LIT.LIVE

Interviews, Lesungen etc.


Foto: Reitzammer
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"Es geht um alles"

Heinrich Steinfests Lesung in Fürth

 

Während vier Stockwerke tiefer ein buntes Karussell als Exponat der Fürther Rest-Kirchweih im Nieselregen seine letzten Kreise drehte, stellte Heinrich Steinfest in der Innenstadtbibliothek der Volksbücherei seinen neuen Roman „Der Chauffeur“ vor und entführte die Zuhörer in eine gar nicht trockene Welt des vielschichtigen, komplexen und höchst originellen Erzäh­lens.

Steinfest hat sich seit etwa 25 Jahren ein treues und wachsendes Lesepublikum erarbeitet, dazu auch in den Reihen der professionellen Literaturkritik einige Fans und Lobredner gewonnen. 2016 erhielt er für „Das Leben und Sterben der Flugzeuge“ den Bayerischen Buchpreis, 2014 war er mit dem Roman „Der Al­lesforscher“ auf der Shortlist des Deut­schen Buchpreises. Schon im März die­ses Jahres sollte er in Fürth lesen, Co­rona hat es verhindert.

Befragt von VHS-Chef Felice Balletta gab er interessante Einblicke in seine Ar­beitsweise: Er akzeptiere die „Eigen­dyna­mik beim Schreiben“, habe zu­nächst keinen durchgehenden Plan. So startet er beim „Chauffeur“ - wenig überraschend - mit einem Chauffeur, der aber den ungewöhnlichen Namen Paul Klee trägt und nach kurzer Zeit in eine Dilemma-Situation gerät, die es ihm unmöglich macht, diesen Beruf wei­ter auszuüben. Daraus entwickelt sich - typisch für Heinrich Steinfest - eine manchmal fast kafkaeske Verwandlung der Hauptperson, die durch zahlreiche Schauplätze gehetzt wird. Dies erlaubt dem Autor auf sympathische Weise vom Hundertsten ins Tausendste zu kom­men, etwa von einer dramatischen Ret­tungs­aktion im Inn bei Passau zu Refle­xionen über stilles Mineralwasser und über Sin­gles im Restaurant bis zur Lek­türe des Wikipedia-Eintrags zu dem Ort Wesen­ufer an der Donauschlinge. Steinfest ver­teidigt seine Konstruktion mit meh­reren Handlungs-„Fäden“, die sich teil­weise noch zerfasern: „Alles ist mitei­nan­der verbunden, am Ende ergeben die Fäden einen Teppich“.

So finden wir bei Steinfest eine schil­lernde Mischung aus feiner Ironie, die an Joseph von Westphalen erinnert, aus überbordender Fabulierlust, die auch von Ned Beauman stammen könnte, dazu Elemente aus dem - leider inflatio­när publizierten - Krimi-Genre sowie na­türlich Hunde, Liebe und Tod; oder um mit dem Autor zu sprechen: „es geht um alles!“

Heinrich Steinfest ist ein akribischer Sammler von Szenen und Situationen - „ich bin un­terwegs und klaube auf“ - ein leicht träumerischer Wanderer in einem ver­schrobenen Parallel-Universum - „des­wegen bin ich nicht Journalist gewor­den“ - und ein laufstarker Deutsch-Ös­ter­reicher, der politische Nachdenk­lich­keit und Wiener Schmäh in Einklang bringen kann.

Als Zugabe las er am Ende noch eine humorige Episode aus seiner „Ge­brauchsanweisung fürs Scheitern“: der misslungene Versuch, für zwanzig Gäste einer Geburtstagsfeier eine mengenmä­ßig ausreichende Frittatensuppe zuzu­bereiten. Loriot hätte seine Freude da­ran gehabt.


Heinrich Steinfest:

Der Chauf­feur

Piper Verlag (München 2020) 356 Seiten, 22,00 Euro

Heinrich Steinfest:

Gebrauchanweisung fürs Scheitern

Piper Verlag (München 2019)

240 Seiten, 15,00 Euro



„Die Mehrheit wollte keinen Sozialismus

und keine Zweistaatenlösung“

 

Interview mit Lukas Rietzschel

 

Lukas Rietzschel wurde 1994 in Räckelwitz (Ostsachsen) geboren und wuchs in Kamenz auf. Er studierte in Kassel Politikwissenschaft und Germanistik. 2017 war er mit seinem Text „Heimverteidigung mit allen Mitteln“ Gewinner bei „poet bewegt“, einem Wettbewerb für junge Literatur in Chemnitz. Mit seinem Debütroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ (2018) gelang es ihm eindrucksvoll, den Prozess der Radikalisie­rung junger Menschen in den Neuen Bundesländern darzustellen. Er zeigt an Philipp und Tobi, den Söhnen der Familie Zschornack, wie sich Perspektivlosigkeit, Versagen der Elterngeneration und Ein­flüsse von zweifelhaften Freunden zu einer rechtsradikalen Gesinnung verdichten.

Rietzschel engagiert sich heute in Görlitz und für das Literaturhaus in der Alten Synagoge, um einen Ort der Begegnung und der Diskussion zu schaffen. Er ist Mitglied der SPD und Beisitzer im Vorstand des Ortsvereins Görlitz. Von Mitte April 2019 bis März 2020 war er Literatur-Stipendiat der Villa Concordia in Bamberg. Anlässlich des 30jährigen Jubiläums der deutschen Wiedervereinigung sprachen wir mit dem Autor.

 

Herr Rietzschel, Sie sind ein Vertreter der sogenannten „Nachwendegeneration“, sehen Sie sich heute als Ostdeutscher, Deutscher, Europäer oder gar als Weltbürger?

Lukas Rietzschel: Seit einiger Zeit erst sehe ich mich und meine Sozialisation in einem Kontext ostdeutscher Erfahrungswerte und Erinnerungsmomente. Ich kann nicht abstreiten, dass ich mich von westdeutschen Freunden gleichen Alters unterscheide, aber natürlich gleichermaßen von Ostdeutschen älterer Generationen und von Menschen, die sich auf einem wie auch immer definierten ostdeutschen Territorium befinden, aber in Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt leben und eben nicht in Sachsen wie ich. Die Schnittmengen variieren je nach Betrachtung und Kategorie, am ehesten würde ich sagen, dass ich Oberlausitzer bin.

 

Was halten Sie von Jana Hensels These, Ereignisse des Jahres 1989 könne man feiern (Mauerfall, friedliche Revolution), den 3. Oktober 1990 eher nicht?

Für mich sind viele Dinge, die Jana Hensel fordert und proklamiert, nicht nachvollziehbar; diese These gehört dazu. Ich halte es für falsch, einzelne Ereignisse der Geschichte loszulösen, der 3. Oktober steht in einer Linie mit der friedlichen Revolution und dem Mauerfall, eine Mehrheit der ostdeutschen Bevölkerung stimmte dafür und eben nicht für eine Reformation des sozialistischen Systems innerhalb einer Zweistaatenlösung.

 

In Ihrem Roman spielt der Rechtsradikalismus eine gewichtige Rolle. Halten Sie das im Wesentlichen für ein Ost-Problem?

Absolut nicht, nein. Er beschränkt sich ja weder auf Ostdeutschland, noch generell auf Deutschland, noch auf Europa. Die Frage ist doch, wie er in Erscheinung tritt und wie er wahrgenommen wird. Da muss man ganz klar feststellen, dass die ostdeutsche Mehrheitsgesell­schaft immer noch wenig sensibilisiert ist, was Vorgehen und Wirken rechter Strukturen betrifft. Neonazis in Dortmund können ganz anders agieren, müssen es vielleicht auch untergründiger, als das mitunter in der ostdeutschen Provinz möglich ist.

 

Aktuelle empirische Untersuchungen zeigen auch bei der Nachwendegeneration eine Kontinuität der Selbst- und Fremdzuschreibungen; das heißt Westdeutsche gelten als reich und arrogant, Ostdeutsche als arm, bescheiden und freundlich. Vorurteil oder Realität?

Um den Untersuchungen zu widersprechen, müsste ich sagen, dass das nicht stimmt. Allerdings habe ich immer wieder feststellen müssen, dass ich diese Bewertungsmaßstäbe mitunter eins zu eins von meinen Eltern übernommen habe. Das führt so weit, dass ich bei Protz-Autos zuerst aufs Kennzeichen gucke und dann erschrecke, wenn es ein ostdeutsches Kennzeichen ist. Aber ich arbeite daran, meine Vorurteile abzubauen.

 

In Ihrem Roman werden die sozialen Folgen der wirtschaftlichen Transformation in den neuen Bundesländern thematisiert. Können Sie sich rückblickend eine Wiedervereinigung ohne die anfangs schmerzhaften Umbrüche vorstellen?

Polen und Tschechien haben wesentlich härtere Umbrüche erlebt, als das im Ansatz in Ostdeutschland passiert ist, diese Länder stecken noch immer in tiefen Transformationsprozes­sen, während sich Teile Ostdeutschlands nachhaltig erholt haben. Ich glaube nicht, dass diese Prozesse schmerzfrei ablaufen oder abgelaufen sind, ich bin sogar der Meinung dass gewisse Kränkungen und seelische Verwundungen innerhalb von Generationen weitergegeben werden.

 

Wie erleben Sie 30 Jahre nach der Wiedervereinigung die Aufarbeitung der DDR-Vergangen­heit?

Ich glaube, dass wir das erste Mal überhaupt in diesem Prozess in der Lage sind, auf Augenhöhe zwischen Ost und West zu diskutieren. Ich sehe, dass sich seitens der westdeutschen Öffentlichkeit viel verändert hat und dass auf der Seite der Ostdeutschen eine Generation spricht, die die DDR kaum oder gar nicht mehr erlebt hat, aber dadurch befreiter und naiver argumentieren und nachfragen kann. Bislang war es üblich, ostdeutsche Intellektuelle nach ihrer Vergangenheit zu befragen, bevor sie etwas über die DDR sagen durften. Diese Menschen wurden sofort in Unterstützer / Oppositionelle-Schemata eingeteilt, was einen guten Diskurs verhinderte. Diese Barrieren können der nachfolgenden Generationen nicht mehr in den Weg gelegt werden, schauen Sie sich an, wer derzeit über den Osten spricht und streitet, das sind überwiegend Menschen um die 30.

 

https://lukasrietzschel.de/


Foto: Reitzammer
Foto: Reitzammer

"Ein bisschen Mitleid mit Fußballspielern"

 

Interview mit Tonio Schachinger vor der Lesung in

Nürnberg, 3.3.2020 (Buchhandlung Jakob)

 

Tonio Schachinger (geboren 1992 in Neu Delhi, aufgewachsen in Nicaragua) studiert Germanistik und Sprachkunst in Wien. Mit seinem Debütroman „Nicht wie ihr“ kam er 2019 in die Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Vor der Lesung in der Nürnberger Buchhandlung Jakob sprach er über seine Beziehungen zum Profifußball und über seine literarischen Ambitionen.

 

Herr Schachinger, ihr Roman offenbart eine große Nähe zum modernen Profifußball. Wie intensiv haben Sie dafür recherchiert?

Es ist eine emotionale Nähe zu dieser Figur, weniger zum Profifußball an sich. Ich habe auch keine Dauerkarte bei Rapid Wien und war nur einmal als Zuschauer bei einem Trainingslager der österreichischen Nationalmannschaft. Außerdem schaue ich mir die deutsche Bundesliga ab und zu im Fernsehen an, weil ja dort mittlerweile viel Österreicher mitwirken. Sehr interessant waren für mich aber die Social-Media-Accounts einiger Spitzenspieler.

 

hre Hauptperson Ivo Trifunovic erinnert ziemlich an den österreichischen Nationalspieler Marco Arnautovic. Haben Sie dem schon ein Exemplar zugeschickt?

Er hat sicher mitbekommen, dass es das Buch gibt. Bei einer Lesereise in China habe ich ihn zu einem Termin in Shanghai eingeladen, er ist aber nicht gekommen. Ich glaube auch, dass Fußballer kein Interesse haben, mit so etwas assoziiert zu werden, weil sie das PR-mäßig für ein Risiko halten.

 

Gab es schon Reaktionen auf ihren Roman aus dem Lager der Fußballprofis?

Der Pressesprecher von Rapid Wien hat mir erzählt, dass er das Buch auf Empfehlung des Rapid-Masseurs gelesen hat und dass es ihm gut gefallen hat. Der ÖFB hat sich dazu nicht geäußert. Das verstehe ich, weil der Roman schon ein bisschen angriffig ist und man sich in dieser Blase des Profifußballs ungern mit Kritik beschäftigt.

 

Was würde Ivo zum gegenwärtig grassierenden Rassismus unter den Fußballfans sagen?

Ich habe das Buch 2016 begonnen und es ist schade, dass dieses Thema immer noch so präsent ist. Ich finde auch, dass Spieler gegenüber solchen Angriffen weniger geschützt werden als ein Milliardär namens Hopp. Da gibt es ein Ungleichgewicht des Mitleids gerade in der deutschen Presse!

 

Warum können einige Fans dem mittlerweile ganz normalen Multikultu­ralismus im Profifußball nicht folgen?

Bei den sehr reichen Profifußballern spielt die ethnische Zugehörigkeit keine große Rolle, aber bei den „armen“ Fußballfans ist es eigentlich kein großes Wunder, weil ein gewisser Prozentsatz der Gesellschaft, der sich in den Stadien wiederfindet, eben rassistische Vorurteile pflegt. Außerdem möchte ich Ivo zitieren: „Österreich wäre ohne Migranten genauso fad wie Deutschland“.

 

Was würde Ivo dazu sagen, dass Frank Ribery im 5-Sterne-Hotel ein Steak mit Goldpanierung isst oder dass Leipziger Spieler sich im Trainingslager einen Starcoiffeur aus England einfliegen lassen?

Er würde sagen, dass alle, die sich darüber beschweren, scheinheilig sind. Man weiß doch, wie viel diese Spieler verdienen, die könnten das Geld auch zum Spaß mal verbrennen.

 

Was stört Ivo besonders an Sportjournalisten?

Er hat zu denen ein undifferenziertes Verhältnis. Ich selber habe mittlerweile festgestellt, dass die Lücke sehr groß ist, zwischen denen, die eine sehr gute Arbeit machen, und denen, die die ganze Zeit über Sachen reden, die nicht bewiesen sind, und Mutmaßungen anstellen, über Sachen, die sie gar nicht wissen können. Literaturkritiker spielen auf dem gleichen Spielfeld wie die Schriftsteller - beide hantieren mit Sprache; Sportjournalisten müssen dagegen nicht ihr fußballerisches Geschick beweisen.

 

Haben Sie vor der Abfassung ihres Debütromans über die Beziehung zwischen Fußball und Literatur recherchiert?

Vieles von dem, was ich dazu gelesen habe, fand ich unbefriedigend, z. B. „Fußball“ von Jean Philippe Toussaint. Auch „Fever Pitch“ von Nick Hornby habe ich nicht zu Ende gelesen.

 

Der Titel „Nicht wie ihr“ verdeutlicht eine Abgrenzung der Hauptperson - von wem?

Der Titel ist doppeldeutig. Zum einen ist es die Abgrenzung von jemandem, der sich als besonders empfindet und in einer ständigen Abwertungsspirale alle anderen schlecht macht. Zum anderen geht es um eine Person, die ein total entfremdetes Leben führt, gleichzeitig aber mit sehr alltäglichen Problemen zu tun hat (Rückenschmerzen, Affäre mit einer anderen Frau, Kindererziehung).

 

Was können Fußball-Muffel aus dem Roman lernen?

Sie können ein bisschen Mitleid mit Fußballspielern entwickeln. Der Roman ist ja in einem zweisemestrigen Seminar an der Universität für angewandte Kunst in Wien entstanden, und meine fünf Mitstudenten hatten von Fußball keine Ahnung.

 

Ist man traurig, wenn man sich in der Shortlist des Deutschen Buchpreises wiederfindet und dann doch nicht 1. Sieger wird?

Ich war sogar sehr erleichtert, weil das in meinem jugendlichen Alter fast zu viel gewesen wäre. Vielleicht hätte ich dann ein ähnliches Schicksal erlitten wie mein Protagonist.

 

Wird Ihr nächster Roman den österreichischen Skisport um Marcel Hirscher oder die Tennisszene um Dominic Thiem beleuchten?

Es wird etwas ganz anderes werden. Allerdings möchte ich keine Vorankündigungen machen, weil die Arbeit noch in den Anfängen steckt.

 

Haben Sie sich vor der Lesung in Nürnberg über das Schicksal des 1. FCN informiert?

Ich kenne die Situation dieses Vereins und habe mir auch Spiele angeschaut, als Guido Burgstaller noch mitkickte. Bei einer Lesung vor kurzem in Karlsruhe wurde ich informiert, dass Nürnberg dort gewonnen hat.


"Natürlich war es auch ein perverser Spaß"

Jörg-Uwe Albig über seinen neuen Roman "Zornfried"

 

Herr Albig, was hat Sie dazu bewogen, eine Burg im unterfränkischen Spessart als Schauplatz zu wählen?

Jörg-Uwe Albig: Der Spessart war für mich vor allem ein Resonanzraum, in dem Jahrhunderte alte Gruselgeschichten nachhallen, von den Gebrüdern Grimm bis zum „Spukschloss im Spessart“. Außerdem soll er ja das größte zusammenhängende Laubwald-Gebiet Deutschlands sein - also ein idealer Schauplatz für die Wald-Obsession, die die Bewohner der Burg umtreibt.

 

Gab es für die Kunstfiguren des Freiherrn von Schierling und des Dichters Storm Linné Vorbilder?

 Jeder von den beiden hat ein eigenes Leben, einen eigenständigen Charakter. Aber Schierling hat durchaus Anteile von mehreren öffentlichen Figuren, die in den vergangenen drei Jahren durchs Bild gerauscht sind und die wiederzuerkennen ich gerne den Leserinnen und Lesern überlassen würde. Bei Linné hatte ich das Problem, dass die Neue Rechte bisher zwar Romanciers, Liedermacher und Rapper hervorgebracht hat, aber keinen nennenswerten Lyriker. Da haben mich dann eher die Protagonisten der sogenannten Konservativen Revolution inspiriert.

 

War es für Sie eine harte Arbeit, die (ca. 30) „Gedichte“ des Herrn Linné zu verfassen?

Es war schon eine Herausforderung, möglichst trübe Gedanken in eine möglichst klare, handwerklich saubere Reimform zu bringen. Aber natürlich war es auch ein perverser Spaß.

 

Taugt der kulturpolitische Flügel der Neuen Rechten als Objekt einer Satire?

Wenn der Roman tatsächlich eine Satire ist (da bin ich mir nicht so sicher), dann geht es ihr nicht so sehr um eine konkrete Politik. Es geht um rechte Mentalität, rechte Sehnsüchte, rechtes Begehren. Und natürlich gibt es längst großartige Satiren über rechte Mentalität, z.B. Heinrich Manns „Untertan“ oder Sartres „Kindheit eines Chefs“. Aber mein Thema ist eher, glaube ich, die merkwürdige und zwiespältige Anziehungskraft, die diese Mentalität heute auf die liberale Öffentlichkeit auszuüben scheint.

 

Sie setzen sich in Ihrem Roman auch kritisch mit der Rolle der Medien ausein­ander. Wie sollte seriöser Journalismus auf neonazistisches, völkisch philosophierendes Gedankengut reagieren?

Er sollte ihm vor allem nicht mehr Aufmerksamkeit schenken, als ihm seiner intellektuellen Bedeutung nach zukommt. Er sollte vermeiden, das heroische Bürgerkriegs-Szenario zu bedienen, in dem sich die Völkischen so gefallen - also keine Skandalisierung, Verbotsforderungen etc. Und natürlich sollte er vermeiden, die Protagonisten per Homestory zu Helden (wie tragisch und negativ auch immer) aufzublasen.


Ein Grieche in Unterfranken

Interview mit Gerasimos Bekas

 

Herr Bekas, was waren/sind Ihre Verbindungen zu Würzburg und zu Franken?

Ich kam im Alter von acht Jahren mit meiner Familie nach Franken. Ich bin dort zur Schule gegangen und habe in Würzburg und Bamberg studiert. Meine Familie lebt immer noch dort, ich bin während des Master-Studiums nach Berlin gezogen.

 

Welche Ergebnisse hatte Ihr einjähriges Leonhard-Frank-Stipendium?

Das Ergebnis ist ab April 2019 im Mainfran­kentheater Würzburg zu sehen. Entstanden ist das Stück „Sisyphos auf Silvaner“, ein Stück, das ich über zehn Jahre als Fragment mit mir herumgetragen habe und das jetzt zur Uraufführung kommt.

 

In seinem autobiographischen Roman „Links wo das Herz ist“ (1952) forderte Leonhard Frank ein „Glaubensbekenntnis … für die hoffnungslose europäische Jugend“. Wie hoffnungsvoll sind Sie mit Blick auf den Zustand der Europäischen Union?

An Hoffnung mangelt es mir nicht, aber wir müssen geduldig sein. Nach Jahrzehnten des Individualismus und der selbstverständlichen Erasmus-Reisen braucht es offenbar erst den Rand der Katastrophe, damit sich gesellschaftlich etwas bewegt und junge Menschen sich gefordert fühlen.

 

Wie erleben Sie das Verhältnis Deutschland - Griechenland einige Jahre nach der Euro-Finanzkrise und nach der Auseinandersetzung zwischen den damaligen Finanzministern Varoufakis und Schäuble?

Aus meiner Sicht hat sich das deutsch-griechische Verhältnis sehr entspannt, Varoufakis ist demontiert, Schäuble zieht sich langsam zurück, aber es gibt noch einige Zündschnüre, die bereit liegen. Solange die griechische Regierung kooperativ bleibt, um es etwas euphemistisch auszudrücken, und es der deutschen Öffentlichkeit egal ist, was in Griechenland passiert, bleibt es ruhig. Spätestens bei der nächsten Wahl wird es wieder etwas lauter werden.

 

Sie lassen in Ihrem Roman den Adoptivvater Helmut sagen, in Griechenland gehe „immer alles genau ein Mal mehr schief, als es schiefgehen konnte“. Könnte man Ihre „emotionale Allergie“ auch als Hassliebe bezeichnen?

1995 beschlossen meine Eltern nach Deutschland zu ziehen. Mir ging es gut in Griechen­land. Ich konnte am Strand entlang zur Grundschule laufen und verbrachte meine Nachmittage in der Markthalle, wo mir Schlachter und Fischer von „früher“ erzählten. Ich wollte nicht weg. Sicher haben sich mir dadurch viele Möglichkeiten eröffnet, vor allem beruflich. Kaum ein griechischer Autor kann von seinem Beruf leben. Selbst in Deutschland ist das ja eher die Aus­nahme. Trotzdem ist für mich Griechenland mit all den Kindheitserinnerungen ein Sehnsuchts­ort, den ich mir kultiviere. Und der Zustand des Landes ist eine ewige Tragikomödie.

 

Aris, die Hauptperson des Romans, erfährt eher unfreiwillig von den Massakern der deutschen Wehrmacht 1943 in Griechenland. Was löst diese neue Einsicht bei ihm aus?

Er ist überfordert. Auf der einen Seite hilft es ihm, weil er so die Möglichkeit hat seine abstrakte Opferrolle mit Inhalt zu füllen. Auf der anderen Seite übersteigen die Massaker das, was ein Mensch sich vorstellen kann.

 

Gleichzeitig erlebt Aris als Angestellter relativ emotionslos den Notstand in einem Würzburger Pflegeheim. Muss man im Pflegeberuf abgestumpft sein?

Ich glaube die große Herausforderung besteht darin, nicht abzustumpfen. Wer wirklich abstumpft, kann den Job nicht lange machen, weil dann menschlich etwas in einem kaputt geht. Es braucht eine gesunde Distanz und eine Portion Pragmatismus, sowie das Festhalten an den kleinen alltäglichen Erfolgserlebnissen, die es immer wieder gibt.

 

Sie zitieren im Roman-Titel und beim Motto eine Songzeile von Leonhard Cohen: „Everybody knows the war is over / Everybody knows the good guys lost“. Im Epilog fordert die Romanfigur Sibel vom Autor aber ein Happy End. Warum verweigern Sie das?

Ein reines Happy End wäre zu einfach gewesen und der Geschichte nicht angemessen. Ich bin froh, dass Sibel das für mich übernommen hat.

 

Bisher sind von Ihnen vor allem Theatertexte bekannt. Was veranlasste Sie zu dem Debütroman?

Als ich im Frühling Dezember 2016 beschloss nach zwei Jahren in Athen wieder nach Berlin zu ziehen, wollte ich etwas schaffen, das mir als Erinnerung bleibt. Eine Art Abschiedsbrief. Und in meiner Zeit in Athen musste ich viel an Franken denken, ich kann gar nicht sagen, wieso. Die Geschichte kam mir eines Tages, als ich durch die Straßen des Viertels Exarcheia lief. Es regnete und ein Mann rutschte auf einer nassen Marmorplatte aus. Da hatte ich den halben Roman im Kopf.

 

Die Bücher welcher griechischer Gegenwarts-Autoren - außer Gerasimos Bekas - sollte man einmal in die Hand nehmen (möglichst in deutscher Übersetzung)?

Leider wird bisher kaum aus dem Griechischen übersetzt. Einige kennen vielleicht Ioanna Karystiani, erschienen bei Suhrkamp. Es gibt aber den großartigen Band mit Erzählungen „Warte nur, es passiert schon was“ von Christos Ikonomou, im C.H. Beck Verlag. In der Lyrik passiert mehr, z.B. auf fixpoetry.com, wo regelmäßig griechische Dichter in deutscher Übersetzung präsentiert werden.


"Ich mag meine Helden, auch wenn sie moralisch schon recht dubiose Gestalten sind"

 

Wir sprachen mit dem Autor Thomas Klupp über seine Herkunft und über seine schriftstellerische Arbeit:

 

Welche Erinnerungen haben Sie noch an Ihre Zeit in Mittelfran­ken?

Ich bin in Großgründlach aufge­wachsen, nahe der Auto­bahn­auffahrt Tennenlohe. Ich weiß noch wie wir mit unseren BMX-Rädern über die Felder zur Autobahn geradelt sind und Zeug gesammelt haben, Autospiegel, Zigaretten­schach­teln, alles, was dort so herumlag. Es waren die ersten kleinen Abenteuer, so was vergisst man nicht. Mit Sieben bin ich dann aber schon nach Weiden gezogen.

 

Kann man Ihr Verhältnis zu Weiden, dem Ort Ihrer Jugend, als Hassliebe bezeichnen?

Ich würde eher von einer Fernliebe sprechen. Wobei das jetzt mit einer Portion Altersmilde gesprochen ist, vor 20 Jahren hätte ich bestimmt anders geantwortet.

 

Hat Sie der Deutschunterricht am Kepler-Gymnasium (Weiden) der Literatur und dem eigenen Schreiben näher gebracht?

Nicht unbedingt der Deutschunterricht als solcher, aber es gab ein paar großartige LehrerInnen, die zum Beispiel den Werther oder Homo Faber so besprochen haben, dass die Texte plötzlich mit dem eigenen Leben zu tun hatten. Das hat die Liebe zur Literatur natürlich gefördert.

 

Sollte Ihr aktueller Roman "Wie ich fälschte …" im Sinne der Selbstreflexion von Schülern Pflichtlektüre im Deutschunterricht werden?

Ich hätte es als Schüler super gefunden, einen zeitgenössischen, schwarzhumori­gen Schulroman im Unterricht zu lesen. Ich vermute aber, dass das Kultusministerium eine etwas, ich sage mal, klassischere Auffassung von Schullektüre hat. Wobei, die Leute waren ja auch mal jung. In diesem Sinne: Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

 

"Eine Stadt, so spektakulär wie ein Taubenschiss" denkt Ihr Ich-Erzähler Benedikt Jäger über Weiden. Gab es schon Reaktionen aus der Region?

Auf der anderen Seite sagt er aber auch so Dinge wie: "Leuchtendes, funkelndes Weiden." Viele Leser aus der Region haben das auch so wahrgenommen, also dass hier ein vielschichtiges Bild von der Stadt gezeichnet wird. Tatsächlich war die Lesung in Weiden eine der lebhaftesten und lustigsten, die ich hatte.

 

Hat das soziale Umfeld (Vater = Chefarzt), dem Sie und Ihre beiden Protagonisten entstammen, Ihr Scheiben und das Handeln von Alex Böhm und Benedikt Jäger geprägt?

Das tut es ganz automatisch. Zugleich charakterisiere ich in meinen Romanen aber auch Lastwagenfahrer, Kleinkriminelle oder Bäuerinnen, Menschen also, deren Lebenswelt ich nicht aus erster Hand kenne. Es ist bei mir immer ein Mix aus beidem.

 

Haben Sie geahnt, dass das zentrale Motiv Ihrer Hauptpersonen, das Lügen und Fälschen, zu einem Symbol der gegenwärtigen Öffentlichkeit werden könnte?

Die Politik, das Bankenwesen, die FIFA, die Autoindustrie - überall wird in großem Stil getäuscht, betrogen und gelogen. Genau diese Doppelmoral unserer Gesellschaft, die auch meine Figuren charakterisiert, ist glasklar ein Hauptmotiv meiner Romane.

 

Wie blicken Sie als Autor auf Ihre beiden Hauptpersonen: mit Sympathie, mit Ironie, mit Kritik?

Ich mag meine Helden, auch wenn sie moralisch schon recht dubiose Gestalten sind. Aber wenn man am Schreibtisch Tausende von Stunden mit seinen Figuren verbringt, wachsen sie einem ans Herz.

 

Sie waren mit Ihrem aktuellen Roman in der Endausscheidung des Bayerischen Buchpreises 2018 (Belletristik). Hätten Sie Ihrem Roman auch den Sieg zugetraut?

Natürlich habe ich darauf gehofft, aber den Ausgang solcher Preise kann man vorher nie berechnen.

 

Geben Sie als Dozent am Literaturinstitut der Universität Hildesheim den Studenten auch Anleitungen zum Schreiben?

Es ist eher so, dass ich Fragen an die Texte der Studierenden richte, auf Stellen deute, die ich besonders gut oder problematisch finde. Ziel ist es, die Selbstreflexion der Studierenden zu fördern. Letztlich hat ja auch jeder Text seine eigenen Regeln, die man als Autor nach und nach entdecken muss.

 

Die Hauptpersonen der beiden bisherigen Romane sind ca. 15 bzw. ca. 25 Jahre alt. Kommt jetzt zur Vervollständigung einer "Trilogie des laufenden Schwachsinns" (Eckhard Henscheid) noch die Geschichte eines 35jährigen?

Mal schauen. Ich habe verschiedene Ideen und weiß noch nicht, welche sich durchsetzen wird. Fest steht aber, dass es auch im nächsten Roman politisch allenfalls mittelkorrekt zugehen wird.

 

https://www.piper.de/buecher/wie-ich-faelschte-log-und-gutes-tat-isbn-978-3-8270-1366-8

https://www.uni-hildesheim.de/schreiben/mitglieder/thomas-klupp/


Lara Ermer
Lara Ermer

Derbe + sperrige + neue Texte auf der Dachterrasse

 

Der letzte warme Sommerabend 2018: auf der Vobü-Terrazza über den Dächern von Fürth sind die weißen Segel gespannt und die untergehende Sonne scheint rostrot durch Aperol-Sprizz-Cocktailgläser. Dies ist das stimmungsvolle Ambiente für eine Lesung im Rahmen des Programms „eigenWort“, bei der sich drei junge Nachwuchsautoren „ohne doppelten Boden“ präsentierten.

Lara Ermer, die kesse und erfolgreiche Poetry-Slammerin mit dem Lena-Meyer-Landrut-Charme kündigte diesmal auch „derbe“ Texte an und erforschte angesichts eines Tampon-Kaufs an der Supermarkt-Kasse ihre privaten Feuchtgebiete unter dem Titel „Erdbeerwoche“. Ebenfalls witzig: die Leiden der jungen Psychologiestudentin, bei der jeder Small Talk zu einer Therapiesitzung wird („Verrückt sind nur die anderen“). Dass Humor und Engagement auch zusammenpassen, bewies sie mit einem Demo-Gedicht gegen das neue bayerische Polizeiaufgabengesetz („Sicherheit statt Recht auf Freiheit“). Der munteren Gustavstraßen-Bewohnerin wünscht man, dass sie den Sprung von der schnellen Pointe zum längeren Roman wagt - Bov Bjerg hat’s vorgemacht!

Etwas sperriger sind die Texte von Immanuel Reinschlüssel, der mit Elementen des Hörspiels und des Films arbeitet. Seine Geschichte über die verwirrte Großmutter, die ständig ein entsetzliches Klappern hört, erinnert fast ein wenig an den berühmten fünften Traum von Günter Eich. Die „Sinfonie der Schritte“ im Treppenhaus eines Miet-Altbaus könnte die Vorlage für einen Kurzfilm sein.

Etwas sperriger sind die Texte von Immanuel Reinschlüssel, der mit Elementen des Hörspiels und des Films arbeitet. Seine Geschichte über die verwirrte Großmutter, die ständig ein entsetzliches Klappern hört, erinnert fast ein wenig an den berühmten fünften Traum von Günter Eich. Die „Sinfonie der Schritte“ im Treppenhaus eines Miet-Altbaus könnte die Vorlage für einen Kurzfilm sein.

Robert Segel, der mit Reinschlüssel seit zehn Jahren als Autorenduo „Die Schaffenskrise“ veröffentlicht, stellte zehn garantiert neue und noch nie vor Publikum gelesene Miniaturen vor, die er mit der Überschrift „Sehnsuchtsszenen“ versehen hat. Dabei geht es um kleine menschliche Schicksale: um einen Arbeiter, der jeden Tag an der Bushaltestelle seinen Tag beginnt („So spät“), um eine junge Frau, die nach einer Abtreibung das Familienglück anderer neidisch beobachtet („So unausgesprochen“), oder um den unbekannten Straßenmusikanten Dave Stewart, der in der Fußgängerzone von Stockholm hingebungsvoll „Fields Of Gold“ von Sting interpretiert („So golden“).

Und weil ja 2018 ein Festjahr ist - vor 200 Jahren wurde Fürth eine „Stadt erster Klasse“, was aber nichts mit Fußball zu tun hat! - brachten alle drei Autoren einen Text über ihre Heimatstadt mit. Die Band Creedence Clearwater Revival hatte mal einen Song gemacht, in dem sie erzählten, immer in der Kleinstadt Lodi steckengeblieben zu sein. So ähnlich hörte sich das auch bei Ermer, Reinschlüssel & Segel an: Liebe, Sehnsucht und Hassliebe sind die bestimmenden Emotionen. Am Ende schien unbeeindruckt der Halbmond über Fürth und die nächsten Lesungen (z. B. am 25. Oktober mit Ewald Arenz) müssen wohl drinnen stattfinden.


Foto: Reitzammer
Foto: Reitzammer

Reise in den Osten

 

Navid Kermani präsentiert sein Buch "Entlang den Gräben"  (C. H. Beck, München. 442 Seiten, 24,95 Euro)

 

Ein Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels (2015) reist zu den Kriegs­schauplätzen im Osten. So könnte man Navid Kermanis neues Buch-Projekt „Entlang den Gräben“ beschreiben, das er ganz druckfrisch im ausverkauften In­nenhof n der Erlanger Stadtbibliothek vor­stellte.

Kermani, der übrigens 1987 ein Se­mester lang an der FAU studierte und dessen Vater nach der Flucht aus dem Iran ab 1959 ein paar Jahre in Erlangen lebte, be­schreibt 54 Tage, in denen er von seiner Heimatstadt Köln durch den Osten Eu­ropas bis nach Isfahan, der Heimat sei­ner Eltern gefahren ist. Er sieht sich auf Fragen der sehr dezent nachfasssenden Moderatorin Christine Lubkoll als subjektiven „literarischen Reisereporter“ in der Tradition von Johann Gottfried Seume, Heinrich Heine oder Roger Willemsen, der das Moment des Fiktiven meidet und mit großem Interesse die „Gräben“, die durch Kriege, Bürgerkriege, religiöse und ethnische Auseinandersetzungen aufgerissen wurden, auslotet.

Als interkultureller Religionsversteher, Orientalistik-Experte („ich bin aber kein Islamwissenschaftler“) und kritischer Zeit­beobachter entwickelt Kermani einen sehr eindringlichen Reportagestil, zu­sammengesetzt aus historischen und gesellschaftlichen Reflexionen sowie in­tensiven Vor-Ort-Interviews: „Die Gespräche waren von mir akribisch vorbereitet, Übersetzer waren notwendig, an einigen Orten (z. B. in Grosny) war es auch schwierig Leute zu finden, die bereit waren zu reden“. Immer wieder themati­siert er in seinem „Erinnerungsbuch“ auch die eigene deutsch-iranische Iden­tität, die Frage nach der Bindungskraft Europas und die Rolle der Religionen zwischen Säkularisierung und Funda­mentalismus.

Bei seinem Besuch des Konzentrati­onslagers Auschwitz (3. Tag) trug er als Mensch mit doppelter Staatsbürgerschaft den Aufkleber „deutsch“ und traf auf eine Gruppe jüdischer Jugendlicher, die ihm erklärten: „Vorher war der Holocaust nur eine Schullektüre wie andere. Ehrlich gesagt hat uns das nicht mehr interes­siert als Algebra“. Kermani beschrieb dem Auditorium, wie er den Jugendlichen den Kniefall von Willy Brandt nahe gebracht hat: „Schuldbewusstsein und Verantwortlichkeit - das sollten die Eckpfeiler einer deutschen Leitkultur sein!“

In der agrarischen Einöde Weißruss­lands - eine „sterbende Welt“ - (18. Tag) redete er mit dem Schriftsteller und Blogger An­drej Horvath, der für seine Dorf-Mitbe­wohner resigniert feststellt, dass bei ei­nem Preis von 80 Cent für die Flasche Wodka die Politik des Diktators Luka­schenko in der fernen Hauptstadt Minsk egal ist. Dem Besucher aus Deutschland vermittelte er: „Europa ist für uns nur ein Name“ - und für Kermani wird unsere enge Fixierung auf Westeuropa bewusst: „Dabei hatte aber der Holocaust und der 2. Weltkrieg sein Zentrum in Mittel- und Osteuropa“.

Die nationale Gedenkstätte Chatyn für die Opfer der deutschen Be­satzung im Zweiten Weltkrieg erscheint dem Schriftsteller als eines der wenigen Beispiele architektonisch gelungener Geschichts-Erinnerung - ganz im Gegensatz zum Berliner Holo­caust-Denkmal oder zur Oskar-Schindler-Gedenkstätte in Brnenec. Beide Orte kritisiert Kermani pointiert: „Es wird versucht eine Einfühlung herzustellen, die es niemals geben kann“.

Einem orthodoxen armenischen Pater stellte er in einer sehr renovierungsbe­dürftigen Kirche in Berg-Karabach (38. Tag) die Frage, ob es gegenüber den Aserbeidschanern/Türken auch eine Feindesliebe geben müsse. Die lakoni­sche Antwort: „Im Krieg nicht!“ Auf Nachfrage aus dem Publikum lässt Kermani die Frage offen, ob die so tief in der Gesellschaft verwur­zelte Kirche einen positiven Faktor für den Osten darstellt.

Das letzte Kapitel ist ein langer Epilog über den vierwöchigen Aufenthalt in Is­fahan, einer einstmals blühenden Stadt, der nun das Wasser, d. h. der Fluss Zayandeh Rud abgeschnitten wurde. Kermani erzählt den Zuhörern, dass er aus der staubtrockenen, von Abgasen durchsetzten Luft in eine der großen Moscheen flüchten musste: „Ich wollte nur noch schauen, nicht ver­stehen.“

 

https://www.chbeck.de/kermani-entlang-graeben/product/20516417

http://www.navidkermani.de/


Foto: Reitzammer
Foto: Reitzammer

Ein Genie als gescheiterter Held

 

Nach seiner Lesung im Nürnberger Kulturzentrum Nord beantwortete Klaus Cäsar Zehrer ein paar Fragen:

 

Aus welchen Gründen und wann haben Sie die die Region Mittelfranken verlassen?

Ich habe bis zu meinem Abitur in Schwabach gelebt und bin dann für mein Studium der Kulturwissenschaften nach Lüneburg bzw. Bremen gezogen. Seit 15 Jahren lebe ich in Berlin, für einen deutschsprachigen Schriftsteller der ideale Wohnort. Nürnberg ist, bei allem Respekt, nicht gerade der Nabel der literarischen Welt.

 

Welche Bedeutung hatte für Sie Ihre Arbeit bei der Satire-Zeitschrift „Titanic“ und der Kontakt zu Robert Gernhardt?

Insbesondere die mehrjährige Zusammenarbeit mit Robert Gernhardt war für mich sehr wichtig. Von und mit ihm habe ich nicht nur gelernt, wie man schreiben muss, damit die Leute es freiwillig lesen, sondern auch, wie das Handwerk des Büchermachens funktioniert. So etwas lernt man ja nicht an der Uni.

 

Sie bezeichnen William James Sidis als „gescheiterten Helden“. Woran ist er gescheitert?

Wahrscheinlich an einer ehrenwerten, aber unmöglichen Aufgabe: der, ein richtiges Leben im falschen zu führen. Nur weil man eine einzigartige Intelligenz besitzt, heißt ja nicht, dass man keine Probleme im Leben hat, im Gegenteil. Eine einsame Ausnahmestellung ist eben zunächst einmal genau das: einsam.

 

„Das Genie“ ist ein herausragender Bildungs- oder Erziehungsroman. Gibt es andere Werke aus diesem Genre, die sie als Vergleichslektüre empfehlen?

Ich habe mich bemüht, für das Buch einen Stil zu finden, der es den Rezensenten nicht leicht macht, Vergleiche zu anderen Werken zu ziehen, und bin einigermaßen stolz, dass es bisher noch niemand mit Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“ verglichen hat - obwohl ich das sehr gut finde.

 

Sollte der Roman Pflichtlektüre für Psychologie- und Pädagogik-Studenten sein?

„Das Genie“ sollte gesetzlich vorgeschriebene Pflichtlektüre für alle sein.

 

Welche Bedeutung haben für Sie öffentliche Lesungen?

Man schreibt ja nicht für sich selbst, sondern man stellt sich beim Schreiben immer die Leser vor: das da finden sie bestimmt interessant, das lustig, das bewegend. Nun bin ich sehr gespannt, ob der Text so funktioniert, wie ich es mir gedacht habe. Das kann man nur herausfinden, indem man ihn vor Publikum liest.


Bov Bjerg bei der Lesung in der Buchhandlung Pelzner (Nürnberg) / Foto: Reitzammer
Bov Bjerg bei der Lesung in der Buchhandlung Pelzner (Nürnberg) / Foto: Reitzammer

„Ein bisschen Glück war auch dabei!“

 

Interview mit Bov Bjerg über seinen Erfolgsroman „Auerhaus“

und die Folgen

 

Inwieweit sind Sie in die Folgeprojekte Ihres Romans „Auerhaus“ involviert?

Am ersten Drehbuchentwurf des geplanten Kinofilms war ich beteiligt, im Moment ist allerdings unsicher, ob die Constantin das Projekt überhaupt realisieren wird. Bei den Dramatisierungen war ich nie beteiligt, weil jedes Theater seine eigene Fassung schreibt. Insofern war ich jedes Mal gespannt, was dabei herausgekommen ist. Die Uraufführung in Düsseldorf hat mich sehr berührt, hat mir total gut gefallen unter anderem auch deswegen, weil sich der Song „Our House“ in allen möglichen Varianten durch das Stück zieht, z. B. auch als Weihnachtslied interpretiert wird. Die Berliner Inszenierung (Deutsches Theater) erscheint mir wesentlich abstrakter und assoziativer, was allerdings dazu führen kann, dass man dem Handlungsablauf schwerer folgen kann. Ich bin bei solchen Bearbeitungen (auch bei der Hörspielfassung des RBB) recht offen; wenn da nicht jemand Schindluder mit dem Text treibt, bin ich von jeder Beschäftigung mit meinem Text geschmeichelt.

 

Wie erklären Sie sich rückblickend den großen Erfolg des Romans „Auerhaus“?

Es ging in Etappen voran: der Verlag hat Vorab-Leseexemplare an Kritiker und Buchhändler geschickt, letztere waren durchgehend von dem Buch sehr angetan noch bevor es offiziell erschienen ist und bestellten bereits größere Mengen für ihre Läden. Dann kam eine Fülle von durchwegs positiven Rezensionen, etwas später erfolgte die Besprechung im „Literarischen Quartett“ des ZDF. So kam eins zum anderen, und ein bisschen Glück war wohl auch dabei.

 

Wie würden Sie einem Leser die stilistische Kehrtwende zwischen Ihrem Erstling „Deadline“ und dem Roman „Auerhaus“ erklären?

„Deadline“ habe ich geschrieben, weil ich sauer war auf einen Literaturbetrieb der gehobene Unterhaltungsliteratur einseitig begünstigt und Literatur, die sich etwas mehr traut, links liegen lässt, weil man glaubt, dies könne man dem Leser nicht zumuten. Die experimentelle und etwas sperrige Sprache von „Deadline“ hat sich schlichtweg auch aus dem Stoff entwickelt, denn die Erzählerfigur ist eine Übersetzerin, die ständig sprachliche Alternativen erwägen muss. Die gedruckte Auflage von „Deadline“ war 750 Stück, davon sind 224 verkauft worden, der Rest ist bei einem Lagerbrand zerstört worden.

 

Was darf man von Bov Bjerg nach „Auerhaus“ erwarten?

Der Verlag hätte natürlich so bald wie möglich einen neuen Roman, aber ich brauche dafür so lange, wie ich dafür brauche. Ich habe eine ungefähre Idee und habe auch angefangen zu schreiben. Im Moment bin ich dabei herauszukriegen, wohin das Ganze gehen soll, d.h. es bilden sich die Klumpen aus denen der neue Roman entstehen wird.

 

Wie ist die Zusammenarbeit mit Robert Stadlober zustande gekommen?

Ich wollte für das Hörbuch „Auerhaus“ eine prominente Stimme gewinnen und da ist mir Robert Stadlober eingefallen, den ich nicht nur als Schauspieler sondern auch als politischen Menschen schätze. Ich habe ihn dann einfach dreist nach einer Theatervorstellung angehauen; er hat sehr schnell zugesagt und auch eine sehr relaxte Coverversion von „Our House“ produziert.

 

Was ist für Sie der Unterschied zwischen einer abendlichen öffentlichen Lesung etwa in einer Buchhandlung und einer Lesung vor Schülern?

Es kommt zunächst darauf an, ob die Schüler das Buch schon kennen oder nicht. Es entwickeln sich mit 17- oder 18jährigen in jedem Fall interessante Diskussionen und Gespräche, über die ich sehr glücklich bin. Ich stelle erfreut fest, dass Leute, die gut 30 Jahre jünger sind als ich, mit dem Roman etwas anfangen können, unabhängig von der Zeit, in der das Geschehen spielt.

 

Eine typische Schülerfrage könnte sein: Wie stark sind die Parallelen zwischen dem Ich-Erzähler Höppner und dem Autor Bov Bjerg?

Die Frage wird eigentlich immer gestellt, manchmal gebe ich darauf Antworten, manchmal nicht.

 

Und wie kommt man eigentlich auf das Autoren-Pseudonym Bov Bjerg?

Darauf gebe ich grundsätzlich keine Antwort!


Foto: Reitzammer
Foto: Reitzammer

Erzählen oder Zählen?

 

Interview mit dem Autor Jonas Lüscher am 18. Mai 2017 in Sulzbach-Rosenberg

 

Wie ist Ihr persönlicher Umgang mit Rezensionen und Bestsellerlisten?

Natürlich liest man Rezensionen, ich freue mich besonders dann wenn sie substantiell sind, wenn sich jemand - möglicherweise auch kritisch - sehr genau mit dem Text befasst hat. Auch Bestsellerlisten nehme ich wahr, wobei die SWR-Liste für mich einen besonderen Stellenwert hat.

 

Waren Sie überrascht von dem Erfolg Ihres neuen Romans „Kraft“?

Ich war mir nicht sicher, weil ich befürchtete, dass der Roman für viele zu fremd oder zu schwierig ist.

 

Muss man also ein Philosophie-Studium abgeschlossen haben, um den Roman erschöpfend lesen zu können?

Auf keinen Fall! Es sind zwar viele Anspielungen enthalten, dennoch sollte es auch ohne dies ein Lesevergnügen sein. Wenn ein Schüler Voltaires „Candide“ im Gymnasium liest, wird ihm auch das eine oder andere entgehen. Ich habe den Anspruch, dass man mein Buch auf mehreren Ebenen lesen kann.

 

Kann man den Roman „Kraft“ auch sehen als Ausdruck Ihrer eigenen Enttäuschung über den Hochschulbetrieb?

Nein, das würde meine Gefühle nicht treffen; es ist eher ein Roman über das Verhältnis von Geisteswissenschaften und Technik, von Optimismus im Silicon Valley und Pessimismus im old europe.

 

Thematisieren Sie also eher die naive Zukunftsgläubigkeit der Amerikaner?

Ja, aber es geht speziell um die Technikgläubigkeit des Silicon Valley. Dieser Ort ist eine Art von Blase, der mit dem Rest von Amerika wenig zu tun hat.

 

Sehen Sie in ihrer Hauptfigur Kraft eine Parallele zu Goethes Faust, dem verzweifelt suchendenden und liebenden Wissenschaftler?

Das klingt gut, ist mir aber nie bewusst gewesen, sie sind der erste, der diese Verbindung gesehen hat.

 

Warum haben für Sie die Themen Finanzkapitalismus, Neoliberalismus und Unternehmertum eine so große Bedeutung beim Schreiben?

Weil ich es für sehr wichtige Themen halte, mit denen ich mich auch wissenschaftlich beschäftigt habe. Wir leben in einer durch und durch ökonomisierten Welt, mit diesen Themen erhalten Romane mehr Relevanz. Ich wüsste nicht wie ich schreiben sollte, wenn das nicht - zumindest im Hintergrund - eine Rolle spielt. Leider fürchten sich viele Autoren vor diesen Themen, weil sie glauben, es könnte langweilig sein oder sie würden zu wenig davon verstehen. Ich dagegen gelte manchen schon als Finanzmarktspezialist, was ich natürlich auch nicht bin.

 

Sie haben sich lange mit der Frage beschäftigt, ob man die Welt besser durch Erzählen als durch Zählen (= Analysieren) beschreiben kann.

Diese Frage war - verkürzt gesprochen - der Mittelpunkt meiner abgebrochenen Dissertation. Schon im antiken Epos ging es um den Kampf zwischen Mythos und logos. In der Geschichte der Wissenschaft finden sie bis heute den Pendelschlag zwischen einem Übermaß an quantitativ-rechnerischem, wissenschaftlichem Glauben und eher narrativen Phasen. Meine Idee ist, dass wir uns heute wieder in einer Phase befinden, wo das erste eine (zu) große Rolle spielt.

 

Wären Sie nicht der richtige Mann, um einen Roman über das neue Narrativ für Europa zu schreiben?

Das ist nicht mein Anspruch; außerdem gibt es für Europas viele kleine Geschichten und nicht das eine große Narrativ, weil dann ein Mono-Mythos entstehen würde.

 

Welche Einsichten sollten Schüler aus der Novelle „Frühling der Barbaren“ gewinnen?

Ich bin skeptisch gegenüber einem Literaturunterricht, der aus einer Lektüre fast Handlungsanweisungen entnehmen will. Man quetscht den Text so lange aus, bis unten die gewünschte Moral herauskommt. Dies habe ich einmal als „hermeneutische Folter“ bezeichnet. Mit dem ersten und dem letzten Satz der Novelle („Du stellst die falschen Fragen“) versuche ich genau diesem Dilemma zu entkommen. Schüler sollten sich selber Fragen stellen!

 

Zu welchen Assoziationen lädt aus Ihrer Sicht der Titel „Frühling der Barbaren“ ein?

Einerseits natürlich der arabische Frühling, zum anderen das Frühlingserwachen des Finanzkapitalismus mit all seinen barbarischen Folgen. Die arabische Übersetzung des Titels hat zu Missverständnisse geführt wegen der Nähe des aus der Antike stammenden Begriffs „Barbar“ zu dem Begriff „Berber“. Dies musste ich auf Lesereisen in Tunesien und Ägypten feststellen. Vorher hatte ich keine Reiseerfahrungen über Nordafrika, schrieb also wie Karl May!

 

Der Erzähler ist Insasse einer Nervenheilanstalt. Ist dieser Ort ein Refugium des modernen Menschen?

Zunächst einmal wollte ich einen unsicheren Erzähler konstruieren. Dann stellt die Nervenheilanstalt eine Art des sozialstaatlichen Überlebens - fast einen Hoffnungsschimmer - nach dem Kollaps des Finanzsystems dar. Außerdem ergibt sich eine interessante erzählerische Dopplung: Die Oase in der Nervenheilanstalt und später die Oase in der Wüste.

 

Welche Erfahrungen haben Sie mit Theaterfassungen zu „Frühling der Barbaren“?

Es gibt mittlerweile sogar schon vier! Die Uraufführung war in Wiesbaden, dann kam Sankt Gallen und Bielefeld, mittlerweile auch eine französische Fassung in Brüssel.

 

Sie befinden sich nun häufig auf Lesereise. Sehen Sie sich als guten Vorleser?

Ich bemühe mich darum, aber das Urteil steht nur dem Zuhörer zu.

 

Gibt es umgekehrt noch gute Zuhörer?

In der Regel sind die Leute aufmerksam dabei, nur gelegentlich schläft ein älterer Herr ein. Manchmal sind auch die Publikumsgespräche interessant - nicht immer.

 

Wie erleben Sie den Unterschied zwischen einer öffentlichen Lesung und einer Schullesung?

Die Schüler sind oft besser vorbereitet, sie haben den Text gelesen und kommen mit substantiellen und auch sehr offenen, erfrischenden, nicht standardisierten Fragen daher. Bei öffentlichen Lesungen scheint es mir, dass ca. 80 Prozent der Zuhörer den Text noch gar nicht gelesen haben.

 

Gibt es die Einsamkeit des Autors nach der Lesung?

Manchmal fühlt man sich in den Hotelzimmern etwas abgestellt. Anstrengend ist aber eher das Socialising danach, das Essengehen mit dem Veranstalter.

 

Wie stehen Sie zu den neuen Medien Hörbuch und E-Book?

Relativ leidenschaftslos! Ich benutze und mag beides nicht, weil ich mich auf Hörbücher nicht konzentrieren kann und ständig vor- und zurückspulen müsste. Aber andererseits gilt: Hauptsache, die Leute lesen!