater und einige Bekannte mussten mit den Folgen der wirtschaftlichen Umwandlung zurechtkommen: Arbeitslosigkeit, Umschulung, finanzielle Unsicherheiten. Philipp zeigt seinem kleinen Bruder ein Bild aus einem Buch, das im weiteren Verlauf des Roman hohen Symbolwert bekommt: ein Vulkan mit den Farben rot und schwarz. Irgendetwas brodelt im Untergrund und droht zum Ausbruch zu kommen. Ein Jahr später findet gleichzeitig mit Tobis Einschulung die Einzugsfeier in das neue Haus statt: „Tobi stellte sich mit seiner Zuckertüte im Garten vor die niedrige Hecke. Auf das blasse, frische Gras. Grinste in die Fotoapparate … Er sagte kein Wort, drehte sich und lächelte, wie es seine Verwandten wünschten“. Erinnert das nicht ungemein an Ingeborg Bachmanns Beobachtung des amerikanischen Piloten, der 1945 die Bombe auf Hiroshima abwarf: „Erst vor kurzem sah ich ihn / Im Garten seines Hauses vor der Stadt. / Die Hecken waren noch jung und die Rosenbüsche zierlich. / Das wächst nicht so schnell, dass sich einer verbergen könnte / Im Wald des Vergessens. Gut zu sehen war / Das nackte Vorstadthaus, die junge Frau / Die neben ihm stand im Blumenkleid / Das kleine Mädchen an ihrer Hand / Der Knabe, der auf seinem Rücken saß /Und über seinem Kopf die Peitsche schwang. / Sehr gut erkennbar war er selbst / Vierbeinig auf dem Grasplatz, das Gesicht / Verzerrt von Lachen, weil der Photograph / Hinter der Hecke stand, das Auge der Welt.“ (Ingeborg Bachmann: Hiroshima, 1951)

Für die beiden Jungs beginnt eine Geschichte der Verstörung, ausgelöst durch Erlebnisse in der Schule, durch Weltnachrichten und durch andere Einflüsse von außen. Als Philipp mit seiner Klasse im Kunstunterricht ein Garagentor bemalen darf, entscheidet er sich für das Motiv eines Feuerbergs, er „nahm den Pinsel, als ballte er eine Faust“. Der Lehrerin und den Mitschülern scheint das nicht so recht zu gefallen und sein Bild wird später übermalt. Tobi sieht im Fernsehen die Ereignisse des 11. September 2001 und fragt sich „Ist das Krieg?“ Ein ehemaliger Kollege des Vaters wird tot aufgefunden, er ist mit dem Auto in einen Teich beim Steinbruch gestürzt. Mit den Großeltern fahren die beiden Jungs nach Hoyerswerda, sie sehen dort verbrannte Fassaden, niemand erklärt ihnen die Ursache dieser Beschädigungen. Von Zehntklässlern hört Philipp das Wort „Jude“, er schreibt es unbedarft auf seinen Heftumschlag, wenig später wird auf einem Felsen im Pausenhof der Schule eine Hakenkreuz-Schmiererei entdeckt - wohl von ehemaligen Schülern angebracht. Die Weihnachtsfeier bei den Großeltern löst bei Tobi erste Aggressionen aus: die von ihm im Hort selbst gebastelten Tannenzapfen mit Wackelaugen will er kaputt machen, weil er plötzlich findet, dass sie ein blödes Geschenk sind: „dann trat er dem ersten Zapfen ins Gesicht. Es knackte unter Gummisohle der Hausschuhe. Das übrig gebliebene Auge rollte weg“.

Diese Stationen einer problematischen Sozialisation setzen sich auch im zweiten Buch fort, das die Jahre 2004 - 2006 umfasst. Beide Jungen entwickeln Kontakte zu Freunden, die sie in bestimmte Richtungen beeinflussen. Philipp ist manchmal mit Ramon zusammen, der auf die „Scheiß-EU“ schimpft, der die Bevölkerungsgruppe der Sorben als undeutsch („Sorbenschweine“) bezeichnet. Sie treffen sich in Omas Gartenlaube auch mit dem älteren Menzel, einem glatzköpfigen Rechtsradikalen, kaufen sich Waffen, werfen Silvesterböller auf Bonzenautos und deponieren vor der Haustür einer türkischen Familie Schweine-Schlachtreste.

Ein Zeitsprung von sieben Jahren leitet über in das dritte Buch (2013 - 2015). Jetzt steht vor allem die Radikalisierung von Tobi im Vordergrund. Er sieht seine Gegend als „untergegangene, traurige Scheiße“, erlebt entsetzt, dass der Garten der Großeltern, nachdem der Großvater an einem Schlaganfall gestorben ist, an eine syrische Familie abgegeben wird, und inszeniert mit seinen Freunden bei Volksfesten Schlägereien mit „Assis und Kanaken“. All das mündet schließlich in den titelgebenden Satz: Er wolle „auf alles einschlagen, richtig rein mit der Faust, bis alles blutet“. Angelehnt an seinen Lehrmeister Menzel, der die These aufstellt, „dieses ganze System ist im Arsch“, bewegt er sich bald in einem rechtsradikalen Netzwerk von Heimatschutz, Bürgerwehr und Fußball-Hooligans. Der Roman endet mit einer direkten Aktion: als das mittlerweile leer stehende Schulhaus, in dem Philipp und Tobias ihre Schulzeit verbracht hatten, in eine Asylantenunterkunft umgewandelt werden soll, klettern Tobi und seine Kumpane nachts in das Gebäude und konstruieren einen massiven Wasserschaden. Das war also „seine Schule, sein Ort, sein beschissenes Leben“.

Es geht im Kern um vier Formen von Gewalt: symbolische Gewalt, verbale Gewalt, physische Gewalt gegen Sachen und gegen Lebewesen. Als Heinrich Böll 1976 seine Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ schrieb, wählte er den Untertitel „Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“. Darin beschreibt er, wie unverhältnismäßiges Eingreifen der staatlichen Organe und die Hetze des Boulevard-Journalismus in der Zeit des RAF-Terrorismus eine junge Frau dazu treiben, den Journalisten Werner Tötges zu erschießen. Ein ähnliches Anliegen hat Lukas Rietzschel mit seinem Debütroman. Er will zeigen, wie die Umstände in den Neuen Bundesländern (aber natürlich nicht nur dort!) dazu beitragen, dass junge Menschen für verbale Gewalt empfänglich sind, die dann in Fremdenfeindlichkeit, Rechtsradikalismus und physische Gewalt umschlagen kann. Manche Kommentatoren sahen in dem Roman einen höchst aktuellen Kommentar zu den Vorgängen in Chemnitz, was aber insofern falsch ist, als Rietzschel sein Manuskript bereits 2016 fertiggestellt hat. Vielmehr ist der Roman stark beeinflusst von den Vorgängen in ostdeutschen Städten und Ortschaften (erst Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, später zum Beispiel Heidenau und Freital), wo sich ausländerfeindlichen Gruppierungen lautstark zu Wort meldeten und gewaltbereite Netzwerke entstanden. Die Menschen fühlen sich umstellt von Sorben, Polen, Tschechen, Vietnamesen und Asylbewerbern aus arabischen und afrikanischen Ländern, sie reklamieren, dass die Lösung ihrer sozialen Frage Vorrang haben müsse vor der Humanität gegenüber „Fremden“. Diese Empfindung mündet in eine Protesthaltung gegenüber der fernen Berliner Regierung, in eine oftmals irrationale Wutbürgerschaft und in abenteuerliche Verschwörungstheorien. Rietzschels Roman beleuchtet aber auch andere Facetten dieser Problematik: wie eine Lokalreportage der abgehängten Provinz schildert er die Perspektivlosigkeit mancher Regionen, dazu zeigt er auch, wie die Brüchigkeit familiärer Strukturen auf heranwachsende Jugendliche wirkt.

 

https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/mit-der-faust-in-die-welt-schlagen-9783548061030.html

https://lukasrietzschel.de/


Dorota Maslowska: Andere Leute    ****

Rowohlt Berlin (Berlin 2019)

ca. 155 Seiten, 18,00 Euro

 

Als Dorota Maslowska im zarten Alter von 19 Jahren ihren ersten Roman („Schneeweiß und Russenrot“, 2002) veröffentlichte, sprachen viele von einer literarischen Sensation - etwa vergleichbar mit dem Debüt des 20jährigen Bret Easton Ellis („Unter Null“, 1985) oder der 18jährigen Helene Hegemann („Axolotl Roadkill“, 2010): provokante Sprache, Authentizität, Tabubrüche, experimentelle Poesie - das waren die Ausrufezeichen, die diese jungen Schriftsteller setzten. Seitdem ist einiges Wasser die Weichsel hinabgeflossen und Mas­lowska legt nun, 17 Jahre später, als Popstar der polnischen Literatur schon ihren vierten Roman vor: „Andere Leute“. Von Altersweisheit jedoch keine Rede, der Mut und die Wut sind ungebrochen, die knapp 160 Seiten sind ein wuchtiger Poetry Slam ins Gesicht der Leser. Was sich da an drei Tagen kurz nach Weihnachten in der Welt der Warschauer Plattenbauten rund um die Hauptperson Kamil Janik (32) abspielt, erinnert stark an Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ - allerdings in einer verschärften Neuköllner Gangsta-Rap-Version.

Kamil ist ein rechter Taugenichts, wohnt noch bei der Mutter und der kleinen Schwester, verdient ein bisschen Geld mit Klempner-Schwarzarbeit, Liebesdienste für die deutlich ältere Iwona und Drogen-Dealerei. Sein großes Ziel ist eine Karriere als Hip-Hop-Sänger und so rappt er seine Beobachtungen des tristen polnischen Alltags: „ein verkackter Tag, wieder sind die Schuhe voll nass, alles verhakelt wie die Senkel, mit Dreck vollgesaugt, kein Spaß das, du guckst vor deine Füße und siehst Zigarettenkippen, siehst Flugblätter mit Nutten, Stars wollen die Putten sein und können mit den Sternchen heut gerade den eigenen After überkleben“. Wenn er in der Straßenbahn sitzt und die anderen Leute beobachtet, entsteht ein problematischer Be­wusst­seinsstrom über Schokos, Pakistaner, Fitschis, Schwule und Transen, Ukrainer, Politik-Mafia und blasierte Bonzengören, eben sein sehr subjektives Panorama des 21. Jahrhunderts. Zum „literarischen“ Programm seiner geplanten CD fehlen ihm nur noch die passenden Beats: „Lieber rede ich vom Leben, von den Problemen, von der Gesellschaft in Polen; mit der Liebe ist das so, mal ist sie da, mal weniger“. Mit viel Finger­spitzengefühl hat Olaf Kühl den Text aus dem Polnischen ins Deutsche übersetzt, ohne den aggressiven Rhythmus von Sex, Drugs & Rock’n’Roll dieser Geschichte zu verwischen.

Maslowskas poetologische Ungebundenheit erlaubt es auch, stakkatoartige Dialoge zwischen den Hauptpersonen und chorische Einwürfe von Passanten, Autofahrern, Pennern und Jesus Christus einzubauen, moderne epische und dramatische Elemente verschmelzen zu einer knalligen Textfläche. Ob so ein Buch die abgebrühte Leserschaft (oder die polnische Justiz) noch provozieren kann, sei dahingestellt. Es wirkt aber: wie ein übler Mix aus süßlichem Rosé-Wein, billigem Wermut, Xanax-Tabletten und Designerdrogen, gleichzeitig ist es eine fesselnde Sozialrepor­tage über das Leben der anderen (?) in einer polnischen Großstadt. Demnächst auch als Hörbuch - gelesen von Kollegah?

 

https://www.rowohlt.de/hardcover/dorota-maslowska-andere-leute.html


Stuart Jeffries: Grand Hotel Abgrund.

Die Frankfurter Schule und ihre Zeit ****

Originalausgabe: Grand Hotel Abyss. The Lives of the Frankfurt School (London 2016)

 aus dem Englischen übersetzt von Susanne Held

 Klett-Cotta (Stuttgart 2019)

 ca. 500 Seiten, 28,00 €

 

Kann man eine wissenschaftliche Abhandlung schrei­ben, die gleichzeitig seriös und unterhaltsam ist? Der englische Journalist Stuart Jeffries beweist es mit seinem Rückblick auf die Protagonisten der Frankfurter Schule, jener Denkfabrik mit dem kargen Namen „Institut für Sozialforschung“, das 1924 in Frankfurt am Main gegründet wurde und dann etwa 60 Jahre lang den sozialwissenschaftlichen Diskurs in Deutschland entscheidend beeinflusst hat. Die Kunst von Jeffries besteht darin, dass er abwechslungsreich zwischen drei Perspektiven pendelt: den wissenschaftlichen Debatten, die von Horkheimer, Adorno & Co. mit großer Energie ausgefochten wurden, den persönli­chen Schicksalen der fünf Hauptpersonen (Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Erich Fromm und Jürgen Habermas) und den zeit­geschichtlichen Rahmenbedingungen von der Früh­phase der Weimarer Republik über die Jahre des Nationalsozialismus, den demokratischen Wiederauf­bau der BRD in Konkurrenz zum Staatssozialismus der DDR, die 68er-Bewegung bis zur alles relativierenden Postmoderne.

Mit gut lesbaren Textbausteinen und sparsam eingesetzten Fußnoten dokumentiert Jeffries die von den Frankfurter Wissenschaftlern initiierten Streitfragen. Man wird erinnert an die resignative Dialektik der Aufklärung, an die Auseinandersetzung mit dem stalinistischen Kommunismus, an den Positivis­musstreit, an die Totalitarismusdebatte und an die Historikerdebatte über die Singularität des NS-Völkermords sowie an die Utopie der herrschaftsfreien Diskursgesellschaft. Der Autor mischt sich immer wieder ein - manchmal leicht ironisch - und verweist auf die Aporien und inneren Widersprüche der oft sehr selbstgerechten Frankfurter, die den Abgrund des Kapitalismus gleichsam aus der luxuriösen Bel Etage eines Grand Hotels analysierten. Er seziert auch genüsslich die reichlich hermetische und elitäre Sprache eines Theodor W. Adorno, der in seiner rigiden negativen Dialektik („Es gibt kein richtiges Leben im falschen“) wohl auch private Defizite zu kompensieren suchte. Besonders spannend wird die Geschichte, wenn ab 1968 die geistigen Väter der Außerparlamentarischen Opposition von den revolutionären Kindern in die Defensive gedrängt werden, wenn barbusige SDS-Aktivistinnen die Vorlesung von Adorno sprengen oder Jürgen Habermas, der bestellte Nachlassverwalter der Kritischen Theorie, dem jungen Rudi Dutschke faschistoide Tendenzen unterstellt. Jeffries spannt seinen Bogen auch noch in das 21. Jahrhundert, wo die ideologische Strahlkraft erloschen zu sein scheint und Jürgen Habermas, das letzte Relikt dieser Periode, plötzlich die Religiosität als ein unverzichtba­res Bindemittel aufgeklärter Gesellschaften wiederfindet.

Dem Vorwort des Autors ist in jedem Fall zuzustimmen: die Gedankengebäude der Frankfurter Schule sind auch für uns nutzbringend, die wir glücklicherweise nicht mehr unmittelbar in der Zeit des 2. Weltkriegs und des Holocaust leben, „vielmehr in einer, die uns helfen kann, die Texte neu zu verstehen“. Es ist also ein guter Zeitpunkt, Horkheimers „Flaschenpost“ - kompe­tent kommentiert von Stuart Jeffries - zu öffnen und darüber zu grübeln.

 

https://www.klett-cotta.de/buch/Philosophie/Grand_Hotel_Abgrund/106638


Daniel Kehlmann: Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten      ****

rororo Tb (Reinbek bei Hamburg 2009)

ca. 200 Seiten, 9,99 €

 

Wenn man Daniel Kehlmanns Roman einmal durchgelesen hat (das geht relativ zügig), sollte man sich ein großes weißes Blatt Papier hinlegen und darauf die Personen in einer Skizze mit vielen Verbindungslinien und Anmerkungen aufzeichnen. Denn das ist das Vergnügen bei dieser Lektüre: die verrätselte Struktur, die verblüffenden Über­schneidungen, das ständige Spiel mit fiktiven und realen (?) Figuren, die mehr oder weniger versteckten Zusammenhänge der short cuts.

Im Mittelpunkt steht der Schriftsteller Leo Richter - zweifelsohne ein willfähriges Konstrukt des Schriftstellers Kehlmann - der in einer abschließenden Aussage feststellt: „Wir sind immer in Geschichten … Geschichten in Geschichten in Geschichten. Man weiß nie, wo eine endet und eine andere beginnt! In Wahrheit fließen alle ineinander. Nur in Büchern sind sie säuberlich getrennt.“ Und schon im zweiten Kapitel - oder genauer: in der zweiten Geschichte - hat er seiner Freundin, der Ärztin Elisabeth, ein literarisches Konzept verraten: „Ein Roman ohne Hauptfigur … Die Komposition, die Verbindun­gen, der Bogen, aber kein Protagonist, kein durchgehender Held“.

So kreuzen sich die Wege des Schriftstellers mit einem Mitarbeiter einer Telekommunikations-Gesellschaft, der wiederum dafür verantwortlich ist, dass ein anderer Angestellter Anrufe erhält, die eigentlich an den Schauspieler Ralf Tanner gerichtet sind, der wiederum so stark aus seiner Rolle fällt, dass ein Double seine Identität ergreift. Dazu tummeln sich in den Geschichten noch Figuren aus Erzählungen Richters, eine alte Frau, die in der Schweiz sterben will, die Ärztin Lara Gaspard; weiterhin der brasilianische Erfolgsschriftsteller Miguel Auristos Blancos (eine Coelho-Parodie?) und die verzweifelte Krimiautorin Maria Rubinstein, die bei einer Journalistenreise in einem Hotel in Zentralasien vergessen wird. Irgendwie verstricken sich alle Beteiligten in Lügenkonstrukte, Kommunikationspannen und Identitätszweifel, dass am Ende nur einer durchblickt: Daniel Kehlmann - und vielleicht auch der detektivisch geneigte Leser.

Auf jeden Fall ein besonderes literarisches Vergnügen mit hintergründigen Bezügen zu der Absurdität unserer Existenz im 21. Jahrhundert.

 

https://www.rowohlt.de/hardcover/daniel-kehlmann-ruhm.html


Sobo Swobodnik: Alles ist anders ****

Klett Cotta / Tropen (Stuttgart 2019)

ca. 395 Seiten, 22 Euro

 

Dass in Sobo Swobodniks bisheriger Künstlerbiografie die Tätigkeiten Schriftsteller und Filmemacher gleichrangig nebeneinander stehen, darf nach seinem neuesten Roman niemand mehr überraschen. Denn "Alles ist anders" ist derartig aus der Perspektive eines Filmregisseurs und Drehbuchautors geschrieben, dass man sich beim Lesen ständig in ein pointenreiches Kopfkino versetzt fühlt. Aus einer Variation des Roadmovies "Tschick" (von Wolfgang Herrnsdorf) und einer Charakterstudie, angelehnt an "Der Zopf meiner Großmutter" (von Alina Bronsky) mixt Swobodnik eine launige Story, die viele Kilometer von West nach Ost (von einem Altersheim in der Schwäbischen Alb zu einem deutschen Soldatenfriedhof in Estland) und durch viele Jahre der deutschen Geschichte (etwa von 1939 bis 2019) führt.

Im Zentrum des Geschehens steht die anfangs noch sehr lebendige Großmutter Terese, die unbedingt das Grab ihres im 2. Weltkrieg gefallenen Mannes Anton aufsuchen will. Dazu braucht sie die Unterstützung ihrer Enkel Magnus, der in Berlin als Fahrradkurier und Liebhaber reicher Damen sein Auskommen findet, und Landolf, der nach einer intensiven RAF-Karriere in einem Benediktiner-Kloster abgetaucht ist. Dieses Trio (ergänzt durch den Vogel Pupilek und den Hund Artur) macht sich teils unfreiwillig auf die Abenteuerrreise nach Danzig, Gronowo, Kaliningrad, Klapeida, Riga und Narva, es erlebt dabei versiffte Hotels und Luxus-Residenzen, eine alkoholisierte polnische Beerdigung, eine problematische Notgeburt mit eifersüchtigem Ehemann und eine skurrile litauische Autowerkstatt. Immer wieder scheint die Vorgeschichte der beiden jüngeren Männer durch die Zeilen: die Elterngeneration, die ganz unterschiedlich mit der NS-Vergangenheit, dem BRD-Wirtschaftwunder und der deutschen Teilung zurechtkam; dazu die Selbstfindung in der politischen Opposition gegen Kapitalismus, Gentrifizierung und Atomkraft. Am Ende erreicht die resolute Oma ihr Ziel, notfalls auch tot neben ihrem Mann im Grab zu liegen. Für die Enkel hat die Ostlandfahrt unterschiedliche Konsequenzen: Landolf will in Estland ein neues weltliches Leben beginnen, Magnus bleibt der Busenfetischist, der mit dem von Oma auf der Rückbank gestrickten Bikini nun bei Schwester Ana reüssieren will.

Für einen Roman ist Swobodniks Geschichte manchmal fast etwas überladen und als Drei-Generationen-Familien-Aufstellung leicht überkonstruiert, für einen bildstarken 120-Minuten-Kinofilm jedoch eine dankbare Vorlage.

 

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Alles_ist_anders/101159


Tonio Schachinger: Nicht wie ihr    ****

Kremayr & Scheriau (Wien 2019)

302 Seiten, 22,90 Euro

 

Der Doppelpass zwischen Literatur und Fußball ist bislang selten erfolgreich gespielt worden. Nick Hornby landete mit „Fever Pitch“, dem Tagebuch eines Fans von Arsenal London, einen Bestseller, Ror Wolf sammelte in „Das nächste Spiel ist immer das schwerste“ die Sprach-Floskeln dieser Sportart, Michel Decar schrieb ein witziges Monodrama über „Philipp Lahm“ und Nobelpreisträger Peter Handke bewies mit seinem „Gedicht“ über die „Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968“ und seinem Romantitel „Die Angst des Torwarts vor dem Elfmeter“ dass er zu diesem Massensport lediglich eine textkritische Affinität hat.

Doch nun wagt sich mit dem 27jährigen Tonio Schachinger ein junges österreichisches Nachwuchstalent auf das Spielfeld, bringt bei einem kleinen österreichischen Verlag den Roman „Nicht wie ihr“ heraus und schafft es auf Anhieb in die Shortlist des renommierten Deutschen Buchpreises 2019, also praktisch auf die Plätze 2 - 6 der deutschsprachi­gen Literatur-Bundesliga - mit der Be­rech­tigung zur Teilnahme an der BCL (Book Champions League)?

In 48 fesselnden Kapiteln erzählt Schachinger die Geschichte des (ebenfalls 27jährigen) Fußballstars Ivo Trifunović, einem Österreicher mit bosnischen Vorfahren, erfolgreich in der Premier League beim FC Everton und in der österreichischen Nationalmannschaft, einer sehr realen Kunstfigur, die aus etwa 75% Mark Arnautović, 15% Franc Ribery und 10% Jerome Boateng besteht. Der geniale Kniff ist dabei die doppelte Erzählperspektive: zum einen spricht und denkt Ivo in der distanzierten Er-Form über sich selbst, über einen Proleten, „der sich nur für Autos und Silikontitten interessiert“ und der doch gerne ein treusorgender, glücklicher Familienvater für seine attraktive Frau Jessy und die beiden kleinen Kinder wäre. Zum anderen mischt sich immer wieder der Autor als Zweit-Beobachter ein, hebt damit das Reflexionsniveau und liefert schöne Breitseiten gegen den Sportjournalismus (fade „Schreibtisch-Cowboys“), gegen die Funktionärs-Clique und gegen die verlogenen Mythen dieses Sports: „Um gut zu werden muss man den Fußball nicht lieben, man muss ihn aushalten“.

Bei der Lektüre fühlt man sich manchmal an den Satz von Ludwig Harig erinnert: „Das, was im Leben passiert, ist so wie am Samstag beim Spiel“. Kapitalismus, Aggression, empathiefreies Macho-Gehabe, Ausländerfeindlichkeit, Rassismus - all das spiegelt sich im Profifußball (oder umgekehrt?). Zwei Ereignisse bringen dann aber Ivo von seiner Ich-denke-nur-von-Spiel-zu-Spiel-Routine ab: als Mirna, sein zweimaliger One-Night-Stand, die Beziehungs-Kündigung cool hinnimmt und ihn nur als „Scheiß-Narzissten“ bezeichnet und als der Everton-Präsident Vincent Khan nach einem Spiel mit dem Hubschrauber abstürzt, in dem beinahe Trifunovićs Frau und Tochter mitgeflogen wären. Doch ein romantisches Happy End wäre für diesen Roman zu billig: Ivos Buch-Karriere endet mit einem Wechsel zu AS Rom und einem Spiel gegen Genua, bei dem er viele Chancen vergibt und sogar die Rote Karte bekommt.

Auch ohne Videobeweis kann festgestellt werden: ein höchst lesenswerter Einblick in die Welt des Profifußballs, der in allen Mannschaftsbussen als Audio-Datei für die stylischen Kopfhörer der Spieler präsent sein sollte.

 

https://www.kremayr-scheriau.at/bucher-e-books/titel/nicht-wie-ihr/


Tommy Wieringa: Santa Rita    ****

Hanser Verlag (München 2019)

aus dem Niederländischen übersetzt von Bettina Bach

ca. 285 Seiten, 22,00 Euro

 

Herinrich Böll hat 1976 seiner bekannten Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ einen Untertitel gegeben: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann. Dieses Motto würde auch zu dem aktuellen Roman des Holländers Tommy Wieringa passen (2017 in den Niederlanden erschienen und 2018 mit dem BookSpot-Preis in Höhe von 50 000 Euro ausgezeichnet), denn die Geschichte über den knapp 50jährigen Paul Krüzen beginnt mit einer Axt und dem lustvollen Spalten von Holz, und sie endet mit der Armee-Pistole Walther P38, die Krüzen in der Hand hält und ins Dunkel seines Grundstücks richtet.

Im Gegensatz zu Böll entsteht die Gewalt jedoch nicht aus der aufgeheizten Stimmung rund um den RAF-Terro­rismus sondern aus den Problemfeldern Globalisierungs-Ängste und Perspektiv­losigkeit einer struktur­schwa­chen Gegend. Wieringas Haupt­person lebt nämlich in einer „Schrumpf­region“ nahe der holländisch-deutschen Grenze, er hat weder Frau noch Kinder, sondern nur einen pflegebedürftigen Vater und als einzigen Freund einen weiteren Einzelgänger: den schrulligen Messi Hedwiges Geerdink, der völlig sinnfrei den Tante-Emma-Laden seiner Eltern weiterführt. Die reichliche Freizeit verbringen die beiden in der Billard-Kneipe Shu Dynasty (von einer chinesischen Familie betrieben), in dem Fast-Food-Schuppen Happyteria oder in dem Grenz-Bordell „Pascha“. Einmal im Jahr fliegen sie zusammen nach Thailand, um auch dort ihren sexuellen Notstand zu bekämpfen.

Diese Doppel-Charakteristik zweier in die Jahre gekommener Modernitäts-Verlierer entwickelt sich nach der Hälfte des Romans noch zu einem „Tatort“ ohne Kommissare: Hedwiges wird in seinem Häuschen brutal überfallen und ihm werden 80 000 Euro, die er im Sparstrumpf aufbewahrte, geklaut. Für Krüzen stehen die Täter fest: der Bordell-Besitzer Laurens Steggink und sein russischer Security-Mann. Von da an sieht er sich in einem „Kriegszustand mit dem größten Verbrecher am Ort“. Als er wenig später seinen Freund tot im Wohnzimmer vor dem Fernsehapparat vorfindet, wachsen seine Bedrohungs­phantasien und er reaktiviert die Handwaffen seines Militaria-Lagers.

Wieringas feinsinniges, mit leiser Empathie und ohne falsche Folklore geschriebenes Dossier über die Psychopathologie der abgehängten Provinz ließe sich genauso in einem der Neuen Bundesländer an der deutsch-polnischen oder deutsch-tschechischen Grenze verorten. Der Roman erinnert während mancher Passagen an die Trostlosigkeit in Juli Zehs brandenburgi­schem Dorf-Panaorama „Unterleuthen“. In Anlehnung an Böll könnte der Titel auch lauten: Die verlorene Heimat des Paul Krüzen.

 

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/santa-rita/978-3-446-26391-8/


Michael Lang (mit Holly George-Warren): Woodstock. Die wahre Geschichte. Vom Macher des legendären Festivals      ****

Edel Books (Hamburg 2019)

380 Seiten, 24,95 Euro

 

Es war einmal vor 50 Jahren am 18. August 1969: da setzte um etwa neun Uhr früh der Musiker Jimi Hendrix den höchst symbolischen Schlusspunkt des legendären Woodstock-Open-Air-Festivals mit seiner Dekonstruktion der amerikanischen Nationalhymne, mit einem trotzigen Gitarren-Gewitter aus Rückkoppelungen, verzerrten Sounds und schief angesteuerten Tönen, mit den „vielleicht kreativsten zwei Minuten der Rock’n’Roll-Geschichte“. Das „Star Sprangled Banner“ gleichsam als beschmutzter Stofffetzen, zu dem angesichts des Vietnamkriegs, nach den Attentaten auf John F. und Robert Kennedy sowie Martin Luther King niemand mehr die Hand auf die linke Brusthälfte legen wollte.

Anlässlich des 50. Geburtstags liegt nun erstmals eine deutsche Übersetzung der Dokumentation des Festival-Machers Michael Lang vor: „Woodstock. Die wahre Geschichte“. Oder die Frage, wie es zu dem sehr chaotischen und anarchischen Massen-Experiment jener drei Tage im Staate New York gekommen ist. Für Lang gibt es am Ende ein kommerziell negatives („Woodstock hat mir eine Million Schulden eingebrockt“), aber ein ideell sehr hoffnungsvolles Fazit: „Woodstock wurde zu einem Symbol für unsere Solidarität“, zum Modell für „die Art von Gesellschaft, nach der wir uns alle sehnten“. Der deutsche Rock-Journalist Helmut Salzinger verstieg sich 1972 sogar zu der gewagten These, Woodstock sei der „Vorgriff auf die befreite Gesellschaft“, der „Beginn einer Revolution“ gewesen. Heute muss man das etwas nüchterner sehen, dennoch bleibt die Markierung eines kulturhistorischen Ereignisses im 20. Jahrhundert, an dem sich rückblickend das Spannungsverhältnis zwischen künstlerischer Utopie und Kommerz demonstrieren lässt.

Auf den ersten 200 Seiten des Buches breitet Lang seine persönliche Vorgeschichte aus und erläutert, wie er schließlich in der Künstlerkolonie Woodstock, einem Zufluchtsort für Bob Dylan, The Band und deren Manager Albert Grossman, 90 Meilen nördlich von New York City, landet. Wohl auch unter dem Einfluss bewusstseinserweiternder Rauchwaren fasst Lang im November 1968 zusammen mit seinem Freund Artie Kornfeld, leitender Manager bei Capitol Records, den Entschluss: „Lass uns was richtig Großes machen!“ So kommt es zu der Idee eines Freiluft-Events mit dem sperrigen Titel „An Aquarian Expedition: The Woodstock Music and Art Fair“. Die Suche nach einer geeigneten Location gestaltet sich schwierig, bis die Wiesen des Milchbauern Max Yasgur bei Bethel Woods als idealer Treffpunkt für etwa 100 000 erwartete Musikfreunde ausgeguckt werden. Drei Tage vor Beginn reisen die ersten Besucher an, doch es gibt noch keinen Festivalzaun, keine Ticketschalter, dafür aber einen schnell wachsenden Stau auf den Landstraßen. Am Freitag, den 15. August um 17.00 Uhr lässt sich Richie Havens dazu überreden, den musikalischen Auftakt zu machen. Sein Song „Freedom“ wird schnell programmatisch: der Eintritt ist ab jetzt frei! Flächendeckender Drogenkonsum der insgesamt fast 500 000 Besucher und heftige Regenschauer verwandeln die Gegend bald in ein „Katastrophengebiet“, gleichzeitig herrscht aber der „Geist des freiwilligen Engagements“ und des friedlichen Musikhörens.

Wer sich heute noch die musikalischen Beiträge auf der danach edierten Dreifach-LP anhört, wird freilich enttäuscht sein. Es scheint, dass viele Solo-Musiker und Bands von den logistischen und technischen Problemen, vom Lampenfieber angesichts der schieren Masse der Zuhörer und von pharmazeutischen Fluchthelfern überfordert sind. Unter dem Strich bleibt erinnerungswürdig: die hochemotionale Nachtschicht von Joan Baez („We Shall Overcome“), die Frühform eines politischen Rap-Songs von Country Joe McDonald („I-Feel-Like-I’m-Fixing-To-Die-Rag“), die Stimme des englischen Shooting-Stars Joe Cocker („With A Little Help From My Friends“), der ungewöhnliche Gitarren-Sound von Carlos Santana und eben die montägliche Frühstücks-Koffein-Dosis von Jimi Hendrix. Die deutsche Musikzeitung „sounds“ schrieb allerdings höchst kritisch zu dem Woodstock-Tonträger: er dokumentiere eines „der am stärksten überbewerteten Ereignisse der Popgeschichte“.

Für heutige Rock-am-Ring-Besucher dürfte es unverständlich sein, dass damals erst gegen vier Uhr früh (am Montag sogar erst um zehn Uhr früh) die Musik endete und dass die Veranstalter sich das Recht vertraglich zugesichert hatten, jederzeit die Reihenfolge der Acts zu verändern. Dies erwies sich teilweise aber als schlichte Notwendigkeit, weil manche Musiker es trotz Helikopter nicht schafften, rechtzeitig zum Ort des Geschehens zu kommen. So entschloss sich auch Joni Mitchell kurzfristig, auf einen Auftritt zu verzichten um einen Fernseh-Termin nicht zu verpassen. Aus der Distanz komponierte sie aber den kommerziell erfolgreichen Song „Woodstock” mit dem Refrain „We are Stardust, we are golden / and we’ve got to get ourselves / back to the garden”.

50 Jahre später hat Promoter Michael Lang wieder ein Festival im Staat New York angekündigt. Die Namen der Top-Acts (Miley Cyrus, Black Keys oder Jay-Z) zeigen, wie sich die Zeiten verändert haben und wie steinig der Weg zum Garten Eden ist. Dennoch sollen mit Santana, John Fogerty, John Sebastian und Canned Heat noch Künstler auftreten, die schon vor 50 Jahren dabei waren. Auf dem damaligen Festival-Gelände bei Bethel Woods steht mittlerweile ein Museum, das rechtzeitig zum Jubiläumsjahr eine neue Ausstellung präsentiert; selbst gegenwartsarchäologische Ausgrabungen wurden dort vorgenommen - was man da wohl alles gefunden hat!?

 

https://www.edelbooks.com/books/woodstock-isbn-978-3-8419-0646-5/


Arno Geiger: Unter der Drachenwand    ****

Hanser Verlag (München 2018)

ca. 480 Seiten, 26,00 Euro

 

Wer schon einmal ein paar Tage im Salzkammergut verbracht hat, konnte vielleicht die ambivalente Ausstrahlung der Drachenwand aktuell erspüren. Denn einerseits ist dieser Felsbrocken ein bedrohlicher Riese, der jeden Moment in den Mondsee zu fallen droht, andererseits aber auch ein massiver Schutzwall für jene liebliche und beliebte Ferienregion. Arno Geiger nutzt diese spektakuläre Ambiente als symbolisches Bühnenbild für seinen Roman, der mit eindrucksvollen erzählerischen Mitteln zeigen will, wie die Hauptperson, der 23jährige Veit Kolbe, vom Zweiten Weltkrieg gezeichnet ist, gleichzeitig aber den Weg in eine erfüllte Beziehung findet.

An der russischen Front hat er Ende 1943 eine Verwundung erlitten, er landet erst im Lazarett im Saarland, dann kommt er nach Hause, nach Wien. Weil aber die österreichische Hauptstadt und auch sein Vater vom Krieg gezeichnet sind, entschließt er sich zu einem Genesungsaufenthalt bei seinem Onkel Johann in Mondsee. Dort bekämpft er im strengen Winter 43/44 seine Wundschmerzen und Angstanfälle mit Pervitin, findet aber schließlich dank der Beziehung zu einer Margot aus Darmstadt, die mit ihrer Tochter Lilo dorthin geflohen ist, zur Ruhe: „ruhig wird man erst, wenn man geworden ist, wer man sein soll“. Also: eine Liebe in den Zeiten des Weltkriegs - aber ohne jeden Anflug von Kitsch dargeboten, bemerkenswert distanziert und manchmal auch gebrochen. So freundet sich Veit Kolbe mit einem „Brasilianer“ an, der neben seiner kargen Wohnung in einer Gärtnerei arbeitet, aber eigentlich nicht mehr in einem Land leben will, das wie „ein auf Grund gelaufenes Sklavenschiff“ wirkt, in dem „jeder zweite ein Mörder ist“. Dabei wird Kolbe selber zum Mörder, der seinen Onkel erschießt, als dieser den Brasilianer wegen regimekritischem Verhaltens verhaften will. Er lernt auch Grete Bildstein, die Lehrerin eines Mädchenlagers kennen und die dorthin verschickte junge Nanni, die sich in ihren Cousin Kurt verliebt und später bei einer gewagten Tour in der Drachenwand ums Leben kommt.

Dreimal erlaubt sich Arno Geiger eine Pause für Veits Tagebuch, das heißt einen perspektivischen Exkurs: mit den Briefen der Mutter von Margot aus Darmstadt, mit den Briefen von Kurt an seine geliebte Nanni und mit den Berichten des Wiener Juden Oscar Meyer über das tragische Schicksal seiner Familie. Diese Wechsel des Erzählens, der Handlungsebenen und Schauplätze fügen sich zu einem ergreifenden Kaleidoskop des Jahres 1944. Am besten charakterisiert Veit Kolbe sein eigenes Schreiben: „es sind schon ereignisreichere Geschichten von der Liebe erzählt worden und doch bestehe ich darauf, dass meine … eine der schönsten ist.“ Deshalb kann man auch verkraften, dass Geiger mit seinen häufig eingeschobenen Schrägstrichen eine etwas manierierte Rhythmisierung des Textes vornimmt.

Der Roman endet - fast wie im Kino - mit einem quasi-dokumentarischen Nachspann, der vom weiteren Schicksal der Personen berichtet und die Frage aufwirft: Gab es Veit Kolbe und die anderen wirklich?

 

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/unter-der-drachenwand/978-3-446-25812-9/


Christiane Neudecker: Der Gott der Stadt     ****

Luchterhand (München 2019)

ca. 663 Seiten, 24,00 €

 

Nach der kleinen und wenig spektakulären "Sommernovelle" legt die in Nürnberg aufgewachsene Christiane Neudecker nun ihren zweiten autobiographisch eingefärbten Roman vor, der sich dank der Erzählfreude der Autorin zu einem opus magnum ausgewachsen hat. Beruhte die "Sommernovelle" auf den Erfahrungen der 16jährigen Schülerin bei einem Vogelschutz-Projekt auf Sylt, so ist der "Gott der Stadt" das literarische Extrakt der 21jährigen Regie-Studentin bei der renommierten Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch im Berlin der Nachwendezeit.

Unter dem Alias-Namen der Ich-Erzählerin Katharina Nachtrab (die ihren Nachnamen unbedingt als Nacht-rab betont sehen möchte) beschreibt Neudecker den Regie-Jahrgang 1995 - bestehend aus fünf StudentInnen -, dem der Professor Korbinian Brandner ein ambitioniertes Projekt zur Aufgabe stellt: aus dem Faust-Fragment des Dichters Georg Heym, das gerade mal drei höchst verrätselte Seiten umfasst, soll eine szenische Umsetzung gestaltet werden, die dann am 84. Todestag (Heym starb am 16. Januar 1912 beim Schlittschuhlaufen auf der Havel) öffentlich aufgeführt wird. Damit begeben sich nun allerdings alle Beteiligten wirklich auf dünnes Eis, denn die Heym-Recherche entwickelt sich zu einer Gratwanderung zwischen Leben und Tod, zu einem faustischen Experiment der Annäherung an den Teufel, zu einer problematischen Auseinandersetzung mit dem ambivalenten Genie Georg Heym und zu einem Macht- und Beziehungsspiel mit tödlichem Ausgang. Durch die düstere Fiktion scheinen immer wieder reale Versatzstücke durch, auch wenn die Hochschule im Roman den Namen "Erwin Piscator" trägt. Professor Brandner hat unübersehbare Züge des bekannten Regisseurs Manfred Karge, der übrigens 2012 das Faust-Fragment tatsächlich in Berlin zur Aufführung brachte. Und bei einer heftigen Studentenparty gibt es auch einen kurzen (anonymen) Auftritt von Lars Eidinger, der damals zusammen mit Fritzi Haberlandt, Nina Hoss, Devid Striesow und Mark Waschke eine legendäre Schauspieler-Klasse bildete.

Christiane Neudecker erweist sich als Meisterin einer magischen Erzählweise mit der Fähigkeit zu hochdramatischen Zuspitzungen und existenziellen Momentaufnahmen. Es gibt jedoch ein paar Passagen, in denen die inflationäre Zurschaustellung von Gemütszuständen der Ich-Erzählerin gekünstelt wirkt, wo eben dann sehr erwartbar das Herz "bis zum Hals" schlägt, wo die Augen zu tränen beginnen, die Brust brennt, die Luft fast wegbleibt, die Kehle trocken wird und die Knie zittern. Da fürchtet man als Leser kurzzeitig, sich in das Abenteuerbuch "Fünf Freunde und die Suche nach (Achtung Kalauer!) Georgs Geheymnis" verirrt zu haben. Zum Glück pendelt das Geschehen immer wieder in die spannende Realität des Jahres 1995 zurück, zu der besonderen Atmosphäre der von Ost-West-Spannungen geschüttelten Hauptstadt Berlin, zu den Machstrukturen einer elitären Theaterschule (20 Jahre vor der #MeToo-Debatte) und zu den unappetitlichen Leichen im Keller der DDR-Vergangenheit.

Wer das bunte Theaterleben luftig und schön ironisch miterleben will, ist mit Joachim Meyerhoffs "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" besser bedient. Wer aber den Blick auf die Abgründe der Zunft richten will, erhält von Christiane Neudecker einen fesselnden Einführungskurs.

 

https://www.randomhouse.de/Buch/Der-Gott-der-Stadt/Christiane-Neudecker/Luchterhand-Literaturverlag/e526117.rhd


Burkhard Spinnen: Rückwind   ****

Schöffling & Co. (Frankfurt am Main 2019)

ca. 400 Seiten, 24,00 Euro

 

Als Pageturner bezeichnet man in der Buch-Branche einen Roman, der eine derartige Sogkraft entwickelt, dass man am liebsten alles in einem Stück durchlesen würde. Burkhard Spinnens neues Werk "Rückwind" fällt durchaus in jene Kategorie, allerdings erkauft sich der Autor diese Qualität durch mehrfaches tiefes Eintauchen in die Sphären des Boulevards.

Denn die Paar-Geschichte vom Windkraftunternehmer Hartmut Trössner und der sehr erfolgreichen Schauspielerin Charlotte Wendler, die wohl auch nicht ohne Absicht dem realen Rollenmodell Maschmeyer & Ferres oder Maas & Wörner folgt, hat in ihrer tragischen Zuspitzung das Potential für mindestens fünf BILD-Titelseiten: Kind stirbt bei Unfall im Hallenschwimmbad! Prominente Seriendarstellerin von Windrad-Rotor geköpft! Herr der Windräder geht krachend in die Pleite! Trössners Luxusvilla abgebrannt! Erfolgreicher Unternehmer landet in der Nervenheilanstalt!

Allerdings muss man Spinnen zugestehen, dass er neben dem Spektakulären auch den Anspruch hat, einen nachdenklichen Gesellschaftsroman über die Bundesrepublik seit dem Jahr 1990 zu schreiben. So verkörpert sein Protagonist den neuen Typus des grünen Unternehmers - und das am Anfang wider Willen. Das Geschäftsmodell mit der subventionierten Windkraft geht so lange gut, bis die Chinesen in den Markt einbrechen, die Tierschützer auf verendete Vögel hinweisen und Anwohner Abstandsregeln beanspruchen. Schon Rainald Goetz hat mit "Johann Holtrop" das eher spröde ambivalente Bild eines Medienunternehmer gezeichnet, später erlebte bei Jonas Lüschers "Frühling der Barbaren" ein Schweizer Unternehmer die dreckige Wahrheit der globalisierten Produktion und landete ebenfalls im Irrenhaus. Für Hartmut Trössner ragt die Tragik jedoch vor allem in den privaten Bereich und führt zu der Grundsatzfrage: "Ich will wissen, was das soll. Warum ist mir das passiert?". Hat er im Lebens-Lotto dummerweise ein "Scheißlos" gezogen?

Die Figur der Schauspielerin Charlotte Wendler eröffnet die Möglichkeit zu einer zugespitzten Medien-Satire, denn sie wird (bis zu ihrem Tod) zum Gesicht einer politischen Doku-Soap-Serie über eine populistische Partei der Gegenwart. Bei der PPC (Partei der politischen Christen) verschwimmen für den unbedarften Zuschauer die Grenzen zwischen ironischer Fiktion und Realität.

Burkhard Spinnens virtuose Erzählkunst wird unterstrichen durch die spannungsreiche Konfrontation zwischen Hauptperson und vage definiertem auktorialem Ich-Erzähler ("Ich bin Trössners Coach"), der immer wieder korrigierend ins Geschehen eingreift. Zudem begegnet Trössner nach der Entlassung aus der Heilanstalt im Zug nach Berlin einer mysteriösen jungen Frau (Iris? Rebekka? Ismene? Lena?), die halb Enthüllungs-Journalistin, halb neue Freundin und Lebensretterin spielt. Beim Western-artigen Showdown im Berliner Finanzministerium reitet Trössner sozusagen in die Abendsonne des heißen Sommers 2018 - "wohin auch immer".

 

https://www.schoeffling.de/buecher/burkhard-spinnen/r%C3%BCckwind


Tommie Goerz: Stammtisch   ***

Ars Vivendi Verlag (Cadolzburg 2019)

290 Seiten, 15,00 Euro

 

Der achte Einsatz des Nürnberger Kommissars Friedo Behütuns mit jeweils zweisilbigem Buchtitel zielt auf die beiden Top-Themen der politischen Diskussion seit 2015: Flüchtlingskrise und Klimakrise. Autor Tommie Goerz (alias Dr. Marius Kliesch aus Erlangen) verortet den aktuellen Kriminalfall in den realen Hitze-Sommer 2018 und in ein fiktives Hybrid-Kaff aus der Fränkischen Schweiz: Waischmannstein (gleich neben Eberweinfeld gelegen?).

Zwei afghanische Flüchtlinge sind kurz vor ihrer Abschiebung aus dem Ankerzentrum Bamberg geflohen und werden dann in W. gesichtet. Dort kommt es Anfang August zu einem Unwetter mit Starkregen, das den Pegelstand der Wiesent gewaltig anschwellen lässt und zwei Todesopfer fordert: eine holländische Wohmobilistin vom Campingplatz und die einheimische Gunda Pinzberger, die in einem verschlammten Gebüsch gefunden wird.

In der abgewirtschafteten Kneipe "Toter Hirsch" von Hans Heiner treffen sich derweil täglich die Stammtischbrüder Fredl, Mane, Dschoh, Siggers, Wastl, Gustl und Binz und erörtern die ungewöhnlichen Ereignisse. Wer hier allerdings nicht fränkischer native speaker ist, muss die längeren Dialekt-Dialoge sehr konzentriert lesen!

Erst ab Seite 162 greift Behütuns - zunächst als verdeckter Ermittler - in das verwickelte Geschehen ein, vorher war er auf Urlaubsreise in Nordfrankreich und trauerte vergangenen Liebschaften nach. Bald wird klar, dass Gundas Tod kein Hochwasser-Unfall war, der Verdacht richtet sich auf die beiden untergetauchten Asylbewerber. Als die regionale Boulevardzeitung diese Spekulation öffentlich macht ("Frauenmord! Schon wieder Flüchtlinge?"), kommt es zeitnah zu einer Demonstration von AfD und Pegida in Waischmannstein.

Doch die Auflösung bringt eine weitgehend politisch korrekte Überraschung und zeichnet ein ambivalentes Bild der Stammtisch-Gesellschaft. Behütuns verlässt jedenfalls das Provinz-Geschehen als geschundenes Opfer einer Dorf-Prügelei, aber auch als hoffnungsvoller Wiederbeleber einer früheren Nürnberger Beziehung.

In 29 Kapiteln - alle mit etwas gekünstelten Auftakt-Zitaten - spiegelt Goerz unterhaltsam das Große im Kleinen, die Folgekosten der Globalisierung im Prisma eines fränkischen Stammtisches, wo es die Halbe Bier noch für zwei Euro gibt. Dialektforscher dürfen nebenbei diskutieren, ob die korrekte Trennung des Substantivs "Nerven" im Fränkischen "Ner-vm" (S. 185) lautet.

 

https://arsvivendi.com/Buch/Search/9783747200070-Stammtisch


Martin Horváth: Mein Name ist Judith    ***

Penguin Verlag (München 2019)

364 Seiten, 22,00 €

 

Dass man sich mit der literarischen Bearbeitung von jüdischen Schicksalen auf vermintes Gelände begibt, haben schon so manche Autoren feststellen müssen: Edgar Hilsenrath wagte es 1977 mit „Der Nazi & der Friseur“ eine Satire über Juden und die SS zu schreiben. Martin Walser musste sich anlässlich seines Schlüsselromans „Tod eines Kritikers“ Antisemitismus-Vorwürfe gefallen lassen. Und ganz aktuell erlebt der Bestseller-Schreiber Tarkis Würger mit seinem Porträt der jüdischen Denunziuantion Stella Goldschlag eine höchst polarisierte Rezeption. Davor muss Martin Horváth - zumindest in politischer Hinsicht - keine Angst haben, denn er befindet sich, sowohl was die Vergangenheit als auch die Gegenwart betrifft, auf der sicheren Seite.

 Sein Ich-Erzähler (und Alter Ego), der Schriftsteller Leon Kortner, lebt im Jahre 2023 allein in einer Wohnung in Wien, weil er vor etwa einem Jahr seine Frau Lydia und seine Tochter Hanna bei einem Terror-Anschlag verloren hat. In fiebrigem Zustand (eine poetologisch ertragreicher pathologischer Befund, der ein Fenster zwischen Realität und Traum offen lässt) entdeckt er plötzlich kurz vor Weihnachten ein zehnjähriges Mädchen in seiner Küche, die behauptet, sie heiße Judith Klein und ihre Eltern und ihr Opa hätten eine Buchhandlung im Erdgeschoss des Wohnhauses. Das passt natürlich bestens zu der Tatsache, dass Kortner die Geschichte des Hauses erforscht hatte und dabei auf die jüdische Familie Klein gestoßen war - und dass Autor Horváth während eines mehrjährigen Aufenthalts in New York über die Geschichte der österreichisch-jüdischen Emigration geforscht hat. So vermischen sich nun Studien-Projekt und Roman-Projekt; das heißt: historische Recherchen - z. B. lange Interviews mit dem Opa Max Klein, dem einstigen Wiener Buchhändler, über dessen Erlebnisse im KZ, über seine Flucht nach Südfrankreich und in die USA sowie über eine nach den Niederlanden verschickte und dort verschwundene Schwester Judith - werden mit der labilen Gegenwart in Österreich kontrastiert, wo der von dem Zuwanderer Marwan geführte Lebensmittelladen im Erdgeschoss von Rechtsradikalen verwüstet wird. Es gibt aber auch noch eine wirklich lebende Enkelin Judith, mit der sich die Wiederbelebung einer früheren Liebesgeschichte entwickelt. Tatsächlich (?) leben am Ende Leon und Judith gemeinsam in Wien, planen die frühere Buchhandlung wieder zu eröffnen und im Hinterhof, wo vor 1939 eine kleine Synagoge gestanden hatte, ein Denkmal für die Familie Klein zu setzen - zu schön, um wahr zu sein?

Wer es gerne etwas geradliniger, weniger symbolisch aufgeladen und weniger konstruiert hätte, der sei auf Ursula Krechels preisgekrönten Roman „Landgericht“ über das Schicksal der deutsch-jüdischen Familie Kornitzer verwiesen.

 

https://www.randomhouse.de/Buch/Mein-Name-ist-Judith/Martin-Horvath/Penguin/e440380.rhd


Ivy Pochoda: Wonder Valley    ***

Ars Vivendi Verlag (Cadolzburg 2019)

395 Seiten, 18,00 Euro

 

Wovor laufen wir weg - und wenn ja, wohin? Dies ist nicht der Titel des neuen Lebenshilfe-Bestsellers von Richard David Precht sondern das Leitmotiv von Ivy Pochodas bislang drittem Roman "Wonder Valley", der nun erstmals auch in einer deutschen Übersetzung vorliegt.

Eine skurrile Szenerie bildet den Ausgangspunkt des kunstvoll verschachtelten Thrillers: mitten im allmorgendlichen Rush-Hour-Stau auf dem Hollywood Freeway von Los Angeles dreht ein nackter Jogger seine Runde. Genervte Autofahrer beobachten den rätselhaften Läufer und sind plötzlich Puzzleteile einer komplexen Beziehungs-Geschichte, die das symbolische Weglaufen von mindestens fünf Hauptpersonen in dreißig Kapiteln mit zwei Zeitebenen verfolgt. Klingt kompliziert, beschreibt auch das mitunter etwas über-ambitionierte Erzähl-Konstrukt der Autorin, hält aber auf geschickte Weise Spannung und Lese-Interesse hoch.

Da erscheint zunächst Tony, ein durchaus erfolgreicher Geschäftsmann, der einfach sein Auto stehen lässt und dem Phantom nachrennt. Später erfährt man seinen Grund: er steckt im bürgerlichen Leben fest, will sich aus dem Alltagstrott ausklinken. In einem geklauten Auto sitzt Ren, der nach acht Jahren Jugendhaft seine Mutter Laila als Obdachlose in L. A. wiederfindet und sie nach (!) ihrem Tod noch einmal an den Strand fahren möchte. Ein Tablettendealer namens Blake taucht auf, der mit seinem wegen Mordes gesuchten Kumpel Sam - fast wie Wladimir und Estragon - durch die Joshua-Tree-Wüste zog, immer auf der Fährte nach einer kostenlosen Übernachtungsmöglichkeit. Die junge Britt hatte nach einer Siegesfeier im Tennisclub zusammen mit ihrem Freund Andy einen Autounfall; geschockt rennt sie davon und landet in einer dubiosen Farm-Kommune nahe bei Twenty Nine Palms ("Howling Tree Ranch"), die von dem Wunderheiler Patrick geleitet wird. Dessen Sohn James verteidigt sich in Notwehr gegen einen Angriff des fiebernden Sam, ersticht ihn mit einem Messer und verlässt mit seiner Mutter Grace die Selbsterfahrungs-Ranch.

Dies alles spielt sich im Umfeld der City Of Angels ab; Pochoda interessiert sich aber nicht für die brandversicherten Villen in Malibu, nicht für ein nostalgische LaLaLand oder für die dekadenten Insassen des "Hotel California", das Don Henley besungen hat. Sie richtet ihren Fokus auf die dunkle Seite Südkaliforniens, auf die Skid Row, jenes Obdachlosen-Viertel in Downtown L. A., und auf die Menschen, die irgendwie dicht am Abgrund leben. Im Stil einer antiken Tragödie verhandelt sie - angereichert mit einer tüchtigen Portion Blut, Drogen und Tränen - das uralte Motiv von Schuld und Sühne. Das letzte Wort in dem sprach-wuchtigen, manchmal an T. C. Boyle erinnernden Roman hat Tony: er fährt mit dem Bus zum Ozean, zieht sich aus bis auf die Haut und sucht in den Wellen die "Mitte, wo er unbedingt und unleugbar er selbst ist".

 

https://arsvivendi.com/Buch/Search/9783869139944-Wonder-Valley

https://www.ivypochoda.com/


Hans Magnus Enzensberger: Eine Handvoll Anekdoten, auch opus incertum     ***

Suhrkamp Verlag (Berlin 2018)

ca. 236 Seiten, 25,00 €

 

Der mittlerweile fast 90jährige Hans Magnus Enzensberger blickt zurück auf seine Kindheit, seine Jugend und seine Zeit als junger Erwachsener - und er tut das ohne Zorn, sondern eher mit etwas altersweiser Ironie, mit gewohnt dialektischer Distanzierung und mit einem nach­denkenswerten lyrischem Fazit: „Wenn er über sich selbst schreibt / schreibt er über einen anderen. / In dem, was er schreibt, / ist er verschwunden.“

In 107 kleinen - man könnte auch sagen: kurzatmigen - Kapiteln, die er als Textsorte Anekdote deklariert, streift Enzensberger durch die Jahre 1929 bis 1955, von seiner Geburt in Nördlingen kurz nach dem New Yorker Börsenkrach am 24. Oktober 1925 bis zu seiner Germanistik-Dissertation über die Poetik von Clemens Brentano, die er 1955 an der Uni Erlangen vorlegte. Und wie es sich für einen Verfremdungs-Theoretiker in der Tradition von Bertolt Brecht gehört, tritt er nicht als Ich-Erzähler auf, sondern berichtet von der Kindheitsgeschichte des M. Inkonsequent - und ein Fehler des Lektorats - ist allerdings, dass es auf Seite 218 anlässlich eines Aufenthalts in Paris heißt: „Madame lud mich zu einem Kaffee ein“. Der alles wissende Erzähler Enzensberger übt sich beim Klappentext in vornehmer Zurückhaltung: „Ich kann nicht versprechen, dass ich nichts Falsches sagen werde; aber ich glaube nicht, dass ich vorhabe alles zu sagen. Ich behalte mir das Recht vor, durch Verschweigen zu lügen. Es sei denn, dass ich mir’s anders überlege.“

So schreibt sich HME thematisch kursorisch und chronologisch nur halb geordnet durch Erinnerungen an Eltern und Großeltern, an Verwandte und Brüder. Die Entschuldigung des humanistisch Gebildeten lautet: Dies sei ein „opus incertum“, ein unregelmäßiges Werk so wie ein römischer Mauerbau aus Fundsteinen.

Im Mittelpunkt steht natürlich jener M., der als kleiner Junge mit dem Aufstieg der NSDAP und mit Hitler-Auftritten in Nürnberg konfrontiert wird; letztere hinterlassen bei ihm allerdings „nur ein flaues Gefühl im Magen“. Dass Gauleiter Julius Streicher auf dem nahe gelegenen Grundstück sozusagen Nachbar der Familie ist, hinterlässt eher Fragen bezüglich dubioser Damenbesuche. Der alljährliche Reichsparteitag wird als „schlimmste Zeit des Jahres“ tituliert und der Rausschmiss aus der Hitlerjugend produziert ein „Gefühl der Befriedigung“. Als in der Klasse des 13jährigen M. für die Waffen-SS geworben wird, rettet den Jungen seine Passivität vor einem Schicksal, das Schriftstellerkollege Günter Grass im Nachhinein Probleme bereitete. Nach einem kurzen Arbeitsdienst in der Pfalz, erlebt M. das Ende des 2. Weltkriegs in einer HJ-Division, die reichlich sinnlos Gräben ausheben soll. M. haut kurz entschlossen ab, weil er die eigene Haut retten will. Die deutsche Niederlage und den mit ihr verbundenen Sommer der Anarchie 1945 empfindet M. als „neue Freiheit“. Enzensberger stilisiert sich insgesamt nicht als Widerstandskämpfer, sondern stellt lakonisch fest, dass jener M. „ganz ohne eigenes Zutun, auf nichts als auf glückliche Zufälle gestützt, immerzu auf die bessere, die richtige Seite geraten war.“ Vielleicht hat ihn aber auch die Tatsache gerettet, dass er schon in frühen Jahren dem „Laster der Lektüre“ erlegen war und als „Mediensüchtiger“ aller Arten von Informationen aufgesogen hat.

In einigen Kapiteln blickt Enzensberger auch auf M.s Bildungs-Sozialisation in der Schule (die vor allem der „Erprobung von Machtverhältnissen“ dient) und auf der Universität, wo er die Nähe zu marxistischer Literatur findet, bei der Erlanger Studentenbühne Theatererlebnisse sammelt und schließlich eine lockere Dissertation produziert.

Fazit: Es hat schon Rückblicke auf die eigene Jugend gegeben, die tiefer geschürft und als zeitgeschichtliche Dokumente Bestand haben (z. B. Sebastian Haffners „Geschichte eines Deutschen“).

 

https://www.suhrkamp.de/buecher/eine_handvoll_anekdoten-hans_magnus_enzensberger_42821.html


Jörg-Uwe Albig: Zornfried     ****

Klett-Cotta (Stuttgart 2019)

ca. 155 Seiten, 20,00 €

 

Die echte Burg Rothenfels liegt idyllisch zwischen Lohr und Marktheidenfeld oberhalb des Mains. Sie beherbergt ein christliches Bildungshaus mit umfangreichem Programmangebot. Die fiktive Burg Zornfried versteckt sich unweit davon im dichten Spessartwald und ist der Schauplatz des neuen Romans von Jörg-Uwe Albig.

Der dubiose Freiherr Hartmut von Schierling, ein aristokratisch orientierter Ideologe mit mittlerem Sayn-Wittgenstein-Faktor, hat die historische Liegenschaft erworben und dort einen Kultur-Treffpunkt für die Neue Rechte etabliert. Innerhalb der trutzigen Mauern tummelt sich eine jugendliche Wehrsportgruppe, deren Mannen mit gelbem „W“ auf schwarzen T-Shirts herumlaufen. Vor allem aber lebt in einem Burggemach der Dichter Storm Linné, der eine völkisch denkende Tafelrunde regelmäßig zu Lesungen im „Saal des Willens“ empfängt. Der scheue Lyriker wird als „Meister“ verehrt, die Zuhörer hängen an seinen Lippen, wenn er fünfhebige Jamben wie diese vorträgt: „Wo ist das volk das sich noch retten könnte / Vor welt zerjochender gefangenschaft / Die garstger moloch über kontinente / Aus dollarn spannt und schwarzem zucker-saft“. Seine Bücher tragen Titel wie „Eiserne Ernte“ oder „Grenze und Gebot“, die Figur erinnert unweigerlich an NS-Lyriker wie Heinrich Anacker, fast noch mehr an National-Konservative wie Stefan George oder Erich Jünger.

In diesen eingeschworenen Kultur-Kreis dringt Jan Brock, freier Mitarbeiter des Feuilletons der Frankfurter Nachrichten ein, nach einem Verriss des Linné-Gedichtbandes hat er überraschenderweise eine Einladung von Schierling bekommen. Dieser erklärt ihm zunächst einmal bei einem Waldspaziergang seine krude darwinistische Naturkunde: starke Buchen seien die Alternative zum „kommunistischen Fichtenstaat“. Als die Antifa Aschaffenburg zur Demo gegen die rechten Burgherren („Nazis raus aus unseren Wäldern!“) antritt, verliert Reporter Brock etwas die politische Orientierung und findet sich Sekt trinkend im Kreise der Schierling-Familie auf dem Bergfried. Der kurzweilige und höchst aktuelle Roman endet damit, dass Brock mitten im Wald die kultisch aufgebahrte Leiche des Dichters findet. Der letzte Eintrag in dessen Notizbuch lautet: „So werd ich still. Und geb der zunge ruhe / Und schon des zahns der manche beute riss / Und reich die lippe frei dem kuss der norne / Und wende stolz den hals zu ihrem biss.“

 

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Zornfried/101072


Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter     ****

C. H. Beck (München 2019)

ca. 185 Seiten, 19,95 €

 

Nachdem zur 50. Wiederkehr des Jahres 1968 schon alles gesagt wurde (aber noch nicht von allen?), hat sich der gelernte Astrophysiker Ulrich Woelk zielgenau daran erinnert, dass heuer vor fünfzig Jahren (genauer gesagt am 20. Juli 1969) die erste Mondlandung stattgefunden hat. Was für Neil Armstrong ein kleiner Schritt war, ist für den elfjährigen Tobias Ahrens, die erzählende Hauptperson seines neuen Romans, ein besonderes Erlebnis der doppelten Art!

Die beschauliche Atmosphäre bei Familie Ahrens in der Kölner Vorortsiedlung gerät in Unruhe, als nebenan die Leinhards einziehen. Vater Wolf ist ein marxistisch denkender Philisophie-Dozent, Mutter Uschi eine selbstbewusste Power-Frau, die als Roman-Übersetzerin arbeitet und die 13jährige Tochter Rosa (den Vornamen hat sie als Hommage an die Revolutionärin Rosa L. erhalten) ein frühreifes Mädchen, das dem unbedarften Tobias nicht nur ihre Plattensammlung mit The Doors, Bob Dylan und Janis Joplin zeigen will. Zwischen den Eltern entwickeln sich im Stile von Goethes „Wahlverwandtschaften“ unübersehbare sexuelle Anziehungskräfte, die dann am Tag der Mondlandung von Apollo 11 ein überraschendes Coming-Out produzieren. Weil aber 1969 noch die bürgerliche Kleinfamilie das unumstößliche Rollenmodell war, endet dieser Sommer für Tobias‘ Mutter tragisch. Mit einer kleinen Annäherung an das Erzählmuster von Bernhard Schlinks „Der Vorleser“ schließt der Roman 45 Jahre später. Tobias arbeitet für die ESA an der Mission mit einer Mars-Sonde namens Rosetta (!), geht 2014 auf der Frankfurter Buchmesse zur Lesung einer gewissen Rosa Leinhard und lässt sich - unerkannt - ihr neues Buch signieren.

Ulrich Woelk, der schon mit seinem Debüt „Freigang“ für Aufsehen sorgte, präsentiert die Geschichte mit leichter Hand und mit sicherem Gespür für die zeittypischen Accessoires (Vietnam-Demos, 2CV, Jeans-Store - man wartet nur noch darauf, dass Heinrich Böll an der Tür klopft), kann aber die Konstruktion mit dem in Gefühls-Verwirrungen streckenden elfjährigen Ich-Erzähler nur dadurch glaubhaft machen, dass der gereifte Tobias auf der letzten Seite bekennt: „Aus irgendeinem Grund habe ich die Geschichte jenes Sommers dennoch aufgeschrieben.“

 

https://www.chbeck.de/buehnen/ulrich-woelk-der-sommer-meiner-mutter/


Ned Beauman: Warum der Wahnsinn einer Niederlage vorzuziehen ist       ****

Hoffmann und Campe / Tempo (Hamburg 2018)

ca. 470 Seiten, 24,00 €

 

Der Titel des Roman ist nicht nur ein Hinweis auf die Grundproblematik der handelnden Personen sondern auch eine verschlüsselte Botschaft an den Leser: Warum der Wahnsinn - also das Sich-Einlassen auf die höchst verwickelten Erzählstränge und auf das opulente Personen-Tableau - einer Niederlage - also dem Abbruch der Lektüre etwa auf Seite 234 - vorzuziehen ist. Schon die einleitende Episode aus dem New York des Jahres 1938 könnte symbolisch für die Situation des geneigten Lesers stehen. In einem großen Wasserbassin findet ein Ringkampf zwischen einem Menschen und einem achtarmigen Oktopus statt; die Zuschauer dürfen wetten, wie lange der Taucher braucht, um sich den Fangarmen zu entziehen und den Tintenfisch aus dem Becken zu drücken. Erzähler der verschlungenen Geschichte, die sich über etwa 20 Jahre hinzieht, ist der CIA-Angestellte Zonulet, der 1959 eine Art Enthüllungs-Bericht für seinen Arbeitgeber verfasst. Bei der Lektüre kritisiert die Journalistin Vansaska seinen Stil: zu viele Ausschmückungen, zu viele Vergleiche, zu lang, kein Personenregister!

Ned Beauman schildert im Kern zwei Expeditionen in den Dschungel von Honduras, die 1938 gestartet wurden. Die eine wird von dem New Yorker Millionärs-Sohn Elias Coehorn jr. geleitet. Er soll im Auftrag seines (vermeintlichen) Vaters einen legendären Maya-Tempel aufsuchen, abbauen und in New York wieder rekonstruieren. Gleichzeitig macht sich von Los Angeles aus eine Film-Crew mit dem Regisseur Jervis Whelt auf den Weg. Er soll am Originalschauplatz den Roman „Herzen in der Finsternis“ verfilmen. Als die Hollywood-Gruppe ankommt, ist allerdings schon die Hälfte des Tempels von den New Yorkern abgebaut! Es kommt zur unausweichlichen (?) Konfliktsituation: beide Seiten wollen ihr Ziel durchsetzen: „Wir gehen nicht“. Es vergehen zunächst acht Jahre, in denen beide Parteien ohne Kontakt zur Außenwelt die Stellung halten. Neue soziale Strukturen entstehen: sozusagen ein Dschungel-Camp in Vor-RTL-Zeiten, während draußen in Europa der 2. Weltkrieg tobt. Weitere Personengruppen tummeln sich noch unweit vom Tempel: eine Spezial-Ausbildungsstation der CIA und natürlich die eingeborenen Pozkito-Indianer. Die eigentlichen Ziele der Zuwanderer geraten fast in Vergessenheit, dafür stellt sich aber heraus, dass im Tempel ein Pilz wächst und einen Geruch verbreitet, der höchst bewusstseinserweiternde Wirkungen hat: der Wahnsinn, nach dem man sich ein Leben lang sehnt?

Der Londoner Ned Beauman, der nach seinen vorherigen Romanen als literarisches Wunderkind gefeiert wurde, schafft auf einer Seite den Sprung von der Leibnizschen Monadologie über Interna des amerikanischen Geheimdienstes zu Gewaltexzessen eines menschlichen Mikrokosmos. Manchmal möchte man glauben, Joseph Conrad, Timothy Leary und Gabriel Garcia Marquez hätten gemeinsam ein Drehbuch geschrieben, das im Anschluss von Alfred Hitchcock, Werner Herzog und Quentin Tarantino verfilmt werden soll. Mit einem Wort: spektakulär!

 

http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/warum-der-wahnsinn-einer-niederlage-vorzuziehen-ist-buch-10070/


Gerasimos Bekas: Alle Guten waren tot   ****

Rowohlt 100 Augen (Reinbek 2018)

ca. 250 Seiten, 20,00 €

 

Es ist schon ein gewaltiger literarischer Spagat, an dem sich Gerasimos Bekas in seinem Debütroman „Alle Guten waren tot“ versucht: thematisch beleuchtet er die heutigen Zustände in einem Pflegeheim und die Massaker der deutschen Wehrmacht 1943 in Griechenland; bei den Schauplätzen pendelt er zwischen dem unterfränkischen Würzburg und der griechischen Metropole Athen; stilistisch wechselt er zwischen deftigem Umgangsjargon und semi-poetischer Betroffen­heitssprache.

„Das Land der Griechen mit der Seele suchend“ stand Iphigenie einst klagend am Strand von Tauris, wohin sie von der Göttin entführt worden war und wo sie als Priesterin die barbarischen (fremdenfreindlichen!) Rituale des König Thoas ausführen sollte. Gleichzeitig intonierte sie damit in Versform den Leitspruch der deutschen Klassik, ihr Autor Goethe ergänzte, die Griechen hätten „den Traum des Lebens am schönsten geträumt“.

Etwas anders gestaltet sich die Befindlichkeit des jungen Deutsch-Griechen Aris, der als Pfleger im Würzburger Silvaner(!)-Spital arbeitet und von seinen deutschen Adoptiv-Eltern Helmut und Gitte Stein (!) fürsorglich belagert wird. Dannn aber kommt der Auftrag der schwerkranken Frau Xenakis: „Du musst für mich nach Griechenland“; er soll dort ihr Erbe regeln. Für Aris ist Athen aber keineswegs ein Traumziel, sondern eher ein Moloch, in dem „immer alles genau ein Mal mehr schief geht, als es schiefgehen konnte“.

Sein hellenischer Roadtrip gestaltet sich als eine verzwickte Suche nach einem Koffer, in dem Frau Xenakis ihre Habseligkeiten gelagert hat. Dabei taucht Aris immer tiefer in die ambivalente Geschichte der deutsch-griechischen Beziehungen ein. In dem Koffer befinden sich neben Geldscheinen auch Briefe, die der Widerstandskämpfer Aris Kommenos an die noch junge Frau Xenakis geschrieben hat. Kommeno war das Dorf, in dem die deutsche Wehrmacht 1943 ein Rache-Massaker veranstaltete, dem über 300 Menschen zum Opfer fielen. Aris erfährt auch, dass er wohl ein Enkel dieses Aris Kommenos ist, dass seine Eltern bei einem Autounfall starben und dass er in einem Weidenkorb bei einem ehemaligen Waisenhaus abgestellt wurde, wo ihn kurzzeitig der Mönch Stylianos (für jenen ist eine parallel laufende Handlungsschiene eingerichtet) betreute. Dort nimmt ihn Helmut in Obhut, der auf diese Weise die Mordtaten seines Vaters, der auf deutscher Seite an dem Kommeno-Massaker beteiligt war, gutmachen will. Für den jungen Aris ist die Griechenland-Reise somit eine persönliche Identitäts-Suche in der Tradition von Kaspar Hauser - mit unsicherem Ende. Ob er nämlich die Empfehlung der mittlerweile verstorbenen Frau Xenakis befolgen wird - „lieber in Athen verhungern, als woanders leben“ - bleibt offen.

 

https://www.rowohlt.de/hardcover/gerasimos-bekas-alle-guten-waren-tot.html


Thomas Klupp: Paradiso  ****

Berlin Verlag (München/ Berlin 2009)

ca. 193 Seiten, 10,00 € (Tb)

 

Thomas Klupp: Wie ich fälschte, log und Gutes tat   ****

Berlin Verlag (München/Berlin 2018)

ca. 250 Seiten, 20,00 €

 

Die Geschichte des deutschsprachigen Schelmenromans bekommt nach Simplicissimus, Felix Krull und Oskar Matzerath mit den beiden Prosawerken von Thomas Klupp zwei interessante neue Protagonisten. Der etwa 25jährige Alex Böhm und der knapp 16jährige Benedikt Jäger stehen in dieser Tradition exemplarisch für den postmodernen Schelm des 21. Jahrhunderts. Sie verkörpern den Typus des (ewigen) Jugendlichen, der sich als gleichzeitiger Antiheld und Anti-Antiheld von verschiedenen gesellschaftlichen Strömungen treiben lässt, Beziehungen mit dem Diktat der relativen Unverbindlichkeit gestaltet, eine konsequente Konse­quenz­losigkeit an den Tag legt und sich mit den Parolen „anything goes“ und „Let it be“ irgendwie durchwurstelt.

Klupps Debütroman „Paradiso“ schildert etwa 24 Stunden im Leben des Alex Böhm (= der Erzähler), der in Potsdam das Schreiben von Filmdrehbüchern studiert und zu seiner Freundin Johanna nach München will, um mit ihr einen Portugal-Urlaub anzutreten. Allerdings hat Johanna sein Auto zu Schrott gefahren, deshalb muss er die Strecke Potsdam - München als Tramper bewältigen. Daraus ergibt sich ein originelles Stationen-Drama mit ungewöhnlichen Begegnungen. Er sitzt in einem Audi TT, einem Kühltransporter, einem bunt bemalten Kastenwagen, einem Taxi, dem Auto seine Mutter und dem Auto eines älteren Mannes. Er trifft auf den alten Bekannten Konrad, auf den LKW-Fahrer Roland, die Kunststudentin Patrizia, auf alte Bekannte, wie auch auf seine Ex Leni. Er besucht eine Erothek auf einem Autohof, es verschlägt ihn in seine Heimatstadt Weiden, wo er dann spontan eine Party am Baggersee aufsucht, er sucht Hilfe in einem Gotteshaus nahe München und landet schließlich gerade noch rechtzeitig am Flughafen München-Erding. Irgendwann erkennt er, dass der „Verlauf dieses Tages wie eine Art Zeichen oder wie ein Schicksal ist“, dass er also diesem Sich-Treiben-Lassen ein Ende setzen sollte: „Vielleicht werde ich jetzt ein besserer Mensch“. Doch am Ende lässt sich das Über-Ich des Drehbuchschreiber und versteckten Autors nicht leugnen: „Ich meine, es ist besser, Geschichten komplett zu erfinden, als mit Halbwahrheiten hausieren zu gehen“.

Schon im Titel seines zweiten Romans kündigt Thomas die Fortsetzung dieser Leitmotivik an. Diesmal ist die Hauptperson (und der Erzähler) der knapp 16 jährige Benedikt Jäger, der in tagebuchartiger Form über gut drei Monate (13. September - 23. Dezember) Bericht erstattet. Er ist Schüler am Kepler-Gymnasium Weiden und durchlebt die typischen Situationen eines Coming-Of-Age-Schicksals. Sportliche Erfolge mit der Schultennismannschaft, heftige Notenprobleme in den naturwissenschaftlichen Fächern, Beziehungs-Krisen mit Marietta und Margarete sowie ambivalente Erfahrungen mit Drogen und Anti-Drogen-Kampagnen. Zur Absicherung seiner schulischen Existenz startet er eine atemberaubende Fälscher-Karriere, die ihn am Schluss sogar zu einem Einbruch beim Physiklehrer Dr. Scharnagl treibt. Zur finalen Suizid-Konsequenz eines Schülers Gerber (Friedrich Torberg) versteht er sich freilich nicht. Heimliches Vorbild seiner Sein-Schein-Problematik ist die lebenslustige Mutter, eine begnadete Lügnerin und Eindruck-Schinderin. Recht gespalten ist auch sein Blick auf die Heimatstadt Weiden: einerseits „eine super Stadt“, andererseits, ein provinzielles „Trugbild“. Man kann gar nicht anders, als diesen „Dschägga“ irgendwie sympathisch zu finden und sich von seinen Ausführungen, die in einem Mix aus Jugendsprache und Sprache des Verfassers angelegt sind (erinnernd an Bov Bjergs „Auerhaus“), einfangen zu lassen. Er hat natürlich nicht die dramatische Weltsicht eines Törleß oder eines Moritz Stiefel, ist näher an der Nonchalance eines Holden Caulfield und damit ein authentischer Repräsentant unserer eher banalen Gegenwart.


Michael Farris Smith: Desperation Road      ****

Ars Vivendi Verlag (Cadolzburg 2018)

270 Sei­ten, 22,00 Euro

 

McComb ist keine Billig-Kette für Haar­pflege sondern eine Kleinstadt im US-Bundesstaat Mississippi mit etwa 13 000 Einwohnern. McComb ist auch der Schauplatz von Michael Farris Smithʼ so­eben ins Deutsche übersetztem Roman „Desperation Road“.

Mit archaischer Wucht, mit der Konse­quenz einer antiken Tragödie und mit einer an großen Vorbildern geschulten lakonischen Sprache erzählt Smith (ge­boren 1971) in seinem dritten Roman von drei Personen, die wie manövrier­unfähige Schaufelraddampfer auf eine tödliche Engstelle zusteuern.

Im Mittelpunkt steht Russell Gaines, der bei einer alkoholisierten Nachtfahrt Jason Tisdale tötete und dafür elf Jahre einsitzen musste. Nun ist er wie­der frei, doch seine Frau Sarah hat ihn längst verlassen, und er ist auf der Su­che nach Glücksmomenten, Hoffnun­gen, Erklärungen: „Ich wünschte, ich wüsste, warum sich die Welt so dreht, wie sie sich dreht“.

Außerdem wartet mit Larry Tisdale, dem älteren Bruder des getöteten Jugendli­chen, ein Rachengel auf ihn, einer jener angry white men, den Frau und Sohn verlassen haben, ein hasserfüllter Wut­bürger, der ein Brecheisen oder einen Baseball-Schläger als Kommunikations-Ersatz benutzt.

Als dritte vorgezeichnete Verliererin be­tritt gleich am Anfang die junge Maben die Szene: nach Drogensucht und einer ungewollten Schwangerschaft zieht sie mit Töchterchen Annalee und einem großen Müllsack die Straße der Verzweiflung entlang - auf der Suche nach Zuflucht in einem Frau­enhaus oder einem billigen Motel. Denn sie hat einen Polizisten, der sie zur „Strafe“ für vermeintliche Prostitution mit ein paar Kollegen vergewaltigen wollte, erschossen.

Smith führt den Leser also in ein trau­matisiertes Amerika, geprägt von Ge­walt, sozialen Abstiegsängsten, Sprach­losigkeit und der Schrotflinte unter dem Bett. Die oftmals beschworene Smalltown-Idylle mit gepflegtem Häus­chen, Diner, Musikkneipe, High School und Football-Team erweist sich als nos­talgischer Traum, der der harten Realität nicht standhält.

Am Ende der 51 Kapitel kommt es zu ei­nem filmreifen Showdown mit viel Blut und einer rasanten Verfolgungsjagd. Die Coen-Brüder („No Country For Old Men“) oder Martin McDonagh („Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“) sollten sich von Michael Farris Smith ein Dreh­buch zu dem Roman schreiben lassen!

Es öffnet sich aber überraschenderweise auch ein fast religiöses Fenster der Hoffnung, symbolisiert durch eine Ma­rienstatue aus Beton, die auf dem Grundstück von Russells Vater steht, das den Überlebenden einen Schonraum bietet. Und der Ortspolizist Boyd rettet sich in den Gedanken, „dass es dort drau­ßen ein Gutes gab, und dass es im Stillen beschützte, wenn niemand sonst da war“. Hat also Empathie doch noch eine Chance im Trump-Amerika? Gilt etwa doch das biblische Motto nach Jesaja „Wenn du den Hungrigen dein Herz fin­den lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufge­hen“?

Michael Farris Smith, den man litera­risch durchaus in die Tradition von Wil­liam Faulkner oder Cowart McCarthy stellen darf, ist mit „Desperation Road“ ein realistisches Gesellschaftsbild der ländlichen Arbeiterklasse des amerikani­schen Südens gelungen; das ergibt dank des präzise konstruierten Spannungsbo­gens eine fesselnde Lektüre, ein authen­tisches Kopf-Kino mit dem Hintergrund-Sound des Southern Blues-Rock von Lynyrd Skynyrd.

 

https://arsvivendi.com/Buch/Search/9783869139722-Desperation-Road


Michal Hvorecky: Troll     ***

Stuttgart 2018 (Klett-Cotta/Tropen)

216 Seiten, 18,00€

 

Wer sagt uns zuverlässig, wie viele Menschen bei Donald Trumps Inauguration anwesend wa­ren, wer das niederländische Flugzeug über der Ukraine abgeschossen hat und ob der Klima­wandel menschengemacht ist? Von der neuen Wahrheits-Produktion im Internet erzählt Michal Hvoreckys höchst aktueller Roman „Troll“.

Das waren noch Zeiten, als vor etwa 40 Jahren Jürgen Habermas seine Idealvorstellung von der rationalen Kommunikation und vom „herrschaftsfreien Diskurs“ proklamierte - mit dem Glauben an die Überlegenheit des besseren Arguments und an das Motiv der kooperativen Wahrheitssuche. In der Frühzeit des Internets hofften noch viele, dass die Diskursnormen des Frankfurter Philosophen (prinzipielle Gleichheit der Teilnehmer, prinzipielle Problematisierbarkeit aller Themen) zum Durchbruch kommen müssten. Doch mit der Allge­genwart des WorldWideWeb ist die Konkurrenz zwischen Wahrheit und Manipulation eher ins Gegenteil umgeschlagen. „Fake News“ könnte das Unwort des 21. Jahrhunderts werden, und unter einem Troll versteht man kaum mehr ein dämonisches Wesen der nordischen Mythologie sondern eher einen Teilnehmer der Online-Community, der mit gezielt regelwidrigen Kommentaren „alternative“ Formen der Wahrheit verbreitet und unliebsame Gesell­schaftsgruppen diskri­mi­niert.

„Troll“ heißt auch der neue Roman des Slowaken Michal Hvorecky, der eine beängstigende Science-Fiction-Dystopie in Osteuropa präsentiert, die unverkennbar in der Tradition von George Orwells „1984“ und Jewgeni Samjatins „Wir“ steht, aber mit dem Zeitpunkt der Veröffentli­chung fast schon Realität geworden ist.

Im Mittelpunkt stehen der jugendliche Ich-Erzähler und die 22jährige Johanna, die sich im Kran­kenhaus von Kukislava kennenlernen - er wegen Masern, sie wegen Drogensucht („Fettwanst und Junkie“). Draußen tobt ein „Informationskrieg“, die Politik wird immer absurder und Tau­sende von Trollen überfluten die sozialen Netzwerke. Die beiden fassen einen Plan: „Wir wollen trollen, sogar besser als die anderen“; sie wollen also das System von innen her demaskieren. Sie lassen sich von einem gewissen Valys engagieren, der Internet-PR für das „Reich“ (unschwer als Putins Russland zu erkennen) macht und erklärt, man suche innovative Wege um mit dem Westen zu konkurrieren. Die beiden tauchen ohne ethische Hemmschwellen in die Troll-Fabrik ein, gründen unzählige fik­tive Profile und verbreiten in den passenden Chat-Foren abenteuerliche Sichtweisen der Reali­tät. Bilder werden manipuliert, erlogene Beweise von selbsternannten Experten werden gepos­tet, missliebige Personen werden gezielt attackiert.

Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere wagt Johanna den Ausstieg und wird zur gefährlichen Netz-Opponentin. Sie startet eine Anti-Troll-Bewegung mit der Parole „Die Freiheit, die ihr geschenkt bekommen habt, missbraucht ihr zur Verbreitung gefährlicher Lügen!“ Der Ich-Erzähler, der sich erst nach einer umfassenden kos­metischen Operation wieder an die Öffentlichkeit traut, schließt sich Johanna an, was zu einem überraschenden Happy End führt: die beiden gründen die Organisation „BlockFake“, die das alte kritische Denken wieder neu entwickeln will.

Michal Hvorecky, der zu den kritischen Intellektuellen der Slowakei gehört, weiß, wovon er spricht. Sein Freund, der Journalist Jan Kuciak wurde im Februar 2018 umgebracht, weil er mas­sive Korruption und mafiöse Strukturen aufgedeckt hatte. Aufgrund von Bürgerprotesten musste in diesem Zusammenhang Ministerpräsident Robert Fico zurücktreten, der Hvorecky einen „Krawallmacher“ und „Unruhestifter‘“ genannt hatte. Der Roman hat seine Stär­ken, wenn er die Nähe zur realistischen Reportage sucht, die teilweise arg konstruierten Hand­lungs-Sprünge und die dem Sensations-Journalismus nahe Sprache trüben etwas die Lese­freude.

 

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Troll/96747


Juli Zeh: Neujahr    ****

Luchterhand (München 2018)

191 Seiten, 20,00 €

 

Das Wort Schreibblockade kennt Juli Zeh nicht. Im Ein-Jahres-Rhythmus hat die Erfolgsautorin ihre letzten Romane veröffentlicht: auf "Unterleuten" (2016) und "Leere Herzen" (2017) folgt nun "Neujahr".

War "Unterleuten" der große Wurf eines (ost)deutschen Gesellschaftsromans und "Leere Herzen" der umstrittene Versuch einer Deutschland-Dystopie des Jahres 2025, so kehrt sie mit "Neujahr" in den Bereich der Mikrosoziologie zurück und schildert spannungsreich und bildstark ein Familiendrama der Gegenwart.

Im Mittelpunkt steht Enddreißiger Henning, der mit Frau Theresa und den Kindern Jonas und Bibbi einen Weihnachts- und Silvester-Urlaub auf Lanzarote macht. Alles scheint in Ordnung, die beruflich gut etablierten Eheleute haben sich mit dem Lebensprinzip "Man muss etwas machen, man muss funktionieren" arrangiert, wäre da nicht ES, wären da nicht die Herzrhythmusstörungen und Angstzustände, die Henning belasten. So macht er sich am 1.1.2018 auf eine Solo-Radtour, die ihn an die Grenzen seiner derzeitigen Leistungsfähigkeit bringt. Bei Steigungen von über 10 Prozent schweifen seine Gedanken zu Stationen seines bisherigen Lebens, die letzte Rampe mit 20 Prozent überwindet er nur mit einem Wutausbruch: "Scheiß-Job, Scheiß-Welt, Scheiß-Familie"!

Auf der Anhöhe stößt er auf ein Haus, das in ihm Erinnerungen an einen Familienurlaub vor ca. 30 Jahren auslöst. Ein Loch zu einem unterirdischen Wasserspeicher, eine Spinnen-Population an der Hauswand und bemalte schwarze Lavasteine eröffnen ihm den Zugang zu einem traumatischen Erlebnis, das er als fünfjähriger Junge zusammen mit seiner damals zweijährigen Schwester Luna hatte, gegen das "Kevin - Allein zu Haus" ein harmloser Kino-Spaß ist. Hier erweist sich Juli Zeh als fesselnde, realistische Erzählerin, die sich von der manierierten Metaphorik ihrer frühen Romane verabschiedet hat, die genau weiß, wie Chronologie, Spannungskurven, Vorausdeutungen und auch Verunsicherungen des Lesers ("Habe ich mir alles nur eingebildet?") eingesetzt werden müssen, um am Ende einen veritablen Psycho-Thriller abzuliefern.

Ein bisschen erinnert die Geschichte an Kristina Bilkaus gerühmten Roman-Erstling "Die Glücklichen" (2017), der aber die problematische Situation einer jungen Familie viel weniger spektakulär erzählt.

Am Ende schaffen ein Telefonat mit der Mutter und die klare Trennung von der Schwester ("Hau ab!") für Klarheit. Es scheint so, als ob Henning ein "Monster", das man heute gerne posttraumatische Störung nennt, durch Klärung und Aufarbeitung von lange zurückliegenden Sachverhalten besiegt habe. Das neue Jahr kann kommen - und der neue Roman von Juli Zeh.

 

https://www.randomhouse.de/Buch/Neujahr/Juli-Zeh/Luchterhand-Literaturverlag/e529881.rhd


Bret Easton Ellis: American Psycho     ****

KiWi Paperback (Köln 2017)

550 Seiten, 12,99 €

 

Der Roman war 1991 ein Skandal und eine Provokation, heute ist er ein zeitgeschichtliches Dokument mit noch nicht erloschener Gültigkeit. Ellis erzählt die Geschichte des sehr wohlhabenden New Yorker Investmentbankers Patrick Bateman (27). Dessen Welt besteht (zunächst) im Wesentlichen aus Designer-Klamotten, Reservierungen in angesagten Restaurants und Clubs, Ausleihe von Porno- und Gewalt-Videos, Betrachtung von Vormittags-Talkshows, Selbstoptimierung des eigenen Körpers im Fitness- und Sonnenstudio, Sex mit diversen Frauen im Luxus-Apartment, dazu heftiger Tabletten und Drogen-Konsum. Eher am Rande erfährt man auch von seiner "Arbeit" im Büro, darüber will er nicht sprechen, "weil ich sie hasse".

Doch dann kommt langsam noch eine teuflische, schwarze Seite Batemans zum Vorschein: er wird zum Ritualmörder an Prostituierten, Pennern und geschäftlichen Konkurrenten, er realisiert seine Gewaltphantasien ("ich kann an nichts anderes denken als an Blut") und treibt seine Abart bis zur Folter mit Ratten (vgl. George Orwells "1984") , ja sogar bis zum Kannibalismus. Dieser Wahn findet gleichzeitig zum Investmentbanker-Alltag statt und steigert sich sogar in (folgenlose) Selbstbezichtigungen. Der Roman wird so zum übersteigerten Zerrbild des amerikanischen Finanzkapitalismus in der frühen Trump-(Immobilien)-Ära. Konstituierend ist für Patrick Bateman und viele seiner Kollegen ein politisch inkorrekt gezeichnetes Frauenbild: sie brauchen nur "eine Schnepfe, die einen kleinen Hardbody hat, alle sexuellen Ansprüche befriedigt, ohne schlampig zu sein, und ansonsten ihr beschissenes, dummes Maul hält". Der Grund für dieses zutiefst asoziale Verhalten ist die Erkenntnis einer undefinierten Sinnlosigkeit, einer inneren Leere. Es gibt einen kurzen Moment, in dem ein Ausweg angedeutet wird: Bateman wird von seiner Sekretärin gefragt: "Hast du nie den Wunsch gehabt, einen anderen glücklich zu machen?" Doch für Ellis und seinen Protagonisten steht kein Happy End in Aussicht. Die Schlussworte sind ernüchternd: "So präsentiert sich nun mal das Leben im ausgehenden Jahrhundert, so benehmen sich Leute wie ... ich". Und ein Türschild markiert die Quintessenz dieser resignierten Gesellschaftsanalyse: "Kein Ausgang!" Ob wir - mittlerweile im 21. Jahrhundert - den Finanzkapitalismus und seine Kollateralschäden überleben werden, ist ja tatsächlich noch offen. Ein Roman, für den man gute Nerven und manchmal auch den Mut zur Redundanz braucht.

 

https://www.kiwi-verlag.de/buch/american-psycho/978-3-462-03699-2


Matthias Göritz: Parker    ****

C. H. Beck Verlag (München 2018)

ca. 300 Seiten, 22,00 Euro

 

Welch vielversprechende Fiktion für die SPD: in Kiel profiliert sich mit Hans-Christian (!) Mahler (!) ein neuer Hoffnungsträger für die Partei, der als norddeutsche Macron-Kopie „etwas ganz anderes, etwas Frisches, Aufrüttelndes“ bieten will und von seinem Polit-Coach fordert: „Sie sollen aus mir jemanden machen, an dem man politisch nicht mehr vorbei kann“.

Doch es bleibt nur eine ernüchternd ironische Fiktion; denn in dem neuen Roman von Matthias Göritz (sein dritter) endet Mahlers hoffnungsvolle Polit-Karriere, die aus der Gleichzeitigkeit von Idealismus und Machtzynismus konstruiert war, nach einem verhängnisvollen Sex-Abenteuer in der Wahlkampf­zentrale. Der eigentliche Protagonist bei Göritz ist aber der 39jährige Matthew Parker, der einem kaputten Elternhaus in Hamburg entflohen ist und schließlich als Gastdozent in New York mit einem kultursoziologi­schen Werk über die Berufsnomaden des 21. Jahrhunderts („FlexExecutives“) einen Bestseller lan­det. Darauf wird er weltweit zum gefragten Rhetorik-Trainer, Unternehmensberater und Spindoctor - zunächst beim Obama-Wahlkampf und dann eben auch für den Shooting Star in Kiel.

Parker kommt nach dem enthemmten Sex-Dreier mit Todesfolge in Untersuchungshaft, wo er auch noch die brutale Gefängnis-Hierarchie erleben muss. Seine Entlassung (der Richter sieht nur den Tatbestand einer „Selbstverteidigung“) braucht Zeit, danach hat er Muße und Stoff, um ein neues Buch zu schreiben: „über Politik, über Manipulation … über die Erfahrungen während der Haft“. Auch seine Sehnsucht, immer wieder an einem anderen Ort mit einer anderen Frau und mit einem anderen Leben anzufangen, scheint erloschen. Wird er zum sesshaften Familienvater und Hausmann, zum Dauer-Parker am Plöner See? Doch ausgerechnet bei den Hochzeit-Feierlichkeiten in Nem York kommt ein verlockendes Angebot aus Seoul …

Die Doppelstrategie mit zwei Hauptpersonen sorgt dafür, dass man „Parker“ sowohl als Schlüsselroman über das Haifischbecken Politik als auch als intelligente Zeitdiagnose über die Auswirkungen der Globalisierung auf die Arbeitswelt und das Privatleben lesen kann. Kiel ist dabei ein gar nicht so abwegiger Schauplatz, denn mit den Namen Barschel, Engholm, Simonis und Susanne Gaschke verbindet sich eine hohe Skandaldichte. Außerdem besitzt Göritz als gebürtiger Elmshorner viele Einblicke in das politische Leben im nördlichsten Bundesland. Über das fast tragische Innenleben der SPD-Bundestagsfraktion erzählte übrigens schon 2008 der SPIEGEL-Redakteur Dirk Kurbjuweit in seinem Berlin-Roman „Nicht die ganze Wahrheit“ unterhaltsam und kenntnisreich.

Matthias Göritz hat nun einen aktuellen, fesselnden Zeit-Roman mit sex and crime-Hintergrund komponiert, der in seiner Erzählstruktur (und auch in seiner sprachlichen Dichte) stark an Jonas Lüschers „Kraft“ erinnert. Nicht nur SPD-Vorstand Ralf Stegner und Ministerpräsident Daniel Günther sollten sich das Buch auf den Nachttisch legen.

 

https://www.chbeck.de/goeritz-parker/product/21986033

 


Émilie de Turckheim: Popcorn Melody       ****

Verlag Klaus Wagenbach (Berlin 2017)

200 Seiten, 18,00 Euro

 

Wenn eine Französin einen Roman schreibt, der in den amerikanischen Great Plains spielt, und man diesen Text - übersetzt von Brigitte Große - auf Deutsch liest, kann getrost von einem literarischen transatlantischen Verschiebebahnhof gesprochen werden. Doch diese Ortswechsel können den Phantasiewelten der Émilie de Turckheim nichts anhaben, und so bleibt am Ende ein höchst originelles, manchmal groteskes, manchmal anrührendes Leseerlebnis voller eindringlicher Bilder. Man möchte fast Wim Wenders auffordern, dieses Buch zu lesen - der Film würd dann aber nicht „Paris, Texas“ sondern „Shellawick, New Mexico“ heißen.

Worum geht es? In dem 1000-Seelen-Kaff Shellawick (die Amerikaner nennen so etwas „one horse town“) betreibt die Hauptperson Tom (T. S.?) Elliot einen Supermarkt der besonderen Art. Bei ihm gibt es nur Sachen für die „Trilogie des Glücks: genug zu essen, sich zu wachen und Fliegen zu töten“. Vom Salon seines verstorbenen Vaters hat er den Barbierstuhl gerettet, in dem jetzt die Kunden Platz nehmen und ihre Geschichten erzählen dürfen. Wenn mal niemand da ist, schreibt Tom Haikus in die weißen Stellen seiner Telefonbücher. Doch es gibt einen Gegenspieler zu Toms postmaterialistischer Lebenskultur: die 30 Meilen entfernte Popcornfabrik Buffalo Rocks, die nun direkt gegenüber im ehemaligen Bowling Center einen neuen großen Supermarkt baut („Horn Of Plenty“). Gegen diesen Konkurrenten kann sich Tom nur mit einem marktwirtschaftlichen Selbstmord-Attentat wehren: zusammen mit der abgeworbenen Kassiererin Emily Dickinson (!), dem „irren Mädchen“, gestaltet er seinen Laden „poetisch“ um und verschenkt die Waren. Gleichzeitig arbeitet er an seinem Roman vom „Leben und Tod eines Supermarktes“ weiter und lebt ganz gut von dem Honorar für einen Anti-Buffalo-Rocks-Song, den er für die Indianerband Pink Sioux geschrieben hat. Das Roman-Manuskript landet schließlich bei dem „Goldgräber“-Literaturagenten Dennis Mahoney, der großspurig verkündet: „Wir ziehen jetzt los und erobern Amerika“.

Vielleicht war aber alles nur ein Traum der Émilie de Turckheim, der zusammen mit der Atmosphäre von Staub, Hitze und einer hochprozentigen Dosis Corny Dry als Erzählung überlebt hat.

 

https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1106-popcorn-melody.html


Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre    ****

Carl Hanser Verlag (München 2018)

285 Seiten, 22,00 €

 

Dem Vorwurf, die neue deutsche Literatur verweigere sich gesellschaftlichen Problemen und ergehe sich nur noch in schwer verständlicher Privatheit, kann mittlerweile mit zahlreichen Beispielen widersprochen werden. Gerade die aktuelle Flüchtlingsproblematik scheint viele Autoren zu literarischen Auseinandersetzungen zu reizen, so auch den in Hamburg lebenden Österreicher Norbert Gstrein in seinem soeben erschienen Roman "Die kommenden Jahre".

Interessanterweise steht dabei weniger das Schicksal der Geflüchteten als vielmehr die Selbstbefragung des aufgeklärten Bildungsbürgertums im Vordergrund: Wie gehen wir mit den Anforderungen einer gelebten Willkommenskultur praktisch um?

Bei Jenny Erpenbeck ("Gehen, ging, gegangen") ist es ein emeritierter Hochschulprofessor, der als Ruhestands-Projekt seine Villa am See zum Flüchtlingsheim umwidmet, bei Bodo Kirchhoff, dem Träger des Deutschen Buchpreises 2016, ("Widerfahrnis") sind es zwei rüstige Senioren, die auf einem spontanen Italien-Trip ein Flüchtlings-Mädchen in die Heimat mitnehmen wollen, bei Michael Köhlmeier ("Das Mädchen mit dem Fingerhut") gerät eine unbegleitete Sechsjährige in die fürsorgliche Belagerung einer Möchtegern-Mutti und bei Lutz Hübners und Sarah Nemitz` Theatertext "Willkommen" diskutiert eine junge Erwachsenen-WG kontrovers, ob man in ein leer stehendes Zimmer eine Flüchtlings-Familie aufnehmen sollte - das Stück hat übrigens im April am Theater Erlangen Premiere.

Norbert Gstrein, der mit dem Roman "Eine Ahnung vom Anfang" 2013 die spannungsreiche Studie vom Leiden eines Lehrers vorlegte, stellt nun den österreichischen Gletscherforscher Richard als Ich-Erzähler ins Zentrum seines neuen Romans. Dieser muss sich mit den Aktivitäten seiner Frau Natascha auseinandersetzen, die beschlossen hat, ihr Sommerhaus in der Nähe von Hamburg an eine vierköpfige syrische Familie zu "vermieten". Das damit ausgelöste Konfliktspektrum erinnert ziemlich stark an Simon Verhoevens Erfolgsfilm "Willkommen bei den Hartmanns". Denn die öffentlichkeitsorientierte Schriftstellerin Natascha will - wie ihr Mann kritisch vermerkt - "sich beim Helfen und beim Gutsein zusehen" lassen, strebt eine Art "journalistischer Bewirtschaftung" ihrer Empathie-Leistung an. Richard ist dagegen schon von Berufs wegen ein "Eismann" und flüchtet zunehmend zu Fachkongressen nach New York oder Montreal. Zuhause entwickelt sich rund um das Seegrundstück eine diffuse Pogromstimmung: Jugendliche mit verbundenen Schädeln (?) nähern sich dem Haus der Familie Farhi, Nachbarn streuen Gerüchte über angebliche Nähe des Vaters zum Assad-Regime, die zwei Farhi-Kinder werden gefesselt in einem Baumhaus gefunden (nur ein Streich oder eine Entführung?). Für den Schluss des Romans bietet Gstrein dem Leser gleich drei Varianten an: ein "Ende für Literaturliebhaber", ein "anderes Ende" und ein Kapitel "Was wirklich geschehen ist". Nur so viel sei verraten: richtig erfreulich ist keine der drei Möglichkeiten und einmal fallen sogar Schüsse.

Norbert Gstrein ist es mit diesem Roman gelungen, wesentliche Aspekte der derzeitigen gesellschaftlichen Diskussion in Europa zu einem vieldeutigen, symbolträchtigen und differenzierten literarischen Text zu verdichten, der gleichzeitig die Geschichte eines subtilen Beziehungs-Dramas erzählt.

 

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-kommenden-jahre/978-3-446-25814-3/


Peter Richter: 89/90      ****

München 2015 (Luchterhand)

411 Seiten, 19,99 € (geb.)

 

Der Journalist Peter Richter (Jahrgang 1974) war 1989 15 Jahre alt und lebte in Dresden. Der Ich-Erzähler ist 1989 15 Jahre alt und lebt in Dresden. Es benötigt also nicht viel Phantasie, um zu kombinieren, dass der vorliegende Roman eigentlich gar kein richtiger „Roman“ sondern eher eine autobiografische Erinnerung an zwei sehr entscheidende Jahre der deutsch-deutschen Geschichte ist. Wie groß nun der fiktionale Anteil dieser gut 400 Seiten ist, bleibt offen. Dies soll aber keine Kritik an einer ungenauen Gattungsbezeichnung sein, denn der „Roman“ erzählt uns - ungeachtet seines semi-dokumen­ta­rischen Charakters - auf höchst unterhaltsame Weise von der Kernzeit der Wende. Die Erzählperspektive ist freilich auch eine Mischung aus dem teilweise unbedarften Jugendlichen und dem rückblickend reflektierenden Erwachsenen. Peter Richter entfaltet also die Geschichte einer „Jugend ohne Gott“ - und genau wie bei Ödön von Horvath werden die übrigen Personen anonymisiert nur mit einem Anfangsbuchstaben eingeführt (z. B. der beste Freund S. oder die Kommunistin L.). Am Anfang erleben wir unbeschwerte Nächte im Freibad („noch wussten wir nicht, wie alles kommen und was alles verschwinden würde“), die definitiv letzte 1.Mai-Demonstration der DDR (bestritten von „wehrlosen Oberschülern“ und „Rentnern mit Parteiabzeichen“) und das letzte Wehrlager der DDR, das mit schöner Ironie im Stile von Thomas Brussig gezeichnet wird: „Man kann insgesamt wirklich nicht sagen, dass wir keinen Spaß gehabt hätten im letzten Sommer des Sozialismus“. Nach der Maueröffnung erlebt der Protagonist eines Phase der tendenziellen Anarchie und das Auftauchen rechtsradikaler Gruppen; gegen die Fred-Perry-Shirt-Träger wickelt er sich lieber in ein Palästinensertuch und schließt sich Antifa-Demos an. Die Diskussion über einem möglichen dritten Weg beantwortet er eher resignativ: „Die Frage war, ob zwischen dem einen stupiden System und dem nächsten vermutlich genauso stupiden System noch etwas anderes möglich sein könnte. Und die Antwort war: klar, das Paradies“. Als er 1990 bei Techno-Musik im Luftschutzbunker einen „gesamtatmosphärischen Tinnitus“ erlebt und bei einem Berlin-Besuch den Prenzlauer Berg als „einziges riesiges Frühstück“ empfindet, richtet sich die letzte Hoffnung auf den 3. Oktober 1990 als möglichem Kampftag der autonomen Linken. Doch nichts passiert - und man geht dann eben zum Wandern in die Sächsische Schweiz.

Richter muss sich an großen Beispielen der Wenderomane messen lassen. Sein unangestrengtes Werk hat natürlich nicht die philosophische Tiefe des Dresdner „Turms“ (Uwe Tellkamp), nicht die poetische Kraft des Leipzig-Romans von Clemens Meyer („Als wir träumten“) und nicht die dokumentarische Präzision von Erich Loests „Nikolaikirche“, als nachdenkenswerter Schelmenroman bleibt die Lektüre dennoch ein erhellendes Vergnügen.

 

https://www.randomhouse.de/Buch/8990/Peter-Richter/Luchterhand-Literaturverlag/e469503.rhd


Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie     *****

Zürich 2016 (Diogenes Verlag)

645 Seiten; 25,00 € (geb.)

 

Wilhelm Meister, die Hauptperson des Goetheschen Ur-Bildungsromans formulierte während seiner Lehrjahre: „Mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend an mein Wunsch und meine Absicht“.

Ganz anders hört sich die Zielsetzung bei dem erst 16jährigen Wunderkind William James Sidis an: „Ich möchte das perfekte Leben führen“. Dazu entwirft er im jugendlichen Alter einen Lebensplan mit 154 Paragraphen, bei dem § 1 lautet, er wolle sein Leben in den Dienst des Wissens stellen. Dem Autor Klaus Cäsar Zehrer haben wir es zu verdanken, dass er die Lebensgeschichte dieses vergessenen „Genies“ (1898 in New York geboren, 1944 in Boston gestorben) - und seines Vaters - genau recherchiert und in eine unterhaltsame, gleichzeitig sehr nachdenkens­werte literarische Form gefasst und damit weit mehr als eine schlichte Doppelbiographie geschrieben hat.

Der Roman startet zunächst mit dem Vater Boris Sidis, der 1886 im Alter von 18 Jahren aus der Ukraine nach New York auswandert, sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlägt, dann aber nach Boston - für ihn das intellektuelle Zentrum der Neuen Welt - zieht, weil er dort in den großen öffentlichen Bibliotheken das findet, wonach er lechzt: Bildung! Bildung ist für ihn der Schlüssel zur Befreiung der Menschen: „Wenn die Tyrannei wirklich ein Ende haben und das Volk sich selbst regieren soll, dann muss es erst einmal dazu befähigt werden“. Wissenschaftlich setzt er den Schwerpunkt im Bereich der Psychologie, arbeitet bei dem renommierten Harvard-Professor William James und erforscht die Methoden der Suggestion und der Hypnose, um damit auf die verborgene Energien des Gehirns zuzugreifen. Als 1898 seine Frau Sarah einen Sohn zur Welt bringt, ist dieser das ideale Versuchsobjekt für seine Erziehungsmethode: „der Mensch besitzt kein höheres Recht und keine höhere Pflicht als sich zur Perfektion herauszubilden“.

Der kleine Billy wird systematisch zum Wunderkind getrimmt, überspringt locker alle Schulklassen, darf im Alter von acht Jahren an die High School und ist dort der jüngste Absolvent in der amerikanischen Geschichte. Mit 16 Jahren darfbeginnt er in einer Spezialklasse das Studium an der Harvard-Universität und hält bald einen viel beachteten Vortrag vor Mathe-Professoren über die vierte Dimension des Raumes. Doch fast unaufhaltsam wandelt sich die Erfolgsgeschichte in eine bizarre Tragödie, William wird zum lonesome loser, hart an der Grenze des Wahnsinns. Er glaubt sogar, Wissenschaftler seien letzlich eine „Gefahr für die Menschheit“ und der Sinn des Lebens bestehe womöglich nur darin, mit der Straßenbahn über die Williamsburg Bridge zu fahren: „man muss sich zurückziehen und möglichst wenig mit anderen Menschen zu tun haben“. Gleichzeitig erkennt er, dass es auch so etwas wie Liebe gibt, eine soziale Kompetenz, die ihm von den Eltern nicht vermittelt wurde. Der späte diesbezügliche Feldversuch mit Martha Foley geht gründlich in die Binsen. Das letzte Vermittlungsangebot seines Studienkollegen Norbert Wiener scheitert ebenfalls: dieser will ihm verdeutlichen, dass „Kompromisse zum Leben gehören“. William Sidis entgegnet: „Ich bin der einzige Normale. Das merkt nur keiner, weil die Welt verrückt ist“.

Und so endet die Geschichte des „Aprilnarren“ William James Sidis mit einem sinnlosen Rechtsstreit und einem tödlichen Hirnschlag, also eher wie die von Hans Giebenrath aus Hermann Hesses Roman „Unterm Rad“ (1906), über den sein Vater bei der Beerdigung sagt: „Er ist so begabt gewesen, und alles ist ja auch gutgegangen, Schule, Examen - und dann auf einmal ein Unglück übers andere!“

Die Lektüre des „Genies“ sei allen denen empfohlen, die Lust haben, über das Leben und seine Dilemmata, über Erziehung und Psychologie nachzudenken.

 

http://www.diogenes.ch/leser/titel/klaus-caesar-zehrer/das-genie-9783257608243.html


Michael Wildenhain: Das Singen der Sirenen   ***

Stuttgart 2017 (Klett-Cotta)

319 Seiten, 22,00 €

 

Wieder ein Geisteswissenschaftler im Krisenmodus: nach Jonas Lüschers scheiterndem Philosophieprofessor "Kraft" präsentiert Michael Wildenhain nun den Literatur-Dozenten Dr. Jörg Krippen, dessen Versuch einer Habilitation über Mary Shelleys Schauergeschichte "Frankenstein" (ca. 1818 verfasst) in einem Strudel privater Beziehungs-Katastrophen versandet. Beide Romane stehen erwartungsfroh auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2017.

In einer fordernden Serie von Zeit- und Ortssprüngen erzählt Wildenhain die Karriere Krippens vom Berliner Antifa-Kämpfer über den vielversprechenden Nachwuchs-Theater-Dichter bis hin zum Literaturwissenschaftler, der in London einen Lehrauftrag erhalten hat. Dabei kreuzen vier Frauen und zwei (mögliche!) Söhne seinen Weg. Mit Martina, die er aus den Revoluzzer-Zeiten von 1990 kennt, lebt er in Berlin-Hellersdorf zusammen, ihr gemeinsamer (?) Sohn Leon sucht einen Vater, der dauerhaft anwesend ist, mit dem man zum Pizzaessen und zum Fußballtraining gehen kann. In London trifft Krippen aber nicht ganz ohne Zufall auf die indisch-stämmige Mae, die ihm nachweist, dass er der Vater von Raij ist, dem Sohn ihrer älteren Schwester Arundhati. Vor etwa elf Jahren war Raij wohl das Produkt einer ausschweifenden Abschlussfeier während eines Theater-Workshops. Gleichzeitig führt sie ihm die Fragwürdigkeit der universitären Germanistik vor Augen: während er sich nur über die fiktive Figur des Viktor Frankenstein - er gilt als literarisches Musterbeispiel der entgrenzten menschlichen Vernunft, die sich mit Gott gleichsetzt - Gedanken macht, experimentiert sie ganz konkret mit der Petrischale in ihrem Forschungsinstitut am Thema Stammzellen. Die an Odysseus erinnernden Beziehungs-Irrfahrten (vgl. Titel!) zwischen Skylla/Berlin und Charybdis/London führen Krippen auch zu einer avantgardistischen Vernissage in New York und zu einer Pegida-Demonstration in Dresden. Man gewinnt zunehmend den Eindruck, dass sich Wildenhain in zu viele Handlungs- und Reflexionsebenen stürzt, ohne dabei zu einer schlüssigen Zeit-Diagnose zu gelangen. Dies war ihm in seinem Vorgänger-Roman "Das Lächeln der Alligatoren" (2015) deutlich besser gelungen. Ein bisschen gilt nun auch für den Autor, was die schöne junge Inderin Mae zu dem hin- und hergerissenen Dr. Krippen sagt: "Du weißt nicht, was du willst, du bist ein Weißer".

 

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Das_Singen_der_Sirenen/84822


Juli Zeh: Unterleuten (Roman, 2016)     ***

München 2016 (Luchterhand Literaturverlag)

635 Seiten, 24,99 €

 

Es passiert auf der Seite 574: Frederik Wachs, einer der elf Kapitel-titelgebenden Hauptpersonen des Romans „Unterleuten“ ist mit dem Auto auf dem Weg von Berlin zurück in das kleine brandenburgische Kaff. Weil ihn ein hinterherfahrender Kastenwagen nervt, möchte er in einer scharfen Linkskurve zeigen, „wo der Hammer hängt“. Doch leider kommt in diesem Moment ein Traktor entgegen! So ähnlich hat auch Juli Zeh ihren mittlerweile vielgerühmten Roman auf den letzten etwa 150 Seiten gegen die Wand gefahren. Aus einer differenzierten Konflikt-Studie eines ostdeutschen Dorfes und seiner Bewohner wird zum Ende hin eine bluttriefende Tragödie von antiken Dimensionen, die den gesellschaftskritischen Ansatz der langen vorherigen Passsagen fast zunichtemacht.

Zunächst erfahren wir höchst unterhaltsam von einer „halbanarchischen … Lebensform, einer Art vorstaatlicher Tauschgesellschaft, fernab vom Begriff des Staates“, in der ganz im Sinne der Hobbesschen Vertragstheorie ein Kriegszustand herrscht. Es bekämpfen sich zwei alteingesessene Machos (der Großgrundbesitzer Gombrowski und der notorische Querulant Kron), es bekämpfen sich ein bayerischer Investor (Meiler) und aus Berlin Zugereiste (Fließ, Franzen), es geht um die Auseinandersetzung zwischen Vogelschutz und Windpark-Flächenzuweisung, es geht um sehr alltägliche, aber mit harten Bandagen ausgefochtene Nachbarschafts-Streitigkeiten und um unklare Dreiecksbeziehungen. Juli Zeh hat also tief in der Dystopie-Schublade der deutschen Provinz gegraben, um die Aussage, das Dorf sei eine „Schlangengrube“ gründlich zu untermauern. Die naive Idylle der Zugereisten, Unterleuten bedeute Freiheit und das Symbol der Freiheit sei ein „unverstellter Horizont“, erweist sich schnell als trügerisch, weil der schöne Horizont durch Zäune, Bretter vorm Kopf und Windparks verstellt ist. Die Gerüchteküche verbreitet unaufhaltsam Mord-Geschichten, Kindsentführungen und Ehebrüche. An allem soll Rudolf Gombrowski beteiligt sein, der doch angeblich dort nur friedlich leben will: „man lässt sich gegenseitig in Ruhe“. Als er erkennt, dass er gegen die Fama nicht ankommt, inszeniert er einen filmreifen und sehr symbolträchtigen Selbstmord.

Ohne Zweifel: Juli Zeh weiß, wovon sie schreibt, denn Unterleuten ist für sie: „der Ort, an dem ich in meiner Phantasie fast zehn Jahre lang gelebt habe. Ich kenne dort jeden Stein, jede Hausecke, alle Menschen, die dort leben“. Und sie weiß, welche Themen im Mainstream des aufgeklärten Lesepublikums goutiert werden (das hat sie schon mit „Spieltrieb“ und „Corpus delicti“ bewiesen), dazu ist sie eine gewandte realistische Erzählerin. Manchmal aber lässt sie sich dazu verleiten, eigene pointierte Beobachtungen der jüngeren Gegenwart (z. B. Uni-Reform, Entpolitisierung, oder Stadt-Land-Konflikt) ihren Protagonisten als wenig glaubhafte Gedanken­konstrukte überzustülpen.

Witzig ist der Epilog der Journalistin Lucy Finkbeiner, die vor Ort nach einer Zeitungsnotiz über den spektakulären Selbstmord recherchiert hat, dann aber von ihrer Redaktion erfährt, der Stoff sei doch mehr für einen Roman geeignet! Und um die Leser ein bisschen an der Nase herumzuführen, wird immer wieder ein Psycho-Guru namens Manfred Gortz zitiert („Alles ist Wille“), dessen fiktive Existenz eine veritable Plagiats-Debatte in den Medien heraufbeschworen hat. Für alle web-affinen Leser wurde vom Verlag sogar eine eigene Seite eingerichtet, die Stoff für interaktives Tun bereithält. Ob wir hier aber „den“ (ost-)deutschen Gesellschaftsroman des beginnenden 21. Jahrhunderts vor uns haben, sei mal noch dahingestellt.

 

http://www.juli-zeh.de/

http://www.unterleuten.de/


Mario Schlembach: Dichtersgattin (Roman, 2017) ****

Salzburg/Wien, 2017 (Otto Müller Verlag)

227 Seiten, 20,00 € (geb.)

 

Der Roman beginnt - wie so oft - mit dem Ende: mit einem Tod in Venedig. Bei dem 85jährigen Mann (!) namens Hubert schwinden im Österreich-Pavillon der Biennale die Lebenskräfte, und er beendet ein Leben, das einem fast manischen Begräbnis-Kult und dem Schweigen („Sprich nur dann, wenn du etwas Wertvolleres zu sagen hast als dein Schweigen“) gewidmet war.

Umso mehr spricht seine resolute 90jährige Frau Hedwig, die nun zu einem atemlosen Monolog ansetzt und die Geschichte ihrer etwa fünfzigjährigen Beziehung ausbreitet. Sie hat ihn damals in der Provinz kennengelernt, sah in ihm einen vielversprechenden „Dichter“, der einen Neubeginn der Literatur einleiten kann, zieht mit ihm nach Wien und will ihn in die österreichische Kultur einführen, ihn sozusagen „burgtheatertauglich“ machen. Das verbindet sie mit immer wiederkehrenden Attacken gegen das moderne Burgtheater („den profanen, geldgierigen Wirtschaftlern überlassen“) sowie gegen die österreichischen Großautoren der Moderne, Elfriede Jelinek („unsere in die Bedeutungslosigkeit geachtete Literaturnobelpreisträgerin“), Thomas Bernhard („bedruckte Seiten voller Wiederholungsmanie und Befindlichkeitsliteratur“) und Peter Handke („Publikationsinkontinenz“). Als dienende Muse und „Dichtersgattin“ will sie ein neues Kapitel der literarischen Hochkultur initiieren. Doch leider interessiert sich Hubert nur für Friedhöfe und Bestattungen, wird beamteter Arrangeur bei dem städtischen Wiener Beerdigungsinstitut und schreibt zahllose poetische Nachrufe für „seine“ Toten. Weiterhin beschäftigt er sich mit der voraussichtlichen Verwesungsdauer von Verstorbenen und plant akribisch den Ablauf seiner eigenen Grablegung. Bei den von seiner Frau verordneten Burgtheater-Besuchen schläft er dagegen regelmäßig ein. Die enttäuschte Gattin resümiert: „Theater oder Tod - das ist der ganze Kosmos unserer Existenz“.

Mario Schlembach gelingt mit seinem Romandebüt eine schwarzhumorige und zutiefst satirische Betrachtung der jüngeren österreichischen Kulturgeschichte. Aus autobiografischen Elementen und literaturwissenschaftlichen Forschungsprojekten bastelt er einen höchst unterhaltsamen Roman - irgendwo zwischen Samuel Becketts „Endspiel“ und Thomas Bernhards „Auslöschung“. Und für eine Grande Dame des deutschsprachigen Theaters (etwa Carmen-Maja Antoni) wäre dies ein herausforderndes Sprechstück - natürlich mit Premiere in der Wiener Burg und Regie von Claus Peymann!

 

http://www.omvs.at/de/autoren/schlembach-mario-401/


Jonas Lüscher: Kraft (Roman, 2017)     *****

München 2017 (C. H. Beck Verlag)

235 Seiten, 19,95 € (geb.)

 

Richard heißt zwar mit Nachnamen Kraft, doch dieselbe hat den Mittfünfziger offensichtlich verlassen. Er steht zutiefst verunsichert vor einem privaten und beruflichen Scherbenhaufen. Mit einem letzten Kraft-Akt will der von Selbstzweifeln geplagte Philosophie-Professor noch einmal die Millionen-Frage nach dem Grund für Optimismus in der heutigen Zeit beantworten, aber dann entscheidet er sich lieber für einen spektakulären Showdown.

Jonas Lüscher, der es 2013 mit seiner intelligenten Novelle über die Abgründe des Finanzkapitalismus („Frühling der Barbaren“) in die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte, legt nun den ersten Roman vor, eine brillante, analytische Satire über den transatlantischen Wissenschaftsbetrieb und über die Dilemmata des intellektuellen Neoliberalismus. Richard Kraft blickt aus dem Heute auf eine seit den 1980er Jahren geschmeidig verlaufende Universitätskarriere: zuerst profiliert sich der Berliner VWL-Student als Reaganomics-Fan und Lambsdorff-Liberaler, zuletzt wird er als Nachfolger von Walter Jens auf den Lehrstuhl für Rhetorik in Tübingen berufen. Aber auch drei gescheiterte Beziehungen (Ruth, Johanna und Heike), die ihn finanziell ruiniert haben, stehen zu Buche. Der Denker-Wettbewerb an der Stanford University, den ein visionärer Unternehmer aus dem Silicon Valley mit einem Preisgeld von einer Million Dollar ausgestattet hat, motiviert ihn zu einer letzten intellektuellen Anstrengung. Es soll der Satz „Alles was ist, ist gut, und warum können wir es dennoch verbessern“ philosophisch in einem 18-Minuten-Vortrag begründet werden. Mit analogem Copy & Paste (= Papier, Tesafilm und Schere) schustert sich Kraft in der kalifornischen Uni-Bibliothek ein gedankliches Konstrukt zusammen, von dem er am Ende sagt: „was für eine ausgedachte Hühnerkacke“. Damit wird er endgültig zum „Habe-nun-ach …“-Faust des 21. Jahrhunderts, der vergeblich nach einer irgendwie stimmigen Lebens-Konstruktion sucht; wie dieser greift er letztlich zu der tödlichen „Befreiung“ - nur läuten zu seiner Rettung keine Osterglocken!

Lüschers kühne Satzbau-Konstruktionen, seine bildreiche Sprache, die zusammengetragenen Lesefrüchte (von Isaiah Berlin über Odo Marquard bis zu Joseph Vogl) sowie die authentische Erfahrung einer abgebrochenen Dissertation entfalten einen gewaltigen erzählerischen Sog, der die Leichtigkeit eines Joseph von Westfalen mit der Zeitkritik eines Hanns-Josef Ortheil verbindet. Wenn der Gesellschafts-Beobachter Jonas Lüscher einmal selbstironisch seinen Protagonisten Kraft als „Schwafler“ charakterisiert, ist viel über den Zustand der gegenwärtigen postfaktischen Kommunikationsstrukturen gesagt. Vielleicht schafft es Lüscher ja mit diesem vollständig gelungenen Roman-Wurf in die Shortlist 2017! Und wenn nicht, hat er dafür zumindest den Dr. h.c. verdient!

 

http://www.chbeck.de/Luescher-Kraft/productview.aspx?product=17627187


Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis. Eine Novelle (2016)     ****

Frankfurt/Main 2016 (Frankfurter Verlagsanstalt)

224 Seiten; 21,00 € (geb.)

 

Deutsche Bildungsbürger des 18. Jahrhunderts reisten nach Italien (oder gar nach Griechenland), um die großen Kunstwerke der Antike zu bewundern. Postmaterialistische Hedonisten des späten 20. Jahrhunderts fuhren nach Italien wegen des guten Weins, wegen der kulinarischen Lebensart und wegen des angenehmen Klimas. Doch wer nun im 21. Jahrhundert dieses Reiseziel wählt, kann auf die hässlichen Spuren eines globalen Problems treffen, auf - meist illegale - Flüchtlinge. Dies ist auch der Kern von Bodo Kirchhoffs meisterhaft konstruierter Novelle, die mit dem Deutschen Buchpreis 2016 ausgezeichnet wurde. Zunächst beginnt es aber wie beim späten Martin Walser: zwei ältere Singles, die ihren Berufsalltag gerade beendet haben, treffen zufällig in einer oberbayerischen Seniorenresidenz aufeinander und beschließen (sehr!) spontan nach ein paar Zigaretten und ein paar Gläsern Rotwein einen Road-Trip in den Süden: „Wir fahren einfach, bis die Sonne irgendwo aufgeht, dann frühstücken wir“. Bald stellt sich heraus, dass der ehemalige Kleinverleger Julius Reither (der als erzählender Textkritiker eine schöne Metaebene aufbaut) und die ehemalige Hutladen-Besitzerin Leonie Palm an einem schweren Defizit leiden: sie haben es nicht geschafft, eine funktionierende Familie zu gründen. Reithers längste Beziehung scheiterte an einem zwar einvernehmlichen, aber doch nur der Rationalität geschuldeten Schwangerschaftsabbruch, Leonie Palm wurde vom Mann verlassen, die Tochter beging eines Nachts Selbstmord. Da haben sich also zwei gefunden, die im letzten Drittel des Lebens Nähe suchen; und nach zwei Tagen in Richtung Sizilien stellen sie fest: „Wie gut wir vorankommen“. In Catania nehmen sie ein einfaches Zimmer und treffen dann unverhofft auf ein sehr anhängliches, etwa zwölfjähriges Mädchen. Wie geht man mit dieser direkten Konfrontation um? Reither will das Problem mit Geld lösen, Leonie aber diktiert: „she belongs to us“; „Wir lassen sie auf der Couch schlafen“. So erleben Reither & Palm also eine sehr ungewohnte „Widerfahrnis“. Die Geschichte mündet dann in eine unerhörte Begebenheit und dramatische Zuspitzung, die Bodo Kirchhoff zwar eloquent erzählt, jedoch manchmal hart an die Kitsch-Grenze (mit Blut, männlichem Weinen und einer schweren Krankheit) steuert. Reithers weitere Begegnung mit einer nigerianischen Flüchtlingsfamilie weckt in ihm mühsam nachvollziehbare Reflexionen, denn er beneidet den jungen Vater namens Taylor „um sein Leben ohne Dach und Bett, ohne Konto und ohne Fürsprache, mit nichts in der Hand außer Frau und Tochter und dem eigenen Mut“. Wäre das wohl ein geeigneter Leitsatz für das Flüchtlingslager Lampedusa oder ist das eher intellektueller Zynismus? Eines aber ist bewiesen: wer ein interessantes Duo mit einer knackigen Road-Novella präsentiert, hat schon den halben Weg zum Bestseller geschafft - „Tschick“ sei Dank!

 

http://bodokirchhoff.de/

http://frankfurter-verlagsanstalt.de/frames/fva_a_frs_autoren.html


Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut (Roman 2016)

Carl Hanser Verlag (München 2016)

140 Seiten, 18,90 € (geb.)

 

In der Reihe von längeren Prosatexten, die sich mit der derzeitigen Flüchtlingsproblematik beschäftigen, wählt Michael Köhlmeier einen besonderen Fokus: er erzählt die Geschichte eines sechsjährigen Mädchens, und es scheint als habe er sich Büchners „Anti-Märchen“ aus dem Fragment „Woyzeck“ zum Vorbild genommen, wo die Großmutter erzählt: „Es war einmal ein arm Kind und hatt' kein Vater und keine Mutter, war alles tot, und war niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es is hingangen und hat gesucht Tag und Nacht … Und wie's wieder auf die Erde wollt, war die Erde ein umgestürzter Hafen. Und es war ganz allein. Und da hat sich's hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und is ganz allein“.

Zusammen mit ihrem „Onkel“ ist Yiza - so nennt sich das kleine Mädchen, weil sie ihren wirklichen Namen nicht kennt - in einer westeuropäischen Stadt gelandet, verliert dann aber ihren erwachsenen Betreuer. Sie irrt in der Stadt umher, schläft in einem Müll-Container, wird von der Polizei aufgegriffen und in ein Heim gebracht. Zwei ältere Jungs (Schamhan und Arian) überreden sie dort zu einer nächtlichen Flucht (und schenken ihr davor einen Fingerhut aus Messing für ihren verletzten Finger). Angeblich kennt Schamhan ein Haus, das im Winter leer steht, in dem man (über)leben kann. Yiza übernachtet mit den beiden zunächst im Winter-Wald, dann finden sie einen Heustadel. In der nahe gelegenen Siedlung brechen sie in ein Haus ein, dessen Bewohner tagsüber auf der Arbeit sind. Die Polizei findet sie aber anhand ihrer Fußspuren. Auf der Polizeistation plant Schamhan eine erneute Flucht. Ihm gelingt dies nicht, dafür aber Arian und Yiza, die sich zuerst in einem Lastwagen verstecken und auf diese Weise nach längerer Fahrt bei einem Supermarkt landen. Mit einer Plane tragen sie Lebensmittel aus dem Supermarkt und finden in der Nähe eine Villa mit Gartenhäuschen. Yiza hat Fieber, Arian will für sie sorgen; er fährt mit der U-Bahn ins Stadtzentrum und besorgt Aspirin und Lebensmittel. Nachts träumen beide, sie seien ein erwachsenes Ehepaar. Als Arian wieder einmal unterwegs ist, findet die Hausbesitzerin (Renate) das Mädchen und bringt es ins Haus. Sie will Yiza für sich als eine Art Enkelin haben: „dann leben wir zusammen … sag Oma zu mir“. Doch wenig später sieht die quasi von einer Märchen-Hexe eingesperrte und fürsorglich belagerte Yiza durchs Fenster ihren Kumpel Arian und plant eine erneute Flucht. Sie sperrt Renate in der Küche ein, holt Arian ins Haus. Als die Frau droht, die Polizei zu rufen, schlägt ihr Arian mit einem harten Gegenstand mehrfach auf den Kopf. Sie fahren mit der U-Bahn und einem gefüllten Koffer in die Stadt, finden einen Supermarkt-Einkaufswagen, in dem sich Yiza von Arian chauffieren lässt. Arian ist nun ihr „Kapitän“, der sie zu Freunden („eine Horde von Zerlumpten“) und in den Sommer bringen soll. Den Erfrierungstod des „Mädchens mit den Schwefelhölzern“ (Andersen) wird sie wohl nicht sterben

Köhlmeiers Geschichte weckt zwar Empathie beim Leser, erzeugt aber durch die letztlich distanzierte Erzählweise einen reflexiven Abstand. Es gibt keine eindeutigen Schuldzuweisungen und keinen pädagogischen Zeigefinger, vielmehr werden wir auf sprachlich gekonnte Weise mit dem fast ausweglosen Dilemma von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen konfrontiert.

 

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-maedchen-mit-dem-fingerhut/978-3-446-25055-0/


Bov Bjerg: Auerhaus (Roman 2015)    ****

Berlin 2015 (Blumenbar / Aufbau Verlag)

236 S., 18,00 € (geb.)

 

Das ist die Geschichte einer überraschenden Erfolgsgeschichte. Nachdem Bov Bjerg (merkwürdiges Pseudonym - eigentlich heißt er Rolf Böttcher) mit seinem Roman-Erstling „Deadline“ (2011) bestenfalls den 7. Platz in der Arno-Schmidt-Epigonen-Hitparade erreicht hat, startet er mit Auerhaus voll durch, wird von allen (!) Mitwirkenden des Literarischen ZDF-Quartetts hoch gelobt und etabliert sich über mehrere Wochen in der SPIEGEL-Bestsellerliste. Und dieser Erfolg ist verdient, denn Bjerg legt hier einen eindrucksvollen, knappen, nie bemüht wirkenden Text vor, der vollkommen klischeefrei das Leben von sechs ca. 18jährigen Jugendlichen (vier davon stehen kurz vor dem Abitur) in der schwäbischen Provinz nahe Stuttgart in den frühen 1980er Jahren erzählt. Das Sextett findet sich teilweise zufällig zu einer sehr lebendigen WG in einem alten Bauernhaus zusammen, das als „Auerhaus“ bezeichnet wird, nachdem der Nachbar den Song der Gruppe Madness („Our House“), der häufig und laut auf dem Kassettenrecorder läuft, so eingedeutscht hat. Jeder trägt seine Probleme mit sich herum: am schlimmsten steht es um Frieder, der einen Selbstmordversuch hinter sich hat und mit dem „normalen“ Leben nur schwer zurechtkommt; der Ich-Erzähler hat Ärger mit dem Freund seiner Mutter, will sich nicht recht auf die Schule konzentrieren und sucht nach Fluchtmöglichkeiten vor der Bundeswehr (West-Berlin?); Pauline kommt als notorische Brandstifterin aus der Nervenheilanstalt und findet bezeichnenderweise einen Platz im Heuboden des Auerhauses; Harry ist ein Drogendealer und Bahnhofs-Stricher, der vom eigenen Vater nach seinem Coming Out verprügelt wurde; dazu ziehen noch Vera und Cäcilia ein, die teilweise für Beziehungs-Verwirrungen sorgen bzw. doch wieder auf die bürgerliche Karriere-Schiene abspringen. Für alle aber ist das Auerhaus ein knappes Jahr lang ein Ort der Geborgenheit, der Selbstbestimmung, der neuen Freiheit - leider mit der absehbaren Zukunft, dass dieses Leben nur eine glückliche Momentaufnahme sein wird. „Wir hatten immer so getan, also ob das Leben im Auerhaus schon unser richtiges Leben wäre, also ewig“ (S. 214). Nach mehreren Konflikten mit der Polizei steuert der Roman zielsicher auf ein Unhappy End zu. Bjerg lässt die ganze Geschichte seiner Ich-Person erzählen, diese bedient sich einer unprätentiösen, lakonischen Jugendsprache, die jedoch niemals aufgesetzt oder bemüht wirkt. Somit lesen sich die 236 Seiten einfach gut. Egal.

 

http://www.bjerg.de/

http://www.auerhaus.de/


Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen (Roman 2015) ****

München 2015 (Albrecht Knaus Verlag)

350 Seiten, 19,99 € (geb.)

 

An dem Thema, das derzeit täglich in den Medien verhandelt wird - meist in Form von lautstarken, aber weniger inhaltsstarken Polit-Talk-Shows -, kann auch die „schöngeistige“ Literatur nicht vorübergehen. Und so hat sich auch Jenny Erpenbeck sichtlich beeilt, um einen Roman zur Problemstellung „Flüchtlinge“ bieten zu können. Dabei benutzt sie eine auf den ersten Blick verwunderliche narrative Methode: ihre Hauptperson ist Richard, ein soeben emeritierte Professor für Klassische Philologie an der Humboldt-Universität - also ein geradezu idealtypischer Bewohner des bildungsbürgerlichen Elfenbeinturms -, der allein in einem idyllisch gelegenen Haus am See bei Berlin lebt. Auf den ersten Seiten fühlt man sich fast in einen späten Roman von Martin Walser verschlagen (z. B. „Brandung“), dann aber wird Richard mit der Aktualität konfrontiert: im Fernsehen erfährt er von einer Protestaktion schwarzafrikanischer Flüchtlinge, die am Kreuzberger Oranienplatz mit einem Zeltlager und Hungerstreik auf ihre missliche Situation aufmerksam machen wollen („We become visible“). Dies ist der Anlass für Richard, der ja nun genügend Zeit hat, ein neues „Projekt“ zu starten. Er will sich über die Lage der Flüchtlinge informieren und deren Fluchtgeschichten durch Interviews erfahren. Damit kommt er in Kontakt mit Raschid, Ithemba, Osarobo, Rufu, Karon und einigen anderen mehr. Gleichzeitig erlebt er die Sackgassen des deutschen Asylrechts zwischen Dublin-Vertrag, Duldung, Arbeitsverbot und Abschiebeandrohung. Bald entschließt er sich zu dem alltagspraktischen Ansatz der direkten Hilfe: er lässt ein paar Flüchtlinge in seinem Garten arbeiten, lädt sie zum Klavierspielen und zum Weihnachtsessen ein, kauft ihnen Winterpullover und finanziert Arztbesuche oder sogar ein Grundstück in Ghana, damit die dort lebende Familie eine Existenz schaffen kann. Als er zwischendurch zu einem Seneca-Colloquium nach Frankfurt eingeladen wird, stellt sich ihm die Frage: „Ist das noch sein Leben?“ Doch die privat praktizierte Willkommenskultur erlebt auch Rückschläge, z. B. einen Einbruch in sein Haus - möglicherweise durch einen der Asylsuchenden. Und als die Flüchtlinge ihre Abschiebeaufforderung erhalten, bekommt die Konjugation aus dem Deutschunterricht („gehen, ging gegangen“) eine tragische Realität. Doch Richard lässt sich nicht beirren, am Ende wird sein großes Haus sogar zur genehmigten Heimunterkunft, in dem er seinen Geburtstag feiert.

Dass hier von Jenny Erpenbeck eigene Recherchen einem fiktiven Protagonisten in die Schuhe geschoben werden, erlaubt einen manchmal interessanten Perspektivenwechsel. Dennoch erscheint der Roman an manchen Stellen noch überarbeitbar, einige Motive (etwa der Tote im See) laufen leer, einige Geschichten aus dem deutschen Freundeskreis werden nur vordergründig kontrastiert. Dennoch enthält der Roman nachdenkliche Reflexionen („Wohin geht ein Mensch, wenn er nicht weiß, wo er hingehen soll“) zur aktuellen Debatte und schaffte es in die Longlist des Deutschen Buchpreises 2015.

 

http://www.randomhouse.de/Buch/Gehen,-ging,-gegangen/Jenny-Erpenbeck/e336327.rhd

http://www.deutscher-buchpreis.de/nominiert/


Ludwig Laher: Verfahren (Roman, 2011) ****

Innsbruck/Wien 2011 (Haymon Verlag)

170 Seiten, 19,90 € (geb.)

 

Schlag nach bei Kafka: In seiner wohlbekannten Parabel steht ein Mann vom Lande „vor dem Gesetz“, doch der Furcht einflößende Türhüter verwehrt ihm den Eingang, sodass er schließlich nach langem Warten verstirbt. Ähnlich in Ludwig Lahers nach wie vor höchst aktuel­lem Roman „Verfahren“: hier ist es die jüngere Ko­sovo-Serbin Jelena Savicevic, die in Österreich um Asyl wirbt, je­doch auf dem langen Rechtsweg zu scheitern (sich zu „verfahren“) droht. Laher hat aus einem gut recherchierten Fall mit veränder­ten Namen einen vielschichtigen, manchmal sogar spannenden Doku-Roman geschaffen, der dazu zwingt, sich mit den Dilemmata des europäi­schen Asylrechts auseinanderzusetzen. Jelena war ein Opfer des Nationalitätenkonflikts auf dem Balkan, ihr Elternhaus wurde von Albanern abgefackelt, sie selbst wurde entführt und tagelang ver­gewaltigt. Nach einem missglückten Selbstmordver­such empfiehlt ihr der Arzt in der Psychiatrie, nur ein grundlegen­der Ortswechsel sei eine Rettung aus ihrer Lage. Über Budapest schafft sie es an die ungarisch-österreichische Grenze, die sie ille­gal überquert; danach stellt sie 2006 einen Asylantrag. Der wird abgelehnt, es kommt zu einer Berufung, deren Ende in dem Roman nicht mehr dargestellt wird. Warum eigentlich nicht? Laher schreibt doch auf S. 164: „Wir wollen, dass es ausgeht. Ob gut oder schlecht, das ist zweitrangig.“

 Der Autor möchte die Problematik aus mehreren Perspektiven beleuchten und hat so drei Parallel­handlun­gen eingefügt. Zum einen schiebt er Kapitel ein, die die Situa­tion am Asylgerichtshof schildern und die vor allem aus Interviews mit einem dortigen Richter (Dr. Zell­weger) resultieren. Diese Gespräche wer­den essayistisch ergänzt und führen schließlich zu Mängeln des Verfahrens („strukturelle Defizite“), letztlich aber zu dem grundlegenden Spannungsverhältnis zwischen Humanität und den Formalien des Rechtsstaats. Wie man zwischen diesen beiden Werten angesichts einer krisenhaften Gesamtsituation vermitteln kann, beantwortet natürlich auch dieser Roman nicht. Etwas gewollt erscheint die zweite Parallelhandlung, die Geschichte des jüdischen Arztes Kurt Lippmann, dessen Eltern 1938 aus Österreich nach England emigrieren und damit ihr Leben retten konnten. Der mittlerweile in Kanada lebende be­tagte Lippmann spendet aus innerer Verpflichtung Geld für österreichische Asyl(be)werber (auch für Jelena), damit diese in der Lage sind, den langwierigen Rechtsweg durchzuhalten. Das erste und das letzte Kapitel berichten schließlich von einer Demonstration gegen die österreichische Innenministerin, bei der zwei junge Männer scheinbar willkürlich verhaftet und später verurteilt wer­den. Natürlich er­greift Laher Partei, aber sein Roman ist dennoch eine differenzierte und nachdenkenswerte Anmerkung zur Lage. Die sachliche und manchmal protokollartige Sprache (teilweise verblüffend ähnlich den im Original zitierten Texten aus dem Verfahren!) trägt zu diesem Befund bei.

Die (Nürnberger) Tageszeitung vom 25.1.2016 beweist die Aktualität von Lahers Fall: „seit über einem Jahr kämpft eine Albanerin, mit ihren Töchtern Asyl zu bekommen, sie fürchtet in ihrer Heimat Blutra­che … zurück will Blerina in keinem Fall, mehrfach hat sie Suizidgedanken geäußert …“

 

http://www.ludwig-laher.com/index2.htm

http://www.haymonverlag.at/page.cfm?vpath=buchdetails&titnr=680


Robert Seethaler: Der Trafikant (Roman, 2012) *****

 

Die Literaturgeschichte ist reich an Adoleszenzromanen, somit muss sich Robert Seethalers Protagonist, der 17jähriger Franz Huchel, z. B. mit dem Zögling Törleß (Robert Musil) oder mit Hans Giebenrath (Herrmann Hesse) messen - und er besteht diesen Vergleich mit Bravour. Wir erleben fasziniert die Geschichte eines Jungen vom Land (er kommt aus dem verschlafenen Nußdorf am Attersee), den seine allein erziehende Mutter 1937 in die große Stadt Wien schickt, damit er dort bei einem Bekannten als Trafikanten-Lehrling arbeitet. Hier wird nun Franz nicht nur mit der ersten beruflichen Herausforderung sondern auch mit der ersten Liebe, der ersten Begegnung mit einer modernen Wissenschaft und mit massiven politischen Umwälzungen konfrontiert. Einerseits ist Franz von der Hektik der Großstadt irritiert, andererseits kann er aber mit seiner „natürlichen“ Beobachtungsgabe vieles treffend einordnen. Dazu ist es hilfreich, dass er gleichzeitig mit seiner ersten problematischen Liebesbeziehung zu der Varieté-Tänzerin Anezka in der Trafik den Psychologen Sigmund Freud kennenlernt. Die Gespräche mit ihm sind zwar aufschlussreich, enthüllen aber auch mit zarter Ironie die Grenzen der modernen Psychoanalyse. Immerhin entschließt sich Franz dazu, Kurznotizen seiner nächtlichen Träume ans Fenster der Trafik zu kleben. Die Machtübernahme der NSDAP in Österreich erfährt Franz an drei Handlungslinien: sein Chef, der Trafikbesitzer Otto Trsnjek, wird grundlos verhaftet, später erhält die Nachricht von seinem Tod in der Untersuchungshaft. Anezka, der er mit jugendlichem Liebesfeuer nachstellt, wirft sich an den Hals eines NS-Mannes. Und Sigmund Freud kündigt an, er werde morgen Österreich verlassen und nach England ausreisen. Mit der naiven Unschuld des jungen Mannes ist es nun endgültig vorbei, in einem letzten Akt von politischer Bewusstwerdung montiert Franz nachts vor dem Gestapo-Hauptquartier die NS-Fahne ab und lässt stattdessen die Hose von Otto im Wind flattern („wie ein Zeigefinger“). Am nächsten wird er abgeholt, doch sein letzter Traumzettel vom 7. Juni 1938 überlebt den 2. Weltkrieg: „Der Riss ging mitten durch das letzte Wort“. Robert Seethaler kann unprätentiös erzählen, pflegt einen angenehmen Stil der romantischen Ironie und verweist mit scheinbar banalen Episoden auf den Riss der in dieser Zeit durch Europa ging.


Hermann Broch: Die Schlafwandler (Romantrilogie, 1928 - 1932) *****

 

Thomas Bernhard hat die Lektüre empfohlen, Norbert Gstrein ebenfalls und der Autor Hermann Broch spricht in einem vollmundigen Selbstkommentar (1932) von einem Markstein und einem Wendepunkt der deutschen Erzählkunst. Grund genug also sich diesem umfangreichen Werk zu nähern, um am Ende beeindruckt festzustellen, dass es Broch gelungen ist, an drei / vier Hauptpersonen und ihren Schicksalen den gesellschaftlichen Wandel von der ausklingenden Romantik des späten 19. Jahrhunderts zur sogenannten Sachlichkeit der Epoche nach dem 1. Weltkrieg darzustellen. Zudem leistet die Trilogie auch in der sprachlichen Methode eine Exemplifizierung des Wandels vom poetischen Erzählen zum Unordnungsprinzip des modernen Romans: es wirkt, als habe Broch seine Feder zunächst von Theodor Fontane und später von Karl Kraus leiten lassen.

Der erste Teil führt uns an dem Premierleutnant Joachim von Pasenow den obsoleten Wertekodex des ostpreußischen Landadels und des Militärs vor, der wie eine romantische  Monstranz vor sich hergetragen wird, obwohl er - wie am Beispiel des Duells nachgewiesen wird - nicht mehr in ein aufgeklärtes Zeitalter passt. Wer einmal "Effi Briest" aus der Perspektive eines Mannes lesen will, ist mit "Pasenow oder die Romantik" bestens unterhalten.

Im Mittelpunkt des zweiten Teils steht der kaufmännische Handlungsgehilfe August Esch, der die Jahrhundertwende als verstörend erlebt: "alles geht durcheinander". Die Arbeiterbewegung wird unterdrückt und ihre Führer werden kaserniert. Er selbst sieht sich zu Unrecht entlassen und entschließt sich nach Kontakten mit Personen aus der Revuetheater-Branche zur Organisation von Damenringkämpfen. Tatsächlich erlebt er diese ungeordnete Welt als Spielfeld des Antichrist und phantasiert einen Erlöser herbei. Das Fazit von "Esch oder die Anarchie" ist aber eher resignativ: Wir haben hier auf Erden alle "auf Krücken unseren Pfad zu gehen".

Die Verwerfungen am Ende des 1. Weltkriegs - jene letzten Tage der Menschheit - ranken sich im dritten Teil um die Figur des Deserteurs Wilhelm Huguenau, der sich in einem Städtchen nahe der Mosel niederlässt und dort mit fragwürdigen geschäftlichen Tricks eine Wochenzeitschrift erwirbt. Die beiden Hauptfiguren der vorherigen Romane tauchen als Exponenten gesellschaftlicher Strömungen hier noch einmal auf. Huguenau repräsentiert den "zweckmäßig" und "wertfrei" handelnden Geschäftsmann, der im Wesentlichen die eigenen finanziellen Interessen verfolgt. Mit Opportunismus und taktischem Geschick laviert er sich durch die Wirrungen des revolutionären Oktober / November 1918, um am Ende als gutbürgerlicher Ehemann ein nicht mehr weiter berichtenswertes Leben zu führen. Mit "Huguenau oder die Sachlichkeit" sprengt Broch gleichzeitig die Formen des einsträngigen Erzählens, längerer Passagen sind philosophische Essays des Dr. Bertrand Müller über den Zerfall der Werte, einem ca. 400jährigen Prozess der Auflösung des christlich-platonischen Weltbildes durch das ambivalente Prinzip der Rationalität (Horkheimers "Dialektik der Aufklärung" lässt grüßen!). In jenem Bertrand findet sich auch der heimliche Held der gesamten Trilogie, der als Vorläufer der jeweiligen Zeitentwicklung fungiert.

Die Trilogie lässt sich als intensives zusammenhängendes Gedankenwerk lesen, es ist aber auch möglich, die einzelnen Teile gesondert auf sich einwirken zu lassen. In jedem Fall gelingt es Hermann Broch jenen eigentlichen Bereich der Literatur, den Bereich des irrationalen Erlebens zwischen realem Geschehen und Traumhaftigkeit (daher auch der Gesamttitel) eindringlich zu vermitteln.


Kristine Bilkau: Die Glücklichen (Roman 2015) ****

 

Im Jahre 2009 hat Peter Henning mit seinem Großfamilien-Roman „Die Ängstlichen“ ein beachtliches Psychogramm über ein Segment der bundesdeutschen Gesellschaft abgeliefert. Das gleiche Prinzip, aber einen anderen Focus verfolgt Kris­tine Bilkau (41) mit ihrem eindrucksvollen Debütroman „Die Glücklichen“. An der demografisch relevanten Kleinfamilie Georg (40), Isabell (35) und Kleinkind Matti will sie zeigen, wie eine Generation der Vorsichtigen mit Lebenskrisen um­geht. Bei Georg und Isabell scheint zunächst das Familienmo­dell sowohl emotional als auch finanziell zu funktionieren: er ist Redakteur bei einer (Hamburger) Tageszeitung, sie arbei­tet (wieder) als Cellistin in einer Musical-Produktion. Doch ein gewisses Unbehagen ist unverkennbar: „die Abläufe funktio­nieren perfekt und laufen aneinander vorbei“.

Die Krise setzt dann massiv ein, als Isabell wegen Nervosität und zitternder Hand nicht mehr auf hohem Niveau Cello spielen kann und sich krankschreiben lässt, und als Georg wegen einer Umstrukturierung des Verlags seinen Job verliert. Nun ist zwar Zeit (für die fürsorgliche Belagerung des Sohnes Matti) vorhanden, doch die finanziellen Wün­sche (große Altbau-Wohnung, gesunde Ernährung, Wochenendurlaube an der Ostsee) drohen zu platzen. Dies schlägt sich auch in Spannungen, Gereiztheiten zwischen den beiden Erwach­senen nieder. Der Tod von Georgs leicht dementer Mutter bringt keine Erleichterung, doch ur­plötzlich, im letzten der 41 Kapitel entwickelt sich möglicherweise eine bescheidene Idylle: „auf einmal war zwischen ihnen wieder Raum für etwas unwägbar Gutes“. In der „Vollkommenheit des Moments“ - hier ein entspanntes Picknick zu dritt im Stadtpark - entsteht neues (?) Glück.

Kristine Bilkau liefert mit den beiden Hauptpersonen zwei fundierte und durchdachte Charak­terstudien aus der Generation der 30 - 40jährigen , die die Aufstiegsmentalität ihrer Eltern nicht mehr nachvollziehen können, trotz eingeschränktem politischem Bewusstsein die Unsicherheit hinter der Fassade der Bürgerlichkeit spüren und das „Talent zur Unbeschwertheit“ nicht besit­zen.

Insgesamt ein höchst lesenswerter Roman, in dem sich viele Lese-Individuen partiell wiederfin­den können. Und bei dem Nachfolger „Die Über-Glücklichen“ wollen wir dann noch wissen, was sich in dem alten Safe im Wohnzimmer befindet!!


Christiane Neudecker: Sommernovelle (2015) ***

 

Zwei 15jährige Mädchen, die zum ersten Mal Urlaub ohne die Eltern machen - das könnte glatt eine weibliche Version der Tschick-Geschichte werden. Doch bei Christiane Neudeckers „Sommernovelle“ ist alle anders: Panda und Lotte kommen wohlbehütet aus intakten Familien, sind gymnasial gebil­det, sagen nur einmal „krass“ oder „verfickt“ und wollen ihre Freizeit für etwas Sinnvolles nutzen. Deshalb gehen sie nicht auf den Ponyhof, sondern haben sich für ein Praktikum bei einer Vo­gelwarte auf einer Nordsee-Insel angemeldet. Es ist 1989 - drei Jahre nach Tschernobyl und beide sind überzeugt: „es gab so viele Dinge, gegen die man etwas unternehmen musste.“ Doch die Sinnsuche gestaltet sich natürlich problematisch, wird über­schattet von Liebesschmerz, Pubertätskrisen und Auseinander­setzungen mit Erwachsenen. Die aus Nürnberg stammende Christiane Neudecker ist eine souveräne Erzählerin, die sich bis in sprachliche Details mit ihrer Protagonistin Panda identifiziert (oder umgekehrt: viel Biografisches investiert) und erst im letzten Kapitel Distanz aufbaut: 25 Jahre später. Die Mischung aus Beobachtungen der Nord­see-Fauna und -Flora (im Siegfried-Lenz-Gedächtnis-Ton) sowie den Reflexionen von Panda plätschert etwas dahin, bis auf S. 148 ff. ein besonderes Ereignis eintritt, das sogar  - novellen­theoretisch höchst korrekt - von einem großen Falken (!!) begleitet wird. Panda und Lotte rei­sen vorzeitig ab, weil sich ihr romantischer „free-as-a-bird-Traum“ mit der Realität nicht ganz vereinbaren lässt.

Der NDR hat die Novelle als Buch des Monats ausgewählt, in der SZ vom 13.7. findet sich ein sehr positive Rezension.


Thomas Kapielski: Je dickens, destojewski! Ein Volumenroman (2014) *****

 

Im politischen Leben der BRD gilt immer noch die Parole, dass die CSU die Lufthoheit über den deutschen Stammtischen für sich re­klamiert. Das Bild vom Stammtisch ergibt sich hier als eine An­sammlung von Menschen mit recht(s) reaktionärem, einfach struk­turiertem Gedankengut und der Vorliebe für Schwarz-Weiß-Male­rei. In eine ganz andere Welt entführt uns nun Thomas Kapielski mit seinem Roman, der im Wesentlichen an zwei ähnlich struktu­rierten Stammtischen in Berlin-Spandau und in Bamberg statt­findet. Dort treffen sich aber „weise und liebenswerte Leute, mit denen es lohnt zu reden“, Menschen beiderlei Geschlechts, die trotz heftigem Alkoholkonsum in intellek­tuelle (Un-)Tiefen vorstoßen, Originale, Nörgler, Lebenskünstler und gebildete Sonderlinge. Der Autor wirbt für dieses Milieu: „die verlorensten Welten verbürgen uns aufragendste Modernität“. Aus diesem Personal gewinnt Kapielski 455 Seiten für seinen „Volumenroman“, der - wie so oft - von Liebe und Tod handelt und sein Volumen aus der „Gleichzei­tigkeit von Liebes- und Krimi­nalroman“, vor allem jedoch aus der Freude am gepflegten Nonsens und am fein ziselierten Sprachspiel nimmt. In 294 „Kapiteln“ konferiert die Hauptperson Ernst L. Wuboldt (das L. steht für Leerstelle!) wechselweise im Span­dauer „Büttelmann“ und im Bamberger „Fässla-(ß)-Spezial“ mit einer Kernmannschaft sitzfester Ge­wohnheitstrinkerInnen. Daneben kommentiert er noch seine amourösen Abenteuer mit Spindel und Murmel und der ihm urplötzlich zugewiesenen Ehefrau Bucker samt ihrer zwei Kinder. Kapielskis stilvolle, dem 19. Jahrhundert verpflichtete Er­zählweise (Jean Paul und E.T.A. Hoff­mann lassen grüßen) bedient sich der Traditionen des Schelmenromans, schreckt aber auch nicht vor modernen Inhalten, Grobianismen und Abkanzeleien zurück, die stark an Eckhard Hen­scheid, Arno Schmidt, Thomas Bernhard oder Frank Schulz erinnern. Das liebevolle Spiel mit der Sprache wird noch durch eine putzige Vermi­schung der Erzählebenen - quasi als reflektierende Meta-Schiene - ergänzt, denn die Hauptfigur muss die Launen eines „Pohlen“, der eigentlichen „Schreibkraft“, ertragen, der ihm willkürlich in seine Lebenssituation hinein­pfuscht. Aus diesem „prekären Duett“ entstehen kunstvolle Reflexionen und innere Brüche, die dem höchst unter­haltsamen Roman Kultstatus bescheren werden. Wer also seinem edition-suhrkamp-Bücherre­gal eine ganz neue Farbe hinzufügen will, ist mit Kapielskis launigem Werk bestens bedient!

....................................................................................................................

Herzlichen Dank für ... Ihre erbaulichen Worte!                                          Ihr TK


Jonas Lüscher: Der Frühling der Barbaren (Novelle, 2013) ****

 

Große Ereignisse werfen literarische Schatten. Die deutsche Wieder­vereinigung 1989/90 produzierte mehrere Wenderomane, vor allem solche, die den Übergang von einem Staatssozialismus zu einer kapi­talistischen Demokratie thematisierten. Reaktionen auf die große Finanz- und Bankenkrise sind dagegen noch rar. Einen der ersten Ver­suche unternimmt nun Jonas Lüscher mit seiner originell komponier­ten Novelle, deren Titel sich aus einer Definition des Wirtschaftswis­senschaftlers Franz Borkenau ableitet: Barbarei ist "ein Zustand, in dem viele Werte der Hochkultur vorhanden sind, aber ohne die ge­sellschaftlichen und moralische Kohärenz, die eine Vorbedingung für das rationale Funktionieren einer Kultur ist." Mit anderen Worten: der schrankenlose Finanzkapitalismus zerstört den Zusammenhalt der Gesellschaft. Dies exem­plifiziert Lüscher an einem exotischen Setting, einer kleinen Geschichte "voller unglaublicher Wendungen", die der vornamenlose Preising (Erbe einer weltweit erfolgreichen Firma für Mo­bilfunkantennen) einem Freund (= "Ich") erzählt. Bei einer Erholungsreise zu einem Geschäfts­partner nach Tunesien hält er sich in einem luxuriösen Wüsten-Hotel auf. Auf der Fahrt dorthin erlebt er gleichzeitig einen "natürlichen" Unfall (Zusammenstoß eines Reisebusses mit einer Kamelherde) und die Meldung vom Zusammenbruch zweier englischer Großbanken. In dem Hotel trifft er dann auf eine große englische Hochzeitsgesellschaft - überwiegend junge Londo­ner BankerInnen. Am Tag nach der rauschenden Hochzeit kommt die erneute Meldung vom Zusammenbruch des englischen Bankensystems und dem Staatsbankrott. Die Jung-Banker verfallen nun in alkoholisierte Apathie und veranstalten eine "barbarische" Blut- und Brand-Katastrophe. Preising erfährt auf dem Flucht-Rückweg, dass in Tunis seine Produkte durch Kin­derarbeit gefertigt werden. Zurück in der - ach so zivilisierten - Schweiz zieht er das ernüchterte Fazit, dass sich wohl auch aus dieser Geschichte nichts lernen lässt. Lüscher ist ein differenzier­ter Erzähler, der mit ungewöhnlicher Symbolsprache einen kleinen Fokus auf die brüchige Fas­sade unserer schuldenfinanzierten und damit gar nicht so nachhaltigen Zivilisation wirft.


Frank Schulz: Morbus fonticuli oder: die Sehnsucht des Laien (Roman 2001) ****

 

Mit der Hauptperson Bodo Morten ist es Frank Schulz im Rahmen seiner Hagener Trilogie gelungen, eine Kultfigur zu schaffen. Von den drei Romanen, die knapp fünfzig Jahre eines Lebens darstellen, ist "Morbus fonticuli" sicherlich der schillerndste und abgefahrenste (neben "Kolks blonde Bräute", 1991 und "Das Ouzo-Orakel", 2006).

Darin erzählt der hypochondrische, stets gut durchalkoholisierte Bodo in Rückblenden von seiner Jugend in einem Kaff zwischen Hamburg und Hannover und als Abschluss von seiner Flucht in dieses Kaff, nachdem er das Leben und die anstrengende Dreier-Beziehung mit der lieben Anita und der sexsüchtigen Bärbel nicht mehr aushält. Die Freunde finden ihn aber nach etwa zehn Tagen, er geht in eine Psycho-Klinik und schreibt sein Schlusswort aus Griechenland (gleichzeitig Auftakt und Schauplatz für den dritten Roman).

Dazwischen ist Bodo ewiger Student (Germanistik?), Mitarbeiter bei einem Hamburgischen Anzeigenblatt ("Elbe-Echo") und teilweise arbeitslos. Gleichzeitig ist er penibler Journal- (= Tagebuch-) Schreiber, der sogar für jede Zeitperiode die Menge an Zigaretten und Alkohol auflistet. Bodo präsentiert sich also als klassischer Schelm, der sein ausschweifendes Sex, Drugs & Rock’n‘Roll-Leben immer mit der leisen Selbstkritik des verhinderten Intellektuellen betrachtet.

Frank Schulz hat sich dabei - keineswegs epigonal - an einige Vorbilder angelehnt. So erinnern die kauzigen Kiez-Figuren an Texte des frühen Udo Lindenberg und an Romane von Hubert Fichte. Bei Olli "Ditsche" Dittrich kann man ähnliche leer laufende Kneipen-Dialoge oder-Monologe finden. Von Sven Regener hat Schulz die Laber-Lust und die Liebe zu Außenseiter-Typen adaptiert. Der unvergessene Charles Bukowski war natürlich früher mal der beste Kenner des Trinker- und Raucher-Milieus. Große Parallelen finden sich zu Eckhard Henscheids "Trilogie des laufenden Schwachsinns", wo ein ähnlich ironischer Blick auf die Absurditäten des Alltags geworfen wird. Und unverkennbar schimmert die bildungsgesättigte sowie wortmächtige Sprache eines Arno Schmidt immer wieder durch die Zeilen (letzterer hätte allerdings nie ein Lexikon der verwendeten Fremd- und Fachwörter angefügt!). Auf jeden Fall ist das Schulzsche Opus magnus ein Gesamtkunstwerk, das spätestens nach 100 Seiten den Leser eingesaugt hat und nicht mehr loslässt.


John Williams: Stoner (Roman, 1965 / 2006) ****

 

Erst am Ende des unspektakulär erzählten Romans und am Ende des Lebens der Hauptperson William Stoner erkennt man die Tiefe und die Dimension dieser Geschichte: es ist nicht weniger als eine Fortschreibung der Faust-Tragödie im 20. Jahrhundert. Während aber der Goethesche Faust versöhnt die Augen schließen kann, zieht Professor Stoner das resignierte Fazit, "dass man sein Leben für gescheitert halten würde". Der Grund dafür ist zum einen die Tragödie des Wissenschaftler (als Professor für englische Literatur an der Universität in Columbus, Missouri): "er hatte ein Lehrer sein wollen … doch wusste er … dass er über weite Strecken seines Lebens nur ein mittelmäßiger Lehrer gewesen war … Er hatte Weisheit erstrebt und am Ende langer Jahre Unwissenheit erlangt". Die außer-wissenschaftlichen Machtkämpfe im Uni-Betrieb zerstören dazu immer wieder seinen Forscher- und Lehrer-Idealismus. Zum anderen erlebt er die Tragödie des Liebenden, der auf die "Einzigartigkeit … der Ehe" hoffte, aber nicht wusste, was er damit anfangen sollte und in seiner Frau Edith nur eine Absolventin der gesellschaftlich gewünschten Ehe-Rituale findet, der schließlich außerhalb der Ehe Liebe (zu der Doktorandin Katherine) erfährt, diese aber aus Furcht vor dem gesellschaftlichen Druck wieder aufgibt. So stellt sich für den aus ganz einfachen Verhältnissen aufgestiegenen Mann das Leben als eine Serie von Kompromissen und "grellen Zerstreuungen des Trivialen" dar, die ihn natürlich nicht befriedigen können. Eher dezent brechen in dieses auf den ersten Blick provinzielle Schicksal noch die weltweiten Tragödien des 20. Jahrhunderts hinein: der 1. Weltkrieg (mit dem Tod seines Freundes David Masters), die Weltwirtschaftkrise (mit dem Ruin seines Schwiegervaters) und der 2. Weltkrieg (mit dem Tod des Ehemannes seiner Tochter Clara). Wer sich also mit den existenziellen Dingen und der tatsächlichen Traurigkeit des Daseins (vgl. Albert Camus!) auseinandersetzen will, findet in diesem Überraschungs-Bestseller zahlreiche Anregungen.

 

Gastkommentar von Dr. U. H.:

Zunächst finde ich den Terminus des "unspektakulär(en)" Erzählens schief bis fehl am Platze.

Den Stil des Autors würde ich als ausgesprochen spröde und karg bezeichnen, - und damit passt er exakt zum kargen Leben der Romanfigur. Was soll denn bei einem Leben wie dem Stoners spektakulär erzählt werden? Das wäre entweder deplaciert oder ggf. reißerisch-sentimental. Gerade das lapidare Erzählen entspricht der Materie und erhöht die Wirkung ungemein.

Dazu gehört auch eine Art von minimalistischem Erzählen. Die Personen von Vater und Mutter und die Beziehung des Kindes zu den Eltern werden mit bewusst wenigen, kleinen, aber enorm bildkräftigen Strichen gezeichnet und lassen Personen und Umstände miniaturmäßig aufleuchten.

Mit der Faust-Paralle kann ich gar nichts anfangen, denn Stoner ist von Anfang bis Ende ein loser, und zwar in vielerlei Hinsicht. Ich finde schon die scheinbar nebensächliche Feststellung aussagekräftig "at seventeen his shoulders were already beginning to stoop beneath the weight of his occupation". Faust mit seinem aufwärts und außer sich Streben ist schon vom Gestus her das Gegenteil.

"He did his work at the university as he did his work on the farm - thoroughly, conscientiously, with neither pleasure nor distress". Sieht so Fausts Furor, Ekstase und Transzendenzgerichtetheit aus? Stoner - "He had no plans for the future" (!!!).

Wenn der junge Lehrende mit seinen Studenten arbeitet, erscheint er, als ob er sich verloren hätte ("Sometimes, as he spoke to his students, it was as if he stood outside himself and observed a stranger speaking to a group assembled unwillingly.") Identitätsverlust kann man Faust wahrscheinlich nicht nachsagen. Stoner ist m. E. ein im modernen Sinn Fremder, ein Unsicherer, der Sehnsüchte hat, elementare Bedürfnisse, für die er auch in seinem bescheidenen Rahmen unterdrückt-verzweifelt kämpft, aber er verliert alle, tatsächliche alle seine Kämpfe. Insofern ist er für mich eher ein Sinnbild einer absurden Existenz, aufgetischt auf vordergründig realistischer Ebene, aber höchst abgründig.