HÖR.TEST


***** hervorragend    **** hörenswert    *** Licht und Schatten 

** nur bedingtes Vergnügen    * überflüssig


Hardpan           ****

Live im Zentralcafe Nürnberg

15.11.2017

 

Die Addition 1+1+1+1=4 mag mathematisch unproblematisch sein, für musikalische Bandprojekte hat sie nicht immer funktioniert. Schon so manche sogenannte „Supergroup“ ist an der Dissonanz der kreativen Egos gescheitert. Nicht so bei der US-Band Hardpan, die im Nürnberger Zentralcafe eines ihrer raren Gastspiele absolvierte.

Hardpan (der Name bedeutet übrigens „ausgetrockneter Salzsee“) besteht aus vier höchst eigenständigen Singer/Songwritern, die sich vor ca. 15 Jahren eher zufällig trafen, dann auf Betreiben der deutschen Plattenfirma Blue Rose eine CD produzierten und durch Europa tourten. Danach ging wieder jeder seinen Solo-Projekten nach. Doch im März 2017 entschlossen sich Chris Burroughs (aus Tucson/Arizona), Terry Lee Hale (derzeit in Marseille zuhause), Joseph Parsons (aus Philadelphia) und Todd Thibaud (aus Boston) zu einem erneuten gemeinsamen Besuch in einem Studio in New Jersey mit anschließender Tour.

In Nürnberg präsentierte die basisdemokratisch funktionierende Viererbande ihren melodiösen, von akustischen Gitarren geprägten amerikanischen Roots-Rock, der aus einem breiten Songrepertoire aller beteiligter Musiker schöpfen kann. Dazu wechselt im Rotationsprinzip der E-Bass von einem zum anderen, und jeder nimmt auch mindestens einmal an der minimalistischen Drum-Box namens „Jim“ die Besen in die Hand. Was Hardpan aber von der Masse abhebt sind neben dem ausgefeilten Songwriting die mehrstimmigen Vokalharmonien und die originelle Gitarren-Arrangements. Der früher mal angestellte Vergleich mit Crosby, Stills, Nash & Young führt jedoch in die Irre, eher erinnert man sich an vergleichbare Band-Projekte wie The Thorns oder Stonehoney.

Chris Burroughs bringt mit seiner E-Gitarre scharfe Licks und staubtrockenen Wüstenrock, Terry Lee Hale, der eher im meditativen Blues-Rock zu Hause ist, sorgt für abgefahrene Texte und für sägende Sounds an der Dobro. Joseph Parsons und Todd Thibaud stehen in der Tradition der klassischen Songwriter wie Jackson Browne oder James Taylor, bei ihren Liedern darf man auch mal die Augen schließen und still genießen. Mit nur einer Fremdkomposition bestreiten Hardpan einen zweistündigen unterhaltsamen und stets dynamischen Abend: „It Makes No Difference“ von The Band ist gleichzeitig eine Verneigung vor großen Vorbildern der 1970er Jahre sowie ein Lovesong-Klassiker mit Mitsing-Garantie.

Leider fand nur eine überschaubare Zuhörerschar den Weg ins Zentralcafe, die intime Atmosphäre brachte aber - so Chris Burroughs - das, was Live-Musik ausmacht. Wenn allerdings die Band das nächste Album und die nächste Tour erst wieder in 15 Jahren planen sollte, dürfte es für manchen Besucher eng werden. Deshalb sei unbedingt das aktuelle Album „Hardpan“ zum Kauf und zum häuslichen Nachhören empfohlen (Blue Rose BLUDP 700).

 

https://www.hardpan-band.com/


Cathryn Craig & Brian Willoughby: In America ****

Cabritunes CAB 008 (UK 2015)

16 Tracks / 68:47 Min.

Produced by Cathryn Craig & Brian Willoughby

 

Ab dem Jahr 1847 flüchteten Tausende von Iren vor der Hungerkrise im eigenen Land (potato famine) in das gelobte Land Amerika. Denselben Weg machten Cathryn Craig und Brian Willoughby 2015 - allerdings nicht aus Mangel an Lebensmitteln, sondern um im Studio von Thomm Jutz (ebenfalls ein „Flüchtling“, allerdings aus Deutschland!) in Nashville ihre neueste CD aufzunehmen. Im Titelsong erinnern sie an die Geschichte ihrer Landsleute und an deren große Hoffnungen: „the place of free and brave … bluest skies and streets of gold … hope and peace, freedom and liberty“. Dabei sollte aber nicht vergessen werden, dass bei den ursprünglichen Siedlern in Boston und New York keine ausgeprägte Willkommenskultur zu erkennen war, dass vielmehr die armen Iren zunächst mit großer Ablehnung rechnen mussten.

Doch zurück zur Musik: das Ergebnis der Zusammenarbeit von Craig, Willoughby & Jutz ist ein sehr solides und ansprechendes Folk-Album, bei dem allerdings die britischen Wurzeln deutlicher zu finden sind als die Elemente der Country-Metropole Nashville; d.h. mehr tin whistles als pedal steel guitar! Geprägt ist die Musik von der gereiften, aber stets markanten Alt-Stimme von Cathryn Craig (Grüße an Sandy Denny!) und von der präzisen Arbeit an der akustischen Gitarre von Brian Willoughby, der übrigens von 1999 - 2004 Mitglied der bekannten englischen Folk-Rock-Band The Strawbs war. Auf dem Album finden sich überwiegend Eigenkompositionen von Craig und Willoughby, die mittlerweile ein Ehepaar geworden sind, dazu ein paar originelle Covers: z. B. die Hommage an den amerikanischen Freund Brent Moyer („We’re Walking Each Other Home“) und zwei Erinnerungen an die jeweiligen musikalischen Anfänge („You’ve Lost That Lovin‘ Feelin‘“ von den Righteous Brothers und „Those Were The Days“ von Mary Hopkins). Weiter Anspieltipps sind das dynamisch-poppige „Bullet“ und das melancholische „Malahide Moon“. Damit gilt für das sympathische Duo die Textzeile „One more story to be told / One more song to sing“.

 

http://www.craigandwilloughby.com/index.htm


JD & The Straight Shot: Good Luck And Good Night     **

Self-Released (USA 2017)

10 Tracks / 38:09 Min.

Produced by Marc Copely

 

Das ist schon eine außergewöhnliche Kombination: James Dolan, dem Geschäftsführer (CEO) einer Kabel-TV-Gesellschaft und der New Yorker Madison Square Garden Sportvermarktung, wurde es wohl ein bisschen langweilig, so dass er sich entschloss, viel Geld und seine guten Beziehungen in ein Bandprojekt zu investieren, bei dem er als Sänger, Gitarrist und Frontmann seinen musikalischen Hobbies frönen konnte. Auf diese Weise entstand im Jahre 2010 die Band JD & The Straight Shot; auf den deutschsprachigen Raum übertragen wäre das, als ob Uli Hoeneß die Sportfreunde Stiller oder Helmuth Thoma die Band Thoma, Seiler & Speer gegründet hätte.

Mittlerweile hat Dolan mit wechselnden Musikpartnernern sechs CDs produziert, die jedoch eine recht gemischte Resonanz auslösten. Durch seine hervorragenden Business-Connections gelang es ihm aber, als Vorgruppe bei respektablen Live-Acts (Don Henley, Allman Brothers Band - und ganz aktuell: The Doobie Brothers!) eingesetzt zu werden.

Die vorliegende CD verfolgt das Konzept „100 % Acoustic“ und erweist sich als ambitionierter Versuch, sich an die Spuren der Dixie Chicks oder von Civil Wars zu heften. Das Album startet recht schwungvoll mit dem gospelartigen „Redemption Train“, dann aber offenbaren sich zwei gravierende Mängel: die Qualität des Songwriting ist mäßig und die stimmliche Präsenz des Bandleaders äußerst dürftig. Wenn er sich dann als Gruß an seinen toten Freund (?) Glenn Frey an dessen Abschieds-Hymne „It’s Your World Now“ wagt, dann kann man nur über so viel Dreistigkeit jammern - und Mr. Frey müsste darob eigentlich im Grab rotieren! Die Band versucht durch kompetente Instrumental-Arbeit (besonders Erin Slaver an der Fiddle und Marc Copely an diversen Gitarren) zu retten, was zu retten ist - schließlich heißt es ja im Abschlusssong „no one can make it here alone“. Da uns aber James Dolan weiter mit seiner vokalen Impertinenz nervt, ist dieser Versuch nur gut gemeint - aber nicht gut! Und Franz Beckenbauer hat ja auch irgendwann mal eingesehen, dass er besser Fußballspielen als singen kann!

 

https://www.jdandthestraightshot.com/


Chris Hillman: Bidin‘ My Time    ****

Rounder (USA 2017)

12 Tracks / 33:03 Minuten

Produced by Tom Petty

 

Chris Hillman hat ohne Zweifel den rechten Zeitpunkt abgewartet, die Frage ist nur wofür! Nach 56 Jahren im Musikgeschäft hatte man eher den Eindruck, er wolle sich aus der Szene herausschleichen und nur noch auf dem Schaukelstuhl seine Mandoline zupfen. Auch der Text seines späteren Titelsongs deutet in diese Richtung: “I'm just bidin' my time / It's dust on my saddle it's and clouds in my mind / I'm just bidin' my time / 'till I leave this old city behind“. Doch durch die Überredung seines alten Freundes Herb Pedersen hat er sich noch einmal zu einer CD-Produktion überreden lassen und das nicht zuletzt deswegen, weil der erst vor kurzem verstorbene Tom Petty erklärt hatte, er werde die Aufsicht über das Endprodukt und die Kontrolle über die musikalische Arbeit in seinem Studio übernehmen. Auf diese Weise ist ein bemerkenswertes Album entstanden, das mit 12 Songs die Geschichte Chris Hillmans von den Anfängen bei den Byrds bis heute als hörbare Retrospektive nacherzählt und mit der perfekten Mischung aus Newgrass, Folk-Rock und Country Rock die Basis des heutigen Americana-Sounds ausbreitet. Chris Hillman war eigentlich der geborene Mann der zweiten Reihe, unprätentiös, ohne Superstar-Allüren, dafür mit einem starken religiösen Hintergrund: bei den Byrds zupfte er ab 1964 den Bass und überließ den Frontmännern David Crosby und Roger McGuinn den Platz im Rampenlicht. An diese Zeit erinnern vier Songs (Pete Seegers „The Bells Of Rhymney“, McGuinns „Here She Comes Again“ und „New Old John Robertson“ sowie Gene Clarks „She Don’t Care About Time“), bei denen auch Crosby und McGuinn ihren kleinen Beitrag leisten. Leider wird auf der CD die äußerst kreative Zeit mit Stephen Stills und Manassas (1971 - 1973) nicht in Erinnerung gerufen - Stills hatte wohl mehr damit zu tun, die alten Beziehungen zu Judy Collins zu pflegen? Dass auch die country-poppige Kurz-Periode mit John David Souther und Richie Furay übergangen wird, ist verzeihlich. Der Rest ist fast ein Revival der Desert Rose Band mit dem hervorragenden John Jorgenson an der Gitarre und mit Herb Pedersen als perfekten Harmony-Vokalisten. Nicht vergessen sollte man auch die Rolle des Co-Komponisten Steve Hill, der leider nur einer kleinen Fan-Gruppe bekannt ist, hier aber sich bei fünf Songs die Credits mit Chris Hillman teilt. Abgerundet wird die wirklich sehr hörenswerte CD durch einen Rückblick auf die Anfänge der American Music, auf die Everly Brothers („Walk Right Back“) und durch eine Hommage an den Produzenten Tom Petty („Wildflowers“), der ja auch schon mit seiner Nebenband Mudcrutch bewiesen hat, dass sein Herz am Country Rock hängt. Auch das Thema mit dem Schaukelstuhl und dem staubigen Sattel ist vorerst vergessen: Chris Hillman (73) startete Ende September zur Promotion dieses Albums eine ausgedehnte Tour.

 

http://www.chrishillman.com/


Venice: Into The Morning Blue       ***

Lennon Records LR 1019 (USA 2017)

8 Tracks / 31:58 Min.

Produced by Michael Lennon

 

Mit schöner Regelmäßigkeit füllen die vier Lennon-Verwandten Michael, Mark, Kipp und Pat ihre südkalifornische Lebensfreude in wohlklingende Pop-Song-Hülsen und präsentieren dazu ihre sonnengebräunten Gesichter auf dem inneren CD-Deckel. Auf der neuesten CD liefern sie wieder den Beweis ihrer außergewöhnlichen Vokal-Harmonien und einer stets geschmackvollen Instrumentierung. Aber, liebe langjährige Freunde, irgendetwas fehlt! Die Kompositionen sind ein bisschen zu glatt und rutschen manchmal schon in den Bereich von Romantik-Musical oder Hintergrund-Beschallung ab. Dass Venice immer wieder als mögliche Nachfolger der Eagles gehandelt wurden, erweist sich nun als Trugschluss: seit ihrem phänomenalen ersten Album, das 1990 erschienen ist, haben sie leider konsequent ihre rockige Kante abgeschliffen und sind damit im Niemandsland des flockigen Soft-Pop gelandet. Auch textlich trauen sie sich nicht mehr viel zu: als Themen favorisieren sie den eigenen Familien-Clan (mit den unausweichlichen Todesfällen), die postmaterielle Ideologie vom glücklichen Leben ohne viel Geld („Wealthy Man“) und natürlich die Liebe („Suddenly You Walked In“ klingt dabei besonders Klischee-gesättigt). Die magere Spielzeit von gut dreißig Minuten hätte man mit einigen schwungvollen Up-Tempo-Nummern durchaus noch aufpeppen können! Der beste Song steht - wie meist - an zweiter Stelle, er hat ohne Frage Hitpotential, doch für den Betrachter der gesamten CD muss der Titel diesmal mit einem entschiedenen Fragezeichen versehen werden: „Doesn’t Get Any Better Than This“. Wer aber die Chance hat, Venice live zu sehen (das ist außerhalb der US-Westküste und den Niederlanden recht schwierig), sollte dies unbedingt nutzen, denn auf der Bühne entfalten sie erst richtig ihre instrumentelle und stimmliche Power!

 

http://www.venicetheband.com/


Tedeschi Trucks Band: Let Me Get By       *****

Fantasy (USA 2016)

10 Tracks / 56:23 Min.

Produced by Derek Trucks (Doyle Bramhall II)

 

Wem die legendären Little Feat ein bisschen zu untätig, zu festgefahren sind und wem zuletzt das nervige Piano-Geklimper von Bill Payne auf den Wecker gegangen ist, hat nun eine vollwertige Alternative: die Tedeschi-Trucks-Band. Auf ihrer letzten CD (es ist Band-Veröffentlichung Nr. 3) präsentieren Derek Trucks und seine Ehefrau Susan Tedeschi einen elektrisierenden Stilmix aus Southern Rock, Blues und New Orleans Funk. Wer die Band schon einmal live gehört (und gesehen) hat, weiß, was gemeint ist. Umso erstaunlicher ist es, dass die Akteure dieses kreative Feeling auch 1:1 auf eine Studio-Produktion übertragen konnten. Der Name Derek Trucks lenkt den Blick natürlich auf die Südstaaten-Legende Allman Brothers Band, bei denen Derek zusammen mit seinem Onkel Butch Trucks (gestorben 2017) lange Jahre tätig war und sich dabei einen Ruf als herausragender Gitarrist erspielt hat. Mit dem leicht prolligen und dumpf-patriotischen Southern Rock hat allerdings die teilweise zwölfköpfige schwarz-weiße TT-Big(!)-Band nichts zu tun, sie pflegen einen fast schon intellektuellen Sound, der auch vor jazzigen Ausflügen und punktuellen Solo-Eskapaden (z. B. Kofi Burbridge auf der Querflöte) nicht zurückscheut und dennoch im Kern höchst tanzbar bleibt. Die Basis wird dabei von den Doppel-Drummern J. J. Johnson und Tyler Greenwell gelegt, zu denen Tim Lefebvre einen wunderschönen Bass setzt. Immer wieder stürmt die Dreier-Brass Section ins Geschehen und sorgt für Retro-Soul-Gefühle. Man höre sich in diesem Zusammenhang „I Want More“ an und lasse sich in die Zeit von „Dancing In The Streets“ (Martha And The Vandellas, 1964) versetzen. Die Songs wurden alle von Derek Trucks in Zusammenarbeit mit anderen Bandmitgliedern geschrieben, sind also echtes Work in Progress, meistens länger als die radiotauglichen vier Minuten und dennoch keine Sekunde langweilig. Überlassen wir das Schlusswort der kernig souligen Stimme von Susan Tedeschi: „In every heart there’s a voice / Getting a word throgh all that noise“!

 

http://tedeschitrucksband.com/


Roseline: Blood ****

Roseline Music (USA 2017)

12 Tracks / 50:24 Min.

Produced by Colin Haliburton

 

Bei so einem Cover muss man Acht geben, dass man nicht in die rechte Blood-And-Honour-Ecke gestellt und als Alt-Right statt als Alt-Country eingestuft wird. Doch Colin Haliburton, der Kopf der „Band“ Roseline ist über derartige Verdächtigungen erhaben und präsentiert ein stimmiges Americana-Album mit einem Schuss New-Pop, das im Mittleren Westen, genauer in der Heimatstadt Lawrence, Kansas aufgenommen wurde. Die 12 von Colin Haliburton komponierten Songs atmen eine relaxte Stimmung, die manchmal an den frühen Neil Young, an die alten Jayhawks oder an Whiskeytown erinnern. Zu seiner angenehmen, soften Stimme und seiner akustischen Gitarre bilden das Piano von Ehren Starks und die verschiedenen Gitarren von Jeff Jackson (oftmals Pedal steel!) eine runde Ergänzung. Das mittlerweile fünfte Album von Haliburton entpuppt sich als sein bislang stilistisch geschlossenstes und vom Songwriting ambitioniertestes. Anspieltipps sind der flotte Auftakt („Hurry Up And Wait“) sowie das fast schon beatleske „How To Be Kind“ oder das modern-bluegrassige „Maze Of Glass“. Am Ende rutscht Haliburton in ein etwas arg langsames Fahrwasser, hier wären ein paar Uptempo-Nummern mehr erwünscht gewesen. Dank einer Money-Raising-Aktion ist dieses Album - und ein Werbe-Video - erst herausgekommen, jetzt hofft Colin Haliburton auf breite Resonanz - das ist ihm ohne jeden Zweifel zu wünschen!

 

http://www.roselinemusic.com/home


Shannon McNally: Black Irish ****

Compass Records (USA 2017)

12 Tracks / 43:13 Min.

Produced by Rodney Crowell

 

Es kann nie schaden, wenn man gute Beziehungen hat. Shannon McNally war nach mehreren - unterschiedlich erfolgreichen - CD-Produktionen als alleinerziehende Mutter und als Pflegerin ihrer kranken Mutter schon ein bisschen abgelenkt vom Musik-Business, als John Leventhal, der Ehemann von Rosanne Cash, den Namen McNally als Empfehlung an Rodney Crowell, den Ex-Ehemann von Rosanne Cash, weiterleitete. Crowell hörte sich Shannon in ihrem Wohnort Holly Springs, Mississippi an und war beeindruckt - nicht nur wegen ihrer Stimme und ihrer Eigenkompositionen sondern auch wegen ihres geschmackvollen Spiels auf der Fender Stratocaster. So entstand schon ab 2013 der Plan eines neuen Albums unter der musikalischen Regie von Rodney Crowell. Vier Jahre später kann man nun „Black Irish“ anhören und wird Zeuge einer geschmackvollen Zeitreise durch die Südstaaten mit einem passenden Stilmix aus Blues, Rock, Country und Gospel, der gewaltig an die besten Zeiten einer Bonnie Raitt erinnert. Leider finden sich unter den 12 Songs nur drei eigene Werke von Shannon McNally, der Rest sind Klassiker von J.J. Cale („Low Rider“), Robbie Robertson („It Makes No Difference“), Muddy Waters („The Stuff You Gotta Watch“), Susanna Clark („Black Haired Boy“) und Stevie Wonder („I Ain’t Gonna Stand It“). Die CD wird eingeleitet von einer hübschen Sympathieerklärung des Produzenten Crowell an seine Sängerin („You Made Me Feel For You”) und beendet von einem schwungvollen Gospel der Staple Singers: „Let’s Go Home”. Bei den drei Eigenkompositionen sticht „Banshee Moan“ als eindringlicher Folksong hervor, in dem Shannon McNally ihre Erfahrungen als Frau im männer-dominierten Musik-Gewerbe beschreibt. Mit „Roll Away The Stone“ könnte sie sich als Background-Sänger für die nächste (?) Stones-Tournee bewerben. Und bei „I Went To The Well“ darf sie auch auf der Gitarre brillieren. Es bleibt also zu hoffen, dass Shannon McNally mit dieser CD den entscheidenden Kick erhält und noch einmal voll durchstartet.

 

http://compassrecords.com/shannon-mcnally-release-black-irish-june-9-via-compass-records-haunting-anthem-banshee-moan-now/

http://www.shannonmcnally.com/


John Mellencamp feat. Carlene Carter:

Sad Clowns & Hillbillies                    ***** (für die Musik) * (für die Verpackung)

Republic Records (USA 2017)

13 Tracks / 46:40 Min.

Produced by John Mellencamp

 

Es ist die alte Geschichte von Inhalt und Verpackung. In der kommerz-orientierten Warenwelt bekommen wir oft Dinge, die schön verpackt sind, deren Inhalt sich aber als maßlos (ent)täuschend herausstellt. Genau umgekehrt stellt sich die Situation bei der neuen John-Mellencamp-CD dar: der Inhalt (= die Musik) ist vom Feinsten, der Verpackung aber ausgesprochen schäbig. Das mag dem modernen Audio-Konsumenten, der sich seine digitalen Portionen auf der Festplatte speichert, egal sein; aber der Musikliebhaber hätte für den Preis von ca. 15 € doch gerne etwas mehr als nur einen braunen Pappkarton ohne Songcredits, ohne Lyrics, in dem eine ebenfalls braune Silberscheibe steckt. Da ist auch die ökologische Korrektheit („No plastic“) kein rettendes Argument. Ein verantwortlicher Künstler, der sich dazu noch als ambitionierter Maler sieht, hätte diese schnöde Hülle nie zulassen dürfen! Wer aber den Ärger darüber beiseiteschieben kann, wird mit 13 Songs belohnt, die John Mellencamp auf dem Höhepunkt seiner bisher gut vierzigjährigen Karriere zeigen ( es ist seine 23. Studio-CD!) und die ihn in die Ehrenhalle der großen amerikanischen Alltags-Beobachter (etwa neben Bruce Springsteen, Neil Young und Willie Nelson) stellen. Es war schon immer das ländliche Leben im Heartland der USA, dessen Merkwürdigkeiten Mellencamp - wohnhaft in Indiana - interessierten. Doch anders als seine Protagonisten mutierte er nicht zum dumpfen Trump-Wähler sondern gibt auf der CD sogar mit dem eindringlichen Schluss-Song „Easy Target“ einen kritischen Kommentar zur nach wie vor bestehenden Rassenungleichheit und zur sozialen Ungleichheit ab: „All are created equal / Equally beneath me and you“. Musikalisch ist er ein bisschen von R.O.C.K. in the U.S.A. abgedriftet und nun eher im Lager des countryfizierten Roots-Rock zu verorten. Eine wichtige Rolle im Arrangement spielt die Fiddle von Miriam Sturm, allerdings mit rockiger Verzerrung. Die Stimme von John Mellencamp präsentiert charaktervoll die Folgen eines langen Raucherlebens, in den Duetten mit Carlene Carter und Martina McBride kommt es dabei zu schönen Kontrasten. Als Songwriter ist Mellencamp eine Bank, ein nachdenklicher und durchaus selbstkritischer Porträtist. Besonders hörenswert hierbei das rockige „Grandview“, das teilweise autobiographische „What Kind Of Man Am I?“ und das vorsichtig ironische „Sad Clowns“. Dort finden wir auch ein passendes Schlusswort: „I’m not exactly a young girl’s dream / Cause you figured out that by now / So baby, you’d better think again“.

 

http://www.mellencamp.com/


Ehre, wem Ehre gebührt! Bei einem emeritierten Universitätsprofessor heißt das Festschrift, beim verstorbenen Politiker Staatsbegräbnis, in der Musik-Branche Tribute Album. Dafür muss man sich dann normalerweise entweder aus dem Geschäft zurückgezogen haben oder tot sein. In unserem Fall können wir an zwei Beispielen recht deutlich beweisen, wie das Sinn macht - oder eher nicht.

Various Artists: Gentle Giants:

The Songs Of Don Williams **

Slate Creek Records (USA 2017)

Produced by Garth Fundis

11 Tracks - 41:51 Min.

 

Bei Don Williams ist der Anlass die Tatsache, dass der 78jährige nach einer Hüftoperation seinen endgültigen (?) Rückzug von öffentlichen Auftritten erklärt und damit eine etwa fünfzig Jahre währende Karriere beendet hat. Aber schon der Titel dieser CD, die sein langjähriger Begleiter Garth Fundis organisiert und produziert hat, ist eine halbe Irreführung, denn es handelt sich überwiegend nicht um Songs von Don Williams sondern um Songs vom Fremdkomponisten, die er mit seiner Interpretation in die Hitparaden gebracht hat (an erster Stelle die Klassiker „Some Broken Hearts Never Mend“ und „Tulsa Time“). Dabei entwickelte er einen Soft-Country-Stil, der bezeichnenderweise in England und in Deutschland noch etwas besser ankam als in seiner Heimat - zu Recht darf man bei Don Williams von einer schleichenden Roger-Whittakerisierung sprechen. Die Liste der singenden Tribut-Ehrengäste (z. B. Garth Brooks, Alison Krauss, Jason Isbell) ist beeindruckend, doch wenn dem originalen Schmalz nur noch eine Zusatzportion Süßstoff aufgedrückt wird, bleibt der Genuss fragwürdig. Allein der lakonische Beitrag von John Prine („Love Is On A Roll“) verdient Beachtung, ganz schlimm dagegen die verbrüllte „Amanda“ von Chris Stapleton! Somit hat also immerhin das Hausfrauen-Nachmittags-Radio in den USA noch einmal eine Möglichkeit, die Musik des sanften Riesen in kompakter Form abzuspielen.

 

http://www.slatecreekrecords.com/

Various Artists: Treasure Of The Broken Land: The Songs Of Mark Heard       ****

Storm Weathered Records SWR 001 (USA 21ß017)

Produced by Phil Madeira & Jeff Grantham

18 Tracks - 72:44 Min.

 

Ganz anders liegt der Fall bei Mark Heard: hier ist es gelungen, eine würdige Erinnerung an den 1992 nach einem Schlaganfall auf der Bühne verstorbenen Musiker herzustellen, pünktlich zum 25. Todesjahr! Der Bekanntheitsgrad von Mark Heard dürfte sich (besonders in Deutschland) in Grenzen halten, er war ein ambitionierter Musiker aus Glendale CA, der sich aber nie in eine Kommerz-Schablone pressen ließ. Seine christliche Einstellung (beeinflusst durch den Philosophen Francis Schaeffer) verschaffte ihm für ein paar Jahre einen Vertrag mit dem religiösen Label Home Sweet Home, doch auch hier blieb er ein Außenseiter und wurde niemals ein naiver Fundamentalist. Musikalisch ist er verwurzelt im Country Rock der 1980er Jahre, ganz wichtig war für ihn sein eigenes Studio (Fingerprint Recorder), das ihm die nötigen künstlerischen Freiheiten verschaffte. Der langjährige Edel-Fan Jeff Grantham hat nun Phil Madeira (von den Red Dirt Boys) beauftragt, nach Künstlern zu suchen, die für das Tribute-Album einen Mark-Heard-Song interpretieren. Herausgekommen ist eine beeindruckende Kompilation mit vielen der kreativen Namen aus der jungen Nashville-Szene: z. B. Matt Haeck, Birds Of Chicago, Drew Holcomb, Buddy Miller, um nur ein paar bekanntere zu nennen. Sogar Altmeister und Grandseigneur Rodney Crowell ließ sich nicht lumpen und steuerte eine relaxte Version des Songs „Nod Over Coffee“ bei. Bei vielen Titeln liefern die Red Dirt Boys, die auch die aktuelle Begleitband von Emmylou Harris sind, einen ausdrucksstarken Background. Somit also eine hochinteressante Erinnerung an einen weitgehend vergessenen Musiker des letzten Jahrhunderts, der über sein Songwriting ganz schlicht sagte: „Das ist für mich die moderne Art der Steinzeit-Höhlenzeichnung mit der Botschaft: Ich war hier!“.

 

http://www.markheard.net/

https://www.treasureheard.com/


Rodney Crowell: Close Ties ****

New West Records NW 6354 (USA 2017)

10 Tracks - 43:41 Min.

Produced by Jordan Lehning & Kim Buie

 

In einem Interview hat Rodney Crowell kürzlich erklärt, das für ihn (im Alter von 66 Jahren) die Zeit der romantischen Lovesongs vorbei sei. Somit ist auch nicht verwunderlich, dass er in seinem neuen Album „Close Ties“ das Thema „Beziehungen“ in einem ganz anderen Kontext betrachtet. Er erzählt durchaus selbstkritisch von gescheiterter Zweisamkeit („Reckless“, „Forgive Me Annabelle“) und meint damit sicher auch zum Teil seine Ex-Frau Rosanne Cash. Ein ganz besonderer Fall war sein Verhältnis zu Susanna Clark („A self-sure bastard and a stubborn bitch“), der Frau von Guy Clark, die 2012 gestorben ist und deren langsamen Verfall er mit großer Anteilnahme beobachtet hat („Life Without Susanna“). Genauso nüchtern betrachtet er rückblickend seine ersten Jahre als Songwriter in Nashville („Nashville 1972“), wo er als junger Spund glaubte, dem „alten“ Willie Nelson zeigen zu müssen, wie man einen guten Song schreibt. Heute trauert er dieser Zeit des Aufbruchs etwas nostalgisch nach: „Things have changed round here, but it don’t seem much better yet“. Da er die CD auch noch mit einem Blick auf seine problematische Jugendzeit in Houston beginnt („East Houston Blues“), kann man ohne Zweifel sagen, dass dies seine persönlichste, offenste und gereifteste Song-Sammlung ist. Musikalisch bleiben keine Wünsche offen, die Studiomusiker um Steuart Smith, Michael Rhodes und Jordan Lehning zelebrieren den geschmackvollen Background für Crowells markante Stimme und für seine Songs, die den Bogen von Country, Blues bis Folk spannen - mal eher akustisch mit dezenter String-Begleitung, mal im kompletten Rock-Arrangement. Hörenswerte Gastauftritte gibt es von Sheryl Crow, Rosanne Cash und John Paul White. Und damit am Ende nicht eine larmoyante „Life-is-messy-Stimmung“ überhandnimmt, gibt Crowell in der Mitte des Albums noch einen abgeklärten Mutmacher zum Thema „Jeder hat eine zweite Chance“ mit auf den Weg: „It Ain’t Over Yet“. Darin heißt es motivierend: „You can get up off the mat or you can lay there till you die“. Bleib also stehen, Rodney, damit wir noch mehr solche Botschaften hören!

 

https://www.rodneycrowell.com/home


v.l.: Steve Lauri (g), Peter Howarth (voc), Tony Hicks (g), Bobby Elliott (dr)
v.l.: Steve Lauri (g), Peter Howarth (voc), Tony Hicks (g), Bobby Elliott (dr)

The Hollies ****

Live im Serenadenhof Nürnberg

Donnerstag, 25.5.2017

 

Wenn es eine Medaille für langjährige Dienste an Gitarre und Schlagzeug sowie für ununterbrochene Mitgliedschaft in einer (!) Band gäbe, so wären Tony Hicks und Bobby Elliott prädestinierte Kandidaten: seit 1963 - also seit etwa 54 Jahren - prägen sie das musikalische Gesicht der Hollies (erfahrene Musik-Kenner dürfen gerne rätseln, wer diese Werte bei einer anderen Rockband noch knapp übertrifft!). Die Hollies, die sich nach ihrem großen Vorbild Buddy Holly den Namen gaben (man überlege, was passiert wäre, wenn sich die Beatles „The Berries“ genannt hätten!), schwammen höchst erfolgreich im britischen Beat-Boom der 60er Jahre mit, hatten 23 aufeinanderfolgende Single-Hits, mussten sich aber vom gestrengen Rock-Lexikon des Siegfried Schmidt-Joos attestieren lassen, sie produzierten „leichtgewichtigen Rock zwischen naivem Bubblegum-Getöse und seichter Kunstfertigkeit“.

Heute stehen (oder sitzen!) sie entspannt in schwarzen Hosen, weißen Hemden und (vor der Pause) gestreiften Krawatten - eine feine Reminiszenz an den Beat-Dresscode der frühen 60er - auf der Bühne und präsentieren ein rundes Live-Programm, das mit dem Titel „Best Of“ selbsterklärend beschrieben ist. So ergibt sich eine Perlen-Kette unvergessener Hits ohne Verfallsdatum, von „Just One Look“ über „Sorry Suzanne“, „Carrie Anne“ und Bus Stop“ bis zu den jüngsten Klassikern „Long Cool Woman In A Black Dress“, „He Ain’t Heavy, He’s My Brother“ und „The Air That I Breathe“ - letzterer komponiert von Albert Hammond, der am 11. Juni seine Aufwartung in Nürnberg machen wird.

Ein Alleinstellungsmerkmal haben sich die Hollies ungeachtet mancher Personalwechsel über die Jahre erhalten: der makellose mehrstimmige Gesang von Peter Howarth, Tony Hicks und Steve Lauri, der trotz der vom Soundmischer großzügig verteilten Hall- und Echo-Effekte überzeugend rüberkommt. Gleichzeitig offenbart die Songliste aber auch ein kleines Problem, denn nur ein einziger Titel ist später als 1974 veröffentlicht worden: das pop-rockige „Weakness“ aus dem Jahre 2005. Seit den Abgängen von Graham Nash und Allan Clarke ist außerdem das kreative Potenzial der Band arg gebeutelt worden, sodass sie für neue Produktionen auf Fremdkompositionen angewiesen sind. Doch was soll’s: die Ü-60-Combo (nur Sänger Peter Howarth drückt etwas den Altersdurchschnitt) ist gut drauf, bekennt sich zu ihrem Oldie-Status, punktet mit hintergründiger britischer Selbstironie und ruft bei vielen Anwesenden wehmütige Erinnerungen an frühere Kellerparties wach. Und wenn man den Titel ihrer letzten CD „Then, Now Always“ (2009) ernst nimmt, dann könnte noch so manches runde Band-Jubiläum anstehen.

 

http://www.hollies.co.uk/


Gerry Spehar: I Hold Gravity    *****

Self-Released (USA 2017)

11 Tracks - 42:31 Minuten

Produced by Paul Lacques & Gerry Spehar

 

Das ist die außergewöhnliche Geschichte von Gerry Spehar, den man spay-har ausspricht, den kaum jemand kennt und der nach einer Pause von mindestens 30 Jahren plötzlich ein unerwartetes, fast sensationelles Album vorlegt. Dahinter steckt eine sehr abwechslungsreiche Lebensgeschichte, die von Colorado in die französische 68er-Revolution und dann zu einem seriösen Bankjob in Los Angeles führte. Immer wieder hat Gerry dazwischen die Gitarre in die Hand genommen und zum Beispiel mit seinem Bruder George ein lokal bekanntes Duo gegründet. In L.A. hatte er Kontakte mit George Massenburg, Greg Leisz und anderen Szene-Größen, doch der Brotberuf ließ ihm zu wenig Zeit für ein musikalisches Ganztags-Treiben. So mussten viele Songs bis zur Rente und bis zu einem ausschlaggebenden Treffen mit den Musikern von „I See Hawks In L.A.“ warten, um doch noch das Licht der Öffentlichkeit zu erreichen. Spehar bezeichnet die 11 Songs als einen Soundtrack der Reisen, die er hauptsächlich mit seiner Frau Susan unternommen hat. So erzählt er von den Ölfeldern in Texas („Dirt“), von den Weinbergen im Nappa Valley („Muleshoe Mules“), von legendären Show-Catchern, die in Colorado aufgetreten sind („Be Nemanic“), von Fischzügen im Golf von Mexiko („Here In The Pass“) und von den Sorgen der Bauern in Iowa (Mr. & Mrs. Jones“).

Die Musik von Gerry Spehar ist in den Traditionen des kalifornischen Singer/Songwriter-Rock und des Modern Folk der Rockies verwurzelt, er erinnert immer wieder an Jack Tempchin oder gar an Warren Zevon, ohne aber den kruden Zynismus des letzteren aufzugreifen. Stimmlich liegt er etwa auf der Spur eines Larry Lee (einstmals bei den „Ozark Mountain Daredevils“, jetzt der Kopf von „Beyond Reach“). Am Ende der Produktion starb seine Frau Susan an Krebs, nicht zuletzt deshalb ist das Thema Tod auch in einigen Songs präsent: in dem leicht ironischen „How You Get To Heaven From L.A.“ heißt es sehr weltlich: „Seek absolution every day / In your own way“. Das eigene Ende wird in „God Lubbock“ schmucklos erläutert: „Dig a hole in the Dust Bowl out on the Lone Prairie / And let the wind blow over me“. Und seiner Frau verspricht er im Titelsong der CD, dass er mit beiden Beinen auf der Erde bleiben will: „I Hold Gravity”. So könnte für Gerry Spehar die neue Hauptbeschäftigung auch eine Art kreative Trauerarbeit sein, zu der man nur alles Gute wünschen kann.

 

https://www.gerryspehar.com/


Railroad Earth: Last Of The Outlaws ****

Black Bear Records (USA 2014)

9 Tracks - 70:31 Minuten

Produced by Railroad Earth

 

Seit 16 Jahren ist Railroad Earth als sechsköpfige Newgrass-Truppe unterwegs und dabei immer für eine Überraschung gut. War in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts die Gruppe Seldom Scene ein Vorreiter für die Auflösung der traditionellen Grenzen des Bluegrass (indem sie keine Scheu vor Rock- oder Pop-Songs hatten), so könnte Railroad Earth zum Merkzettel werden, wie Bluegrass im 21. Jahrhundert weiterleben will. Die Mannen aus New Jersey um Todd Sheaffer haben allerdings einen anderen Ansatz zur Neuerung: sie betonen trotz der Bluegrass-Instrumente (Geige, Mandoline, Banjo, akustische Gitarren) das Rock-Arrangement mit Bass und Schlagzeug und lassen sich immer wieder in ausgedehnte Jam-Passagen treiben. Oder mit den knappen Worten der Bandmitglieder formuliert: „Wir spielen Rock auf akustischen Instrumenten“ oder „Wir sind eine verstärkte String Band mit Bass und Drums“. Während bei ihrem nunmehr siebten Album das Auftaktstück „Chasin‘ A Rainbow“ in der Songstruktur noch recht konventionell daherkommt und auch im Repertoire der Desert Rose Band oder von Loafer’s Glory Platz hätte, folgen dann zwei Titel, die sehr lang und fast ein bisschen improvisatorisch ausgespielt werden (6:31 und 8:56 Minuten dank gestreckter Endings). Der eigentliche Knaller kommt aber in der Mitte des Albums mit einer über zwanzigminütigen suitenartigen Liturgie, die klingt als hätten sich Railroad Earth zusammen mit David Crosby, Bruce Hornsby und Jerry Garcia zum Musizieren in ein Benediktinerkloster eingeschlossen. Unter dem Leitthema „All That’s Dead May Live Again / Face With A Hole“ (und mit schönen lateinischen Untertiteln!) hört man nach einem Celtic-Folk-Intro fast jazzorientierte Instrumentals mit leicht meditativem Charakter. Das Besondere aber ist: es wird nie langweilig, die Musik packt den Zuhörer sehr emotional. Danach kommen wieder gängigere Songs wie das flotte „Monkey“, das auch auf ein Album von Tom Petty oder Jackson Browne passen würde. „Hangtown Ball“ ist ein nostalgischer Rückblick in die Zeit des Gold Rush um 1849 und mit „Take A Bow“ ist der Band ein höchst stimmungsvoller Schlusspunkt gelungen. Wer also wissen will, wie intellektuell angehauchter Ostküsten-Newgrass des 21. Jahrhunderts klingen sollte, ist mit dieser CD bestens bedient.

 

http://railroad.earth


Brent Moyer: Music Tells The Truth     ****

Brambus Records 201790-2 - Schweiz 2017

12 Tracks - 39:56 Minuten

Produced by Brent Moyer

 

Seit gut 30 Jahren ist der in Nashville beheimatete Gitarrist und Singer/Songwriter Brent Moyer musikalisch weltweit unterwegs, sodass sein Kampfname „The Global Cowboy“ durchaus berechtigt ist. Besonders gute Freunde hat er in der Schweiz bei dem Plattenlabel Brambus Records, die nun bereits seine sechste CD (seit 1996) in ihren Katalog aufgenommen haben. Auf dem neuen Album bietet Moyer einen sympathischen, sehr entspannten Retro-Country / Folk-Sound, der in seinen besten Momenten an Jesse Winchester, Tom Rush oder Rodney Crowell erinnert. Bei zwei bis drei „Ausrutschern“ nähert er sich allerdings gefährlich der Seichtigkeit von Smokie („Kay, Que Pasa“) oder gar Roger Whittaker („So Much“)! Brent Moyer hat eine angenehm soulige Stimme und seine Gitarren-Licks sind stets geschmackvoll in das einfache Gesamt-Arrangement integriert. Etwas aus dem stilistischen Rahmen fällt das swingende „Dig Two Graves“, eine Kooperation mit Anne McCue, bei der Erinnerungen an Gypsy Jazz geweckt werden. Interessant hört sich auch die Zusammenarbeit mit dem Ex-Strawbs-Gitarristen Brian Willoughby und dessen Partnerin Cathryn Craig bei dem Song „We’re Walking Each Other Home“ an, die übrigens ihrerseits bei Thomm Jutz in Nashville ein sehr schönes Album eingespielt haben („In America“). Meistens bewegt sich Brent Moyer ganz relaxed auf der „Easy Side“ und kann auch einem laid back Lifestyle, wie er in Florida gepflegt wird, viel abgewinnen: „On Captiva“ (diesen Song und das zugehörige Video sollte sich der dortige Tourismusverband mal anschauen!). Wenn sich also der Global Cowboy wieder einmal zu einem seiner regelmäßigen Live-Besuche in Europa aufmacht, wäre ein Konzertbesuch in jedem Fall anzuraten.

 

http://www.brambus.com/


Blackberry Smoke: Like An Arrow     ****

Earache MOSH574 - USA 2016

12 Tracks - 46:53 Minuten

Produced by Blackberry Smoke

 

Gleich vorweg: wenn man einen so ausgefuchsten Songwriter und dynamischen Sänger wie Charlie Starr an der Spitze hat, wenn man mit Brandon Still einen einfallsreichen Keyboarder und Ko-Komponisten im Hintergrund hat und wenn man mit den Gebrüdern Turner ein in Tausenden von Live-Schlachten erprobtes Rhythmus-Gespann hat, dann kann mit der Band als ganzer nicht wirklich etwas schief gehen. Und doch: zum ersten Mal hat man bei „Like An Arrow“ den Eindruck, dass die fröhlichen Zottel-Rocker von Blackberry Smoke einer Erfolgs-Formel der letzten drei Jahre gefolgt sind und nicht den Mut hatten, ein paar Überraschungen in die neue CD zu packen. Somit erleben wir (wieder) den genreübergreifenden Mix aus Country Rock, Southern Rock, Rock’n’Roll und Hard Rock mit den Momenten der Power-Riffs („Waiting For The Thunder“, "Workin' For A Workin' Man") und der Modern-Country-Balladen („Sunrise In Texas“, "Ain't Gonna Wait"). Positive Folgeerscheinung ist aber, dass man mit diesem Gesamtpaket gleich in mehrere Format-Hitparaden einziehen kann. Doch nur ein gutes Jahr nach „Holding All The Roses“ erscheint die neue CD ein bisschen wie ein Schnellschuss, den man in einer der wenigen Live-Pausen im Studio durchgedrückt hat. Aber, wie gesagt: das ist Jammern auf hohem Niveau! Und als kleines nostalgisches (und vielleicht versöhnliches) Schmankerl endet das Album mit dem Song „Free On The Wing“, bei dem Southern-Rock-Grandseigneur Gregg Allman vokalistisch mitarbeiten darf: „Free on the wing to head straight into the sun / One love story’s over and another’s just begun / We come and we go life surely goes on / Me might find what we search for all along“. Wer könnte da schon widersprechen!

 

http://www.blackberrysmoke.com/


Timothy B. Schmit: Leap Of Faith   ** 1/2

Benowen / Man In The Moon Records - USA 2016

12 Tracks - 64:07 Minuten

Produced by Timothy B. Schmit & Hank Linderman

 

Für die Herren Henley, Walsh und Schmit ist definitiv die Zeit p.E. (post Eagles) angebrochen und damit der Zwang sich von einer musikalischen Erfolgsgeschichte abzuwenden und gegebenenfalls neue Projekte zu starten. Für Don Henley ist das relativ einfach: er hat einen Fundus von höchst erfolgreichen Solo-Alben und wird demnächst mit diesen Songs und den Eagles-Klassikern, denen er mit seiner Stimmer das Markenzeichen aufgesetzt hat, auf Tournee gehen. Bei Joe Walsh könnte man sich vorstellen, dass er nur noch just for fun bei anderen Leuten mitspielt (vielleicht wieder mal bei Ringos All Starr Band?) und ansonsten einem Rentnerdasein frönt. Bleibt noch Timothy B. Schmit, der mit dem vorliegenden Solo-Album um Aufmerksamkeit und um einen Vertrauensvorschuss („Leap Of Faith“) wirbt, aber schon beim zweiten Song bemerkt: „Slow down / Take a deep breath and look around / It’s prime time / And it won’t last all that long“. Die gesamte CD mit zwölf - manchmal etwas länglichen - Eigenkompositionen beweist allerdings etwas, was man schon immer vermuten durfte: Schmit ist ein hervorragender Mann für die hohen Background-Vocals, für solides Bass-Spiel und für vereinzelte stimmungsvolle Balladen. Wenn es aber um eine komplette Solo-Produktion geht, wird das Eis dünn: weder als Front-Sänger, noch als Komponist, noch als Texter ragt Schmit aus dem weiten Feld der amerikanischen Songwriter heraus. Seine Songs bedienen oft gehörte Klischee-Themen, den Arrangements fehlt trotz wohlklingender Gastmusiker (Jim Keltner, Van Dyke Parks, John McFee, Herb Pedersen) das gewisse Extra und so pendelt das Album etwas desorientiert zwischen mid-tempo Mainstream-Rock und akustischem Bluegrass-Americana. Gerne möchte man spekulieren, welche Songs es überhaupt jemals auf ein Eagles-Album geschafft hätten: vielleicht „I Refuse“ - was dann aber Don Henley gesungen hätte! - , vielleicht „Goodbye, My Love“ und „This Waltz“ als dahingeschunkelte Country-Balladen im Stil von „Train Leaves Here This Morning“ oder „Hollywood Waltz“, ansonsten gilt eher: Fehlanzeige. Der Berufsberater meint abschließend: Lieber Timothy, sprich mal in aller Ruhe mit Rusty Young und Paul Cotton über ein Poco-Reunion-Projekt!

 

https://www.timothybschmit.com/


Rebecca Loebe: Blink     ****

Rebecca Loebe - USA 2017

11 Tracks - 46:11 Min.

Produced by Will Robertson

 

Was bringt einem mehr musikalisches Profil: zehn Jahre live on the road oder die einmalige Teilnahme an der Casting-Show „The Voice“? Im Falle von Rebecca Loebe, die man in den USA „Low-Bee“ ausspricht, dürfte die Antwort klar ausfallen. Die beständige Überprüfung der eigenen Songs vor einem (manchmal sehr kleinen) Publikum ist viel ergiebiger als der Cover-Stimmtest vor dem TV-Publikum. Dies vor allem wenn man gedenkt, als Singer/Songwriterin und nicht als modische Nachsingerin wahrgenommen zu werden. Deshalb sollte uns auch nicht so sehr Rebeccas mittlerer Erfolg in der Fernseh-Show interessieren, sondern vielmehr ihr mittlerweile viertes (aus der eigenen Tasche finanziertes) Album, das soeben unter dem kurzen Titel „Blink“ auf den Markt gekommen ist. Schon nach einmaligem Hören kann man feststellen, dass Rebecca Loeb auf dem überfüllten Sektor zwischen Contemporary Folk und Country Pop Aufmerksamkeit erregen kann. Sie überzeugt nicht nur mit ihrer nuancierten Stimme sondern ebenso mit ihrem geschmackvollen Songwriting, das zwar manche modische Kompromisse eingeht, insgesamt aber mehr den Roots der amerikanischen Musik verpflichtet ist. Die elf Eigenkompositionen präsentieren überwiegend balladeske Mini-Stories über die Leiden der Liebe, eingebettet in ein halb akustisches, halb pop-rockiges Arrangement. Will Robertson hat die CD mit lokalen Musikern aus Austin/Texas einfühlsam produziert und dabei selbst eine Reihe von Instrumenten eingespielt. Wer einen schnellen Überblick über Rebecca Loebes musikalischen Spektrum gewinnen will, sollte als erstes das leicht nostalgische (und definitiv radiotaugliche) „Forever Young Forever“ anhören (mit der schönen Erinnerung „shopping at a big box store for records they don’t have no more“), danach in die akustischen Welten der modernen Country Music eintauchen („Weeping Willow“), des Weiteren den souligen Groove von „Say So“ genießen, um abschließend etwas rockig (im dynamischen Stile der Refugees) mit „Down To The Wire“ abzutanzen. Die durchaus selbstkritische Rebecca Loebe singt einmal: „If I’ve done you wrong then just say so“. Wir aber meinen: gut gemacht!

 

http://www.rebeccaloebe.com/


Drew Holcomb And The Neighbors: Souvenir   *****

Magnolia Music - USA 2017

11 Tracks - 40:20 Minuten

Produced by Joe Pisapia & Ian Fitchuk

 

In den ca. zehn Jahren seiner musikalischen Karriere hat Drew Holcomb (zusammen mit seiner Frau Ellie, die allerdings seit 2014 als Solo-Künstlerin ihren Weg sucht) sicherlich eine Menge an Erinnerungsstücken angesammelt - und bestimmt findet sich darunter nicht nur Angenehmes. Nun aber - so scheint es beim Anhören der neuen CD „Souvenir“ - hat er seine musikalische Mitte gefunden und präsentiert ein hervorragendes Album (nach meiner Zählweise der Studio-Produktionen ist es Nr. 7!?), das von starken Melodien, abwechslungsreichen Arrangements und einem ausgesprochenen Band-Feeling lebt. Wie schon beim Vorgänger „Medicine“ ist Drew Holcomb zusammen mit den langjährigen Bandmitgliedern Rich Brinsfield und Nathan Dugger von Memphis nach East Nashville gefahren und hat im Studio von Joe Isapia elf Songs zusammengestellt, die genug Potenzial haben, einen endgültigen kommerziellen Durchbruch zu schaffen. Holcomb bietet packende Americana-Roots-Music, sozusagen einen gelungenen Mix aus 70 % Rodney Crowell und 30 % John Cougar Mellencamp, ohne dabei einen Moment lang epigonal zu erscheinen. Die stilistische Bandbreite umfasst dabei flockigen Westcoast Country Rock („California“), akustischen Modern Folk („Mama‘s Sunshine, Daddy’s Rain“), Roots-Rock („Rowdy Heart, Broken Wing“), traditionelle Country Music („The Yellow Rose of Santa Fe”) und seriösen Singer/Songwriter-Pop („Wild World“, „Fight For Love“). Dabei hört sich Holcombs Kommentar zu dem Amerika der Trump-Ära so an: „I like to tell the truth / but the truth seems to change every Tuesday / when I watch the news, man it just gives me the blues“. Zentrales Thema der Songs ist jedoch die Liebe („The Morning Song“) und die oft schwierige Selbstfindung („Sometimes”). Insgesamt eine dringende Hör- und Kauf-Empfehlung und der ehrliche Wunsch, dass Holcombs Prognose für das neue Jahr (2017) aufgehen möge: „It’s a new year, it’s a new song, it’s the same mystery“!

 

http://www.drewholcomb.com/


Steven Graves: Captain Soul ****

One Essence Music - USA 2017

11 Tracks - 49:13 Min.

Produced by Steven Graves

 

Ein Musiker - nennen wir ihn mal Steven Graves - hatte eines Nachts einen Traum: er träumte davon ein großes Festival zu organisieren unter dem Motto „Woodstock goes Westcoast“. Er hatte auch schon die Musiker vor Augen, die an den Festival-Tagen auftreten sollten: Grateful Dead, Santana, Willie Nelson, David Crosby, Stephen Stills, The Eagles, Van Morrison, Dobie Gray, Leon Russell, Tom Petty, Bonnie Raitt usw. David Bowie sollte bei einem Song als Sänger und Überraschungsgast erscheinen. Er selbst würde nur als Moderator mit dem Namen „Captain Soul“ auftreten, die Lehren seine großen Idols Yogananda Paramahansa verkünden und einen Kinderchor dirigieren, der „Gotta find love, gotta find peace“ singt. Als Finanzier wollte er einen Milliardär aus dem Silicon Valley gewinnen.

Als er dann am nächsten Morgen aufwachte, wurde ihm die Unmöglichkeit seines Traums schmerzlich bewusst. Doch als notorischer Optimist und Mensch mit positiven Vibrationen sammelte er stattdessen seine 21 besten Musikerfreunde aus Santa Cruz /CA, ging ins Studio und produzierte eine CD, die seinen Traum wenigstens annähernd verwirklichte. Und somit können wir alle dieses Traum-Festival besuchen, müssen dazu keinen Flieger besteigen und keine teuren Eintrittsgelder bezahlen. Es genügt, sich auf der Website von Steven Graves einzuklicken und die neue CD (= seine siebte übrigens) zu bestellen. Der Rest ist nostalgischer Genuss, denn die Eigenkompositionen von Steven Graves klingen keineswegs wie eine zweitklassige Classic-Rock-Cover-Band, sondern erinnern eher an die Höhenflüge von Ringos legendärer All Starr Band! Und alle singen mit trotziger Überzeugung - wie bei dem Titel „Somewhere, Somehow“: „I don’t want to hear about all the things that are wrong / I just want to feel your love and keep singing my song“.

 

http://stevengravesmusic.com/


Jeff Boortz:

Half The Time ****

JeffBoortzMusic - USA 2013

10 Tracks - 37:55 Min.

Produced by Jeff Boortz

Jeff Boortz:

Every Other Night ***

JeffBoortzMusic - USA 2015

10 Tracks - 33:45 Min.

Produced by Jeff Boortz



Es gibt einen furchtbar traurigen Film bei you tube. Darin sieht man einen Auftritt der Jeff Boortz Band in einem Saloon in Houston/Texas aus dem Jahr 2010.

https://www.youtube.com/watch?v=Nn3jNPSocRs

Zuerst richtet sich die Kamera auf die Vier-Mann-Band, die sich wacker durch den Song „Travis County Line“ spielt. Dann erfolgt ein Schwenk in den „Zuhörer“-Bereich, wo sich etwa acht Menschen aufhalten, vier an Poolbillard-Tischen, zwei an der Bar und zwei bei einem langsamen Tänzchen. Das ist das harte Brot des Musikers und es nimmt nicht wunder, dass Jeff Boortz zeitweise die Live-Musik an den Nagel gehängt hat. Nun aber macht er mit seinen beiden letzten Alben (es handelt sich insgesamt um Nr. 3 und Nr. 4) einen neuen Anlauf und will damit auch europäische Musikfreunde überzeugen und gewinnen. Beide CDs wurden in Nashville in der Rendering Plant von Brian Harrison aufgenommen, leider hat jener die Fertigstellung von „Every Other Night“ nicht mehr erlebt. In beiden Fällen handelt es sich um soliden gitarrenlastigen Roots-Rock, der auf „Half The Time“ noch ein bisschen rotziger und kompakter zum Vorschein kommt - hauptsächlich dank der kreativen Gitarrenarbeit vom „musikalischen Direktor“ John Jackson (der übrigens von 1991 - 93 Mitglied der Bob-Dylan-Live-Band war und auf einigen CDs von Lucinda Williams zu hören ist). Wesentliche Beiträge leisten auch Michael Webb an der Orgel (er war beim Schlusskapitel von Poco dabei) und Fats Kaplin an der Pedal Steel.

„Every Other Night“ ist der Versuch, eine zweijährige Trennungsperiode in Songs aufzuarbeiten, was teilweise etwas gequält daherkommt. Einigen Titeln fehlt der rockige Kick, der Boortz‘ eher mittelmäßige stimmliche Qualitäten aufpolieren könnte. Insgesamt aber hat Boortz ein Händchen für stimmige Hooklines und damit weit mehr verdient als nur halbleere Whiskygläser anzuspielen.

Dass die Homepage https://www.jeffboortzmusic.com/ momentan nur Error meldet, ist allerdings ein schlechtes Zeichen!


Wendy Webb: Step Out Of Line ****

Spooky Moon Records SMR 2217 - USA 2017

10 Tracks - 40:21 Min.

Produced by Mark Keller & Wendy Webb

 

Der Aufwand hat sich gelohnt: für ihr fünftes Album hat sich Wendy Webb auf die Reise von Sanibel Island (Florida) nach Nashville gemacht, um im Haus von Mark Keller Songs aufzunehmen, von denen nun zehn Stück auf der CD „Step Out Of Line“ zu hören sind. Dabei handelt es sich um neun Eigenkompositionen und ein Bob-Dylan-Cover („Girl From North Country“ - nicht ganz un-autobiografisch, denn Wendy ist in Iowa aufgewachsen!). Mit ihrer Musik beamt sich Wendy Webb kunstvoll in die 70er Jahre zurück, als die ersten Frauen in der Singer/Songwriter-Szene Aufmerksamkeit erregten. Wer sich die Schnittmenge von Carole King, Bonnie Raitt und Laura Nyro vorstellen kann, ist bei Wendy Webb auf der richtigen Fährte. Ihr nostalgischer Westcoast-Laurel-Canyon-Sound entfaltet auch heute noch eine besondere Magie - nicht zuletzt dank ihrer intensiven Stimme und ihrer geschmackvollen Begleitung am E-Piano und an der akustischen Gitarre. Dazu ist es ihr gelungen renommierte Musiker zu einer Nachtschicht einzuladen; das Ergebnis sind brillante Soli von Wayne Jackson (tp), Jim Horn (sax), David Grissom (g), Dan Dugmore (pedal steel), Marc Jordan (keyb) und David Hungate (b). Wer nach den ersten drei Songs (und da besonders vom Titelsong) noch nicht in den Bann gezogen worden ist, dem müssen durch das übliche Radio-Futter die Gehörgänge verstopft sein. Definitiver Geheimtipp im heute weitgesteckten Feld der weiblichen Singer-Songwriter!

 

http://wendywebbmusic.com/


Sie waren viele Jahre lang ziemlich beste Freunde, doch dann muss im Frühjahr 2016 etwas passiert sein, was selbst dem harmoniesüchtigen Graham Nash den Kamm anschwellen ließ. Kurz darauf folgte seine öffentliche Aussage, es werde nie mehr eine Kooperation zwischen ihm und David Crosby geben. Und das bedeutet wohl auch das Ende aller noch möglichen CSN&Y-Projekte! Folgerichtig haben sich nun die beiden Akteure mit Solo-CDs in Szene gesetzt.

David Crosby: Lighthouse ***

GroundUpMusic / Verve - USA 2016

9 Tracks - 40:55 Min.

Produced by Michael League

 

David Crosby hat mit dem New Yorker Michael League, dem Kopf der Jazz-Rock-Band Snarky Puppy, einen neuen Partner gefunden, der für Ko-Kompositionen, fast das ganze Rest-Instrumentarium (g, b, voc) und für die Produktion zuständig ist. Das Ergebnis ist eine Abfolge suitenartigen No-Drums-Songs, bei denen klassische Kompositionsmuster bewusst verweigert werden und David Crosby auf der Suche nach den abgefahrensten Akkorden zu sein scheint. Man nehme das Byrds-Stück „Triad“ (von dem Album „The Notorious Byrds Brothers“), entferne das Schlagzeug und füge stattdessen diverse Ambience-Sounds hinzu, dann hat man ungefähr eine Idee, was auf „Lighthouse“ abläuft: konzentrierte Mood Music, die manchmal in Fahrstuhl-Musik abdriftet, aber immer von Crosbys kreativem Potenzial auf einem gewissen Niveau gehalten wird. Schon bei CSN(&Y) war Crosby für die (im doppelten Sinne) merkwürdigen Bestandteile der Musik zuständig, nun ist er allein auf sich gestellt, hat auch nicht mehr die straffen Arrangements seines Sohnes James Raymond als „Fessel“ und kann seinen Launen und seiner Neigung zu verschachtelten Vokal-Settings scheinbar ungetrübt frönen. Wie singt er doch so schön bei dem Schlusslied „By The Light Of The Common Day“: „Being happy isn’t quite enough / Somehow I needed to make it rough.“ Einigen wir uns also darauf, dass es kein Meisterwerk wie „If I Could Only Remember My Name” (von 1971), aber dennoch höchst interessant ist.

 

http://www.davidcrosby.com/

 

Graham Nash: This Path Tonight ***

Blue Castle Records BRC 2516-7 - USA 2016

10 Tracks - 42:03 Min.

Produced by Shane Fontayne

 

Graham Nash hat mit Shane Fontayne einen Partner gefunden, der für Ko-Komposition, Gitarrenarbeit, Produzenten-Tätigkeit und Abmischung verantwortlich ist. Das Ergebnis ist ein gereiftes Alterswerk des 74jährigen, das aber auch zeigt, welchen Stellenwert Graham Nash im kreativen Quartett CSN&Y eingenommen hatte. Ohne seine Hymnen-Glückstreffer (z. B. „Teach Your Children“) und ohne die Reibungen mit den viel profilierteren Mitmusikanten bleibt er relativ konturenlos im soften Mainstream-Soft-Rock irgendwo zwischen Phil Collins und Gerry Beckley stecken und kann sich nur noch wehmütig an die „Golden Days“ erinnern, als er in einer legendären Band (er meint damit wohl nicht die „Hollies“) „Songs with soul and words with so much hope for a brighter day“ vortragen durfte. Der Tenor dieses Album ist von einer gewissen Resignation geprägt, angesichts seiner privaten, musikalischen und der allgemeinen politischen Situation nicht weiter verwunderlich. Wenn man die Todesfälle von befreundeten Kollegen (z. B. Levon Helm, dem das Stück „Back Home“ gewidmet ist) vor Augen hat, muss man sich auch mit der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen: „What are you gonna do when the last show is over“ („Encore“). Das einzige Stück, das aus dieser doch recht gleichförmigen Sammlung heraussticht, ist „Fire Down Below“, ein melodiöser Rocker mit Hit-Potenzial. In drei Versioner kann man Graham Nashs Nachtwanderung erwerben: als CD mit 10 Tracks, als Bonus-CD mit 13 Tracks (51:54 Min.) und als Deluxe-Edition mit 10 Tracks und einer DVD (= Aufzeichnung eines Konzertes von Graham Nash mit Shane Fontayne aus dem Jahr 2016).

 

http://www.grahamnash.com/



Susan Kane: Mostly Fine    ****

Independent (USA 2016)

10 Tracks / 38:45 Min.

Produced by Jeff Eyrich

 

„It’s Been Mostly Fine / Most Of The Time” singt Susan Kane in gereifter Distanz über ihr bisheriges Leben auf der mittlerweile vierten Solo-CD mit dem gleichnamigen Titel „Mostly Fine”. Die profilierte Singer/Songwriterin hat 2004 erstmals mit ihrem Debüt „So Long“ Aufmerksamkeit erregt, doch die Bekanntheit ging nur spärlich über das idyllische Hudson Valley - nördlich von New York - hinaus. Mit „Mostly Fine“ könnte das anders werden, denn Susan Kane hat ihr musikalisches Ausdrucksvermögen geschärft und präsentiert eine sehr hörenswerte Sammlung von zehn Songs aus dem Feld der urbanen Ostküsten-County-/Folk-Music. Der Opener „Jacksonville“ könnte haargenau in das Südstaaten-Opus von Rosanne Cash passen („The River And The Thread“) - und damit ist auch das stilistische und stimmliche Umfeld von Susan Kane trefflich beschrieben. Unter weitgehendem Verzicht auf elektrische Gitarren prägen akustische Americana-Roots-Instrumente wie Dobro, Mandoline, Banjo und Geige die Arrangements, getragen von einem Drum-Bass-Fundament (Rich Zukor und Produzent Jeff Eyrich). Susan Kanes eigene Songs - sieben an der Zahl - erzählen kleine Geschichten von problematischer Liebe („Worn Out Lines“, „Love Can Die“) und ironische Episoden aus dem Alltag des modernen Menschen („Slip On Shoes“). Etwas Besonders hat sich Susan Kane für die drei Cover-Versionen ausgedacht: sie wählte in gewohnter Tradition zwei Songs aus dem Katalog von Jerry Garcia und Robert Hunter aus („Brown Eyed Woman“, „Comes A Time“) - beide aus dem Anfang der 1970er Jahre - und schuf damit eine stimmige Grateful-Dead-Meets-Woodstock-Atmosphäre. Vom leider verstorbenen Rob Morsberger stammt die Story von der legendären Lewis&Clark-Expedition 1805 („A Man Of Much Merit“). Was wäre nun der nächste Karriereschritt nach diesem viel versprechenden Werk? Susan Kane sollte einfach mal bei Rosanne Cashs Ehemann John Leventhal in New York anrufen und fragen, ob er nicht Lust hätte, ein folgendes Album zu produzieren. Das müsste der Kick für US-weite Bekanntheit (und noch mehr) werden!

 

http://www.susankane.com/


Matt Haeck: Late Bloomer   *****

Blaster Records DT 0056 (USA 2016)

12 Tracks /  46:33 Min.

Produced by David Mayfield

 

Zur Vorgeschichte von Matt Haeck gehört allerlei, über das man Geschichten erzählen kann: eine Jugend auf Barbados mit Missionars-Eltern, die den Sohn zum Pastor ausbilden wollten; eine über vierjährige Abhängigkeits-Periode mit Pillen, Kokain und Alkohol, dazu noch diverse private Beziehungs- und musikalische Schaffenskrisen. Erst jetzt als Mittdreißiger hat er wohl seine Mitte gefunden und präsentiert als spät erblühender Singer-Songwriter ein „Debüt“, das enorme Qualitäten offenbart und ihn ohne Zweifel in die Liga eines Jason Isbell oder Ryan Bingham katapultieren muss. Dabei ist der Begriff „Debüt“ eigentlich unzutreffend, denn es existiert schon eine obskure CD aus dem Jahre 2008 („Pair Of Sirens“) und eine nur digitale 7-Track-EP aus dem Jahre 2010 („Western States“), beide wurden offensichtlich nicht recht wahrgenommen. Jetzt aber reißt er den Zuhörer in einen hoch-emotionalen Song-Strudel, der mit „Tennessee“ einen Power-Pop-Country-Auftakt hat, dann eher in das Country-Fahrwasser zwischen Hank Williams und Chris Isaac driftet. Auf der ganzen CD gibt es (vielleicht mit Ausnahme des etwas klischeehaften „Whiskey & Fast Women“) keinen Durchhänger, stattdessen versetzt einen Matt Haeck mit seiner fast hypnotischen Stimme in gebannte Faszination.  Höhepunkte und definitive Anspieltipps sind die dahinschmelzenden „Lucky Cigarette“ und „Wonderful Wild Tennessee Child“, die doppelte Verbeugung vor Hank Williams („Minnie Pearl“ und „Worst Enemy/Ramblin‘ Man“) sowie das autobiografische „Pissing Contest“. Die Nashville-Produktion von David Mayfield ist ohne Makel, im Studio geben besonders Paul Defiglia (Avett Brothers) und Duett-Sängerin Caitlin Rose ihre Visitenkarten ab. Es mag sein, dass Matt Haeck einmal selbst sein schlimmster Feind war, jetzt aber könnte er sich ins große Rampenlicht pushen. Im März ist Matt Haeck auf Europa-Tour, da aber noch nicht alle Termine feststehen, sollte man auf aktuelle Infos achten!

 

http://www.matthaeck.com/


Jack Tempchin: One More Song   ***

Blue Elan Records BER 1026 (USA 2016)

12 Tracks / 45:31 Min.

Produced by Joel Piper

 

Eigentlich könnte sich Jack Tempchin an den Strand von San Diego setzen und mit dem Geräusch der Brandung die Summe seiner Tantiemen zählen, die er für seine großen Hits der letzten 40 Jahre heute noch bekommt. „Peaceful Easy Feeling“ und „Already Gone“ wurden durch die Eagles zu Klassikern, ebenso wie „Slow Dancing“ durch Johnny Rivers. Die Liste ließe sich noch eine Weile fortsetzen, z. B. durch die Kooperationen mit dem vor kurzem verstorbenen Glenn Frey (etwa der groovende „Smuggler’s Blues“). Doch der Songwriter, der als Mitbegründer des Laurel Canyon Sounds gilt und sich optisch immer mehr an Roger Whittaker annähert (zum Glück aber nicht musikalisch!!), kann von der Arbeit im Studio und auf meist kleineren Bühnen nicht lassen und hat nun sein mittlerweile zehntes Album veröffentlicht. Darauf präsentiert er zwölf alte und neue Songs, meist mit einem stark reduzierten Arrangement, oftmals reduziert auf Stimme, Gitarre und Piano: quasi eine Rückkehr zu den Anfängen, als er in den frühen 70er Jahren seinen regulären Live-Act im Troubadour von West Hollywood hatte und dabei Musiker wie Randy Newman, Tom Waits, J. D. Souther oder Hoyt Axton kennenlernte. Unterstützen lässt er sich nun von dem deutlich jüngeren Joel Piper, der für Produktion, Mix und viele zusätzliche Instrumente verantwortlich ist. Leitmotivisch steht der Titelsong am Ende der CD, in dem der autobiografische Musiker für den letzten Gast an der Bar immer noch einen Song im Repertoire hat. Die geniale Version von Randy Meisner aus dem Jahr 1980 erreicht der Komponist freilich nicht ganz. Das Fazit für den Hörer ist eine sympathische Standortbeschreibung, die vor allem langjährige Fans ansprechen wird. Gespannt darf man auf ein für 2017 angekündigtes weiteres Projekt sein: eine CD mit Neuaufnahmen der Songs, die Jack Tempchin über die Jahre gemeinsam mit Glenn Frey geschrieben hat. Vorschlag für einen Arbeitstitel: „Part Of You, Part Of Me“?

 

http://www.jacktempchin.com/


Auburn: Love & Promises    **

Scarlet Records SRT 035 CD

12 Tracks / 44:23 Min.

Produced by Thomm Jutz

 

Schon zum dritten Mal ist Liz Lenten, die in England zu Hause ist und dort seit 1999 als Band namens Auburn tourt, über den großen Teich geflogen, um sich in Nashville im TJ-Tunes-Studio von Thomm Jutz (der wiederum seit dreizehn Jahren aus Deutschland dorthin gezogen ist) eine CD mit zwölf neuen eigenen Songs produzieren zu lassen. Nach „Nashville“ und „Mixed Feelings“ ist nun mit „Love & Promises“ das dritte Album in nur drei Jahren entstanden und auf dem eigenen Label Scarlet Records veröffentlicht worden. Der Knackpunkt dieser Musik ist letzten Endes die Stimme von Liz Lenten, die von Kritikern als zerbrechlich, flüsternd und engelsgleich beschrieben wird. Man könnte auch ganz banal fragen, ob das Konzept „Kate Bush meets Nashville-Americana“ musikalisch funktioniert. Und da bleiben trotz der sehr geschmackvollen Begleit- und Produktionsarbeit von Thomm Jutz erhebliche Zweifel. Zu der ätherischen Stimme und den leicht abgehobenen Kompositionen will das Arrangement von renommierten Musikern aus East Nashville (besonders auch Jen Gunderman an verschiedenen Tasteninstrumenten) nicht so recht passen. Wie man die Produktionsbedingungen mit einem Lovesong vermischen kann, erläutert Liz Lenten in dem einfach gehaltenen Text „I’d cross the deep Atlantic / In a little rowing boat / Just to have you close to me.” Der Hörer kämpft sich durch zähe neun Titel mit kammermusikalischer Feinarbeit ehe - leider erst am Ende der CD - mit „If Everyone Was Listening“ und „Tell Me“ handfeste Ware geliefert wird. Somit gilt wohl auch hier die oft gehörte Floskel: man muss es mögen - oder nicht!

 

http://www.auburn.org.uk/


Gerry Beckley: Carousel ****

Blue Elan Records BER 1027 (USA 2016)

12 Tracks / 41:12 Min.

Produced by Gerry Beckley

 

Was wäre wenn … die Beatles sich etwa 1967 dazu entschlossen hätten, ein Jahr in Südkalifornien zu leben und zu arbeiten? Wir wissen, dass das nicht der Fall war, aber beim Anhören der neuen CD von Gerry Beckley eröffnet sich genau die gegenläufige musikalische Inspiration. Beckley lebte nämlich Ende der 60er Jahre als Sohn eines US-Army-Offiziers in London, gründete dann mit Dewey Bunnell und Dan Peek die Gruppe America, die lange Zeit als amtliche Nachfolger für Crosby, Stills, Nash und vor allem Neil Young gehandelt worden sind. Nachdem er sich später in Richtung Ventura Highway orientierte und neben dem Rest-Duo-Projekt America noch eigene Alben herausbringt, ist er auf der ständigen Suche nach dem perfekten Pop-Song in der Tradition der Beatles und der Beach Boys - sozusagen die UK-California-Connection. Das führt dazu, dass der Song „Lifeline“ fast zu einem Zitat von „You Wont See Me“ (1965 auf der LP „Rubber Soul“) geworden ist und dass zwei englische Fremd-Kompositionen enthalten sind: „To Each And Everyone“ von dem leider verstorbenen Gerry Rafferty sowie der Klassiker „Don’t Let The Sun Catch You Crying“ von Gerry & The Pacemakers (so viele Gerrys!). Der inhaltliche Schwerpunkt der neun eigenen Songs ist - wie es sich für einen Vertreter der Ü-60-Generation gehört - die Zeit, die einem davonläuft. In dem moderat rockenden Opener „Tokyo“ heißt es leicht resigniert „Everything’s turned to shit / No matter how I look at it / I am running out of time“. Der Multi-Instrumentalist Gerry Beckley hat die Songs im Wesentlichen allein in seinem Human Nature Studio eingespielt und dabei so manchen Beatles-artigen Sound-Gimmick in die Produktion eingebaut (etwa die Schellack-Anmutung bei „Widow Weeds“). Das Schlusswort setzt der Titelsong mit den Worten „So I’ll continue to spin / On this carousel“. Viel Spaß dabei und wenig Drehschwindel!

 

http://www.gerrybeckley.com/home/index.php


Thomm Jutz: Volunteer Trail   ****

Thomm Jutz (USA 2016)

13 Tracks / 40:32 Min.

Produced by Thomm Jutz

 

Der Volunteer Trail ist ein ca. 17 km langer Rundwanderweg in Tennessee. Die Wanderung von Thomm Jutz war da schon bedeutend länger, denn im Jahre 2003 hat er sich entschieden, den deutschen Schwarzwald zu verlassen und sein musikalisches Glück in seiner neuen Wahlheimat Nashville zu versuchen. Mittlerweile hat er sich in der Hauptstadt der Country Music mit drei Säulen etabliert: als Besitzer eines Tonstudios (TJ Tunes), als Begleitmusiker für bekannte Solisten (z. B. David Olney) und als eigenständiger Gitarrist/Singer/Songwriter. Mit dem Album „Volunteer Trail“ präsentiert er nun seine erste richtige Solo-CD, die aber bei den ersten neun Song eher ein Studio-Band-Projekt ist und bei Song 10 - 13 verschiedene Gitarren- und Songwriting-Duos vorstellt. Zunächst bildet er mit Sierra Hull (mand), Mark Fain (b), Justin Moses (bj, fiddle, dobro) und Lynn Williams (dr) eine schwungvolles Newgrass-Band, bei der noch diverse Studiogäste einen Beitrag leisten. Das erinnert in positiver Weise an die modernen Bluegrass-Töne, die einst Chris Hillman der Band Manassas einflößte oder die Herb Pedersen noch heute mit seiner Band Loafer’s Glory praktiziert. Highlights dieses Part One sind die Songs „The Kid“ (zusammen mit Kim Richey komponiert), „Hartford’s Bend“ (eine Verneigung vor John Hartford) und „I Sang The Song“ (sozusagen die Lebensgeschichte von Oldie Mac Wiseman). Im Part Two wird dann einen Gang zurückgeschaltet, die Gitarren-Partner Tim Stafford, David Grier, Clay Hess und Wyatt Rice dürfen in Aktion treten. Am ehesten bleibt hier die Koproduktion mit seinem Songwriting-Partner Craig Market in Erinnerung: „Through The Eyes Of Someone Else“. Insgesamt eine sehr hörenswerte CD. Die Frage aber steht im Raum, ob sich Thomm Jutz demnächst entscheiden muss, welche Karriere auf seiner Wanderung durch das amerikanische Music-Business für ihn im Vordergrund stehen soll.

 

http://thommjutz.com/


v.l.: Thomm Jutz, Peter Cooper, Eric Brace
v.l.: Thomm Jutz, Peter Cooper, Eric Brace

Live:

Eric Brace & Peter Cooper featuring Thomm Jutz *****

Leipheim (Hotel zur Post), 18.11.2016

 

Sie sind mit leichtem Gepäck nach Deutschland gekommen: drei akustische Gitarren (2x Martin, 1x Epiphone) und drei Stimmen - mehr brauchen Eric Brace, Peter Cooper und Thomm Jutz nicht, um die Zuhörer auf eine faszinierende Reise in die Welt der modernen Country- und Folk-Music mitzunehmen. Auf Einladung der Country & Western-Freunde Koetz gastierten sie im Leipheimer Hotel zur Post.

Alle drei leben mittlerweile in Nashville (East), der unbestrittenen Hauptstadt dieser Musik. Doch das Trio serviert Songs - etwa zur Hälfte Eigenkompositionen - die fernab vom dumpfen Achy-Breaky-Heart-Klischee anzusiedeln sind. Mit subtilem Gitarrenspiel - allen voran Thomm Jutz als Solist - und perfekten Vokalharmonien zitierten sie große Namen wie Tom T. Hall, Guy Clark oder Emmylou Harris. Dazu erinnerten sie an einer legendäre - in Deutschland leider kaum bekannte - Band der 70er Jahre: Seldom Scene. Deren allwöchentliche Liveshows in der Nähe von Washington D.C. waren offensichtlich für Eric Brace und Peter Cooper der Schlüssel, um sich hauptberuflich der Musik zu widmen.

von Eric Brace handgeschriebene Setlist des Konzerts
von Eric Brace handgeschriebene Setlist des Konzerts

Ihre letzte, sehr empfehlenswerte CD „C & O Canal“ (erschienen auf Eric Brace’s eigenem Label Red Beet Records) ist gleichzeitig ein Rückblick und eine Verneigung vor den großen Namen dieser Zeit. Oder wie Eric Brace sagte: „Washington D.C. ist nicht nur der Ort, wo teilweise (oder zukünftig?) merkwürdige Politik gemacht wird!“ Brace und Cooper sind gleichzeitig auch Theoretiker der Country Music, sie schreiben für Zeitschriften, Peter Cooper arbeitet am Museum der Country Music Hall Of Fame als wissenschaftlicher Angestellter. Das merkt man ihren eigenen Songs an, die stets reflektierend und mit feiner Ironie die Stilmittel des Genres aufgreifen. Thomm Jutz wanderte vor ca. 15 Jahren aus Liebe (zur Country Music!) vom Schwarzwald in die USA, mittlerweile hat er sich in Nashville als gefragter Produzent mit eigenem Tonstudio und als songschreibender Gitarrist etabliert.

Von der fast schon intimen Atmosphäre im Leipheimer Eisenbahnhotel waren Publikum (und Musiker) begeistert: erst nach zwei Zugaben durften Brace, Cooper & Jutz ihre Gitarrenkoffer schließen. In zwei Jahren wollen sie wieder den Trip über den großen Teich unternehmen.

 

http://redbeetrecords.com/

http://www.petercoopermusic.com/

http://thommjutz.com/

Vor dem Konzert traf ich mich mit Eric Brace (EB) und Peter Cooper (PC) zu einem Exklusiv-Interview:

 

Wie oft habt ihr schon in Deutschland getourt und was ist euer Eindruck vom deutschen Publikum?

(EB) Zum ersten Mal waren wir 2008 hier, damals noch als eigenständige Solo-Künstler im Auftrag einer holländischen Plattenfirma. Als wir dann spontan live zusammengespielt haben, fanden wir, dass wir als Duo recht gut klingen und haben dann wenig später unsere erste CD aufgenommen („You Don’t Have To Like Them Both“; Red Beet Records RBR CD 009). Seither sind wir viermal wiedergekommen, praktisch alle zwei Jahre. Das deutsche Publikum ist fantastisch: es hört interessiert zwei Songwritern aus Nashville zu, es versteht unsere Texte, unsere Jokes und unsere Erläuterungen zu den Songs.

 

Wie definiert ihr für euch die beiden Stilbegriffe „Country“ und „Americana“?

(PC) Als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums der Country Music Hall Of Fame in Nashville muss ich mich mit dieser Frage fast täglich beschäftigen. Wir sehen den Begriff Country Music als ein großes Zelt, unter dem sich viele Stilrichtungen verbergen wie Folk, Bluegrass und Americana. Das hat aber wenig mit dem zu tun, was die kommerziellen Country-Radiostationen abspielen. (EB) Ich sehe da eine große Tradition des Geschichtenerzählens bei Leuten wie Tom T. Hall, Kris Kristofferson oder Merle Haggard - das ist für mich Country Music.

 

Eure letzten Alben waren Mischungen aus selbstgeschrieben Songs und Songs von bekannten Musikern der Folk- und Country-Szene. Wollt ihr diese Auswahl beibehalten, was ist erfolgreicher?

(EB) Im Bereich der Rock-Musik ist das weniger üblich, die Beatles oder Bob Dylan würden kaum Songs von anderen Komponisten in ihr Programm aufnehmen. Bei der Country Music ist das anders. Wenn wir zusammensitzen, spielen wir uns gerne Lieder anderer Künstler vor und sagen: Kennst du den Songs von Lefty Frizzell, kennst du den von Merle Haggard? Mit unserem letzten Album („C & O Canal“) wollten wir ganz bewusst zeigen, welche reiche musikalische Tradition in der Folk- und Country-Szene rund um Washington D.C. vorhanden war - und ist. Erfreulicherweise ist beides gleich erfolgreich.

 

Was war entscheidend für eure musikalische Sozialisation?

(EB) Eigentlich die Konzerte von Seldom Scene, jener hervorragenden Bluesgrass- und Folk-Band aus Washington D.C.. Das war für uns wie ein Lexikon der amerikanischen Musik, das man aufschlagen, in dem man blättern konnte. Über ihre Songs lernten wir andere Namen kennen, die uns sehr beeinflusst haben.

 

Was war das Besondere an der Band Seldom Scene?

(PC) Zum einen, dass sie die Tradition des amerikanischen Bluegrass vollkommen verstanden und aufgenommen haben, zum anderen aber für neue Einflüsse sehr aufgeschlossen waren (z. B. Songs von Eric Clapton, John Prine, Gram Parsons oder Rodney Crowell). Und Mike Auldridge hat praktisch sein Instrument, die Dobro, neu erfunden und zu einem besonders eindrucksvollen Sound entwickelt. Dazu kamen noch ihre perfekten Vokal-Harmonien, die sie fast einmalig machten.

 

In eurem Programm habt ihr den bekannten Song „Wait A Minute“ von Herb Pedersen, der von den Leiden des Musikers on the road weit weg von seiner Heimat erzählt. Könnt ihr dieses Gefühl teilen?

(EB) Wir mögen den Song sehr, aber wenn wir ganz genau auf den Text hören, müssen wir sagen: Nein - es macht verdammt viel Spaß auf Tour zu gehen, auch wenn man mal eine Zeitlang seine Familie, seinen Hund oder seine Hühner nicht sieht.

 

Ihr übernachtet heute in einem Hotel direkt an der Bahnlinie. Wie viele Railroad-Songs habt ihr selbst geschrieben und was ist euer beliebtester Train-Song?

(EB) Ich habe bisher wohl vier Songs über Eisenbahnen geschrieben und auf einem Album „Train Leaves Here This Morning“ von den Dillards aufgenommen. Aber mein Lieblings-Song stammt von Paul Craft, der vor zwei Jahren verstorben ist - er heißt „Raised By The Railroad Line“ und war natürlich auch im Programm von Seldom Scene. An zweiter Stelle kommt dann „Old Train“ von Herb Pedersen.

Spätestens seit Crosby, Stills & Nash sind die Vocal Harmonies ein wichtiger Bestandteil des modernen Folk- oder Country-Rocks. Mit wem würdet ihr gerne mal zusammen singen?

(EB) Da fallen mir sofort die Osborne Brothers ein. (PC) Emmylou Harris wäre die Nummer 1 auf meiner Liste, aber ich könnte auch Patty Griffin oder Tony Rice nennen. Und das Schöne ist: mit allen drei habe ich wirklich schon zusammen gesungen!

 

Ihr habt mit zwei „Veteranen“ der amerikanischen Country- und Folk-Music gespielt und ein Album aufgenommen („Master Sessions“): Lloyd Green und Mike Auldridge. Was kann man von solchen Leuten lernen?

(PC) Dass es in erster Linie darum geht, gute Musik zu machen. Sie nehmen die Musik ernst und beschäftigen sich weniger mit Nebensächlichkeiten. Sie sind immer pünktlich und wollen die Seele eines Songs herausarbeiten.

 

Welches Album würdet ihr auf eine einsame Insel mitnehmen?

(EB) Für mich ist es das Album des texanischen Songwriters Willis Alan Ramsey aus dem Jahr 1972 (leider sein einziges!), das ich im Alter von 16 Jahren gehört habe und das mich schwer beeindruckt hat. (PC) Für mich wäre das „In Search Of A Song“ von Tom T. Hall (1971), ein Album, das nach meiner Meinung die Country Music entscheidend beeinflusst hat.

 

Eric, du hast zusammen mit Karl Straub ein Musical („Hangtown Dancehall“) geschrieben - worum geht es dabei?

(EB) Ich bin in Kalifornien geboren, in einer kleinen Stadt namens Placerville, die man zu Zeiten des Goldrush, also in den 1850er Jahren Hangtown genannt hat, weil in der Mitte der Stadt ein Baum stand, an dem gesetzlose Leute aufgehängt wurden. Zunächst war das nur ein Song, dann aber entstand zusammen mit Karl Straub eine Geschichte über zwei Menschen, die dort wichtige Erlebnisse - und ein Happy Ending! - haben. Ich hoffe, bald dafür eine Bühne zu finden, am besten natürlich am Broadway!

 

Ihr arbeitet beide auch als Musik-Journalisten. Hat es schon einmal einen herben Verriss für ein Konzert oder für ein Album gegeben?

(PC) Man sollte den eigenen Geschmack eher hintanstellen und nur darauf achten, ob der Künstler seinen eigenen Anforderungen gerecht geworden ist.

 

Ihr lebt beide in East Nashville, ein Teil der Stadt, der als vitales und kreatives Zentrum gerühmt wird. Was ist so speziell an dieser Gegend?

(EB) Man muss wissen, dass East Nashville früher der „ärmere“ Teil der Stadt war und dass dort viele Studio- oder Session-Musiker lebten, während die großen Stars ganz wo anders zu Hause waren. Peter lebt dort seit 2000, ich seit 2004. Seitdem hat sich eine sehr aktive Community entwickelt, Leute wie Todd Snider oder Elizabeth Cook wohnen dort, man trifft sich in Cafes und oft kommt die spontane Frage: Willst du nicht bei meinem neuem Projekt mitmachen?

 

Oft hört man aber auch die Kritik, die Musik aus Nashville sei ein „sea of sameness“. Teilt ihr diesen Vorwurf?

(PC) Man darf Nashville nicht nach der Repräsentation im Contemporary Country Radio beurteilen, denn diese Stadt bietet musikalisch viel mehr. In Nashville findest du mehr musikalisches Talent pro Quadratmeter als irgendwo auf der Welt! Es ist eher ein „sea of creative people“.

 

Wie geht es dem Label Red Beet Records?

(EB) Meine Frau ist der eigentliche Boss, sie macht das finanzielle Geschäft, ich bin nur der musikalische Direktor. Es gibt das Label seit elf Jahren, wir haben bisher 23 Alben herausgebracht, auf die wir alle sehr stolz sind. Aber es ist in der heutigen Zeit schwer geworden, denn niemand will mehr für Musik Geld zahlen. Ich bin dennoch zuversichtlich, dass es erfolgreich weitergehen wird.


Brad Colerick: Tucson ****

Back 9 Records BN 0405 (USA 2014)

11 Tracks / 44:26 Min.

Produced by Charlie White

 

Mit seinem vierten Solo-Album scheint Brad Colerick nun endgültig seine musikalische Nische gefunden zu haben. Es ist jener countryfizierte südkalifornische Soft-Rock, für den einst Musiker wie Dan Fogelberg (RIP!), Jackson Browne, America oder Herb Pedersen (mit seinem legendären Album „Southwest“) die Leitplanken gesetzt haben. Die elf neuen Songs von Colerick (davon sind neun Eigenkompositionen) sind auf akustischen Gitarren gegründet, dazu kommen geschmackvolle Akzente von der E-Gitarre und von der Pedal Steel (alles eingespielt von Produzent Charlie White), ein dezentes Fundament aus Bass und Schlagzeug sowie vereinzelte Ausflüge ins Newgrass-Arrangement (wie z. B. bei „Brakeman‘s Door“ oder bei „Hob Trasher“). Im Vordergrund steht Brad Colericks sympathische und einschmeichelnde Stimme, die uns verschiedene Geschichten aus dem Südwesten der USA erzählt. Überraschenderweise wurde die CD aber in einem Studio in Drasco, Arkansas aufgenommen! Das Titelstück (komponiert von David Plenn, den Colerick bei seiner wöchentlichen Musik-Live-Show „Wine & Song“ kennenlernte) berichtet über einer Fahrt von L.A. nach Tucson, Arizona mit der ernüchternden Zeile „They say this road goes on forever / That’s what they say until it ends“. Definitiver Anspieltipp ist „This Is What I Do (Mighty Keeper)“ ein echter Ohrwurm mit autobiografischem Charakter und knackigem Background-Gesang von Sally Dworsky. Wer sich also im Spektrum von Venice, Lowen & Navarro, Jeff Larson oder der Nitty Gritty Dirt Band wohl fühlt, der wird mit Colericks Album einen guten Griff machen. Einziger Negativ-Punkt: die flotten Uptempo-Nummern „Tragedy“ und „Roll On“ kommen zu spät!

 

http://www.bradcolerick.com/


Anna Elizabeth Laube: Tree ****

Ahh … Pockets! Records (USA 2016)

9 Tracks / 32: 52 Min.

Produced by Anna Elizabeth Laube

 

Blickt man auf das Cover der No-Plastic-CD meint man, den Katalog eines Bio-Fachmarktes in Händen zu halten. Doch nein, es ist das mittlerweile vierte Studio-Album von Anna Elizabeth Laube, die derzeit an der Westküste in Seattle ihr Zuhause hat. Aber immerhin ist der Titelsong als musikalischer Beitrag zu einem „Sing-For-The-Trees“-Wettbewerb entstanden, bei dem Anna ins Finale einzog und von Keyboarder Chuck Leavell beglückwünscht wurde. Die ganze CD mit einer leider nur recht knappen Spielzeit ist ein reifes Produkt einer außergewöhnlichen Singer/Songwriterin mit markanter Stimme, die sich auch noch sehr versiert an der akustischen / elektrischen Gitarre, am Piano mit der Mundharmonika und am Bass begleiten kann und nur vereinzelte Beiträge anderer Musiker als Farbtupfer in das sparsame Arrangement einbaut (z. B. die Trompete von Charley Wagner bei dem stripped down Cover von Beyonces „XO“ und die Fiddle von Sam Bardfeld beim verborgenen Dylan-Klassiker „Wallflower“). Der Gesamtsound der Musik hat etwas Zweifelndes, Ruhe Suchendes und erinnert an eine Mischung aus Norah Jones und John Fullbright. Ausgerechnet der beschwingteste Titel (als Slow Waltz komponiert) trägt den Namen „Lose, lose, lose“! Und in dem Schlusslied „All My Running“ untermalt eine seufzende Pedal Steel Guitar die Geschichte einer heimatlosen Künstlerin. Auf jeden Fall hätte Anna Elizabeth den Sprung von der ambitionierten, aber möglicherweise brotlosen mauerblümchenhaften Independent-Performance zu einer Erfolg versprechenden Profi-Produktion verdient.

 

http://www.annaelizabethlaube.com/


Guy Clark: My Favorite Picture Of You ****

Dualtone 80302-01636-21 (USA 2013)

11 Tracks / 43:30 Min.

Produced by Guy Clark, Chris Latham & Shawn Camp

 

Zwischen zwei tragischen Todesfällen hat Guy Clark seine letzte CD produziert, zwischen dem Tod seiner Frau Susanna 2012 und seinem eigenen am 17.Mai 2016. Insofern ist „My Favorite PictureOf You“ (nach zuverlässiger Zählung sein 15. Original-Album) ein Vermächtnis des elder statesman der texanischen Songwriter an seine Freunde und an seine große Fangemeinde. Dabei thematisiert der Titelsong in gewisser Weise die Verbindung zwischen den beiden Eheleuten, denn das Foto, das Guy Clark beschreibt (und auf dem Cover in Händen hält), zeigt seine Frau in erregter Pose angesichts eines nachmittäglichen Trinkgelages von Guy Clark und Townes Van Zandt. Die Gefühlslage von Susanne wird so angedeutet: „You never left but your bags were packed … not gone but goin“. Ansonsten ist das Album ein Werk der Altersweisheit, der Einsicht in die eigenen Schwächen und in die Endlichkeit des eigenen Lebens. Überraschenderweise wagt sich Guy Clark auch an politische Themen wie die Grenzfrage zwischen Mexiko und der USA („El Coyote“) und die Traumatisierung von US-Soldaten, die im Golfkrieg dabei waren („Heroes“). Dies alles wird dargeboten in einem akustisch orientierten Country-Folk-Setting ohne Drums aber mit seinen kongenialen Gitarren-Kumpels Verlon Thompson, Gordy Sampson und Shawn Camp. Die einzige Fremdkomposition stammt diesmal nicht von Townes Van Zandt sondern von Lyle Lovett und ist einer von drei Country Waltzes auf dieser CD („Waltzing Fool“). Zwei Sätze aus dem Song „Hell Bent On Heartache“ sollen als Erinnerung an den großen Guy Clark in Erinnerung bleiben: „I shouzld know better bit I guess I don’t / I keep on learnin‘ the hard way … Don’t get me wrong I believe in love / Sometimes that’s just not enough“. Übrigens: mein persönlicher Lieblingssong von Guy Clark ist und bleibt „Boats To Build“ aus dem Jahre 1992. Leider wurde er nicht für die ansonsten hörenswerte Tribute-CD ausgewählt („This One’s For Him“, 2012).

 

www.guyclark.com


Shawn Colvin & Steve Earle: Colvin & Earle ****

Fantasy 0888072389748 (USA 2016)

10 Tracks / 33:46 Min.

Produced by Buddy Miller

 

Das beliebte Spielchen “Wer mit wem?” ist ja nicht nur auf die Beziehungs-Kisten der Yellow Press beschränkt, auch im Musik-Business rund um Nashville erprobt man die verschiedensten künstlerischen Duett-Koalitionen. So sind sich nun auch Shawn Colvin und Steve Earle bei einer gemeinsamen Tournee nahe gekommen und haben sich nicht nur für einen Song sondern für ein ganzes Album (mit anschließender Tour) verabredet. Die beiden gereiften Ü-60-Künstler haben so manches gemeinsam: private Beziehungsprobleme (angeblich zusammen schon neun Scheidungen!?), überwundene Drogen- oder Alkoholmissbräuche und die Liebe zum Roots-Songwriting. Das Duo-Projekt manifestiert sich nun in einer schlicht „Colvin & Earle“ betitelten CD, die sechs gemeinsame Kompositionen und vier recht originelle Cover-Versionen enthält. Beide spielen recht entspannt mit dem Mann-Frau-Thema

(„The Way That We Do“, „You’re Right - I‘m Wrong“) und wagen nur einmal einen gospelhaften Ausflug ins semi-politische Gefilde („Tell Moses“) mit der selbstreflexiven Schlusszeile „Tell Stephen tell Shawn / there’s a message in the music / Everybody sing along“). Das besondere Markenzeichen von Colvin & Earle ist der gewöhnungsbedürftige Harmoniegesang: die beiden ergänzen sich nicht in wohlklingenden Terzen sondern singen recht ungehobelt und nicht perfekt phrasiert nebeneinander her. Das entwickelt im Laufe der CD einen gewissen Charme, den man aber auch mögen muss. Steve Earle nannte diesen Gesangsstil „spontane Cross-Harmony“! Für die musikalische Erdung der Songs im alternativen Country-Folk-Segment sorgen Buddy Miller und Richard Bennett an den elektrischen Gitarren, sowie Fred Eltringham (dr) und Chris Wood (b). Bei den Covers sticht ‚“Ruby Tuesday“ von den Rolling Stones hervor (aber wir wussten ja schon länger, dass viele Stones-Titel eine Country-Affinität haben!). Schön ist auch die Begegnung mit dem Ian&Sylvia-Klassiker „You Were On My Mind“. Eine Fortsetzung von Shawn& Steve erscheint durchaus möglich.

 

www.shawncolvin.com

www.steveearle.com


Rosanne Cash: The River & The Thread    *****

Blue Note Records 0602537559121 (USA 2014)

11 Tracks (auf der Deluxe CD: 14) / Min.

Produced by John Leventhal & Rick DePofi

 

Wenn es eine US-Künstlerin gibt, die sich das Label Roots-Music (oder „Americana“) auf die Fahnen schreiben kann, dann ist es Rosanne Cash. Mit ihren letzten zwei CD-Veröffentlichungen - "The List" (2009) und "The River & The Thread" (2014) - hat sie sich auf die Suche nach mehreren Wurzeln begeben. Zum einen forschte sie auf der Basis einer To-Know-Liste ihres Vaters Johnny Cash nach den Ursprüngen des Great American Songbooks im Bereich Country & Folk. Herausgekommen ist auf "The List" ein beeindruckendes Destillat mit zwölf Songs aus den 50er und 60er Jahren. Zum anderen machte sie sich in Amerikas Süden auf die Suche nach der eigenen Familiengeschichte und nach den musikalischen Gründervätern von Blues, Country und Folk zwischen Memphis und Mobile. Aus dieser Reise entstand im Zusammenarbeit mit ihrem Ehemann John Leventhal, der den Löwenanteil der instrumentellen Beiträge leistet, das Album "The River & The Thread" mit elf Eigenkompositionen als Hör-Stationen, z. B. an der Tallahatchie Bridge, wo Bobbie Gentry den Selbstmörder Billy Joe in den Fluss springen ließ, an der Money Road, wo das Grab von Blues-Legende Robert Johnson zu finden ist, in Florence/Alabama, wo eine Künstlerin selbstgenähte Kleider verkauft („A Feather’s Not A Bird“) , in den Sunken Lands von Arkansas, wo die Großeltern Cash sich eine Existenz aufbauten, oder einem Rückblick in die Bürgerkriegszeit, wo Cash-Vorfahren auf beiden Seiten in den Kampf zogen („When The Master Calls The Roll“). Leitmotivisch steht für das ganze Projekt der Song „The Long Way Home“ mit den Textzeilen "You thought you left it all behind / you thought you'd up an gone /but all you did was figure out / how to take the long way home". Rosanne Cashs Wurzel-Musik ist freilich nicht dreckig und staubig (wie vielleicht bei dem Kollegen Steve Earle), sondern eher an einem modernen leicht poppigen Klang orientiert mit der klaren Dominanz ihrer fesselnden Alt-Stimme. Der heutige Blick auf den amerikanischen Süden ist zwar teilweise romantisch verklärt, insgesamt aber immer seriös und weitab vom Jambalaya-Klischee. Aus der Distanz zwischen Wohnort New York und dem Country-Mekka Nashville gewinnt Rosanne Cash ihre musikalische Eigenständigkeit. Folgerichtig bekam sie für dieses Album 2015 drei Grammies in der Kategorie American Roots Music. Wer sich die Deluxe-Fassung leistet, erhält drei Bonus-Tracks - darunter eine etwas gewöhnungsbedürftige Fassung von Jesse Winchesters „Biloxi“ - sowie ein stabiles Booklet mit allen Texten und Songkommentaren.

 

http://www.rosannecash.com/


Rosanne Cash & John Leventhal Live  *****

Gmunden (Österreich), Toscana Centrum; 19.8.2016

 

Wenn es eine US-Künstlerin gibt, die sich das Label Roots-Music auf die Fahnen schreiben kann, dann ist es Rosanne Cash. Mit ihren letzten zwei CD-Veröffentlichungen - "The List" (2009) und "The River & The Thread" (2014) - hat sie sich auf die Suche nach mehreren Wurzeln begeben. Zum einen forschte sie auf der Basis einer To-Know-Liste ihres Vaters Johnny Cash nach den Ursprüngen des Great American Songbooks im Bereich Country & Folk. Herausgekommen ist auf "The List" ein beeindruckendes Destillat mit zwölf Songs aus den 50er und 60er Jahren. Zum anderen machte sie sich in Amerikas Süden auf die Suche nach der eigenen Familiengeschichte und nach den musikalischen Gründervätern zwischen Memphis und Mobile. Aus dieser Reise entstand im Zusammenarbeit mit ihrem Ehemann John Leventhal das Album "The River & The Thread" mit elf Eigenkompositionen als Hör-Stationen, z. B. an der Tallahatchie Bridge, wo Bobbie Gentry den Selbstmörder Billy Joe in den Fluss springen ließ, an der Money Road, wo das Grab von Blues-Legende Robert Johnson zu finden ist, in Florence/Alabama, wo eine Künstlerin selbstgenähte Kleider verkauft oder in die Sunken Lands von Arkansas, wo die Großeltern Cash sich eine Existenz aufbauten. Rosanne Cashs Blick auf den amerikanischen Süden ist zwar teilweise romantisch verklärt, insgesamt aber immer seriös und weitab vom Jambalaya-Klischee. Folgerichtig gewann sie mit diesem Album 2015 drei Grammies in der Kategorie American Roots Music.

 

Ihr einziges Konzert im deutschsprachigen Raum während einer kleinen Europa-Tournee im August 2016 fand im österreichischen Gmunden (Salzkammergut) statt. Dabei begeisterte Rosanne Cash in einer auf das Wesentliche reduzierten Duo-Besetzung mit John Leventhal durch ihre stimmliche Präsenz und durch ihre authentische Darbietung. Positiv ist es natürlich auch, wenn man einen Ehemann hat, der durch kreatives Gitarrenspiel den Songs einen perfekten perkussiven, melodiösen und solistischen Rahmen gibt. Rosanne Cash präsentierte Songs aus 38 Jahren Tätigkeit als Songwriterin und Sängerin, von ihrem ersten Country-Hit "Seven Years Ache" (1981) bis zu der aktuellen Mississippi-Mission mit der textlichen Erkenntnis "You thought you left it all behind / you thought you'd up an gone /but all you did was figure out / how to take the long way home".

 

alle Fotos: Festspiele Gmunden
alle Fotos: Festspiele Gmunden

Vor dem Konzert fand Rosanne Cash die Zeit zu einem Exklusiv-Interview:

 

Was ist für Sie der Unterschied zwischen einer Live-Show in Duo-Besetzung mit ihrem Ehemann John Leventhal und einem Auftritt mit voller Band-Besetzung?

Band-Shows sind voller Energie, bieten aber weniger Raum für Improvisationen. Wenn ich nur mit John auftrete, wird vieles intimer und spontaner, wir tauschen in kürzester Zeit Ideen aus.

 

Wie funktionierte der Prozess des Songschreibens für das Album "The River & The Thread"?

Dafür gibt es keine feste Formel. Oft schreibe ich ein bisschen Text und John entwickelt dazu musikalische Ideen. Im Studio wird aber dann noch vieles verworfen und neu durchdacht.

 

Welche symbolische Bedeutung haben die Begriffe "River" und "Thread"?

Beide Begriffe - "Fluss" und "Faden" - drücken eine Verbindung aus, eine Verbundenheit zu meinen Vorfahren, zu der Landschaft und zu der Musik in den Südstaaten. Davon fühle ich mich geistig und musikalisch beeinflusst.

 

Welche Bedeutung haben für Sie die Herren Kris Kristofferson, John Prine, Tony Joe White und Rodney Crowell, die bei einem Song den Background-Chor bilden?

Mit Rodney Crowell war ich verheiratet, wir sind immer noch gute Freunde; Kris Kristofferson kenne ich seit langer Zeit, er ist wie ein älterer Bruder für mich, manchmal machen wir noch gemeinsame Konzerte; John Prine ist ebenfalls ein alter Freund von mir; Tony Joe White habe ich vorher nie getroffen, aber er verkörpert für mich die musikalische Seele des Südens; alle vier freuten sich über diesen Tag im Studio und darüber, wieder einmal alte Geschichten auszutauschen.

 

Wie würden Sie den oft missverstandenen Genre-Begriff "Americana" definieren?

Der Begriff ist ein großer Schirm, in dem sich hauptsächlich Songwriter finden, die an die Wurzeln der amerikanischen Musik gehen wollen: z. B. (der Engländer!) Richard Thompson, das Duo Civil Wars oder Emmylou Harris; Country Music ist dagegen nur noch ein Marketing-Begriff, mit dem die Radiostationen ihr Format umschreiben.

 

Sehen Sie sich selbst mehr als Sängerin oder als Songwriterin?

Ich bin zwar sicher eine ganz ordentliche Sängerin, aber im Herzen bin ich vom Anfang meiner Karriere an eine Songwriterin gewesen.

 

Welche drei wichtigen Songs würden Sie Ihrer Tochter auf eine Liste schreiben?

Auf jeden Fall einen Song von Neil Young, möglicherweise "Heart Of Gold", dann  einen Song von Bruce Springsteen aus seinem Album "Nebraska", dann noch "Long Black Veil" von Lefty Frizzell, den schon mein Vater auf seine Liste geschrieben hatte, und auf jeden Fall einen Song von Kris Kristofferson - aber welchen?

 

Wie kam es dazu, dass Ihr erste LP 1978 in München produziert wurde?

Ich war 1977 mit einer Mitarbeiterin von Ariola (Deutschland) befreundet, die ich bei einer Show meines Vaters in Rotterdam kennengelernt hatte. Sie stellte mich dem Label-Chef vor, und der sagte: "Warum machst du nicht eine LP für uns?" Heute klingt dieses Album für mich, als wäre es von meiner eigenen Tochter, dasselbe Gefühl habe ich, wenn ich das Cover-Foto anschaue.

 

An welchem Punkt ihrer Karriere haben Sie sich von dem Image "die Tochter von Johnny Cash" emanzipiert?

"Seven Years Ache" (1981) war das Album, das mich als seriöse Songwriterin etabliert hat, aber ganz aus dem Schatten meines Vaters werde ich wohl nie heraustreten können. Im Konzert spiele ich einen Song ("Tennessee Flat Top Box"), den auch er immer im Programm hatte.

 

Sie engagieren sich bei Konzerten für die Kampagne "We Can End Gun Violence". Würden Sie auch politische Statements in eigene Songs einbauen?

Es ist sehr schwer aktuelle soziale oder politische Themen in Songs einzubauen, ohne dabei belehrend oder selbstverliebt zu wirken. Das können nur wenige Songwriter, ich war damit bisher vorsichtig. Das heißt aber nicht, dass ich jedem politischen Engagement aus dem Weg gehe.

 

Wenn Sie eine Einladung erhalten würden, im US-Präsidenten-Wahlkampf für einen Kandidaten ein Konzert zu geben, würden Sie zusagen?

Nur wenn es eine Einladung von Hillary Clinton wäre! Denn der andere ist ein Verrückter!

 

Ist für Sie die USA ein "Land Of Dreams" (der Titel eines Songs, den Rosanne Cash für die US-Tourismus-Behörde geschrieben hat) oder eher ein "Sunken Land"?

Könnte es nicht beides sein? Manches in den USA macht mir viel Angst, aber ich glaube dennoch weiter an das Gute im Menschen. Im Grunde bin ich eher ein Weltbürger, habe zeitweise in Deutschland und in England gelebt, bin weltweit auf Tour gewesen; deswegen ist mit jeder Nationalismus fremd.

 

Was sind Ihre Pläne für die nähere Zukunft?

Zusammen mit meinem Mann John Leventhal werden ich Songs für ein Broadway Musical schreiben, allerdings ist die Bühnenfassung bei weitem noch nicht fertig, sodass unsere Arbeit wohl erst 2017 beginnen wird.


Warren Haynes feat. Railroad Earth: Ashes & Dust ****

Provogue PRD 74675 (USA 2015)

13 Tracks (+ 5 auf der Bonus CD) - 79:16 Min. (+ 25:20 Min.)

Produced by Warren Haynes

 

 Warren Haynes ist bei seinen Fans als Top-Gitarrist in Gitarren-lastigen Bands wie Allman Brothers Band, Gov’t Mule oder Grateful Dead (die Spät-Ausgabe!) abgestempelt, außerdem steht er im Rolling-Stone-Ranking etwa auf Platz 45. Bisher hat er diese Erwartungshaltung auch immer brav bedient. Doch mit seinem neuesten Werk „Ashes & Dust“ wagt er den Sprung in eine andere Kategorie: er will als Folk-orientierter Singer-Songwriter akzeptiert werden. Dazu hat er sich die Newgrass-Gruppe Railroad Earth ins Studio eingeladen und mit ihnen ein ganzes Paket von Songs eingespielt, von denen 13 zunächst den Weg auf dieses Album gefunden haben. Überwiegend handelt es sich um Eigenkompositionen von Warren Haynes, doch auch einige Fremdwerke sind enthalten - so z.B. die Stevie-Nicks-Nummer „Gold Dust Woman“ (mit einem fesselnden Gast-Auftritt von Grace Potter). Wer sich die - im Prinzip überflüssige - Bonus-CD anhört, kann den Entstehungsprozess nachverfolgen. Der Ursprung ist Warren Haynes mit einer akustischen Gitarre, später kam dann das originelle Band-Arrangement dazu. Und so entsteht ein reizvolles Spannungsverhältnis zwischen den authentischen Bluegrass-Instrumenten wie Banjo, Fiddle, Mandoline und der im Stile einer Lap-Steel-Guitar gespielten Les Paul von Haynes. Irgendwie erinnert das auch an die neueren Produktionen von Mark Knopfler, der seine Stratocaster-Exkursionen auch gerne countryfiziert begleiten lässt. Die Songs von Warren Haynes - meist weit über die 3-Minuten-Grenze konstruiert - erzählen Geschichten, die aus seiner Jugend in North Carolina herrühren, es geht um Liebe & Arbeiterklasse, Wanderlust & Selbstverwirklichung. Ein kleiner Ausreißer ist der Song „Stranded In Self Pity“, den Haynes im Gypsy-Swing angesiedelt hat und mit einer Django-Reinhardt-Gitarre vorträgt. Ansonsten müssen die Blues- und Impro-Rock-Freunde stark sein und sich auch auf neue Töne einlassen.

 

http://www.warrenhaynes.net/

http://www.railroadearth.com/


Warren Haynes (4. v. l.) und die Ashes&Dust-Band im Nürnberger Serenadenhof
Warren Haynes (4. v. l.) und die Ashes&Dust-Band im Nürnberger Serenadenhof

Warren Haynes Live   ***

Nürnberg, Serenadenhof, 12.7.2016

 

Da stehen fünf Männer wie festgenagelt auf der Bühne (der Schlagzeuger Jeff Sipe sitzt und schwitzt) schauen konzentriert auf ihre Instrumente, sagen außer „Thank You“ kein Wort zum Publikum und lassen sich höchstens am Ende einer längeren Solo-Passage ein verstecktes Schmunzeln entlocken. Und der geneigte Zuhörer, den der Name der Gitarren-Legende Warren Haynes in den Nürnberger Serenadenhof gelockt hat, weiß: hier geht es nicht um Show, sondern nur um die Musik in einer ausgesprochen ernsthaften Form. Warren Haynes (56), der sich als Mitstreiter der späten Allman Brothers Band, der späten Grateful Dead und der Jam-Bluesrock-Band Gov’t Mule einen Namen gemacht hat, kündigte zwar mit seinem neuesten Album „Ashes & Dust“ eine Rückkehr zum songorientierten Komponieren und zu den Traditionen der amerikanischen Volks-Musik an, im Konzert aber lässt er sich doch wieder zu langen Solo-Passagen und einem definitiven Rock-Sound verleiten. Seine Mitstreiter, die Neo-Bluegrass-Band Chess Boxer, setzen ein paar seltene Farbtupfer beim mehrstimmigen Harmoniegesang, doch Mandoline, Banjo (Ross Holmes) und Fiddle (Matt Menefee) kommen nur als sägende Solo-Instrumente zur Geltung und verlieren damit weitgehend ihren akustischen Reiz. Bassist Royal Masat hat seinen Kontrabass wohl nur zur Bühnen-Dekoration mitgebracht und spielt seine stoischen, gut synkopierten Läufe auf einem E-Bass. Das Konzert beginnt mit einer locker-flockigen Erkennungsmelodie: „Jessica“ von den alten Allman Brothers, einstmals als Opener für die Bayern2-Sendung „Club 16“ zum Dauerläufer geworden. Danach präsentiert Haynes Altes und Neues aus seinem Solo- und Gruppen-Schaffen, doch spätestens mit dem Little-Feat-Cover „Skin It Back“ ist die Zeit der Langzeit-Soli angebrochen, wobei der Les-Paul-Sound von Haynes noch am ehesten auf den Punkt gebracht ist, die epischen Exkurse, der verzerrten Fiddle und des elektrifizierten Banjos fallen unter die Kategorie „Muss man mögen“. Ein Abend mit „Blue Sky“ war es nicht, es hat aber auch nicht geregnet und viele Menschen haben interessiert auf die Finger einiger Akteure geschaut. Die Balance aus Struktur, Fokus und Improvisation, die Warren Haynes bei der Studio-Produktion zu „Ashes & Dust“ meist gefunden hat, ging irgendwo im zweiten Teil der Live-Darbietung verloren.

 

http://www.warrenhaynes.net/


Spider Murphy Gang Live  ****

(Heroldsberg, Festplatz, 9.7.2016)

 

Wenn man fast 40 Jahre mit derselben Band auf der Bühne steht, dann darf man schon einmal eine Textzeile vergessen, so wie das Günther Sigl bei „Pfüat di Gott, Elisabeth“ passiert ist. Ansonsten rollt aber der bayerische Rock’n’Roll-Train der Spider Murphy Gang wie geölt durch eine laue Sommernacht, die ja bekanntlich nicht nur in einer Stadt wie München sondern auch in einer Kleinstadt wie Heroldsberg bei Nürnberg recht stimmungsvoll ausfallen kann. Auf Einladung der Kulturfreunde zogen die Mannen um Sigl und Barny Murphy ihre Rock’n’Roll-Schuah an und brachten etwa 1500 Mittelfranken zum Mit-Twisten, Mitsingen und Mitklatschen. Die Hitkiste der SM-Gang ist gut gefüllt, die großen Renner wie „Schickeria“ oder „Skandal im Sperrbezirk“ werden mit ausgiebigen Solo-Einlagen zelebriert, wobei auch der Tastenmann Ludwig Seuss und der Saxofonist Otto Staniloi brillieren dürfen. Frontmann Sigl führt launig und routiniert durch das zweistündige Programm, mit dem neuen Schlagzeuger Andreas Keller liefert er ein solides Drums-Bass-Fundament. Mit einem Bier und einem Bratwurst-Weckla in der Hand lässt sich diese zeitlose Musik jedenfalls problemlos genießen, allemal besser als der gleiche Sound beim Autobahn-Stau in Bayern 3!

 

http://www.spider-murphy-gang.de/

http://www.kulturfreunde-heroldsberg.de/


Sarah Morris: Ordinary Things ***

River Rock Music (USA 2015)

Produced by Eric Blomquist

10 Tracks - 41:22 Min.

 

In der Szenerie der weiblichen Singer/Songwriter wird derzeit eine stilistische Masche fast schon inflationär ausgereizt: es ist jener Hybrid-Sound aus Pop, Folk, Rock und Jazz, sozusagen im Spannungsfeld von Norah Jones bis Shania Twain. Genau hier lässt sich auch das neueste (= dritte) Album von Sarah Morris aus Minneapolis verorten. Sie startet erfrischend mit meiner flockigen Folk-Pop-Nummer („Brighter“) um dann nach dem radio-orientierten „Sway Me“ mit „Nice Girl“ gleich ihren Stil-Mix konzentriert in einem Song vorzustellen: vom Hammond-gefütterten Soft-Soul bis zum Up-Tempo-Wechsel für den Country-Stomp mit Mandoline und Ukulele. Da wundert man sich dann auch gar nicht mehr, dass in der nächsten Abteilung eine jazzig angehauchte Ballade a la Norah Jones folgt („You Still Have Me“), in der auch eine Trompete eine wichtige Rolle spielt. Auf einem hohen Level des Arrangements und der Musikalität zieht Sarah Morris dieses Programm mit ihren Begleitmusikern Thomas Nordlund (g), Andrew Foreman (b) und Zachary Schmidt (dr) durch, wobei sie mit ihrer Stimme auch eher modernistische Kicks bevorzugt. Damit könnte sie sich ohne Zweifel bei den Dixie Dregs bewerben oder in die Fußstapfen von Kelly Clarkson treten. Am Ende fehlt aber dann doch etwas, was den eigentlichen Aha-Effekt beim Zuhören ausmacht, irgendein künstlerisches Alleinstellungsmerkmal, das unsere Kritik vom epigonalen Musizieren widerlegen könnte. So bleibt dem Zuhörer nur ein anerkennendes Nicken, aber keine volle Begeisterung.

 

http://sarahmorrismusic.com/


Vicky Emerson: Wake Me When The Wind Dies Down ****

Triad Entertainment (USA 2016)

Produced by Matt Patrick

10 Tracks - 36:54 Min.

 

Es ist ein großer Ring, in den Vicky Emerson mit ihrem fünften Album (abzüglich früherer Piano-Experimente) ihren Hut wirft. Sie möchte nämlich beweisen, dass sie auf Augenhöhe mit ihren großen Vorbildern Emmylou Harris, Roseanne Cash, Allison Krauss oder Lucinda Williams Musik macht. Und das, obwohl sie in der Heartland-Provinz von Wisconsin zu Hause ist und ihren zwei kleinen Kindern beim Aufwachsen helfen will. An ihrer Seite hat sie den geschmackssicheren Produzenten und Gitarristen Matt Patrick, der die zehn Eigenkompositionen von Vicky Emerson mit einem präzisen Americana-Arrangement und einigen versierten Studiomusikern in Szene setzt. An der Stimme von Vicky Emerson, die optisch an die junge Linda Ronstadt erinnert, gibt es sowieso nichts zu mäkeln. Sie kann gefühlvolle Balladen („Silhouette“) und rollende Country-Rocker („Under My Skin“), sie klingt gleichzeitig zeitlos und modern, traditionell und eigenständig. Die Rache-Geschichte „Long Gone“ hat ohne Zweifel das Zeug zum Hit, genauso wie „Runaway Train“ oder das atmosphärisch erhebende „Silhouette“, das man am, liebsten in einer kalten Winternacht als Dauerschleife hören würde. Es stellt sich eigentlich nur noch die Frage nach dem bisschen Glück, das die selbstfinanzierte CD in die entsprechenden Schienen setzt, die zum überregionalen Erfolg führen könnten. Von hier aus gibt es jedenfalls eine dicke Empfehlung!

 

http://www.vickyemerson.com/


Michael Logen: New Medicine ***

PledgeMusic (USA 2016)

Produced by Michael Logen, Thomas Doeve, Reid Scelza & Charles Yingling

10 Tracks - 37:19 Min.

 

Zweierlei muss man dem umtriebigen Michael Logen, der lange Jahre mit Koffer und Gitarre in der Welt herumgereist ist und sich nun in Nashville, Tennessee angesiedelt hat, zugestehen: er hat eine markante, variable Stimme mit hohem Wiedererkennungswert und er hat ein Händchen für die Komposition von leicht hymnischen Folk-Pop-Nummern mit hoher Radiotauglichkeit. Somit braucht er sich keineswegs hinter all den John Legends, Jack Johnsons oder Milows dieser Welt verstecken. Mit „New Medicine“ präsentiert er nun seine zweite (selbst finanzierte) CD, nachdem das Debut aus dem Jahr 2012 („Things I Failed To Mention“) nur mittelmäßigen Erfolg hatte. Immerhin ist er aber auch als Songwriter für andere Künstler recht gefragt, die Liste seiner AbnehmerInnen reicht von Mat Kearney über Paul Carrack bis zu der angesagten Kelly Clarkson. Auf der Basis von Piano und vor allem akustischer Gitarre (und diesmal zeitweise in der Einsamkeit einer Waldhütte) konstruiert Logen seine kompakten Indie-Pop-Songs, die meist hohes Mitsing-Potential haben, textlich aber wenig Überraschendes bieten. Die Single „Ready Or Not“ erweckt ohne Zweifel Hit-Verdacht und könnte im formatierten Nachmittags-Radio zu einem Dauerläufer werden. Bei „Best Of You“ greift er sogar zu einem gesampelten Drum-Loop und bei „That Next Thing“ veredelt Kim Richey mit ihrer Background-Stimme die Produktion. Das volle Band-Arrangement - auch mit elektrischer Gitarre und echtem Schlagzeug - scheint dann gegen Ende bei „Paper Thin“ und „Human After All“ auf. Logens musikalische Neu-Medizin wird sicher manchem die Langeweile oder eine miese Stimmung vertreiben - zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie ihren Apotheker oder andere Harmonie-Apostel. Wenn Taylor Swift zufällig sein Album hören sollte und einen Song für sich herauspickt, dann ist Michael Logen definitiv ein gemachter Mann.

 

http://michaellogen.com/home

http://www.pledgemusic.com/projects/michaellogen


The Rides: Pierced Arrow   ****

Provogue PRD 74615 (USA 2016)

13 Tracks (3 Bonus Tracks) - 62:01 Min.

Produced by Stephen Stills, Kenny Wayne Shepherd, Barry Goldberg & Kevin McCormick

 

Eigentlich hatten alle vermutet, die als neue Super-Session titulierte 2013er-CD „Can’t Get Enough” werde ein einmaliges Rides-Ereignis sein. Doch offensichtlich hatten Stills, Shepherd & Goldberg so viel Spaß miteinander, dass daraus mittlerweile eine richtige Band entstanden ist: mit Tour und zweitem Album! Somit startet das generationenübergreifende Trio-Projekt - unter solider Mithilfe des Bassisten Kevin McCormick und des Schlagzeugers Chris Layton eine erneute Reise in die Welt des modernen Blues-Rock, wo ganz offensichtlich die emotionale Heimat der Akteure angesiedelt ist. Die CD umfasst zehn sehr hörenswerte Gemeinschaftsproduktionen (darunter mit „My Babe“ auch eine klassische Willie-Dixon-Erinnerung), wobei die Lead-Vocals ganz demokratisch 5:5 unter Stephen Stills und Kenny Wayne Shepherd aufgeteilt sind. Erst bei der Nachspielzeit (drei Bonus Tracks) kommt Altmeister Stills alleine ans Mikrofon. Während Shepherd vor allem geradlinige Retro-Rocker anbietet (z.B. „Riva Diva“ und „I Need Your Lovin‘“), darf Stills die ganze Bandbreite seiner musikalischen Vorlieben ausleben. Dabei ist mit „Virtual World“ auch ein radiotauglicher Song hineingerutscht, der Millimeter-genau in ein Crosby, Stills & Nash-Album passen würde - beim Zuhören meint man sogar die Background-Stimme von Graham Nash zu hören. Und mit „There Was A Place“ verbreitet Stills Altersweisheit im Slow-Blues-Gewand des 21. Jahrhunderts - Gary Moore lässt grüßen. Für eine weitere gelungene Überraschung ist Barry Goldberg - der ansonsten eher im Hintergrund bleibt - zuständig. Sein Song „I’ve Got To Use My Imagination“, den er einst mit Gerry Goffin für Gladys Knight geschrieben hatte, wird hier zu einer packenden Soul-Blues-Nummer, ganz in der Tradition von Robert Cray. Dieses zweite Lebenszeichen einer recht zufällig zustande gekommenen Band hat nur ein Manko: auf die Bonus Tracks hätte man glatt verzichten können, weil hier fast nur noch der konventionelle 12-Bar-Blues ermüdend ausgewalzt wird. Weniger wäre also mehr gewesen! Unter dem Strich bleibt aber die erstaunliche „Vater&Sohn“-Demonstration zweier nimmermüder Gitarristen und Sänger, die wohl auch für einen dritten Streich gut sind.

 

http://www.theridesband.com/

http://www.stephenstills.com/index.html

http://www.kennywayneshepherd.net/


Paul McCartney ***

Live im Olympiastadion München

10.6.2016

 

Für einige Großbanken galt während der Bankenkrise vor etwa sieben Jahren das Motto „Too big to fail“! Ähnliches darf man mittlerweile auch dem „Sir“ Paul McCartney attestieren, der im Rahmen einer Welt-Tournee mit dem Titel „One On One“ kurz vor seinem 74. Geburtstag in Deutschland drei Live-Konzerte  absolviert. Sein Rettungsschirm sind allerdings nicht die staatlichen Haushalte sondern die loyalen Fans, die seit ca. 50 Jahren die musikalischen Produktionen des agilen Engländers verfolgen. Rund 30 000 Menschen pilgerten ins Münchner Olympiastadion und warteten geduldig auf die großen Mitsing-Hymnen wie „Let It Be“, „Obladi Oblada“ oder „Hey Jude“. McCartneys epochaler Beitrag zur Geschichte der Pop- und Rock-Musik ist einfach so gewaltig, dass man (und auch er selbst) verkraften kann, dass in den letzten knapp zwanzig Jahren nur noch wenig Außergewöhnliches aus den Federn des Ex-Beatle geflossen ist. Und so steht er nun angenehm unprätentiös auf der riesigen Stadion-Bühne, arbeitet sich redlich durch ein pausenloses Programm von zweieinhalb Stunden, kokettiert mit deutschen Ansagen, schwenkt - quasi als Anti-Brexit-Botschafter - die deutsche und die englische Fahne, widmet manche Songs verstorbenen Mitstreitern, umarmt vier Edel-Fans mit Transparenten und verschwindet dann umjubelt im schwarzen Großraum-Van aus der Arena. 57 Jahre umspannt die musikalische Darbietung: von einem 1958er-Song der Quarrymen („In Spite Of All The Danger“) bis zu seiner Hit-Kooperation mit Rihanna und Kanye West („FourFiveSeconds“) aus dem letzten Jahr. Dabei werden vom  mitgealterten Publikum die Songs aus seinen neueren Solo-Alben wohlwollend ignoriert, die großen Beatles- und Wings-Klassiker dagegen enthusiastisch gefeiert. Man kann McCartneys Live-Mischung abwechslungsreich nennen, man kann sie aber auch ein wenig planlos finden - eben nach dem Konsens-Prinzip „für jeden etwas“. Seit Jahren hat er live seine bekannten Mitstreiter dabei (Abe Laboriel, Paul Wickens, Brian Ray und Rusty Anderson), die allerdings bei dem diffusen Sound im Münchner Stadion nur wenig brillieren können und tapfer versuchen die widersprüchlichen Arrangements zwischen Ukulele-Geschrammel und massiven Breitwand-Sound angemessen zu interpretieren. Der Höhepunkt fürs Auge ist ohne Zweifel das Feuerwerk bei „Live And Let Die“, während die beleuchteten Smartphones bei „Hey Jude“ unterm Zeltdach für Lagerfeuer-Stimmung 2.0 sorgen. Irgendwie wird man den Verdacht nicht los, dass viele Zuschauer aus einem zur Nachsicht mahnenden  Motiv gekommen sind: vielleicht war es die letzte Chance, dieser lebendigen Legende „Auge in Auge“, d.h. mit dem Fernglas oder mit der aufgezoomten Digitalkamera zu begegnen?

 

https://www.paulmccartney.com/


Birds Of Chicago: Real Midnight   ****

FHE 009 (USA 2016)

11 Tracks - 44:47 Min.

Produced by Joe Henry

 

Dass es nicht immer gut geht, wenn Ehepaare ein gemeinsames musikalisches Projekt starten, lässt sich an den Beispielen Ike & Tina Turner oder Sonny & Cher studieren. Ganz anders sieht es bislang bei dem Duo JT Nero (= Jeremy Lindsay) und Allison Russell, die neben einer kleinen Tochter (Ida) nun auch ihr zweites Album mit dem Titel „Real Midnight“ produziert haben. Unter der erfahrenen Leitung von Independent-Folk-Legende und Madonna-Schwager Joe Henry - und gefördert von einer Kickstarter-Gruppe - ist dabei in dessen legendärem Home-Recording Studio „The Garfield House“ in Pasadena ein beachtliches Stück Musik entstanden, das mit der Genre-Schublade Americana nur sehr ungenau beschrieben ist. Nach mehrfachem Hören kann man sich nur wundern, wie es möglich ist, derartig düstere Texte in ein so freudvolles musikalische Gewand zu kleiden - ist vielleicht die Bezeichnung „Apocalypse meets Gospel“ ein Hinweis? Verständlicher wird manches, wenn man erfährt, wer die großen Vorbilder von JT Nero sind: Van Morrison, Sam Cooke und John Prine. Irgendwo in der Schnittmenge dieser drei außergewöhnlichen Künstler sind die Songs der Birds anzusiedeln. Das geht von flockigem Folk-Pop wie „Remember Wild Horses“ über elegischen A-capella-Sound („Barley“) bis zu rockigen Tönen bei „The Good Fight“. Damit kann man auch Zeilen verkraften, die nach dem letzten Song vor dem Untergang der Titanic klingen: „Real midnight’s gonna come / real wolves at your door / with blood on their tongues“. Und wenn schon - mit der Stimme von Allison Russel und den Kompositionen von JT Nero lassen sich auch katastrophale Zeiten („Tomorrow’s on you like a pack of wild hounds“) aushalten. Nach der Fertigstellung von „Real Midnight“ wurden übrigens die Türen des Garfield-Studios geschlossen, weil Joe Henry sich räumlich verändern will. Auf jeden Fall: ein würdiger Schlusspunkt - aber nicht für die Birds Of Chicago.

 

http://www.birdsofchicago.com/


Jeremy Nail: My Mountain ****

Open Nine Music (USA 2016)

11 Tracks - 47:24 Min.

Produced by Alejandro Escovedo

 

Der mythologische Sisyphus wälzte einen schweren Felsbrocken den Berg hinauf, um dann die Erfahrung zu machen, wie er auf der anderen Seite wieder herunterrollt. In die banale Gegenwart gewendet heißt das, dass jeder Mensch so seine Berge hat, die ihm im Wege stehen. Bei Jeremy Nail schien dieser Berg besonders unüberwindlich. Gerade als der texanische Singer-Songwriter zu einer vielversprechenden Karriere ansetzen wollte, bekam er die Krebs-Diagnose, die schließlich 2013 zur Amputation seines rechten Beins führte. Nun ist er dank einer Prothese wieder auf den Beinen und hat definitiv was zu erzählen. Seine neue (= zweite) CD ist eine Art Bericht über die Ups and Downs der letzten zwei Jahre mit einem ermutigenden Fazit, das schon im Titelsong, der ein bisschen Swamp-Rock-Feeling verbreitet, gezogen wird: „I might fall, but I’ll get up again“. Im zweiten Song „Down To The Ocean“ blickt er optimistisch in die Zukunft und erklärt nach einem erfrischenden Bad im Meer: „Let the waves wash away my failure / To come back new again“. Alejandro Escovedo hat das Album in Austin im Stile eines Daniel Lanois produziert und zusammen mit Jeremy Nail eine musikalische Textur und eine inhaltliche Botschaft geschaffen, die teilweise unter die Haut geht. Auf der kargen Basis von Schlagzeug, Kontrabass und akustischer Gitarre entfaltet sich ein dichtes atmosphärisches Gewebe, das vor allem für die markante Stimme von Jeremy Nail und die kreative Gitarre von Chris Masterson viel Platz lässt. Das Ergebnis ist texanischer Roots-Rock, der an Künstler wie Kevin Gordon, Jimmy LaFave oder Lee Clayton erinnert und der deutlich macht, dass die großen Namen („Heroes“) Townes Van Zandt und Steve Earle zu den Vorbildern von Nail gehören - aber dennoch: „you’ve bound to find yourself following their tracks“. Der einzige Kritikpunkt ist die Gefahr, dass Nail die Mischung aus up-tempo und low-tempo-Nummern etwas zu Gunsten des letzteren Genres vernachlässigt. Dennoch liegt hier ein vielversprechendes Zweit-Debüt vor, ein dynamischer Aufbruch zu neuen Grenzen. Bei der nächsten CD muss Nail dann hoffentlich beweisen, dass er uns auch ohne Krankheitsgeschichte berühren kann.

 

www.jeremynail.com


John Pousette-Dart: Talk  *****

Little Big Deal Music (USA 2015)

11 Tracks - 40:26 Min.

Produced by Bill VornDick

 

Wenn es erlaubt ist, die alte Floskel vom Steak, das dann richtig gut ist, wenn es vorher lang abgehangen wurde, auf Menschen zu übertragen, dann kann man mit Fug und Recht sagen, dass John Pousette-Dart eigentlich erst jetzt den Höhepunkt seiner musikalischen Produktion erreicht zu haben scheint. Nach der angestrengten Karriere-Rallye mit seiner Pousette-Dart-Band in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren hat er sich nun mit einer Rolle des entspannten Liebhaber-Musikanten abgefunden und gibt in längeren Abständen akustische Rauchzeichen. „Talk“ ist seine fünfte Solo-CD und die besondere Qualität liegt darin, dass man den Eindruck hat, hier sei im Studio („Ronnie’s Place“) ein kreatives Bandgefüge um den Singer-Songwriter Jon Pousette-Dart entstanden. Bekannte Namen wie Reggie Young, Dan Dugmore und David Hungate haben sich in Nashville eingefunden, um die durchwegs geschmackvollen Songs zu veredeln. So entsteht eine nie aufdringliche, aber stets hoch emotionale Melange aus Southern R&B, Soft-Rock und Country-Soul, die immer wieder an die großen Vorbilder Dobie Gray oder Jesse Winchester (dem auch mit seinem Songs „I Want To Mean Something“ aus dem Jahre 1988 ein Gruß ins Grab nachgesandt wurde) erinnert. Aus der 1977er-Schublade wurden dazu noch zwei PDB-Klassiker hervorgezaubert: „Amnesia“ und „County Line“, beide haben nichts an Frische verloren. Pousette-Darts Stimme ist immer noch in Bestform und seine neuen Kompositionen - egal ob als Mid-Tempo-Rocker oder als Soft-Rock-Balladen - haben eine besondere Attraktivität. Der beste Ausdruck dafür ist wohl: zeitlos! Oder: Gut abgehangen!

 

http://www.pousette-dart.com/


The Turnpike Troubadours: The Turnpike Troubadours ****

Bossier City Records - USA 2015

12 Tracks - 44:28 Min.

Produced by The Turnpike Troubadours

 

Wenn man als Independent-Band mit einer selbst produzierten CD den Platz 3 der Billboard Country Album Charts erreicht, muss man irgendetwas richtig gemacht haben. Vielleicht geht das Erfolgsrezept so: das Quintett um Singer/Songwriter Evan Felker schert sich seit seiner Gründung 2007 einen Dreck um die Mainstream-Masche aus Nashville sondern spielt das breite Country-Genre gerade so, wie es gefällt. Das heißt z. B., dass sie (auf ihrem mittlerweile vierten Album) mit einem schwungvollen Country Waltz („The Bird Hunters“) starten, um gleich darauf einen kernigen Country-Rocker („The Mercury“) folgen zu lassen. Man merkt, dass sie die Wurzeln kennen, aber auch wissen, wie modern traditionelle Musik klingen kann. Je nach Bedarf steuert Ryan Engleman entweder eine kraftvoll verzerrte Gitarre oder eine stimmungsvolle Steel Guitar bei. Eine prominente Rolle in fast jedem Song übernimmt die Fiddle von Kyle Nix, ohne je nervig zu werden. Die Troubadours wissen auch um ihre Herkunft aus Oklahoma und orientieren sich manchmal ein bisschen am Red-Dirt-Sound (was immer das auch ist!) ihrer Kollegen von den Old 97’s, den Bottle Rockets oder den Drive-By Truckers. Dazu kommen die absolut klischeefreien Lyrics von Evan Felker (er schrieb neun der 12 Songs), der über seine Altersgenossen mit Country-Attitüde selbstkritisch schreibt: „They all want to be Hank Williams / but they don’t wanna have to die“ („Long Drive Home“). Die dritte Säule der Karriere ist die harte Arbeit on the road. Die Turnpike Troubadours haben mittlerweile ihre Fühler auch über Oklahoma hinaus ausgestreckt und gelten als heißer Live-Act in den gesamten USA. Wenn also der moderne Nashville-Country in den Untiefen des internationalen Pop ertrinkt, darf man getrost weiter den Troubadours zuhören: sie wollen bestimmt nicht die nächste Taylor Swift Backing Band sein!

 

http://www.turnpiketroubadours.com/pg/home


Delta Moon: Low Down ****

Jumping Jack Records - USA 2015

12 Tracks - 45:11 Min.

Produced by Delta Moon

 

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts (klingt sehr bedeutend!?) trafen sich Tom Gray und Mark Johnson auf dem Parkplatz eines Musikladens in Atlanta, Georgia, wo Tom aus dem Kofferraum eine Dobro verkaufen wollte (klingt sehr alltäglich!?). Aus dem Deal wurde nichts, aber der musikalische Kontakt blieb bestehen und bald entstand - orientiert an Vorbildern wie Ry Cooder oder David Lindley - die Band Delta Moon. Dass Programm war gitarrenorientierter Blues-Rock, mittlerweile ist die CD # 10 entstanden. Tom Gray legt sich gerne die Lapsteel-Gitarre aufs Knie, während Mark Johnson mit E-Gitarre und Vox AC 30-Box die Suche nach dem definitiven Riff startet. Sie bewegen sich dabei in einem musikalischen Genre, das z. B. von Rory Gallagher, ZZ Top oder John Hiatt abgesteckt sein könnte. Auf der neuen CD gibt es wieder nichts Revolutionäres, neun flockige Kompositionen von Tom Gray und drei Covers (z. B. von Tom Waits oder Bob Dylan). Ein bisschen aus dem Rahmen fallen „Mean Streak“ als Mainstream-Rocker, „Mayfly“ mit einem leichten Country-Blues-Flavour und Skip James‘ „Hard Time Killing Floor Blues“ als akustische Retro-Blues-Hommage. Auf der soliden Basis von Marlon Pattons Schlagzeug und Franher Josephs Bass können Gray und Johnson konzentriert ihre Saiten ziehen, Gray angeraute Stimme gibt dem Ganzen noch einen Schuss Whiskey-Club-Atmosphäre. Für diese Art von Musik gilt bedingungslos: „It's okay / It's all right / They're open all night”.

 

http://deltamoon.com/


Vorne: Mark Johnson (g) und Tom Gray (slide g); hinten: Marlon Patton (dr) und Franher Joseph (b)
Vorne: Mark Johnson (g) und Tom Gray (slide g); hinten: Marlon Patton (dr) und Franher Joseph (b)

Delta Moon

Live in der Kofferfabrik Fürth ****

Mo. 14.3.2016

 

Wenn der Vollmond auf den Mississippi scheint und in einer stickigen Bar der Moonshine Whiskey ausgeschenkt wird, dann ist es Zeit für Tom Gray und Mark Johnson die Gitarren auszupacken und zum Ritt auf dem Flaschenhals einzuladen. Die beiden sind der Doppel-Kopf von Delta Moon aus Atlanta, Georgia und mit der neuen CD „Low Down“ (Jumping Jack Records 12012) im Gepäck touren sie zurzeit durch Europa. So wurde der Montagabend in der gut besuchten Fürther Kofferfabrik zu einem stimmungsvollen Blues-Rock-Abend, bei dem sich sowohl der traditionelle Blues-Fan als auch der etwas modernere Southern-Rock/Americana-Liebhaber bestens unterhalten fühlt. Die solide Basis für die knackigen Drei-Minüter, aber auch für die ausladenden Solis liefern Franher Joseph am Bass und Marlon Patton am Schlagzeug. Darüber können sich Gray und Johnson auf die immerwährende Suche nach dem definitiven Blues-Rock-Riff oder dem rauchigen Bottleneck-Sound machen. So ähnlich müssen wohl auch die frühen ZZ Top geklungen haben, als sie noch nicht zum Stadion-Rock mutierten. Delta Moon präsentieren vorwiegend Songs aus dem neuen Album (z. B. „Afterglow“ oder „Open All Night“), greifen dabei auch in die klassische Blues-Kiste („Hard Times Killing Floor Blues“ von Skip James) und finden immer wieder lohnenswerte Fremdkompositionen (z. B. „Low Down“ von Tom Waits oder „Down In The Flood“ von Bob Dylan). Zum Glück erinnern sie sich auch an ihr eigenes bisheriges Highlight, das 2007er-Album „Clear Blues Flames“ (eine unbedingte *****-Kaufempfehlung!!). Das Fürther Publikum kann sich dem auf den Punkt gebrachten Groove nicht entziehen, darf die eingängigen Refrains mitsingen, am Ende kommen Gray und Johnson sogar zu einem langen Double-Solo von der Bühne runter. Rau, aber herzlich -  gerne wieder!

 

http://deltamoon.com/




Jason Isbell: Something More Than Free *****

Thirty Tigers / Southeastern Records (USA 2015)

11 Tracks - 43:37 Min.

Produced by Dave Cobb

 

Es gibt auch gute Nachrichten! Jason Isbell (Jahrgang 1979) hat die Schatten seiner Vergangen­heit, die von Alkohol, Drogen, Scheidung und mäßigem musikalischem Erfolg mit den Drive-By Truckers geprägt waren, überwunden und ist spätestens seit seiner CD „Southeastern“ (2013) in der Erfolgsspur unterwegs. Nun hat er mit „Something More Than Free“ erneut ein kräftiges Statement hingelegt: elf selbst kompo­nierte Songs, die beweisen, dass sein krea­tives Potenzial ungebrochen vorhanden ist. Damit schiebt er sich an die Spitze der Americana-Bewegung und darf ohne Zweifel in einer Liga mit Namen wie John Mayer oder Amos Lee genannt werden - ob die vollmundigen Kritiker-Vergleiche mit Neil Young oder gar Bruce Springsteen Stand halten, sei noch dahingestellt - im­merhin sprechen zwei Grammys 2016 für das beste Americana-Album und den bes­ten Americana-Song („24 Frames“) eine deutliche Sprache. Isbell ist jedenfalls eine markante Stimme, auf die man gerne hört und die auch was zu sagen hat. Bei der neuen CD erzählt er zum einen von seinen eigenen Problemen („I was sick, I was scared, I was socially impaired“), die er aber glaubt überwunden zu haben. Die positive Botschaft des ersten Songs lautet: „My day will come, if it takes a lifetime“. Zum anderen lie­fert er stimmige Miniaturen aus Smalltown, USA ab, z. B. in den atmosphärisch sehr dichten Songs „Flagship“ oder „Speed Trap Town“. Mit seiner Band namens „The 400 Unit“ (etwas pro­vokant benannt nach einer psychiatrischen Station in Florence, Alabama!) produziert Isbell ein­gängigen, aber nie klischeehaften Roots-Rock, bei dem auch mal Mellotron-Teppiche oder die Fiddle seiner Frau Amanda Shires zu hören sind. Aus seiner Heimat Alabama hat es ihn mittler­weile nach Nashville verschlagen, wo Produzent Dave Cobb ihm die Rahmenbedingungen für die zwei erfolgreichen Alben geschaffen hat. Eine Europa-Tournee am Anfang des Jahres 2016 könnte seinen Erfolg noch international ausgeweitet haben. Eines ist jedenfalls sicher: Jetzt lebt Jason Isbell das Leben, das er gewählt hat („The Life You Chose“). Dringende Hör-Empfehlung!

 

http://www.jasonisbell.com/


Eric Brace & Peter Cooper: C&O Canal ****

Red Beet Records - USA 2016

10 Tracks - 35:01 Min.

Produced by Thomm Jutz

 

Die zehn Songs auf der neuen CD sind wie zehn tönende Bilder einer Ausstellung mit dem Thema „Die Folk-, Blue- und Newgrass-Szene der Washington D.C. Area in den 70er Jahren“ (Untertitel: „No Politics“). Die kenntnisreichen Kuratoren dieser Ausstellung heißen Eric Brace und Peter Coo­per, beide haben ihre musikalischen Sozialisations-Schlüssel­erlebnisse in jener Zeit in den berühmten Clubs wie besonders dem „Birchmere“ gefun­den, wo jeden Donnerstag die legendären Seldom Scene auftraten. Von diesen Trendset­tern reicht eine logische musikalische Kette zu Mary Chapin Carpenter, zu Emmylou Harris, zu Jonathan Edwards, zu Karl Straub, zu den Rosslyn Mountain Boys, zu Alice Gerrard und zu John Jackson. Eric Brace hat über all diese Na­men seine Artikel in der Washington Post abgeliefert, Peter Cooper hat den versierten Saitenzupfern Mike Auldridge oder John Starling aus der vordersten Reihe auf die Finger ge­schaut. Diese Erfahrungen haben sie auch in ihrem heutigen Aufenthaltsort East Nashville nicht vergessen und daraus ein hoffnungslos nostalgisches, aber gleichzeitig berührendes Erinne­rungs-Produkt gemacht. Unter der Leitung von Thomm Jutz beamen sie sich ca. 40 - 50 Jahre zurück und bringen die unvergessenen Klassiker wie „C&O Canal“, „Boulder To Birmingham“, „If That’s The Way You Feel“ oder „Boat’s Up The River“ wieder zu Gehör. Dies alles ist eine tiefe Ver­neigung vor den Großen der Szene, musikalisch aber absolut auf Augenhöhe.

Übrigens: auch heute ist der Birchmere Club in Alexandria, Virginia noch einen Besuch wert, wenngleich die Aufbruchsstimmung der 60er und 70er Jahre verschwunden ist. In der nächs­ten Zeit wären dort so illustre Namen zu hören wie Leo Kottke, Ry Cooder, Shovels & Rope, John Hiatt, Tom Rush und Don McLean - warum eigentlich nicht Brace & Cooper?

 

http://www.birchmere.com/

http://redbeetrecords.com/eric-brace-peter-cooper


The Doobie Brothers: Southbound  ***

Sony Music / Arista - USA 2014

13 Tracks - 49:26 Min.

Produced by David Huff

 

Es ist immer ein schlechtes Zeichen, wenn renom­mierte Bands erkennen müssen, dass die Fans gar keine neuen Songs mehr von Ihnen hören wollen, sondern nur die alten Hits. Wenn dann die Methode der Best-Of-CDs ausgereizt ist, bleibt noch ein Ausweg: man nimmt die alten Kracher wieder neu auf und bittet ein paar illustre Gäste mitzusingen. So machten es vor kur­zem Little Feat oder John Fogerty - mit mäßigem Ertrag. Dies ist nun auch der Versuch der Doobie Bro­thers, die nach ihren großen Erfolgen in den 70er Jah­ren den stilistischen Kultur-Schock mit Michael McDo­nald nie ganz verdaut haben und seither ewig auf das Gestrige verwiesen sind. „Southbound“ enthält die wohl zwölf größten Hits der Doobies, eingespielt von einer versierten Nashville-Studiomusiker-Crew (z. B. Dan Dugmore oder J. T. Corenflos) unter Leitung und druckvoller Produktion von Hard-Rock-Drummer David Huff. Dazu kommen stimmliche Gastbeiträge von Country-Musikern der gegenwärtigen A- und B-Klasse, am bekanntesten wohl noch Zac Brown, Blake Shelton, Toby Keith und Brad Paisley. Mit ihnen duettieren die Herren Johnston, Simmons und McDonald, für John McFee ergeben sich noch ein paar Gitarren-Einwürfe und ein solistisches Intro zu „Nobody“. Die Klassiker aus den Jahren 1972 - 1979 be­halten dabei ihren Grundcharakter: harmoniefreudiger Mainstream-Rock mit eine paar Country-Anlei­hen. Insofern stellt sich die Frage, ob man mit einer der alten Best-Of-CD nicht letzten Endes besser bedient wäre? Da aber die Doobie Brothers immer noch unverzagt als flotter Dreier mit Band-Unterstützung (neuerdings sogar mit Bill Payne von Little Feat an den Tasten!) unterwegs sind, wird sich nach den Kon­zerten ein Kontingent von treuen Käufern finden.

 

http://www.doobiebros.com/


Nathan Bell: I Don‘t Do This For Love, I Do This For Love ****

Stone Barn Records - USA 2015

13 Tracks - 51:42 Min.

Produced by Nathan Bell

 

Man muss lange suchen, aber es gibt sie noch, die aufrechten Linken in der US-amerikanischen Kulturindustrie. Nathan Bell (geboren 1960) ist so einer, der seine Songs der Working Class widmet und sie dabei nicht mit der We-are-all-in-the-same-boat-Ideologie einseift. Mit Arbeitern meint er die Handarbeiter, die auf einem Flussdampfer schuften, die den Beton für eine Eisenbahnbrücke anrühren, die Deckenträger annageln, sich auf einem Shrimp-Boot von den Netzen die Haut abschürfen lassen, in den Tiefen Kentuckys nach Kohle graben oder in einer Autofirma in Detroit das Metall biegen. Ihnen widmet er den Titelsong, ihre unwürdige Situation beschreibt er in „Stamping Metal“ mit den Zeilen „If the first day doesn’t kill you, the next day will“. Bell erzählt auch von den Industrie-Ruinen in Georgia, Pennsylvania oder Indiana, wo sich die Arbeitslosen in dreckigen Kneipen zusammenfinden und von einem anderen Arbeitslosen namens Jesus bedient werden. Dieser “Jesus of Gary, Indiana” sieht sein Auskommen sehr nüchtern: „It pays the bills most of the time, but I wouldn’t call it honest work“. Das ist erst die dritte Solo-CD von Nathan Bell; im Gegensatz zum Vorgänger „Blood Like A River” haben die meisten Songs ein volles Band-Arrangement. Dazu hat sich Bell die Musiker um die Kult-Kontrabassistin Missy Raines (The New Hip) ins Nashville-Studio eingeladen. Gastspiele als Sänger (und Mitkomponist) geben Craig Bickhardt und Annie Mosher. Nathan Bell steht für Blue-Collar-Authentizität im Rahmen eines eindringlichen Americana-Sounds, der manchmal an die mittlere Folk-Rock-Schaffensphase von Bob Dylan (freilich ohne dessen poetische Imagination), manchmal an die emotionale Kraft eines Steve Earle erinnert. Nathan Bell ist ein unbeirrbarer und rastloser Kämpfer, vielleicht sollte er auch einmal für politische Ämter kandidieren - wie das sein Glaubensgenosse Kinky Friedman schon getan hat - oder wenigstens die Kampagne von Bernie Sanders musikalisch begleiten!

 

http://www.nathanbellmusic.com/home


Phil Cook: Southland Mission *****

Thirty Tigers - USA 2015

9 Tracks - 32:22 Min.

Produced by Phil & Brad Cook

 

Zehn Jahre ist es her, dass sich Phil Cook samt Familie auf den Weg vom Heartland (Wisconsin) nach Southland (North Carolina) gemacht hat. Sein großes Interesse an den Wurzeln der Südstaaten-Musik hat diesen Ortswechsel maßgeblich beeinflusst. Nach einer Findungsphase als Studiomusiker und Produzent wagt er nun als Solo-Artist den Schritt ins Rampenlicht. Vor vier Jahren gab es eine unscheinbare Fingerübung auf der akustischen Gitarre („Hungry Mother Blues“) nun fährt Cook das komplette Band-Arrangement auf - und wie. Wenn einer das Recht auf das Label „Roots-Rock“ hat, dann ist es Phil Cook. Seine Songs vermischen den angegospelten rockigen Country Blues des Südens mit der Bluegrass-Romantik der Bergwelt. Es klingt, als habe man die alten Little Feat in ein Blue Ridge Mountain Studio gesetzt und kräftig gelüftet, damit sich der ländliche Geschmack niederschlägt. Und wenn Phil Cook mit Nerd-Brille und Strubbel-Haar vom psychedelischen Cover schaut, fühlt man sich in die glorreichen Zeiten von Grateful Dead zurückversetzt. Im Zentrum der CD stößt der gefesselte Hörer inmitten von denkwürdigen Songperlen auf die beiden Höhepunkte: das schwerfällige „Sitting On A Fence Too Long“ - ein musikalisches Essay zum Thema Prokrastination - und das dynamisch perlende „Lowly Road“. Von einer angezerrten Gitarren-Arabeske wie dem kurzen „Time To Wake Up“ möchte ich jeden Morgen geweckt werden. Mit der ausgekoppelten Single „Great Tide“ könnte sich Phil Cook jederzeit bei Little Feat bewerben, falls Paul Barrere und/oder Fred Tackett mal frisches Blut brauchen. Das einzige, was man dem künstlerischen Produkt vorhalten kann, ist die magere Laufzeit der CD - da aber Qualität vor Quantität gehen sollte, ist dies verschmerzbar (und jeder Player hat ja eine Repeat-Taste!). Vom schwungvollen „Ain’t It Sweet“ bis zum leicht morbiden „Gone“ - dieses Album ist aus einem Guss! Wer Phil Cook live in Deutschland sehen will, muss sich am 28. April 2016 nach Berlin aufmachen - bestimmt lohnenswert!

 

http://philcookmusic.com/#main

http://www.privatclub-berlin.de/


Blue Water Highway Band: Things We Carry *****

Blue Water Highway - USA 2015

13 Tracks - Laufzeit: 58:20 Min.

Produced by David Butler

 

Es passiert sehr selten, dass man das Longplay-CD-Debüt einer Band erleben darf, die gleichzei­tig den Enthusiasmus der Novizen und die Ab­geklärtheit von langjährigen Professionals zeigt. Hier aber ist es der Fall - und wer nach den ers­ten fünf Titeln (vor allem dem eindringlichen „Greytown“: "the golden train is rolling out of Greytown“) noch immer nicht die Ohren steil gestellt hat, der sollte mit täglichem Dauer-Abhören von Format-Autoradio bestraft werden. Der Band­name könnte dabei zunächst etwas in die Irre führen, denn die BWHB präsentiert keinen Hinterwäldler-Country sondern eine höchst intelli­gente und frische Mischung aus Modern Country (etwa ebenso viel­versprechend wie vor Jahren die Band Stonehoney) und Neo-Folk (geschult an Hörerlebnissen von den Avett Brothers oder Mumford & Sons). Doch hier sind keine Epigonen oder Eklektiker am Werk, sondern vor allem zwei außergewöhnlich einfallsreiche Songwriter aus der Kleinstadt Kyle in Texas - nahe bei Austin:  Zack Kibodeaux & Greg Essington können sehr gut einschätzen, wie man runde vier Minuten spannungsreich füllt. Der eigentli­che Trumpf der Band sind aber die Vocals: Zack Kibodeaux steht mit einer hörbar geschulten Stimme im Vordergrund, doch die Harmonies mit Greg Essington und  der Sän­gerin Catherine Clark suchen in der Szene nach Vergleichbarem. Damit strahlen viele Songs eine hymni­sche, fast schon religiöse Atmosphäre aus - Prediger Richie Furay würde sich darüber sehr freuen und die alten Hollies würden genussvoll schmunzeln. Die Band-Arrangements sind sehr dicht (für den soliden Background sorgen Kyle Smith am Bass, Daniel Dowling am Schlagzeug und Zach Landreneau an diversen Tasteninstru­menten), es gibt kaum Solo-Pas­sagen und der altbekannte Lloyd Maines ergänzt als Gast mit seiner Pedal Steel Guitar im Hintergrund wei­hevolle Texturen. In den Liedern geht es meist um persönliche Erfahrungen und Emotionen, ohne jemals die sattsam bekannten Klischees zu bedienen - selbst ein Train-Song wie „Hard Time Train“ klingt unverbraucht ("Hallelujah for the mo­ments I am rolling on these rails of pain"). Der Titelsong ist eine nostalgische Erinnerung an die Zeiten des Schwarz-Weiß-Kinos ("when nothing stays the same it’s the things we carry"). Von den Live-Shows der Band - bislang hauptsächlich auf den Staat Texas beschränkt - hört man nur Gutes, der Durchbruch im Radio könnte mit zwei unwiderstehlichen Folk-Pop-Nummern gelingen: „Medicine Man“ und „John Henry“. Warten wir also, wie es mit einem möglichen „Highway To Glory“ weitergeht - Don Henley und Glenn Frey haben auch einmal klein angefangen!

 

http://www.bluewaterhighwayband.com/home

https://soundcloud.com/blue-water-highway-band/sets/things-we-carry


Kevin Gordon: Long Gone Time

(Crowville Media CROW 4004 - USA 2015) ***

11 Tracks - Laufzeit: 55:29 Min.

Produced by Joe V. McMahan

 

Drei Jahre sind vergangen seit Kevin Gordons Meis­terwerk „Gloryland” (2012), jetzt hat er sich wieder mit seinem Kumpel Joe V. McMahan für drei Mo­nate in dessen Studio „Wow And Flutter“ verkro­chen und eine neue CD (auch mit der Hilfe einiger Sponsoren) herausgebracht. „Long Gone Time“ heißt das Album und der Titel ist Programm, denn in fast allen Songs befasst sich Gordon mit ambi­valenten, meist eher düsteren Eindrücken seiner Jugend im Staate Louisiana (I grew up down the road, it’s been 40 years / Walking on the levee now, I’m a stranger here“). Es geht um das Auto seines Vaters, das eines Nachts im Fluss wieder­gefunden wurde („GTO“), um Erinnerungen an Shreveport, der drittgrößten Stadt in Louisiana („Letter To Shreveport“), um den Opa, der für alle Fälle sein Gewehr hinter der Tür stehen hat („Shotgun Behind The Door“), um das gottverlassene Kaff Crowville, um den halbindianischen Rodeo-Reiter Brownie Ford, der auch mal an der Straßenecke zur Gitarre gesungen hat („Goodnight Brownie Ford“) und um Erinnerungen an Beton und Unkraut im Jahr 1973 („Cajun With A K“). Wie das Land, so die Mu­sik. Gordon hat sich für einen sehr erdigen Sound entschieden, für ein rumpliges Schlagzeug und für dreckig angezerrte Gitarren. Damit instrumentalisiert er ein musikalisches Spektrum aus Swamp-Blues und Roots-Rock, das diesmal allerdings von den Kompositions-Ideen etwas gleichförmig ausgefallen ist. Die CD hat den Aufbau eines Live-Konzert mit drei elektrischen Rockern am Anfang, dann vier verhalte­nen akustischen Nummern und einem elektrischen Restprogramm, das in den annähernd zehnminüti­gem Talking-Blues „Cajun With A K“ mündet - danach folgt noch ein Bonus-Track. Kein Zweifel, Kevin Gordon ist ein versierter Textschmied und Geschichtenerzähler, doch diesmal fehlt etwas das span­nungsreiche musikalische Gegengewicht (und es fehlen leider auch die Lyrics - sowohl bei der CD-Verpa­ckung als auch auf der Homepage!).

 

http://kg.kevingordon.net/


Peter Cooper: Depot Light. Songs Of Eric Taylor

(Red Beet Records RBRCD 020 - USA 2015) ****

12 Tracks - Laufzeit: 43:59 Min.

Produced by Thomm Jutz & Peter Cooper

 

Wer kennt im alten Europa Peter Cooper? Wer kennt Eric Taylor? Wer kennt beide? Niemand? Wenige? Insofern ist diese CD-Kritik ein bisschen Nachhilfeunterricht für Mainstream-Rocker und lobende Erwähnung für die Randgruppe der Experten. Peter Cooper lebt in East Nashville, ist ein attraktiver Singer/Songwriter, ein gefragter Studiomusiker, ein geschmackvoller Produzent, ein ehemaliger Musikjournalist und ein Liebhaber der Musikgeschichte Amerikas. Diverse CDs hat er unter seinem Namen bisher veröffentlicht, dazu auch ein paar Kooperationen mit seinem Kumpel Eric Brace. Was aber bringt einen profilierten Songwriter dazu eine vollständige CD mit 12 Songs eines anderen Kollegen aufzunehmen? Coopers Antwort: Ich singe diese einzigartigen Songs, weil es Lieder sind, die ich unbedingt selbst singen wollte. Also kein Tribute-Album mit Einladung an eine fröhliche Runde von Bekannten, sondern eine ganz persönliche Auseinandersetzung mit einem Freund/Kollegen/Vorbild. Der verehrte Eric Taylor lebt in Houston/Texas, hat 1981 mit seiner LP „Shameless Love“ für ein bisschen Aufsehen gesorgt, ist dann aber erst 1995 wieder ins Musik-Business zurückgekehrt. Seine Ex-Frau, die wohlbekannte Nancy Griffith sagt über ihn, er sei der William Faulkner der derzeitigen Songschreiber und sein Kollege Lyle Lovett meint, Eric habe den absoluten Riecher für die Konstruktion eines perfekten Songs. Dennoch ist Eric Taylor ein Geheimtipp geblieben, der im 3-4-Jahresabstand CDs veröffentlicht hat, zuletzt „Live At The Red Shack“, das Beste von zwei Abenden mit befreundeten Musikern vor erlesenem Publikum. Auf Folk-Festivals oder anderen Events hat Peter Cooper den charismatischen Taylor kennengelernt, irgendwann reifte der Wunsch dieses besondere Album zu machen. Seine Annäherung an Eric Taylor erfolgt nicht als devote Imitation, sondern als eigenständige Interpretation mit einer Reihe von erlesenen Studiomusikern. Aus dem Unplugged-Arrangement scheinen besonders Thomm Jutz an der akustischen Gitarre und Andrea Zonn (von der James Taylor Backing Band) an der Geige hervor. Die 12 ausgewählten Songs umspannen Taylors gesamte musikalische Karriere, eine Art Best Of Revisited. Wer also mit einem Schlag zwei hervorragende Musiker näher erleben möchte, ist mit dieser CD bestens bedient.

 

http://www.petercoopermusic.com/

http://www.bluerubymusic.com/home/News.html

http://redbeetrecords.com/


Judith Owen: Ebb & Flow (Twanky Records TWR 00131 - 2014) ****

 

Judith Owen, klaviermächtige Singer-Songwriterin aus Wales, die seit 1993 in den USA lebt, hat sich einen kleinen (?) Traum erfüllt. Für ihr neues Album „Ebb & Flow“ holte sie sich eine legendäre Backing Band ins Sunset Studio (Hollywood): nämlich die Herren Russ Kunkel, Leland Sklar und Waddy Wachtel, die einstmals die Songs von James Taylor, Carole King, Joni Mitchell usw. veredelten. Und so klingen die zwölf Songs - zehn Eigenkompositionen und je eine überraschende/logische Cover-Version - wie ein Rückblick auf jene Goldene Zeit, den Judith Owens jedoch ganz authentisch und stimmsicher vom reinen Nostalgie-Trip abhebt. Sie klingt wie eine Mixtur aus frühem Elton John und Joni Mitchell, sie thematisiert in ihren sehr emotionalen Songs mehr die Downs des eigenen Künstlerlebens, ohne freilich in überbordenden Weltschmerz zu verfallen. Sehr dezent und zurückhaltend bis zur Selbstverleugnung assistieren die drei Section-Herren dem manchmal recht wuchtigen Piano-Spiel und der markanten Stimme von Judith Owens. Nicht einmal hat sich Waddy Wachtel zu einem Solo hinreißen lassen. Die stilistische Bandbreite reich von poppigem Westcoast-Sound bis zu gefälligem Bar-Jazz. Anspieltipp ist für mich die treffende Zwei-Personen-Beobachtung „I’ve Never Been To Texas“ oder das swingende „Train Out Of Hollywood“.


Eric Brace & Peter Cooper: You Don’t Have To Like Them Both (Red Beet Records RBR CD 009 - 2008) ****

 

Wenn es darum geht, wer die besten Archivverwalter der modernen (und weniger modernen) Country-Music sind, dann kann man Eric Brace und Peter Cooper nicht überse­hen. Die beiden führen ihre Zuhörer auf entspannte Weise durch ein Museum der Spielarten dieser Musik, stets mit einem leicht ironischen Zwischenton, stets auf künstlerisch hervorragende Weise. Die 12 Songs auf der vorliegenden CD sind nur zu einem Drittel selbst komponiert, der Rest vereint eine geschmackvolle Auswahl von namhaften Komponisten (wie Kris Kristofferson, David Olney, Kevin Gordon u. a.). Vorgeführt wird der Newgrass im Stile der le­gendären Seldom Scene, die traditionelle Country Music („The First In Line“), die rhythmische Form des Rockabilly („Drinking From A Swimming Pool“), der erdige Roots Rock (mit dem Klassiker „Down To The Well“) und der stimmungsvolle Country Blues („Omar‘s Blues # 2“). Dass man auch über den Namen des höchsten Berges der USA einen witzigen Song machen kann, beweist Peter Cooper mit „Denali, Not McKinley“ (sehr prophetisch übrigens!). Brace und Cooper wissen um sich eine versierte Backing Band, bei der der alte Haudegen Lloyd Green mit der Pedal Steel Gitarre die Höhepunkte setzt. Aber auch Ses­sion-Star Richard Bennet ist zur Stelle, wenn es gilt, einen „einfachen“ Song gitarrenmäßig zu veredeln. Wer sich an diesem Jäger-und-Sammler-Konzept erfreuen kann, sollte unbedingt auch die beiden Folge-CDs („Master Sessions“ und „Comeback Album“) in den Warenkorb legen und damit den Gang durch das Brace-Cooper-Museum um weitere Räume erweitern. Es gibt eigentlich in der Szene nur noch ein Duo, das den beiden das Wasser reichen kann: Chris Hillman und Herb Pedersen - letztere leider notorisch faul, was neue Veröffentlichungen betrifft!


Danny O’Keefe: Light Leaves The West (Road Canon Music - 2014) ***

 

Ein Erlebnis von der Sorte „Schön, dass wir uns mal wieder gehört haben!” - das ist die neue CD von Danny O’Keefe. Der Singer/Songwriter war mal in den 1970ern ein heißer Tipp, hatte mit „Good Time Charlie’s Got The Blues“ einen Top Ten Hit und freute sich über die Verwendung seiner Songs durch Größen wie Elvis Presley, Willie Nelson, Jimmy Buffett, Bonnie Raitt und vielen mehr. Dann aber wurde es ruhiger für O’Keefe, der sich in den rauen Nordwesten der USA zurückzog und nur noch vereinzelt musikalische Rauchzeichen aussandte. Jetzt hat er wieder 13 Songs veröffentlicht, die ihn als gereiften Komponisten und nach wie vor als sanfte Tenorstimme im Stile von Jesse Winchester präsentieren. Musikalisch pendelt er mit seiner lokalen Studio-Bande zwischen soften Folk-Blues-Balladen und leicht angejazzten Pop-Songs, irgendwo zwischen Michael McDonald, Boz Scaggs und Donald Fagen. In den besten Phasen berührt einen die Musik sehr emotional, in einigen - zum Glück nur wenigen! - Passagen fühlt man sich aber an Lounge- oder Elevator-Music erinnert.  Danny O’Keefe singt mit ehrlicher Überzeugung von vergangenen Beziehungskisten, von der Zerstörung der Natur und vom unanwendbaren Lauf der Zeiten. Das wirkt alles - wie man so schön nichtssagend sagt - gut abgehangen, aber auch nicht besonders aufregend. Die Seriosität des Künstlers ist jedoch in allen Momenten erkennbar, und vielleicht findet sich ja wieder ein großer Name, der einen neuen O’Keefe-Song für sich entdeckt. Heiße Angebote dafür wären „Hardball“, „The End Of The Game“ oder „Soul Provider“.


John Batdorf: Beep Beep (Batmac Music 2015) ****

 

Abseits der großen marktbeherrschenden Musik-Mo­nopole gibt es für die alten Herren aus den glorreichen 1970ern immer noch Möglichkeiten der Musik-Leiden­schaft zu frönen. John Batdorf, mittlerweile ein mehr­facher Großvater im rentenfähigen Alter von 63, will weiter CDs veröffentlichen und hat dies nun wieder einmal mit Hilfe eine Fundraising-Kampagne verwirk­licht. Seine neue Produktion ‚“Beep Beep“ erweist sich als sympathische Retro-Fundkiste mit 11 Eigenkompo­sitionen des einstigen Batdorf & Rodney-Aktivisten. Stimmlich ist John Batdorf immer noch in Bestform und seine Freunde - allen voran Bill Batstone - erzeu­gen im (Home?)-Studio einen kernigen Old School Westcoast-Rock-Sound, der manchmal an die besten Zeiten von Jock Bartley und Firefall erinnert. Der Titel­song ist eine lockere Hommage an die Beatles, „Feels Like Home“ erinnert an die guten alten Zeiten damals in Kalifornien und „What‘s A Guy To Do“ erweist sich als knackiger Mainstream-Rocker. Die CD empfiehlt sich also als perfekte Hintergrund-Beschallung für die nächste Hippie-Party im Seniorenheim. Love & Peace & Keep on Rocking! Beep beep beep beep yeah!


Don Henley: Cass County (Capitol 2015) ****

 

In den knapp bemessenen Pausen zwischen den Tournee-Strecken entwickeln die vier Eagles-Mitglieder den Ehr­geiz Solo-Projekte zu realisieren. Die letzten drei Veröf­fentlichungen waren allerdings eher mau: Timothy B. Schmit präsentierte recht seichte Liedchen („Expando“ 2009), Joe Walsh stöberte wenig originell in seiner Rum­pel-Kammer („Analog Man“ 2012) und Glenn Frey leistete sich einen definitiv überflüssigen Ausflug in die 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts („After Hours“ 2012). Somit durfte man gespannt sein, welchen solistischen Exkurs der Chef Don Henley anbietet. Die Auflösung: "Cass County" ist ein Rück­blick in seine Jugendzeit, die er in Linden, Texas ver­brachte, und ein anspruchsvoller Feldversuch zum Thema Modern Country oder Henley goes Nashville. Angesichts der seichten Massenware, die aus diesem Genre geliefert wird, tut sich der Ober-Eagle nicht allzu schwer, zu beweisen, dass er auch hier mehr Zwischentöne als die dröge Achy-Breaky-Heart-Fraktion produzieren kann. Zusammen mit großen Ge­sangskollegInnen (Dolly Parton, Alison Kraus, Trisha Yearwood, Lucinda Williams, Vince Gill, Merle Hag­gard und Mick Jagger) und zusammen mit seinem Kumpel Stan Lynch als Produzenten und Mit-Autor (der war mal Drummer bei Tom Petty) wurden auf der Deluxe-Version 16 Songs verewigt (die Economy-Ausgabe hat 12), die überwiegend selbst komponiert sind, aber auch fünf ausgefallene Cover-Versionen enthalten. (PS: um die Produkt-Verwirrung perfekt zu machen gibt es auch noch eine Super Deluxe Edition mit 18 Songs, darunter ein Duett mit Stevie Nicks!!)

Don Henley schlendert mit seiner markanten Stimme durch ca. 60 Jahre Country-History von der schmalztriefenden Ballade wie sie in den 1950er Jahren im Radio gespielt wurde („When I Stop Dreaming“) über den kalifornischen Country-Rock der 1970er Jahre a la „Tequila Sunrise“ („Waiting Tables“) bis zum genreübergreifenden Modern Country der Gegenwart („No Thank You“). Und irgend­wie sind dann auch noch zwei Songs hineingerutscht, die den altbekannten Don Henley der letzten Solo-CDs repräsentieren („Take A Picture Of  This“, „Words Can Break Your Heart“). Insgesamt ein gelungenes Kompendium, das aber über eine Tatsache nicht hinwegtäuschen kann: Am besten klingt’s, wenn sich die vier Eagles zusammensetzen und ihre musikalischen (und persönlichen) Reibungen wirken lassen.


v. l. n. r.: Jeff Young (keyb, acc, voc), Bob Glaub (b), Mauricio Lewak (dr), Greg Leisz (g, lap steel, pedal steel), Jackson Browne (voc, g, p), Alethea Mills (voc), Shane Fontayne (g, voc) ------------------------------------------------Foto: Reitzammer
v. l. n. r.: Jeff Young (keyb, acc, voc), Bob Glaub (b), Mauricio Lewak (dr), Greg Leisz (g, lap steel, pedal steel), Jackson Browne (voc, g, p), Alethea Mills (voc), Shane Fontayne (g, voc) ------------------------------------------------Foto: Reitzammer

Live: Jackson Browne

(München, Tollwood-Sommerfestival,

30.6.2015)  *****

 

Wenn es darum geht, komplizierte Beziehungs-Kisten, politisch korrekten Weltschmerz und aufgeklärte Lebensphilosophie in poetische Worte, eingängige Melodien und griffige Rock-Arrangements zu fassen, dann ist immer noch der Kalifornier Jackson Browne die beste Adresse. Der Singer/Songwriter der ersten Stunde hat sich auch in Europa ein treues und mit ihm gealtertes Fan-Publikum geschaffen, das das Konzert in der Münchner Tollwood-Arena am Schluss zu einer enthusiastischen Feierstunde geraten ließ. Nach einer halben Stunde stellte Browne mit einem leisen Anflug von Ironie fest, dass er ein recht leises Zelt vor sich habe - um dann aber gleich fortzusetzen, dass er auch eher "leise" Lieder spiele. Tatsächlich: die ersten 70 Minuten vor der Pause sind durchwegs Zuhör-Songs für ein sitzendes, lauschendes Publikum und eben keine Bierzelt-Hymnen. Nach dem kurzen Break aber verschärft Jackson Browne - stets gut gelaunt und nie übertrieben missionarisch - seine politischen Botschaften mit dem etwas klischeehaften, aber kräftig rockenden "Which Side" und leitet mit der überraschenden Cover-Version von Warren Zevons "Lawyers, Guns & Money" in ein rauschendes Finale, das ab "Running On Empty" den Saal auf die Füße bringt. Spätestens hier erkennt man die lässige Präzision seiner Band, in der Greg Leisz mit der Lap-Steel-Gitarre den "David Lindley" macht und Routinier Bob Glaub am Bass für das solide Fundament sorgt. Der Sound ist transparent und glasklar, die Stimme von Browne nach wie vor treffsicher. Betrachtet man allerdings die Setlist des Konzerts, so wird deutlich, dass der Übergang ins 21. Jahrhundert für Browne eine künstlerische Krise bedeutete. Von seinen beiden (vor)vorletzten Alben ("The Naked Ride Home" und "Time The Conqueror") spielt er gerade mal einen Song! Umso mehr überzeugen die Kompositionen aus seiner aktuellen CD "Standing In The Breach". Am Ende sind es aber dann die Klassiker wie "Take It Easy" oder "Stay (Just a Little Bit Longer)", die die ca. 3000 Zuhörer aus den Stühlen locken. Der 66jährige Browne läuft jedenfalls noch lange nicht auf Reservetank und ist ohne Zweifel "alive and rockin"!


Venice: Lucky 7 - Part 1 (Lennon Records 2015) ****

 

Vor 24 Jahren trafen sich die vier Mitglieder der südkalifor­nischen Lennon-Familie (Michael, Mark, Kipp und Pat) mit drei Musik-Freunden, um ihr erstes Album (Titel: „Venice“) aufzunehmen. Für ihren stimmgewaltigen Westcoast-Rock gab es viel Lob, Vergleiche mit den Eagles wurden ange­stellt. Doch der einzige, der auf dieses Level aufspringen konnte, war Jahre später Schlagzeuger Scott Crago, heute reguläres Mitglied der Eagles Tourband. Venice dagegen verblieb als wohlwollend akzeptierter Geheimtipp auf der Szene mit einer treuen Fangemeinde in Kalifornien und in Holland(!). Der umtriebige Michael Lennon arrangierte nun ein Revival-Treffen der „Class of 1990“ im Hideaway Hill Studio. Herausgekommen ist dabei zunächst eine Mini-CD mit sieben Titeln und dem mehr versprechenden Untertitel Part 1. Bei den sieben Songs handelt es sich um gefällige Soft-Rock-Perlen, bei denen die Lennons vor dem Hintergrund einer routi­nierten Back-Up-Band (Keyboard, Bass, Schlagzeug) ihre vokale Präsenz erneut unterstreichen können. Anspieltipps sind das selbstironische „Hollywoodland“, das etwas moderner arrangierte „Wave After Wave“ und das Highlight „Hiberrnate“, das auch von einem der größten Venice-Fans stammen könnte - von David Crosby. Insgesamt also eine runde Sache, die durchaus Appetit auf den Part 2 macht, viel­leicht dann auch mit ein paar rockigeren Einfärbungen!


Paul Cotton: 100% Paul Cotton (Black Bayou Music - 2014) ****

 

Nachdem sich Paul Cotton 2010 von der Gruppe Poco verabschiedet hatte, glaubten viele, er werde nur noch seinem Hobby, dem Segeln, frönen. Doch weit gefehlt: die Leidenschaft für die Musik ist geblieben, auch wenn in Key West (Florida) das Wetter einen nicht unbedingt ins Studio einlädt. Dort hat sich Paul Cotton nun mit seinem Kumpel Russ Scavelli zusammengetan und ne­ben spontanen Live-Gigs eine Studio-CD produziert. Der Inhalt ist freilich nicht sonderlich innovativ: es handelt sich um elf wohlbekannte Stücke, die Paul Cotton früher auf diversen Poco-Scheiben untergebracht hatte, nun aber so interpretiert und arrangiert wurden, wie sich das Cotton angeblich im Original vorgestellt hat. An dem herausragenden und autobiographischen Song „Running Horse“ (2002) lässt sich der Stil-Wechsel gut beobachten: Paul Cotton beschränkt sich auf das Wesentliche, auf Gitarre, Bass und Drums, so klingt der Song erdiger, rockiger. Country Rock war das Label, das Poco als Trendsetter berühmt machte, Paul Cotton hat aus diesem Doppelbegriff den ersten Teil im Wesentlichen gestrichen, d.h. Steel Guitar und Fiddle aus seinen Arrangements verbannt. Was bleibt ist melodiöser US-Mainstream-Rock, besonders anhörbar in seinen Klassikern „Midnight Rain“ und „Heart Of The Night“. Typischerweise fehlt mit „Bad Weather“ ein großer Cotton-Hit, der aber eben mehr die Acoustic-Freunde in seinen Bann gezogen hat. Es ist sicher nicht unwahrscheinlich, dass der „Captain“ noch einmal 100 Prozent in der Hinterhand hat, vielleicht dann auch mit ein paar neuen Kom­postionen! Der Faden zu den alten Poco-Freunden ist übrigens nicht gänzlich gerissen: 2015 wird es mindestens ein Poco-Revival-Konzert mit Cotton und Richie Furay geben!



Kevin Gordon: Down To The Well (Shanachie - 2000) ****

 

Manche halten ihn für einen ewigen Geheimtipp, für „Americas best kept secret” - davon kann er sich natürlich nichts kaufen. Dennoch lässt Kevin Gordon nicht locker, der mal in Iowa Poetik studiert hat, dann aber ab 1990 lieber Musik machen wollte und in East Nashville eine zentrale Basis fand. Das kompetente deutsche Taxim-Label hat damals versucht, seine frühe LP „Carnival Time“ in Deutschland bekannt zu machen, leider nur mit bescheidenem Erfolg. Mittlerweile ist mit „Gloryland“ sein neuestes Album er­schienen, doch hier soll die Rede von seinem „Klassiker“ aus dem Jahr 2000 sein. Es war die Zeit der intensiven Zu­sammenarbeit mit Bo Ramsey, der seinerseits wieder Pro­duzent für Lucinda Williams war. Somit fiel es nicht schwer, Lucinda für ein Duett bei dem Titelsong zu gewinnen: „Aint goin down to the well no more / Believe I had my fill /Worked that ground til I done got sore / Aint goin back down to the well”. Der Song ist zusammen mit dem kanadischen Blues-Folkie Colin Linden entstanden, hat inzwischen Kult-Statut, und wurde schon mehrfach gecovert. Ansonsten bieten die 12 Songs sprachlich originelle Stories, die das eigene Leben oder die Geschichten von Außenseitern thematisieren. Die Musik ist songorientierter Americana-Roots-Rock - etwa in einer Kategorie wie John Hiatt, David Olney, Stephen Bruton oder Kevin Welch. Zentrales Element aller Songs ist die subtile, verletzlich klingende Stimme von Kevin Gordon und die Gitarre seines Mitstreiters Joe McMahan. Vielleicht findet Kevin Gordon doch noch die Aner­kennung, die er eigentlich verdient hat, jedenfalls wünschen wir ihm nicht die Textzeile aus seinem Song „Pueblo Dog“: „Aint got a Dollar, aint got no plan / Pueblo dog sleeps in the sand“.


Kinky liest ...
Kinky liest ...
Kinky singt ...
Kinky singt ...

Live: Kinky Friedman in der Kofferfabrik (Fürth) am 24.2.2015 ****

 

Kinky Friedman war in den 1970ern auf dem Weg zum Country-Rock-Star, als bisher einziger Jude durfte er mit seiner Band, den Texas Jewboys, in der legendären Grand Ole Opry von Nashville auftreten, er wagte es, über den Holocaust einen Country-Song zu schreiben („Ride ‘Em Jewboy“) und konnte für sein Album „Lasso From El Paso“ Größen wie Eric Clapton, Ron Wood, Ringo Starr oder Levon Helm als Studiomusiker gewinnen. Heutzutage ist er für viele eher als Autor und Hauptperson kauziger New-York-Krimis bekannt. Bei seiner Europa-Solo-Tournee machte der 70jährige mit Gitarre, Stetson, gut gefülltem Whiskyglas und Zigarre auch in der Fürther Kofferfabrik Station und stellte sich dem Cooltouristen zum Interview.

 

Mr. Friedman, wie gefallen Ihnen die Konzerte in Deutschland?

Die Deutschen sind mein zweitliebstes Publikum, das liebste sind alle anderen Nationen! Spaß beiseite - ich treffe auf gute Resonanz und sehr aufmerksame Zuhörer, manchmal dauert es etwas länger, bis ein Gag zündet, weil jemand, der gut Englisch spricht, die Pointe erst seinen Nachbarn erklären muss.

 

Was kriegen Sie tagsüber von ihrer Reise mit?

In Österreich habe ich an einem Tag das Geburtshaus von Mozart, das Geburtshaus von Hitler und das Geburtshaus von Arnold Schwarzenegger besucht - eine wahre Geschichte der menschlichen Evolution. Und in Wien wollten sie mich aus dem Sigmund-Freud-Museum schmeißen, weil ich eine Zigarre rauchte. Ob das dem großen Psychoanalytiker gefallen hätte?

 

Sie beziehen sich musikalisch immer wieder auf große „alte“ Namen wie Willie Nelson, Merle Haggard oder Bob Dylan. Was halten Sie von der jungen Country-Szene in den USA?

Wenig! Die jungen Leute wollen nur noch ein „American Idol“ (eine Casting-Show wie DSDS oder „Voice Of Germany“) werden. Sie können zwar besser singen als ich, sind aber nicht in der Lage einen interessanten Abend für ein Publikum zu gestalten.

 

2006 haben sie für den Posten des Gouverneurs von Texas kandidiert und immerhin 13 % der Stimmen erhalten. Was sind ihre politischen Aktivitäten heute?

Ich habe mich weitgehend aus diesem Feld zurückgezogen, weil ich festgestellt habe, dass man nicht auf zu vielen Hochzeiten tanzen sollte. Der Zustand der heutigen Politik macht mich eher depressiv, von Barack Obama bin ich - wie viele - sehr enttäuscht. Es fehlen uns Politiker, die eine Idee wirklich verkörpern so wie Nelson Mandela, John F. Kennedy, Winston Churchill oder Abraham Lincoln. Meine kleine politische Aktivität ist die Leitung der Tierschutzorganisation „Utopia Ranch: Animal Rescue“, die sich vor allem um streunende Hunde kümmert.

 

Wie sind Sie vom Songschreiber zum Buchschreiber geworden?

Meine Songs waren schon immer kleine Geschichten, bei denen skurrile Personen im Mittelpunkt standen, etwa der rassistische Redneck, der an einem Tresen über Nigger, Juden und Kommunisten herzieht („They Ain‘t Makin‘ Jews Like Jesus Anymore“). Da ist es dann nur noch ein kleiner Weg zu einem richtigen Roman.

 

Was sind Ihre Pläne für das Jahr 2015?

In Kürze wird ein neuer Krimi herauskommen, er trägt den Titel „The Hard-Boiled Computer“ und ist über 400 Seiten lang geworden. Außerdem möchte ich eine CD mit neuen Songs fertigstellen, sie soll ganz lakonisch „Soundcheck“ heißen.


Richard Page: Goin’ South (Little Dume - 2015) ***

 

Wenn sich zwischen den Tournee-Verpflichtungen mit der hochkarätig besetzten Ringo Starr All Starr Band (Steve Lukather, Todd Rundgren, Gregg Rollie!!!) ein Zeitfenster auftut, macht sich Richard „Mr. Mister“ Page im Studio auf die Suche nach dem perfekten Song mit der griffigen Hookline - wie dereinst in den Radio-Dauerbrennern „Ky­rie“ und „Broken Wings“ erfolgreich gefunden. Auf „Goin‘ South“ stellt er zehn neue Eigen-Kompositionen ins Schaufens­ter, die das breite Feld von Mainstream-Rock, Ballade und sogar Country-Pop abstecken. Diesen Ausflug erklärt Richard Page recht schlüssig damit, dass die heutige Country Music im Grunde durchkonstruierte Pop-Rock-Songs mit etwas traditioneller Instrumentierung sind. So ist auch die starke Präsenz der Pedal Steel Guitar (Doug Livingston) auf „Goin‘ South“ zu verstehen. Drei Titel fallen allerdings nach mehr­maligem Abhören schnell durchs Raster („Diamonds“, „Me And My Guitar“, „Another Day Gone By“), der Rest hat durchaus Hit-Potential - wahrscheinlich aber kaum unter dem Label Richard Page, obwohl er nach wie vor bestens bei Stimme ist. Wenn aber ein Country-Superstar (wie z. B. Alan Jackson) den Song „Don’t Know Why I Miss You“ hören (und covern) sollte, könnte daraus ein echter Chartbreaker werden - und „Heaven Is Right  Now“ wäre gleich der Nachfolger. „Everybody’s Hometown“ hat schließlich mit seinem lockeren Reggae-Feeling und mit seiner positiven Botschaft das Zeug für einen z(uk)ünftigen Sommerhit. Der Rest wird die nach wie vor zahlreichen Richard-Page-Freunde zufrieden stellen, die die CD auf seiner Homepage ordern können. Ansonsten heißt es aber für Mr. Page zunächst mal „It Don’t Come Easy“  und „With A Little Help From My Friends“!


Hard Working Americans: Hard Working Americans (Melvin Records 22347 - 2014) ***

 

Der kauzige und originelle Singer/Songwriter Todd Snider hat einmal den Wunsch geäußert, mit einer richtigen Band zusammenzuspielen. Diesen Wunsch hat er sich nun er­füllt: er hat eine durchaus namhafte Gruppe gefunden (z.B. Neal Casal an der Gitarre, Dave Schools am Bass, Duane Trucks am Schlagzeug) und ist mit ihr ins Studio gegangen um ein interessantes Projekt auszuprobieren, das sich auch im Namen der Band widerspiegelt. Snider hat elf Songs von anderen Komponisten ausgesucht, die sich alle irgendwie mit dem Leben der amerikanischen working class auseinandersetzen. Die Palette reicht von Randy Newman über Kevin Gordon und Kieran Kane zu Frankie Miller, es sind echte Songperlen darunter, die schon wieder in Vergessenheit geraten waren. Die musi­kalische Umsetzung ist allerdings recht unausgewogen (man könnte auch positiv sagen: abwechslungs­reich): Die Hard Working Americans intonieren sanfte Country-Balladen, versuchen sich an Jam-Ansät­zen fast wie einstmals Grateful Dead oder knallen ein deftiges Southern-Rock-Brett ins Mischpult. Zu­sammengehalten wird das alles von Todd Sniders leicht brüchiger, immer etwas (zu) angestrengt klin­gender Stimme, die gerade bei den ruhigeren Nummern an Authentizität verliert. Ob aus diesem ambi­tionierten Americana-Projekt etwas Langfristiges wird, bleibt abzuwarten.


Tom Petty & The Heartbreakers: Hypnotic Eye (Reprise 9362-49373-0 - 2014) ****1/2

 

Für sein neues Album hatte Tom Petty ein ersichtlich kla­res musikalisches Konzept: es soll rocken! Das heißt: eine Vielzahl verzerrter und Wah-Wah-manipulierter Gitarren, dazu eine druckvolle Bass-Drums-Abteilung (Steve Ferrone und Ron Blair), darüber die gewohnte, hintergründig ein­schmeichelnde, leicht nasale Stimme. Da Petty ein äußerst origineller Kompositeur und Arrangeur ist, geht dieses Konzept voll auf. Selten hat man den klassischen amerika­nischen Heartland-Mainstream-Rock so eindrucksvoll ge­hört wie bei diesen elf Titeln; es klingt, als habe Petty die besten musikalischen Ideen von Joe Walsh, Don Henley oder Lenny Kravitz in sein unverwechselbares Setting von Classic Rock übersetzt. Gleichzeitig wäre es fast auch ein inhaltliches Projekt-Album geworden, denn Petty ist ein aufmerksamer Beobachter einiger bedenklicher Entwicklungen in den USA, ohne freilich jenen - leicht naiven - patriotischen Grund-Optimismus über Bord zu werfen. Am Spannungsverhältnis zwischen dem ersten und dem letzten Song lässt sich dies gut beobachten. Die CD schließt mit dem düsteren „Shadow People“ - doch ganz am Ende singt Petty zum akustischen Nachklampf: „Waiting for the sun to be straight overhead / 'til we ain't got no shadow at all.“ Und der Auftakt-Song erkennt zwar, dass der ameri­kanische Traum in Scherben liegt, dass aber die Zeit für einen „American Dream Plan B“ noch nicht zu spät ist: „I got a dream I'm gonna fight til I get it“. Dazwischen finden sich in einzelnen Songs apokalypti­sche Szenarien („Burnt Out Town“ und „All You Can Carry“), Lebenssinn-Zweifel („Forgotten Man“) und ehrliche Selbstkritik („Sins of my Youth“). Doch die schlüssige Projekt-Klammer wird nicht ganz geschlos­sen, was auch an dem äußerst merkwürdigen Cover und dem assoziativ völlig unpassenden Titel „Hypnotic Eye“ liegt. Dennoch gibt es keinen Zweifel, dass wir hier einen Tom Petty im Höhepunkt sei­ner Schaffenskraft erleben; jeder, dem die Ohren vom Dudel-Radio weichgespült wurden, sollte hier zuhören und am besten mit „Power Drunk“ in gehöriger Lautstärke starten!


Various Artists: Looking Into You. A Tribute To Jackson Browne (Music Road Records MRR CD 018 - 2014) ***

 

Ein Tribute-Album ist so eine Art Wundertüte. Der Be­schenkte hat keinen Einfluss auf den Inhalt und muss sich notgedrungen darüber freuen. Der Bestücker dieser vorliegenden Wundertüte ist nun der texanische Multi-Millionär Kelcy Warren, der sich als Musik-Liebhaber die großzügige Unterstützung eines Plattenlabels (Music Road Records in Austin) leistet und zudem ein enthusi­astischer Anhänger von Jackson Browne ist. Was lag also näher, als bei der eigenen Firma ein (äußerst liebe­voll gestaltetes) Tribute-Album für den hochverehrten Singer/Songwriter zu produzieren. Das Ergebnis liegt nun vor: 22 Künstler haben mitgemacht, 23 Songs von Jackson Browne sind auf der Doppel-CD enthalten (Lyle Lovett wurde die Platzierung von zwei Songs gestattet, weil er sich angeblich nicht entscheiden konnte, was sein Lieblingstitel von J. B. ist!). Die Mitwirkenden sind teilweise enge Gefährten von Browne (wie Don Henley, J.D. Souther, Karla Bonoff, Bonnie Raitt und David Lindley), teilweise texanische Künstler aus dem Dunstkreis des Label, die damit etwas für ihre Popularität tun wollen (Bob Schneider, Paul Thorn, Jimmy LaFave, Griffin House etc.). Jeder konnte einen Song nach eigener Wahl im Studio performen, interessanterweise ist Brownes frühe Phase stärker repräsentiert. Die Cover Versionen reichen von inte­ressanten Neu-Interpretationen (Bob Schneider mit "Running On Empty" oder Bruce Hornsby mit "I‘m Alive") über wenig inspirierte Nachspielereien (Don Henley mit "These Days" oder Bonnie Raitt mit "Everywhere I Go") bis zu krassen Durchhängern und Langweilern (Joan Osborne mit "Late For The Sky" oder Lucinda Williams mit "The Pretender"). Fast durchweg kann man feststellen, dass an das Original keiner heranreicht. Der superreiche Fan Warren Kelcy wird dennoch äußerst zufrieden sein und es auch verschmerzen, wenn die Verkaufszahlen im überschaubaren Rahmen bleiben.


Jackson Browne: Standing In The Breach (Inside Recording INR 14107-1 - 2014) *****

 

Nach der üblichen längeren kreativen Pause meldet sich Jackson Browne - frisch rasiert - mit seinem mittlerweile 14. Studio-Album zurück. Nach den eher durchwachsenen beiden Vorgängern ist ihm wieder einmal ein Meisterwerk gelungen, das nahtlos an seine kraftvolle Schaffensphase in den 70 und 80er Jahren anknüpft. Bezeichnenderweise startet die CD mit einem Song, der schon 1967 geschrieben wurde und es bisher nie zur Veröffentlichung gebracht hat: "The Birds Of St. Marks", eine Hommage an die Freundin Nico in einem Vintage-Arrangement, das den 12-String-Sound der Byrds kongenial imitiert. Es ist offensichtlich die Vielfalt der Einflüsse (die Goldsmith-Brüder von The Dawes, Woody Guthrie, Carlos Varela) und es sind vielleicht auch die beiden neuen Studio-Kumpane Greg Leisz und Val McCallum, die Jackson Browne Flügel geben. Dabei verzichtet der altgediente Songwriter nicht auf seine politischen Botschaften, die er aber nicht penetrant aussendet, sondern als Denkvorschläge dezent anbietet. Das Leitmotiv des 66jährigen scheint dabei die Zeile "If I Could Be Anywhere right now I would want to be here" zu sein. Man muss diese Welt zunächst akzeptieren, obwohl sie sich in einer fast nicht mehr akzeptablen Weise verändert hat. Trotz der Ölverschmutzung im Golf, trotz der Pervertierung der US-Demokratie durch superreiche Wahlhelfer und konservative Pressure Groups, trotz der amerikanischen Waffengesetze ("two or three disasters") hat Browne seinen südkalifornischen Optimismus und den Glauben an die Macht der ehrlichen Musik noch nicht ganz verloren. Wenn dann zwischendurch mal ein leicht selbstironischer Country-Rock-Song wie "Leaving Winslow" eingestreut wird, darf man das Katastrophen-Szenario auf dem Cover vergessen, ist die Rückkehr zum sonnigen Take-It-Easy-Feeling im Hinterkopf erlaubt. Es mag mittlerweile viele junge Singer-Songwriter geben, die mit der Gitarre in der Hand die Welt beglücken wollen, Jackson Browne aber steht für Authentizität, ungebrochene Intellektualität und musikalische Kompetenz.


Live: Foreigner (Meistersingerhalle Nürnberg, 2.11.2014) ****

 

Als der Hard Rock der frühen 70er Jahre den Radiostationen zu wild wurde, schlug die Geburtsstunde von AOR = Adult Orientated Rock - zu den Geburtshelfern und Profiteuren dieser Musikrichtung gehört ohne Zweifel auch die Band Foreigner, bei denen Mick Jones für die eingängigen Songs und Lou Gramm für die markante Stimme sorgten. Mit einer Mischung aus gut durchhörbaren Mainstream-Rockern und Schmuse-Balladen komplettierten sie im Laufe der Jahre ihren beeindruckenden Hit-Katalog. Im neuen Jahrtausend war die Luft dann irgendwie raus, Sänger Lou Gramm zog sich zurück, erst mit einem dy­namischen Ersatzmann (Kelly Hansen) wollte Mick Jones ab 2005 noch einmal durchstarten. Neue Hits stellten sich nicht mehr ein, aber das Repertoire reichte locker für erfolgreiche Live-Shows. Die neueste Idee - man könnte auch sagen: eine Alterserscheinung - ist nun seit 2011 ein Unplugged-Progamm mit dem Titel „Acoustique“. Damit zieht Mick Jones samt seiner vier Rock-Enkel, jedoch ohne Schlagzeug, Keyboards und E-Gitarren durch die Lande und die Frage lautet: Kann man die alten Knaller auch auf akustischen Gitarren darbieten? Die Antwort lautet für die Zuhörer in der Nürnberger Meistersinger­halle eindeutig „Ja“, denn der Wiedererkennungswert ist durch Hansens Stimme gewährleistet und ab einem gewissen Alter fühlt man sich in den Sesseln wohler als in der verschwitzten Steh-Halle (gleiches gilt wohl auch für den Bandleader!?). Dazu verbreiten Hymnen wie „I Wanna Know What Love Is“ ohne­hin schon eine eher sedative Stimmung. Trotzdem bleibt der Auftritt als sympathisches und unprätenti­öses Rock-Revival in Erinnerung, durch ausgeklügelte Vokal-Arrangements liegt die Messlatte deutlich über einem drögen Lagerfeuer-Geschrammel. Gut, es fühlt sich vielleicht nicht mehr an wie beim ersten Mal, aber auf dem Weg zum Seniorenheim ist diese Zwischenstation allemal zulässig.


Beyond Reach: Further (Beyond Reach Music  CD 002 - 2014) ****

 

In den 70er Jahren, zu den Hochzeiten des Country Rocks sind auch die Ozark Mountain Daredevils aus Missouri aufgetaucht und haben mit ein paar soften Country-Pop-Titeln die Hitparaden gestürmt. Als in den 80ern diese Welle wieder abebbte, verließen unter anderem Randle Chowning und Larry Michael Lee die Band, um sich fortan mehr eigenen Projekten zu widmen. 2005 sind die beiden wieder aufeinander getroffen und hatten offensichtlich Lust auf gemeinsames Musizieren - die Geburtsstunde von Beyond Reach. Nach einem wuchtig arrangierten Debütalbum wurde die Musik immer mehr auf die Basics reduziert, d.h. auf vier Stimmen, Gitarre, Bass und Mandoline, alles akustisch, weitgehend ohne Schlagzeug. Zum festen Stamm der Band gehören seither Ned Wilkinson (b) und David Wilson (mand, g, fiddle). Nach einer EP ("Waiting On The Sun"), die wie eine Art zwischenzeitlicher Testballon gestartet wurde, ist nun eine vollständige CD mit zehn  Titeln im Angebot, das heißt, es geht weiter: "Further". Man darf sich von diesem Album natürlich keine revolutionären Ideen erwarten, vielmehr präsentieren die beiden älteren Herren gepflegte Country/Folk-Song, die zeitweise sehr an den Modern Bluegrass der Gruppe Seldom Scene oder an das Team Chris Hillman/ Herb Pedersen erinnern. Lee und Chowning erzählen kleine Geschichten, in denen sie auch oft ihre bisherige musikalische Karriere Revue passieren lassen. Ein Fazit dabei heißt: "We never had an urge to take that long flat straight highway". Die CD kommt recht sparsam und natürlich höchst independt im Karton daher, weitere Informationen (z. B. Lyrics und die Credits) sind nur auf der Website erhältlich: www.beyondreachmusic.com. An diesem musikalischen Angebot wird sich also lediglich eine kleine Fan-Gemeinde erfreuen, der Rest der Welt wird von U2 und Konsorten zugemüllt.


Poco 1968 - 2014

 

Nach 45 Jahren geht wohl definitiv die Geschichte der Band Poco zu Ende, die als Pionier des Country Rock zu gelten hat. Das letzte in der Band verbliebene Gründungsmitglied, Rusty Young, erklärte seinen Rückzug aus dem anstrengenden Live-Music-Business, die letzten vertraglich vereinbarten Live-Konzerte finden im Februar 2014 in Florida statt. Zeit also für eine rückblickende Werkschau (ohne Kompilationen oder unautorisierte Live-CDs) mit kurzem Hörtest:

 

Pickin’ Up The Pieces (1969) **** (Bandmitglieder: Richie Furay, Jim Messina, Rusty Young, George Grantham + Randy Meisner)

Poco (1970) **** (Richie Furay, Jim Messina, Rusty Young, Timothy B. Schmit, George Grantham)

Deliverin’ (1970, live) *** (Richie Furay, Jim Messina, Rusty Young, Timothy B. Schmit, George Grantham)

From The Inside(1971) *** (Richie Furay, Paul Cotton, Rusty Young, Timothy B. Schmit, George Grantham)

A Good Feelin’ To Know (1972) **** (Richie Furay, Paul Cotton, Rusty Young, Timothy B. Schmit, George Grantham)

Crazy Eyes (1973) **** (Richie Furay, Paul Cotton, Rusty Young, Timothy B. Schmit, George Grantham)

Seven (1974) *** (Paul Cotton, Rusty Young, Timothy B. Schmit, George Grantham)

Cantamos (1974) **** (Paul Cotton, Rusty Young, Timothy B. Schmit, George Grantham)

Head Over Heels (1975) ***** (Paul Cotton, Rusty Young, Timothy B. Schmit, George Grantham)

Poco Live (1974 / 1976) **** (Paul Cotton, Rusty Young, Timothy B. Schmit, George Grantham)

Rose Of Cimarron (1976) **** (Paul Cotton, Rusty Young, Timothy B. Schmit, George Grantham, Al Garth)

Indian Summer (1977) *** (Paul Cotton, Rusty Young, Timothy B. Schmit, George Grantham)

The Last Roundup (1977 / 2005, live) *** (Paul Cotton, Rusty Young, Timothy B. Schmit, George Grantham)

Legend (1978) **** (Paul Cotton, Rusty Young, Charlie Harrison, Steve Chapman)

Under The Gun (1980) **** (Paul Cotton, Rusty Young, Kim Bullard, Charlie Harrison, Steve Chapman)

Blue And Gray (1981) *** (Paul Cotton, Rusty Young, Kim Bullard, Charlie Harrison, Steve Chapman)

Cowboys & Englishmen (1982) *** (Paul Cotton, Rusty Young, Kim Bullard, Charlie Harrison, Steve Chapman)

Ghost Town (1982)**** (Paul Cotton, Rusty Young, Kim Bullard, Charlie Harrison, Steve Chapman)

Inamorata (1984) *** (Paul Cotton, Rusty Young, Kim Bullard, Steve Chapman)

Legacy **** (1989) (Richie Furay, Rusty Young, Jim Messina, Randy Meisner, George Grantham)

Running Horse (2002) ***** (Rusty Young, Paul Cotton, Jack Sundrud, George Grantham)

Keeping The Legend Alive (2004, live + DVD) **** (Rusty Young, Paul Cotton, Jack Sundrud, George Grantham + Richie Furay)

Bareback At Big Sky (2005, live) **** (Rusty Young, Paul Cotton, Jack Sundrud, George Lawrence)

The Wildwood Sessions (2003 / 2006, live) *** (Rusty Young, Paul Cotton, Jack Sundrud)

All Fired Up (2013) **** (Rusty Young, Jack Sundrud, Michael Webb, George Lawrence)

Und was könnte noch kommen? Eine Solo-CD von Rusty Young? Eine CD der Paul-Cotton-Band? Ein weiterer Reunion-Versuch mit Richie Furay und Timothy B. Schmit? Eine Poco-Namensverwalter-Band ohne irgendein Gründungsmitglied? Warten wir‘s ab!


Terry Lee Hall and The Long Draw Band live in der Kofferfabrik, Fürth (22.1.2014): Terry Lee Hall (voc, g, harp), Marty Vickers (dr), Marten Ingle (b, voc))
Terry Lee Hall and The Long Draw Band live in der Kofferfabrik, Fürth (22.1.2014): Terry Lee Hall (voc, g, harp), Marty Vickers (dr), Marten Ingle (b, voc))

Live: Terry Lee Hall and The Long Draw Band in Fürth (Kofferfabrik) ****

 

Das Gershwin-Musical "Ein Amerikaner in Paris" könnte für Terry Lee Hall geschrieben worden sein, denn der gebürtige Texaner lebt seit den 90er Jahren in Frankreich und tourt hauptsächlich auf dem Kontinent. Dabei machte er auch in der Kofferfabrik Fürth Station und präsentierte sein neues Album "The Long Draw" (Glitterhouse GRCD 775 - 2013) ****. Die acht Songs auf der CD sind kleine etwa fünfminütige Reiseimpressionen (aus Michigan, Seattle, Portland, Los Angeles, dem Schwarzwald und Paris), geprägt durch die originelle Gitarrenarbeit mit einem dezenten Hintergrund aus Bass, Schlagzeug und Orgel. Hall verwendet für seine akustischen Gitarren (6-Saiten, 12-Saiten und Dobro) interessante Stimmungen, lässt das Instrument auch perkussiv wirken, ergänzt sich mit eingespielten Loops und verbreitet die Sounds über eine rustikale Verstärkeranlage. Die durchwegs eigenen Songs sind eher melancholisch getragen, sind Reflexionen über Lebensumstände und -krisen, die manchmal an Lou Reed, manchmal an Calexiko oder manchmal an die Sprödigkeit eines Townes van Zandt erinnern. Dabei schimmert durch die düsteren Lieder immer wieder ein bisschen Hoffnung - wie im Titelsong: "But if there’s hope in this house / I’m going to find it / If there’s hope in this house / I’m going to bind it". Zwischen dem Live-Auftritt und der wohl sehr direkt aufgenommenen Platte ist wenig Unterschied; mit seiner Long Draw Band (dem Kalifornier Marten Ingle am Bass und dem Kanadier Marty Vickers am Schlagzeug) wird die leicht bedrohliche Atmosphäre angemessen transportiert. Vorläufig bleibt Terry Lee Hall ein Geheimtipp für die kleinen Clubs und für neugierige CD-Hörer.


Blue Rodeo: In Our Nature (Blue Rose BLU DP 0623, 2013) *****

 

Mit dem mittlerweile 13. Studioalbum setzen Blue Rodeo einen weiteren Meilenstein in ihrer Karriere (die allerdings für viele im Verborgenen abläuft!). Die Band um die beiden Singer-Songwriter Greg Keelor und Jim Cuddy liefert eine perfekte Hommage an die Hochzeit des Country Rocks der 1970er Jahre ab, der Spirit von Klassikern wie Bob Dylans "Nashville Skyline", wie "Sweetheart Of The Rodeo" von den Byrd oder wie "Cahoots" von The Band weht unüberhörbar durch die 14 Songs der CD, die fast programmatisch mit einer Komposition von Robbie Robertson ("Out Of the Blue") abgerundet wird. Wer wissen will, wie intelligent und einprägsam der heutige Americana-Sound (oder sollte man besser sagen: Canadiana?) klingen kann, darf an dieser CD nicht achtlos vorbeigehen. Besonders haften bleiben die Pedal-Steel-Passagen von Bob Egan und das federnde Fender Rhodes Piano von Michael Boguski. Alle Titel wurden in Greg Keelors privatem Farm-Studio aufgenommen, durchgehend ist ein leicht melancholischer Charakter zu spüren, der sich auch in der Zeile des Titelsongs niederschlägt: "It‘s in our nature to say goodbye". Mit drei Worten: ein gereiftes Meisterwerk!


Poco: All Fired Up (Drifter’s Church Production, 2013) ***

 

Elf Jahre hat es gedauert, bis sich Poco wieder den Mühen eine Studio-Produktion unterzogen haben und in der Zwischenzeit hat auch Gitarrist Paul Cotton - zwar kein Gründungsmitglied, aber ein Poco-Urgestein - die Band verlassen, um sich mehr seiner Segel-Leidenschaft und dem easy living in Key West zu widmen. Leider muss man feststellen, dass dieser Verlust kaum wettzumachen ist, auch nicht durch einen versierten Multi-Instrumentalisten wie Michael Webb. So zeigt die neue CD zwar einige Songs in gewohnter Poco-Qualität, jedoch auch einige Verlegenheitslösungen und Füll-Materialien. Schon der Opener und Titelsong „All fired up“ hält nicht ganz, was er verspricht: das vokale Feuer, das Poco zum Beispiel noch mit Timothy B. Schmit abbrannte, ist offensichtlich nicht mehr wiederherzustellen. Und die alte Klischee-Story von den Anfängen des Rock’n‘Roll („That‘s What Rock And Roll Will Do“) vermag einen nicht unbedingt vom Hocker zu reißen. Dass schließlich Jack Sundrud seinen schönen Song „Hard Country“ hier einer Zweitverwendung zuführt, ist auch nicht gerade originell.

Doch - genug gemeckert - es gibt auch Positives: Mit dem Titel „Regret“ hat Rusty Young einen klassischen Poco-Soft-Song komponiert, sein erdiger „Rockin Horse“-Blues klingt wie ein Abschiedsgruß an Paul Cotton und „Neil Young“ ist eine ironische Hommage an den gleichnamigen Superstar. Schließlich beweist Jack Sundrud mit „Long Shot“, dass er moderne Country Songs im Stil von Don Henley aufbereiten (und singen!) kann.

Gemischte Gefühle also - aber besser als gar kein Lebenszeichen, denn an eine Live-Tour in Europa mag man nicht mehr glauben.


Live: Crosby, Stills & Nash (Burg Abenberg) *****

 

Wie schafft man es, dass sich ca. 2000 ältere Herrschaften (z. B. ergraute und leicht hörgeschädigte Oberstudienräte oder Sozialpädagogen mit Hüftbeschwerden) drei Stunden lang an einem kühlen Juni-Abend in den Hof der Burg Abenberg stellen? Man muss drei Rock-Legenden auf die Bühne stellen, die - trotz einer mehrheitlichen Zugehörigkeit zur Ü-70-Fraktion - es mit ungebrochener Spielfreude schaffen, die alten Folk-Rock-Zeiten wieder aufleben zu lassen. Die Rede ist von Crosby, Stills & Nash, die nimmermüde auf Tour gehen und dabei die Fans in Europa nicht außer Acht lassen. Graham Nash spielt dabei den freundlichen Moderator des Familientreffens und steuert seine politisch immer korrekten Soft-Rock-Hymnen bei. Stephen Stills lässt die Zuhörer beim Kampf um seine Stimme mitleiden, bleibt aber immer im rechten Moment präsent und zeigt an der Gitarre, was eine Rock-Harke ist. David Crosby schließlich ist - nach eigener Ansage - für die abgedrehten Songs (soweit die "tischreine" Übersetzung) zuständig. Zusammen mit einer druckvollen Band (z. B. Crosbys Sohn John Raymond an den Keyboards) liefern die drei Musketiere ein hörenswertes Best-Of-Programm der letzten vierzig Jahre ab - eine Pause nach zwölf Titeln sei ihnen gestattet. Mit zunehmender Dauer tritt dann die seltene Situation ein, bei der sich Künstler und Zuhörer einig sind, dass es ein toller und keine Sekunde langweiliger Abend war.

Man möchte dem Trio (der exzentrische Neil Young wird gar nicht vermisst!) mit dem Auftakt-Song zurufen: "Carry On!" Für alle, die aber skeptisch sind, dass es noch einmal eine Deutschland-Tournee geben wird, sei die DVD "CSN 2012" als allzeit-verfügbares Erinnerungsstück empfohlen.