HÖR.TEST.LIVE


***** hervorragend    **** hörenswert    *** Licht und Schatten 

** nur bedingtes Vergnügen    * überflüssig


Foto: Reitzammer
Foto: Reitzammer

Carla Olson & Todd Wolfe: Live     *****

Kofferfabrik Fürth, 21.12.2019

 

Immer wieder schön, Legenden bei der Arbeit zuzuschauen! Carla Olson, die grand dame des Westcoast-Netzwerks rund um L.A. hat es sich trotz ihrer 68 Jahre nicht nehmen lassen, mit ihrem alten Musik-Kumpel Todd Wolfe, den sie etwa 1991 kennenlernte, auf eine ausgedehnte Europa-Tournee zu gehen. Daheim in Kalifornien ist sie nunmehr seit gut vierzig Jahren als Sängerin, Gitarristin, Songschreiberin und neuerdings immer mehr als Musikproduzentin unterwegs. Für ihr neues zweiteiliges CD-Projekt „Have Harmonies Will Travel“ kann sie es sich leisten, als Duett-Sänger Leute wie Juice Newton, Peter Case, Richie Furay, John York, Rob Waller, Terry Reid, Timothy B. Schmit und Peter Noone (ja, genau der von den Herman’s Hermits!) - also die Creme de la creme der Westcoast-Senioren - ins Studio einzuladen.

Die letzte Station der transatlantischen Winterreise war die Fürther Kofferfabrik, zu Weihnachten werden die beiden wieder in der Heimat sein. Obwohl Carla und Todd hörbar angeschlagen waren, wurde das Abschlusskonzert zu einem stimmungsvollen und gleichzeitig intimen Erlebnis. Olson & Wolfe haben neben drei Gitarren ihre neueste CD im Gepäck („The Hidden Hills Sessions“), die auch den Großteil der Setlist ausmachte. Daneben hörte man treffende Coverversionen von Stevie Winwoods „Can’t Find My Way Home“, John Stewarts „Shackles And Chains“ und als Ausflug in die Welt des Schlagers den „Never Ending Song Of Love“ von Delaney und Bonnie Bramlett, den die New Seekers in Europa populär machten. Von der Debüt-LP ihrer ersten Band „The Textones“ („Midnight Mission“ 1978) stammt der Song über das Lebensmotto ihres Vaters: „Number One Is To Survive“. Als Reminiszenz an das 50jährige Jubiläum präsentierten Olson & Wolfe Joni Mitchells „Woodstock“ und gruben auch einen weitgehend vergessenen Beatles-Klassiker aus („Two Of Us“ von der „Let It Be“-LP). Nachdem Carla eine Zeitlang mit dem Stones-Gitarristen Mick Taylor zusammengearbeitet hat, durften auch Verweise auf diese Band nicht fehlen: „Blue“, „Wild Horses“ (sehr eindrucksvoll!) und das unvermeidliche „Satisfaction“ in einer leicht ironischen Akustik-Fassung. Ihr wichtigster musikalischer Partner war wohl Gene Clark, das leider früh verstorbene Gründungsmitglied der Byrds - ihr 1987 entstandenes Album „So Rebellious A Lover“ ist auch heute noch definitiv hörenswert! Clarks Song „In A Misty Morning“ war folglich einer der emotionalen Höhepunkte des Abends. Kurz vor Mitternacht verabschiedeten sich die beiden von einem begeisterten Publikum mit dem allzeit gültigen Fogerty-Motto „Rockin‘ All Over The World“. Carla Olson versprach wiederzukommen, vielleicht schon im nächsten Jahr und „dann auch mit Elektrogitarren“. Man darf gespannt sein!

 

http://www.carlaolson.com/home.html

http://toddwolfe.com/


Wurst: Truth Over Magnitude (Sony Music 2019)
Wurst: Truth Over Magnitude (Sony Music 2019)

Interview Tom Neuwirth

14.11.2019

 

Beim Eurovision Song Contest 2014 katapultierte sich der österreichische Travestie-Künstler Tom Neuwirth in der Rolle der Conchita Wurst wie Phönix aus der Asche ins schillernde Rampenlicht und etabliert sich seither mit leichter Jesus-Attitüde als weltweiter Friedensbotschafter und Anti-Diskriminierungs-Beauftragter des Pop. Am 23. November wird er in der Meistersingerhalle mit den Nürnberger Symphonikern unter der Leitung von Thilo Wolf ein Conchita-Konzert geben. Vorher sprach er exklusiv über Veränderungen, Lernprozesse und Welt-Bilder.

 

Als multiple Persönlichkeit muss ich Sie am Anfang fragen, wie Sie angesprochen werden möchten?

Privat sagen alle meine Freunde Tom zu mir, beruflich und in der Öffentlichkeit ist es mir egal, ich höre auf Conchita, auf Tom auf Wurst; ich stehe so gerne im Mittelpunkt; wenn einer der Namen fällt, drehe ich mich sofort um.

 

Da Sie mit Ihrem neuen Album einen drastischen Imagewechsel vollzogen haben, könnte man vermuten, dass das Konzert in Nürnberg eine Art Abschiedstournee für Conchita ist?

Vor einiger Zeit hat sich das tatsächlich so angefühlt, ich habe aber bei einer ProSieben-Produktion („Queen Of Drags“) die Liebe zu Conchita Wurst wiedergefunden und ich kann mir durchaus vorstellen, Konzerte dieser Art weiter zu machen.

 

Wie ist der Kontakt mit Thilo Wolf und den Nürnberger Symphonikern zustande gekommen?

Ich habe vor zwei Jahren beim Opernball in Hannover eine Mitternachtsshow abgeliefert, Thilo war damals mit seiner Band engagiert und hat wohl schön gefunden, was ich tue. Wir haben dort gemeinsam musiziert und beschlossen, dass man daraus noch mehr machen könnte.

 

Außer den bekannten großen weiblichen Stimmen präsentieren Sie live auch Cover-Songs von Männern wie David Bowie, Prince oder Sam Smith.

Das wird tatsächlich das Programm des Abends sein. Ich bewege mich gerne auf verschiedenen Feldern und liebe die Herausforderung. Gesanglich fällt mir ein Song von Sam Smith etwas leichter, aber ich wage mich eben auch an Celine Dion und Shirley Bassey.

 

Mit welchen Vorurteilen mussten Sie sich bei der Zusammenarbeit mit einem „klassischen“ Orchester auseinandersetzen?

Die Skepsis der klassischen Musiker gegenüber Pop-Musikern ist bekannt und für mich auch berechtigt. Die Klassik ist die Wiege der Musik, das respektiere ich - gerade als Österreicher - sehr und sage, dass diese Musiker für mich fast Übermenschen sind.

 

Auf der CD „From Vienna With Love“ offenbaren Sie eine große Nähe zu den Titelmelodien der James-Bond-Filme. Wie stehen Sie zu dem Männlichkeitskult der Hauptperson?

Das ist ein sehr verstaubtes Konzept und es wäre an der Zeit einen weiblichen James Bond zu haben. Ich liebe die Musik, aber ich finde die Filme ein bisschen langweilig.

 

Der Wechsel zu der Kunstfigur „Wurst“ wird in dem Booklet Ihrer neuen CD als Wunsch beschrieben, zu sich selbst zu finden. Ist die Zeit der epischen Balladen und der Verkleidungen als Diva damit vorbei?

Conchita war für die Zeit vor etwa sechs Jahren die Wahrheit, ich fand das schön. Dann aber dachte ich, jetzt etwas komplett Neues machen zu müssen, um auszudrücken, was ich jetzt fühle und spüre. Es ist aber nur eine neue Phase, ein Prozess, kein unwiderruflicher Reset.

Conchita / Wiener Symphoniker: From Vienna With Love (Sony Music 2018)
Conchita / Wiener Symphoniker: From Vienna With Love (Sony Music 2018)

Dort finden sich auch zwei sehr persönliche Songs: „Trash All The Glam“ und „Truth Over Magnitude“. Wie würden Sie diese Ich-Botschaften in einfaches Deutsch übersetzen?

Zum einen heißt es, dass man die Oberflächlichkeit, die Show und den Glamour hinter sich lässt und mehr bei sich selbst ist; zum anderen heißt es, dass die Wahrheit wichtiger ist als die Größe. Damit meine ich die Abgründe des Entertainment-Business, aber auch mein eigenes Ego. Ich habe in der Vergangenheit Fehler gemacht und kann dazu „Entschuldigung“ sagen; das gibt mir eine große neue Freiheit.

 

Wie wichtig war die Zusammenarbeit mit der österreichischen Sängerin Eva Klampfer („Lylit“) für Ihr neues Album?

Wir sind schon sehr lange befreundet. Sie war bereit, mit mir und dem Produzenten Albert Janoska, dieses Projekt durchzuziehen. Ich bin nicht wahnsinnig talentiert, Songs zu schreiben, aber ich habe meinen Platz gefunden wenn es darum geht, Geschichten zu erzählen, aus denen dann andere Lieder stricken.

 

Welches Konzept steckt hinter der bildlichen Gestaltung der neuen CD?

Wir - das heißt der Fotograf Niklas von Schwarzdorn und ich - haben bei dem Foto-Shooting für die neue CD festgestellt, dass ich nackt sein muss, weil es das ist, worum es geht: das Ende der Illusionen. Es war ein wahnsinnig heißer, schweißtreibender Sommertag, an dem ich durch die Szenerie laufen musste, wie Gott mich schuf.

 

Wie halten Sie es aus in einer Welt, in der Andersartigkeit zunehmend bedroht wird?

Zum einen bin ich wahnsinnig ignorant, ich entdecke dennoch einen Trend zu mehr Verständnis, eine Generation, die inkludierend, sensibel und wach ist. Auf der anderen Seite sehe ich aber auch - gerade in Österreich - gegenläufige Entwicklungen. Die Lösung für mich ist positives Denken, Freundlichkeit, Humor; darauf konzentriere ich mich.

 

Fühlen Sie sich mehr als Österreicher, als Europäer oder als Weltbürger?

Ich liebe es, in Wien zu leben, diesen Schlagobers-Schaum in der Mitte von Europa zu schmecken; ich liebe es aber auch zu reisen und von anderen Menschen zu lernen.

 

Wie ist als Sänger Ihr Verhältnis zur deutschen Sprache?

Englisch ist ein Stück weit leichter zu singen, ich merke aber, dass ich in den letzten Jahren eine große Liebe zu meinem Dialekt entwickelt habe. Das geht so weit, dass mich bei Interviews manch einer nicht verstanden hat.

 

In Nürnberg müssen Sie die holzvertäfelte Meistersingerhalle mit ihrer Präsenz füllen, wo wäre die Musik des neuen Albums richtig aufgehoben?

Ich glaube, dass eine abgerockte Club-Location dazu passen würde, aber ich bin auch nicht abgeneigt, meine neue Musik orchestral darzubieten. Die Vorfreude auf eine große Konzerthalle führt nämlich dazu, dass ich morgens schon konzentrierter und mit besserer Körperhaltung aufstehe.

 

Wie pflegen Sie in den kalten Monaten ihr wichtigstes Organ, Ihre Stimme?

Ich habe einen Freund in London, der aus Indien stammt. Seine Mama hat mir ein Rezept gezeigt, das im Notfall Wunder wirkt. Es ist gehackter Ingwer mit schwarzem Pfeffer und Honig. Das verrührt man, stellt es in Kühlschrank und isst über den Tag verteilt immer ein Löffelchen davon.


Graham Nash Live  ****

Serenadenhof, Nürnberg (30.7.2019)

 

Rechtzeitig zum 50jährigen Geburtstag des Woodstock-Festivals rückt mit Crosby, Stills, Nash & Young eine Band wieder in den Fokus, die den Sound dieser Epoche entscheidend mitgeprägt hat. Leider sind die vier Herren derzeit nicht ziemlich beste Freunde, sodass man sich mit Solo-Auftritten begnügen muss.

Während Neil Young nach wie vor den ewig jungen Anarcho-Hippie gibt, David Crosby als exzentrischer Songbastler unterwegs ist und Stephen Stills seine alte Freundschaft mit Judy Collins pflegt, sieht sich Graham Nash als simple man, der simple songs vorträgt. Im ausverkauften Serenadenhof bewies er allerdings, dass man auch mit einfachen Dingen einen magischen Sommerabend gestalten kann. Die Nostalgie-getränkte Best-Of-Show hatte nur einen Nachteil: dass sie zu schnell vorbei war. Der in Manchester aufgewachsene Engländer hält sich wohl an die alte Fußballerweisheit: ein Spiel dauert 90 Minuten und eine Verlängerung gibt es nur für Unentschiedene.

Graham Nash hat an seiner Seite zwei ausgewiesene Top-Instrumentalisten, die schon vor Jahren mit der CSN-Band auf Burg Abenberg spielten. Todd Caldwell aus Texas ist ein einfühlsamer Hammondorgel-Flüsterer und Shane Fontayne entlockt seinen Gitarren weiche Pedal-Steel-Töne, sanfte Akustik-Licks und verzerrte Solo-Passagen - immer höchst geschmackvoll, nie aufdringlich. Die Überraschung: das Trio präsentierte auch dreistimmigen Harmonie-Gesang, der verdammt nahe am Original war. Wer solchen Klang(t)räumen zuhört, kann gerne auf Bass und Schlagzeug verzichten!

Am Ende der 1960er Jahre hatten Willy (so sein Spitzname) die Musik und die Liebe nicht nach Nash-Ville sondern an die Westküste der USA gezogen, seit längerer Zeit ist er ein Englishman in New York, der auch die politischen Verhältnisse in beiden Ländern aufmerksam beobachtet. Für den aktuellen US-Präsidenten und den frisch gekürten Premierminister hat er im Konzert lediglich ein resignatives Schulterzucken parat.

Die Setlist des intimen Abends enthielt praktisch nur Songs aus den 60ern und 70er Jahren; darunter ein Rückblick auf seine Zeit mit den Hollies („King Midas In Reverse“) und eine dynamische Hommage an die Beatles („A Day In The Life“) - wohl ein Hinweis auf das Qualitäts-Niveau, das er gerne mit den Hollies erreicht hätte. Selbstkritisch auch der Bühnenkommentar zu seinem kommerziell erfolgreichsten Song „Just a song before I go“: „Den habe ich aufgrund einer Wette innerhalb von dreißig Minuten im Warteraum des Flughafens von Maui geschrieben“. Musikalische Verweise auf seinen Kumpel Stephen Stills („4 + 20“, „Love The One You’re With“) mischten sich mit einem nachträglichen Geburtstagsständchen für seine große Liebe Joni Mitchell („Our House“) und einer Erinnerung an den Impulsgeber Buddy Holly („Everyday“). Bemerkenswert allerdings, dass er bis auf eine Ausnahme sein aktuelles Album aus dem Jahre 2016 („This Path Tonight“) gänzlich unerwähnt lässt.

Graham Nash ist im gesetzten Alter von 77 Jahren noch sehr gut bei Stimme, muss zwischen den Songs mal kurz tief durchatmen, beeindruckt aber durch sein unprätentiöses Auftreten und seinen künstlerischen Anspruch. Bei der finalen Zugabe ist mit dem Lehrer/Eltern-Song „Teach Your Children“ alles wie vor 50 Jahren: Love, Peace & Happiness.


Interview Graham Nash

30.4.2019

 

Wenn beim Lagerfeuer die Gitarre ausgepackt wird, kommt die Zeit für „Teach Your Children“; wenn ein verliebtes junges Paar das neue Eigenheim bezieht, streamt man zu diesem Anlass „Our House“. Und eine vernünftige Ostermarsch-Demo ist ohne „Military Madness“ eigentlich nur die Hälfte wert. Daraus kann man lernen, dass sich die hymnischen Songs von Graham Nash in das kollektive Gedächtnis einer Generation eingefräst haben. Der Engländer, der seit einiger Zeit in New York City lebt, war Teil des legendären Quartetts Crosby, Stills, Nash & Young und tritt am 30. Juli mit einem Soloprogramm im Nürnberger Serenadenhof auf. Am Telefon beantwortete er Fragen zu seiner musikalischen Geschichte und Gegenwart.

 

Graham, Ihre Show wird als intimer Abend mit Songs und Geschichten angekündigt. Was dürfen wir erwarten?

Graham Nash: Ich präsentierte meine Songs in einer sehr simplen Form, es gibt keine Nebelmaschinen, keine Fanfaren, keine Go-Go-Girls; mit mir auf der Bühne sind nur meine Freunde Shane Fontayne an der Gitarre und Todd Caldwell an der Orgel. Dazu möchte ich dem Publikum in die Augen sehen können und auch etwas vom Prozess des Songwritings erzählen, möchte erklären, warum ich zum Beispiel den Song „Our House“ geschrieben habe, welche Hintergedanken ich bei „Military Madness“ hatte.

 

Im Juli 2019 werden Sie mehrere Konzerte in Europa geben. Glauben Sie, dass zu diesem Zeitpunkt Großbritannien noch ein Mitglied der EU ist?

Nash: Im Grunde meines Herzens bin ich - obwohl ich seit fast 50 Jahren in den USA lebe - immer noch Engländer und ich glaube, dass es ein riesengroßer Fehler wäre, die EU zu verlassen. Gerade in einer Zeit, in der die US-Regierung alles tut, um Gesellschaften zu spalten.

 

2019 feiern wir auch den 50. Geburtstag von Woodstock. Crosby, Stills, Nash & Young traten bei diesem legendären Event am frühen Montag um 3.00 Uhr auf. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Nacht?

Nash: Viel Regen, viel Matsch, viel Marihuana, viel Musik und sehr viele Menschen.

 

Was ist nach Ihrer Meinung von den Idealen dieser Zeit heute noch aktuell? Kann man die Welt verändern, wie es in Ihrem Song „Chicago“ heißt?

Nash: Ich glaube absolut daran, dass ein Song die Welt verändern kann. Das, wofür die Hippies 1969 standen, ist gerade jetzt von großer Bedeutung: Liebe ist besser als Hass, Friede ist besser als Krieg, das Füreinander ist besser als das Gegeneinander - und das waren die Basics der Hippie-Bewegung.

 

Auf Ihrer neuen CD „Over The Years” befinden sich auch zahlreiche Demo-Versionen. Wie entscheiden Sie, ob ein Song reif für die Veröffentlichung ist?

Nash: Ich schaue in meinen Song hinein. Wenn wir zusammen in der Küche sitzen würden, ich einen neuen Song vorspielen würde und keine Reaktion erfolgt, dann weiß ich, dass noch etwas fehlt. Erst wenn ich von der Substanz eines Songs überzeugt bin, möchte ich ihn auch öffentlich vortragen.

 

Vor zwei Jahren spielten die Hollies auf derselben Bühne in Nürnberg (Serenadenhof). Haben Sie noch Kontakt mit Ihrer alten Band?

Nash: Ich spreche etwa einmal in der Woche mit Allan Clarke, mein Verhältnis zu ihm ist viel besser als damals, als wir beide noch in der Band waren. Er wird übrigens demnächst ein neues Solo-Album veröffentlichen. Ich habe auch noch lockeren Kontakt zu Tony Hicks und Bobby Elliott und glaube, dass die Band mit ihrem Programm noch immer ein großen Publikum unterhält.

 

In den letzten vier Jahren gab es unterschiedliche Aussagen über die Möglichkeit einer erneuten Reunion von CSN&Y.

Nash: Es ist im Prinzip recht einfach: Man muss sich mögen, wenn man zusammen Musik macht. Momentan spreche ich mit Stephen Stills und mit Neil Young, aber nicht mit David Crosby. Mehr möchte ich zu diesem Thema nicht sagen.

 

Wann haben Sie gemerkt, dass der dreistimmige Gesang von Crosby, Stills & Nash etwas Besonderes ist?

Nash: An einem Abend des Jahres 1968 besuchte ich Joni Mitchell in ihrem Haus in Laurel Canyon und wollte die Zeit eigentlich mit ihr allein verbringen. Es waren aber noch zwei andere Männer anwesend: David Crosby und Stephen Stills. Nach dem Abendessen spielten mir die beiden einen neuen Song vor mit dem Titel „You Don’t Have To Cry“. Am Ende sagte ich: „Toller Song, spielt ihn noch einmal!“ Danach hatte ich die Melodielinie und den Text im Kopf und bat um eine weitere Wiederholung. Nach 45 Sekunden wussten wir alle drei, dass die Stimmen perfekt harmonierten und dass sich unser musikalischer Werdegang drastisch ändern würde. Für mich war in diesem Moment klar, dass ich England, meine Familie und die Hollies verlassen muss.

 

Stephen Stills veröffentlichte vor einem Jahr ein Album mit Judy Collins. Dürfen wir in diesem Sinne auch eine musikalische Partnerschaft Joni Mitchell & Graham Nash oder Rita Coolidge & Graham Nash erwarten?

Nash: Das ist eine überraschende Frage und ich muss sagen, dass so ein Projekt nicht stattfinden wird. Stephen Stills hatte seine guten Gründe und die beiden waren auch recht erfolgreich. Aber ich muss den Vorschlag leider ablehnen.

 

Vor sieben Jahren haben Sie ein autobiographisches Buch geschrieben mit dem Titel „Wild Tales: A Rock & Roll Life”.

Nash: Heute würde ich diesem Buch eine neue Überschrift geben: „I found myself at last”. Denn ich bin im stolzen Alter von 77 Jahren wirklich zu innerer Ausgeglichenheit gelangt und bezeichne mich als glückliche Person.

 

Was bringen Sie nach Deutschland mit; welche kulinarischen Produkte erwarten Sie hier?

Nash: Ich habe meine Gitarre, meine Mundharmonika und mein Hirn dabei; Ich erinnere mich an eine exzellente Tomatensuppe, die ich einmal in Heidelberg gegessen habe, und freue mich natürlich auf deutsches Bier!


Doppeladler: die Eagles einmal live (unten) und einmal auf dem Video-Wall (oben)
Doppeladler: die Eagles einmal live (unten) und einmal auf dem Video-Wall (oben)

Eagles Live    ****

Lanxess Arena Köln ( 28.5.2019)

 

Als Glenn Frey im Januar 2016 relativ überraschend verstarb, war für viele Beobachter klar, dass damit das Ende der Eagles, jener Band, die seit etwa 1970 auf geniale Weise die Verschmelzung von Rock und Country vorgeführt hatte, eingeläutet sei. Wenn der Tod von John Lennon zu der noch aktiven Zeit der Beatles passiert wäre, hätte auch niemand verstanden, dass die anderen drei einfach so weitermachen. Doch Don Henley, das letzte noch verbliebene Gründungsmitglied der Eagles hat sich - aus welchen Gründen auch immer - nach anfänglichen Zweifeln anders entschieden. Mit einem cleveren doppelten personellen Schachzug hält er die Erfolgsmaschinerie am Laufen: Deacon Frey (25), der Sohn von Glenn Frey übernimmt sozusagen das Vermächtnis seines Vaters, ohne dessen dominierende Rolle in der Band in irgendeiner Form ausfüllen zu können. Vince Gill allerdings ist mehr als nur ein stimmlicher Ersatz, er ist auch als Gitarrist und Songschreiber mit langer Erfahrung in der modernen Country Music ein Volltreffer für die Eagles. Nach den ersten Auftritten 2017 in den USA wurde nun für 2019 eine Welttournee angesagt und damit auch den Fans in Europa die - wahrscheinlich letzte - Chance gegeben, das neue Personaltableau zu besichtigen.

Das Ergebnis ist beeindruckend, wenn auch ein paar kleinere Fragezeichen nach den 150 Minuten in der Kölner Arena bleiben. Schon mit dem Auftaktsong („Seven Bridges Road“) demonstrieren die Eagles ihre vokale Brillanz, um dann ein stimmiges Best-Of-Programm abzuliefern, das die ca. 12 000 Zuhörern in nostalgisches Staunen versetzt. Als Kontrast zu den melodiösen Ohrwürmern, die auf der Basis von akustischen Gitarren arrangiert wurden, darf Joe Walsh seine schrägen Rock-Kracher einstreuen, die er in unverwechselbarer Weise zelebriert. Dafür nimmt dann auch kurzfristig eine fünfköpfige Bläser-Sektion ihren Platz im Rückraum ein. Vince Gill bekommt sogar fünf Minuten eingeräumt für seinen Song aus dem Jahr 1992 („Don’t Let Our Love Start Slipping Away“). Wer vorher bei „Tequila Sunrise“ und „Peaceful Easy Feeling“ genussvoll die Augen geschlossen und den makellosen Soli von Steuart Smith gelauscht hat, weiß natürlich, dass der vorläufige Schlusssong („Life In The Fast Lane“) nur noch eine Behauptung der Alt-Rocker ist. Allerdings sollte man sich nicht nur auf seine Ohren verlassen sondern auch die grandiosen Video-Produktionen auf der Bühne verfolgen. Erst der Mitklatsch-Song "Heartache Tonight" hebt die andächtig lauschenden Zuschauer aus den Sesseln. Es gibt dann schließlich drei Zugaben mit insgesamt vier Songs: das epische „Hotel California“, das rumpelnde „Rocky Mountain Way“, die ergreifende Ballade „Desperado“ und der Song, der einen wesentlichen Teil des Erfolgsrezepts der Eagles abbildet: „Best Of My Love“. Was auffällt: das komplette letzte Album „Long Road Out Of Eden“ bleibt außen vor! Das heißt wohl: mit Volldampf zurück in die guten alten Zeiten!


Russ Tolman live     ***

Kantine, Nürnberg, 24.5.2019

 

Nach Auskunft glaubhafter Musik-Archäologen soll die Band True West im Jahr 1985 einen Auftritt in Nürnberg gehabt haben. Die Musiker aus Kalifornien galten damals als heißer Tipp, durften als Vorband von REM auf Tour gehen und wurden mit einigen anderen Combos aus der Region (Green On Red, The Long Ryders) von der Radiostation KDVS heftig gepusht sowie unter dem merkwürdigen Label „Paisley Underground“ abgeheftet. Ihre gemeinsame musikalische Ambition war eine Revitalisierung des psychedelisch angehauchten Folk-Rock der Byrds. Als Gitarrist und Songwriter von True West fungierte damals Russ Tolman, der sich aber bald selbständig machte, seitdem solo seinen Geschäften nachgeht und nun tatsächlich in der Kantine (Ersatzlocation für das Zentralcafe) auftauchte. Im Handgepäck hat er ein hörenswertes Konzeptalbum („Goodbye El Dorado“), das wie ein alternativer Touristenführer für L. A. wirkt, hinter die Fassade der Strand-Palmen-Idylle und der Hollywood-Glitzerwelt schaut und musikalisch wie eine Easy-Listening-Version von Calexico oder Warren Zevon daherkommt.

Ob es allerdings eine gute Idee war, den netten Herrn Tolman - natürlich aus Kostengründen - ohne Begleitband auf die Europa-Reise zu schicken, darf bezweifelt werden. So steht er etwas verloren mit Akustik-Gitarre und Elvis-Costello-Brille auf der Bühne, schaut in den spärlich besuchten Zuhörer-Raum und spult trotzdem gut gelaunt sein Songprogramm aus den letzten 40 Jahren ab. Er vergisst auch nicht, dem großen Bob Dylan, Vorbild aller Singer / Songwriter, termingerecht zum 78. Geburtstag zu gratulieren. Da Tolman aber nur ein limitierter Rhythmus-Gitarrist ist, stellt sich bald eine gewisse Gleichförmigkeit ein, und man ertappt sich als Zuhörer dabei, dass man nach 30 Minuten zum ersten Mal auf die Uhr schaut. Gerade wird zudem noch die alltägliche nervige Stau-Situation auf den Highways rund um L. A. besungen: „405, you really gonna piss me off“. Da hilft dann nur die Durchhalte-Parole, die schon so ähnlich Jackson Browne mit den Eagles verkündet hatte: „Take it easy, take it slow / I’m in no hurry to go“.


Don Ross Live    ***

Kofferfabrik Fürth (16.5.2019)

 

Wer wissen möchte, was man mit sechs Stahlsaiten und zehn Fingern alles machen kann, ist bei dem Kanadier Don Ross gut bedient. In der Kofferfabrik präsentierte der gut gelaunte und charmant plaudernde Akustik-Gitarrist ein energiegeladenes Programm von eigenen und fremden Titeln, von Instrumentals und Songs mit Stimme.

Von dem 57jährigen darf man allerdings keine gefühlige Lagerfeuer-Folk-Romantik erwarten, er bewegt sich eher in den Bereichen von Heavy Wood, Jazz Rock, Neo-Folk und sogar Hip Hop. Er selbst nennt diesen aufregenden Stilmix „Pat Metheny meets ZZ Top“! Während die linke Hand auf dem Griffbrett tanzt, erzeugt der Daumen der rechten Hand knackige Basslinien, die übrigen Pick-Finger scharfe Akkorde und fließende Melodie-Einwürfe, dazu kommt auch der Handballen als Perkussions-Instrument ins Spiel. Schließlich presst Ross seine beiden Werkzeuge, die ihm der kanadische Gitarrenbauer Marc Beneteau mit doppeltem Tonabnehmer konstruiert hat, durch ein wuchtiges Effekt-Board und lässt auch mal einer schrillen Verfremdung mit dem Vocoder ihren Lauf.

Als Inspirationsquellen nennt Don Ross die Namen von Leo Kottke, Michael Hedges, John Renbourn und seinen Landsmann Bruce Cockburn; im Gegensatz zu Letzterem sieht er sich jedoch nicht als Singer/Songwriter, denn er hat keine Lust mit Texten viel Privates preiszugeben. So kann er stattdessen als Komponist von atmosphärischen Instrumentals seinen schrägen Humor einsetzen und eine CD mit dem Titel „Musik zum Staubsaugen“ oder eine andere mit dem sinnfreien Wortspiel „A Million Brazilian Civilians“ ankündigen. Der Sohn eines nach Kanada ausgewanderten Schotten und einer Mikm’aq-Indianerin aus Nova Scotia - daraus entsteht sein Spitzname „McMikm’aq“ - ist seit etwa 40 Jahren im Geschäft und hat auf diversen Europa-Tourneen die deutsche Sprache gut gelernt; seine liebste Ausdrucksform ist und bleibt aber die Gitarre pur.


Cosmo Klein: The London Palladium Marvin Gaye Show (Live)       ****

Erlebe Wigner, Zirndorf (6.4.2019)

 

Vor 43 Jahren überwand der legendäre Soulmusiker Marvin Gaye seine Flugangst und ließ sich zu einer kleinen Europa-Tournee überreden. Im Londoner Palladium bekämpfte er dann auch erfolgreich seine ständige Bühnenangst und lieferte ein sensationelles Konzert ab, das ein Jahr später als Doppel-Live-LP von Motown Records („Marvin Gaye Live At The London Palladium“) veröffentlicht wurde.

Zu dieser Zeit war Cosmo Klein (Jahrgang 1978) noch nicht geboren, erst viel später, als er sich künstlerisch vom Pop-Sänger und Metal-Frontmann zum Funkguerilla weiterentwickelt hatte, stieß er auf jenes Tondokument und war sofort begeistert. Nach einer kurzen Prüfung von Stimme und Feeling stand für ihn fest: Ich will dieses Konzert wieder live auf die Bühne bringen! Die Zuschauer im ausverkauften Zirndorfer Erlebniskaufhaus Wigner konnten zunächst sitzend, dann stehend und tanzend feststellen, dass sein ambitioniertes Projekt funktioniert.

Cosmo Klein ist ein sympathischer Entertainer mit seidiger Kopf- und markanter Bruststimme, der zum Glück nicht den Anspruch erhebt, eine Kopie von Marvin Gaye zu sein - dazu fehlt ihm auch die Hautfarbe und der Bart der späten 70er! Dennoch ist sein Auftritt stimmig und eine seriöse Verbeugung vor dem sperrigen „Trouble Man“ Marvin, dem ja auch die Commodores schon in ihrem Song „Nightshift“ gehuldigt haben und der erst vor kurzem dem Duo Charlie Puth und Meghan Traynor eine dicke Refrainzeile wert war: „Let’s Marvin Gaye and get it on / you get that healing that I want“.

Entscheidend für den Bühnen-Erfolg von Cosmo Klein ist aber, dass er um sich eine kompakte Sechs-Mann-Band aus renommierten deutschen Musikern versammelt hat, die mit gehörigem Schalldruck und der Lizenz zum Funken die R&B-Songs direkt ans Tanzbein adressieren. Allen bleibt auch Zeit für ein prägnantes Solo, besonders die scharfen Sax-Passagen von Professor (!) Peter Weniger und die Wah-Wah-Gitarre von Hanno Busch machen Eindruck. Unumstößliches und unübersehbares Fundament der Gruppe ist Bandleader Claus Fischer am Bass: er hält zusammen, was zusammen gehört.

Zwei Beiträge zum Thema des Abends kann Cosmo Klein allerdings nicht liefern: es fehlen die visuellen und akustischen Reize von Background- oder Duett-Sängerinnen (Kostengründe?) und er weigert sich bewusst, „Sexual Healing“, den bis heute größten Hit von Marvin Gaye, zu spielen. Der entstand nämlich erst 1982 und leitete den tragischen Abstieg des „Prince Of Soul“ ein, der ja 1984 bekanntlich mit einer umgekehrten ödipalen Katastrophe endete: Gaye wurde bei einem häuslichen Streit von seinem Vater erschossen.

Das Konzert endet um vieles fröhlicher mit zwei Zugaben: der Ballade „Distant Lover“ und der pfeffrigen Funk-Nummer „Got To Give It Up“, bei der selbst die Kleiderbügel im nebenan liegenden Verkaufsraum in Schwingungen geraten.

 

http://www.cosmopolytix.com/marvingayeshow/


Johanna Juhola Reactori Live    ****

Tafelhalle Nürnberg; 5.4.2019

 

Am 28. Juli wird die finnische Akkordeo­nistin Johanna Juhola beim Nürnberger Bardentreffen unter dem Leitmotto „World Wild Accordion“ auftreten, gut drei Monate vorher gab sie mit ihrer Drei-Mann-Band Reactori im Rahmen der Konzertreihe „nordwärts“ eine feine Kostprobe im Tafelhallen-Cafe.

Rotes Kleid, rote Ringelstrümpfe, rote Stiefel, dazu ein Akkordeon mit rotem Balg und roten Sternen; so setzt Juhola gleich ein visuelles Ausrufezeichen, wenn sie als Mischung aus Columbine und finnischer Superhero-Comicfigur die Bühne betritt. Dann aber lässt die eilige Johanna ihre Finger auf den silbernen Knöpfen virtuos tanzen und zaubert bei ihren selbst komponierten Instrumentalstücken ei­nen fesselnden Sound, der zwei weit auseinander liegende Parallelwelten, den Tango Argentino und den finnischen Folk verbindet. Oder: feuriges Rinder­steak trifft auf gemächlichen Rentier­schlitten. Oder: Mitternachtssonne in Buenos Aires. Oder in den Worten der Musikerin: Fantasiatango.

Sie schafft es durch brillante Technik und diverse Soundeffekte ihrem Instru­ment, das manche nüchterne Beobach­ter als ein Hybrid aus Reiseschreibma­schine und Luftpumpe bezeichnen, neue Dimensionen in Richtung Weltmusik zu erschließen. Einen wesentlichen Anteil an diesem Pimp-Up-Projekt hat Juuso Hannukainen, der mit seinem Drumpad dynamische Beats und Loops beisteuert und an zwei Laptops Audio-Sequenzen und Video-Einspielungen einmischt. So schleicht sich plötzlich von hinten (auf der Leinwand) ein langhaariger finni­scher Rapper, eine finnische a capella-Gruppe oder der berühmte argentini­sche Sänger Carlos Gardel ins musikali­sche Geschehen. Weiterhin stehen live Ilkka Heinonen am Kontra­bass und Antti Kujanpää an Kla­vier und Harmonium auf der Bühne.

Die Songs der sympathischen Finnin er­zählen ohne Worte von Reisestrapazen in den Weiten Skandinaviens („Road As­sistance“), vom Geheimnis des perfek­ten Tangotanzes („Four Minute Love Story“) oder von einem Kinderausflug in die Bonbonfabrik („New Adventures In Candyland“). Man darf also erwar­tungsfroh gespannt sein, wie sich Jo­hanna Juhola auf der großen Altstadt-Bühne in Szene setzt.

 

Aktuelle CD: Johanna Juhola: Diivan Jäljet (Shadow Of A Diva): Westpark Music 87371

 

http://www.johannajuhola.net/uutiset-1

Im Interview erzählte Johanna Juhola von ihrer musikali­schen Sozialisation und von ihren grenz­überschreitenden Musik-Projekten.

 

Johanna, wie sind Sie an das Instrument Akkordeon geraten?

Als Kind musste ich Klavier lernen. Dann nahm ich bei einem Sommercamp an einem Workshop Ak­kordeon teil und war begeistert von den Möglichkeiten, die dieses Instrument bietet. Vor allem deshalb, weil unser Lehrer uns zum freien Improvisieren ermunterte. Später studierte ich an der Sibelius-Akademie in Helsinki und wurde Profi-Musikerin.

 

Das Akkordeon gilt für viele immer noch als sehr traditionsbelastetes und konser­vatives Musikinstrument. Ich vermute, Sie sehen das anders?

Ich respektiere und höre auch gerne die finnische Folklore. Doch ich wollte nicht bei alten Traditionen stehen bleiben, sondern mich musikalisch im­mer weiterentwickeln. Heute hat das Akkordeon auch seinen Platz in der Avantgarde gefunden.

 

Sie nennen Ihr musikalisches Projekt „Fantasiatango“. Was darf man darun­ter verstehen?

Ich bekam 2007 den spannen­den Auftrag die Eröffnung des Eurovi­sion Song Contests in Helsinki musika­lisch zu bestreiten. Die Produzenten wollten eine Mischung aus Tango und Fantasy. Dabei habe ich gemerkt, dass das genau die Kombination ist, die ich in meinen Konzerten schon immer ange­peilt hatte.

 

Würden Sie gerne einmal als Vertreterin Finnlands beim Eurovision Song Contest auftreten?

Da muss ich leider passen, weil ich keine Sängerin bin. Es würde mich aber reizen, einen Song für einen ande­ren Künstler zu schreiben, der dann am ESC teilnimmt.

 

Ein wesentlicher Teil Ihrer Bühnenper­formance ist das farbige und etwas ex­zentrische Auftreten. Wie kam es dazu?

Es hat mich schon immer ge­stört, dass die Bühnenvorhänge einheit­lich in schwarz gehalten sind. So fand ich es sinnvoll, dass wenigstens die auftre­tenden Personen einen farblichen Ak­zent setzen.

 

Warum integrieren Sie elektronische Sounds in Ihre Arrangements? Fürchten Sie nicht die Kritik von Puristen?

Es hat sich bisher bei mir noch niemand gemeldet. Der Reiz liegt ja ge­rade in dem Kontrast von traditionellen und modernen Klängen. Und durch die Video-Sequenzen kann ich sogar mit mir selbst im Quartett auftreten.

 

Bevorzugen Sie Auftritte in kleinen Clubs oder bei großen Festivals?

Ich mag beides. Im kleinen Club hat man die Chance, den Leuten in die Augen zu schauen; von einem großen Publikum geht dagegen eine besondere Energie aus.

 

Sollte man vor der Bühne eine Tango-Tanz-Zone freihalten?

Bisher hatten wir sehr unter­schiedliche Erfahrungen. Es gibt Säle, wo die Menschen lieber ruhig zuhören wollen; es gibt aber auch Abende, wo plötzlich eine Reihe von Leuten anfängt zu tanzen anfängt. In einem meiner Songs vergleiche ich den Tango mit einem Wrestling-Kampf, in einem anderen Stück mit einer vierminütigen Liebes-Affäre.

 

Ein weiterer Akkordeonspieler aus Finn­land wird beim Nürnberger Barden­treffen auftreten (Kimmo Pohjonen), den manche als Jimi Hendrix des Akkordeons bezeichnen. Mit welchem Musik-Super­star würde Sie gerne verglichen werden?

Meine Affinität zu Größen des Pop- und Rock-Business ist beschränkt; insofern fällt es mit sehr schwer hier ein Idol oder eine Bezugsperson zu nennen.


Konstantin Wecker & Band: Live    ***

Meistersingerhalle Nürnberg, Großer Saal

2.10.2018

 

Harte Kontraste in der Nürnberger Meistersingerhalle: im Kleinen Saal wirbt Minister­präsident Markus Söder für Bayernstolz und Innere Sicherheit, im Großen Saal lädt Konstantin Wecker auf seiner Jubiläumstour zu „Poesie und Widerstand“ ein.

Konzerte von Konstantin Wecker haben zunehmend den Charakter von Gemeindeausflügen. Eine nach wie große Zahl von Gleichgesinnten trifft sich zu einer bestärkenden Phantasiereise. Statt Heizdecken gibt es CDs und Bücher zu kaufen, statt Schäufele mit Kloß werden anspruchs­volle Lieder und längere begleitende Texte serviert. Neben seiner Musik kann der 71jährige Wecker eben noch etwas bieten: eine authentische und dezidiert politische Haltung, die er al­lerdings mit ziemlich missionarischem Gestus ausbreitet.

Unspektakulär betritt er die Bühne, intoniert am Flügel die ersten Akkorde seines Klassikers „Willy“(„Freiheit, das heißt keine Angst haben vor niemand!“) und setzt zu einer Generalab­rechnung mit heutigen politischen Strömungen an. Er wettert gegen die Euro-Populisten Gauland, Salvini, Le Pen und Seehofer, er prangert den neoliberalen Finanzkapitalismus als Ur­sache der weltweiten Konflikte an und warnt - ganz im Sinne seiner Kunstfigur aus den 70er Jahren - vor dem wieder aufkommenden Rechtsradikalismus und Nationalismus.

Weckers Antwort auf diese Tendenzen lautet: Poesie und Widerstand - oder noch mehr zuge­spitzt: Poesie ist Widerstand. Diese etwas grobschlächtige These übersieht allerdings, dass sich der deutsche Soldat im 2. Weltkrieg von Rilke-Gedichten ablenken ließ, dass der Lyriker Stefan George einen hermetisch-elitären Dicht-Kult etablierte und dass ein Poet wie Knut Hamsun glü­hender Hitler-Verehrer war. Egal: Wecker sieht sich in der Tradition von Heinrich Heine, Ber­tolt Brecht, Erich Fried und Hans Magnus Enzensberger, fordert „Zärtlichkeit und Wut“, träumt von einer grenzenlosen Welt, in der kein Platz ist für engstirnige Patrioten und stolze Deutsche, und formuliert prägnant: „Wer mit dem Leben tanzen will, muss ungehorsam sein!“

Die einzige Spur von Ironie, die sich der Liedermacher gestattet, ereignet sich beim selbstkriti­schen Rückblick auf sein eigenes Leben: erst als er mit 50 Vater geworden sei, habe er die Pu­bertät überwunden, vorher „waren meine Text klüger als ich“. Der Zynismus eines Randy New­man ist dem Münchner Liedermacher dagegen vollkommen fremd.

Für die Tournee hat Wecker eine spielfreudige fünfköpfige Begleit-Band zusammengestellt: ne­ben seinem aus Nürnberg stammenden Dauer-Kompagnon Jo Barnikel sind noch Fany Kam­merlander (Cello, Bass, Gesang), Severin Trogbacher (mit heftigen Rock-Gitarren-Soli), Marcus Wall (Geige) und Wolfgang Gleixner (Perkussion) dabei. Die Musik pendelt zwischen Klassik-Anleihen, Chanson, Blues, konzertantem Folk und World Beat, wobei beim „lautesten“ Lied („Weltenbrand“) merkwürdige Ähnlichkeiten zu den penetranten Nordmännern von Santiano auftauchen. Als wichtiges Bühnen-Accessoire erweist sich ein kleiner Tisch, an dem Wecker zu mehreren Lesungen aus seinen Büchern (aktueller Titel: „Auf der Suche nach dem Wunderba­ren“) ansetzt. Als Gast wird nach der Pause der junge Liedermacher Roger Stein protegiert, der sich mit einem „Hochzeitslied“ als witziger Udo-Jürgens-Epigone vorstellt.

Im Rahmen einer langen Zugabe entsteht dann fast Kirchentags-Atmosphäre: das Publikum er­hebt sich von den Sitzen und singt zur Melodie von Beethovens 9. Sinfonie („Freude schöner Götterfunken“) die Textvariante über den Sieg der Zärtlichkeit gegen den Hass. Wecker badet hoffnungsvoll in der Menge und verabschiedet sich nach drei Stunden lässig-italienisch mit „Buena Notte“.

 

Wir haben den beiden abendlichen Protagonisten in den Meistersingerhallen gleichlautende Fragen gestellt:

Wenn Sie an diesem Abend Zeit gehabt hätten, würden Sie gerne das Konzert im anderen Saal besuchen? Macht es Sie neidisch/stolz, dass der eine den Großen Saal füllt und der andere nur den Kleinen?

Konstantin Wecker meinte: „Ich würde die Veranstaltung von Markus Söder nicht besuchen. Stolz wäre ich, wenn die unterschiedlichen Besucherzahlen ein Zeichen für das Wahlverhalten der Nürnberger darstellten!“

Im Auftrag von Markus Söder antwortete CSU-Generalsekretär Blume: „Wir stehen mit Kon­stantin Wecker nicht im Wettbewerb. Markus Söder, hat im Wahlkampf schon auf mehr als 200 Veranstaltungen gesprochen und damit mehr als 250 000 Besucher direkt erreicht. Der Wahl­kampf zeigt: Bei uns spielt die Musik!“



Rosanne Cash live     ****

Nürnberg, Serenadenhof (31.7.2018)

 

Zum ersten Mal in Nürnberg: Rosanne Cash veredelte mit ihren Songs und ihrer Stimme eine heiße Sommernacht im ausverkauften Serenadenhof.

Während andere New Yorker Badeurlaub an der Ostküste von Maine machen, geht Rosanne Cash mit Ehemann John Leventhal und zwei Gitarren fast alljährlich auf die Reise nach Europa und präsentiert einem begeisterten Publikum Songs aus ihrer mittlerweile vierzigjährigen Musik-Karriere. Etwas weniger Jahre hat der Unterfranke Markus Rill auf dem Buckel, der im Vorprogramm zusammen mit Maik Garthe seine Liebe zur amerikanischen Musik zwischen Nashville und Austin dokumentierte.

Die These sei erlaubt: Wenn es eine US-Künstlerin gibt, die sich das Label Roots-Music (oder neudeutsch: „Americana“) auf die rot-weiß-blaue Fahne schreiben kann, dann ist es die älteste Tochter von Country-Legende Johnny Cash. Mit ihren beiden letzten CD-Veröffentlichun­gen hat sie sich auf die Suche nach mehreren Wurzeln begeben. Zum einen forschte sie auf der Basis einer To-Know-Liste ihres Vaters nach den Ursprüngen des Great American Songbooks im Bereich Country & Folk. Herausgekommen ist auf „The List“ (2010) ein beeindruckendes Destillat mit zwölf Songs aus den 50er und 60er Jahren. Im Konzert waren davon unter anderem Don Gibsons „Sea Of Heartbreak“ und Hank Snows „I’m Moving On“ zu hören.

Danach machte sie sich in Amerikas Süden auf die Suche nach der eigenen Familiengeschichte und nach den musikalischen Gründervätern von Blues, Country und Folk zwischen Memphis und Mobile. Aus dieser Reise entstand in Zusammenarbeit mit ihrem Ehemann John Leventhal das hochdekorierte Album „The River & The Thread“ (2016). Besonders beeindruckend - wenn man es live hört - wirkt dabei der Rückblick in die Zeit des Bürgerkriegs, als Mitglieder der Cash-Familie auf beiden Seiten ins Schlachtgetümmel zogen („When The Master Calls The Role“).

Auf der Bühne ist Rosanne Cash eine intelligente Geschichtenerzählerin und gänzlich unprätentiöse Persönlichkeit, die auch mal dem Veranstalter Peter Harasim einen Wunsch erfüllt („September When It Comes“), auf Zuruf aus dem Publikum das pantheistische Bekenntnis „God Is In The Roses“ ins Programm nimmt und mit drei Liedern ihre Zukunftspläne offenbart: im Oktober wird ein neues Album erscheinen: „She Remembers Everything“ - laut Rosanne Cash „keine Drohung“ -, und irgendwann soll ein Musical über Norma Rae, die feministische Vorkämpferin aus den 1970er Jahren, am Broadway platziert werden („Down At The Henley Mill“).

Die eheliche Zweisamkeit funktioniert mit spontanen Blickkontakten: Glücklich, wer einen Mann wie John Leventhal an seiner Seite hat, der mit virtuoser und kreativer Gitarrenarbeit den Songs von Rosanne Cash einen besonderen Background gibt - und nebenbei dank einiger ironischer Bemerkungen die fast schon weihevolle Stimmung konterkariert.

Nach der Zugabe mit dem Folk-Klassiker „Five Hundred Miles“ bleibt in Erinnerung: Im Gegensatz zu dem merkwürdigen Herrn Richard Grenell in Berlin, der dort als Stimme seines zwitschernden Herrn fungiert, ist Rosanne Cash die musikalische Botschafterin eines anderen Amerikas: weltoffen, liberal, aufgeklärt, geschichtsbewusst, selbstkritisch und schlichtweg sympathisch.

 

https://www.rosannecash.com/


Kris Kristofferson live      **

Serenadenhof Nürnberg  (20.6.2018)

 

Wenn man einem sichtlich (und hörbar) gealterten Künstler beim Live-Konzert zuschaut, stellt sich zwangsläufig die Frage: Muss er/man sich das noch antun?

Fallbeispiel Kris Kristofferson: Die 82jährige Songwriter-Legende betritt an einem lauen Sommerabend pünktlich um 20.00 Uhr die Bühne des Nürnberger Serenadenhofs, begrüßt das zahlreich erschienene Publikum korrekt („Hello, Nuernberg“) und stellt dann seine musikalische Begleitung vor; drei Musiker der Band The Strangers, die bis vor zwei Jahren dem mittlerweile verstorbenen Country-Sänger Merle Haggard assistiert haben: Jeff Ingraham (dr), Doug Colioso (keyb, voc) und Scott Joss (fiddle, g, voc).

Was danach folgt, ist allerdings höchst ernüchternd: Kristofferson fehlt es an der Kraft, einen solchen Live-Abend zu strukturieren und kommunikativ zum einem Erlebnis zu machen - außer man empfindet Mitleid und Nostalgie als Werte für sich. Irgendwie teilnahmslos reiht er Song an Song und bestärkt mit diesem Nonstop-Paket den sedierenden Charakter seiner Lieder, die im Wesentlichen immer wieder um circa vier Dur-Akkorde kreisen. Da auch die Begleitmusiker bis auf seltene Ausnahmen nur Konfektionsware bieten, entsteht einschläfernde Hintergrund-Musik für das Sommerfest im Senioren-Wohnheim: Rock & Rollator eben! Kris Kristofferson muss seine (non)verbale Bühnen-Präsenz auf vier Elemente beschränken: Daumen nach oben, „Thank You“, Blick nach oben, Blick nach unten (Teleprompter!).

Rechtzeitig vor dem Ablauf der 90 Minuten, die fast so langsam vergehen wie ein Fußballspiel Uruguay gegen Saudi-Arabien, sagt er noch „one more song“, dann ist mit der Show radikal Schluss - wahrscheinlich muss Kristofferson wieder zeitig ins Hotelzimmer zurück zu Sauerstoffzelt und philippinischer Krankenschwester. Für die Geschichtsbücher der populären Musik wird er dennoch zu Recht einen Eintrag bekommen: als Outlaw und Überwinder der textlichen Country-Klischees, der es wagt, auch mal das Wort „stoned“ zu verwenden („The Pilgrim“) , der einen Sonntagmorgen beschreiben kann, an dem man nicht in die Kirche geht, sondern seinen Kater auskuriert („Sunday Mornin‘ Comin‘ Down“), der die postmaterialistische Hippie-Hymne des 20. Jahrhunderts verfasst hat (Me And Bobby McGee“) und der auch einem flotten One-Night-Stand nicht abgeneigt ist („Help Me Make It Through The Night“).

Ach ja, die Antwort auf die Einleitungsfrage steht noch aus: Nein!

 

http://kriskristofferson.com/


The Band Of Heathens live     ****

Nürnberg (Hirsch), 6.6.2018

 

Mit einer soliden Portion Routine, viel Spielfreude und einem abwechslungsreichen Best-Of-Programm gestalteten die Austin/Texas-Rocker der Band Of Heathens ihren Auftritt im Nürnberger Hirsch. Dabei zeigt das fünfköpfige Ensemble live etwas mehr seine rockige Seite und schmettert seine eingängigen Song mit gehöriger Lautstärke von der Bühne. Im Fokus stehen die beiden Bandleader, Sänger und Songwriter Ed Jurdi und Gordy Quist, wobei besonders Jurdi für die hohen Stimmlagen und für die ausladenden Gitarren-Soli verantwortlich ist. Für ein spannungsreiches musikalisches Backing sorgen der Keyboarder Trevor Nealon, der Schlagzeuger Richard Millsap und der neue Bassist Jessie Winter. Nahtlos fügt sich Song an Song, auf längere Erklärungen oder Ansprachen an das - leider recht spärlich erschienene - Publikum legen die an sich glaubenden Heiden keinen großen Wert. Sie lassen ihre Lieder sprechen, die stilistisch zwischen Southern Rock und melodiösem Texas-Rock einzuordnen sind; von einer Country-Schlagseite ist bei dem Konzert wenig bis gar nichts zu bemerken. Höhepunkte sind der manchmal vierstimmige Satzgesang und die fast schon Keith-Richards-artigen Riffs, die Gordy Quist einstreut (z. B. bei „Trouble Came Early“). Genau zehn Jahre sind seit der ersten Studio-Produktion vergangen, das nüchterne fränkische Fazit lautet: „Weiter so!“

 

Vor ihrem Konzert im Nürnberger Musikclub „Hirsch“ sprachen wir mit den beiden Bandleadern Ed Jurdi und Gordy Quist.

 

Was bedeutet für Euch die Genre-Bezeichnung „Americana“?

Ed Jurdi: Das ist ein guter Sammelbegriff, der alles von Blues über Country bis zu Rock’n‘Roll umfasst.

Was sind Eure musikalischen Wurzeln?

Gordy Quist: American Roots Music, Blues, Country, R&B, Soul, Bluegrass, Folk Songs. Wir wollen traditionelle Formen der amerikanischen Musik mit modernen Popsongs zusammenbringen.

Welche Erfahrungen habt Ihr nach zehn Jahren on the road mit dem Unterschied zwischen dem Publikum in den USA und in Europa gemacht?

Quist: Gerade die deutschsprachigen Fans interessieren sich sehr für die Songtexte und sind daher aufmerksamere Zuhörer, während das amerikanische Publikum etwas grober gestrickt ist.

In Eurem Song „Deep Is Love“ erzählt Ihr von der Einsamkeit auf einer Tournee. Was motiviert Euch dennoch zu Euren weiten musikalischen Reisen?

Jurdi: Wir möchten unsere Liebe zur Musik mit dem Publikum teilen und das funktioniert am besten bei Live-Konzerten.

Was macht Eure Heimatstadt Austin, Texas, zu einem besonderen Platz für Musiker?

Jurdi: Alle Musiker und Künstler sind dort sehr offen für Zusammenarbeit. Daraus entwickelt sich eine wirklich einmalige Energie, die immer neue kreative Menschen anlockt.

Für welche andere Band würdet Ihr gerne mal der Opening Act sein?

Quist: Da gäbe es einige, die leider nicht mehr unter uns sind. Aber wenn wir von den Lebenden reden, dann wären es Willie Nelson, My Morning Jacket und Wilco.

Wie geht Ihr beim Songschreiben an „politische” Themen heran?

Jurdi: Wie fast bei allen Songs beginnt es zuerst mit einer Idee. Ziel ist es, eine ernsthafte Sichtweise zu präsentieren. Das Thema der mexikanischen Immigranten („Road Dust Wheels“) ist für mich mehr als nur „politisch“, es ist der schlichte Wunsch von Menschen, ein besseres Leben zu führen. Bei unserem Eintreten für die Legalisierung von Marihuana („Green Grass Of California“) haben wir einen eher ironischen Ansatz gewählt.

Kann man das spanische Wort „Duende”, mit dem Eure Platte überschrieben ist, als Ziel Eures musikalischen Schaffens bezeichnen?

Quist: In jedem Fall. Leider kann man das Wort nur schwer übersetzen, aber es bezeichnet einen Zustand, nach dem jeder, der künstlerisch arbeitet, strebt.

Was darf man von Euren Shows in Europa erwarten? Mehr Rock, akustische Arrangements, neue Songs?

Quist: Von allem etwas. Wir werden unsere Show an jedem Abend neu konzipieren, so bleibt es ein immerwährendes Experiment zwischen der Band und dem Publikum.

Gebt mir drei Gründe, mit denen ich Freunde zu Eurem Konzert einladen könnte!

Jurdi: In unserer Zeit voller Chaos und Konfusion sollte man jede Gelegenheit nutzen, um mit Freunden zu feiern. Musik ist eine Kraft, die Gemeinsamkeit schafft - diese Botschaft wollen wir weitergeben.

Wie ist der Bandname („Band der Heiden“) entstanden? Und gibt es etwas, woran Ihr dennoch glaubt?

Jurdi: Es war ein Druckfehler in einer Zeitungs-Ankündigung, den wir dann so lustig fanden, dass wir dabei blieben. Es steckt aber kein wirkliches Nicht-Glaubensbekenntnis dahinter.

 

https://www.bandofheathens.com/


Markus Rill & The Troublemakers live in der Kofferfabrik Fürth   ****

Fürth, 22.2.2018

 

Aschaffenburg - Würzburg - Austin - Nashville: das sind die Stationen der musikalischen Karriere von Markus Rill, der mit seiner Band The Troublemakers in der Kofferfabrik aufspielte und dabei seine neue Doppel-CD mit einem Rückblick auf 20 Jahre „on the road“ vorstellte.

Als Anglistik-Austausch­student kam der Unter­franke Markus Rill für einige Zeit nach Austin, Texas und wurde dort endgültig vom Virus der Americana-Musik infiziert. Bei der Abwägung seiner Berufswünsche als Jugendlicher (Freistilringer, Heiratsschwindler oder Musiker) entschied er sich für letzteres - ein weiser Entschluss.

Mittlerweile hat er zehn CDs produziert (drei davon in der Country-Metropole Nashville), und sein vorletztes Album „Dream Anyway“ erhielt den ehrenvollen Titel „Deutsches Country-Album des Jahres 2016“. Dabei hat Rill mit den traditionellen und oft recht klischeehaften Formen der Country Music nichts am Hut, zu viele Stetsons oder Konföderierten-Flaggen im Publikum machen ihn misstrauisch. Sein Stil orientiert sich eher an einer modernen Art des Rockabilly, einer Mischung aus Roots-Country und Texas-Rock irgendwo zwischen Steve Earle und Tom Petty.

Als Kopf der fünfköpfigen gut eingespielten Band The Troublemakers präsentierte er dem leider überschaubaren Publikum in Fürth einen dynamischen Set aus eingängigen, knackigen Songs - alles Eigenkompositionen -, die von seiner dezent angerauten Stimme und den präzisen Gitarren-Licks von Marco Hohner geprägt sind. Als solide Rhythmusgruppe fungieren Chris Reiss (b) und der neue Schlagzeuger Daniel Feldmeier, Manu Huber steuert nette Akzente am Keyboard und am Akkordeon bei, den dreistimmigen Harmoniegesang könnte man ruhig noch öfter einbauen. Auch solo mit Akustik-Gitarre und Mundharmonika macht Markus Rill eine gute Figur, wenn er etwa die berührende Story von dem Mädchen, das im Geheimen eine Abtreibung organisieren muss, besingt („On The Sly“).

Die Zugabe nutzte er dann für eine Hommage an den legendären texanischen Singer / Songwriter Townes van Zandt. Als dieser 1996 ein Konzert in Würzburg gab, schaffte es der junge Markus Rill als Vorprogramm aufzutreten und ein bisschen mit seinem Idol zu plaudern; vier Monate später starb van Zandt. Den Grund enthüllte das letzte Lied des Abends: „Lots of booze and lots of ramblin' / Well it's easier than just a-waitin' around to die”.

 

http://markusrill.blogspot.de/


Hardpan           ****

Live im Zentralcafe Nürnberg

15.11.2017

 

Die Addition 1+1+1+1=4 mag mathematisch unproblematisch sein, für musikalische Bandprojekte hat sie nicht immer funktioniert. Schon so manche sogenannte „Supergroup“ ist an der Dissonanz der kreativen Egos gescheitert. Nicht so bei der US-Band Hardpan, die im Nürnberger Zentralcafe eines ihrer raren Gastspiele absolvierte.

Hardpan (der Name bedeutet übrigens „ausgetrockneter Salzsee“) besteht aus vier höchst eigenständigen Singer/Songwritern, die sich vor ca. 15 Jahren eher zufällig trafen, dann auf Betreiben der deutschen Plattenfirma Blue Rose eine CD produzierten und durch Europa tourten. Danach ging wieder jeder seinen Solo-Projekten nach. Doch im März 2017 entschlossen sich Chris Burroughs (aus Tucson/Arizona), Terry Lee Hale (derzeit in Marseille zuhause), Joseph Parsons (aus Philadelphia) und Todd Thibaud (aus Boston) zu einem erneuten gemeinsamen Besuch in einem Studio in New Jersey mit anschließender Tour.

In Nürnberg präsentierte die basisdemokratisch funktionierende Viererbande ihren melodiösen, von akustischen Gitarren geprägten amerikanischen Roots-Rock, der aus einem breiten Songrepertoire aller beteiligter Musiker schöpfen kann. Dazu wechselt im Rotationsprinzip der E-Bass von einem zum anderen, und jeder nimmt auch mindestens einmal an der minimalistischen Drum-Box namens „Jim“ die Besen in die Hand. Was Hardpan aber von der Masse abhebt sind neben dem ausgefeilten Songwriting die mehrstimmigen Vokalharmonien und die originelle Gitarren-Arrangements. Der früher mal angestellte Vergleich mit Crosby, Stills, Nash & Young führt jedoch in die Irre, eher erinnert man sich an vergleichbare Band-Projekte wie The Thorns oder Stonehoney.

Chris Burroughs bringt mit seiner E-Gitarre scharfe Licks und staubtrockenen Wüstenrock, Terry Lee Hale, der eher im meditativen Blues-Rock zu Hause ist, sorgt für abgefahrene Texte und für sägende Sounds an der Dobro. Joseph Parsons und Todd Thibaud stehen in der Tradition der klassischen Songwriter wie Jackson Browne oder James Taylor, bei ihren Liedern darf man auch mal die Augen schließen und still genießen. Mit nur einer Fremdkomposition bestreiten Hardpan einen zweistündigen unterhaltsamen und stets dynamischen Abend: „It Makes No Difference“ von The Band ist gleichzeitig eine Verneigung vor großen Vorbildern der 1970er Jahre sowie ein Lovesong-Klassiker mit Mitsing-Garantie.

Leider fand nur eine überschaubare Zuhörerschar den Weg ins Zentralcafe, die intime Atmosphäre brachte aber - so Chris Burroughs - das, was Live-Musik ausmacht. Wenn allerdings die Band das nächste Album und die nächste Tour erst wieder in 15 Jahren planen sollte, dürfte es für manchen Besucher eng werden. Deshalb sei unbedingt das aktuelle Album „Hardpan“ zum Kauf und zum häuslichen Nachhören empfohlen (Blue Rose BLUDP 700).

 

https://www.hardpan-band.com/


The Hollies ****

Live im Serenadenhof Nürnberg

Donnerstag, 25.5.2017

 

Wenn es eine Medaille für langjährige Dienste an Gitarre und Schlagzeug sowie für ununterbrochene Mitgliedschaft in einer (!) Band gäbe, so wären Tony Hicks und Bobby Elliott prädestinierte Kandidaten: seit 1963 - also seit etwa 54 Jahren - prägen sie das musikalische Gesicht der Hollies (erfahrene Musik-Kenner dürfen gerne rätseln, wer diese Werte bei einer anderen Rockband noch knapp übertrifft!). Die Hollies, die sich nach ihrem großen Vorbild Buddy Holly den Namen gaben (man überlege, was passiert wäre, wenn sich die Beatles „The Berries“ genannt hätten!), schwammen höchst erfolgreich im britischen Beat-Boom der 60er Jahre mit, hatten 23 aufeinanderfolgende Single-Hits, mussten sich aber vom gestrengen Rock-Lexikon des Siegfried Schmidt-Joos attestieren lassen, sie produzierten „leichtgewichtigen Rock zwischen naivem Bubblegum-Getöse und seichter Kunstfertigkeit“.

Heute stehen (oder sitzen!) sie entspannt in schwarzen Hosen, weißen Hemden und (vor der Pause) gestreiften Krawatten - eine feine Reminiszenz an den Beat-Dresscode der frühen 60er - auf der Bühne und präsentieren ein rundes Live-Programm, das mit dem Titel „Best Of“ selbsterklärend beschrieben ist. So ergibt sich eine Perlen-Kette unvergessener Hits ohne Verfallsdatum, von „Just One Look“ über „Sorry Suzanne“, „Carrie Anne“ und Bus Stop“ bis zu den jüngsten Klassikern „Long Cool Woman In A Black Dress“, „He Ain’t Heavy, He’s My Brother“ und „The Air That I Breathe“ - letzterer komponiert von Albert Hammond, der am 11. Juni seine Aufwartung in Nürnberg machen wird.

Ein Alleinstellungsmerkmal haben sich die Hollies ungeachtet mancher Personalwechsel über die Jahre erhalten: der makellose mehrstimmige Gesang von Peter Howarth, Tony Hicks und Steve Lauri, der trotz der vom Soundmischer großzügig verteilten Hall- und Echo-Effekte überzeugend rüberkommt. Gleichzeitig offenbart die Songliste aber auch ein kleines Problem, denn nur ein einziger Titel ist später als 1974 veröffentlicht worden: das pop-rockige „Weakness“ aus dem Jahre 2005. Seit den Abgängen von Graham Nash und Allan Clarke ist außerdem das kreative Potenzial der Band arg gebeutelt worden, sodass sie für neue Produktionen auf Fremdkompositionen angewiesen sind. Doch was soll’s: die Ü-60-Combo (nur Sänger Peter Howarth drückt etwas den Altersdurchschnitt) ist gut drauf, bekennt sich zu ihrem Oldie-Status, punktet mit hintergründiger britischer Selbstironie und ruft bei vielen Anwesenden wehmütige Erinnerungen an frühere Kellerparties wach. Und wenn man den Titel ihrer letzten CD „Then, Now Always“ (2009) ernst nimmt, dann könnte noch so manches runde Band-Jubiläum anstehen.

 

http://www.hollies.co.uk/


Live:

Eric Brace & Peter Cooper featuring Thomm Jutz *****

Leipheim (Hotel zur Post), 18.11.2016

 

Sie sind mit leichtem Gepäck nach Deutschland gekommen: drei akustische Gitarren (2x Martin, 1x Epiphone) und drei Stimmen - mehr brauchen Eric Brace, Peter Cooper und Thomm Jutz nicht, um die Zuhörer auf eine faszinierende Reise in die Welt der modernen Country- und Folk-Music mitzunehmen. Auf Einladung der Country & Western-Freunde Koetz gastierten sie im Leipheimer Hotel zur Post.

Alle drei leben mittlerweile in Nashville (East), der unbestrittenen Hauptstadt dieser Musik. Doch das Trio serviert Songs - etwa zur Hälfte Eigenkompositionen - die fernab vom dumpfen Achy-Breaky-Heart-Klischee anzusiedeln sind. Mit subtilem Gitarrenspiel - allen voran Thomm Jutz als Solist - und perfekten Vokalharmonien zitierten sie große Namen wie Tom T. Hall, Guy Clark oder Emmylou Harris. Dazu erinnerten sie an einer legendäre - in Deutschland leider kaum bekannte - Band der 70er Jahre: Seldom Scene. Deren allwöchentliche Liveshows in der Nähe von Washington D.C. waren offensichtlich für Eric Brace und Peter Cooper der Schlüssel, um sich hauptberuflich der Musik zu widmen.

Ihre letzte, sehr empfehlenswerte CD „C & O Canal“ (erschienen auf Eric Brace’s eigenem Label Red Beet Records) ist gleichzeitig ein Rückblick und eine Verneigung vor den großen Namen dieser Zeit. Oder wie Eric Brace sagte: „Washington D.C. ist nicht nur der Ort, wo teilweise (oder zukünftig?) merkwürdige Politik gemacht wird!“ Brace und Cooper sind gleichzeitig auch Theoretiker der Country Music, sie schreiben für Zeitschriften, Peter Cooper arbeitet am Museum der Country Music Hall Of Fame als wissenschaftlicher Angestellter. Das merkt man ihren eigenen Songs an, die stets reflektierend und mit feiner Ironie die Stilmittel des Genres aufgreifen. Thomm Jutz wanderte vor ca. 15 Jahren aus Liebe (zur Country Music!) vom Schwarzwald in die USA, mittlerweile hat er sich in Nashville als gefragter Produzent mit eigenem Tonstudio und als songschreibender Gitarrist etabliert.

Von der fast schon intimen Atmosphäre im Leipheimer Eisenbahnhotel waren Publikum (und Musiker) begeistert: erst nach zwei Zugaben durften Brace, Cooper & Jutz ihre Gitarrenkoffer schließen. In zwei Jahren wollen sie wieder den Trip über den großen Teich unternehmen.

 

http://redbeetrecords.com/

http://www.petercoopermusic.com/

http://thommjutz.com/

Vor dem Konzert traf ich mich mit Eric Brace (EB) und Peter Cooper (PC) zu einem Exklusiv-Interview:

 

Wie oft habt ihr schon in Deutschland getourt und was ist euer Eindruck vom deutschen Publikum?

(EB) Zum ersten Mal waren wir 2008 hier, damals noch als eigenständige Solo-Künstler im Auftrag einer holländischen Plattenfirma. Als wir dann spontan live zusammengespielt haben, fanden wir, dass wir als Duo recht gut klingen und haben dann wenig später unsere erste CD aufgenommen („You Don’t Have To Like Them Both“; Red Beet Records RBR CD 009). Seither sind wir viermal wiedergekommen, praktisch alle zwei Jahre. Das deutsche Publikum ist fantastisch: es hört interessiert zwei Songwritern aus Nashville zu, es versteht unsere Texte, unsere Jokes und unsere Erläuterungen zu den Songs.

 

Wie definiert ihr für euch die beiden Stilbegriffe „Country“ und „Americana“?

(PC) Als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums der Country Music Hall Of Fame in Nashville muss ich mich mit dieser Frage fast täglich beschäftigen. Wir sehen den Begriff Country Music als ein großes Zelt, unter dem sich viele Stilrichtungen verbergen wie Folk, Bluegrass und Americana. Das hat aber wenig mit dem zu tun, was die kommerziellen Country-Radiostationen abspielen. (EB) Ich sehe da eine große Tradition des Geschichtenerzählens bei Leuten wie Tom T. Hall, Kris Kristofferson oder Merle Haggard - das ist für mich Country Music.

 

Eure letzten Alben waren Mischungen aus selbstgeschrieben Songs und Songs von bekannten Musikern der Folk- und Country-Szene. Wollt ihr diese Auswahl beibehalten, was ist erfolgreicher?

(EB) Im Bereich der Rock-Musik ist das weniger üblich, die Beatles oder Bob Dylan würden kaum Songs von anderen Komponisten in ihr Programm aufnehmen. Bei der Country Music ist das anders. Wenn wir zusammensitzen, spielen wir uns gerne Lieder anderer Künstler vor und sagen: Kennst du den Songs von Lefty Frizzell, kennst du den von Merle Haggard? Mit unserem letzten Album („C & O Canal“) wollten wir ganz bewusst zeigen, welche reiche musikalische Tradition in der Folk- und Country-Szene rund um Washington D.C. vorhanden war - und ist. Erfreulicherweise ist beides gleich erfolgreich.

 

Was war entscheidend für eure musikalische Sozialisation?

(EB) Eigentlich die Konzerte von Seldom Scene, jener hervorragenden Bluesgrass- und Folk-Band aus Washington D.C.. Das war für uns wie ein Lexikon der amerikanischen Musik, das man aufschlagen, in dem man blättern konnte. Über ihre Songs lernten wir andere Namen kennen, die uns sehr beeinflusst haben.

 

Was war das Besondere an der Band Seldom Scene?

(PC) Zum einen, dass sie die Tradition des amerikanischen Bluegrass vollkommen verstanden und aufgenommen haben, zum anderen aber für neue Einflüsse sehr aufgeschlossen waren (z. B. Songs von Eric Clapton, John Prine, Gram Parsons oder Rodney Crowell). Und Mike Auldridge hat praktisch sein Instrument, die Dobro, neu erfunden und zu einem besonders eindrucksvollen Sound entwickelt. Dazu kamen noch ihre perfekten Vokal-Harmonien, die sie fast einmalig machten.

 

In eurem Programm habt ihr den bekannten Song „Wait A Minute“ von Herb Pedersen, der von den Leiden des Musikers on the road weit weg von seiner Heimat erzählt. Könnt ihr dieses Gefühl teilen?

(EB) Wir mögen den Song sehr, aber wenn wir ganz genau auf den Text hören, müssen wir sagen: Nein - es macht verdammt viel Spaß auf Tour zu gehen, auch wenn man mal eine Zeitlang seine Familie, seinen Hund oder seine Hühner nicht sieht.

 

Ihr übernachtet heute in einem Hotel direkt an der Bahnlinie. Wie viele Railroad-Songs habt ihr selbst geschrieben und was ist euer beliebtester Train-Song?(EB) Ich habe bisher wohl vier Songs über Eisenbahnen geschrieben und auf einem Album „Train Leaves Here This Morning“ von den Dillards aufgenommen. Aber mein Lieblings-Song stammt von Paul Craft, der vor zwei Jahren verstorben ist - er heißt „Raised By The Railroad Line“ und war natürlich auch im Programm von Seldom Scene. An zweiter Stelle kommt dann „Old Train“ von Herb Pedersen.

Spätestens seit Crosby, Stills & Nash sind die Vocal Harmonies ein wichtiger Bestandteil des modernen Folk- oder Country-Rocks. Mit wem würdet ihr gerne mal zusammen singen?

(EB) Da fallen mir sofort die Osborne Brothers ein. (PC) Emmylou Harris wäre die Nummer 1 auf meiner Liste, aber ich könnte auch Patty Griffin oder Tony Rice nennen. Und das Schöne ist: mit allen drei habe ich wirklich schon zusammen gesungen!

 

Ihr habt mit zwei „Veteranen“ der amerikanischen Country- und Folk-Music gespielt und ein Album aufgenommen („Master Sessions“): Lloyd Green und Mike Auldridge. Was kann man von solchen Leuten lernen?

(PC) Dass es in erster Linie darum geht, gute Musik zu machen. Sie nehmen die Musik ernst und beschäftigen sich weniger mit Nebensächlichkeiten. Sie sind immer pünktlich und wollen die Seele eines Songs herausarbeiten.

 

Welches Album würdet ihr auf eine einsame Insel mitnehmen?

(EB) Für mich ist es das Album des texanischen Songwriters Willis Alan Ramsey aus dem Jahr 1972 (leider sein einziges!), das ich im Alter von 16 Jahren gehört habe und das mich schwer beeindruckt hat. (PC) Für mich wäre das „In Search Of A Song“ von Tom T. Hall (1971), ein Album, das nach meiner Meinung die Country Music entscheidend beeinflusst hat.

 

Eric, du hast zusammen mit Karl Straub ein Musical („Hangtown Dancehall“) geschrieben - worum geht es dabei?

(EB) Ich bin in Kalifornien geboren, in einer kleinen Stadt namens Placerville, die man zu Zeiten des Goldrush, also in den 1850er Jahren Hangtown genannt hat, weil in der Mitte der Stadt ein Baum stand, an dem gesetzlose Leute aufgehängt wurden. Zunächst war das nur ein Song, dann aber entstand zusammen mit Karl Straub eine Geschichte über zwei Menschen, die dort wichtige Erlebnisse - und ein Happy Ending! - haben. Ich hoffe, bald dafür eine Bühne zu finden, am besten natürlich am Broadway!

 

Ihr arbeitet beide auch als Musik-Journalisten. Hat es schon einmal einen herben Verriss für ein Konzert oder für ein Album gegeben?

(PC) Man sollte den eigenen Geschmack eher hintanstellen und nur darauf achten, ob der Künstler seinen eigenen Anforderungen gerecht geworden ist.

 

Ihr lebt beide in East Nashville, ein Teil der Stadt, der als vitales und kreatives Zentrum gerühmt wird. Was ist so speziell an dieser Gegend?

(EB) Man muss wissen, dass East Nashville früher der „ärmere“ Teil der Stadt war und dass dort viele Studio- oder Session-Musiker lebten, während die großen Stars ganz wo anders zu Hause waren. Peter lebt dort seit 2000, ich seit 2004. Seitdem hat sich eine sehr aktive Community entwickelt, Leute wie Todd Snider oder Elizabeth Cook wohnen dort, man trifft sich in Cafes und oft kommt die spontane Frage: Willst du nicht bei meinem neuem Projekt mitmachen?

 

Oft hört man aber auch die Kritik, die Musik aus Nashville sei ein „sea of sameness“. Teilt ihr diesen Vorwurf?

(PC) Man darf Nashville nicht nach der Repräsentation im Contemporary Country Radio beurteilen, denn diese Stadt bietet musikalisch viel mehr. In Nashville findest du mehr musikalisches Talent pro Quadratmeter als irgendwo auf der Welt! Es ist eher ein „sea of creative people“.

 

Wie geht es dem Label Red Beet Records?

(EB) Meine Frau ist der eigentliche Boss, sie macht das finanzielle Geschäft, ich bin nur der musikalische Direktor. Es gibt das Label seit elf Jahren, wir haben bisher 23 Alben herausgebracht, auf die wir alle sehr stolz sind. Aber es ist in der heutigen Zeit schwer geworden, denn niemand will mehr für Musik Geld zahlen. Ich bin dennoch zuversichtlich, dass es erfolgreich weitergehen wird.


Rosanne Cash & John Leventhal Live  *****

Gmunden (Österreich), Toscana Centrum; 19.8.2016

 

Wenn es eine US-Künstlerin gibt, die sich das Label Roots-Music auf die Fahnen schreiben kann, dann ist es Rosanne Cash. Mit ihren letzten zwei CD-Veröffentlichungen - "The List" (2009) und "The River & The Thread" (2014) - hat sie sich auf die Suche nach mehreren Wurzeln begeben. Zum einen forschte sie auf der Basis einer To-Know-Liste ihres Vaters Johnny Cash nach den Ursprüngen des Great American Songbooks im Bereich Country & Folk. Herausgekommen ist auf "The List" ein beeindruckendes Destillat mit zwölf Songs aus den 50er und 60er Jahren. Zum anderen machte sie sich in Amerikas Süden auf die Suche nach der eigenen Familiengeschichte und nach den musikalischen Gründervätern zwischen Memphis und Mobile. Aus dieser Reise entstand im Zusammenarbeit mit ihrem Ehemann John Leventhal das Album "The River & The Thread" mit elf Eigenkompositionen als Hör-Stationen, z. B. an der Tallahatchie Bridge, wo Bobbie Gentry den Selbstmörder Billy Joe in den Fluss springen ließ, an der Money Road, wo das Grab von Blues-Legende Robert Johnson zu finden ist, in Florence/Alabama, wo eine Künstlerin selbstgenähte Kleider verkauft oder in die Sunken Lands von Arkansas, wo die Großeltern Cash sich eine Existenz aufbauten. Rosanne Cashs Blick auf den amerikanischen Süden ist zwar teilweise romantisch verklärt, insgesamt aber immer seriös und weitab vom Jambalaya-Klischee. Folgerichtig gewann sie mit diesem Album 2015 drei Grammies in der Kategorie American Roots Music.

Ihr einziges Konzert im deutschsprachigen Raum während einer kleinen Europa-Tournee im August 2016 fand im österreichischen Gmunden (Salzkammergut) statt. Dabei begeisterte Rosanne Cash in einer auf das Wesentliche reduzierten Duo-Besetzung mit John Leventhal durch ihre stimmliche Präsenz und durch ihre authentische Darbietung. Positiv ist es natürlich auch, wenn man einen Ehemann hat, der durch kreatives Gitarrenspiel den Songs einen perfekten perkussiven, melodiösen und solistischen Rahmen gibt. Rosanne Cash präsentierte Songs aus 38 Jahren Tätigkeit als Songwriterin und Sängerin, von ihrem ersten Country-Hit "Seven Years Ache" (1981) bis zu der aktuellen Mississippi-Mission mit der textlichen Erkenntnis "You thought you left it all behind / you thought you'd up an gone /but all you did was figure out / how to take the long way home".

Vor dem Konzert fand Rosanne Cash die Zeit zu einem Exklusiv-Interview:

 

Was ist für Sie der Unterschied zwischen einer Live-Show in Duo-Besetzung mit ihrem Ehemann John Leventhal und einem Auftritt mit voller Band-Besetzung?

Band-Shows sind voller Energie, bieten aber weniger Raum für Improvisationen. Wenn ich nur mit John auftrete, wird vieles intimer und spontaner, wir tauschen in kürzester Zeit Ideen aus.

 

Wie funktionierte der Prozess des Songschreibens für das Album "The River & The Thread"?

Dafür gibt es keine feste Formel. Oft schreibe ich ein bisschen Text und John entwickelt dazu musikalische Ideen. Im Studio wird aber dann noch vieles verworfen und neu durchdacht.

 

Welche symbolische Bedeutung haben die Begriffe "River" und "Thread"?

Beide Begriffe - "Fluss" und "Faden" - drücken eine Verbindung aus, eine Verbundenheit zu meinen Vorfahren, zu der Landschaft und zu der Musik in den Südstaaten. Davon fühle ich mich geistig und musikalisch beeinflusst.

 

Welche Bedeutung haben für Sie die Herren Kris Kristofferson, John Prine, Tony Joe White und Rodney Crowell, die bei einem Song den Background-Chor bilden?

Mit Rodney Crowell war ich verheiratet, wir sind immer noch gute Freunde; Kris Kristofferson kenne ich seit langer Zeit, er ist wie ein älterer Bruder für mich, manchmal machen wir noch gemeinsame Konzerte; John Prine ist ebenfalls ein alter Freund von mir; Tony Joe White habe ich vorher nie getroffen, aber er verkörpert für mich die musikalische Seele des Südens; alle vier freuten sich über diesen Tag im Studio und darüber, wieder einmal alte Geschichten auszutauschen.

 

Wie würden Sie den oft missverstandenen Genre-Begriff "Americana" definieren?

Der Begriff ist ein großer Schirm, in dem sich hauptsächlich Songwriter finden, die an die Wurzeln der amerikanischen Musik gehen wollen: z. B. (der Engländer!) Richard Thompson, das Duo Civil Wars oder Emmylou Harris; Country Music ist dagegen nur noch ein Marketing-Begriff, mit dem die Radiostationen ihr Format umschreiben.

 

Sehen Sie sich selbst mehr als Sängerin oder als Songwriterin?

Ich bin zwar sicher eine ganz ordentliche Sängerin, aber im Herzen bin ich vom Anfang meiner Karriere an eine Songwriterin gewesen.

 

Welche drei wichtigen Songs würden Sie Ihrer Tochter auf eine Liste schreiben?

Auf jeden Fall einen Song von Neil Young, möglicherweise "Heart Of Gold", dann  einen Song von Bruce Springsteen aus seinem Album "Nebraska", dann noch "Long Black Veil" von Lefty Frizzell, den schon mein Vater auf seine Liste geschrieben hatte, und auf jeden Fall einen Song von Kris Kristofferson - aber welchen?

 

Wie kam es dazu, dass Ihr erste LP 1978 in München produziert wurde?

Ich war 1977 mit einer Mitarbeiterin von Ariola (Deutschland) befreundet, die ich bei einer Show meines Vaters in Rotterdam kennengelernt hatte. Sie stellte mich dem Label-Chef vor, und der sagte: "Warum machst du nicht eine LP für uns?" Heute klingt dieses Album für mich, als wäre es von meiner eigenen Tochter, dasselbe Gefühl habe ich, wenn ich das Cover-Foto anschaue.

 

An welchem Punkt ihrer Karriere haben Sie sich von dem Image "die Tochter von Johnny Cash" emanzipiert?

"Seven Years Ache" (1981) war das Album, das mich als seriöse Songwriterin etabliert hat, aber ganz aus dem Schatten meines Vaters werde ich wohl nie heraustreten können. Im Konzert spiele ich einen Song ("Tennessee Flat Top Box"), den auch er immer im Programm hatte.

 

Sie engagieren sich bei Konzerten für die Kampagne "We Can End Gun Violence". Würden Sie auch politische Statements in eigene Songs einbauen?

Es ist sehr schwer aktuelle soziale oder politische Themen in Songs einzubauen, ohne dabei belehrend oder selbstverliebt zu wirken. Das können nur wenige Songwriter, ich war damit bisher vorsichtig. Das heißt aber nicht, dass ich jedem politischen Engagement aus dem Weg gehe.

 

Wenn Sie eine Einladung erhalten würden, im US-Präsidenten-Wahlkampf für einen Kandidaten ein Konzert zu geben, würden Sie zusagen?

Nur wenn es eine Einladung von Hillary Clinton wäre! Denn der andere ist ein Verrückter!

 

st für Sie die USA ein "Land Of Dreams" (der Titel eines Songs, den Rosanne Cash für die US-Tourismus-Behörde geschrieben hat) oder eher ein "Sunken Land"?

Könnte es nicht beides sein? Manches in den USA macht mir viel Angst, aber ich glaube dennoch weiter an das Gute im Menschen. Im Grunde bin ich eher ein Weltbürger, habe zeitweise in Deutschland und in England gelebt, bin weltweit auf Tour gewesen; deswegen ist mit jeder Nationalismus fremd.

 

Was sind Ihre Pläne für die nähere Zukunft?

Zusammen mit meinem Mann John Leventhal werden ich Songs für ein Broadway Musical schreiben, allerdings ist die Bühnenfassung bei weitem noch nicht fertig, sodass unsere Arbeit wohl erst 2017 beginnen wird.


Warren Haynes Live   ***

Nürnberg, Serenadenhof, 12.7.2016

 

Da stehen fünf Männer wie festgenagelt auf der Bühne (der Schlagzeuger Jeff Sipe sitzt und schwitzt) schauen konzentriert auf ihre Instrumente, sagen außer „Thank You“ kein Wort zum Publikum und lassen sich höchstens am Ende einer längeren Solo-Passage ein verstecktes Schmunzeln entlocken. Und der geneigte Zuhörer, den der Name der Gitarren-Legende Warren Haynes in den Nürnberger Serenadenhof gelockt hat, weiß: hier geht es nicht um Show, sondern nur um die Musik in einer ausgesprochen ernsthaften Form. Warren Haynes (56), der sich als Mitstreiter der späten Allman Brothers Band, der späten Grateful Dead und der Jam-Bluesrock-Band Gov’t Mule einen Namen gemacht hat, kündigte zwar mit seinem neuesten Album „Ashes & Dust“ eine Rückkehr zum songorientierten Komponieren und zu den Traditionen der amerikanischen Volks-Musik an, im Konzert aber lässt er sich doch wieder zu langen Solo-Passagen und einem definitiven Rock-Sound verleiten. Seine Mitstreiter, die Neo-Bluegrass-Band Chess Boxer, setzen ein paar seltene Farbtupfer beim mehrstimmigen Harmoniegesang, doch Mandoline, Banjo (Ross Holmes) und Fiddle (Matt Menefee) kommen nur als sägende Solo-Instrumente zur Geltung und verlieren damit weitgehend ihren akustischen Reiz. Bassist Royal Masat hat seinen Kontrabass wohl nur zur Bühnen-Dekoration mitgebracht und spielt seine stoischen, gut synkopierten Läufe auf einem E-Bass. Das Konzert beginnt mit einer locker-flockigen Erkennungsmelodie: „Jessica“ von den alten Allman Brothers, einstmals als Opener für die Bayern2-Sendung „Club 16“ zum Dauerläufer geworden. Danach präsentiert Haynes Altes und Neues aus seinem Solo- und Gruppen-Schaffen, doch spätestens mit dem Little-Feat-Cover „Skin It Back“ ist die Zeit der Langzeit-Soli angebrochen, wobei der Les-Paul-Sound von Haynes noch am ehesten auf den Punkt gebracht ist, die epischen Exkurse, der verzerrten Fiddle und des elektrifizierten Banjos fallen unter die Kategorie „Muss man mögen“. Ein Abend mit „Blue Sky“ war es nicht, es hat aber auch nicht geregnet und viele Menschen haben interessiert auf die Finger einiger Akteure geschaut. Die Balance aus Struktur, Fokus und Improvisation, die Warren Haynes bei der Studio-Produktion zu „Ashes & Dust“ meist gefunden hat, ging irgendwo im zweiten Teil der Live-Darbietung verloren.

 

http://www.warrenhaynes.net/


Vorne: Mark Johnson (g) und Tom Gray (slide g); hinten: Marlon Patton (dr) und Franher Joseph (b)
Vorne: Mark Johnson (g) und Tom Gray (slide g); hinten: Marlon Patton (dr) und Franher Joseph (b)

Delta Moon

Live in der Kofferfabrik Fürth ****

Mo. 14.3.2016

 

Wenn der Vollmond auf den Mississippi scheint und in einer stickigen Bar der Moonshine Whiskey ausgeschenkt wird, dann ist es Zeit für Tom Gray und Mark Johnson die Gitarren auszupacken und zum Ritt auf dem Flaschenhals einzuladen. Die beiden sind der Doppel-Kopf von Delta Moon aus Atlanta, Georgia und mit der neuen CD „Low Down“ (Jumping Jack Records 12012) im Gepäck touren sie zurzeit durch Europa. So wurde der Montagabend in der gut besuchten Fürther Kofferfabrik zu einem stimmungsvollen Blues-Rock-Abend, bei dem sich sowohl der traditionelle Blues-Fan als auch der etwas modernere Southern-Rock/Americana-Liebhaber bestens unterhalten fühlt. Die solide Basis für die knackigen Drei-Minüter, aber auch für die ausladenden Solis liefern Franher Joseph am Bass und Marlon Patton am Schlagzeug. Darüber können sich Gray und Johnson auf die immerwährende Suche nach dem definitiven Blues-Rock-Riff oder dem rauchigen Bottleneck-Sound machen. So ähnlich müssen wohl auch die frühen ZZ Top geklungen haben, als sie noch nicht zum Stadion-Rock mutierten. Delta Moon präsentieren vorwiegend Songs aus dem neuen Album (z. B. „Afterglow“ oder „Open All Night“), greifen dabei auch in die klassische Blues-Kiste („Hard Times Killing Floor Blues“ von Skip James) und finden immer wieder lohnenswerte Fremdkompositionen (z. B. „Low Down“ von Tom Waits oder „Down In The Flood“ von Bob Dylan). Zum Glück erinnern sie sich auch an ihr eigenes bisheriges Highlight, das 2007er-Album „Clear Blues Flames“ (eine unbedingte *****-Kaufempfehlung!!). Das Fürther Publikum kann sich dem auf den Punkt gebrachten Groove nicht entziehen, darf die eingängigen Refrains mitsingen, am Ende kommen Gray und Johnson sogar zu einem langen Double-Solo von der Bühne runter. Rau, aber herzlich -  gerne wieder!


v. l. n. r.: Jeff Young (keyb, acc, voc), Bob Glaub (b), Mauricio Lewak (dr), Greg Leisz (g, lap steel, pedal steel), Jackson Browne (voc, g, p), Alethea Mills (voc), Shane Fontayne (g, voc) Foto: Reitzammer
v. l. n. r.: Jeff Young (keyb, acc, voc), Bob Glaub (b), Mauricio Lewak (dr), Greg Leisz (g, lap steel, pedal steel), Jackson Browne (voc, g, p), Alethea Mills (voc), Shane Fontayne (g, voc) Foto: Reitzammer

Live: Jackson Browne

(München, Tollwood-Sommerfestival, 30.6.2015)  *****

 

Wenn es darum geht, komplizierte Beziehungs-Kisten, politisch korrekten Weltschmerz und aufgeklärte Lebensphilosophie in poetische Worte, eingängige Melodien und griffige Rock-Arrangements zu fassen, dann ist immer noch der Kalifornier Jackson Browne die beste Adresse. Der Singer/Songwriter der ersten Stunde hat sich auch in Europa ein treues und mit ihm gealtertes Fan-Publikum geschaffen, das das Konzert in der Münchner Tollwood-Arena am Schluss zu einer enthusiastischen Feierstunde geraten ließ. Nach einer halben Stunde stellte Browne mit einem leisen Anflug von Ironie fest, dass er ein recht leises Zelt vor sich habe - um dann aber gleich fortzusetzen, dass er auch eher "leise" Lieder spiele. Tatsächlich: die ersten 70 Minuten vor der Pause sind durchwegs Zuhör-Songs für ein sitzendes, lauschendes Publikum und eben keine Bierzelt-Hymnen. Nach dem kurzen Break aber verschärft Jackson Browne - stets gut gelaunt und nie übertrieben missionarisch - seine politischen Botschaften mit dem etwas klischeehaften, aber kräftig rockenden "Which Side" und leitet mit der überraschenden Cover-Version von Warren Zevons "Lawyers, Guns & Money" in ein rauschendes Finale, das ab "Running On Empty" den Saal auf die Füße bringt. Spätestens hier erkennt man die lässige Präzision seiner Band, in der Greg Leisz mit der Lap-Steel-Gitarre den "David Lindley" macht und Routinier Bob Glaub am Bass für das solide Fundament sorgt. Der Sound ist transparent und glasklar, die Stimme von Browne nach wie vor treffsicher. Betrachtet man allerdings die Setlist des Konzerts, so wird deutlich, dass der Übergang ins 21. Jahrhundert für Browne eine künstlerische Krise bedeutete. Von seinen beiden (vor)vorletzten Alben ("The Naked Ride Home" und "Time The Conqueror") spielt er gerade mal einen Song! Umso mehr überzeugen die Kompositionen aus seiner aktuellen CD "Standing In The Breach". Am Ende sind es aber dann die Klassiker wie "Take It Easy" oder "Stay (Just a Little Bit Longer)", die die ca. 3000 Zuhörer aus den Stühlen locken. Der 66jährige Browne läuft jedenfalls noch lange nicht auf Reservetank und ist ohne Zweifel "alive and rockin"!


Live: Kinky Friedman in der Kofferfabrik (Fürth) am 24.2.2015      ****

 

Kinky Friedman war in den 1970ern auf dem Weg zum Country-Rock-Star, als bisher einziger Jude durfte er mit seiner Band, den Texas Jewboys, in der legendären Grand Ole Opry von Nashville auftreten, er wagte es, über den Holocaust einen Country-Song zu schreiben („Ride ‘Em Jewboy“) und konnte für sein Album „Lasso From El Paso“ Größen wie Eric Clapton, Ron Wood, Ringo Starr oder Levon Helm als Studiomusiker gewinnen. Heutzutage ist er für viele eher als Autor und Hauptperson kauziger New-York-Krimis bekannt. Bei seiner Europa-Solo-Tournee machte der 70jährige mit Gitarre, Stetson, gut gefülltem Whiskyglas und Zigarre auch in der Fürther Kofferfabrik Station und stellte sich dem Cooltouristen zum Interview.

 

Mr. Friedman, wie gefallen Ihnen die Konzerte in Deutschland?

Die Deutschen sind mein zweitliebstes Publikum, das liebste sind alle anderen Nationen! Spaß beiseite - ich treffe auf gute Resonanz und sehr aufmerksame Zuhörer, manchmal dauert es etwas länger, bis ein Gag zündet, weil jemand, der gut Englisch spricht, die Pointe erst seinen Nachbarn erklären muss.

 

Was kriegen Sie tagsüber von ihrer Reise mit?

In Österreich habe ich an einem Tag das Geburtshaus von Mozart, das Geburtshaus von Hitler und das Geburtshaus von Arnold Schwarzenegger besucht - eine wahre Geschichte der menschlichen Evolution. Und in Wien wollten sie mich aus dem Sigmund-Freud-Museum schmeißen, weil ich eine Zigarre rauchte. Ob das dem großen Psychoanalytiker gefallen hätte?

 

Sie beziehen sich musikalisch immer wieder auf große „alte“ Namen wie Willie Nelson, Merle Haggard oder Bob Dylan. Was halten Sie von der jungen Country-Szene in den USA?

Wenig! Die jungen Leute wollen nur noch ein „American Idol“ (eine Casting-Show wie DSDS oder „Voice Of Germany“) werden. Sie können zwar besser singen als ich, sind aber nicht in der Lage einen interessanten Abend für ein Publikum zu gestalten.

 

2006 haben sie für den Posten des Gouverneurs von Texas kandidiert und immerhin 13 % der Stimmen erhalten. Was sind ihre politischen Aktivitäten heute?

Ich habe mich weitgehend aus diesem Feld zurückgezogen, weil ich festgestellt habe, dass man nicht auf zu vielen Hochzeiten tanzen sollte. Der Zustand der heutigen Politik macht mich eher depressiv, von Barack Obama bin ich - wie viele - sehr enttäuscht. Es fehlen uns Politiker, die eine Idee wirklich verkörpern so wie Nelson Mandela, John F. Kennedy, Winston Churchill oder Abraham Lincoln. Meine kleine politische Aktivität ist die Leitung der Tierschutzorganisation „Utopia Ranch: Animal Rescue“, die sich vor allem um streunende Hunde kümmert.

 

Wie sind Sie vom Songschreiber zum Buchschreiber geworden?

Meine Songs waren schon immer kleine Geschichten, bei denen skurrile Personen im Mittelpunkt standen, etwa der rassistische Redneck, der an einem Tresen über Nigger, Juden und Kommunisten herzieht („They Ain‘t Makin‘ Jews Like Jesus Anymore“). Da ist es dann nur noch ein kleiner Weg zu einem richtigen Roman.

 

Was sind Ihre Pläne für das Jahr 2015?

In Kürze wird ein neuer Krimi herauskommen, er trägt den Titel „The Hard-Boiled Computer“ und ist über 400 Seiten lang geworden. Außerdem möchte ich eine CD mit neuen Songs fertigstellen, sie soll ganz lakonisch „Soundcheck“ heißen.

 


Live: Crosby, Stills & Nash (Burg Abenberg)    *****

 

Wie schafft man es, dass sich ca. 2000 ältere Herrschaften (z. B. ergraute und leicht hörgeschädigte Oberstudienräte oder Sozialpädagogen mit Hüftbeschwerden) drei Stunden lang an einem kühlen Juni-Abend in den Hof der Burg Abenberg stellen? Man muss drei Rock-Legenden auf die Bühne stellen, die - trotz einer mehrheitlichen Zugehörigkeit zur Ü-70-Fraktion - es mit ungebrochener Spielfreude schaffen, die alten Folk-Rock-Zeiten wieder aufleben zu lassen. Die Rede ist von Crosby, Stills & Nash, die nimmermüde auf Tour gehen und dabei die Fans in Europa nicht außer Acht lassen. Graham Nash spielt dabei den freundlichen Moderator des Familientreffens und steuert seine politisch immer korrekten Soft-Rock-Hymnen bei. Stephen Stills lässt die Zuhörer beim Kampf um seine Stimme mitleiden, bleibt aber immer im rechten Moment präsent und zeigt an der Gitarre, was eine Rock-Harke ist. David Crosby schließlich ist - nach eigener Ansage - für die abgedrehten Songs (soweit die "tischreine" Übersetzung) zuständig. Zusammen mit einer druckvollen Band (z. B. Crosbys Sohn John Raymond an den Keyboards) liefern die drei Musketiere ein hörenswertes Best-Of-Programm der letzten vierzig Jahre ab - eine Pause nach zwölf Titeln sei ihnen gestattet. Mit zunehmender Dauer tritt dann die seltene Situation ein, bei der sich Künstler und Zuhörer einig sind, dass es ein toller und keine Sekunde langweiliger Abend war.

Man möchte dem Trio (der exzentrische Neil Young wird gar nicht vermisst!) mit dem Auftakt-Song zurufen: "Carry On!" Für alle, die aber skeptisch sind, dass es noch einmal eine Deutschland-Tournee geben wird, sei die DVD "CSN 2012" als allzeit-verfügbares Erinnerungsstück empfohlen.