HÖR.TEST


***** hervorragend    **** hörenswert    *** Licht und Schatten 

** nur bedingtes Vergnügen    * überflüssig


Allan Thomas: The Journey   ****

Black Bamboo Recordings (USA 2021)

Produced by Allan Thomas & Bryan Kessler

12 Tracks - 52:17 Min.

 

Der Titelsong berichtet von einer Reise: „I’d like to get back in time in my life“. Die musikalische Reise reicht zurück ins Alter von acht Jahren, als der kleine Allan in Brooklyn, New York, im Autoradio seines Vaters „You Send Me“ von Sam Cooke hörte und spontan mitsang. Vor genau fünfzig Jahren erschien dann sein erstes Album auf Sire Records mit dem Titel „A Picture“. Mittlerweile lebt Thomas auf Hawaii und hat während der Pandemie sein siebtes Album fertiggestellt, das in einem Wechsel aus Studio-Sessions und Surf- bzw. Windsurf-Ausflügen entstanden ist. Das klingt doch nach maximal relaxter Atmosphäre.

Wer wissen will, wo man Allan Thomas musikalisch verorten kann, sollte gleich den zweiten Titel („Van“) anhören. Dort preist er die Annehmlichkeiten seines Wohnmobils: „have plenty of time to daydream / AirPods and some Steely Dan“. Da ist er zu Hause, bei leicht jazzig angehauchtem entspanntem Rock, wie ihn eben auch Donald Fagen oder David Crosby heute noch praktizieren. Die Stimme erinnert in den Höhen ein bisschen an Timothy B. Schmit oder an Graham Nash, mit letzterem hat er im Lauf seiner Karriere mehrmals zusammengearbeitet. Alle zwölf Songs sind Eigenkompositionen, bei den meisten hat sein langjähriger Freund Bryan Kessler mitgewirkt und auch ein bisschen Gitarre beigesteuert.

Im Grunde genommen handelt es sich um astreinen Westcoast Sound der 70er Jahre mit punktuellen Anleihen bei Reggae, Soul-Pop und Jazz-Rock. Dafür stehen auch die Studiomusiker Michael Landau, Dean Parks, Michael Ruff und James Raymond, die bei der Aufnahme mitgewirkt haben. Als Besonderheit bietet das Album ein Instrumental („It Goes Without Saying“) und drei Titel mit Sprechgesang, quasi Poesie mit Hintergrundmusik. Der Abschluss könnte eine Selbstcharakteristik sein, denn es heißt bei „The Invisible Man“: "He’s someone who’s still present but rarely seen / Flyin under the radar of erveryones screen“. Es würde sich aber durchaus lohnen, ein verstärktes Augenmerk auf Allan Thomas zu richten!

 

http://www.allanthomas.com/wordpress/


The Doobie Brothers: Liberté   ***

Island Records (USA 2021)

Produced by John Shanks

12 Tracks - 42:53 Min.

 

Es gab einmal eine legendäre Location namens Chateau Liberté in den kalifornischen Santa Cruz Mountains, ein angesagter Biker-Treff, in dem die Band The Doobie Brothers ab 1970 eine Zeitlang regelmäßig auftrat. Der Kern dieser Band ist über 50 Jahre trotz vieler Ups and Downs, trotz partieller Sendepause und sinkender Erfolgskurve gleichgeblieben: es sind die beiden Sänger, Songschreiber und Gitarristen Tom Johnston und Patrick Simmons. Dass sie nun mit „Liberté“ ihr 15. Studio-Album - erstmals nach elf Jahren wieder mit neuen Kompositionen - vorgelegt haben, ist ohne Zweifel ein Ereignis, allerdings eines mit gemischten Gefühlen.

Die Band hat immer noch unkaputtbare Classic-Rock-Hymnen auf ihrem Zettel: „Listen To The Music“, „Long Train Running“, „Jesus Is Just Alright“ oder „China Grove“. Und auch der von Michael McDonald ab 1978 herbeigeführte Stilwechsel in die Bereiche des Soul-Pop-Jazz brachte mit „What A Fool Believes“ und „Takin‘ It To The Streets“ noch andauernde Radio-Präsenz.

Nun aber legen die verbliebenen Brüder Johnston & Simmons zusammen mit John McFee entschieden den Rückwärtsgang in die frühen 70er Jahre ein. Dazu haben sie sich mit John Shanks einen Produzenten/Gitarristen/Songwriter engagiert, der nach seinen Arbeiten für Bon Jovi, Van Halen, Santana, Fleetwood Mac oder Joe Cocker weiß, wie ein amerikanisches Mainstream-Rock-Album klingen muss. Die zwölf Songs (vier davon waren schon im Vorfeld als EP erschienen) sind gnadenlos auf Kommerzialität und Radiotauglichkeit gestrickt, was auch die weitere Mitwirkung von Michael McDonald und Keyboarder Bill Payne (er ist reumütig zu Little Feat zurückgekehrt) überflüssig machte.

Manchmal klingen die Doobies wie eine Kopie von Blackberry Smoke („Don’t Ya Mess With Me“ oder „The American Dream“), teilweise packen sie wieder ihren alten Signature-Sound aus („Easy“, „Just Can’t Do This Alone“). Bei „Shine Your Light“ taucht eine Vers-Kopie des Curtis-Mayfield-Klassikers „People Get Ready“ auf, und über einige Kompositionen von Patrick Simmons decken wir mal den gnädigen Mantel des Schweigens.

Dennoch eignet sich die CD wunderbar für eine nächtliche Fahrt auf der Autobahn oder für eine Party von Ü-70-Motorradfahrern - ein paar legalisierte Doobies eingeschlossen. Und im Sinne der Französischen Revolution müssten die beiden nächsten Alben eigentlich „Equality“ und „Fraternity“ (oder Doobie-Brotherhood) heißen!

 

https://thedoobiebrothers.com/


Rodney Crowell: Triage   ****

RC1 Records / Thirty Tigers (USA 2021)

Produced by Dan Knobler & Rodney Crowell

10 Tracks - 43:05 Min.

 

Wenn jemand im Alter von 71 Jahren sein 18. Solo-Album vorlegt, dann muss man unwillkürlich die Frage stellen: Hat er noch was zu sagen / zu erzählen? Wie steht es um seine musikalische Kreativität? Im Falle von Rodney Crowell und der CD „Triage“ fällt die Antwort in beiden Fällen positiv aus!

Wie eine Mischung aus Heino und Graham Nash schaut der grauhaarige Rodney etwas griesgrämig auf dem Schwarz-Weiß-Cover - und tatsächlich: die Songs sind geprägt von Gedanken der Endlichkeit, von Weltschmerz und Melancholie und von einer gewissen religiösen Spiritualität. Crowells Debütalbum (1978) trug den Titel „Ain’t Living Long Like This“; damals bezog sich die Zeile noch auf den Rock&Roll-Lifestyle, jetzt ist es eine Altersweisheit angesichts eigener gesundheitlicher Probleme und der weltweiten Pandemie.

Die verhalten begonnene, jedoch schwungvoll endende Auftakt-Nummer „Don’t Leave Me Now“ ist eine zähneknirschende Bitte um Vergebung mancher Fehler und eine hartnäckige Botschaft des ungebrochenen Lebenswillens. Und mit „Triage“, dem Titelsong, versucht Crowell eine Definition - oder im Wortsinn eine Sichtung - des Begriffs „Liebe“ als Basis jeder Existenz. Doch wenig später bricht die Ironie wieder durch: „I’m All About Love“, ein groovender Blues-Rocker mit lakonischem Solo von Joe Robinson, entfaltet ein breites Arsenal von Liebesobjekten - von Wladimir Putin über Greta Thunberg bis zum Evangelisten Lukas!

Ein Höhepunkt des Albums ist der dylaneske poetische Blues über das weltweite menschliche Vergessen angesichts des blinden Tanzes auf dem Vulkan der Wachstums-Ideologie („Transient Global Amnesia Blues“). Etwas später die folgerichtige Forderung „Something Has To Change“ mit einem bemerkenswert verrauchten Trombone-Solo von Raymond Martin. Vorsichtig und teilweise verunsichert geht es dann mit „Hymn 43“ in die Kirche und zu einem akustisch intonierten Modern Gospel über das Leben und die Freiheit. Die Songfolge endet mit einer Betrachtung darüber, dass unser Körper nur eine flüchtige Erscheinung in dieser Welt ist: „This body isn’t all there is to who I am“.

Musikalisch erklingt alles auf durchgehend hohem Niveau, irgendwo zwischen Tom Petty und Jason Isbell, zwischen Folk-Blues und texanischem Country-Rock, immer schön geerdet und harmonisch nachvollziehbar. An dieser neuen Nachdenklichkeit hätten auch Bob Dylan oder Kris Kristofferson ihre Freude! Schade nur, dass die Songtexte der CD nicht beigelegt sind.

 

https://www.rodneycrowell.com/


Donald Fagen:

Donald Fagen’s The Nightfly Live ****

Universal Records (USA 2021)

Produced by Patrick Dillert & Donald Fagen

8 Tracks - 38:33 Min.

 

Steely Dan:

Northeast Corridor Live ****

Universal Records (USA 2021)

Produced by Patrick Dillert & Donald Fagen

12 Tracks - 62:15 Min.

 


Steely Dan, das heißt das Komponisten-Duo Walter Becker und Donald Fagen, waren Menschenfänger: zuerst köderten sie uns mit locker-flockigen Pop-Rock-Songs wie Do It Again, Rikki Don’t Lose That Number oder Reelin‘ In The Years. Dann aber zog es sie als Menschen-Forderer immer mehr zum anspruchsvollen Jazz-Rock hin, die Harmoniefolgen wurden komplizierter, die Arrangement aufwändiger. Das tat der Qualität keinen Abbruch, doch der Eintritt in die Hitparaden und in die Playlists der Radiostationen wurde schwieriger. Zudem verweigerten sich Becker & Fagen zunehmend dem anstrengenden Live-Circuit und verschanzten sich lieber als Sound-Perfektionisten im Studio. Ein ähnliches Schicksal hätte beinahe die Doobie Brothers unter Michael McDonald ereilt, und auch Toto hätte diesen Weg beschreiten können. Nach dem Tod von Walter Becker im Jahre 2017 wäre man eigentlich ein Ende der Band zu erwarten gewesen, doch Donald Fagen meinte „the games must go on“ und tourte mit einer 14köpfigen Edel-Band durch die USA und durch das UK. Das Ergebnis dieser Live-Auftritte ist nun auf zwei CDs nachzuhören. Für „Northeast Corridor“ wurde vor allem der Steely Dan-Katalog der Jahre 1972 - 1980 ausgewertet, dazu spielte Fagen seine legendäre Solo-CD „The Nightfly“ (1982) noch einmal live ein.

Die Aufnahmen stammen alle aus der Vor-Corona-Zeit, von einer Tour im Jahre 2019, ausgewählt wurden Takes von den Konzerten im Beacon Theatre, New York, im Orpheum Theatre, Boston, in der Mohegan Sun Arena, Uncasville, CT und und in The Met, Philadelphia. Die Besetzung ist auf beiden CDs identisch: neben Donald Fagen spielen Keith Carlock (dr), Freddie Washington (b), Jon Herington (g), Connor Kennedy (g), Jim Beard (keyb), die Bläser Michael Leonhart, Jim Pugh, Walt Weiskopf und Roger Rosenberg sowie die Background-Vokalistinnen Carolyn Leonhart, Catherine Russell, La Tanya Hall und Jamie Leonhart.

Wie nicht anders zu erwarten war, erreichen die Aufnahmen Studio-Qualität, sind durch kleinere Solo-Ausflüge etwas ausgedehnt und durch Zwischen-Beifall strukturiert. Die Arrangements sind nur in homöopathischen Dosierungen verändert und so stellt sich unweigerlich die Frage, ob man nicht mit den nach wie vor lieferbaren Originalen genauso gut - oder gar besser - bedient ist.

 

https://www.steelydan.com/#!/


George Enslé: Head-On   ****

Produced by George Enslé

Line / Sawdust Records (D 1987)

8 Tracks / 42:11 Min.

 

Genau gesagt sind zwischen diesen beiden Alben 43 Jahre vergangen, denn die Debüt-LP von George Enslé wurde in den Hound Sound Studios (Besitzer: Willis Alan Ramsey) von Austin, Texas im Jahre 1978 fertiggestellt und 1980 auf Gazebo Records veröffentlicht. 1987 machte dann der leider schon verstorbene deutsche Texas-Emigrant Heinz Geissler die Firma Line Records auf den vielversprechenden Songwriter aufmerksam, und so kam es zum deutschen Release der Vinyl-LP auf dem Sublabel Sawdust Records. 14 Alben liegen mittlerweile zwischen diesen beiden Produkten, George Enslé hat vor kurzem seinen 73. Geburtstag gefeiert und mit einer Textpassage aus dem Titelsong ein vorläufiges Fazit gezogen: „I’m gonna look to the future / And honor the past /While celebrating every day / Being the change I wanna see / Being a better me”

George Enslé: Be A Better Me    ****

Produced by Stephen Doster

PuffBunny Records (USA 2021)

11 Tracks / 39:42 Min.

 

Die personelle Brücke bildet ein gewisser Stephen Doster: Auf „Head-On“ spielte er akustische Gitarre, bei „Be A Better Me“ fungiert er als Produzent und steuert einige Gitarrensounds bei. Der Verfasser dieser Zeilen muss zugeben, dass er zwar die beiden abgebildeten Alben im Regal stehen, die musikalische Entwicklung des George Enslé aber zwischenzeitlich ein bisschen aus den Augen verloren hat.

Umso schöner die Erkenntnis, dass das Haar zwar kürzer und grauer geworden ist, dass aus dem Cadillac ein Pianostuhl geworden ist, dass aber die Gitarre immer in Reichweite geblieben ist und der Sound von George Enslé weiterhin in der Tradition des texanischen Country Folk verwurzelt ist, angelehnt an die großen Namen wie Townes van Zandt, Guy Clark, David Olney oder Rodney Crowell. Auch die Freude am beruhigenden Angelsport ist gleichgeblieben: „Fishing Lines“ damals - „Gone Fishin‘“ heute!

Die Head-On-LP ist natürlich nur noch antiquarisch auffindbar (für Sammler: SDLP 4.00420 J), für „Be A Better Me“ steht aber die ambitionierte Plattenfirma PuffBunny Records aus Fredericksburg, Texas, wo die Folk-Legende Taylor Pie das Artists & Repertoire Management betreut.

„Be A Better Me“ ist ein unaufgeregtes Alterswerk, mit kleinen Beobachtungen des Alltags, mit Erinnerungen an frühere Jahre und mit einem leicht religiösen Grundton. Die Songs sind erkennbar entweder am Piano oder mit der Gitarre komponiert, dazu kommt noch der Bass von Terry Hale, Dobro und Akkordeon von Greg Lowry, die ergänzenden Gitarren von Greg Whitfield und Stephen Doster und dezente Streicherpassagen. Kein Schlagzeug, nur akustische Instrumente, keine Studio-Effekte!

Für Enslé sind seine Songs „love letters to the world … written with the language of the heart“. Darin kann der Bettler an der Straßenecke genauso auftauchen wie der Kriegsveteran in einer High-School. Gerne arbeitet Enslé mit dem Symbol des Lichts, sei es die Beleuchtung auf der Veranda des elterlichen Hauses („Front Porch Light“) oder das Licht, das einem aus einem Auge anstrahlen kann („The Deep Wells Of Her Eyes“). Dem legendären texanischen Songwriter Blaze Foley (gestorben schon 1989) ist der Song „Blue Love“ gewidmet, von seinem Vater hat George Enslé das Schild übernommen, das man an schönen Tagen vor die Haustüre hängen sollte: „Gone Fishin‘“. Am Schluss gehen dann alle in die Kirche und stimmen den Gospel an („Down By The Riverside“) - oder wie es George Enslé erklären würde: Lieber Worte statt Waffen gebrauchen!

 

http://www.georgeensle.com/

https://www.puffbunnyrecords.com/


The Matthews Baartmans Conspiracy: Distant Chatter ****

Produced by Iain Matthews & B. J. Baartmans

Talking Elephants Records (UK 2021) / MIG Music (D 2021)

10 Tracks - 47:06 Min.

 

Iain Matthews feierte heuer seinen 75. Geburtstag, ist seit gut 55 Jahren im Musik-Business unterwegs, hat seinen Wohnsitz abwechselnd in England, USA und in den Niederlanden gefunden, hat schon verschiedenen Male seinen Rückzug verkündet und kann es trotzdem nicht lassen. Die Zählung seiner Solo-, Duo- oder Band-Alben (Fairport Convention, Plainsong und Matthews Southern Comfort) darf man eingefleischten Statistikern überlassen, die Zählung seiner Eigenkompositionen dürfte den hohen dreistelligen Bereich erreicht haben. Wieviel er mit der Cover-Version von Joni Mitchells „Woodstock“ verdient hat, wissen wir nicht, für Essen, Trinken und ein paar wertvolle akustische Gitarren dürfte es aber auf jeden Fall gereicht haben. Den Holländer BJ Baartmans kennt er schon seit 18 Jahren, dieser war Mitglied der reformierten MSC als Netherlands-Edition, außerdem hat er ein gut ausgestattetes Studio und kann als multiinstrumentalistischer Partner auf verschiedenen Ebenen glänzen.

Die Pandemie und der damit verbundene Lockdown war für die beiden das Startsignal zu einer intensivierten musikalischen Verschwörung, die nun in dem Album „Distant Chatter“ ihren gut hörbaren Ausdruck gefunden hat. Von Iain Matthews stammt dazu der thematisch passende Song „14 months“, in dem er all seine Frustration über diese Zeit heraussingt („Call it lockdown, rage or rant … Me I call it hell on earth“), aber auch einer neuen Hoffnung Raum gibt (“It’s been 14 months but I see the light“).

Insgesamt startet “Distant Chatter” mit einer herbstlich-melancholischen und leicht resignativen Stimmung („Sleepwalking“), die sich durch das ganze Album zieht. Matthews beobachtet aus der Sicht des älteren (weißen) Mannes eine Welt, in der Hass und Angst Überhand nehmen („All That Glitters“) und in der manchmal Sinn machen würde, einfach zu verschwinden („I’ve Gone Missing“). Dass man ein höchst aktuelles Problem in einen lockeren Folk-Pop-Song verpacken kann, beweisen Matthews und Baartmans mit „Are You A Racist“, wo die verschiedenen Erscheinungsformen abgefragt werden und die Gegenfrage gestellt wird: „What makes you think that you’re the chosen one“.

Die musikalische Qualität von „Distant Chatter“ ist dank eines geschmackvollen Arrangements sehr hoch, die stimmliche Form von Iain Matthews ist ungebrochen und kann in einer Liga mit Todd Thibaud oder Graham Nash eingeordnet werden. Aus diesem Grund müssen wir die abschließende Frage von Iain Matthews „War‘s das?“ - oder auf Englisch „Is This It?“ - mit einem klaren Nein beantworten. Es würde sich weiter lohnen, in dieser Zusammensetzung den Blues wegzuschreiben!

 

http://iainmatthews.nl/

https://www.bjbaartmans.nl/


The Immediate Family: The Immediate Family   ****

Produced by The Immediate Family

Quarto Valley Records (USA 2021)

14 Tracks - 53:06 Min.

 

Was haben Jackson Browne, James Taylor, Don Henley, Rod Stewart, Phil Collins, Keith Richards, Crosby, Stills, Nash & Young, Linda Ronstadt und Carole King gemeinsam? Auf den ersten Blick ganz einfach: sie sind (oder waren) höchst erfolgreiche Musiker, Songwriter und Sänger. Aber noch etwas trifft zu: sie haben immer wieder mit einer Gruppe von herausragenden Studiomusikern aus Südkalifornien (auch bei Live-Konzerten) zusammengearbeitet, nämlich mit Danny Kortchmar (voc, g), Waddy Wachtel (voc, g), Leland Sklar (b) und Russ Kunkel (dr). Diese vier, deren Namen man unzählige Male in den Credits lesen konnte, sind nun für ein eigenes Bandprojekt aus der zweiten Reihe vorgetreten und präsentieren eine Supergroup, etwa im Stil der legendären Blind Faith.

Weil man gewisse Anlässe im engsten Familienkreis begehen sollte (zum Beispiel 50jähriges Jubiläum von James Taylors Mega-Hit „You’ve Got A Friend“), nennen sie sich treffend „The Immediate Family“, haben den ebenfalls nicht ganz unbekannten Steve Postell als Spezialisten für höhere Stimmlagen in das A-Team einbezogen, sind eine Zeitlang zwischen 2018 und 2019 in Japan getourt und testen nun nach zwei 5-Track-EPs („Slippin‘ And Slidin‘“ und „Can’t Stop Progress“) mit einer vollständigen CD ihre Marktchancen am Ende von Corona. Schon in den 70er Jahren haben drei von ihnen unter dem unscheinbaren Namen „The Section“ das gemacht, was sie am besten können: Instrumentalmusik für Fans und Kenner.

Nun aber wollen sie richtige Songs präsentieren, eigene und solche von alten Freunden, denen sie schon bei der Original-Aufnahme geholfen haben. So findet man auf dem Album den melodiösen Soundtrack „Somebody‘s Baby“ von Jackson Browne als lässige Live-Darbietung sowie die dynamisch rockenden Songs „Things To Do In Denver When You’re Dead“ und „Johnny Strikes Up The Band“ von Warren Zevon. Auch die eigenen Titel dieser abgebrühten Ü-70-Combo - zum Beispiel das hitverdächtige „Slippin‘ And Slidin‘“ - machen Lust auf mehr, zum Beispiel auf eine Europa-Tournee - vielleicht im nächsten Jahr und dann vor großer Öffentlichkeit. 250 Jahre Erfahrung im Studio und on the road können sich nicht irren!

 

https://www.immediatefamilyband.com/#home-section


Tim Grimm: Gone   ****

Produced by Tim Grimm

Cavalier Recordings (USA 2021)

9 Tracks - 40:34 Min.

 

Was ist der Unterschied zwischen einem Leben in der Filmindustrie von Hollywood und einem Leben auf einem Bauernhof im südlichen Indiana? Wer darauf eine Antwort hören will, sollte Tim Grimm fragen, denn er hat beide Orte intensiv erlebt. Derzeit hat sich der Schwerpunkt nach Indiana verlagert, was auch zur Folge hat, dass er seine zweite künstlerische Leidenschaft als Sänger und Songwriter (die andere ist die Schauspielerei) intensiver pflegt und vor kurzem ein neues Album herausgebracht hat. Das hat sich definitiv gelohnt, denn „Gone“ ist ein reifes Meisterwerk im weiten Feld der anspruchsvollen Country/Folk-Music, geprägt von eindrucksvollen Kompositionen, nachdenklichen Texten und natürlich von Tim Grimms intensiver Stimme.

Die acht neuen Songs (Nr. 9 ist eine entschlackte Reprise von „A Dream“) wurden in Bloomington (Indiana) aufgenommen, das musikalische Personal ist im Wesentlichen die Familie von Tim Grimm, das heißt: seine Frau Jan Lucas-Grimm (Gesang und Harmonika) und seine Söhne Connor (am Bass) und Jackson (an Gitarre und Mandoline). Das Ergebnis ist deutlich mehr als nur ein bisschen Hausmusik, es ist akustisch dominierter und weitgehend Schlagzeug-freier Country/Folk, der sich zurecht an großen Namen wie John Prine, Eric Taylor, Michael Smith oder David Olney orientieren kann.

Diesen vier Vorbildern, die alle während der Corona-Pandemie verstorben sind, zollt Tim Grimm auch seine Hochachtung. Er covert einen Song von Eric Taylor („Joseph Cross“) und hat dessen Frau Susan Lindfors Taylor als Vokalistin eingeladen. Über Smith, Taylor und Olney hat er den Song „Dreaming Of King Lear“ geschrieben, wo er das Trio folgendermaßen charakterisiert: „Each of you were jesters, but none of you were fools … all of you were preachers and prophets without fear …”. Der Titelsong „Gone” ist schließlich eine melancholische Gegenwarts-Betrachtung mit einer Aufzählung, was so alles leider verschwunden ist. Dazu gehören auch John Prine und seine allerdings unvergessenen Songs (wie „Paradise”, „Angel From Montgomery“ oder „It’s A Big Old Goofy World”): „and there is hope in knowing some people know the words”.

Tim Grimm kann aber auch einen flockigen Country-Rocker abliefern (“Cadillac Hearse“) oder einen romantischen Lovesong authentisch interpretieren („Carry Us Away”). Welche Bedeutung Bücher und Bäume in den Zeiten des Lockdowns haben, erfährt man in dem Song „25 Trees“. Zu dieser Leseempfehlung kommt hier ein klarer Hör-Tipp: Tim Grimm - eine Stimme, die du nicht mehr so schnell vergisst.

 

https://timgrimm.com/


Richie Furay: 50th Anniversary Return To The Troubadour     *****

(Still Deliverin’ / Deliverin’ Again)

Produced by David Stone & Denny Klein

DSDK Productions (USA 2021)

Disc 1: 10 Tracks - 55: 38 Min.

Disc 2: 13 Tracks - 48:55 Min.

 

1968 - 1971 - 2018 - 2021: das ist die Zeitleiste, die hinter diesem Projekt steht. Im November 1968 debütierte die aufregende neue Band Poco im Troubadour (L.A.) in der Besetzung Richie Furay (g, voc), Jim Messina (g), - beide spielten vorher in der legendären Band „Buffalo Springfield“ - Randy Meisner (b, voc), Rusty Young (pedal steel) und George Grantham (dr, voc) - viele sehen darin die Geburtsstunde einer neuen musikalischen Fusion: Country & Rock. Nach zwei Studioalben erschien 1971 unter dem Titel „Deliverin‘“ die erste Live-LP von Poco, Konzerte in der Boston Music Hall und im New York Felt Forum wurden als Audio-Material benutzt. Randy Meisner war inzwischen durch Timothy B. Schmit (b, voc) ersetzt worden.

2018 stellte sich Richie Furay wieder auf die Bühne des Troubadours, diesmal mit seiner Richie Furay Band, in der auch Tochter Jesse Furay Lynch eine gewichtige Rolle spielt. Der erste Set war ein Überblick über Furays musikalisches Spektrum von Buffalo Springfield über Poco bis heute, nach der Pause folgte ein vollständiges Replay der Deliverin‘-Live-LP samt einer Zugabe mit dem Poco-Klassiker „A Good Feelin‘ To Know“. Für den Song „Hear That Music“ kam auch Timothy B. Schmit auf die Bühne, brachte sicherheitshalber ein Textblatt ein und bewies, dass seine Stimme unter dem Eagles-Stress überhaupt nicht gelitten hat. Von dem denkwürdigen und mit viel Nostalgie aufgeladenen Abend gibt es eine Doppel-CD und eine DVD, die allerdings erst 2021 auf den Markt kamen. Beide beweisen die Zeitlosigkeit der Songs, die auch ein etwas moderneres Arrangement vertragen. Beeindruckend ist auch die stimmliche Präsenz des musikalischen Direktors Richie Furay, der als Rock-Musiker, als Pionier des Country Rock, als Teil der etwas zu viel gehypten Supergroup Souther-Hillman-Furay-Band und als christlicher Prediger seinen Weg gemacht hat.

Die Liner Notes auf der LP von 1971, verfasst von dem Radio-Moderator Peter Fornatale können ohne Problem weitergeschrieben werden: „Poco music is happy music. It’s people music. It’s toe-tapping, foot-stomping, knee-slapping, blood-pumping, wide-grinning, shit-kicking, down-home rock and roll music. And it’s some of the finest music being made anywhere by anybody in these troubled times.” Kurz nach dem Erscheinen dieser Doppel-CD verstarben die Poco-Veteranen Rusty Young und Paul Cotton: „anyway bye bye!

 

https://www.richiefuray.com/


David Crosby: For Free     *****

Produced by James Raymond

BMG (USA 2021)

10 Tracks - 37:34 Min.

 

Blättert man durch das ABC der amerikanischen Singer/Songwriter lohnt es sich, bei C erneut anzuhalten, denn David Crosby hat eine neue CD herausgebracht, mit der er sich zu seinem 80. Geburtstag (am 14. August 2021) das schönste Geschenk macht. Über Jackson Browne sagte er übrigens, dieser sei der „verdammt beste Songwriter des modernen Amerika“. Bezüglich seiner eigenen Kompositionen kam er zu der Erkenntnis, er sei in seinen früheren Bands (The Byrds, Crosby, Stills, Nash & Young“) immer für die etwas verrückten Songs zuständig gewesen.

Leider ist Crosby mit seinen alten Bandkollegen ziemlich zerstritten, doch für sein aktuelles Solo-Album hat er gewichtiger Mitstreiter gefunden, die „For Free“ zu einem späten Höhepunkt seiner Karriere machen. An erster Stelle ist sein unehelicher Sohn James Raymond zu nennen, der für Produktion, Arrangements, alle Tasteninstrumente und auch für drei Kompositionen verantwortlich zeichnet. Den Auftaktsong „River Rise“ hat Michael McDonald (vordem bei den Doobie Brothers) mitgestaltet, „Rodriguez For A Night“ ist eine gemeinsame Arbeit mit dem genialen Donald Fagen (vordem bei Steely Dan). Damit sind auch zwei Bands genannt, die mit ihrem ganz leicht angejazzten Westcoast-Rock perfekt zu der musikalischen Grundorientierung von David Crosby gepasst hätten. Höhepunkt des Albums ist aber ohne Zweifel eine Reminiszenz an Joni Mitchells über 50 Jahre alten Song „For Free“: die archetypische Geschichte eines Straßenmusikers, der umsonst und draußen an einer lauten Straßenecke seine Klarinette ertönen lässt. Vielleicht könnte man David Crosby dazu überreden, so etwas inkognito beim nächsten Bardentreffen in Nürnberg auszuprobieren! Als Gesangspartnerin dürfte er (wie auf dem Album) gerne die aufstrebende Folk-Rock-Novizin Sarah Jarosz mitbringen.

Auch im hohen Alter und nach vielen Downs im bewegten Leben hat die Kreativität und stimmliche Präsenz von Mr. Crosby nicht nachgelassen. Er singt frisch von der (transplantierten) Leber weg, seine Phrasierung sind beispielhaft und die vokale Kraft erscheint wie eine Silvaner-Spätlese aus Escherndorf: absolut lagenrein und süffig beim Abgang in der Ohrmuschel. Design-Freunde können auch noch die originale Cover-Gestaltung von Joan Baez genießen - mit einem Wort: ein echtes Gesamtkunstwerk!

 

https://davidcrosby.com/


Jackson Browne: Downhill From Everywhere    *****

Inside Recordings (USA 2021)

Produced by Jackson Browne

10 Tracks - 50:12 Min.

 

Blättert man durch das ABC der amerikanischen Singer/Songwriter lohnt es sich, schon bei B anzuhalten, denn Jackson Browne hat eine neue CD (es ist immerhin seit 1972 schon sein 15. Studio-Album!) herausgebracht. In einer über 50jährigen Karriere hat er sich als „The Pretender“, als subtiler Beobachter von Land, Leuten und gesellschaftlichen Entwicklungen und natürlich auch als Komponist anrührender Love Songs (z. B. „Shape Of A Heart“) präsentiert. Mittlerweile ist auch das Altern und das Ende des Lebens ein Thema für den 72jährigen, der 1948 in Heidelberg geboren wurde, und so haben diese zehn fesselnden Gänsehaut-Songs fast den Charakter eines Vermächtnisses, einer Stabübergabe an die (über)nächste Generation.

Jackson Browne schafft es, gleichzeitig zeitnahe und zeitlose Geschichten zu erzählen, ohne dabei einmal das Wort „Trump“ oder „Corona“ zu gebrauchen. Larmoyanz und Pessimismus ist nicht seine Sache; dass alles bergab geht („Downhill From Everywhere“), will er wie einst Sisyphus nicht akzeptieren, denn er glaubt immer noch an die Chance der Freiheit („Still Looking For Someone“), an die Relevanz der menschlichen Berührung in Zeiten des Abstandhaltens und der Hass-Botschaften („Human Touch“ als bewegendes Duett mit Leslie Mendelson, das schon 2019 anlässlich einer Aids-Doku komponiert wurde) und an die Vollendung einer weltweiten Gerechtigkeit („Until Justice Is Real“). Jackson Browne ist auch ein Bewunderer der europäischen Kultur und Zivilisation, wenn er im Abschlusssong („A Song For Barcelona“) erzählt, dass diese Stadt sein Fluchtpunkt vom amerikanischen Rock and Roll ist. Nur einmal streift er zweisprachig die Tagesaktualität, wenn er von einer jungen Frau berichtet, die wieder nach Mexiko zurückgeschickt werden soll („The Dreamer“). Grenzmauern sieht er in diesem Zusammenhang als Zeichen dafür, dass wir Gefangene einer irrationalen Furcht sind: „the walls, that we’ve built between us / keep us prisoners of our fear“.

Musikalisch bleibt er seinem ruhigen Westcoast-Rock treu, den er mit langjährigen Bandkollegen wie Greg Leisz oder Bob Glaub genussvoll zelebriert. Das Cover erinnert an die Ruinen des Spätkapitalismus, an kaputte Frachtschiffe, die in Indien oder Bangla Desh verschrottet werden. Wer einmal in der untergehenden Abendsonne an der Westküste der USA gestanden ist und gen Osten geblickt hat, mag das perfekte Ambiente zu diesen Songs erleben. Ein leistungsfähiger Autolautsprecher und die A3 von Nürnberg nach Neumarkt spätabends tun es auch!

 

https://www.jacksonbrowne.com/


Firefall: Comet *****

Sunset Blvd Records (USA 2020)

Produced by Jock Bartley, Zach Allen & Firefall

10 Tracks - 40:13 Min.

 

Herzlich willkommen zu einer doppelten Reise in die Vergangenheit! Firefall, die ihre größten Erfolge in der Mitte der 70er Jahre hatten, melden sich nach über 25 jähriger Studio-Pause mit einem tollen Album voller Edelsteine zurück. 1994 war „Messenger“, die letzte CD mit neuen Songs erschienen, dazwischen gab es nur eine Solo-CD von Jock Bartley („Blindside“) ein grandioses Live-Reunion-Projekt (2009) und relativ regelmäßige Live-Auftritte in den USA. Jetzt aber haben sie - der Pandemie zum Trotz oder vielleicht gerade wegen einer gewissen Corona-Langeweile - noch einmal eine musikalische Botschaft herausgehauen, die es in sich hat: Wir sind noch da! Wir haben noch was zu bieten!

Die zehn Songs - vier davon von dem Bandleader Jock Bartley - strotzen vor Spielfreude und Optimismus und spannen ein musikalisches Band vom alten Westcoast-Sound der 70er Jahre bis zum modernen Country Rock. Zwar sind die alten Haudegen Rick Roberts und Larry Burnett nicht mehr dabei, aber die Gitarre von Jock Bartley und die Stimme des neuen Hauptsängers Gary Jones lassen keine Wünsche offen. Dazu komplettieren Mark Andes (b), Dave Muse (keyb, fl) und Sandy Ficca (dr) den typischen Firefall-Sound: melodiöser Westcoast-Rock mit perfektem Harmoniegesang und satten Solo-Gitarren.

Ganz am Anfang blickt Jock Bartley auf die Jahre 1965, 1967 und 1969 zurück („Way Back When“), wo sie alle ihre musikalische Sozialisation mit den Beatles, den Stones, den Byrds, aber auch mit Aretha Franklin, den Rascals, den Doors, mit Marvin Gaye und ganz besonders mit Creedence Clearwater Revival erlebt haben - John Fogertys „Lodi“ wird in diesem Song sogar ein bisschen harmonisch zitiert!

Doch auch schöne Cover-Versionen und Gast-Auftritte sind zu erleben: Randy Californias „Nature’s Way“ setzt einen ökologischen Spirit, der seit über 50 Jahren aktuell ist, Timothy B. Schmit mischt dabei als Duett-Sänger mit. Von dem leider schon verstorbenen Robbin Thompson stammt „A Real Fine Day“, ein Song, der bei jedem Anhören ein Lächeln hervorzaubert. Von Nashville-Urgestein Gary Burr kommt die leicht ironische Anmerkung „Younger“, ein perfektes Spielfeld für Sänger Gary Jones. Nicht zu vergessen der saftige Southern-Rocker „Ghost Town“ aus der Feder von Tony Joe White (RIP!), den Dave Muse mit seiner Querflöte veredelt und der auch auf jedes frühe Eagles-Album gepasst hätte. Der etwa 45 Jahre andauernde Kreis schließt sich mit „(I See) A New Mexico“, einer neuen South-of-the-Border-Komposition, die sich explizit auf Firefalls „Mexico“ aus dem Jahre 1976 bezieht: music, love & romance is in the air! Wollen wir hoffen, dass sich für Firefall bald wieder - vielleicht auch in Europa? - ein Live-Fenster öffnet, denn die alten Hits wie „Just Remember I Love You“ und „You Are the Woman“ stehen weiterhin auf der weltweiten Wunschliste!

 

http://www.firefallofficial.com/


Fox And Bones: American Alchemy    ****

Dutch Records (USA 2021)

Produced by Matt Greco & Dominik Schmidt

11 Tracks - 41:57 Min.

 

Die mittelalterlichen europäischen Alchemisten sahen ihr Opus magnum in der erfolgreichen Umwandlung eines Ausgangsstoffes in Gold oder in der Schaffung des Steins der Weisen. Mit ihrem dritten Album „American Alchemy“ hat das Duo Fox And Bones aus Portland, Oregon ähnlich ambitionierte Pläne. Sie wollen die Zeiten, als sie in leeren Räumen auftraten, mit ein paar Drinks bezahlt oder vom Veranstalter beschimpft wurden (so jedenfalls erinnern sie sich in dem Song „Already Here“), hinter sich lassen und aus ihren Kompositionen am besten irgendwas mit Platin machen. Die Chancen dafür stehen gar nicht schlecht, denn ihre Musik ist voll von ansteckendem Optimismus, eingängigen Melodien und treibenden Arrangements.

Hinter dem Bandnahmen verbergen sich die beiden Songwriter Sarah Vitort und Scott Gilmore, die sich auf dem Cover in dezenten Sepia-Tönen präsentieren und es dem Zuhören überlassen, darüber zu spekulieren, wer nun den Fuchs und wer die Knochen repräsentiert. Ganz unbescheiden starten sie das Album mit einem Aufruf zu einer neuen Bewegung, zu einem „Changing Of The Guard“, eine mitreißende Hymne, die auf allen Fridays-For-Future-Demos intoniert werden sollte. Der Song klingt, als hätten sich Stevie Nicks und Lindsey Buckingham einer Verjüngungskur unterzogen: bläsergestützter Power-Pop mit einer Prise Vintage-Nostalgie. Spätestens ab dem dritten Song „Dancing In The Aisles“ fühlt man sich wie in einer schwarz-weißen Gospelkirche, die auch für Agnostiker geöffnet hat: „Don’t need Jesus / To be a believer“. Erinnerungen an die Hippie-Bewegung in den frühen 70ern mit einer Prise Easy-Rider-Rider-Romantik kommt bei dem Song „Running Free“ auf, der schon vorab als Single eine vorzügliche Geschmacksprobe war. Fox And Bones überzeugen aber auch mit reduziertem Folk-Instrumentarium durch ihre markanten Stimmen (man könnte sagen, dass die Chemie stimmt!) und können auch nachdenklichere Atmosphären erzeugen. So ist das Finale „Layers Of Antiquity“ eine fast schon dylaneske Beobachtung der Gegenwarts- Themen, die schließlich nach sechs Minuten in eine großorchestrale Botschaft mündet: „If we’re all to bring this world together / We’ll have to let whatever doesn’t heal us to move on“.

Es ist Sarah & Scott zu wünschen, dass sie ihre gewaltige Dynamik bald auf großen Bühnen austoben dürfen: „We’re Already Here!“

 

https://foxandbones.com/


Improved Sound Limited: Improved Sound Limited   ****

Longhair LHC 00007 (D 2001)

Original Doppel-LP (D 1971)

Produced by Improved Sound Limited

18 Tracks - 71:21 Min.

 

Mit einem „Wumms” (Olaf Scholz) hat sich die Nürnberger Band Improved Sound Limited vor genau 50 Jahren auf dem Plattenmarkt angemeldet. Nach ersten Erfahrungen als Schülerband, als Backing-Band von Roy Black, als Beste Beat Band Bayerns bei einem Wettbewerb des Bayerischen Rundfunks, nach zwei Singles für Polydor und nach der Produktion der Filmmusik zu Michael Verhoevens Film „Engelchen macht weiter, hoppe hoppe Reiter“ wagten sie sich 1971 mit einer Doppel-LP auf dem renommierten Liberty/United Artists-Label, die 18 Eigenkompositionen des Brüderpaares Axel und Bernd Linstädt (letzterer für die englischsprachigen Texte verantwortlich) enthielt, an die Öffentlichkeit.

Die Reaktionen waren durchwegs positiv. In den Feuilletons der überregionalen Presse konnte man von „angelsächsischer Klasse“ oder von der „besten deutschen Rock-Produktion seit der Beatles-Live-LP mit Tony Sheridan“ lesen. Franz Schöler listete 1975 die Doppel-LP sogar in seiner „Diskografie der epochemachenden Rock-Platten 1954 - 1974“. Im Gegensatz zum sogenannten Krautrock konzentrierten sich Improved Sound Limited auf überschaubare, eher konventionell gestrickte Songstrukturen, im Gegensatz zum Deutschrock, den ihre Nürnberger Lokal-Konkurrenten „Ihre Kinder“ initiierten, blieben sie bei der englischen Sprache, allerdings mit manchmal sehr verkopften Texten, die auch aus einem Anglistik-Hauptseminar stammen könnten. Musikalisch orientierten sie sich an den späten Beatles, an Folk-Rock-Elementen, die man bei Jethro Tull oder sogar bei Led Zeppelin auffinden konnte und bei US-Bands wie The Byrds oder Lovin‘ Spoonful.

Die 18 Songs zeigen durchwegs kompositorische Klasse und ausgefeilte Arrangements weit über dem Level des Drei-Akkorde-Rocks mancher Zeitgenossen. Die Band wagt sich auf dem Album auch an witzige Songs-Miniaturen („Drunken Mr. Hyde“) und an ausschweifende Instrumental-Experimente (so das über 17 Minuten lange „A Soldier’s Songbook“). Das Thema Liebe wird nur dreimal angesprochen, wobei „I Am The Wolf“ gar nicht sehr idyllisch die Gewaltphantasien eines enttäuschten Liebhabers beschreibt: „I am the wolf in the chicken coop baby / Blood will be splattering all around“. Gleich beim ersten Song („Dr. Bob Dylan“) wird die Ambivalenz der Protestbewegung in den späten 60er Jahren am Beispiel der merkwürdigen Wandlungen des Herrn Zimmermann angesprochen, die Fragwürdigkeit militärischen Denkens wird pointiert in zwei Liedern verdeutlicht und selbst die verdruckste deutsche NS-Vergangenheits­bewältigung kann man in einen Pop-Song mit dreieinhalb Minuten packen („A Well Respected Man“). So ist das Doppelalbum ein Sammelbecken von „Reflexionen fünf junger Leute, die sich mit ihrer Umwelt und Situation kritisch befassen“ - wie damals der Kritiker der Nürnberger Nachrichten etwas altväterlich schrieb.

Wenn die Mannen von Improved Sound Limited nicht nach wenigen Jahren die Karriere-Ambitionen an den Nagel gehängt hätten, wären sie vielleicht zur deutschen Antwort auf Supertramp geworden!

Die Vinyl-Doppel-LP ist mittlerweile ein gefragtes Sammlerstück, die 2001 von Longhairmusic nachproduzierte CD ist nur noch antiquarisch zu haben. Wer Improved Sound Limited heute vollständig anhören will, muss den Geldbeutel weit aufmachen und die Ultimate-Collection mit 6 CDs kaufen.

 

http://www.improved-sound-limited.de/de/CDs.php


Sarah Jarosz: World On The Ground    *****

Rounder Records (USA 2020)

Produced by John Leventhal

10 Tracks - 35:31 Min.

 

Wimberley, ein kleines Städtchen mit rund 2600 Einwohnern, liegt etwa 60 Kilometer südwestlich von der Musik-Metropole Austin, Texas und kann immerhin drei (ehemalige) locals benennen, die in der Musik-Szene eine gewisse Berühmtheit haben: Ray Willie Hubbard, Kevin Welch und Sarah Jarosz. Letztere hat sich mittlerweile vor ihrem 30. Geburtstag nach New York abgesetzt und dort zusammen mit John Leventhal, der locker ihr Vater sein könnte, ihr fünftes Album fertiggestellt: „World On The Ground“ ist über weite Strecken ein Rückblick auf die Jahre der Jugend in Wimberley, dargestellt weniger im Ich-Modus sondern eher in anderen Charakteren, die ihr wohl seinerzeit über den Weg gelaufen sind.

Das ganze Album ist geprägt vom Motiv der small town und jener Ambivalenz aus vertrauter Heimat und Fluchtwünschen. In dem Song „Pay It No Mind“ wird diese Situation durch einen kleinen Vogel symbolisiert, der am Fenster im 7.Stock eines Hauses sitzt und titelgerecht singt: „When the world on the ground / Is gonna swallow you down / Sometimes you’ve got to pay it no mind”. Eine weibliche Person namens “Maggie”, der irgendwie die Decke auf den Kopf fällt und die genug hat von der engen Welt aus highschool, football und „processed food“, schnappt sich ein Auto und macht sich auf den Weg: „Drive across the desert in a blue Ford Escape / Hopefully this car will live up to its name“. Ein Mann namens „Johnny“ wundert sich, dass er die ganze Welt durchflogen hat und nun wieder bei einem Glas Wein in dem „same damn ground“ sitzt, wo er einst begonnen hat (dieser Song ist übrigens mein Anspieltipp No. 1!). Ganz in der Tradition von Bruce Springsteens „My Hometown“ hat Sarah Jarosz auch noch einen Song mit dem Titel „Hometown“ im Gepäck, der das Spannungsverhältnis zwischen einem hölzernen Schaukelstuhl und dem Leben on the road thematisiert.

Sarah Jarosz hat drei Pfunde, mit denen sie wuchern kann: zum einen ihre markante, aber nie manierierte Stimme, die zwischen Folk-Purismus und Pop-Intonation (oder zwischen Gillian Welch und Sheryl Crow) angesiedelt ist, zum anderen ihre instrumentellen Fähigkeiten an Gitarre, Banjo und Mandoline, die sie auch als One-Woman-Band bei dem Traditional „Little Satchel“ unter Beweis stellt, und schließlich ihr höchst originelles Songwriting mit ausgefeilten Harmoniefolgen und subtilen Texten.

Was hat schließlich ihr aktuelles Album mit Shawn Colvins „Steady on“ (1989) und Rosanne Cashs „The River & The Thread” (2015) gemeinsam? Bei allen drei CDs arbeitete eine (Ehe-)Frau mit John Leventhal als Produzent, Arrangeur und Studio-Musiker zusammen - dreimal war das Ergebnis als Mischung aus Modern Folk und anspruchsvollem Pop herausragend und preiswürdig: „World On The Ground“ wurde vor kurzem mit einem Grammy für das beste Americana Album 2021 ausgezeichnet!

 

https://www.sarahjarosz.com/


Jesse Brewster: The Lonely Pines    ****

Crooked Prairie Records (USA 2021)

Produced by Jesse Brewster & Gawain Mathews

10 Tracks - 35:01 Min.

 

Schon seit etwa zwanzig Jahren ist Jesse Brewster im Musik-Business, die soeben erschienene CD „The Lonely“ Pines“ ist schon seine fünfte Solo-Produktion (er startete 2005 mit „Confessional“). Doch der Bekanntheitsgrad in Europa dürfte sich noch in Grenzen halten; das soll sich jetzt - mit Hilfe seines schwedischen Publicity Managers - ändern.

Jesse Brewster lebt in der San Francisco Bay Area, hat schon ein paar private Schicksalsschläge hinter sich und präsentiert genau jene Singer/Songwriter-Musik, die man aus dieser Gegend erwartet: eingängigen Westcoast-Sound irgendwo zwischen Folk-Pop und Country-Rock, hörfreundlich und definitiv radiotauglich! Schon der Auftaktsong „Let‘s Run Away“, ein Plädoyer für die kleinen Fluchten aus dem Alltag („No good cause to wait another day / So let’s run away“), beißt sich im Ohr fest und macht Lust auf die restlichen neu(e)n Songs. Diese offenbaren eine gewisse Bandbreite von altmodischen piano-klimprigen Walzer-Beat bei „Bitter Pill“ über akustische Gitarren-Balladen mit klagender Mundharmonika („Southern“) bis zu irischen Einflüssen bei „Amber Kinney“. Am Thema der Corona-Pandemie kommt Jesse Brewster natürlich auch nicht vorbei, sein Song „Coming Home“ ist ein positiver Blick auf die Werte, die das Überleben („We’ll all get through this soon“) sichern und wertvoll machen: die Familie („it feels so good to be back home with the family“) und die Nachbarschaft („All my neigbors banding together“): Solidarität trotz Distanz! Die Pandemie hat auch Brewsters musikalische Projekte beeinflusst: die CD wurde zunächst mit dem kompetenten Produzenten Gawain Mathews und dem Drummer Ryan Low eingespielt, die finalen Zutaten musste Brewster in seinem eigenen Home Studio ergänzen.

Das Endergebnis kann sich - wie gesagt - sehen und vor allem hören lassen: Jesse Brewster klopft mit Recht und prägnanter Stimme bei der Klasse seiner Vorbilder Jackson Browne und Neil Young an, mit anderen südkalifornischen Songwritern wie Brad Colerick, Gerry Beckley (Ex-America), John Vester oder Jeff Larson spielt er längst in einer gemeinsamen Liga. Einen kleinen Punktabzug gibt es nur für die bedauerliche Tatsache, dass die CD sehr karg eingepackt ist und keinerlei Lyrics oder Credits beinhaltet! Die gibt’s nur mit der Sammler-Vinyl-Ausgabe, aber damit muss man wohl in Zeiten der Download-Kultur leben?

 

https://jessebrewster.com/


Ringo Starr: Zoom In    ***

Universal Music (USA 2021)

Produced by Ringo Starr & Bruce Sugar

5 Tracks - 19:34 Min.

 

Nun ist es also auch Ringo Starr ein bisschen langweilig geworden. Doch anders als der zweite Beatles-Überlebende Sir Paul McCartney, der sich 2020 ins Home Office einschloss und im Alleingang eine eher sperrige Solo-CD mit dem Titel „III“ erarbeitete, hat Ringo die Türen seines häuslichen Studios in Los Angeles weit geöffnet und zusammen mit vielen musikalischen Freunden aus seinem langjährigen Rock-Netzwerk - natürlich auch mit den bekannten Hygieneregeln - einen kurzen, knackigen und sehr eingängigen Fivepack produziert.

Es beginnt mit „Here’s To The Night”, einer „We-Are-The-World“-artigen Pop-Hymne, die Diane Warren maßgenau für Benefiz-Galas und weihnachtliche Charity-Events komponiert hat. Angesichts von Ringo Starrs bescheidenem Stimmvolumen wurde die originale Tonlage um genau sechs Halbtöne gesenkt, dafür aber ein beeindruckender Promi-Chor, eine echte All-Starr-Gesangsformation, für den häufig wiederholten Refrain engagiert. Anhand des offiziellen Song-Videos kann man erkennen, dass Paul McCartney, Joe Walsh, Dave Grohl, Ben Harper, Sheryl Crow, Chris Stapleton und Lenny Kravitz (neben einigen anderen) mitgewirkt haben, im finalen Mix sind ihre Stimmen aber nur schwer zu identifizieren.

Der flockige Pop-Song „Zoom In Zoom Out“ könnte glatt als Werbemelodie für die in Corona-Zeiten höchst erfolgreiche Videokonferenz-Plattform durchgehen, bekommt aber durch die Mitwirkung des Doors-Gitarristen Robbie Krieger einen zusätzlichen Retro-Charme. Die beiden Toto-Spieler Steve Lukather und Joseph Williams haben für Ringos Kernkompetenz, die Botschaft von Love, Peace & Hope, einen ziemlich radiotauglichen Song („Not Enough Love In The World“) bereitgestellt, und von Sam Hollander kam ein fertig gemixter Song namens „Teach Me To Tango“, eine Art Mambo No. 6, zu dem Ringo Starr nur noch seine gut geerdete Stimme und ein paar Drum-Fills hinzufügen musste.

Die eigentliche Überraschung ist ein Exkurs unter dem Motto „Ringo goes Reggae“: „Waiting For The Tide To Turn“ klingt ausgesprochen authentisch, wirkt wie eine späte Hommage an Bob Marley, enthält aber auch die so banale wie diskussionswürdige Textzeile „Let’s make some reggae music / And it will be a better day“.

Die ganze Sache dauert gute 19 Minuten, etwa so lang wie ein Corona-Schnelltest. Das Ergebnis ist weder eindeutig positiv noch dezidiert negativ. Einem so sympathischen Ü-80-Schelm wie Ringo Starr kann man einfach nicht böse sein.

 

http://www.ringostarr.com/


Emma Swift: Blonde On The Tracks   *****

Tiny Ghost Records (USA 2020)

Produced by Patrick Sansone

8 Tracks - 44:47 Min.

 

Das schönste Geschenk, das sich auf dem Gabentisch zu Bob Dylans 80. Geburtstag befindet, könnte von der australischen Singer/Songwriterin Emma Swift kommen: es ist eine CD mit acht Songs vom Literatur-Nobelpreisträger himself, die sie in einmaliger Weise mit ihrer magischen Stimme veredelt hat. Auf die dazugehörige Glückwunschkarte hat sie geschrieben: „Zu Ehren des majestätischen Bob Dylan freue ich mich, dass „Blonde On The Tracks“, eine Neuinterpretation einiger meiner Lieblings-Bob-Dylan-Songs, erschienen ist. Dieses Album wurde mit Liebe und Sorgfalt in Nashville vor und während der Pandemie gemacht.“

Über den gesundheitlichen Nutzen von Dylan-Songs gibt es keine gesicherten Studien, bei Emma Swift war es aber so, dass sie sich über eine Phase voller Depression und Schreibblockaden damit gerettet hat, dass sie an jedem Morgen ein Lied des Meisters angestimmt hat. Ihr Freund Robyn Hitchcock, mit dem sie seit 2013 in Nashville lebt, hat sie bei diesem Projekt zusammen mit Produzent Patrick Sansone - bekannt durch seine Mitwirkung in der Band Wilco - unterstützt.

Das Ergebnis ist atemberaubend: auf der Basis eines modernen Folk-Rock-Arrangements in der Tradition von The Byrds oder The Band arbeitet sich Emma Swift mit ungeheurer stimmlicher Präsenz in die Substanz der Songs. Die meisten stammen aus den Jahren 1965 - 1975, je zwei von den Alben „Blonde On Blonde“ und „Blood On The Tracks“. Es gibt Bekanntes wie „Simple Twist Of Fate“ (für viele der beste Dylan-Songs aller Zeiten) oder „Sad Eyed Lady Of The Lowlands“, das elfminütige Epos, mit dem Dylan seine erste Ehefrau Sara Lowndes charakterisierte. Es gibt aber auch Unbekannteres wie die schlichte Country-Nummer „Going Going Gone“ oder das vertrackte „The Man in Me“, das schon Wolfgang Ambros zu einer österreichischen Version animierte. Höhepunkt ist aber ohne Zweifel der Song „I Contain Multitudes“ aus dem aktuellen Album „Rough and Rowdy Ways“, in dem Bob Dylan rückblickend die Vielschichtigkeit und Rätselhaftigkeit seiner künstlerischen Person reflektierte: „Ich bin wie Anne Frank, wie Indiana Jones, wie die Rolling Stones“ heißt es da - viel Spaß beim Interpretieren!

Können Frauen Dylan-Songs singen? Aber sicher: Emma Swift steht in einer prominenten Reihe von Dylan-Interpretinnen wie Joan Baez, Odetta oder Emmylou Harris; die These sei gewagt: sie macht‘s am besten! Hoffentlich nimmt sich auch Herr Zimmermann die Zeit, dieses Geschenk an seinem runden Ehrentag in Ruhe anzuhören.

 

https://www.emmaswift.com/home


Steve Yanek: Across The Landscape    ****

Primitive Records (USA 2020)

Produced by Steve Yanek, Jeff Pevar und Leah Kunkel

11 Tracks - 49:33 Min.

 

Es war einmal ein ambitionierter Musiker namens Steve Yanek, der zu Beginn der 1980er Jahre davon träumte, der nächste Jackson Browne, Neil Young oder zumindest Ned Doheny oder John David Souther zu werden. Dafür zog er von den Stahlfabriken in Ohio zu der Musikindustrie in Los Angeles und präsentierte seine Songs in den einschlägigen Folk-Clubs. Doch irgendwie hat es mit dem großen Durchbruch nicht geklappt, zwei Plattenverträge wurden in letzter Minute wieder gekündigt und Yanek erkannte, dass die goldene Aufbruchsstimmung rund um den Laurel Canyon fast schon wieder vorbei ist, dass Äußerlichkeiten und nicht die musikalische Substanz das Musik-Business bestimmen. Also reiste er wieder zurück ins ländliche Pennsylvania, suchte sich mehrere Brotberufe, stellte sich aber gleichzeitig ein ordentliches Home-Studio und sogar eine unabhängige Plattenfirma (Primitive Records) zusammen.

An der Ostküste kam es dann 2004 zu einem neuen Anlauf, für den er sich zwei erfahrene Mitstreiter ins Boot holte: den Gitarristen Jeff Pevar, der mit David Crosby, CSN&Y und vielen anderen Westcoast-Celebrities zusammengespielt hat, und Leah Kunkel, die für Jackson Browne, James Taylor und Art Garfunkel schon Background gesungen hat und sich dank ihres Ex-Mannes, dem Schlagzeuger Russ Kunkel, in der Szene gut auskennt.

Herausgekommen ist dann 2005 das Album „Across The Landscape“, das elf Eigenkompositionen von Steve Yanek enthält, die sich stark an die oben genannten Namen anlehnen. „Right In Front Of You“ würde (auch textlich!) jede der frühen Jackson-Browne-Platten zieren, „No One Said“ oder „All I Ever Wanted“ wünscht man sich auf einem Firefall-Reunion-Album, „Dance With You“ hätte er zu Lebzeiten mal Tom Petty vorspielen sollen, „Got To Hear You Say It“ hätte er als Audio-Datei an Don Henley schicken sollen und „Barely Holding On“ wäre einen Anruf beim Management von Richard Marx wert gewesen. Damit wir uns richtig verstehen: Steve Yanek ist kein einfallsloser Epigone sondern ein richtig guter Songwriter, der unglücklicherweise mehrmals durch den Rost gefallen ist oder ein Beispiel für den alten Spruch „Wrong time wrong place“ wurde.

Doch es besteht noch Hoffnung: Steve Yanek hat die CD (auch für den europäischen Markt) mit ein paar kosmetischen Korrekturen neu veröffentlicht und für den Sommer 2021 ein neues Album (wieder mit Jeff Pevar) fest im Blick. Wie heißt es doch in dem finalen Song „Safe Harbours“: „There’s no turning back / The road lies ahead of you / Your faith and your anger / They’re going to pull you through“!

 

https://www.steveyanek.com/


Catherine Britt: Home Truth   ***

Beverley Hillbilly Records (AUS 2020)

Produced by Catherine Britt & Michael Muchow

12 Tracks - 43:10 Min

 

Wenn man sich schon mit Track #1 als wandelnder weiblicher Country-Song outet („I Am A Country Song“) und das Erbe von Hank Williams und George Jones reklamiert, weiß man eigentlich, wohin die musikalische Reise geht. Die Australierin Catherine Britt (geb. 1984) ist offensichtlich von ihren Eltern mit Country Music sozialisiert worden, hat dann 1999 im australischen Newcastle ihre Karriere gestartet, die sie - auf Empfehlung von Sir Elton John(!) - sechs Jahre nach Nashville führte und ist dann 2009 wieder in ihre Geburtsstadt zurückgekehrt, wo sie nun ihr mittlerweile achtes Album vorlegt: „Home Truth“. Diese heimatlichen Charaktereigenschaften, die sie auch von ihren Mitmenschen erwartet sind „honest, straight, 100% proof & little bitter sweet“. Unvermeidlich ist auch eine Hymne auf die Loyalität der Country Fans („there is nothing like a country fan“) und auf die Rolle der glücklichen Hausfrau und Mutter („I wouldn’t have it any other way”).

Catherine Britt, die in Australien eine Alt-Country-TV-Sendung moderiert, geht auch mit ihrer Musik auf die sichere Seite. Die elf Eigenkompositionen (jedoch mit wechselnden Songwriter-PartnerInnen) bewegen sich im Feld des Modern Country, dazu kommen ein paar Ausflüge in jenen stilübergreifenden Country Pop („Me“, „New Dawn“), der Superstars wie Taylor Swift oder Keith Urban zu Millionären gemacht hat. Der Sound des ganzen Album ist amtlich, radiotauglich und korrekt, die Banjos pluckern an der richtigen Stelle, die Steel Guitar schmelzt an den passenden Passagen, die Fiddles sorgen für akustische Authentizität und die E-Gitarren für mainstream-rockige Grundierung. Wer aber nach ein paar Widerhaken oder ironischen Brechungen sucht, wird enttäuscht. Catherine Britt bedient im Wesentlichen auf hohem Niveau und mit durchaus unverwechselbarer Stimme das Klischee. Auch die zwei männlichen Gesangspartner (Jim Lauderdale bei „Hard To Love“ und Lee Kernaghan bei „Country Fan“) bringen keine stilistischen Überraschungen. So schließen wir uns leicht verstört der Frage von Catherine Britt in dem Song „New Dawn“ an: „Where has everybody gone / 2020 phenomenon“?

 

https://catherinebritt.com/


Jim Stanard: Color Outside The Lines    ****

Manatee Records (USA 2020)

Produced by Kip Winger

11 Tracks - 36:02 Min.

 

Musik spielte schon immer eine große Rolle im Leben von Jim Stanard - aufgewachsen in Colorado nun lebend in Florida -, doch erst spät hat er sich dazu entschieden, sie zu seinem Fulltime-Job zu machen. Und deshalb sieht man ihn auf dem Cover seiner (erst!) zweiten CD als grauhaarigen Folk-Musiker in Blue Jeans mitten in einem Güterbahnhof, die Martin D-28-Gitarre locker in der rechten Hand gehalten.

11 Songs finden sich auf dem Album, das der Bassist Kip Winger, bekannt durch sein Mitwirken in der Band Alice Cooper, produzierte. Als musikalischer Begleiter hat sich Peter Yarrow mit seiner Tochter Bethany angeboten: tatsächlich erinnern die beiden Titel, an denen sie mitgewirkt haben, ein bisschen an die Zeiten von Peter, Paul & Mary! Ansonsten hat Jim Stanard aber mehr als Classic Folk zu bieten, er nimmt auch Anleihen bei Country und Blues, sogar sanfter Mainstream-Rock im Stile der Dire Straits ist dank seines Solo-Gitarristen John Skibic durchzuhören. Jim Stanard ist ein guter Beobachter des Lebens und entnimmt seine Songwriter-Themen der Geschichte und der Gegenwart. Exemplarisch nachzuprüfen am Starter „Home“, wo die Situation von Flüchtlingen seit über 150 Jahren skizziert wird. Die Themas Liebe folgt er in vielen Varianten: von einer komplizierten Trennung über die fake news bei Tinder-Kontakten bis zu einer Fortschreibung von Gordon Lightfoots „If you could read my mind“ unter dem Titel „Each Other‘s Mind“. Der Titelsong enthält eine zentrale Botschaft des stimmlich präzisen Jim Stanard: behaltet die kindliche Freiheit oder „Nothing was more natural / then to color outside the lines“.

Wer also seine musikalische Sozialisation mit Gordon Lightfoot, Richard Dobson, Tom Rush oder John Prine durchgemacht hat, findet in Jim Stanard einen neuen interessanten Wegbegleiter.

 

www.jimstanardmusic.com


David Olney & Anana Kaye: Whispers And Sighs ***

Schoolkids Records (USA 2021)

Produced by Brett Ryan Stewart

13 Tracks - 49:12 Min.

 

Vor ziemlich genau einem Jahr ist David Olney auf der Bühne während eines Auftritts in Santa Rosa Beach, Florida im Alter von 71 Jahren an einer Herzattacke gestorben. Somit ist die vorliegende CD seine letzte Studio-Produktion gewesen, die nun posthum herauskommt. Und die startet - nach einem kurzen Vorspiel - ausgerechnet mit seinem Song „My Favorite Goodbye“ - was für eine Koinzidenz!

Eine Radio-Aufzeichnung an seinem Todestag kann man übrigens unter diesem Link anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=v73VQVZpViA

Doch zurück zu dem ungewöhnlichen Projekt, das nun zu seinem Vermächtnis wird: David Olney arbeitete zusammen mit der aufstrebenden Künstlerin Anana Kaye (geboren in Georgien) und ihrem Ehemann Irakli Gabriel. Die beiden betreiben auch eine Musikvideo-Produktion in Nashville und erfuhren beim abschließenden Abmischen der Songs vom Ableben ihres musikalischen Mitstreiters. Herausgekommen ist ein spannender west-östlicher Diwan, eine musikalische Brücke zwischen Taiga und Texas, fast so als wäre Katie Melua mit John Prine (auch schon tot!) als Eastern Country Folk Duett in den Ring gestiegen.

Die Frage ist nun, wie die Kooperation zwischen dem ergrauten Rauschebart-Songpoeten aus Nashville und dem jungen Duo Kaye/Irakli funktioniert: leider stehen sich hier fast zwei Welten gegenüber, die abwechselnd den Lead-Gesang (und wohl auch die Kompositions-Tätigkeit) übernehmen. Bei den Arrangements hat sich eindeutig Anana Kaye mit ihrer Vorliebe für leicht klebrige Streicher-Texturen durchgesetzt, ein zwei- oder dreistimmiger Gesang ist so gut wie nie zu hören. Stattdessen ereignen sich drastische Stilbrüche, die man mögen muss: vom Kate-Bush-artigen Schwebezustand („My Last Dream Of You“) bis zum geerdeten Keith-Richards-Riff („Last Days Of Rome“).

Für alle David-Olney-Fans lohnt es sich eher, sein letztes Solo-Album „This Side Or The Other“ (ein tiefes Gedankenspiel über Mauern in dieser Welt) in memoriam anzuhören, dazu ein paar Shakespeare-artige Sonette aus seinem Buch „Sonnetts“ zu lesen und danach dem höchst philosophischen Olney-Song „Jerusalem Tomorrow“ in der Version von Emmylou Harris zu lauschen. Die weitere Karriere von Anana Kaye und Irakli Gabriel darf mit Interesse verfolgt werden.

 

https://davidolney.com/home

https://www.ananakaye.com/


The Band Of Heathens: Stranger    ****

BOH Records (USA 2020)

Produced by Tucker Martine

10 Songs - 42:57 Min.

 

Auf der waagerechten Linie der Stilfindung zwischen Texas Country und spätem Lennon/McCartney-Sound sind die Songwriter Ed Jurdi und Gordy Quist eindeutig einen Schritt nach rechts gegangen. Mitschuldig an dieser - keineswegs beklagenswerten - Entwicklung ist zum einen die Tatsache, dass sie für das aktuelle Album mit ihrer Band Of Heathens den vertrauten genius loci Austin, Texas verlassen haben, zum anderen, dass sie in Portland, Oregon den Soundbastler Tucker Martine (bekannt durch Arbeiten für The Decembrists, R.E.M. oder My Morning Jacket) mit der Produktion beauftragt haben.

Dies führt dazu, dass auf der CD ein fast schon psychedelischer Neo-Folk Song mit sägendem Streicher-Outro („Black Cat“) auf klassischen Roots-Country („Asheville Nashville Austin“) trifft, dass man sich bei dem Song „Dare“ in eine Brian-Wilson-Produktion versetzt fühlt und dass bei „Call Me Gilded“ eine Mischung aus James Taylor und den Avett Brothers ausgebreitet wird.

Insgesamt reflektieren viele Songs die verstörte Stimmung der Pandemie-Anfänge und die daraus resultierenden Fragen. Vor allem jenes Dilemma zwischen der Suche nach Wahrheiten und der Überflutung mit fake news scheint immer wieder bei den beiden Songschreibern Jurdi & Quist auf. In „South By Somewhere” heißt das „Wish I could go way back when / The truth was real“, in „Truth Left” behauptet der Refrain „There ain’t no truth left / We’re getting used to it“ und in „Today Is Our Last Tomorrow“ erzählen die zwei Heiden „I heard it on the news / A version of the truth / Was it fact packed or fiction and fable?”

Natürlich mag man angesichts dieser Stimmungslage in den Albumtitel einen Bezug zum Roman von Albert Camus hineingeheimnissen oder gar auf die Science Fiction Story „Stranger in A Strange Land“ von Robert B. Heinlein hinweisen, die genaue Analyse der Songtexte gibt aber diese Assoziation kaum her. Vielmehr schwebt über der gesamten Musik ein Gefühl der Fremdheit in einer Welt, die so wenig Fixpunkte bietet an denen man sich festhalten kann. Die Antwort der Band ist aber gar nicht so grüblerisch und dystopisch: selbst wenn heute unser letztes Morgen ist, sollte noch Zeit für ein bisschen Vergnügung sein. Mit „Stranger“ ist der Band Of Heathens jedenfalls der perfekte Soundtrack für einen musikalischen Jahresrückblick 2020 gelungen.

 

https://bandofheathens.com/


Sam Morrow: Gettin’ By On Gettin’ Down      ****

Forty Below Records (USA 2020)

Produced by Sam Morrow & Eric Corne

9 Tracks - 34:59 Min.

 

Der Weg von Houston, Texas nach Los Angeles hat Sam Morrow gut getan. Denn auf seiner vierten CD - schon der Vorgänger „Concrete And Mud“ war äußerst vielversprechend - präsentiert er ein durchgängig stimmiges Roots-Rock-Paket, das man gerne bald einmal live erleben würde. Morrow verlässt sich ganz auf seine präzise punktende und funkende Rhythmusgruppe mit dem Drummer Matt Tecu und dem Bassisten Taras Prodaniuk, die ihm den Groove für acht extrem haltbare Rock-Songs liefern. Erst beim Rausschmeißer greift Sam Morrow zur Akustik-Gitarre und erklärt mit markanter Stimme „I think I’ll just die here / High on this hill where the grass is stained green“.

Nicht nur die Tatsache, dass die Songs in einem Studio aufgenommen wurden, dass dem Doors-Gitarristen Robbie Krieger gehört, erklärt den unverkennbaren Retro-Charakter des Albums: ständig meint man auf einer neuen CD von Little Feat gelandet zu sein, dazu kommen Annäherungen an ZZ Top und an Lynyrd Skynyrd. „Wicked Woman“ und „Rosarita“ entwickeln genau jenen synkopierten Groove, für den Richie Hayward und Kenny Gradney berühmt waren; auf „Rosarita“ findet sich sogar noch eine Text-Anspielung auf die legendären „sailing shoes“ und das CD-Cover könnte glatt von Neon Park gestaltet sein.

Oft beschreibt Sam Morrow seine wenig erfreulichen Erfahrungen mit Beziehungen zum weiblichen Geschlecht, die ihm offensichtlich viele Nerven und viel Geld gekostet haben. Dafür aber den nötigen Country-Blues (man vergleiche den Albumtitel „Gettin‘ By On Gettin‘ Down“!) erzeugt haben, um zu einem hervorragenden Songwriter zu reifen. Sein Motto als Komponist und Live-Präsentator beschreibt er anschaulich in dem Song „Sit Crooked, Talk Straight“, wo er auch einige seine Vorbilder (The Band, Waylon Jennings und Tom Waits) Revue passieren lässt. Sam Morrow möchte aber kein Country-Outlaw sein, sondern eher als Classic-Rocker wahrgenommen werden. Mit dieser tollen No-Bullshit-Produktion sind seine Chancen deutlich gestiegen!

 

https://www.sammorrowmusic.com/


Huey Lewis & The News: Weather    ****

BMG Records (USA 2019)

Produced by Huey Lewis & Johnny Colla

7 Tracks - 26:05 Min.

 

Es ist immer bedauerlich, wenn man einen Artikel über einen Künstler mit einem Krankheits-Bulletin anfangen lassen muss. Bei Huey Lewis ist es aber leider unabdinbgbar: er leidet an der sogenannten Meniere-Krankheit (Schädigung des Innenohrs) und hat seit 2018 nur noch ein Gesamthörvermögen von etwa 15 Prozent. Das zwingt ihn seither zu dem Verzicht, als Sänger im Studio oder auf der Bühne zu arbeiten, weil der Hörverlust eine saubere Intonation praktisch unmöglich macht.

Eine neue Huey-Lewis-CD war praktisch seit 2011 in Arbeit, sieben Songs waren fertig produziert, dann schlug die Krankheit auf dem linken Ohr zu (das rechte war schon 2011 beschädigt worden). So hat sich Lewis mit seinen Bandkollegen (dabei sind noch die Original-News-Mitglieder Johnny Colla, Sean Hopper und Bill Gibson) entschlossen, wenigstens diese sieben Songs als EP-artige Statusmeldung zu veröffentlichen.

Und das ist gut so: denn damit bekommen Fans und Freunde noch einmal einen gute Laune machenden schlüssigen Überblick über die stilistische Bandbreite dieses sympathischen Musikers, der in den 80er Jahren mit Radio-Knallern wie „Power Of Love“, „Hip To Be Square“, „I Want A New Drug“ oder „The Heart Of Rock And Roll“ die Hitparaden stürmte. In gut 26 Minuten erprobt sich Lewis als nach wie stimmgewaltiger Shouter in den Genres des Mainstream-Rock, des Blue-Eyed-Soul, der Funky-Music, des Blues-Rock, der nostalgischen Surf-Doo-Woop-Music und sogar der Country Music. Denn „One Of The Boys“ war eigentlich als Komposition für Willie Nelson gedacht, wurde dann aber zu einer Art Rückblick auf das Lebenswerk von Huey Lewis & The News und zu einer Art aufmunternden Botschaft: „Though I ain’t getting any younger, I’m a long way from done“. Die bedenkliche symbolische Botschaft des Albumtitels ist aber eine andere: denn bei den TV-News kommen kurz vor Schluss die Sportnachrichten („Sports“), und ganz am Ende kommt das Wetter („Weather“). Für das Corona-Jahr 2020 und für seine eigene Befindlichkeit hat Huey Lewis schon vor Jahren die treffende Textzeile geschrieben: „Cool is a rule but sometimes bad is bad“.

 

https://hueylewisandthenews.com/


Gretchen Peters: The Night You Wrote That Song: The Songs Of Mickey Newbury   ****

Scarlet Letter Records / Proper Records (USA 2020)

Produced by Gretchen Peters & Barry Walsh

12 Tracks - 51:39 Min.

 

An dem Texaner Mickey Newbury (1940 - 2002) scheiden sich die Geister: die einen halten ihn für eine süßliche Schleimspur im nachmittäglichen Easy-Listening-Hausfrauen-Radio, die anderen sehen in ihm den Hohepriester des amerikanischen Country-Folk. Gretchen Peters zählt sich wohl eher zur zweiten Fraktion und hat sich in einer eigenen Produktion dem Songwriter Newbury ehrfürchtig genähert. Sie sieht in Newbury ein künstlerisches Profil, das ihrem eigenen nahesteht: beide sind Songwriter’s Songwriter, beide sind darauf bedacht, nicht in einer engen stilistischen Schublade abgelegt zu werden, beide prüfen mit Gitarre und Stimme die wirkliche atmosphärische und poetische Qualität eines Songs.

Gretchen Peters hat für „The Night You Wrote That Song“ schließlich zwölf Newbury-Songs ausgewählt, die meisten waren Hits für andere Musiker (z. B. Kenny Rogers, Andy Williams oder Eddy Arnold), einige sind aber Fundstücke und Randprodukte.

Die Basic-Tracks für diese Tribute-CD wurden zu dritt in demselben Studio aufgenommen, in dem Newbury am Ende der 60er Jahre seine Karriere startete: die Garage in dem Vorort Madison hieß Cinderella Sound und stand unter der Leitung von Wayne Moss (wer kennt noch Area Code 615 und Barefoot Jerry?). Zusammen mit Barry Walsh an diversen Tasten und Will Kimbrough an allerlei Gitarren hauchte Gretchen Peters mit ihrer markanten, nie gekünstelten Stimme den Songs neues Leben ein, wo nötig wurden dezente instrumentelle Ausschmückungen ergänzt: etwa durch Dan Dugmore an der Pedal Steel Guitar, Charlie McCoy an der Harmonika oder Eamon McLoughlin an der Geige. So lernt man einerseits den fast spirituellen Grundcharakter der Songs kennen, erfreut sich aber auch an der stilistischen Bandbreite von Soul, Gospel, traditionellem Country und bedächtigem Folkpop, einer Mischung, die dem Eklektiker Newbury in dem knallharten Nashville-Business immer mehr zum Problem wurde. Er wollte weder ein Country-Outlaw sein noch die abgewetzten Klischees der Nashville-Charts bedienen und wurde so im Laufe der Jahre zum Außenseiter, allerdings hoch verehrt von Kollegen wie Kris Kristofferson, Townes van Zandt oder Guy Clark.

Großes Kompliment also an Gretchen Peters, dass sie den Vorhang auf Mickey Newburys Songbook noch einmal geöffnet und einige zeitlose Edelsteine wieder zum Glänzen gebracht hat.

 

https://www.gretchenpeters.com/


Blackberry Smoke: Find A Light     ****

Legged Records / Earache Records (USA 2018)

Produced by Blackberry Smoke

13 Tracks -    53:47 Min.

 

Es gibt sie noch, die bewahrende Kraft in unserer schnelllebigen Welt. Zum Beispiel die Band Blackberry Smoke: gegründet im Jahr 2000 in Atlanta, Georgia, spielen sie seitdem in quasi unveränderter Formation, haben an ihrem Southern Rock Sound nur dezente Nuancen, an ihrem Langhaar-Outfit gar nichts verändert und legen mit „Find A Light“ ihr sechstes Studio-Album vor.

Dieses enthält wieder die bewährte Mischung aus stampfenden Rock-Krachern, halb-akustischen Country-Balladen und gitarrenlastigen Southern Rock-Hymnen. Kopf der Band ist seit der Gründung der Sänger, Komponist und Gitarrist Charlie Starr, der mit den Brüdern Richard und Brit Turner (b und dr) sowie Paul Jackson an der Gitarre und Brandon Still an den Keyboards einen Kreis kompetenter Kumpels um sich geschart hat.

Die dreizehn neuen Songs sind liebevoll im Klapp-Tray verpackt, das alle Lyrics, die interessanten Credits und stimmungsvolle Wasserfarben-Zeichnungen zur amerikanischen Tierwelt des bekannten Natur-Illustrators Obi Kaufmann enthält.

Entscheidend ist für Blackberry Smoke Fans aber die Musik, und die kann durch mit den Vorgängern Stand halten, reicht sogar fast an ihr bisheriges Highlight „The Whippoorwill“ (2012) heran. Die Blackberries starten mit dem gitarrenschweren Auftakt „Flesh And Bone“, im Refrain schaltet dann Charlie Starr die Vokal-Sirene ein: „What can I do, I‘m just flesh and bone“. Darauf folgt das absolut radiotaugliche und leicht hitverdächtige „Run Away From It All“ mit Anklängen an Tom Petty oder gar an die Rock-Seite der Eagles („The Long Run“). Bei „Medicate My Mind“ darf dann die akustische Gitarre einsteigen und die Stimmung wird gelassener: „Everything’s alright, as long as I can medicate my mind“. Drei etwas balladenhafte Country-Songs sind auch im Programm, besonders anschmeichelnd das Duett mit Amanda Shires („Let Me Down Easy“). So garantieren die Blackberries, dass sie sowohl in die Rock-Charts als auch in die Country-Charts einsteigen können und eine große Airplay-Bandbreite haben werden. Der finale Rausschmeißer wird einige überraschen, denn die Band demonstriert hier ihre Fähigkeiten bei den Vokal-Harmonien (with a little help von den Wood Brothers Oliver und Chris) und weckt Erinnerungen an Crosby, Stills, Nash & Young („Find The Cost Of Freedom“) oder an die Eagles („Walking In The Woods“). Vorher, erst am vorletzter Stelle, beglückt der Höhepunkt des Albums: eine unwiderstehliche Southern-Rock-Hymne, die wir gleichzeitig als Motto für die weitere Karriere der Band unterschreiben können: „Run until the wheels fall off“.

Kein Zweifel: mit dieser CD verteidigen Blackberry Smoke „erwachsen“ (wieder so eine schräge Fußballer-Floskel) ihren Spitzenplatz in der Southern-Americana-Rock-Liga!

 

https://www.blackberrysmoke.com/


Jono Manson: Silver Moon     ****

Independent (USA 2020)

Produced by Jono Manson

13 Tracks  -  48:16 Min.

 

Bei dem Nachnamen Manson denken viele zuerst an den berüchtigten Serienmörder Charles Manson, der am Ende der 1960er Jahre die sektenähnliche Manson-Familie an der amerikanischen Westküste gründete. Doch wir wollen von Erfreulichem reden, von dem Musiker Jono Manson, der bislang allerdings nicht auf dem Radar vieler europäischer Musikfreunde war. Dabei ist er schon weit über 40 Jahre im Geschäft und hat soeben seine zehnte CD mit dem Titel „Silver Moon“ veröffentlicht! Und die erweist sich spätestens nach dem zweiten Anhören als ein echtes Juwel, als ein wahrer Klassiker, der eigentlich viele Zuhörer verdient hätte. Und die naheliegende Frage lautet: warum ist dieser Kerl nicht berühmt geworden?

Jono Manson war in den 1980er Jahren eine gut vernetzter Musiker in New York City, der mit seiner Band The Worms (nicht: The Speyer!) vor allem in der Nightingale Bar auftrat und dabei die Karrieren anderer Bands wie Blues Traveler („Run Around“) oder Spin Doctors (jeder kennt ihre „Two Princes“?) beeinflusste. Schließlich zog er ab 1990 gen Westen und blieb in Santa Fe, New Mexiko hängen, wo er seitdem im eigenen Kitchen Sink Studio als Produzent und Künstler arbeitet. Dort haben schon T-Bone Burnett, Tom Russell oder John Fulbright aufgenommen.

Inzwischen nähert sich Manson seinem 60. Geburtstag, fühlt sich topfit, aber denkt öfter mal an die Unwägbarkeiten der Zukunft. Mit „Silver Moon“ hat er jedenfalls einen soliden Markstein gesetzt, der zeigt wie man mit scheinbar „einfachen“ Kompositionen beeindruckende Stimmungen erzeugen kann. Beim Auftakt „Home Again To You“ meint man, Bob Dylan habe sich spontan mit den Byrds (beziehungsweise mit den Travelling Wilburys!) getroffen, und bei dem Titelsong „Silver Moon“, der das langsame Verschwinden symbolisiert, darf der alte Kumpel Warren Haynes mit einem grandiosen Slide-Guitar-Solo den Rausschmeißer machen. Vielsagend ist sowieso die Liste der Freunde, die Jono Manson bei diesem Projekt unterstützt haben: Terry Allen, Joan Osborne, Eric Ambel, Eliza Gilkyson - um nur ein paar Namen zu nennen. Insgesamt steht Manson für einen eher soften Roots-Rock mit dem Retro Charme der Everly Brothers oder der Band Lovin Spoonful, für eine Prise Country a la Steve Earle oder John Prine, aber auch für schmeichelnden Soul-Pop in der Tradition von Van Morrison oder Dobie Gray. Bei Stücken wie „Loved Me Into Loving Again“, das auch einen kernigen Bläsersatz aufweist, entfaltet sich Jono Mansons leicht rauchige Stimme zur vollen Blüte. Ganz wichtig dafür, dass die Songs nie ins Seichte abrutschen sind die beiden festen Bandfreunde Jason Crosby an den Tasten und John Graboff an vielerlei Saiteninstrumenten. Unter den dreizehn Eigenkompositionen finden sich im Mittelteil drei grundehrliche Ich-Botschaften: „I Believe“, „I’m A Pig“ und „The Christian Thing“ (hier wartet man nur noch auf die Gast-Stimme von Willie Nelson!). Manson ist kein fundamentalistischer Missionar, aber er erinnert an Werte, die in den mehr und mehr gespaltenen „Vereinigten“ Staaten von Bedeutung sein sollten. Sein Glaubensbekenntnis ist eher humanistisch als christlich, wenn er von Freiheit, Glück und Wahrheit singt. Fazit: eine klare Empfehlung, sich den Namen Jono Manson ins Notizbuch zu schreiben!

 

http://www.jonomanson.com/


The Immediate Family: Slippin’ And Slidin’   ****

Quarto Valley Records (USA 2020)

Produced by The Immediate Family & Fred Mollin

5 Tracks - 22:31 Min.

 

Was haben Jackson Browne, James Taylor, Don Henley, Phil Collins, Keith Richards, Crosby, Stills, Nash & Young, Linda Ronstadt und Carole King gemeinsam? Auf den ersten Blick einfach: sie sind höchst erfolgreiche Musiker, Songwriter und Sänger. Aber noch etwas trifft zu: sie haben immer wieder mit einer Gruppe von herausragenden Studiomusikern aus Südkalifornien (auch bei Live-Konzerten) zusammengearbeitet, nämlich mit Danny Kortchmar (g), Waddy Wachtel (g), Leland Sklar (b) und Russ Kunkel (dr). Diese vier, deren Namen man unzählige Male bei den Credits lesen konnte, haben nun beschlossen, für ein eigenes Bandprojekt aus der zweiten Reihe vorzutreten und sozusagen eine Musicians-Supergroup zu gründen. Sie nennen sich durchaus treffend „The Immediate Family“, haben den ebenfalls nicht ganz unbekannten Steve Postell einbezogen, sind eine Zeitlang zwischen 2018 und 2019 in Japan getourt (dort gibt es auch zwei Erinnerungen in Form einer Danny-Kortchmar & The Immediate Family-CD mit dem Titel „Honey Don’t Leave L.A.“ und einer Live-CD mit der programmatischen Überschrift „Turn It Up To Ten“ auf dem Label Vivid Sound) und testen nun mit einer 5-Track-EP ihre Marktchancen nach Corona. Schon in den 1970er Jahren haben drei von ihnen unter dem unscheinbaren Namen „The Section“ das gemacht, was sie am besten können: Instrumentalmusik für Fans und Kenner.

Nun aber wollen sie richtige Songs präsentieren, eigene und solche von alten Freunden, denen sie schon bei der Original-Aufnahme geholfen haben. So findet man auf der Kurz-CD das melodramatische Epos „New York Minute“ von Don Henley (The Eagles) in einer groovigen Gitarren-Rock-Version und „Werewolves Of London“ von Warren Zevon (vielen Radiohörern durch „All Summer Long“, den Bastard-Mix von Kid Rock bekannt) als lässige Live-Darbietung. Sie erlauben sich sogar die feine Ironie, die Textzeile „I’d like to meet his tailor“ zu ändern - jetzt heißt es „we’ve all been fired by James Taylor“! Auch die eigenen Titel dieser abgebrühten Ü-70-Combo - etwa der flüssige Blues-Rock „Cruel Twist“, der irgendwie an eine andere Supergroup namens Blind Faith erinnert und tatsächlich ein Überbleibsel der Slo-Leak-Phase von Danny Kortchmar (zusammen mit Harvey Brooks und Charles Kamp) ist - machen Lust auf mehr, zum Beispiel auf eine vollständige CD, die im Frühjahr 2021 erscheinen soll.

 

https://www.facebook.com/TheImmedFamily


Joseph Parsons: At Mercy’s Edge   ****

Blue Rose Records (D 2020)

Produced by Joseph Parsons

10 Tracks - 40:29 Min.

 

Schon seit 22 Jahren ist Joseph Parsons ein Zugpferd im Künstler-Stall von Blue Rose Records und als Musiker auch in Deutschland live unterwegs - sei es solo, sei es zusammen mit Todd Thibaud, mit der Supergroup Hardpan oder zuletzt meist mit seiner exzellenten Joseph Parsons Band. Inzwischen hat sich der Amerikaner, der dort die meiste Zeit in Pennsylvania verbrachte, sogar in Deutschland niedergelassen und bewohnt mit Familie ein altes Haus (samt kleinem Tonstudio) in Parchim, südöstlich von Schwerin.

Warum er die USA - zumindest zeitweise - verlassen hat, erklärt sich schon aus dem ersten Song seines neuen Albums, der dynamischen, absolut radiotauglichen Power-Rock-Hymne „Greed On Fire“. Dort heißt es gleich zu Beginn „Set a course, get me out of here / This land has lost its way I fear“ und wenig später „Our soul was lost in Vietnam“. Insgesamt beschreibt der feinsinnige Parsons eine leicht dystopische Welt, in der es nicht leicht ist, die Nerven zu behalten: „I’m a lost soul in a burned-up world / Digging up diamonds that I sell for dirt”. Er sieht das Leben als Problemzone, die man nur durch ein bisschen Vergesslichkeit ertragen kann. Umso erstaunlicher, dass es ihm gelingt, so positiv klingende und empathisch ansprechende Songs zu schreiben, die allerdings mit klarer Rock-Kante arrangiert sind und immer wieder an Klassiker wie Tom Petty, Bruce Springsteen oder Mark Knopfler erinnern. Schuld daran ist nicht zuletzt sein hervorragender Gitarrist Ross Bellenoit, der markante und geschmackvolle Akzente setzt, besonders in dem leicht psychedelischen „Last One In“, das manchmal die Doors aufscheinen lässt, oder bei „Living With Top Down“, bei dem man Anklänge an den Sound von Chris Isaac erkennen kann. Nur ein Lovesong hat es hat die CD geschafft: die romantische (eigene) Familiengeschichte „One More“: „Each day we rise, another dream come true“ - ganz so tief ist die Welt also noch nicht gesunken! Bei Changes Everything“ und „Mule Train“ könnten John Hiatt oder Ry Cooder Pate gestanden haben, denn hier wird geradliniger amerikanischer Gitarren-Rock zelebriert. Das Album endet quasi mit einem Besuch im Irish Pub von Parchim und der wehmütigen Ballade eines heimkehrenden Seefahrers: „Mercy’s Edge“.

Alle zehn Songs hat der mittlerweile Ü-50er Parsons selbst komponiert und seine Stimme ist in den Jahren eher gewachsen und gereift. Es bleibt zu hoffen, dass er bald wieder die Möglichkeit hat, mit Band das Home Office zu verlassen und uns mit seinen ergreifenden Hymnen live zu beglücken!

 

https://www.josephparsons.com/


Eric Brace & Last Train Home: Daytime Highs And Overnight Lows *****

Red Beet Records (USA 2020)

Produced by Jared Bartlett & Eric Brace

14 Tracks - 56:42 Min.

 

Ein Wort voraus: wenn Eric Brace ein Projekt angeht, sei es als Sänger, Komponist, Solokünstler, Bandleader oder Plattenboss, dann darf man Qualität, Seriosität und ein durchwegs zufriedenstellendes Endprodukt erwarten. Das gilt für sein Solo-Album mit französischen Liedern, für seine Kooperationen mit Peter Cooper und Thomm Jutz und nun wieder für sein Leadership bei der Pop-Up-Band Last Train Home.

13 Jahre sind vergangen seit dem letzten Lebenszeichen dieser Band mit eigenständigen Songs, und der Titel („Last Good Kiss“) schien fast eine Ankündigung zu sein. Doch 2017 gab es ein Live-Wiedersehen in Arlington, Virginia und daraus erwuchs - zusammen mit dem Gitarristen Jared Bartlett - der Gedanke „Let’s Do It Again!“

In mehreren (Home-)Studios zwischen Nashville und Washington D.C. wurden von den elf Band-Kumpels die Tracks eingespielt, und das Endergebnis, das 2020 ans Tageslicht kam, ist schlicht begeisternd. Selten hört man eine solch abwechslungsreiche Musik aus den Elementen von Folk, Country und Americana, solch geschmackvolle Arrangements und ein derart stimmige Mischung aus Eigenkompositionen und abgelegenen, aber beeindruckenden Cover-Versionen.

Last Train Home ist sozusagen die amtliche Folk/Country-Bigband, in der neben den traditionellen Instrumenten auch eine messerscharfe, kleine, aber feine Horn Section (mit Kevin Cordt an der Trompete, Chris Watling am Saxophon) ihren Beitrag leistet.

Die 14 Songs befassen sich hauptsächlich mit drei Themen; der Album-Titel „Women, Water & Waggons“ wäre durchaus angemessen gewesen. Es geht also um die Gefährdungen der Liebe, um die Ausstrahlung von Flüssen und Meeren und um die nostalgische Erinnerung an Eisenbahnen. Den tatsächlichen Titel hat Eric Brace seinem Song-Text zu „Happy Is“ entnommen, wo von einer schmerzlichen Trennung die Rede ist und eben auch von „Daytime highs and overnight lows“. Zwei originelle Überraschungen enthält die famose Musik-Stunde: den bekannten Barry-White-Song „What Am I Gonna Do“, ein Soul-Klassiker, der aber schon länger im Repertoire der Band auftauchte, und die Retro-Komposition von Scott McKnight „Wake Up, We’re In Love“, eine witzige Hommage an den Sound des Sir Douglas Quintetts.

Meine persönlichen Favoriten sind das flotte und dennoch stimmungsvolle „Sleepy Eyes“ und die Hochwasser-Tragödie „Floodplains“ von dem leider viel zu wenig bekannten Steve Wedemeyer. Bei „Hudson River“ kann man lernen, dass es an diesem Fluss einen Peter-Cooper-Park gibt, der aber leider nicht nach Eric Brace‘s langjährigem Freund benannt ist. Wer eine Neigung zu alten Zug-Geschichten hat, ist mit „Old Railroads“ (von Thomm Jutz) und mit „B&O Man“ bestens bedient. Dringende Hör- und Kaufempfehlung verbunden mit der Hoffnung, dass Eric Brace mit Begleitern 2021 wieder mal den Weg nach Europa findet!

 

https://www.redbeetrecords.com/news/new-last-train-home-record-finally-here


Gunther Brown: Heartache & Roses     *****

GuntherBrown  (USA 2020)

Produced by Todd Hutchisen

11 Tracks - 39:41 Min.

 

Das kommt selten vor: eine völlig unbekannte CD mit einem völlig unbekannten Bandnamen liegt als Hörangebot des europäischen Publizisten im Briefkasten und nach mehrmaligem Blind Audio Date ist man der Musik verfallen! Es handelt sich bei dieser musical seduction um einen gewissen Gunther Brown; aber hinter diesem merkwürdigen Namen verbirgt sich eine sechsköpfige Truppe aus Portland/Maine, die es auf unglaublich relaxte Weise schafft, die alten ländlichen Folk-Traditionen der Band (= The Band!) und den melodiösen Country Rock der Ozark Mountain Daredevils zu einem zeitgemäßen Americana-Konzept zu vereinen, das in einer Liga mit Jeff Tweedy oder den Jayhawks angesiedelt ist.

„Heartache & Roses“ ist schon ihr drittes Album; während die beiden Vorgänger „Good Nights For Daydreams“ (2014) und „North Wind“ (Continental Song City CSCCD 1126 - USA 2016 - Produced by Jonathan Wyman - 10 Tracks - 39:14 Min.) noch eher in Richtung gitarrenlastigen Roots Rock gingen, bekommen jetzt auch die Mundharmonika, die Pedal Steel Guitar und das Banjo ihren Platz, wird das Tempo um einen Gang heruntergeschaltet und wunderschöne Balladen erwachsen aus einem stimmigen Arrangement. Genauso wichtig ist auch der personelle Umbruch. Bandleader Pete Dubuc hat nun mit Greg Klein und Joe Bloom zwei gleichwertige Sänger und Songwriter an seiner Seite - da könnte aus „Gunther Brown“ glatt „Bloom, Dubuc & Klein“ werden!

Die elf Songs atmen eine gewisse Traurigkeit, befassen sich mit den Ups und Downs des alltäglichen Lebens, bekommen aber durch die Kompositionen einen eindeutig optimistischen Charakter. Es geht um gute (ehrliche?) Vorsätze für das neue Jahr („five days from now, you’ll be looking at a new man“), um die Konsequenzen von klaren Trennungen („every word you taught me, I’ve unlearned“) und das Scheitern von Beziehungen („I planted a garden, but nothing ever growed“). Der Titel „Slow Me Down“ wartet mit eher flottem Tempo auf und erinnert an frühe Dire-Straits-Werke, der Titelsong „Heartache & Roses“ ist einer der vielen Geschichten über die Musiker on the road, vergleichbar mit Herb Pedersens „Wait A Minute“, und „Same Place Same Time“ berichtet dann doch von der Liebe auf den ersten Blick (vgl. die Einleitung des Review-Schreibers!).

„Heartache & Roses“ ist definitiv eine wärmende, aber nie klischeehafte Musik für die Zeiten der Corona-Quarantäne. Man würde sich aber sehr freuen, die ganzen Songs auch einmal live und in Europa erleben zu dürfen. Einstweilen eine dicke Anhör-Empfehlung für Gunther Brown!!

 

https://guntherbrown.com/


Drei Alben in 50 Jahren

Die irgendwie traurige Greg-Copeland-Saga

 

Die Geschichte beginnt mit drei Freunden an der Sunny Hills High School in Fullerton, California, die etwa ab 1964 den Traum von einer Karriere als Singer/Songwriter träumten und im nahe gelegenen Paradox Folk Club ihre ersten musikalischen Gehversuche machten. Wenn man die Namen verrät, weiß man, dass nur einer von ihnen dieses große Ziel erreicht hat: Jackson Browne. Die beiden anderen waren Steve Noonan und Greg Copeland, die trotz hoffnungsvoller Anfänge nie den großen Sprung schafften.

Fast tragisch ist das sehr übersichtliche Schaffen von Greg Copeland: er schaffte es in ca. 50 Jahren, nur gerade mal drei Langspielplatten/CDs zu veröffentlichen, Live-Auftritte kann man an einer Hand aufzählen, Tourneen zur Förderung der Karriere gab es nie - und das obwohl er bis heute in der damals so blühenden Orange County Szene bestens vernetzt ist.

Während Steve Noonan schon 1966 einen Plattenvertrag von Elektra bekam und zwei Jahre später seine erste LP veröffentlichte („Steve Noonan“) - mit der er allerdings überhaupt nicht zufrieden war! -, während Jackson Browne etwas vorsichtiger 1972 mit seinem bemerkenswerten Debüt „Jackson Browne“ und mit dem Hit „Doctor My Eyes“ den Durchbruch schaffte, ließ es Greg Copeland nach dem High-School-Abschluss ruhiger angehen: er studierte an der Universität Poetik, reiste viel in der Welt herum und begann erst 1980 wieder mit dem Songwriting. Er schickte Jackson Browne eine Kassette mit eigenen Liedern, die nur aus seiner Stimme bestanden. Browne vermittelte den Kontakt zu Geffen Records, die aber mit so einem Experiment nichts anfangen konnten.

Greg Copeland: Revenge Will Come      ****

Geffen Records (USA 1982)

Produced by Jackson Browne

10 Tracks - 39:44 Min.

 

Deshalb wurde „Revenge Will Come“ zu einem eher konventionellen südkalifornischen Singer/Songwriter-Album, auf dem sich country-poppige Love Songs wie „Starting Place“ mit politischen Statements („El Salvador“, „Revenge Will Come“) mischten. Manche Songs klingen stark nach Warren Zevon, manche eher nach dem gefälligen Soft-Rock von Browne (der im selben Jahr etwa mit „Somebody’s Baby“ wieder in die Hitparaden kam), manche erscheinen wie Anleihen beim engagierten Storytelling eines Woody Guthrie. Die Voraussetzungen waren also sehr erfolgsversprechend: ein berühmter Freund als Produzent (Jackson Browne), erstklassige Studiomusiker (Bob Glaub, Danny Kortchmar, Rick Vito) und eine sehr ambitionierte Plattenfirma. Doch trotz guter Kritiken (Time Magazine zählte „Revenge Will Come“ zu den zehn besten Alben des Jahres 1982) waren die Verkaufszahlen dürftig, war Greg Copeland frustriert und Geffen Records nicht mehr an dem Künstler interessiert (bezeichnenderweise ist bis heute kein Re-Issue als CD produziert worden und die Vinyl-LP hat mittlerweile hohen Sammlerwert!). Für Greg Copeland war damit dieses Kapitel beendet, er suchte nach anderen Möglichkeiten seine Familie zu ernähren und distanzierte sich für ca. 18 Jahre vom Musik-Business.

Erst bei der Jahrtausendwende 2000 macht es bei Greg Copeland wieder „click“ und er beginnt Songs zu schreiben. Es dauert allerdings weitere acht Jahre, bis eine CD mit 13 Titeln fertig ist - aber hier hat sich das Warten wirklich gelohnt!

Greg Copeland: Diana And James    *****

Inside Recordings (USA 2008)

Produced by Greg Leisz & Jackson Browne

13 Tracks - 49:52 Min.

 

With a little help from his friends Jackson Browne (Besitzer des Labels Inside Recordings sowie Executive Producer) und Greg Leisz (Multiinstrumentalist auf allen Arten von Saiteninstrumenten und Produzent) entsteht ein hervorragendes Album, ein Kleinod der südkalifornischen Songwriter-Szene, des leicht countryfizierten Folk-Rock. Alle Songs hat Greg Copeland geschrieben, doch nur zweimal taucht er mit akustischer Gitarre bei den Instrumentalisten-Credits auf. Seine Stimme hat ein rauchiges Profil, erinnert teilweise an Tom Waits oder Steve Earle, drängt sich aber nie zu sehr in den Vordergrund. Thematisch kreisen die Songs um das Thema „Beziehungen und ihre Probleme“, besonders anhörenswert dabei der Titelsong mit magischen E-Gitarren-Einwürfen, das mandolinenlastige „I Am The One“, das nachdenkliche „Between Two Worlds“ („King Cupid, your volunteers never go back / between two worlds there’s a broken door“), „Typical“, das Copeland als Zusammenfassung eines Lebens in vier Zeilen bezeichnet („Typical three-day day and a three-chord song / If it wasn’t for this, I’d be screaming in tongues / And the love light shines, sparkling on razor wire / Typical bud-wiser words, typical steel guitar“) und das atmosphärische Duett mit Carla Kihlstedt „Palace Of Love“.

Insgesamt ist es eine Schande, dass dieses Album so schnell wieder in Vergessenheit geriet, und für Greg Copeland wohl ein erneuter Hinweis, dass die Chemie zwischen ihm und dem Musik-Business nicht funktioniert.

 

Es dauerte sodann bis 2014, als wieder ein Lebenszeichen von Greg Copeland zu hören war - und das sogar live: zusammen mit Jackson Browne, Steve Noonan und Greg Leisz wurde ein Konzert im Fox Theater Fullerton organisiert, das zum einen die Restaurierung des Theaters und die OP-Kosten von Steve Noonan unterstützen sollte. Danach the same procedure as usual: Funkstille!

Wiederum vergehen einige Jahre, nach denen sich Greg Copeland motivieren lässt, in ein Studio zu gehen und neue Songs aufzunehmen.

Greg Copeland: The Tango Bar      ***

Paraply Records (USA 2020)

Produced by Tyler Chester

9 Tracks - 41:06 Min.

 

Diesmal ist Tyler Chester die treibende Kraft im Hintergrund: als Produzent, als Arrangeur und als Multinstrumentalist (g, piano, b, keyb, perc) hat er neun neue Songs von Greg Copeland fertiggestellt, die nun in den USA bei Franklin & Highland Recordings und in Europa - dank Peter Holmstedt - bei Paraply Records veröffentlicht worden sind. Die geradezu manische Zurückhaltlung von Greg Copeland äußert sich jedoch in der Tatsache, dass er nur fünfmal selber singt und viermal zwei vielversprechenden Damen den Vortritt lässt. Das ist gleich am Anfang Inara George, die Tochter der Little-Feat-Legende Lowell George, später dreimal die aufstrebende Independent-Folk-Country-Künstlerin Caitlin Canty, die zuletzt in Nashville ein vielversprechendes neues Album („Motel Bouquet“) präsentiert hat.

Greg Copeland nähert sich mit seinem rauchigen Bariton immer mehr der Stimme eines Randy Newman, seine Songs haben aber nicht dessen zynische Schlagseite sondern sind sehr poetische, manchmal verrätselte Beobachtungen des eigenen Lebens (mit 74 Jahren). Der Titelsong, mit dem die CD schließt, verwendet die Tango Bar als Metapher für eines gewisse Schwerelosigkeit und Zeitlosigkeit und sendet die Ich-Botschaft „Something in my heart has changed“. Dazu passt auch das Retro-Coverfoto, das Greg Copeland - zusammen mit Ex-Ehefrau Pamela Polland - vor 52 Jahren beim Sommerurlaub auf einer griechischen Insel zeigt. Copeland memoriert auch das New Yorker Künstler-Phänomen Lou Reed: „snipers voice, 3-D-Guitar, full blown superstar“ - praktisch das Antibild zum schüchternen Herrn Copeland. Mitgewirkt im Studio hat auch wieder Greg Leisz, teilweise mit markanter E-Gitarre, teilweise mit epischer Breitwand-Kino-Pedal-Steel. Die größte Überraschung folgt aber bei den Informationen der Plattenfirma: schon 2021 wird Teil 2 dieser Studio-Produktion (bislang noch ohne Titel) folgen. Zwei CDs in zwei Jahren, was soll das noch werden? Und dann noch dieses Zitat aus einem aktuellen Copeland-Interview: „Wenn ich eine Band zusammenstellen könnte, für die ich selbst an einem Freitagabend meine Couch verlassen würde, um sie anzusehen, dann gehe ich auf Tour!“ Wird Gregs Ankündigung Wirklichkeit?

 

https://gregcopeland1.bandcamp.com/releases

https://insiderecordings.com/gregcopeland/

https://www.hemifran.com/artist/Greg%20Copeland/


Terry Klein: tex     ****

Independent (USA 2019)

Produced by Walt Wilkins

10 Tracks - 42:46 Min.

 

Erst im gesetzten Alter von 40 Jahren hat Terry Klein begonnen, sich von seinem Brotberuf als Rechtsanwalt zu verabschieden und eine Karriere als Singer/Songwriter anzustreben. Folgerichtig siedelte er sich in der Musik-Hochburg Austin/Texas an, nahm Nachhilfestunden bei Mary Gauthier, fand in Walt Wilkins einen Produzenten mit feinem Blick für Musiker mit Perspektiven und in Ron Flynt einen bestens vernetzten Studio-Inhaber. 2017 erschien dann sein Debütalbum „Great Northern“, das mit „Better Luck Next Time“ einen treffsicheren Verweis auf seine großen Vorbilder Bruce Springsteen, John Prine oder Steve Earle enthielt. Nun folgt ein weiterer Schritt ins Rampenlicht: „tex“ ist ein stimmiges Kompendium von zehn anregenden Songs, die keineswegs nur im großen Staat Texas angesiedelt sind. Terry Klein führt uns zunächst in das Urlaubsparadies Cape Cod an der Ostküste, wo Touristenströme über die „Sagamore Bridge“ die Insel überfallen, danach zur Beerdigung seiner Mutter nach Oklahoma und am Schluss sogar zu den Erinnerungen eines Spions an ein total verregnetes Norwegen („Steady Rain“). Der einzige Tex-Mex-Klassiker ist das wohl unvermeidliche „When The Ocotillo Bloom“, ansonsten ist Terry Klein ein viel zu differenzierter Welt-Beobachter, um in gängige Klischees zu verfallen. Der wohlklingende Gesang pendelt zwischen sonorem Sprech-Blues und emotional gefärbten Selbstbeobachtungen. Musikalisch bewegt sich Terry Klein in sicherem Revier: dezent angerockter Texas Folk/Blues mit kompletter Bandbesetzung, ganz in der Tradition von Rodney Crowell oder James McMurtry. Bleibt zu hoffen, dass eine Textzeile aus dem Song „Anika“ nicht programmatisch für die weitere Karriere von Terry Klein ist: „Some things just stay broke / And that’s the way it goes“!

 

https://www.terrykleinmusic.com/


James Taylor: American Standard ****

Fantasy (USA 2020)

Produced by Dave O`Donnell, John Pizzarelli & James Taylor

14 Tracks - 45:06 Min.

 

Zu den Ausprägungen einer Altersweisheit gehört auch das Phänomen, dass man Musik, die man als junger Erwachsener kategorisch ignoriert oder abgelehnt hatte, plötzlich „neu entdeckt“ und wertschätzt. Aktuelles Beispiel: James Taylor ist ab 1968 mit den Beatles (auf deren Apple Records seine erste LP erschien) und mit den Kreativ-Kollegen aus dem südkalifornischen Laurel Canyon (Carole King, Joni Mitchell, Crosby, Stills, Nash & Young, Jackson Browne) musikalisch aufgewachsen und wurde als „Sweet Baby James“ zu einem der erfolgreichsten Singer/Songwriter der 1970er und 80er Jahre.

Im gereiften Alter von 72 Jahren - fünf Jahre nach seinem letzten und eher erfolglosen Album mit eigenen Kompositionen - erinnert er sich nun an die Songs, die er noch zuhause in Boston bei seinen Eltern hörte: Lieder aus Broadway Musicals (z. B. „Showboat“ oder Oklahoma“) und Jazz Standards überwiegend aus den Jahren 1920 - 1940, komponiert von bekannten Namen wie Frederick Loewe, Richard Rodgers, Oscar Hammerstein oder gar Henry Mancini. Diese Periode empfindet Taylor als Gipfel der amerikanischen Popmusik und es macht ihm offensichtlich eine diebische Freude, die 14 ausgewählten Titel zusammen mit seinem Kumpel John Pizzarelli in ein Arrangement für zwei akustische Gitarren umzuwidmen und sich durch die ganz schön vertrackten Harmoniefolgen zu bewegen. Seine alten Bandkollegen bittet er nur ganz dezent um kleine Beiträge: Highlights sind die Violine von Stuart Duncan, die Trompete von Walt Fowler und die Vocals seiner Ehefrau Caroline. Unverwechselbar und erstaunlich frisch noch die Stimme von James Taylor, wenn er „My Blue Heaven“, „The Nearness Of You“ oder „Ol‘ Man River“ anstimmt. Der Zuhörer fühlt sich in eine verrauchte New Yorker Bar versetzt und wartet nur darauf, dass kurz mal Woody Allen mit seiner Klarinette vorbeischaut. Im Pop-Himmel hört sich Frank Sinatra das Ganze an, denkt an seine eigene Version von „My Heart Stood Still“ und drückt gut gelaunt den Like-Button. „American Standard“ war und ist übrigens auch der Name einer amerikanischen Firma für Spülbecken und Wasserhähne - alles glänzt, alles fließt!

 

https://www.jamestaylor.com/


Charlie Roth: I’m The Smile      ****

Independent (USA 2019)

Produced by Charlie Roth & John Inmon

12 Tracks - 44:42 Min.

 

Am Anfang seiner Karriere verdiente Charlie Roth das Geld mit Musik und mit dem Job als Lastwagenfahrer für einen Bier-Großhandel. Das heißt, er konnte auf den kleinen Live-Bühnen das Publikum zum Trinken animieren und machte so ein doppeltes Geschäft! Mittlerweile hat er zum Alkohol ein differenziertes Verhältnis und sagt „Wer konnte glauben, dass Nüchternheit eine so coole Sache ist!“ Auf seinem aktuellen Album „I’m The Smile“ - nach korrekter Zählung das achte - setzt er sich in dem Song „Serenity“ mit dem Thema auseinander und erzählt von einem Familienvater, den der Alkohol ins Abseits brachte.

Das heißt: Charlie Roth ist ein Mann, der Geschichten des Lebens erzählen kann, der weiß, wovon er redet. Für die Produktion der CD ist er extra von Minnesota nach Texas gereist und hat sich John Inmon in das The Zone Studio geholt, der fast alle Gitarren-Bestandteile eingespielt hat und Mitproduzent war. Die solide Rhythmusgruppe bilden Pat Manske (dr) und Mike Morgan (b), beides erfahrene Akteure der Austin-Szene. Punktuelle Gast-Beiträge kommen von Bill Kirchen (g) – einstmals ein Lost Planet Airman unter dem Kommando von Commander Cody - und Lloyd Maines (dobro). So entstand ein runder und angenehm zu hörender 12-Teiler, der zwischen Country, Blues und Folk pendelt und manchmal an die einschlägigen Namen aus Nashville erinnert: Fred Knobloch, Thomm Shuyler oder gar der große John Prine! Neben den Eigenkompositionen bedient sich Charlie Roth auch einiger texanischer Songwriter wie Ray Bonneville, Chuck Hawthorne oder Jonathan Byrd. Über all dem schwebt das ansteckende Lebensmotto des sympathischen Musikers: Good Time Charlie’s Got The Smile!

Im April 2020 wollte Charlie Roth übrigens eine kleine Deutschland-Torunee starten. Hoffen wir auf bessere Zeiten!

 

https://charlierothmusic.com/


Bianca De Leon: Dangerous Endeavor     ***

Lonesome Highway Music LH 1001 (USA 2018)

Produced by John Inmon & Bianca De Leon

11 Tracks - 35:19 Min.

 

 Wer ohne Vorkenntnisse beginnt, sich Bianca De Leons aktuelles Album (mittlerweise im Werkverzeichnis die Nummer Fünf) anzuhören, fühlt sich beim ersten Stück fast in die Frühzeit der Dire Straits versetzt. So Knopfler-artig betätigt sich Mitproduzent und Multiinstrumentalist John Inmon bei „Thorns Of A Different Rose“, einer Komposition des Colorado-Cowboys Will Dudley. Dann aber setzt sich doch die country-folkige Tex-Mex-Musik durch, die Bianca De Leon den Beinamen „Border Queen“ eingebracht hat. Die acht Eigenkompositionen vermitteln ein authentisches South-Of-Austin-Feeling, das mit dem Titelsong seinen Höhepunkt findet: „It’s been a few years / Since I crossed the border / With a hell-hound on my trail“. Als langjährige Freundin von Townes Van Zandt darf auch einer seiner Klassiker nicht fehlen: „White Freightliner“ bekommt hier eine mollige Umdeutung. Als traditioneller Train-Song ist Hank Williams‘ „I ‚Heard That Lonesome Whistle“ enthalten. Und bei dem perlenden Piano (David Webb) von „Sad Corners Of Her Eyes“ denkt man unwillkürlich an Bob Segers „Against The Wind“. Insgesamt also gut gemachter Texas-Country-Rock über Liebesleid, Weltschmerz und alte Cadillacs mit einer ehrlichen, unprätentiösen Stimme und viel Herzblut.

 

https://biancamusic.com/


Bruce Springsteen: Western Stars     ***

Columbia (USA 2019)

Produced by Ron Aniello & Bruce Springsteen

13 Tracks - 50:52 Min.

 

Eines dürfte nach diesem etwas rätselhaften Album von Bruce Springsteen klar geworden sein: das unverwüstliche Narrativ vom „Ich-habe-die-Zukunft-des-Rock-&-Roll-gesehen“ ist endgültig erledigt. Richtig ist vielmehr: Bruce Springsteen gehört zur Ü-70-Fraktion und trägt die Against-The-Wind-Attitüde nur noch wie eine Potemkinsche Fassade vor sich her. Was er dennoch unheimlich gut kann: die all-american Klischees musikalisch attraktiv aufbereiten, obwohl ihm das keiner mehr so richtig abnimmt. Es ist einfach ein bisschen problematisch vom „Hitchhiking all day long“ zu singen, wenn man viel lieber die Enkelkinder mit dem dicken SUV von der Kita abholt. Und auch die Legende vom wilden Pferd ist eben eine Legende, wenn man sich lieber im Liegestuhl auf der Veranda räkelt und über sich die „Western Stars“ anschaut.

Musikalisch hat Bruce Springsteen die E-Street-Band (zumindest zeitweise) verlassen und mit seinem Kumpel Ron Aniello ein sehr solistisches Studio-Album kreiert, das praktisch den Weg von Nebraska an die Westcoast weist und eine bewusste Glenn-Campbellisierung oder Neil-Diamondisierung der Songs aufzeigt. Dazu wurden verzerrte Gitarren aus dem Arrangement verbannt, stattdessen hat Aniello die Lizenz zum genüsslichen Schichten von synthetischen Streicherteppichen und Greg Leisz darf die klagende Pedal Steel Gitarre einwerfen. Im Kopfkino des Hörers läuft da manchmal ein alter Winnetou-Film mit. Kompositions-Veteranen wie Leiber & Stoller oder Jimmy Webb werden zitiert und der Song „Hello Sunshine“ klingt wie ein Hybrid aus Danny O’Keefes „Good Time Charlie’s Got The Blues“ und Garland Jeffreys „Matador“.

Ein richtig schlechtes Album kann der ehemalige Boss eigentlich gar nicht machen, aber in einer Zeit mit bedenklichen politischen Entwicklungen ist das natürlich eine gewagte Form von Eskapismus, eine resignative Haltung wie die des Kafkaschen Galeriebesuchers, der das Gesicht auf die Brüstung legt und, im Schlussmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint, ohne es zu wissen.

 

https://brucespringsteen.net/


Haley Johnsen: London Sessions - Live From Abbey Road   ****

Haley Johnsen Music (USA 2020)

Produced by Warren Wyatt

8 Tracks - 30:22 Min.

 

Das ist der Lackmus-Test für ambitionierte MusikerInnen: man nimmt sich zwei Gitarren (akustisch und elektrisch), eventuell noch eine Stomp Box und ein Fußtamburin, mietet sich für einen Tag (27. Februar 2019) fünf Stunden lang ein legendäres Studio (Abbey Road Studio One in London), sagt zu dem Toningenieur (Lewis Jones) „Just roll Tape“ und legt los. Die Singer/Songwriterin und Gitarristin Haley Johnsen aus Portland, Oregon, die schon vor einigen Jahren in der US-Talentshow „American Idol“ reüssierte (sie kam unter die Top 24), hat diese Herausforderung während ihrer vorletzten Europa-Tournee angenommen, und das Ergebnis ist beeindruckend. Acht Songs sind herausgekommen, die auf CD ein authentisches Live-Feeling reproduzieren. Drei davon waren schon auf Haleys Debüt-CD „Golden Days“ in voller Bandbesetzung zu hören, besonders „Weekend“ hat Hit-Potenzial für alle, die einen Mix aus Americana, Pop, Rock, Soul und Blues mögen. Haleys Stimme hat das gewisse Etwas, das dafür sorgt, dass man die CD nicht gelangweilt zur Seite legt: im Angang ein Hauch von Sheryl Crowe, im Abgang eine leichte Rauchnote von Allanah Myles. Die Songs pendeln zwischen balladesker Dramatik und poppigen Hooklines, zwischen gitarrenbetontem Blues-Rock und flockigem Folk-Rock. Die selbst produzierte CD ist die perfekte Eintrittskarte bei Veranstaltern weltweit, denn man merkt, dass Haley Johnson allein im intimen Club genauso bestehen kann wie mit Band auf großen Bühnen. Nachdem 2020 als Jahr der Live Music wohl ausfällt, ist diese Konzentrationsübung ein willkommener Ersatz. Hoffen wir auf ein lebendiges Wiederhören im nächsten Jahr.

 

http://www.haleyjohnsenmusic.com/


Carla Olson & Todd Wolfe: The Hidden Hills Sessions     ****

Red Parlor RDP 1903 (USA 2019)

Produced by Carla Olson

11 Tracks - 52:38 Min.

 

Im November/Dezember 2019 waren Carla Olson und Todd Wolfe auf Tournee in Europa (Bericht vom Konzert in der Fürther Kofferfabrik unter Hör.Test.Live), als bleibende Erinnerung haben sie dabei ihre aktuelle CD „The Hidden Hills Session“ zurückgelassen. Das Coverfoto mit Mandoline und Rhinestone Cowboy Outfit, aufgenommen in einer südkalifornischen Kakteenlandschaft weckt Assoziationen an die Zeit, als Bands wie The Byrds oder die Flying Burrito Brothers die Verschmelzung von langhaariger Hippie-Kultur und Country Music erprobten, wovon selbst Classic Rock Bands wie die Rolling Stones angesteckt wurden. Dort haben auch Olson und Wolfe ihre Wurzeln, die sie aber bei den elf Songs nur sehr dezent andeuten.

Im Grunde ist das Album ein Unplugged-Lagerfeuer-Projekt: zwei Gitarren, zwei Stimmen, atmosphärischer Folk- und Blues-Rock. Ganz vorsichtig mischen sich auch der Perkussionist Victor Bisetti und der Bassist Tad Wadhams ins musikalische Geschehen, nur bei einem Song („If You Want Me“) greift Todd Wolfe zur elektrischen Gitarre. Folgerichtig bietet die CD ein vielfaches Lehrstück zum Thema „Solo auf der akustischen Gitarre“. Die Stimmen der beiden harmonieren exzellent, jeder hat gerade im Harmoniegesang seinen unverwechselbaren Charakter. Zu den sieben Eigenkompositionen - teilweise noch aus dem Repertoire der Todd Wolfe Band - kommen vier passend ausgewählte Cover-Versionen: Carla Olson erinnert an ihre Kollaborationen mit Gene Clark („In A Misty Morning“) und den Rolling Stones („Blue“, „Wild Horses“), dazu ist Stevie Winwoods „Can’t Find My Way Home“ ein unkaputtbarer Klassiker, den man auch dem Duo Stephen Stills & Judy Collins anempfehlen könnte. Als Kommentar zur politischen Lage in den USA und als trotzige Kritik an dem Regierungsstil des amtierenden Präsidenten ist „Sideshow“ ins Programm aufgenommen worden. Auch nach über 40 Jahren im Rock-Business zählen Carla Olson und Todd Wolfe definitiv noch nicht zum alten Eisen.

 

https://www.carlaolson.com/home.html

http://toddwolfe.com/


Emma Hill: Magnesium Dreams       ****

Kuskokwim Records (USA 2019)

Produced by Emma Hill, Bryan Daste & Zach Hill

8 Tracks - 28:28 Min.

 

Wenn man in Sleetmute, einer kleines Ortschaft in Alaska aufwächst, ist man fern von der Geschäftigkeit der großen Metropolen, bekommt aber vielleicht einen geschärften Blick für die wirklich wesentlichen Dinge im Leben. Bei der Singer/Songwriterin Emma Hill waren das immer wiederkehrende Angstträume, Anflüge von Depressionen und andere Formen von innerer Unordnung. Mit ihrer Musik bekämpft sie seit etwa 15 Jahren diese verstörenden Befindlichkeiten und verkündet auf ihrem neuesten Album „Magnesium Dream“ die frohe Ich-Botschaft „The sun is on the rise and I am right behind!“ Ihre empathisch gesungene Empfehlung lautet: bekämpfe die Geister der Vergangenheit, lass die Ängste hinter dir! Dies tut sie auf ihrer aktuellen Indie-Folk-Pop-CD mit einer eindringlichen Stimme, bei der die Eigenschaft „sirenenhaft“ positiv zu verstehen ist: sie kommt nicht als schrille Feuerwehr daher, sondern als betörendes Geräusch, das auch einen verirrten Odysseus in seinen Bann zieht. An ihrer Seite hat sie seit 2007 mit Bryan Daste aus Portland, Oregon einen versierten Multiinstrumentalisten, der vor allem die Pedal Steel Gitarre modern zum Klingen bringt, mit dem Banjo rhythmische Akzente setzt und ein perfekter Harmoniesänger ist. Als Duo erinnern die beiden an eine Kombination von Neil Young und David Lindley oder Gillian Welch und David Rawlings. Irgendjemand hat sich dafür die nichtssagende Schublade „Alaskana“ erdacht.

 

http://www.emmahillmusic.com


Ein Strauß von blauen Rosen

 

Die Firma Blue Rose Records aus Heilbronn versorgt den deutschen Markt immer wieder mit interessanten Neuerscheinungen der weitreichenden Americana-Szene. So ist das Angebot des Jahres 2019 ein willkommener Anlass für ein kleines Ranking.

 

https://bluerose-records.com/

 

Todd Thibaud: Hill West      *****

Blue Rose DP 0735

Produced by Ed Valauskas

11 Tracks - 40:04 Min.

 

Der aus Vermont stammende Thibaud präsentiert sich hier als absolut versierter Singer/Songwriter, der seine Lektion bei James Taylor oder Jackson Browne gelernt hat und es eigentlich verdient hätte, in deren Fußstapfen zu treten. In den verschneiten Bergen von Vermont und in der Großstadt Boston entstand das neue Album, das ein Stück akustischer ausgerichtet ist als sein Vorgänger Waterfall (2013). Mein persönlicher Favorit ist „Edge Of Breaking“, das man gerne noch ein bisschen länger hätte ausspielen können. Aber Todd Thibauds Konzept ist die Konzentration auf das Wesentliche: auf den Song, die Stimme und das funktionelle Arrangement. Wünschen wir ihm, dass er mit dieser perfekten CD den Status des Geheimtipps verlassen kann!

 

https://toddthibaud.com/


Dan Navarro: Shed My Skin     *****

Blue Rose DP 0729

Produced by Steve Postell

12 Tracks - 60:07 Min.

 

Im Jahr 2008 erschien das letzte Album des renommierten kalifornischen Folk-Rock-Duos Lowen & Navarro, es trug den bezeichnenden Titel „Learning To Fall“. Und die beiden fielen tatsächlich in ein tiefes Loch: Eric Lowen, weil er mit seiner tragischen ALS-Diagnose nicht mehr Musik machen konnte (der letzte Live-Auftritt war Anfang Juni 2009 im Rollstuhl), Dan Navarro, weil er dann 2012 seinen langjährigen Partner endgültig verlor. Doch Navarro blieb als Solo-Musiker weiterhin aktiv und hat nun endlich wieder einmal eine CD mit neuen Songs aufgenommen. Die zwölf Titel enthalten acht Eigenkompositionen und vier sehr originell ausgewählte Cover-Versionen. Navarro hat auch nicht an kompetenten Mitstreitern gespart: die Produktion übernahm Steve Postell, der sowohl solo als auch mit der Band Little Blue im ähnlichen Genre unterwegs war; im Studio gaben sich - unter anderem - Danny Kortchmar, Leland Sklar und Wendy Waldman ein Stelldichein. Herausgekommen ist dabei melodiöser und entspannter US-Folk-Rock im gewagten XXL-Format (die meisten Songs sind über fünf Minuten lang, aber keinen Moment langweilig). Dan Navarro präsentiert sich einfühlsamer Sänger mit charaktervoller, leicht rauchiger Bariton-Stimme und interessanten Harmony-Vocals-Gästen - z. B. Janiva Magness bei dem Latin-angehauchten „You Drove Me Crazy“. Bei den Covers ist besonders interessant zu hören, was man aus Billy Idols „Sweet Sixteen“ und aus Jimmy Webbs „Wichita Lineman“ (besonders bekannt durch Glen Campbell) alles machen kann.

Unbedingte Kaufempfehlung für dieses Meisterwerk - und ein Hinweis für alle Europäer, die Dan Navarro einmal live erleben wollen: im Mai 2022 wird er zusammen mit Gretchen Peters und Beth Nielsen Chapman musikalischer Stargast auf einer Donau-Flusskreuzfahrt von Budapest nach Nürnberg sein! (siehe Link)!

 

https://fanclubcruises.com/event/navarro-peters-nielsen-danube-river-cruise

http://w.dannavarro.com/dannavarro/home.html


Rich Hopkins & The Luminarios: Back To The Garden    ****

Blue Rose DP 0731 (D 2019)

Produced by Rich Hopkins & Lisa Novak

11 Tracks - 55:30 Min.

 

Wenn man Tom Petty, Neil Young, Musiker von The Byrds und The Band (leider können einige von denen aus „gesundheitlichen“ Gründen nicht mehr!) zusammen mit ein paar Southern Rock Gitarristen in ein Studio in Tucson, Arizona sperren würde und nach ca. einem Monat weißer Rauch (warum wohl?) aufsteigen würde, käme wohl in etwa die Musik heraus, die Rich Hopkins auf seinem neuen Album mit Gattin Lisa Novak und seinen Kumpels, den Luminarios präsentiert: gitarrenlastiger Desert-Rock mit epischen Hymnen und knackigen Melodien, garniert mit etwas folkigen Zutaten und einer Portion Psychedelia. Die CD beginnt regional und genretypisch mit den Geräuschen einer Klapperschlange („Acoma Mary“), sie endet - perfekt zum 50er-Jubiläum passend - mit einem Zitat aus Joni Mitchells Woodstock-Assoziationen („Back To The Garden“) und den Retro-Hippie-Textzeilen „All that’s grown here are seeds of love … all that matters is who you love“. Dazwischen wird melodiös gerockt, dass es dem Americana-Liebhaber den roten Staub in die Augen treibt und sein Kopfschütteln ein definitives Zeichen von Zustimmung ist. Mit so viel optimistischer Power („There is always a way to work it out“) kann man getrost ins nächste Jahrzehnt einbiegen!

 

http://www.richhopkins-germanfanclub.de/


The Schramms: Omnidirectional    ***

Blue Rose BLU CD 0724

Produced by JD Foster

12 Tracks - 49:00 Min.

 

Offen nach allen Richtungen: Das ist die Parole, die Mastermind Dave Schramm für seine neue CD ausgibt. Manche nennen das Beliebigkeit, nicht so bei seiner Band The Schramms und deren siebtem Album „Omnidirectional“; denn die zwölf Songs erweisen sich als zwar sperrige, aber durchaus substantielle Musikangebote, die natürlich eher in einen konzentrierten Konzertsaal als zu einem Dudelfunk im Autoradio passen. Schramm ist immer mehr ein master of deconstruction, er misstraut den eingefahrenen Songstrukturen und den glatten Harmonien, er liebt es mehr ein bisschen schräg und hintergründig. Aus der Dreieinigkeit von Gitarre, Klimperpiano und Bassklarinette entwickeln sich in zusammenarbeit mit seiner Rhythmusgruppe Ron Metz (dr) und Al Greller (b) die Lieder im mittleren Tempo, die immer wieder assoziative Verweise auf die Decembrists, auf Lambchop, auf David Crosby oder Tom Waits enthalten. Ja sogar der „Revolver“ der Beatles liegt bereit, doch es kommt nie zum großen Knall, weil Dave Schramm - als überzeugter Pazifist - das auch gar nicht will. Genauso wenig kann er sich für das musikalische Schubladendenken erwärmen und verweigert sich konsequent den Zuordnungen zu Neo-Folk, Americana oder Indie-Rock. „Omnidirectional“ ist also nichts für den kulinarischen Hörgenuss oder für die schnelle Nummer nebenbei, eher ein Soundkatalog für Menschen, die auch Kurt Weill oder Brian Wilson in seiner No-Surf-Art-Phase gut finden. Honestly!

 

http://www.theschramms.com/


Renée Wahl and the Sworn Secrets: Cut To The Bone      ****

Double R Records DRR 004 (USA 2019)

Produced by Stuart Mathis

9 Tracks - 34:25 Min.

 

Der deutsche Merksatz „Wer die Wahl hat, hat die Qual“ (mit latenter antidemokratischer Konnotation!) ist in diesem Zusammenhang nicht zutreffend. Denn die Rede ist von der US-amerikanischen Singer / Songwriterin Renée Wahl, die mit ihrem zweiten Album „Cut To The Bone“ keinerlei Qual, dafür aber bemerkenswerte Qualität liefert. Die neun selbst komponierten Songs bieten rauen AltCountry-Rock mit vielen grauen Untertönen und großer thematischer Vielfalt.

Zusammen mit dem Gitarristen und Produzenten Stuart Mathis hat sie die Musik in Brentwood, Tennessee aufgenommen und in East Nashville abgemischt. Die gelernte Physikerin, die auch zwölf Jahre für Air Force arbeitete, nun aber hauptamtlich Musik macht, kann sich auf drei Dinge verlassen: auf ihre Songs, auf ihre markante Stimme und auf die kantigen Arrangements von Stuart Mathis, der das Hörerlebnis mit subtiler Gitarre veredelt. Der Titelsong setzt perfekt die Stimmung (unter anderem mit der weiblich selbstbewussten und politisch sehr aktuellen Textzeile „I’m not falling for your deal even though it would be so easy“), darauf folgt mit „Cold Day In Memphis“ eine Nummer, die perfekt in Rosanne Cashs Reise-Album „The River And The Thread“ gepasst hätte. „Temptation“ bietet Musik mit tiefgründiger Twang-Gitarre und subtiler sexueller Spannung - genau die richtigen Ingredienzien für einen Tarantino-Film (und vielleicht für einen Backing vocals Auftritt von Chris Isaac?). Offen und mit erfrischender Selbstironie erzählt Renee Wahl in „Meds“ von ihrem Tablettenschrank und von gelegentlichen Anflügen einer Depression. Bei „Six Days Til Sunday“ wird dann auch mal die Kreissäge ausgepackt, doch über allem triumphiert die Power-Stimme der Sängerin - sicherlich auch live ein Höhepunkt!

Wer also testen möchte, wie ein weiblicher Kevin Gordon klingen könnte oder wie eine Brandi Carlisle in Schwarz sich anhören würde, der sollte Renée Wahl in die engere Wahl nehmen - und damit genug der Wortspielereien!

 

https://reneewahl.com/


Vince Gill: Okie      ****

MCA Nashville (USA 2019)

Produced by Vince Gill & Justin Niebank

12 Tracks - 49:51 Min.

 

Dass die Country Music letztlich eine Bastion konservativer Werte ist, steht außer Frage. Selbst Tendenzen wie Outlaw Country oder Alt-Country konnten/können diesen Befund nicht widerlegen. Auch Vince Gill, der Neu-Eagle, folgt der Tradition und befasst sich auf seinem neuen Album „Okie“ nicht mit dem derzeitigen amerikanischen Präsidenten, nicht mit Honky-Tonk-Exzessen und auch nicht mit Sex, Drugs & Rock’n‘Roll. Gleichzeitig entgeht er aber weitgehend der Gefahr ein reaktionäres Weltbild zu zeichnen und sich in wenig glaubwürdigen Klischees zu erschöpfen. Dazu ist er als Musiker, Songwriter und Sänger eine Klasse für sich, ein künstlerischer Aussichtsturm im Flachland von Nashville.

Die zwölf Eigenkompositionen (drei davon mit Partner) erzählen von Erfahrungen mit der Übergriffigkeit eines Lehrers („Forever Changed“), von den Schwangerschafts-Problemen eines 17jährigen Teenagers („What Choice will You Make“), von der (meistens) guten alten Zeit („Black And White“), vom späten Dank an die Mutter („A Letter To My Mama“) und von der Religiosität, die er an seiner Frau Amy Grant erlebt („When My Amy Prays“ und „The Red Words“). All das interpretiert Gill nicht im Sermon eines Predigers, sondern eher eines nachdenklichen Zweiflers, eines gereiften Mannes, der die wilden Jahre hinter sich gelassen hat („I Don’t Wanna Ride The Rails No More“). Eine besondere Verbeugung macht Vince Gill vor zwei musikalischen Vorbildern, die 2016 gestorben sind: Merle Haggard und Guy Clark. Von beiden hat er offensichtlich viel gelernt, der Erstgenannte macht ihn auch stolz auf seine Herkunft aus Oklahoma.

Im Studio hat Vince Gill eine kleine, aber feine Schar von musikalischen Gästen um sich versammelt: Fred Eltringham am Schlagzeug, Michael Rhodes am Bass, John Jarvis an den Tasteninstrumenten und Paul Franklin an der Steel Guitar. Dass er selbst mit Gitarren aller Art bestens umgehen kann, braucht nicht weiter hervorgehoben zu werden.

Die CD macht Lust darauf, Vince Gill auch mal wieder als Solist live zu erleben, vorläufig ist er aber (erneut ab Februar 2020) als Glenn-Frey-Ersatz gut im Geschäft.

 

http://www.vincegill.com/


Drew Holcomb & The Neighbors: Dragons ****

Magnolia Music / Thirty Tigers (USA 2019)

Produced by Cason Cooley

10 Tracks - 34:46 Min.

 

Das Motto dieses neuen Albums von Drew Holcomb findet sich etwas versteckt im Track # 3 „I‘ll never forget the way you made me feel“. Dort formuliert der in Tennessee lebende Songwriter und Bandleader ganz schlicht: „It’s not a song, it’s my life“! Richtig: in den zehn Eigenkompositionen (bei denen fünfmal gute Freunde mitgeholfen haben) erzählt Holcomb ohne jedes Pathos und ohne Klischeeverdacht von seinem Leben als ambitionierter Musiker und Familienvater, von seiner Frau Ellie, die seine wichtigste Partnerin auf der Bühne, aber auch die Mutter dreier Kinder ist, und von seinem Großvater, der ihm einige wichtige Empfehlungen mit auf den Weg gegeben hat. Daraus resultiert für Holcomb eine gut abgewogene Lebensphilosophie mit einer kleinen Portion Ironie, einer Tendenz zum Optimismus, aber auch einem unabweisbaren Realitätssinn. Wie heißt es einmal so schön: „Maybe we’re not supposed to try everything“. Oder an anderer Stelle: „We want the love, but we don’t want the hurt“. Themagerecht beginnt die CD mit einer launigen Mitsing-Nummer („Family“) und endet mit einer leicht melancholischen Piano-Ballade („Bittersweet“), die das Dilemma des Künstlers illustriert: „Big year at the box office, everyone’s at your show / Strange year on the home front, nobody knows“.

Diese nachdenklichen Ich-Botschaften sind in ein äußerst geschmackvolles Musik-Angebot eingepackt, das zwischen lebendigen Country-Gospel, Singer/Songwriter Folk-Rock und modernen, radiotauglichen Power-Pop pendelt. Drew Holcomb hat sich damit in eine Liga mit Jason Isbell, Pete Droge oder John Mayer katapultiert und sollte für sein Song-Angebot ein breites (gerne auch anspruchsvolles) Publikum finden. Dieses kann dann zu der Musik trotz einer weit verbreiteten Weltuntergangsstimmung das Glas heben („End Of the World“) und in die Lebensweisheit des Holcomb-Großvaters einstimmen: „Take a few chances / A few worthy romances / Go swimming in the ocean on New Years Day / Don’t listen to critics / Stand up and bear witness / Go slay all the dragons that stand in your way“.

 

https://www.drewholcomb.com/


The Weight Band: World Gone Mad      ****

Independent (USA 2018)

Produced by The Weight Band

11 Tracks - 47:15 Min.

 

Es gibt schon fast zu viele Tribute Bands auf dieser Welt, die glauben von dem Vermächtnis verflossener Künstler oder Bands profitieren zu können. Ob Janis Joplin, Queen, Dire Straits, Abba, Michael Jackson oder Pink Floyd - niemand ist sicher vor der Vermarktung durch clever kalkulierende Cover-Profis.

Ganz anders liegt allerdings der Fall bei der Weight Band. Hier haben sich seit 2013 US-Musiker zusammengefunden, die in irgendeiner Weise eine Beziehung zu der legendären „Band“ haben, die bedauern, dass Robbie Robertson, Garth Hudson, Richard Manuel, Rick Danko und Levon schon 1976 zum letzten Walzer gebeten haben und dass die drei letztgenannten schon im Rock’n’Roll-Heaven gelandet sind. Sie spielen aber auf ihrem Debüt-Album keine Dauerbrenner der Band sondern neun Eigenkompositionen, die sie als „Woodstock Sound“ titulieren, damit aber nicht das legendäre Festival sondern die Gegend meinen, in der The Band (und auch Bob Dylan) ihre berühmten Basement Tapes aufnahmen. Da ist viel ungeschliffener ländlicher Rock, ein bisschen Country Blues und dynamischer Folk Rock zu hören, der genauso auch in eine Setlist von Little Feat, The Byrds oder Grateful Dead passen würde. Der Kopf (und der Hauptkomponist) der Weight Band ist Gitarrist und Sänger Jim Weider, der ab 1999 in einer nicht mehr so erfolgreichen Spät-Version der Band mitspielte. Auch die anderen Mitwirkenden sind z. B. mit dem Scheunen-Schmelztiegel von Levon Helm, der 2012 starb, verbunden

Das Album startet mit einer flotten Mandolin-Melodie und mündet fließend in den Titelsong „World Gone Mad“ - ein echter Ohrwurm und gleichzeitig eine treffende Beschreibung der gegenwärtigen politischen Situation (nicht nur in den USA). Später wird ein Song von Robert Hunter und Jerry Garcia eingestreut („Deal“), auch ein entlegener Titel von Bob Dylan („Day Of The Locusts“) darf bei diesem Projekt nicht fehlen. Als Rausschmeißer beweist die Weight Band schließlich mit einem Live Track („Remedy“), dass bei ihnen auf der Bühne noch ordentlich die Post abgeht: Albert Rogers (b) und Michael Bram (dr) sorgen für den soliden Background, auf dem Jim Weider, Marty Grebb und Brian Mitchell ihre Exkurse an Gitarre, Keyboards und Saxophon ausleben können. Fazit: You’re Never Too Old To Rock And Roll - oder eine höchst sympathische Traditions-Retro-Angelegenheit, die aber auf der Höhe der Zeit ist.

 

http://www.theweightband.com/


Jacob Miller: This New Home ****

Independent (USA 2019)

Produced by Jacob Miller

10 Tracks - 37:42 Min.

 

Mit seiner Debüt-CD im Gepäck kommt Jacob Miller zum ersten Mal zu einer einmonatigen Live-Tour nach Europa. Aufgewachsen in Wisconsin zog er 2009 an die Westküste nach Portland/Oregon, um sich dort ganz auf seine Leidenschaft für die Musik zu konzentrieren. Als Sänger, Gitarrist und Komponist eines Old Time Jazz-Sextetts mit dem Namen The Bridge City Crooners beamte er sich in die goldenen 1930er Jahre zurück, um dann aber auf den Reisen durch die USA immer mehr von den Wurzeln der amerikanischen Musik aufzusaugen und in ein Soundkonzept der Gegenwart zu filtern. So studierte er das Piedmont-Blues-Picking in North Carolina, den Folk-Rock der 70er Jahre und den Singer/Songwriter-Pop der jüngsten Vergangenheit. Aus diesen Erfahrungen konzipierte er die zehn Songs, die er für das Album „This New Home“ multiinstrumental mit der Methode Homerecording einspielte. Nur an wenigen Stellen wurden musikalische Gäste eingeladen: zweimal eine kleine Horn-Sektion, einmal ein String-Arrangement aus Violine und Cello, einmal der Schlagzeuger Phil Rogers. Die Lieder thematisieren die wechselhaften Zustände von Beziehungen, erzählen von Missverständnissen („Words We Didn’t Mean“), vom Wunsch allein zu zweit zu sein („Take Me Home“) oder von der Verarbeitung einer Trennung („I‘m Learning To Let You Go“). Jacob Miller sendet damit sehr persönliche Ich-Botschaften, garniert mit einem entspannten Folk-Pop-Feeling. Wer sich die prägnante Stimme und die starken Arrangement genau anhört, kann erkennen, dass Miller weit über dem Durchschnitt agiert, dass er definitiv das Potenzial für eine große Karriere hat. Er darf sich nicht nur in eine Reihe mit den aktuellen US-Musikern Blake Mills (früher mal bei den Dawes) oder John Mayer stellen, sogar die Ähnlichkeit zu dem Paul Simon der 1980er Jahre ist keine Übertreibung.

 

http://www.jacobmillermusic.net/


Tim Grimm: Heartland Again      ****

Cavalier Recordings (USA 2019)

Produced by Tim Grimm

12 Tracks - 48:55 Min.

 

Die CD hat eine interessante Entstehungsgeschichte. Tim Grimm, der eigentlich manchen eher als Schauspieler (z. B. in der Sitcom „Hör mal, wer da hämmert“) bekannt ist, entschloss sich vor über 20 Jahren, mit seiner Frau Jan die hektische Metropole Los Angeles zu verlassen und auf dem Bauernhof seines Vaters und Großvaters nahe Ogilville / Indiana zu leben - eben dort, wo das wirklich Herz der USA schlägt. Die Eindrücke des ländlichen Lebens verarbeitete er dann zu elf Songs, die 1999 unter dem Titel „Heartland“ erschienen. Dieser Rückzug back to the roots brachte ihm den Ehrentitel „Poet des ländlichen Mittleren Westens“ ein. Da nun die beiden Söhne Connor und Jackson erwachsen sind und musikalisch dem Vater nacheifern, kam der Entschluss, die zwanzig Jahre alten Songs noch einmal als Family Band aufzunehmen (die Original-CD ist nur noch zu immensen Sammler-Preisen auffindbar).

So präsentieren also Vater, Mutter und Söhne Grimm ein märchenhaftes, zeitloses Album, dem noch zwei neue Songs angefügt wurden. „Staying In Love“ ist eine gefühlvolle Reminiszenz an den vor zwei Jahren verstorbenen Vater, „Love More“ ist ein eher unpolitischer Blick auf die gespaltene US-Gesellschaft der Gegenwart: „kindness can hold the world together“. Die Familie liefert mit akustischem Folk-Instrumentarium und elektrischen Zutaten durchaus aktuellen Country-Folk, der bei dem Traditional „Sowin‘ On The Mountain“ (bekannt durch die Version von Ramblin‘ Jack Eliott) auch rockige Züge annimmt. Jenen Ramblin‘ Jack hat Grimm vor einigen Jahren auf seinem Album „The Turning Point“ zum „King of the Folksingers“ geadelt. Im Mittelpunkt dieser Revisited-CD steht der Song „80 Acres“, der - gesanglich fast im Stil eines Johnny Cash - die wechselvolle Geschichte des Farmlandes nacherzählt: „I don’t pretend to own it / but this paper says it’s mine / this farm is a long memory / walking back in time / … freedom is finding beauty / in the simple and the plain“. Es sind traditionelle, konservative Werte wie Heimat, Verantwortung und Familie, die hier ohne falsche Nostalgie hochgehalten und besungen werden. Wenn Tim Grimm uns dazu glaubhaft verspricht, nicht - wie viele Leute in seiner Region - Donald Trump zu wählen, kann auch noch ein Stern mehr gewährt werden!

 

https://www.timgrimm.com/


Jordi Baizan: Free And Fine      ***

Berkalin Records (USA 2019)

Produced by Walt Wilkins & Ron Flynt

11 Tracks - 42:48 Min.

 

Dies ist (nach „Like The First Time“ aus dem Jahre 2017) die zweite CD von Jordi Baizan, dem Sohn spanisch-kubanischer Eltern, der mit seiner mexikanischen Frau Carmen vier Kinder großgezogen hat und nun als Singer/Songwriter die Welt rund um Houston/Texas erobern will. Das entscheidende Merkmal seiner Songs ist die Verwurzelung im melodiösen Country-Folk und der unerschütterliche Optimismus trotz einer Welt voller Drogen, Hurrikans und Notarzt-Einsätzen. Jordi Baizan erinnert deshalb an die Werte von Nachbarschaft, Freundeskreis und Familie in dem abschließenden Fazit „Heroes All Around Us“. Dazu passt auch die Geschichte von Valerie und Brian, die mit ihrem Wohnwagen den Großstadt-Stress von Houston verlassen und sich eine Auszeit im Big Bend Nationalpark gönnen: „they are free and fine on that desert line, they are hard to find, nothing’s bigger than Texas“. Mit diesem schönen Song könnte sich Baizan glatt als Webeträger für Wohnwägen oder für das texanische Tourismus-Büro bewerben! Die elf Eigenkompositionen rollen eingängig dahin, getragen von Jordis akustischer Gitarre und seiner weichen, aber markanten Stimme. Wer die Songs von Brad Colerick, John Vester oder Jim Photoglo mag, ist mit diesem Album bestens bedient. Die Musiker des Jumping Dog Studios in Austin produzieren dazu einen perfekten Hintergrund-Sound, solistische Highlights kommen von Geoff Queen an der Pedal Steel Gitarre und von Heather Stalling an der Fiddle. Nicht mehr - aber auch nicht weniger - als ein schönes Hörerlebnis für Erwachsene, die sich noch ein bisschen kindliche Naivität aufbewahrt haben.

 

https://jordibaizan.com/


Pat Kearns: Down In The Wash   ****

Independent (USA 2019)

Produced by Pat Kearns

11 Tracks - 40:50 Min.

 

Was wäre wohl passiert, wenn sich die Angie-Rolling Stones, Bob Dylan und Canned Heat 1969 zu einer Unplugged-Session in den Bearsville-Studios von Woodstock verabredet hätten? Vielleicht ein bisschen das Soundbild, das nun fünfzig Jahre später Pat Kearns aus Kalifornien vorlegt. Die CD „Down In The Wash“ ist nicht nur ein akustisches Retro-Erlebnis sondern auch das Produkt einer großen Veränderung. 2016 sagte Pat zusammen mit seiner Frau Susan „So Long City“ (so auch der Titel seines ersten Solo-Albums), sie verließen das geordnete Leben als Musik-Produzent und Haarstudio-Besitzerin in Portland/Oregon und siedelten sich in einer kleinen Hütte in der kalifornischen Mojave-Wüste an. Dort ist das Leben mitten in der Natur geprägt von Solarstrom und wenig Wasser, von der Besinnung auf das Wesentliche. Aber mit ausgewähltem Equipment und ein paar Freunden lässt sich auch abseits der Zivilisation entspannte Musik machen (und aufnehmen), die das Landschafts-Ambiente aufsaugt. Kearns hat zehn Eigenkompositionen und einen Stones-Klassiker („No Expectations“) ausgewählt und damit unüberhörbar den Burrito-Geist von Gram Parsons beschworen. Gattin Susan bedient den Kontrabass (und hat das Cover gezeichnet!), Tim Chinnock spielt relaxte Drums, Joe Garcia und Luke Dawson kreieren mit Gitarren und Pedal Steel den spacigen Country-Rock-Sound der 70er Jahre, dem die Byrds seinerzeit zum Durchbruch verhalfen. Wer in nächster Zeit nicht die Möglichkeit hat, an die US-Westküste zu reisen, um die Atmosphäre vor Ort zu testen, sollte vorläufig mit den Anspieltipps „Low Wind Howling“ oder „Mojave Moonlight“ eine Phantasiereise starten.

 

https://www.patkearnsmusic.com/


Chuck Hawthorne: Fire Out Of Stone     ****

Independent  (USA 2019)

Produced by Walt Wilkins & Ron Flynt

10 Tracks - 36:58 Min.

 

Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel qualitativ hochwertige Musik aus der Metropole Austin/Texas das Licht der Welt entdeckt. Ein kreativer Produktionsort ist ohne Zweifel das Jumping Dog Studio von Ron Flynt. Dort hat nun Chuck Hawthorne seine zweite Solo-CD (nach dem Erstling von 2015 mit dem Titel „Silver Line“) aufgenommen.

Hawthorne ist ein profilierter Songwriter und Geschichtenerzähler, der eindeutig in der Tradition von Merle Haggard, Guy Clark oder Kris Kristofferson steht. Eine besondere Verbeugung macht er am Ende der Playlist vor dem unlängst verstorbenen Richard Dobson, dessen eher pazifistische, denn resignative Botschaft „I Will Fight No More Forever“ (basierend auf einer Rede des Indianerhäuptlings Chief Joseph aus dem Jahre 1877) er kongenial covert.

Ansonsten ist Hawthorne ein genauer Beobachter der amerikanischen Traumata, ein Analytiker der verlorenen Generation der Vietnam-Kämpfer und Mondsucher. Er erzählt die tragische Geschichte eines leidenschaftlichen Easy-Rider-Motorradfahrers („Such Is Life“) und eines auf der Straße verunglückten Freundes („Standing Alone“), an den er mit einem klassischen Bild erinnert: „I feel like a road sign / shot full of holes / prisoner of he highway / I am standing here alone“. Am meisten radiotauglich ist das melancholische „Amarillo Wind“, eine Ballade, die mit der Pedal Steel von Geoff Queen an den Song „Midnight In Montgomery“ in der Version von Alan Jackson erinnert. Typisches Texas-Storytelling vermittelt die Skizze des Nachbarjungen, der von den Geheimnissen der indianischen Talisman-Objekte und Glücks-Symbole fasziniert ist („Arrowhead & Porcupine Claw“).

Musikalisch bietet Hawthorne neben seiner markanten Stimme einen sparsam arrangierten und eher gemächlich voranschreitenden Country Rock mit schönen Akzenten der Harmonica (Ray Bonneville), der Fiddle (Marian Brackney) und der Backing Vocals von Libby Koch.

 

https://chuckhawthorne.com/


Venice: Jacaranda Street      ****

Lennon Records (USA 2019)

Produced by Michael Lennon

13 Tracks - 60:07 Min.

 

Das verwandtschaftlich verknüpfte Lennon-Quartett Mark, Kipp, Pat & Michael meldet sich mal wieder mit einem Bündel neuer Songs (auf ihrem - nach Expertenzählung - Album # 21), die etwas beweisen, was eingefleischte Venice-Fans schon seit Jahrzehnten wissen: dass die Band die Speerspitze des südkalifornischen Soft-Rock darstellt und mit mehrstimmigen Vokal-Arrangements Maßstäbe setzt. Diesmal könnte man fast glauben, sie wollten ein Little-River-Band-Tribute Album machen, was aber keine Kritik an mangelnder Eigenständigkeit bedeuten soll. Die drei Auftakt-Songs haben ausgesprochene Ohrwurm-Qualität und erzählen die bewegte Geschichte einer Mutter („Jacaranda Street“), eines Feuerzeugs („The Lavender Lighter“) und einer Liebe („My Love Waits For Me“). Danach folgt ein treffender Exkurs in die Gefilde von Supertramp oder den Beatles („Stepping On That Bridge“) und ein von der akustischen Gitarre dominierter Country-Rock-Flow im Stile von Glenn Frey („Something Took You Over“), ehe sich die Band dem getragenen, puren Wohlklang hingibt und mit dem Titel „Middle Age Lullaby“ eine Art Botschaft an die Zuhörer herausgibt. Das Ganze ist wieder ein optimistisch stimmendes Familienprojekt, bei dem die Lead Vocals von Kipp und Mark bestens mit dem Background von Pat und Michael harmonieren. Während das Songwriting offensichtlich sehr demokratisch abgewickelt wird, liegt die Studioarbeit und die Konstruktion des musikalischen Arrangements eindeutig bei Michael Lennon. Wer sich also dem oft nervigen Alltag für eine Weile entziehen will, sich nicht von der Hektik der Großstadt anstecken lassen will, sondern sich eher in die meditative Bewegung des Ruderns versetzen will, der ist mit der aktuellen CD von Venice bestens bedient: „Hope in the going / In the quiet there is knowing / In the rhythm of the rowing“.

 

http://www.venicetheband.com/


Amos Lee: My New Moon     ****

Dualtone (USA 2018)

Produced by Tony Berg

10 Tracks - 38:05 Min.

 

Eines kann man von Amos Lee immer erwarten: hohe Qualität als Songwriter und als Sänger. Dass er auf seinem mittlerweile siebten Album auch als Prediger und Gesundheitsapostel auftritt und seine Musik als spirituelles Heilmittel verkauft, muss man ja nicht zwangsweise gutheißen. Die zehn perfekten Songs wurden in einem L.A.-Studio mit dem schönen Namen „Zeitgeist“ aufgenommen, und sie repräsentieren die stilistische Bandbreite dessen, was man als contemporary rock & pop bezeichnen kann. Die CD startet mit „No More Darkness, No More Light“, ein Song, der problemlos auf die Paul-Simon-CD „Graceland“ gepasst hätte. Es folgt „Louisville“, ein Stück Musik, an dem Bruce Springsteen gewiss seine Freude haben müsste. Schließlich „Little Light“, eine freundlich swingende Gospel-Nummer mit viel Optimismus, und danach der soundmäßig höchst aktuell klingende Soul-Pop von „All You Got Is A Song“ mit der bezeichnenden Aussage: „I’m going to sing away the pain“. Einen Kommentar zur derzeitigen politischen Lage in den USA will sich Amos Lee auch nicht verkneifen: nachdem am Anfang jemand ganz hamletartig ins Mikrofon schreit „There’s something rotten in the state of Denmark“, kommt bald die naheliegende Songzeile „There’s a crooked leader on a crooked stage“, um dann aber selbstkritisch fortzufahren: „Turns out that I’m crooked too“. Mit einem kunstsinnigen Produzenten (Tony Berg) und höchst kompetenten Begleitmusikern (z. B. Benmont Tench, oder Greg Leisz) ist Lee ganz nahe an seinem bisherigen Highlight „Mission Bell“ dran.

Man muss sich also nicht unbedingt von seiner Krankenkasse eine Heilkur verschreiben lassen, mehrmals Amos Lee anhören, tut es auch!

 

https://www.amoslee.com/


Vicky Emerson: Steady Heart      ****

Vickyemerson.com (USA 2019)

Produced by Vicky Emerson

9 Tracks - 34:52 Min.

 

Nicht erst seit Harvey Weinstein und der #MeToo-Debatte weiß man einiges über die schwierige Rolle von Frauen im Show-Business. Schon Tina Turner, Janis Joplin oder Aretha Franklin hätten davon erzählen können. Die weitaus weniger bekannte Vicky Emerson aus Minneapolis sieht sich in der Tradition von selbstbewussten Singer / Songwriterinnen, die einen Wechsel in den Geschlechter-Mechanismen der Musik-Industrie herbeiführen wollen. Ihre Konsequenz: sie hat ihr neuestes Album „Steady Heart“ selbst produziert und alle Arbeitsabläufe vom Studio bis zum Mastering unter Kontrolle gehalten. Dazu betreibt sie mit Sarah Morris eine Beratungsfirma für aufstrebende Musiker und ist damit auch ihre eigene Publicity Managerin.

Doch zurück zum Eigentlichen, zur Musik: mit „Steady Heart“ ist ihr die bisher beste CD gelungen, eine akustische dominierte, country-folkige Americana-Produktion, die sie eigentlich in eine Liga mit Rosanne Cash, Emmylou Harris und Lucinda Williams bringen müsste. Die stets geschmackvollen Arrangements mit der Geige von Jake Armerding, dem Kontrabass von Aaron Fabbrini und der Solo-Gitarre von Steve Bosmans geben ihrer unprätentiösen, aber sehr emotionalen Stimme den nötigen Freiraum zur Entfaltung. Textlich bewegt sie sich eher im konventionellen Bereich, kompositorisch zeigt sie aber große Kreativität und ein Gefühl für atmosphärische Songs. Besonders anhören sollte man sich das modern klingende „The Reckoning“ (eine Zusammenarbeit mit dem aufstrebenden Graham Bramblett) und die etwas traditionelleren „Steady Heart“ und „Good Enough“. Beim einzigen Cover, dem Crystal-Gayle-Hit aus den 70er Jahren („Don’t It Make My Brown Eyes Blue“) geht es ein bisschen in Richtung Lounge Jazz, Norah Jones hätte daran ihre Freude! Der abschließenden Einladung von Vicky Emerson („If I could be a boat, I’d take you from coast to coast. Throw all our cares into the wake”) möchte man jedenfalls gerne folgen.

 

https://www.vickyemerson.com/


Eric Brace, Peter Cooper & Thomm Jutz: Riverland       *****

Red Beet Records (USA 2019)

Produced by Eric Brace, Peter Cooper & Thomm Jutz

14 Tracks - 54:30 Min.

 

Vielen Musikfreunden ist der Mississippi nur durch den Kern/Hammerstein-Klassiker „Ol’ Man River” oder durch die unermüdliche „Proud Mary“ von John Fogerty bekannt. Vor wenigen Jahren erkundete Rosanne Cash zusammen mit ihren Ehemann John Leventhal ihre persönliche Geschichte und die musikalische Tradition des amerikanischen Südens: „The River And The Thread“ wurde zu einer hoch gelobten Americana-CD. Nun laden Eric Brace, Peter Cooper und Thomm Jutz mit ihrem hervorragenden Konzeptalbum „Riverland“ dazu ein, sich mit der wechselvollen Geschichte, der Kultur, der Landschaft und mit den Menschen rund um diesen großen Fluss zu befassen.

Die 14 Songs spannen einen weiten geschichtlichen Bogen von der Schlacht um Vicksburg (1863) während des Bürgerkriegs („Down Along The River“) über die verheerende Flut im Jahre 1927 („Drowned And Washed Away“) und die Rassenunruhen 1962, als der erste Farbige versuchte, sich an der Universität von Mississippi einzuschreiben („Mississippi Magic“), bis zur Gegenwart, wo man beispielsweise am Zusammenfluss von Ohio und Mississippi entspannt das Treiben auf dem Wasser beobachten kann („Fort Defiance“). In den Liedern geht es um bedeutende Personen der Kultur des Südens, um die Schriftsteller William Faulkner (der die stickigen Sommer des Südens in jedem Fall der Glitzerwelt von Hollywood vorzog), Shelby Foote und Eudora Welty, um den Bürgerrechts-Aktivisten Will D. Campbell, um die Musiker Muddy Waters, Jerry Lee Lewis, Tom T. Hall und Charlie Worsham, um die Bürgerkriegs-Generäle Beauregard, Grant und Sherman und nicht zuletzt um die Verkehrsmittel auf dem Fluss (Keelboat, Tugboat, Steamboat) und um ein historischen Maultier („Southern Mule“).

Brace, Cooper und Jutz sind, obwohl sie alle drei nicht aus dem tiefen Süden stammen, ernsthafte Kulturgeschichts-Wissenschaftler, die - ähnlich wie Randy Newman in seinem zynisch-ironischen Meisterwerk „Good Old Boys“ - einen kritischen Blick auf den Süden werfen und nicht in vordergründige Konföderierten-Klischees verfallen. Gleichzeitig lassen sie sich aber von dem Zauber der Landschaft erfassen und drücken das in einem akustischen Stil-Mix aus Country, Folk und Bluegrass aus. Den Kern dieser Südstaaten-Dialektik macht der siebenminütige Song Nummer 6 deutlich: „Mississippi magic is Mississippi madnesss now … Mississippi madness will be Mississippi magic again“. Ausdrückliche Hör- und Kaufempfehlung!

 

http://redbeetrecords.com/news/riverland-new-brace-cooper-jutz-release-dec-2018


Phil Lee & The Horse: He Rode In On     ****

Palookaville PAL 15 (USA 2018)

Produced by Phil Lee

12 Tracks - 52:33 Min.

 

Eine altbekannte Weisheit der Dakota-Indianer lautet: „Wenn Du merkst, dass Du ein totes Pferd reitest, dann steig ab!“ Wenn das Pferd aber Crazy Horse heißt und aus dem Stall von Neil Young stammt, dann lohnt es sich allemal den Sattel aufzulegen! So dachte wohl auch der Gitarrist, Sänger und Songwriter Phil Lee, der sich seit gut zwanzig Jahren im Dunstkreis des Big Daddy Neil aufhält und nun dessen alte Rhythmusgruppe mit Ralph Molina (dr) und Billy Talbot (b) für eine wirklich hörenswerte CD engagiert hat.

Phil Lee ist eine jener kauzigen Figuren, die die Hippie-Attitüde in das 21. Jahrhundert hinübergerettet haben. Mit seinem grauen Zauselbart könnte er jederzeit bei ZZ Top einsteigen, in weiser Selbsteinsicht nennt er sich den „King Of Nothing“, bestehend im Wesentlichen aus „skin and bone“, und mit markanter Stimme verkündet er „There’s a rebel in my heart“. Bei den Aufnahmen 2018 im kalifornischen Painted Sky Studio ist ein erfrischendes Retro-Roots-Album herausgekommen, das ungeniert Anleihen bei dem frühen Neil Young und dem mittleren Bob Dylan macht, das auch mal die Orgel des Sir Douglas Quintett aufjaulen lässt und in den Song „Wake Up Crying“ mit einem unverkennbaren The-Who-Riff einsteigt. Aber auch ein astreines Country-Duett mit Molly Pasutti ist im Angebot („Party Drawers“), das punktgenau in den Back-Katalog von Johnny Cash passen würde.

Zu den Musikern, die Phil Lee die Ehre gegeben haben, gehören auch Keyboarder Barry Goldberg, der zuletzt mit Stephen Stills und Kenny Wayne Shepherd fetten Blues-Rock machte, sowie die mehr oder weniger legendären Gitarreros Richard Bennett, Bill Kirchen und Jan King. Vom Opener, dem schon fast zwanzig Jahre alten Song „The Mighty King Of Love“, bis zu den beiden Bonus Tracks bietet die CD grundsoliden Americana-Rock mit dem siebenminütigen Höhepunkt „Bad For Me“. Die Botschaft an Phil Lee lautet: einfach weiterreiten!

 

https://www.philleeone.com/


David Olney: Don’t Try To Fight It      ****

Red Parlor Records (USA 2017)

Produced by Brock Zeman

10 Tracks - 33:29 Min.

 

Wer seit ca. vierzig Jahren im Musik-Geschäft tätig ist, muss nicht mehr sein Mäntelchen in den Wind hängen und schauen, was gerade irgendwie trendy sein könnte. David Olney (70) kann vielmehr ganz auf die Kraft seines Songwritings vertrauen und sich in einem breiten Spektrum amerikanische Musik bedienen. David Olney hat etwas zu sagen, hat etwas zu erzählen, obwohl er sich nicht als Missionar oder als Prophet sieht. Im Titelsong erlaubt er sich sogar den abgeklärten Rastschlag, dass es besser ist, mit einem hintergründigen Lächeln die gegenwärtigen Zustände zu kommentieren. Die CD, die nach unbestätigten Zählungen Olneys Work # 26 ist, startet mit einem krachigen Texas-Rocker im Stile von John Hiatt („If They Ever Let Me Out“) und schwenkt aber gleich im folgenden Song zu einer federnden Tex-Mex-Ballade um, die von dem verstorbenen Glenn Frey stammen könnte („Innocent Heart“). „Ferris Wheel“ ist eine poetische Metapher über das Leben und die conditio humana, gekleidet in einen soft-folkigen Rahmen, wie es der frühe Jackson Browne liebte. Heftiger gerockt wird bei „Crack In The Wall“, Retro-Freunde und Fans von Huey Lewis werden bei „Sweet Sugaree“ aufhorchen. Danach folgen wieder zwei ruhigere Nummern, die in der Melodieführung an Paul Mc Cartneys „Yesterday“ („Evermore“), bzw. an Bob Dylans „It’s All Over Now, Baby Blue“ („Yesterday’s News“) erinnern. Townes van Zandt soll einmal gesagt haben, dass er David Olney zu den besten Songwritern - neben Mozart, Lightning Hopkins und Bob Dylan! - zählt. Das mag etwas hoch gegriffen sein, doch die Tatsache, dass die Kunstfertigkeit von David Olney reift wie ein besonders teurer Rotwein, ist unbestreitbar.

 

https://davidolney.com/


Joseph Parsons: The Field - The Forest       ****

Blue Rose Records (D 2016)

Produced by Joseph Parsons

6 Tracks - 25:33 Min. / 6 Tracks - 23:02 Min.

 

Dass das Leben (und jede Medaille) zwei Seiten hat, kann mittlerweile als Allgemeinplatz abgehakt werden: Ying und Yang, Tag und Nacht, Leben und Tod, Liebe und Hass. Bei Joseph Parsons könnte man noch hinzufügen: Philadelphia und Hannover, Field and Forest. Denn so heißt seine aktuelle Produktion, die aus zwei EPs mit je sechs Songs besteht, die wiederum in einem plastikfreien geschmackvollen Klapp-Paket mit eingefügtem Booklet daherkommen. Die eine Seite („Field“) beschreibt Parsons als die Freude am Sonnenlicht, am friedlichen Spaziergang durch ein Feld. Die andere Seite („Forest“) markiert das gefährliche Abenteuer, den düsteren Blick in den Abgrund. Logischerweise definieren die beiden EPs auch die musikalische Bandbreite des Singer/Songwriters Joseph Parsons: auf „Field“ ist er der melodiöse Folk-Rocker, der mit einschmeichelnder Stimme und akustisch geprägtem Arrangement von Liebe und Hoffnung in einer brüchigen Welt singt: „It’s about time to put on your wings and fly“. Auf „Forest“ ist er der dynamische Power-Rocker, der seine Rhythmusgruppe (Sven Hansen, Fred Lubitz) und seinen Gitarristen (Ross Bellenoit) in düstere Soundlandschaften schickt und pessimistische Botschaften aussendet: „There is no hope in this shadowland“.

Da Parsons mittlerweile seinen Hauptwohnsitz in Deutschland hat, ist es nicht verwunderlich, dass die Songs auch in zwei norddeutschen Studios produziert wurden. Dennoch ist der Geist von Americana, von US-Folk und Roots-Rock unverkennbar. Wer Joseph Parsons mit seinem leider nur sehr selten sich findenden Quartett „Hardpan“ gehört hat, weiß, dass die Vergleiche mit Crosby, Stills, Nash & Young nicht übertrieben sind. Parsons wirkt wie eine Art Querschnitt aus diesen vier früheren US-Superstars, muss sich aber sein Geld mit regelmäßigem Touren auf kleinen Bühnen verdienen.

 

https://www.josephparsons.com/


Rosanne Cash: She Remembers Everything     ****

Blue Note Records (USA 2018)

Produced by John Leventhal & Tucker Martine

10 Tracks - 38:36 Min.

 

Es sollte nicht als unhöflich verstanden werden, wenn man darauf hinweist, dass Rosanne Cash mittlerweile 63 Jahre alt geworden ist. Denn ihr neues Album verbindet Altersweisheit, Rückblick und Ausblick in einer gereiften poetischen und musikalischen Form. Sie ist gleichzeitig eine differenzierte Beobachterin der heutigen amerikanischen Gesellschaft und eine sensible Erzählerin persönlicher Befindlichkeiten. Sie thematisiert den schizophrenen Umgang mit Waffengesetzen („8 Gods Of Harlem“) ebenso wie die Untiefen der MeToo-Debatte („She Remembers Everything“). Sie beschreibt aber auch das Schlachtfeld der Zweisamkeit („The Only Thing Worth Fighting For“), die Ablösung der Wahrheiten früherer Generationen („The Undiscovered Country“) und die Endlichkeit der irdischen Lebensfreuden („Not Many Miles to Go“). War ihre letzte CD („The River And The Thread“) noch ein echtes Roots-Album im doppelten Wortsinn, so bewegt sie sich musikalisch nun auf einem ambitionierten Country-Pop-Feld und erinnert in vielen Songs an den Jackson Browne der 80er und 90er Jahre - sowie an dessen Alterswerk „Time The Conqueror“.

Außergewöhnlich ist die Tatsache, dass die eine Hälfte der Songs zusammen mit Ehemann John Leventhal in New York aufgenommen wurden, die andere Hälfte aber mit dem jungen Produzenten Tucker Martine in Portland/Oregon. Die Unterschiede sind dank der außergewöhnlichen stimmlichen Präsenz von Rosanne Cash kaum zu erkennen; dennoch hat die eine Song-Gruppe mehr Band-Charakter (mit dem brillanten Tim Young an der Gitarre), die andere mehr die Atmosphäre eines Leventhal-Homerecordings.

Bemerkenswert ist auch, dass Rosanne Cash immer wieder die kreative Begegnung mit anderen Künstlern sucht. Hier ist es zum einen das Songwriter-Team T-Bone Burnett & Lera Lynn, zum anderen sind es die musikalischen Freunde Kris Kristofferson, Elvis Costello und der Decemberist-Sänger Colin Meloy. Leider gibt es wieder die fragwürdige Produkt-Diversität mit einer Normal- und einer Deluxe-Ausgabe. Letztere hat drei Songs mehr im Gepäck.

 

https://www.rosannecash.com/


Colin Linden: Rich In Love      ****

Stony Plain Records (CAN 2015)

Produced by Colin Linden

12 Tracks - 52:05 Min.

 

Um den 1960 in Kanada geborenen Colin Linden dem geneigten Hörer vorzustellen, bedarf es einer gewissen Portion namedropping: The Band, Bruce Cockburn, Blue Rodeo, Blackie & The Rodeo Kings, Lucinda Williams, Kevin Gordon, Emmylou Harris, Bob Dylan, Robert Plant, Alison Krauss , T Bone Burnett - das sind alles weitaus bekanntere Namen, mit denen er als Live-Musiker, Studiomusiker, Produzent oder Co-Komponist verbunden war. Daneben brachte er als eigenständiger Solist seit den 80er Jahren mittlerweile zwölf eigene Alben auf den Markt; „Rich In Love“ ist vorläufig sein letztes Werk. Und da kann er mit seiner Rhythmusgruppe, bestehend aus John Dymond (b) und Gary Craig (dr) - zusammen nennen sie sich schön selbstironisch „The Rotting Matadors“ - genau das machen, was den Kern seiner musikalischen Lebens bildet. Melodiöser, ländlicher Country-Blues, mal im rockigen elektrifizierten Gewand, mal mit akustischen Instrumenten im Vordergrund (Ukulele, Mandoline). Die zwölf Eigenkompositionen wurden in Nashville aufgenommen, distanzieren sich aber unüberhörbar vom Mainstream-Country dieser Musik-Metropole. Wenn dann noch Charlie Musselwhite zweimal seine Mundharmonika auspackt und Amy Helm klare Gesangsharmonien beisteuert, fühlt man sich eher in eine Scheune bei Woodstock/New York oder in einen Roots-Club in Austin/Texas versetzt. Besondere Anspieltipps sind der Titelsong „Rich In Love“, die bewegende Blues-Ballade „Delia Come For Me“ und die nachvollziehbare Lebensweisheit „No More Cheap Wine“.

 

http://www.colinlinden.com/


I See Hawks In L.A.: Live And Never Learn   *****

Western Seeds Record Company (USA 2018)

Produced by Paul Lacques & Rob Waller

14 Tracks - 56:42 Min.

 

Es war das dramatische Datum Nine-Eleven 2001, als nicht nur die Türme des World Trade Center einstürzten sondern auch die Band I See Hawks In L.A. ihr erstes Album veröffentlichte - wobei aber das Ereignis in New York deutlich mehr Aufmerksamkeit auf sich zog. Weil wir hier aber eine Musik-Publikation sind, haben wir den musikalischen Output der Band seitdem aufmerksam verfolgt und können feststellen, dass ihr soeben erschienenes siebtes Album „Live And Never Learn“ ein weiterer Höhepunkt ihrer Karriere sein sollte. Das kalifornische Songwriter-Duo Paul Lacques und Rob Waller hat den Bassisten Paul Marshall und mittlerweile die Schlagzeugerin Victoria Jacobs an ihrer Seite, und aus dieser Kooperation sind 14 ansehnliche neue Songs entstanden, die den Bogen von akustischem Folk-Rock a la Beyond Reach (die Nachlassverwalter der Ozark Mountain Daredevils!) bis zu südkalifornischem Rock im Stile von Warren Zevon spannen. Typisch für die Band sind ökologische Themen („Planet Earth“, „Ballad For The Trees“), die abgeklärte Auseinandersetzung mit Rauschmitteln („Poour Me“, „Stoned with Melissa“) und erfahrene Lebensweisheiten („Live And Never Learn“, „Spinning“). Die Brandkatastrophen in Südkalifornien finden ihren Niederschlag in dem Song „Last Man In Tujunga“, wo der Erzähler seine Ex am Telefon hat, während die Flammen schon fast an seinem Haus züngeln („I’m losing you like all the others / But that’s no change in my luck“). Diese abgeklärte Mischung aus Ironie und Humanität macht die Hawks zu einer legendären Institution des Laurel Canyon Country-Rocks, die man gerne auch einmal live auf dem europäischen Kontinent hören würde.

 

http://www.iseehawks.com/


Craig Bickhardt: Home For The Harvest    ****

Stone Barn Records (USA 2018)

Produced by Craig Bickhardt

12 Tracks - 43:53 Min.

 

Craig Bickhardt hat in seiner langen Karriere schon so allerlei erlebt. Er sollte sogar zusammen mit Thom Schuyler und Fred Knobloch zu einer Country-Pop-Star-Band („SKB”) aufgeplustert werden. Doch 2006 verließ er Nashville, das er heute als „Mekka der Mittelmäßigkeit” bezeichnet, und geht seitdem unbeirrt seinen musikalischen Weg als einfühlsamer Songwriter, als hervorragender Sänger (der keinen Pitch Tuner braucht) und als virtuoser Saitenspinner.

Auf der aktuellen CD hat er 12 Eigenkompositionen versammelt (einige davon in Zusammenarbeit mit Barry Alfonso, Nathan Bell, F. C. Collins und Thom Schuyler), die als zurückhaltende, rein akustische No-Drums-Arrangements eingespielt wurden. Die Basis liefert Bickhardt mit Stimme, Gitarren, Mandoline und Bass, bei einigen Songs setzen Gäste (z. B. auch seine Tochter Aislinn) ein paar Akzente. Die Songs haben so einen fast schon traditionellen Folk-Charakter, sie erinnern an Gordon Lightfoot, Dan Fogelberg (ohne üppige Begleitung), Shawn Colvin oder John Prine. Vielleicht hätten ein paar mehr Uptempo-Nummern - wie z. B. „Racing The Bullet” - dem Album noch etwas Kick gegeben; so ist es eher Musik für die Hängematte und für den Schaukelstuhl auf der Terrasse. Bei den Lyrics vermeidet Bickhardt jegliche Provokation oder politische Botschaft, er ist ein genauer Beobachter von Landschaften, Menschen, Beziehungs-Kisten - und neuerdings auch von Problemen des Alters, die der 64jährige wohl gut nachvollziehen kann („Old Maid’s Man”, „One Little Light”). Meine persönlichen Anspieltipps sind „Chesapeake Bay”, der Titelsong „Home For The Harvest” und das oben genannte „Racing The Bullet”, das auch einem Amos Lee gut zu Gesicht stehen würde. In einer Zeit voll grellem Haschen nach Aufmerksamkeit ist die etwas altmodische Kommunikationsweise von Craig Bickhardt sehr beeindruckend.

 

http://www.craigbickhardt.com/news.html


Gerry Spehar: Anger Management      ****

Self-Released (USA 2018)

Produced by Paul Lacques & Gerry Spehar

12 Tracks - 49:18 Min.

 

Man kann nur spekulieren, was passiert wäre, wenn Gerry Spehar zwischen 1986 und 2016 nicht eine dreißigjährige Pause als hauptberuflicher Musiker eingelegt hätte. Jedenfalls ist er jetzt mit erstaunlicher kreativer Power wieder auf der Szene zurück und legt schon seine zweite CD (nach „I Hold Gravity“) vor. Das neue Album hat er gemeinsam mit Paul Lacques (von „I See Hawks In L.A.“) produziert und man merkt schnell, dass hier ein amerikanischer Wutbürger viel angestauten Zorn loswerden will. So ist „Anger Management“ eine echte Kollektion von Protestsongs geworden, die in der demokratisch-sozialistisch-pazifistischen Tradition von Woody Guthrie stehen. Auf dem Cover steht praktisch als Warnhinweis (wie bei Zigaretten), dass es sich um harte Aussagen handelt, die manchem weh tun sollen. Dass dabei der musikalische Gehalt nicht zu kurz kommt, ist die Leistung von Spehar und seinen Begleit-Aktivisten.

Hauptobjekt von Spehars Wut ist nicht ganz überraschend der neue US-Präsident Trump, der gleich in drei Songs sein Fett abbekommt. Bei „Bitch Heaven“ wird ein ganz und gar einseitiger Vergleich zwischen Donald Trumps Vater Fred C. Trump und Woody Guthrie gezogen. Old Man Trump war 1952 Vermieter für Guthries Familie und sorgte mit einer Baumaßnahme in Brooklyn für eines der ersten rassengetrennten Immobilien-Projekte („Beach Haven“). Der Song endet mit der plakativen Textzeile „This land is our land / it ain’t Old Trump’s land“. Auch zur aktuellen MeToo-Debatte hat Spehar einen satirischen Text bereit: „I got the freedom to grab whatever I want / cause the President says it is OK“. Weitere Themen von Gerry Spehar sind Immigration, das Schicksal von Kriegsveteranen, die durch unterirdische Atomraketen zerstörte Landschaft des Südwestens und die immer wieder aktuellen Fragen “What Would Jesus Do?” beziehungsweise „Pearl Harbour, what were you for?“

Musikalisch erinnert das Album an den Westcoast-Blues-Rock des frühen Stephen Stills, an manche schräge Melodieführungen bei Tom Waits oder an den TexMex-Wüstenrock von Calexiko. Zweierlei ist Gerry Spehar jedenfalls nicht: langweilig und unpolitisch. Er sollte als verrenteter Ex-Banker noch länger ein kritischer musikalischer Begleiter der amerikanischen Lebenswelt bleiben.

 

https://www.gerryspehar.com/


Thomm Jutz: Crazy If You Let It      ****

Mountain Fever Records (USA 2017)

Produced by Thomm Jutz

12 Tracks - 40:15 Min.

 

Das nenne ich gelungene Integration: da kommt ein Deutscher vor ca. 15 Jahren nach USA, siedelt sich in Nashville an und saugt die amerikanische Roots-Musik derartig in sich auf, dass er heute ein gefragter Produzent in der Country-Metropole ist und nun ein Bluegrass-Album vorlegt, das den Vergleich mit den großen Namen (z. B. Seldom Scene) nicht zu scheuen braucht. Dazu sagte Jutz vor einiger Zeit: „Ich bin definitiv nicht in dieser musikalischen Kultur aufgewachsen, aber es ist jetzt die Musik, die mir richtig ans Herz gewachsen ist, schon immer hatte die Musik, die ich gemacht habe, einen eher akustischen Charakter“. Zwei Dinge machen das Album außergewöhnlich: zum einen die Virtuosität der einzelnen Musiker mit Bandleader Thomm Jutz an der akustischen Gitarre, mit Sierra Hull an der Mandoline, mit Justin Moses an Banjo und Dobro und mit Andrea Zonn an der Fiddle. Zum anderen die positive Grundstimmung, die besonders im Titelsong ihren Ausdruck findet. Auch der Gesang von Thomm Jutz hat ein beachtliches Niveau erreicht, besonders wenn er durch die Harmony vocals von Andrea Zonn, Tammy Rogers, Peter Cooper oder Eric Brace unterstützt wird. Viele der Songs sind bei einer Art Samstag-Vormittag-Stammtisch entstanden, wo sich Thomm Jutz und Milan Miller entspannt zusammensetzen und ihren Ideen freien Lauf lassen. Stilistisch entfaltet sich eine Bandbreite von traditionellem Bluegrass über irischen Folk („The Road to Galway“) bis zu leicht poppig klingendem Newgrass („Sometimes What Glitters Is Gold“). Inhaltlich befasst sich Jutz mit Naturbeobachtungen, Eisenbahnen und nachdenkenswerten Lebensweisheiten. Natürlich ist das Nischenmusik, aber hörenswert für jeden, der noch nicht vom Format-Radio verdorben ist!

 

https://mountainfever.com/featured/crazy-if-you-let-it-new-album-from-thomm-jutz/


Bob Seger: I Knew You When    ****

Capitol Records (USA 2017)

Produced by Bob Seger

13 Tracks - 51: 39 Min.

 

Wenn dereinst vor dem JMG (jeder weiß: das Jüngste Musikalische Gericht) entschieden wird, wer die entscheidenden Beiträge zum American Mainstream Rock geleistet hat, wird neben Bruce Springsteen, John Mellencamp und Tom Petty auch Bob Seger aus der Auswahlliste stehen. Und als wolle er seine Nominierungschancen nochmal kräftig erhöhen hat Seger nach einer sehr durchwachsenen Periode von 1990 bis 2010 in jüngster Zeit zwei CDs auf den Markt geworfen: nach „Ride Out“ (2014) nun also „I Knew You When“.

Beide Alben sind kräftige Lebenszeichen des nunmehr 73jährigen, der allerdings seinem etwa fünfzigjährigen Musikerleben derzeit Tribut zollen muss: nach einer Bandscheibenoperation ist er noch unfähig, seine rapide unterbrochene 2017-Tour fortzusetzen. Begnügen wir uns also mit der neuen CD, die als Studio-Produktion Nr. 18 (sein Debüt „Ramblin‘ Gamblin‘ Man“ wurde 1969 veröffentlicht) gezählt werden kann. Die ersten vier Songs donnern mit einer enormen Frische und stimmlich unverbraucht aus den Boxen, dass man am liebsten danach auf Repeat stellen würde und mit einer EP-Länge zufrieden wäre. Doch auch der Rest (insgesamt 10 Songs, bei der Deluxe-Edition sogar 13) hält weitgehend das Niveau. Seinem Alter entsprechend muss sich Bob Seger auch mit dem Tod befassen, er widmet die CD seinem alten Kumpel Glenn Frey und hat für ihn zwei anrührende Songs komponiert: „I Know You When“, das stark an den Klassiker „Against The Wind“ erinnert, und „Glenn Song“. In einem Interview erläutert Seger: „Glenn war mein ältester Freund in der Musik. Wir trafen uns 1966 und waren zwei junge Idioten, die die Welt erobern wollten. Doch in den vielen Jahren danach war er der am meisten positive Einfluss auf mein Leben!“ Mit zwei Coverversionen leistet Seger eine Hommage an die ebenfalls verblichenen Lou Reed und Leonard Cohen: Reeds „Busload Of Faith“ wird zum bissigen Kommentar auf die neue Trump-Ära mit zwei neuen Textzeilen („You can’t depend on the president / Unless there’s a real estate you want to buy“) und Cohens „Democracy“ wird zur Klage über ein großes Land, das sich auf einen unberechenbaren Weg gemacht hat. Dazu hätte Bob Seger gerne noch je einen Song von Tom Petty und von Gregg Allman auf die CD gebracht, doch der Platz reichte nicht aus. Fazit: der Mann aus Michigan hat ein Statement von Bob Dylan eindrucksvoll bestätigt: er ist nicht der Bruce Springsteen für Arme, sondern Bruce ist der Bob Seger für Reiche! Hoffen wir also, dass er nach einer Phase der Erholung noch einmal richtig Gas geben kann.

 

http://www.bobseger.com/home


John Mayer: The Search For Everything   ***

Columbia (USA 2017)

Produced by John Mayer & Chad Franscoviak

12 Tracks - 44:18 Min.

 

Er war mal everybody’s darling, ein heißer Tipp der Musikszene, der alles konnte vom Blues bis zum radiotauglichen Country-Pop, dann war er Kate Perry’s darling und damit für eine geraume Zeit das Objekt der yellow press und nun ist er plötzlich nobody’s darling, weil alle an ihm etwas herumzunörgeln haben. Die Rede ist von John Mayer, der mit seinem neuen Album „The Search For Everything  - Part 1“ - nach gängiger Zählung seine neunte Studio-CD - irgendwie in alle herumstehenden Fettnäpfchen getreten ist und mit seinem glatten Stilmix alle Zuhörer die Stirn runzeln lässt. Es ist schon mutig, mit einer genialen Hommage an Hall & Oates („Still Feel Like Your Man“) einzusteigen, dann einmal mit links den Blues-Rock von Eric Clapton vorzuführen („Helpless“) um schließlich beim flockigen Laurel Canyon Country Pop zu landen („Roll It On Home“) und die CD mit einer Klage, die melodisch an „Desperado“ von den Eagles erinnert, aber nie deren drama nachvollziehen kann, zu beenden („You’re Gonna Live Forever In Me“). Musikalisch gibt es an dem revitalisierten John Mayer Trio - im wesentlichen gestaltet er die Songs mit der Rhythmus-Sektion Steve Jordan (dr) und Pino Palladino (b) - nichts zu mäkeln, aber weil alles so glatt poliert ist und keine Widerhaken im Arrangement zu finden sind, könnte man die zwölf Titel glatt als Hintergrund-Beschallung einer Mall verwenden. Vielleicht hätte John Mayer einfach mal seinen Beziehungsschmerz in der Versenkung verschwinden lassen und sich stattdessen auf seine unbestrittenen instrumentellen, kompositorischen und gesanglichen Talente rückbesinnen sollen. Wo er doch selber beteuert: „I may be old and I may be young / but I’m not done changing“.

 

http://johnmayer.com/


Eric Brace, Peter Cooper & Thomm Jutz:

Profiles In Courage, Frailty & Discomfort ****

Red Beet Records RBRCD0022 (USA 2017)

Produced by Eric Brace, Peter Cooper and Thomm Jutz

14 Tracks - 50:58 Min.

 

Das Konzept dieser Produktion ist einfach zu erklären: drei Songwriter, drei Stimmen, drei akustische Gitarren. Das Besondere liegt aber in der Kombination, einer unzweifelhaften Win-Win-Win-Situation: Eric Brace ist der Mann mit der markanten Stimme und gleichzeitig der Besitzer einer Plattenfirma (Red Beet); Peter Cooper ist der Mann für die hohen Harmonien und gleichzeitig ein kenntnisreicher Historiker der Country Music; Thomm Jutz ist der Mann für die ausgefeilten Gitarren-Solis und gleichzeitig der Chef eines mittlerweile sehr renommierten Tonstudios in Nashville (TJ Tunes).

Wer die drei auf ihrer Europa-Tournee 2016 erlebt hat, konnte schon die besondere Magie ihres Zusammenspiels erkennen, doch die CD bringt nun die Chance diesen Eindruck festzuhalten und immer wieder abzurufen. Brace, Cooper & Jutz haben 14 eigene Songs in ein filigranes Country/Folk-Arrangement gepackt und erzählen damit in der großen Tradition des Storytelling von Tom T. Hall und des schwungvollen Newgrass von Seldom Scene über vergangene Heroen und Leitthemen der Country Music wie auch über literarische Erlebnisse und heutige - eher alltägliche - Befindlichkeiten. Das Trio führt uns ans Grab von Johnny Cash („Hendersonville“) und Paul Buskirk („Parkersburg Blues“), zum Haus von Jerry Lee Lewis („Uneasy Does It“) und John Hartford („Hartford’s Bend“), in die Gedankenwelt von Willie Nelson („Lonesome And Alone“) und in die Gitarren- und Mandolinenwerkstatt von Hugh Hansen (der alte Martin-Hölzer wieder zum Singen bringen kann, was bei Menschen gar nicht so einfach ist!) und zu besonderen Orten wie dem verschwundenen Jefferson Hafen („Little Old Town“), der verschlungenen Dismal Hollow Road („My Sally“) und auch auf den Mond („Tranquility Base“).

Die Texte atmen alle eine gute Mischung aus Nostalgie (zum Beispiel bei dem Train Song über die Baltimore & Ohio Railroad Company) und leiser Ironie - leider ist aber kein Lyric Sheet enthalten. Dennoch merkt man der ganzen CD ein liebevolles Handwerk und ein künstlerisches Ethos an, das in der schnelllebigen Szene (besonders auch in Nashville!) selten zu finden ist.

 

http://redbeetrecords.com/eric-brace-peter-cooper-thomm-jutz


Stills & Collins: Everybody Knows      ****

Cleopatra Records CLO 0691 - USA 2017

10 Tracks - 40:52 Min.

Produced by Stephen Stills, Judy Collins, Alan Silverman & Marvin Etzioni

 

Es war einmal vor ziemlich genau 50 Jahren, da begehrte der junge, schöne Stephen Stills die Folk-Prinzessin Judy Collins so sehr, dass er alle Hebel in Bewegung setzte, um in ihrer Nähe zu sein und sie zu erobern. Das gelang auch insoweit, als er im New Yorker Studio an ihrem Album „Who Knows Where The Time Goes“ als Gitarrist mitarbeiten durfte. Seine Liebe ging so weit, dass er sich zusätzlich noch eines Nachts nur mit einem Tontechniker einsperrte und ganz allein die Songs „Suite: Judy Blues Eyes“, „Judy“ und „Helplessly Hoping“ einspielte (nachzuhören auf der 2007 erschienenen CD „Just Roll Tape“). Leider fand die Romanze kein Happy End, da die Folk-Prinzessin damals mit vielerlei Problemen zu kämpfen hatte und zu einer festen Beziehung nicht bereit war. Da weinte der junge, schöne Stephen Stills bitterlich und schrieb drei Jahre später den Song „So Begins The Task“ mit den Zeilen: „And I must learn to live without you now / As I cannot learn to give only part somehow“. Und die Folk-Prinzessin resümierte wieder ein paar Jahre später in dem Lied “Houses”: “’Come’, you say, ‘come with me, I’m going to the castle / And the bells are ringing, the weddings have begun’ / But I can only stand here, I cannot move to follow / I’m burning in the shadow and freezing in the sun”.

Doch genug der traurigen Vergangenheit! 2017 ist Judy Collins keine Prinzessin mehr, sondern eine gereifte Mit-Siebzigerin und Stephen Stills ist auch nicht mehr ganz so jung und schön, hat aber mit der dritten Ehe seinen Beziehungs-Sturm-und-Drang beendet. Beide sind also bereit, ihre neu gefestigte Freundschaft nun auch musikalisch zu dokumentieren und eine CD unter dem sachlichen Namen „Stills & Collins“ zu produzieren. Das Ergebnis kann sich durchaus hören lassen, denn die immer noch engelsgleiche Stimme von Judy Collins harmoniert prächtig mit dem brüchigen Tenor von Stephen Stills. Dazu sorgt die solide Rhythmus-Sektion mit Kevin McCormick (b) und Tony Beard (dr) dafür, dass die Musik nie zu sehr ins ätherische Folk-Fach abdriftet, wenngleich Keyboarder Russell Walden manches von der Schärfe der Stillsschen Blues-Rock-Gitarre übertüncht. Die Songauswahl reflektiert die - oben skizzierte - musikalische Geschichte der beiden Protagonisten, dazu kommen beachtliche Cover-Versionen wie „Girl From The North Country“ (Bob Dylan), „Handle With Care“ (Travelling Wilburys“) und „Reason To Believe“ (Tim Hardin). Höhepunkt ist zweifellos der Titelsong von Leonard Cohen (und Sharon Robinson), der gleichermaßen zeitlos und hochaktuell in einer gepitchten Rock-Version daherkommt: „Everyboy knows that the boat is leaking / Everybody knows that the captain lied“!

Nachdem das Kapitel Crosby, Stills, Nash & Young endgültig geschlossen zu sein scheint, wäre es gar nicht überraschend, wenn man von Stills & Collins - wenn sie denn nicht gestorben sind - noch mehr hören würde; dann aber bitte mit dem Blick nach vorne!

 

https://www.stephenstillsjudycollins.com/


Rick Shea & The Losin’ End: The Town Where I Live    ****

Tres Pescadores Records (USA 2017)

10 Tracks - 41:49 Min.

Produced by Rick Shea

 

Seit gut dreißig Jahren ist Rick Shea als musikalischer Dienstleister in Sachen Country Rock in Südkalifornien unterwegs und dabei dem Motto treu geblieben: besser big in San Bernadino als eine kleine Nummer in Nashville. So legt er nun sein (hoffentlich richtig gezählt) neuntes Studio-Album vor, das wiederum einen feinen Mix aus geradlinigem Country Roots-Rock mit Tex-Mex- und Folk-Blues-Einflüssen enthält.

Im Mittelpunkt steht er zu Recht selber als Komponist von neun der zehn Titel, als markanter Sänger mit dem typischen Country-Kick in der Stimme und als versierter Arbeiter an verschiedenen Saiteninstrumenten (Gitarre, Pedal Steel, Mandoline, Dobro). Unterstützt wurde er im Studio von seiner langjährigen Backing Band „The Losin‘ End“, bestehend aus dem Multiinstrumentalisten Stephen Pratt (keyb, acc, g) und Dave Hall sowie Steve Mugallan als Rhythmusgruppe. Herausgekommen sind schnörkellose Songs, die sich gekonnt zwischen Tradition („The Road To Jericho“) und Moderne bewegen und die immer wieder an John Fogerty, J. J. Cale, Dave Alvin oder Tom Russell erinnern. Der Titelsong erweckt die besondere Stimmung von Peter Bogdanovichs Film-Klassiker „The Last Picture Show“, jenen Small-Town-Blues, den Rick Shea in die Worte fasst: „You‘ll waste your whole life in the ragged old town“. Bei dem schlichten „Starkville Blues“ erinnert man sich an die Harmonien von „Midnight Special“, und bei dem stimmungsvollen Country Blues „Sweet Little Mama“ schimmert „Corinna, Corinna“ durch. Zwei schöne tanzbare, Up-Tempo-Nummern sind „Hold On Jake“ und “(You’re Gonna Miss Me) When I’m Gone“. In dem Song “The Angel Mary and the Rounder Jim” - wohl das Highlight dieser CD - schildert Rick Shea die qualvolle Beziehung zwischen den Country-Folk-Legenden Mary McCaslin (dem Engel) und Jim Ringer (dem Herumtreiber), dazu steuert Claire Holley gefühlvolle Backing Vocals bei. Das einzige Cover ist eine vom Schlagzeug geliftete Version von „I Guess Things Happen That Way“, das vor allem in der Interpretation von Johnny Cash bekannt wurde.

Wenn es Rick Shea doch einmal in Kalifornien zu langweilig wird, sollte er in Old Europa vorbeischauen - herzlich willkommen!

 

https://www.rickshea.com/


Rusty Young: Waitin‘ For The Sun    ***

Blue Élan (USA 2017)

10 Tracks - 36:44 Min.

Produced by Jack Sundrud & Rusty Young

 

Das nennt man dann wohl Rücktritt vom Rücktritt. Vor drei Jahren kündigte Rusty Young das Ende seiner Live-Aktivitäten und damit eigentlich auch das Ende der legendären Band Poco an. Doch weit gefehlt: Von Kirk Pasich, dem Chef des Labels Blue Élan und bekennendem Country-Rock-Nostalgiker, ließ er sich zu einer Solo-Produktion überreden, die er nun zusammen mit seinen Poco-Kollegen auch live promotet. Und für 2018 sind schon wieder diverse Poco-Termine angekündigt!

Wenn man die zehn Titel der CD anhört (alle von Rusty Young komponiert), muss man feststellen, dass sich nicht viel verändert hat: Rusty Young klingt eben wie Poco, allerdings ohne (leider!) Paul Cotton, denn die Mitstreiter der letzten Jahre, Jack Sundrud und Michael Webb sind in die Studioarbeit massiv involviert gewesen. Für zwei Titel hat Young auch die ganz alten Begleiter eingeladen. Richie Furay und Timothy B. Schmit steuern zu „My Friend“, einem wehmütigen Rückblick auf knapp fünfzig Jahre Musik, süffige Background Vocals und Huhhuhs bei. Jim Messina und George Grantham geben bei der Rockabilly-Nummer „Honey Bee“ ihre Visitenkarte ab. Nur zu Paul Cotton - wie schon oben erwähnt - scheint der Draht abgerissen zu sein.

Leider enthält die CD neben vielen ansprechenden Songs im Mittelteil drei Durchhänger: „Sara’s Song“ ist ein schmalziger Beitrag zu Hochzeit der eigenen Tochter mit manieriertem Falsett-Vibrato, die man besser in der Privatschatulle hätte belassen sollen. „Heaven Tonight“ erschöpft sich in viel zu oft gehörten Mainstream-Klischees und das Instrumental „Seasons“ hört sich an wie pure Warteschleifen-Musik. Am stärksten klingt Rusty Young wenn er die Naturbeobachtungen aus seiner Wohnhütte in Missouri zu einem geradlinigen Song fasst. So geschehen und anzuhören bei „Waitin‘ For The Sun“ (mit deutlichem Beatles-Touch!), „Innocent Moon“ und „Gonna‘ Let The Rain“. Ansonsten wagt keiner aus der Ü-60-Fraktion den Verszeilen zu widersprechen: „Here we are / after all these years / still the same / as we were back when“!

 

http://www.rustyyoungmusic.com/


Jason Isbell and the 400 Unit: The Nashville Sound     *****

Southeastern Records (USA 2017)

10 Tracks - 40:22 Min.

Produced by Dave Cobb

 

Das ist schon kess: da stellt sich Jason Isbell aufrecht und mit geschwellter Brust hin und nennt sein neues Album „The Nashville Sound”. Als ob er dem versammelten Country-Establishment mal zeigen wollte, wie die amerikanische Musik des 21. Jahrhunderts eigentlich gestrickt sein sollte. Und in dem Song „White Man’s World“ gibt er gleich noch eine Erklärung dazu: „Mama wants to change that Nashville sound / but they’re never gonna let her“. Mit der Mama ist sicher Amanada Shires, sein Eheweib und die Mutter seines Kindes, gemeint, die in der - erstmals auf dem Cover genannten - Begleitband „The 400 Unit“ die Fiddle bedient. Es könnte aber auch sein, dass er nur den Namen des RCA-Studios verewigen wollte, in dem er die zehn Songs aufgenommen hat.

Wie auch immer: Jason Isbell hat sich mit seinen letzten drei CDs in die vorderste Linie der American-Roots Music-Künstler katapultiert und bewiesen, dass man auch abseits vom ausgelutschten Nashville-Klischee gute und erfolgreiche Musik machen kann. Mit den ersten sechs Songs steckt er unüberhörbar seinen aktuellen musikalischen Rahmen ab: während bei „Last Of My Kind“ noch der akustische Country-Folk dominiert, wird dann bei „Cumberland Gap“ (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Song von David Rawlings!) harter Power-Country-Rock an die Rampe gefahren. „Tupelo“ ist ein melancholischer Lovesong, der fast als Hommage an Glenn Freys „Lyin‘ Eyes durchgehen könnte. Bei „White Man’s World“ stehen Stones-artige Blues-Riffs im Vordergrund, textlich ist es eine Generalabrechnung mit der Wagenburg-Mentalität der Trump-Wählerschaft. „If We Were Vampires“ ist noch einmal eine Betrachtung der endlichen Zweierbeziehung und mit „Anxiety“ donnert er seine persönlichen Lebensproblem in den Gehörgang des Rezipienten.

Jason Isbells Musik ist endgültig im stilistischen Koordinatensystem zwischen Ryan Adams, Steve Earle und Bruce Springsteen angekommen. Die vergangenen persönlichen Krisen stehen nicht mehr so dominant im Fokus, dafür versucht sich Isbell als kritischer Beobachter der massiven Veränderung im gelobten Land. Er erzählt von den aufgelassenen Kohleminen in Tennessee und von den historischen Verirrungen des weißen Mannes. Damit stellt er sich mit einer gewissen nostalgischen Verklärung in die Tradition der Songwriter des letzten Jahrhunderts und verkörpert Authentizität, Respekt und ehrliche handgemachte Musik. Völlig zu Recht wurde das Album für den Grammy 2018 in der Rubrik Americana / Roots Music nominiert - und hat wohl auch gute Siegchancen!

 

http://www.jasonisbell.com/


Chris Hillman: Bidin‘ My Time    ****

Rounder (USA 2017)

12 Tracks / 33:03 Minuten

Produced by Tom Petty

 

Chris Hillman hat ohne Zweifel den rechten Zeitpunkt abgewartet, die Frage ist nur wofür! Nach 56 Jahren im Musikgeschäft hatte man eher den Eindruck, er wolle sich aus der Szene herausschleichen und nur noch auf dem Schaukelstuhl seine Mandoline zupfen. Auch der Text seines späteren Titelsongs deutet in diese Richtung: “I'm just bidin' my time / It's dust on my saddle it's and clouds in my mind / I'm just bidin' my time / 'till I leave this old city behind“. Doch durch die Überredung seines alten Freundes Herb Pedersen hat er sich noch einmal zu einer CD-Produktion überreden lassen und das nicht zuletzt deswegen, weil der erst vor kurzem verstorbene Tom Petty erklärt hatte, er werde die Aufsicht über das Endprodukt und die Kontrolle über die musikalische Arbeit in seinem Studio übernehmen. Auf diese Weise ist ein bemerkenswertes Album entstanden, das mit 12 Songs die Geschichte Chris Hillmans von den Anfängen bei den Byrds bis heute als hörbare Retrospektive nacherzählt und mit der perfekten Mischung aus Newgrass, Folk-Rock und Country Rock die Basis des heutigen Americana-Sounds ausbreitet. Chris Hillman war eigentlich der geborene Mann der zweiten Reihe, unprätentiös, ohne Superstar-Allüren, dafür mit einem starken religiösen Hintergrund: bei den Byrds zupfte er ab 1964 den Bass und überließ den Frontmännern David Crosby und Roger McGuinn den Platz im Rampenlicht. An diese Zeit erinnern vier Songs (Pete Seegers „The Bells Of Rhymney“, McGuinns „Here She Comes Again“ und „New Old John Robertson“ sowie Gene Clarks „She Don’t Care About Time“), bei denen auch Crosby und McGuinn ihren kleinen Beitrag leisten. Leider wird auf der CD die äußerst kreative Zeit mit Stephen Stills und Manassas (1971 - 1973) nicht in Erinnerung gerufen - Stills hatte wohl mehr damit zu tun, die alten Beziehungen zu Judy Collins zu pflegen? Dass auch die country-poppige Kurz-Periode mit John David Souther und Richie Furay übergangen wird, ist verzeihlich. Der Rest ist fast ein Revival der Desert Rose Band mit dem hervorragenden John Jorgenson an der Gitarre und mit Herb Pedersen als perfekten Harmony-Vokalisten. Nicht vergessen sollte man auch die Rolle des Co-Komponisten Steve Hill, der leider nur einer kleinen Fan-Gruppe bekannt ist, hier aber sich bei fünf Songs die Credits mit Chris Hillman teilt. Abgerundet wird die wirklich sehr hörenswerte CD durch einen Rückblick auf die Anfänge der American Music, auf die Everly Brothers („Walk Right Back“) und durch eine Hommage an den Produzenten Tom Petty („Wildflowers“), der ja auch schon mit seiner Nebenband Mudcrutch bewiesen hat, dass sein Herz am Country Rock hängt. Auch das Thema mit dem Schaukelstuhl und dem staubigen Sattel ist vorerst vergessen: Chris Hillman (73) startete Ende September zur Promotion dieses Albums eine ausgedehnte Tour.

 

http://www.chrishillman.com/


Tedeschi Trucks Band: Let Me Get By       *****

Fantasy (USA 2016)

10 Tracks / 56:23 Min.

Produced by Derek Trucks (Doyle Bramhall II)

 

Wem die legendären Little Feat ein bisschen zu untätig, zu festgefahren sind und wem zuletzt das nervige Piano-Geklimper von Bill Payne auf den Wecker gegangen ist, hat nun eine vollwertige Alternative: die Tedeschi-Trucks-Band. Auf ihrer letzten CD (es ist Band-Veröffentlichung Nr. 3) präsentieren Derek Trucks und seine Ehefrau Susan Tedeschi einen elektrisierenden Stilmix aus Southern Rock, Blues und New Orleans Funk. Wer die Band schon einmal live gehört (und gesehen) hat, weiß, was gemeint ist. Umso erstaunlicher ist es, dass die Akteure dieses kreative Feeling auch 1:1 auf eine Studio-Produktion übertragen konnten. Der Name Derek Trucks lenkt den Blick natürlich auf die Südstaaten-Legende Allman Brothers Band, bei denen Derek zusammen mit seinem Onkel Butch Trucks (gestorben 2017) lange Jahre tätig war und sich dabei einen Ruf als herausragender Gitarrist erspielt hat. Mit dem leicht prolligen und dumpf-patriotischen Southern Rock hat allerdings die teilweise zwölfköpfige schwarz-weiße TT-Big(!)-Band nichts zu tun, sie pflegen einen fast schon intellektuellen Sound, der auch vor jazzigen Ausflügen und punktuellen Solo-Eskapaden (z. B. Kofi Burbridge auf der Querflöte) nicht zurückscheut und dennoch im Kern höchst tanzbar bleibt. Die Basis wird dabei von den Doppel-Drummern J. J. Johnson und Tyler Greenwell gelegt, zu denen Tim Lefebvre einen wunderschönen Bass setzt. Immer wieder stürmt die Dreier-Brass Section ins Geschehen und sorgt für Retro-Soul-Gefühle. Man höre sich in diesem Zusammenhang „I Want More“ an und lasse sich in die Zeit von „Dancing In The Streets“ (Martha And The Vandellas, 1964) versetzen. Die Songs wurden alle von Derek Trucks in Zusammenarbeit mit anderen Bandmitgliedern geschrieben, sind also echtes Work in Progress, meistens länger als die radiotauglichen vier Minuten und dennoch keine Sekunde langweilig. Überlassen wir das Schlusswort der kernig souligen Stimme von Susan Tedeschi: „In every heart there’s a voice / Getting a word throgh all that noise“!

 

http://tedeschitrucksband.com/


John Mellencamp feat. Carlene Carter:

Sad Clowns & Hillbillies                    ***** (für die Musik) * (für die Verpackung)

Republic Records (USA 2017)

13 Tracks / 46:40 Min.

Produced by John Mellencamp

 

Es ist die alte Geschichte von Inhalt und Verpackung. In der kommerz-orientierten Warenwelt bekommen wir oft Dinge, die schön verpackt sind, deren Inhalt sich aber als maßlos (ent)täuschend herausstellt. Genau umgekehrt stellt sich die Situation bei der neuen John-Mellencamp-CD dar: der Inhalt (= die Musik) ist vom Feinsten, der Verpackung aber ausgesprochen schäbig. Das mag dem modernen Audio-Konsumenten, der sich seine digitalen Portionen auf der Festplatte speichert, egal sein; aber der Musikliebhaber hätte für den Preis von ca. 15 € doch gerne etwas mehr als nur einen braunen Pappkarton ohne Songcredits, ohne Lyrics, in dem eine ebenfalls braune Silberscheibe steckt. Da ist auch die ökologische Korrektheit („No plastic“) kein rettendes Argument. Ein verantwortlicher Künstler, der sich dazu noch als ambitionierter Maler sieht, hätte diese schnöde Hülle nie zulassen dürfen! Wer aber den Ärger darüber beiseiteschieben kann, wird mit 13 Songs belohnt, die John Mellencamp auf dem Höhepunkt seiner bisher gut vierzigjährigen Karriere zeigen ( es ist seine 23. Studio-CD!) und die ihn in die Ehrenhalle der großen amerikanischen Alltags-Beobachter (etwa neben Bruce Springsteen, Neil Young und Willie Nelson) stellen. Es war schon immer das ländliche Leben im Heartland der USA, dessen Merkwürdigkeiten Mellencamp - wohnhaft in Indiana - interessierten. Doch anders als seine Protagonisten mutierte er nicht zum dumpfen Trump-Wähler sondern gibt auf der CD sogar mit dem eindringlichen Schluss-Song „Easy Target“ einen kritischen Kommentar zur nach wie vor bestehenden Rassenungleichheit und zur sozialen Ungleichheit ab: „All are created equal / Equally beneath me and you“. Musikalisch ist er ein bisschen von R.O.C.K. in the U.S.A. abgedriftet und nun eher im Lager des countryfizierten Roots-Rock zu verorten. Eine wichtige Rolle im Arrangement spielt die Fiddle von Miriam Sturm, allerdings mit rockiger Verzerrung. Die Stimme von John Mellencamp präsentiert charaktervoll die Folgen eines langen Raucherlebens, in den Duetten mit Carlene Carter und Martina McBride kommt es dabei zu schönen Kontrasten. Als Songwriter ist Mellencamp eine Bank, ein nachdenklicher und durchaus selbstkritischer Porträtist. Besonders hörenswert hierbei das rockige „Grandview“, das teilweise autobiographische „What Kind Of Man Am I?“ und das vorsichtig ironische „Sad Clowns“. Dort finden wir auch ein passendes Schlusswort: „I’m not exactly a young girl’s dream / Cause you figured out that by now / So baby, you’d better think again“.

 

http://www.mellencamp.com/