Live:

Eric Brace & Peter Cooper featuring Thomm Jutz *****

Leipheim (Hotel zur Post), 18.11.2016

 

Sie sind mit leichtem Gepäck nach Deutschland gekommen: drei akustische Gitarren (2x Martin, 1x Epiphone) und drei Stimmen - mehr brauchen Eric Brace, Peter Cooper und Thomm Jutz nicht, um die Zuhörer auf eine faszinierende Reise in die Welt der modernen Country- und Folk-Music mitzunehmen. Auf Einladung der Country & Western-Freunde Koetz gastierten sie im Leipheimer Hotel zur Post.

Alle drei leben mittlerweile in Nashville (East), der unbestrittenen Hauptstadt dieser Musik. Doch das Trio serviert Songs - etwa zur Hälfte Eigenkompositionen - die fernab vom dumpfen Achy-Breaky-Heart-Klischee anzusiedeln sind. Mit subtilem Gitarrenspiel - allen voran Thomm Jutz als Solist - und perfekten Vokalharmonien zitierten sie große Namen wie Tom T. Hall, Guy Clark oder Emmylou Harris. Dazu erinnerten sie an einer legendäre - in Deutschland leider kaum bekannte - Band der 70er Jahre: Seldom Scene. Deren allwöchentliche Liveshows in der Nähe von Washington D.C. waren offensichtlich für Eric Brace und Peter Cooper der Schlüssel, um sich hauptberuflich der Musik zu widmen.

Ihre letzte, sehr empfehlenswerte CD „C & O Canal“ (erschienen auf Eric Brace’s eigenem Label Red Beet Records) ist gleichzeitig ein Rückblick und eine Verneigung vor den großen Namen dieser Zeit. Oder wie Eric Brace sagte: „Washington D.C. ist nicht nur der Ort, wo teilweise (oder zukünftig?) merkwürdige Politik gemacht wird!“ Brace und Cooper sind gleichzeitig auch Theoretiker der Country Music, sie schreiben für Zeitschriften, Peter Cooper arbeitet am Museum der Country Music Hall Of Fame als wissenschaftlicher Angestellter. Das merkt man ihren eigenen Songs an, die stets reflektierend und mit feiner Ironie die Stilmittel des Genres aufgreifen. Thomm Jutz wanderte vor ca. 15 Jahren aus Liebe (zur Country Music!) vom Schwarzwald in die USA, mittlerweile hat er sich in Nashville als gefragter Produzent mit eigenem Tonstudio und als songschreibender Gitarrist etabliert.

Von der fast schon intimen Atmosphäre im Leipheimer Eisenbahnhotel waren Publikum (und Musiker) begeistert: erst nach zwei Zugaben durften Brace, Cooper & Jutz ihre Gitarrenkoffer schließen. In zwei Jahren wollen sie wieder den Trip über den großen Teich unternehmen.

 

http://redbeetrecords.com/

http://www.petercoopermusic.com/

http://thommjutz.com/

Vor dem Konzert traf ich mich mit Eric Brace (EB) und Peter Cooper (PC) zu einem Exklusiv-Interview:

 

Wie oft habt ihr schon in Deutschland getourt und was ist euer Eindruck vom deutschen Publikum?

(EB) Zum ersten Mal waren wir 2008 hier, damals noch als eigenständige Solo-Künstler im Auftrag einer holländischen Plattenfirma. Als wir dann spontan live zusammengespielt haben, fanden wir, dass wir als Duo recht gut klingen und haben dann wenig später unsere erste CD aufgenommen („You Don’t Have To Like Them Both“; Red Beet Records RBR CD 009). Seither sind wir viermal wiedergekommen, praktisch alle zwei Jahre. Das deutsche Publikum ist fantastisch: es hört interessiert zwei Songwritern aus Nashville zu, es versteht unsere Texte, unsere Jokes und unsere Erläuterungen zu den Songs.

 

Wie definiert ihr für euch die beiden Stilbegriffe „Country“ und „Americana“?

(PC) Als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums der Country Music Hall Of Fame in Nashville muss ich mich mit dieser Frage fast täglich beschäftigen. Wir sehen den Begriff Country Music als ein großes Zelt, unter dem sich viele Stilrichtungen verbergen wie Folk, Bluegrass und Americana. Das hat aber wenig mit dem zu tun, was die kommerziellen Country-Radiostationen abspielen. (EB) Ich sehe da eine große Tradition des Geschichtenerzählens bei Leuten wie Tom T. Hall, Kris Kristofferson oder Merle Haggard - das ist für mich Country Music.

 

Eure letzten Alben waren Mischungen aus selbstgeschrieben Songs und Songs von bekannten Musikern der Folk- und Country-Szene. Wollt ihr diese Auswahl beibehalten, was ist erfolgreicher?

(EB) Im Bereich der Rock-Musik ist das weniger üblich, die Beatles oder Bob Dylan würden kaum Songs von anderen Komponisten in ihr Programm aufnehmen. Bei der Country Music ist das anders. Wenn wir zusammensitzen, spielen wir uns gerne Lieder anderer Künstler vor und sagen: Kennst du den Songs von Lefty Frizzell, kennst du den von Merle Haggard? Mit unserem letzten Album („C & O Canal“) wollten wir ganz bewusst zeigen, welche reiche musikalische Tradition in der Folk- und Country-Szene rund um Washington D.C. vorhanden war - und ist. Erfreulicherweise ist beides gleich erfolgreich.

 

Was war entscheidend für eure musikalische Sozialisation?

(EB) Eigentlich die Konzerte von Seldom Scene, jener hervorragenden Bluesgrass- und Folk-Band aus Washington D.C.. Das war für uns wie ein Lexikon der amerikanischen Musik, das man aufschlagen, in dem man blättern konnte. Über ihre Songs lernten wir andere Namen kennen, die uns sehr beeinflusst haben.

 

Was war das Besondere an der Band Seldom Scene?

(PC) Zum einen, dass sie die Tradition des amerikanischen Bluegrass vollkommen verstanden und aufgenommen haben, zum anderen aber für neue Einflüsse sehr aufgeschlossen waren (z. B. Songs von Eric Clapton, John Prine, Gram Parsons oder Rodney Crowell). Und Mike Auldridge hat praktisch sein Instrument, die Dobro, neu erfunden und zu einem besonders eindrucksvollen Sound entwickelt. Dazu kamen noch ihre perfekten Vokal-Harmonien, die sie fast einmalig machten.

 

In eurem Programm habt ihr den bekannten Song „Wait A Minute“ von Herb Pedersen, der von den Leiden des Musikers on the road weit weg von seiner Heimat erzählt. Könnt ihr dieses Gefühl teilen?

(EB) Wir mögen den Song sehr, aber wenn wir ganz genau auf den Text hören, müssen wir sagen: Nein - es macht verdammt viel Spaß auf Tour zu gehen, auch wenn man mal eine Zeitlang seine Familie, seinen Hund oder seine Hühner nicht sieht.

 

Ihr übernachtet heute in einem Hotel direkt an der Bahnlinie. Wie viele Railroad-Songs habt ihr selbst geschrieben und was ist euer beliebtester Train-Song?(EB) Ich habe bisher wohl vier Songs über Eisenbahnen geschrieben und auf einem Album „Train Leaves Here This Morning“ von den Dillards aufgenommen. Aber mein Lieblings-Song stammt von Paul Craft, der vor zwei Jahren verstorben ist - er heißt „Raised By The Railroad Line“ und war natürlich auch im Programm von Seldom Scene. An zweiter Stelle kommt dann „Old Train“ von Herb Pedersen.

Spätestens seit Crosby, Stills & Nash sind die Vocal Harmonies ein wichtiger Bestandteil des modernen Folk- oder Country-Rocks. Mit wem würdet ihr gerne mal zusammen singen?

(EB) Da fallen mir sofort die Osborne Brothers ein. (PC) Emmylou Harris wäre die Nummer 1 auf meiner Liste, aber ich könnte auch Patty Griffin oder Tony Rice nennen. Und das Schöne ist: mit allen drei habe ich wirklich schon zusammen gesungen!

 

Ihr habt mit zwei „Veteranen“ der amerikanischen Country- und Folk-Music gespielt und ein Album aufgenommen („Master Sessions“): Lloyd Green und Mike Auldridge. Was kann man von solchen Leuten lernen?

(PC) Dass es in erster Linie darum geht, gute Musik zu machen. Sie nehmen die Musik ernst und beschäftigen sich weniger mit Nebensächlichkeiten. Sie sind immer pünktlich und wollen die Seele eines Songs herausarbeiten.

 

Welches Album würdet ihr auf eine einsame Insel mitnehmen?

(EB) Für mich ist es das Album des texanischen Songwriters Willis Alan Ramsey aus dem Jahr 1972 (leider sein einziges!), das ich im Alter von 16 Jahren gehört habe und das mich schwer beeindruckt hat. (PC) Für mich wäre das „In Search Of A Song“ von Tom T. Hall (1971), ein Album, das nach meiner Meinung die Country Music entscheidend beeinflusst hat.

 

Eric, du hast zusammen mit Karl Straub ein Musical („Hangtown Dancehall“) geschrieben - worum geht es dabei?

(EB) Ich bin in Kalifornien geboren, in einer kleinen Stadt namens Placerville, die man zu Zeiten des Goldrush, also in den 1850er Jahren Hangtown genannt hat, weil in der Mitte der Stadt ein Baum stand, an dem gesetzlose Leute aufgehängt wurden. Zunächst war das nur ein Song, dann aber entstand zusammen mit Karl Straub eine Geschichte über zwei Menschen, die dort wichtige Erlebnisse - und ein Happy Ending! - haben. Ich hoffe, bald dafür eine Bühne zu finden, am besten natürlich am Broadway!

 

Ihr arbeitet beide auch als Musik-Journalisten. Hat es schon einmal einen herben Verriss für ein Konzert oder für ein Album gegeben?

(PC) Man sollte den eigenen Geschmack eher hintanstellen und nur darauf achten, ob der Künstler seinen eigenen Anforderungen gerecht geworden ist.

 

Ihr lebt beide in East Nashville, ein Teil der Stadt, der als vitales und kreatives Zentrum gerühmt wird. Was ist so speziell an dieser Gegend?

(EB) Man muss wissen, dass East Nashville früher der „ärmere“ Teil der Stadt war und dass dort viele Studio- oder Session-Musiker lebten, während die großen Stars ganz wo anders zu Hause waren. Peter lebt dort seit 2000, ich seit 2004. Seitdem hat sich eine sehr aktive Community entwickelt, Leute wie Todd Snider oder Elizabeth Cook wohnen dort, man trifft sich in Cafes und oft kommt die spontane Frage: Willst du nicht bei meinem neuem Projekt mitmachen?

 

Oft hört man aber auch die Kritik, die Musik aus Nashville sei ein „sea of sameness“. Teilt ihr diesen Vorwurf?

(PC) Man darf Nashville nicht nach der Repräsentation im Contemporary Country Radio beurteilen, denn diese Stadt bietet musikalisch viel mehr. In Nashville findest du mehr musikalisches Talent pro Quadratmeter als irgendwo auf der Welt! Es ist eher ein „sea of creative people“.

 

Wie geht es dem Label Red Beet Records?

(EB) Meine Frau ist der eigentliche Boss, sie macht das finanzielle Geschäft, ich bin nur der musikalische Direktor. Es gibt das Label seit elf Jahren, wir haben bisher 23 Alben herausgebracht, auf die wir alle sehr stolz sind. Aber es ist in der heutigen Zeit schwer geworden, denn niemand will mehr für Musik Geld zahlen. Ich bin dennoch zuversichtlich, dass es erfolgreich weitergehen wird.


Rosanne Cash & John Leventhal Live  *****

Gmunden (Österreich), Toscana Centrum; 19.8.2016

 

Wenn es eine US-Künstlerin gibt, die sich das Label Roots-Music auf die Fahnen schreiben kann, dann ist es Rosanne Cash. Mit ihren letzten zwei CD-Veröffentlichungen - "The List" (2009) und "The River & The Thread" (2014) - hat sie sich auf die Suche nach mehreren Wurzeln begeben. Zum einen forschte sie auf der Basis einer To-Know-Liste ihres Vaters Johnny Cash nach den Ursprüngen des Great American Songbooks im Bereich Country & Folk. Herausgekommen ist auf "The List" ein beeindruckendes Destillat mit zwölf Songs aus den 50er und 60er Jahren. Zum anderen machte sie sich in Amerikas Süden auf die Suche nach der eigenen Familiengeschichte und nach den musikalischen Gründervätern zwischen Memphis und Mobile. Aus dieser Reise entstand im Zusammenarbeit mit ihrem Ehemann John Leventhal das Album "The River & The Thread" mit elf Eigenkompositionen als Hör-Stationen, z. B. an der Tallahatchie Bridge, wo Bobbie Gentry den Selbstmörder Billy Joe in den Fluss springen ließ, an der Money Road, wo das Grab von Blues-Legende Robert Johnson zu finden ist, in Florence/Alabama, wo eine Künstlerin selbstgenähte Kleider verkauft oder in die Sunken Lands von Arkansas, wo die Großeltern Cash sich eine Existenz aufbauten. Rosanne Cashs Blick auf den amerikanischen Süden ist zwar teilweise romantisch verklärt, insgesamt aber immer seriös und weitab vom Jambalaya-Klischee. Folgerichtig gewann sie mit diesem Album 2015 drei Grammies in der Kategorie American Roots Music.

Ihr einziges Konzert im deutschsprachigen Raum während einer kleinen Europa-Tournee im August 2016 fand im österreichischen Gmunden (Salzkammergut) statt. Dabei begeisterte Rosanne Cash in einer auf das Wesentliche reduzierten Duo-Besetzung mit John Leventhal durch ihre stimmliche Präsenz und durch ihre authentische Darbietung. Positiv ist es natürlich auch, wenn man einen Ehemann hat, der durch kreatives Gitarrenspiel den Songs einen perfekten perkussiven, melodiösen und solistischen Rahmen gibt. Rosanne Cash präsentierte Songs aus 38 Jahren Tätigkeit als Songwriterin und Sängerin, von ihrem ersten Country-Hit "Seven Years Ache" (1981) bis zu der aktuellen Mississippi-Mission mit der textlichen Erkenntnis "You thought you left it all behind / you thought you'd up an gone /but all you did was figure out / how to take the long way home".

Vor dem Konzert fand Rosanne Cash die Zeit zu einem Exklusiv-Interview:

 

Was ist für Sie der Unterschied zwischen einer Live-Show in Duo-Besetzung mit ihrem Ehemann John Leventhal und einem Auftritt mit voller Band-Besetzung?

Band-Shows sind voller Energie, bieten aber weniger Raum für Improvisationen. Wenn ich nur mit John auftrete, wird vieles intimer und spontaner, wir tauschen in kürzester Zeit Ideen aus.

 

Wie funktionierte der Prozess des Songschreibens für das Album "The River & The Thread"?

Dafür gibt es keine feste Formel. Oft schreibe ich ein bisschen Text und John entwickelt dazu musikalische Ideen. Im Studio wird aber dann noch vieles verworfen und neu durchdacht.

 

Welche symbolische Bedeutung haben die Begriffe "River" und "Thread"?

Beide Begriffe - "Fluss" und "Faden" - drücken eine Verbindung aus, eine Verbundenheit zu meinen Vorfahren, zu der Landschaft und zu der Musik in den Südstaaten. Davon fühle ich mich geistig und musikalisch beeinflusst.

 

Welche Bedeutung haben für Sie die Herren Kris Kristofferson, John Prine, Tony Joe White und Rodney Crowell, die bei einem Song den Background-Chor bilden?

Mit Rodney Crowell war ich verheiratet, wir sind immer noch gute Freunde; Kris Kristofferson kenne ich seit langer Zeit, er ist wie ein älterer Bruder für mich, manchmal machen wir noch gemeinsame Konzerte; John Prine ist ebenfalls ein alter Freund von mir; Tony Joe White habe ich vorher nie getroffen, aber er verkörpert für mich die musikalische Seele des Südens; alle vier freuten sich über diesen Tag im Studio und darüber, wieder einmal alte Geschichten auszutauschen.

 

Wie würden Sie den oft missverstandenen Genre-Begriff "Americana" definieren?

Der Begriff ist ein großer Schirm, in dem sich hauptsächlich Songwriter finden, die an die Wurzeln der amerikanischen Musik gehen wollen: z. B. (der Engländer!) Richard Thompson, das Duo Civil Wars oder Emmylou Harris; Country Music ist dagegen nur noch ein Marketing-Begriff, mit dem die Radiostationen ihr Format umschreiben.

 

Sehen Sie sich selbst mehr als Sängerin oder als Songwriterin?

Ich bin zwar sicher eine ganz ordentliche Sängerin, aber im Herzen bin ich vom Anfang meiner Karriere an eine Songwriterin gewesen.

 

Welche drei wichtigen Songs würden Sie Ihrer Tochter auf eine Liste schreiben?

Auf jeden Fall einen Song von Neil Young, möglicherweise "Heart Of Gold", dann  einen Song von Bruce Springsteen aus seinem Album "Nebraska", dann noch "Long Black Veil" von Lefty Frizzell, den schon mein Vater auf seine Liste geschrieben hatte, und auf jeden Fall einen Song von Kris Kristofferson - aber welchen?

 

Wie kam es dazu, dass Ihr erste LP 1978 in München produziert wurde?

Ich war 1977 mit einer Mitarbeiterin von Ariola (Deutschland) befreundet, die ich bei einer Show meines Vaters in Rotterdam kennengelernt hatte. Sie stellte mich dem Label-Chef vor, und der sagte: "Warum machst du nicht eine LP für uns?" Heute klingt dieses Album für mich, als wäre es von meiner eigenen Tochter, dasselbe Gefühl habe ich, wenn ich das Cover-Foto anschaue.

 

An welchem Punkt ihrer Karriere haben Sie sich von dem Image "die Tochter von Johnny Cash" emanzipiert?

"Seven Years Ache" (1981) war das Album, das mich als seriöse Songwriterin etabliert hat, aber ganz aus dem Schatten meines Vaters werde ich wohl nie heraustreten können. Im Konzert spiele ich einen Song ("Tennessee Flat Top Box"), den auch er immer im Programm hatte.

 

Sie engagieren sich bei Konzerten für die Kampagne "We Can End Gun Violence". Würden Sie auch politische Statements in eigene Songs einbauen?

Es ist sehr schwer aktuelle soziale oder politische Themen in Songs einzubauen, ohne dabei belehrend oder selbstverliebt zu wirken. Das können nur wenige Songwriter, ich war damit bisher vorsichtig. Das heißt aber nicht, dass ich jedem politischen Engagement aus dem Weg gehe.

 

Wenn Sie eine Einladung erhalten würden, im US-Präsidenten-Wahlkampf für einen Kandidaten ein Konzert zu geben, würden Sie zusagen?

Nur wenn es eine Einladung von Hillary Clinton wäre! Denn der andere ist ein Verrückter!

 

st für Sie die USA ein "Land Of Dreams" (der Titel eines Songs, den Rosanne Cash für die US-Tourismus-Behörde geschrieben hat) oder eher ein "Sunken Land"?

Könnte es nicht beides sein? Manches in den USA macht mir viel Angst, aber ich glaube dennoch weiter an das Gute im Menschen. Im Grunde bin ich eher ein Weltbürger, habe zeitweise in Deutschland und in England gelebt, bin weltweit auf Tour gewesen; deswegen ist mit jeder Nationalismus fremd.

 

Was sind Ihre Pläne für die nähere Zukunft?

Zusammen mit meinem Mann John Leventhal werden ich Songs für ein Broadway Musical schreiben, allerdings ist die Bühnenfassung bei weitem noch nicht fertig, sodass unsere Arbeit wohl erst 2017 beginnen wird.


Warren Haynes Live   ***

Nürnberg, Serenadenhof, 12.7.2016

 

Da stehen fünf Männer wie festgenagelt auf der Bühne (der Schlagzeuger Jeff Sipe sitzt und schwitzt) schauen konzentriert auf ihre Instrumente, sagen außer „Thank You“ kein Wort zum Publikum und lassen sich höchstens am Ende einer längeren Solo-Passage ein verstecktes Schmunzeln entlocken. Und der geneigte Zuhörer, den der Name der Gitarren-Legende Warren Haynes in den Nürnberger Serenadenhof gelockt hat, weiß: hier geht es nicht um Show, sondern nur um die Musik in einer ausgesprochen ernsthaften Form. Warren Haynes (56), der sich als Mitstreiter der späten Allman Brothers Band, der späten Grateful Dead und der Jam-Bluesrock-Band Gov’t Mule einen Namen gemacht hat, kündigte zwar mit seinem neuesten Album „Ashes & Dust“ eine Rückkehr zum songorientierten Komponieren und zu den Traditionen der amerikanischen Volks-Musik an, im Konzert aber lässt er sich doch wieder zu langen Solo-Passagen und einem definitiven Rock-Sound verleiten. Seine Mitstreiter, die Neo-Bluegrass-Band Chess Boxer, setzen ein paar seltene Farbtupfer beim mehrstimmigen Harmoniegesang, doch Mandoline, Banjo (Ross Holmes) und Fiddle (Matt Menefee) kommen nur als sägende Solo-Instrumente zur Geltung und verlieren damit weitgehend ihren akustischen Reiz. Bassist Royal Masat hat seinen Kontrabass wohl nur zur Bühnen-Dekoration mitgebracht und spielt seine stoischen, gut synkopierten Läufe auf einem E-Bass. Das Konzert beginnt mit einer locker-flockigen Erkennungsmelodie: „Jessica“ von den alten Allman Brothers, einstmals als Opener für die Bayern2-Sendung „Club 16“ zum Dauerläufer geworden. Danach präsentiert Haynes Altes und Neues aus seinem Solo- und Gruppen-Schaffen, doch spätestens mit dem Little-Feat-Cover „Skin It Back“ ist die Zeit der Langzeit-Soli angebrochen, wobei der Les-Paul-Sound von Haynes noch am ehesten auf den Punkt gebracht ist, die epischen Exkurse, der verzerrten Fiddle und des elektrifizierten Banjos fallen unter die Kategorie „Muss man mögen“. Ein Abend mit „Blue Sky“ war es nicht, es hat aber auch nicht geregnet und viele Menschen haben interessiert auf die Finger einiger Akteure geschaut. Die Balance aus Struktur, Fokus und Improvisation, die Warren Haynes bei der Studio-Produktion zu „Ashes & Dust“ meist gefunden hat, ging irgendwo im zweiten Teil der Live-Darbietung verloren.

 

http://www.warrenhaynes.net/


Vorne: Mark Johnson (g) und Tom Gray (slide g); hinten: Marlon Patton (dr) und Franher Joseph (b)
Vorne: Mark Johnson (g) und Tom Gray (slide g); hinten: Marlon Patton (dr) und Franher Joseph (b)

Delta Moon

Live in der Kofferfabrik Fürth ****

Mo. 14.3.2016

 

Wenn der Vollmond auf den Mississippi scheint und in einer stickigen Bar der Moonshine Whiskey ausgeschenkt wird, dann ist es Zeit für Tom Gray und Mark Johnson die Gitarren auszupacken und zum Ritt auf dem Flaschenhals einzuladen. Die beiden sind der Doppel-Kopf von Delta Moon aus Atlanta, Georgia und mit der neuen CD „Low Down“ (Jumping Jack Records 12012) im Gepäck touren sie zurzeit durch Europa. So wurde der Montagabend in der gut besuchten Fürther Kofferfabrik zu einem stimmungsvollen Blues-Rock-Abend, bei dem sich sowohl der traditionelle Blues-Fan als auch der etwas modernere Southern-Rock/Americana-Liebhaber bestens unterhalten fühlt. Die solide Basis für die knackigen Drei-Minüter, aber auch für die ausladenden Solis liefern Franher Joseph am Bass und Marlon Patton am Schlagzeug. Darüber können sich Gray und Johnson auf die immerwährende Suche nach dem definitiven Blues-Rock-Riff oder dem rauchigen Bottleneck-Sound machen. So ähnlich müssen wohl auch die frühen ZZ Top geklungen haben, als sie noch nicht zum Stadion-Rock mutierten. Delta Moon präsentieren vorwiegend Songs aus dem neuen Album (z. B. „Afterglow“ oder „Open All Night“), greifen dabei auch in die klassische Blues-Kiste („Hard Times Killing Floor Blues“ von Skip James) und finden immer wieder lohnenswerte Fremdkompositionen (z. B. „Low Down“ von Tom Waits oder „Down In The Flood“ von Bob Dylan). Zum Glück erinnern sie sich auch an ihr eigenes bisheriges Highlight, das 2007er-Album „Clear Blues Flames“ (eine unbedingte *****-Kaufempfehlung!!). Das Fürther Publikum kann sich dem auf den Punkt gebrachten Groove nicht entziehen, darf die eingängigen Refrains mitsingen, am Ende kommen Gray und Johnson sogar zu einem langen Double-Solo von der Bühne runter. Rau, aber herzlich -  gerne wieder!


v. l. n. r.: Jeff Young (keyb, acc, voc), Bob Glaub (b), Mauricio Lewak (dr), Greg Leisz (g, lap steel, pedal steel), Jackson Browne (voc, g, p), Alethea Mills (voc), Shane Fontayne (g, voc) Foto: Reitzammer
v. l. n. r.: Jeff Young (keyb, acc, voc), Bob Glaub (b), Mauricio Lewak (dr), Greg Leisz (g, lap steel, pedal steel), Jackson Browne (voc, g, p), Alethea Mills (voc), Shane Fontayne (g, voc) Foto: Reitzammer

Live: Jackson Browne

(München, Tollwood-Sommerfestival, 30.6.2015)  *****

 

Wenn es darum geht, komplizierte Beziehungs-Kisten, politisch korrekten Weltschmerz und aufgeklärte Lebensphilosophie in poetische Worte, eingängige Melodien und griffige Rock-Arrangements zu fassen, dann ist immer noch der Kalifornier Jackson Browne die beste Adresse. Der Singer/Songwriter der ersten Stunde hat sich auch in Europa ein treues und mit ihm gealtertes Fan-Publikum geschaffen, das das Konzert in der Münchner Tollwood-Arena am Schluss zu einer enthusiastischen Feierstunde geraten ließ. Nach einer halben Stunde stellte Browne mit einem leisen Anflug von Ironie fest, dass er ein recht leises Zelt vor sich habe - um dann aber gleich fortzusetzen, dass er auch eher "leise" Lieder spiele. Tatsächlich: die ersten 70 Minuten vor der Pause sind durchwegs Zuhör-Songs für ein sitzendes, lauschendes Publikum und eben keine Bierzelt-Hymnen. Nach dem kurzen Break aber verschärft Jackson Browne - stets gut gelaunt und nie übertrieben missionarisch - seine politischen Botschaften mit dem etwas klischeehaften, aber kräftig rockenden "Which Side" und leitet mit der überraschenden Cover-Version von Warren Zevons "Lawyers, Guns & Money" in ein rauschendes Finale, das ab "Running On Empty" den Saal auf die Füße bringt. Spätestens hier erkennt man die lässige Präzision seiner Band, in der Greg Leisz mit der Lap-Steel-Gitarre den "David Lindley" macht und Routinier Bob Glaub am Bass für das solide Fundament sorgt. Der Sound ist transparent und glasklar, die Stimme von Browne nach wie vor treffsicher. Betrachtet man allerdings die Setlist des Konzerts, so wird deutlich, dass der Übergang ins 21. Jahrhundert für Browne eine künstlerische Krise bedeutete. Von seinen beiden (vor)vorletzten Alben ("The Naked Ride Home" und "Time The Conqueror") spielt er gerade mal einen Song! Umso mehr überzeugen die Kompositionen aus seiner aktuellen CD "Standing In The Breach". Am Ende sind es aber dann die Klassiker wie "Take It Easy" oder "Stay (Just a Little Bit Longer)", die die ca. 3000 Zuhörer aus den Stühlen locken. Der 66jährige Browne läuft jedenfalls noch lange nicht auf Reservetank und ist ohne Zweifel "alive and rockin"!


Live: Kinky Friedman in der Kofferfabrik (Fürth) am 24.2.2015      ****

 

Kinky Friedman war in den 1970ern auf dem Weg zum Country-Rock-Star, als bisher einziger Jude durfte er mit seiner Band, den Texas Jewboys, in der legendären Grand Ole Opry von Nashville auftreten, er wagte es, über den Holocaust einen Country-Song zu schreiben („Ride ‘Em Jewboy“) und konnte für sein Album „Lasso From El Paso“ Größen wie Eric Clapton, Ron Wood, Ringo Starr oder Levon Helm als Studiomusiker gewinnen. Heutzutage ist er für viele eher als Autor und Hauptperson kauziger New-York-Krimis bekannt. Bei seiner Europa-Solo-Tournee machte der 70jährige mit Gitarre, Stetson, gut gefülltem Whiskyglas und Zigarre auch in der Fürther Kofferfabrik Station und stellte sich dem Cooltouristen zum Interview.

 

Mr. Friedman, wie gefallen Ihnen die Konzerte in Deutschland?

Die Deutschen sind mein zweitliebstes Publikum, das liebste sind alle anderen Nationen! Spaß beiseite - ich treffe auf gute Resonanz und sehr aufmerksame Zuhörer, manchmal dauert es etwas länger, bis ein Gag zündet, weil jemand, der gut Englisch spricht, die Pointe erst seinen Nachbarn erklären muss.

 

Was kriegen Sie tagsüber von ihrer Reise mit?

In Österreich habe ich an einem Tag das Geburtshaus von Mozart, das Geburtshaus von Hitler und das Geburtshaus von Arnold Schwarzenegger besucht - eine wahre Geschichte der menschlichen Evolution. Und in Wien wollten sie mich aus dem Sigmund-Freud-Museum schmeißen, weil ich eine Zigarre rauchte. Ob das dem großen Psychoanalytiker gefallen hätte?

 

Sie beziehen sich musikalisch immer wieder auf große „alte“ Namen wie Willie Nelson, Merle Haggard oder Bob Dylan. Was halten Sie von der jungen Country-Szene in den USA?

Wenig! Die jungen Leute wollen nur noch ein „American Idol“ (eine Casting-Show wie DSDS oder „Voice Of Germany“) werden. Sie können zwar besser singen als ich, sind aber nicht in der Lage einen interessanten Abend für ein Publikum zu gestalten.

 

2006 haben sie für den Posten des Gouverneurs von Texas kandidiert und immerhin 13 % der Stimmen erhalten. Was sind ihre politischen Aktivitäten heute?

Ich habe mich weitgehend aus diesem Feld zurückgezogen, weil ich festgestellt habe, dass man nicht auf zu vielen Hochzeiten tanzen sollte. Der Zustand der heutigen Politik macht mich eher depressiv, von Barack Obama bin ich - wie viele - sehr enttäuscht. Es fehlen uns Politiker, die eine Idee wirklich verkörpern so wie Nelson Mandela, John F. Kennedy, Winston Churchill oder Abraham Lincoln. Meine kleine politische Aktivität ist die Leitung der Tierschutzorganisation „Utopia Ranch: Animal Rescue“, die sich vor allem um streunende Hunde kümmert.

 

Wie sind Sie vom Songschreiber zum Buchschreiber geworden?

Meine Songs waren schon immer kleine Geschichten, bei denen skurrile Personen im Mittelpunkt standen, etwa der rassistische Redneck, der an einem Tresen über Nigger, Juden und Kommunisten herzieht („They Ain‘t Makin‘ Jews Like Jesus Anymore“). Da ist es dann nur noch ein kleiner Weg zu einem richtigen Roman.

 

Was sind Ihre Pläne für das Jahr 2015?

In Kürze wird ein neuer Krimi herauskommen, er trägt den Titel „The Hard-Boiled Computer“ und ist über 400 Seiten lang geworden. Außerdem möchte ich eine CD mit neuen Songs fertigstellen, sie soll ganz lakonisch „Soundcheck“ heißen.

 


Live: Crosby, Stills & Nash (Burg Abenberg)    *****

 

Wie schafft man es, dass sich ca. 2000 ältere Herrschaften (z. B. ergraute und leicht hörgeschädigte Oberstudienräte oder Sozialpädagogen mit Hüftbeschwerden) drei Stunden lang an einem kühlen Juni-Abend in den Hof der Burg Abenberg stellen? Man muss drei Rock-Legenden auf die Bühne stellen, die - trotz einer mehrheitlichen Zugehörigkeit zur Ü-70-Fraktion - es mit ungebrochener Spielfreude schaffen, die alten Folk-Rock-Zeiten wieder aufleben zu lassen. Die Rede ist von Crosby, Stills & Nash, die nimmermüde auf Tour gehen und dabei die Fans in Europa nicht außer Acht lassen. Graham Nash spielt dabei den freundlichen Moderator des Familientreffens und steuert seine politisch immer korrekten Soft-Rock-Hymnen bei. Stephen Stills lässt die Zuhörer beim Kampf um seine Stimme mitleiden, bleibt aber immer im rechten Moment präsent und zeigt an der Gitarre, was eine Rock-Harke ist. David Crosby schließlich ist - nach eigener Ansage - für die abgedrehten Songs (soweit die "tischreine" Übersetzung) zuständig. Zusammen mit einer druckvollen Band (z. B. Crosbys Sohn John Raymond an den Keyboards) liefern die drei Musketiere ein hörenswertes Best-Of-Programm der letzten vierzig Jahre ab - eine Pause nach zwölf Titeln sei ihnen gestattet. Mit zunehmender Dauer tritt dann die seltene Situation ein, bei der sich Künstler und Zuhörer einig sind, dass es ein toller und keine Sekunde langweiliger Abend war.

Man möchte dem Trio (der exzentrische Neil Young wird gar nicht vermisst!) mit dem Auftakt-Song zurufen: "Carry On!" Für alle, die aber skeptisch sind, dass es noch einmal eine Deutschland-Tournee geben wird, sei die DVD "CSN 2012" als allzeit-verfügbares Erinnerungsstück empfohlen.