HÖR.TEST


***** hervorragend    **** hörenswert    *** Licht und Schatten 

** nur bedingtes Vergnügen    * überflüssig


Vince Gill: Okie      ****

MCA Nashville (USA 2019)

Produced by Vince Gill & Justin Niebank

12 Tracks - 49:51 Min.

 

Dass die Country Music letztlich eine Bastion konservativer Werte ist, steht außer Frage. Selbst Tendenzen wie Outlaw Country oder Alt-Country konnten/können diesen Befund nicht widerlegen. Auch Vince Gill, der Neu-Eagle, folgt der Tradition und befasst sich auf seinem neuen Album „Okie“ nicht mit dem derzeitigen amerikanischen Präsidenten, nicht mit Honky-Tonk-Exzessen und auch nicht mit Sex, Drugs & Rock’n‘Roll. Gleichzeitig entgeht er aber weitgehend der Gefahr ein reaktionäres Weltbild zu zeichnen und sich in wenig glaubwürdigen Klischees zu erschöpfen. Dazu ist er als Musiker, Songwriter und Sänger eine Klasse für sich, ein künstlerischer Aussichtsturm im Flachland von Nashville.

Die zwölf Eigenkompositionen (drei davon mit Partner) erzählen von Erfahrungen mit der Übergriffigkeit eines Lehrers („Forever Changed“), von den Schwangerschafts-Problemen eines 17jährigen Teenagers („What Choice will You Make“), von der (meistens) guten alten Zeit („Black And White“), vom späten Dank an die Mutter („A Letter To My Mama“) und von der Religiosität, die er an seiner Frau Amy Grant erlebt („When My Amy Prays“ und „The Red Words“). All das interpretiert Gill nicht im Sermon eines Predigers, sondern eher eines nachdenklichen Zweiflers, eines gereiften Mannes, der die wilden Jahre hinter sich gelassen hat („I Don’t Wanna Ride The Rails No More“). Eine besondere Verbeugung macht Vince Gill vor zwei musikalischen Vorbildern, die 2016 gestorben sind: Merle Haggard und Guy Clark. Von beiden hat er offensichtlich viel gelernt, der Erstgenannte macht ihn auch stolz auf seine Herkunft aus Oklahoma.

Im Studio hat Vince Gill eine kleine, aber feine Schar von musikalischen Gästen um sich versammelt: Fred Eltringham am Schlagzeug, Michael Rhodes am Bass, John Jarvis an den Tasteninstrumenten und Paul Franklin an der Steel Guitar. Dass er selbst mit Gitarren aller Art bestens umgehen kann, braucht nicht weiter hervorgehoben zu werden.

Die CD macht Lust darauf, Vince Gill auch mal wieder als Solist live zu erleben, vorläufig ist er aber (erneut ab Februar 2020) als Glenn-Frey-Ersatz gut im Geschäft.

 

http://www.vincegill.com/


Drew Holcomb & The Neighbors: Dragons ****

Magnolia Music / Thirty Tigers (USA 2019)

Produced by Cason Cooley

10 Tracks - 34:46 Min.

 

Das Motto dieses neuen Albums von Drew Holcomb findet sich etwas versteckt im Track # 3 „I‘ll never forget the way you made me feel“. Dort formuliert der in Tennessee lebende Songwriter und Bandleader ganz schlicht: „It’s not a song, it’s my life“! Richtig: in den zehn Eigenkompositionen (bei denen fünfmal gute Freunde mitgeholfen haben) erzählt Holcomb ohne jedes Pathos und ohne Klischeeverdacht von seinem Leben als ambitionierter Musiker und Familienvater, von seiner Frau Ellie, die seine wichtigste Partnerin auf der Bühne, aber auch die Mutter dreier Kinder ist, und von seinem Großvater, der ihm einige wichtige Empfehlungen mit auf den Weg gegeben hat. Daraus resultiert für Holcomb eine gut abgewogene Lebensphilosophie mit einer kleinen Portion Ironie, einer Tendenz zum Optimismus, aber auch einem unabweisbaren Realitätssinn. Wie heißt es einmal so schön: „Maybe we’re not supposed to try everything“. Oder an anderer Stelle: „We want the love, but we don’t want the hurt“. Themagerecht beginnt die CD mit einer launigen Mitsing-Nummer („Family“) und endet mit einer leicht melancholischen Piano-Ballade („Bittersweet“), die das Dilemma des Künstlers illustriert: „Big year at the box office, everyone’s at your show / Strange year on the home front, nobody knows“.

Diese nachdenklichen Ich-Botschaften sind in ein äußerst geschmackvolles Musik-Angebot eingepackt, das zwischen lebendigen Country-Gospel, Singer/Songwriter Folk-Rock und modernen, radiotauglichen Power-Pop pendelt. Drew Holcomb hat sich damit in eine Liga mit Jason Isbell, Pete Droge oder John Mayer katapultiert und sollte für sein Song-Angebot ein breites (gerne auch anspruchsvolles) Publikum finden. Dieses kann dann zu der Musik trotz einer weit verbreiteten Weltuntergangsstimmung das Glas heben („End Of the World“) und in die Lebensweisheit des Holcomb-Großvaters einstimmen: „Take a few chances / A few worthy romances / Go swimming in the ocean on New Years Day / Don’t listen to critics / Stand up and bear witness / Go slay all the dragons that stand in your way“.

 

https://www.drewholcomb.com/


The Weight Band: World Gone Mad      ****

Independent (USA 2018)

Produced by The Weight Band

11 Tracks - 47:15 Min.

 

Es gibt schon fast zu viele Tribute Bands auf dieser Welt, die glauben von dem Vermächtnis verflossener Künstler oder Bands profitieren zu können. Ob Janis Joplin, Queen, Dire Straits, Abba, Michael Jackson oder Pink Floyd - niemand ist sicher vor der Vermarktung durch clever kalkulierende Cover-Profis.

Ganz anders liegt allerdings der Fall bei der Weight Band. Hier haben sich seit 2013 US-Musiker zusammengefunden, die in irgendeiner Weise eine Beziehung zu der legendären „Band“ haben, die bedauern, dass Robbie Robertson, Garth Hudson, Richard Manuel, Rick Danko und Levon schon 1976 zum letzten Walzer gebeten haben und dass die drei letztgenannten schon im Rock’n’Roll-Heaven gelandet sind. Sie spielen aber auf ihrem Debüt-Album keine Dauerbrenner der Band sondern neun Eigenkompositionen, die sie als „Woodstock Sound“ titulieren, damit aber nicht das legendäre Festival sondern die Gegend meinen, in der The Band (und auch Bob Dylan) ihre berühmten Basement Tapes aufnahmen. Da ist viel ungeschliffener ländlicher Rock, ein bisschen Country Blues und dynamischer Folk Rock zu hören, der genauso auch in eine Setlist von Little Feat, The Byrds oder Grateful Dead passen würde. Der Kopf (und der Hauptkomponist) der Weight Band ist Gitarrist und Sänger Jim Weider, der ab 1999 in einer nicht mehr so erfolgreichen Spät-Version der Band mitspielte. Auch die anderen Mitwirkenden sind z. B. mit dem Scheunen-Schmelztiegel von Levon Helm, der 2012 starb, verbunden

Das Album startet mit einer flotten Mandolin-Melodie und mündet fließend in den Titelsong „World Gone Mad“ - ein echter Ohrwurm und gleichzeitig eine treffende Beschreibung der gegenwärtigen politischen Situation (nicht nur in den USA). Später wird ein Song von Robert Hunter und Jerry Garcia eingestreut („Deal“), auch ein entlegener Titel von Bob Dylan („Day Of The Locusts“) darf bei diesem Projekt nicht fehlen. Als Rausschmeißer beweist die Weight Band schließlich mit einem Live Track („Remedy“), dass bei ihnen auf der Bühne noch ordentlich die Post abgeht: Albert Rogers (b) und Michael Bram (dr) sorgen für den soliden Background, auf dem Jim Weider, Marty Grebb und Brian Mitchell ihre Exkurse an Gitarre, Keyboards und Saxophon ausleben können. Fazit: You’re Never Too Old To Rock And Roll - oder eine höchst sympathische Traditions-Retro-Angelegenheit, die aber auf der Höhe der Zeit ist.

 

http://www.theweightband.com/


Jacob Miller: This New Home ****

Independent (USA 2019)

Produced by Jacob Miller

10 Tracks - 37:42 Min.

 

Mit seiner Debüt-CD im Gepäck kommt Jacob Miller zum ersten Mal zu einer einmonatigen Live-Tour nach Europa. Aufgewachsen in Wisconsin zog er 2009 an die Westküste nach Portland/Oregon, um sich dort ganz auf seine Leidenschaft für die Musik zu konzentrieren. Als Sänger, Gitarrist und Komponist eines Old Time Jazz-Sextetts mit dem Namen The Bridge City Crooners beamte er sich in die goldenen 1930er Jahre zurück, um dann aber auf den Reisen durch die USA immer mehr von den Wurzeln der amerikanischen Musik aufzusaugen und in ein Soundkonzept der Gegenwart zu filtern. So studierte er das Piedmont-Blues-Picking in North Carolina, den Folk-Rock der 70er Jahre und den Singer/Songwriter-Pop der jüngsten Vergangenheit. Aus diesen Erfahrungen konzipierte er die zehn Songs, die er für das Album „This New Home“ multiinstrumental mit der Methode Homerecording einspielte. Nur an wenigen Stellen wurden musikalische Gäste eingeladen: zweimal eine kleine Horn-Sektion, einmal ein String-Arrangement aus Violine und Cello, einmal der Schlagzeuger Phil Rogers. Die Lieder thematisieren die wechselhaften Zustände von Beziehungen, erzählen von Missverständnissen („Words We Didn’t Mean“), vom Wunsch allein zu zweit zu sein („Take Me Home“) oder von der Verarbeitung einer Trennung („I‘m Learning To Let You Go“). Jacob Miller sendet damit sehr persönliche Ich-Botschaften, garniert mit einem entspannten Folk-Pop-Feeling. Wer sich die prägnante Stimme und die starken Arrangement genau anhört, kann erkennen, dass Miller weit über dem Durchschnitt agiert, dass er definitiv das Potenzial für eine große Karriere hat. Er darf sich nicht nur in eine Reihe mit den aktuellen US-Musikern Blake Mills (früher mal bei den Dawes) oder John Mayer stellen, sogar die Ähnlichkeit zu dem Paul Simon der 1980er Jahre ist keine Übertreibung.

Vorläufig muss er aber allein mit Gitarre und Stimme in den kleinen Clubs um Aufmerksamkeit bitten; so zum Beispiel am 29. Oktober um 20.00 Uhr in der Nürnberger Ludwigs Bar (Innere Laufer Gasse 35).

 

http://www.jacobmillermusic.net/


Tim Grimm: Heartland Again      ****

Cavalier Recordings (USA 2019)

Produced by Tim Grimm

12 Tracks - 48:55 Min.

 

Die CD hat eine interessante Entstehungsgeschichte. Tim Grimm, der eigentlich manchen eher als Schauspieler (z. B. in der Sitcom „Hör mal, wer da hämmert“) bekannt ist, entschloss sich vor über 20 Jahren, mit seiner Frau Jan die hektische Metropole Los Angeles zu verlassen und auf dem Bauernhof seines Vaters und Großvaters nahe Ogilville / Indiana zu leben - eben dort, wo das wirklich Herz der USA schlägt. Die Eindrücke des ländlichen Lebens verarbeitete er dann zu elf Songs, die 1999 unter dem Titel „Heartland“ erschienen. Dieser Rückzug back to the roots brachte ihm den Ehrentitel „Poet des ländlichen Mittleren Westens“ ein. Da nun die beiden Söhne Connor und Jackson erwachsen sind und musikalisch dem Vater nacheifern, kam der Entschluss, die zwanzig Jahre alten Songs noch einmal als Family Band aufzunehmen (die Original-CD ist nur noch zu immensen Sammler-Preisen auffindbar).

So präsentieren also Vater, Mutter und Söhne Grimm ein märchenhaftes, zeitloses Album, dem noch zwei neue Songs angefügt wurden. „Staying In Love“ ist eine gefühlvolle Reminiszenz an den vor zwei Jahren verstorbenen Vater, „Love More“ ist ein eher unpolitischer Blick auf die gespaltene US-Gesellschaft der Gegenwart: „kindness can hold the world together“. Die Familie liefert mit akustischem Folk-Instrumentarium und elektrischen Zutaten durchaus aktuellen Country-Folk, der bei dem Traditional „Sowin‘ On The Mountain“ (bekannt durch die Version von Ramblin‘ Jack Eliott) auch rockige Züge annimmt. Jenen Ramblin‘ Jack hat Grimm vor einigen Jahren auf seinem Album „The Turning Point“ zum „King of the Folksingers“ geadelt. Im Mittelpunkt dieser Revisited-CD steht der Song „80 Acres“, der - gesanglich fast im Stil eines Johnny Cash - die wechselvolle Geschichte des Farmlandes nacherzählt: „I don’t pretend to own it / but this paper says it’s mine / this farm is a long memory / walking back in time / … freedom is finding beauty / in the simple and the plain“. Es sind traditionelle, konservative Werte wie Heimat, Verantwortung und Familie, die hier ohne falsche Nostalgie hochgehalten und besungen werden. Wenn Tim Grimm uns dazu glaubhaft verspricht, nicht - wie viele Leute in seiner Region - Donald Trump zu wählen, kann auch noch ein Stern mehr gewährt werden!

 

https://www.timgrimm.com/


Jordi Baizan: Free And Fine      ***

Berkalin Records (USA 2019)

Produced by Walt Wilkins & Ron Flynt

11 Tracks - 42:48 Min.

 

Dies ist (nach „Like The First Time“ aus dem Jahre 2017) die zweite CD von Jordi Baizan, dem Sohn spanisch-kubanischer Eltern, der mit seiner mexikanischen Frau Carmen vier Kinder großgezogen hat und nun als Singer/Songwriter die Welt rund um Houston/Texas erobern will. Das entscheidende Merkmal seiner Songs ist die Verwurzelung im melodiösen Country-Folk und der unerschütterliche Optimismus trotz einer Welt voller Drogen, Hurrikans und Notarzt-Einsätzen. Jordi Baizan erinnert deshalb an die Werte von Nachbarschaft, Freundeskreis und Familie in dem abschließenden Fazit „Heroes All Around Us“. Dazu passt auch die Geschichte von Valerie und Brian, die mit ihrem Wohnwagen den Großstadt-Stress von Houston verlassen und sich eine Auszeit im Big Bend Nationalpark gönnen: „they are free and fine on that desert line, they are hard to find, nothing’s bigger than Texas“. Mit diesem schönen Song könnte sich Baizan glatt als Webeträger für Wohnwägen oder für das texanische Tourismus-Büro bewerben! Die elf Eigenkompositionen rollen eingängig dahin, getragen von Jordis akustischer Gitarre und seiner weichen, aber markanten Stimme. Wer die Songs von Brad Colerick, John Vester oder Jim Photoglo mag, ist mit diesem Album bestens bedient. Die Musiker des Jumping Dog Studios in Austin produzieren dazu einen perfekten Hintergrund-Sound, solistische Highlights kommen von Geoff Queen an der Pedal Steel Gitarre und von Heather Stalling an der Fiddle. Nicht mehr - aber auch nicht weniger - als ein schönes Hörerlebnis für Erwachsene, die sich noch ein bisschen kindliche Naivität aufbewahrt haben.

 

https://jordibaizan.com/


Randy Lewis Brown: Red Crow ****

Berkalin Records (USA 2019)

Produced by Merel Bregante

13 Tracks - 54:17 Min.

 

Auch wenn man bei der Altersangabe eine Sieben vorne hat, gehört man noch lange nicht zum alten Eisen. Dies beweist der Texaner Randy Lewis Brown mit seiner aktuellen CD „Red Crow“, die soeben auf dem kleinen Berkalin Records Label erschienen ist. Und mit Song # 3 unterstreicht er gleich diese Feststellung: „Not Ready Yet“, das heißt er hat noch einiges vor und will mit dem Songwriting und dem Geschichtenerzählen, das er interessanterweise als eine Krankheit, als eine verführerische Sucht mit unangenehmen Begleiterscheinungen beschreibt, keineswegs aufhören, auch wenn man vielleicht an normalen Tagen schon etwas früher zu Bett geht. Aber für harte Wahrheiten und gut ausgedachte Lügen muss immer noch Zeit sein!

Randy Lewis Brown startet sein - mittlerweile drittes - Solo-Album mit prägnantem Modern Country Sound und einem Thema, das man irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern genauso anstimmen könnte: die dahinsiechende Kleinstadt, die „One Horse Town“, an die man sich aber trotzdem gebunden fühlt. Brown macht aber nicht den Fehler, alle Nashville-Klischees abzuarbeiten (obwohl er auch einen recht netten Train-Song im Programm hat), sondern bietet eine abwechslungsreiche Songfolge mit treffsicheren Ausflügen im weiten Gelände der Americana-Schublade. „October Rain“ ist zum Beispiel eine stimmungsvolle Piano-Ballade, bei „She’s The Only Woman“ könnte Don McLean jederzeit einsteigen und „Other Campfires“ könnte auch von einer Indian-Rockband stammen. Höhepunkte des Albums sind weiterhin der bildstarke Titelsong und historische Pionier-Geschichte „Barlow Road“. Wie es sich für einen älteren Herrn gehört, darf auch ein leicht nostalgischer Rückblick ins Jahr 1963 nicht fehlen: das waren die „Good Old Days“ mit den good old boys und den good old ways! Produziert hat dieses sympathische Stück Musik der hoffentlich manchen bekannte Merel Bregante - früher ein gefragter Schlagzeuger für die Nitty Gritty Dirt Band, für Loggins & Messina, für Dan Fogelberg, für Chris Hillman und viele andere Legenden des Country Rock, heute preisgekrönter Besitzer des Cribwork Digital Audio Studios in Liberty Hills/Texas.

 

http://randylewisbrown.com/index/


Pat Kearns: Down In The Wash   ****

Independent (USA 2019)

Produced by Pat Kearns

11 Tracks - 40:50 Min.

 

Was wäre wohl passiert, wenn sich die Angie-Rolling Stones, Bob Dylan und Canned Heat 1969 zu einer Unplugged-Session in den Bearsville-Studios von Woodstock verabredet hätten? Vielleicht ein bisschen das Soundbild, das nun fünfzig Jahre später Pat Kearns aus Kalifornien vorlegt. Die CD „Down In The Wash“ ist nicht nur ein akustisches Retro-Erlebnis sondern auch das Produkt einer großen Veränderung. 2016 sagte Pat zusammen mit seiner Frau Susan „So Long City“ (so auch der Titel seines ersten Solo-Albums), sie verließen das geordnete Leben als Musik-Produzent und Haarstudio-Besitzerin in Portland/Oregon und siedelten sich in einer kleinen Hütte in der kalifornischen Mojave-Wüste an. Dort ist das Leben mitten in der Natur geprägt von Solarstrom und wenig Wasser, von der Besinnung auf das Wesentliche. Aber mit ausgewähltem Equipment und ein paar Freunden lässt sich auch abseits der Zivilisation entspannte Musik machen (und aufnehmen), die das Landschafts-Ambiente aufsaugt. Kearns hat zehn Eigenkompositionen und einen Stones-Klassiker („No Expectations“) ausgewählt und damit unüberhörbar den Burrito-Geist von Gram Parsons beschworen. Gattin Susan bedient den Kontrabass (und hat das Cover gezeichnet!), Tim Chinnock spielt relaxte Drums, Joe Garcia und Luke Dawson kreieren mit Gitarren und Pedal Steel den spacigen Country-Rock-Sound der 70er Jahre, dem die Byrds seinerzeit zum Durchbruch verhalfen. Wer in nächster Zeit nicht die Möglichkeit hat, an die US-Westküste zu reisen, um die Atmosphäre vor Ort zu testen, sollte vorläufig mit den Anspieltipps „Low Wind Howling“ oder „Mojave Moonlight“ eine Phantasiereise starten.

 

https://www.patkearnsmusic.com/


Chuck Hawthorne: Fire Out Of Stone     ****

Independent  (USA 2019)

Produced by Walt Wilkins & Ron Flynt

10 Tracks - 36:58 Min.

 

Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel qualitativ hochwertige Musik aus der Metropole Austin/Texas das Licht der Welt entdeckt. Ein kreativer Produktionsort ist ohne Zweifel das Jumping Dog Studio von Ron Flynt. Dort hat nun Chuck Hawthorne seine zweite Solo-CD (nach dem Erstling von 2015 mit dem Titel „Silver Line“) aufgenommen.

Hawthorne ist ein profilierter Songwriter und Geschichtenerzähler, der eindeutig in der Tradition von Merle Haggard, Guy Clark oder Kris Kristofferson steht. Eine besondere Verbeugung macht er am Ende der Playlist vor dem unlängst verstorbenen Richard Dobson, dessen eher pazifistische, denn resignative Botschaft „I Will Fight No More Forever“ (basierend auf einer Rede des Indianerhäuptlings Chief Joseph aus dem Jahre 1877) er kongenial covert.

Ansonsten ist Hawthorne ein genauer Beobachter der amerikanischen Traumata, ein Analytiker der verlorenen Generation der Vietnam-Kämpfer und Mondsucher. Er erzählt die tragische Geschichte eines leidenschaftlichen Easy-Rider-Motorradfahrers („Such Is Life“) und eines auf der Straße verunglückten Freundes („Standing Alone“), an den er mit einem klassischen Bild erinnert: „I feel like a road sign / shot full of holes / prisoner of he highway / I am standing here alone“. Am meisten radiotauglich ist das melancholische „Amarillo Wind“, eine Ballade, die mit der Pedal Steel von Geoff Queen an den Song „Midnight In Montgomery“ in der Version von Alan Jackson erinnert. Typisches Texas-Storytelling vermittelt die Skizze des Nachbarjungen, der von den Geheimnissen der indianischen Talisman-Objekte und Glücks-Symbole fasziniert ist („Arrowhead & Porcupine Claw“).

Musikalisch bietet Hawthorne neben seiner markanten Stimme einen sparsam arrangierten und eher gemächlich voranschreitenden Country Rock mit schönen Akzenten der Harmonica (Ray Bonneville), der Fiddle (Marian Brackney) und der Backing Vocals von Libby Koch.

 

https://chuckhawthorne.com/


 Vorbericht: Fox And Bones live

 

Hinter dem Bandnamen Fox and Bones stecken die beiden Singer/Songwriter Sarah Vitort und Scott Gilmore aus Portland/Oregon, die sich vor vier Jahren erst musikalisch und dann auch privat näher gekommen sind. Seitdem führen sie ein abenteuerliches Leben meist on the road, bei dem sie gerade mal wieder für fast zweieinhalb Monate die Schweiz, Österreich und Deutschland bereisen. Die kurzen Heimat-Aufenthalte haben sie genutzt, um 2018 ihr Debütalbum "Better Land" aufzunehmen, von dem mittlerweile beglaubigte 1000 Exemplare verkauft sind, was aber in den Zeiten des Streamings und der You-Tube-Aufrufe wenig zu bedeuten hat.

Bei den elf Eigenkompositionen präsentieren Fox and Bones sich als stimmstarkes Folk-Pop-Angebot, nicht so ätherisch wie die Civil Wars, aber auch nicht so hart am Klischee wie etwa die Dixie Chicks. In den Liedern steckt dank der rockigen Band-Arrangements auch eine gehörige Portion Gospel-Soul und Retro-Americana, die Stimme von Sarah Vitort erinnert an die besten Momente von Sheryl Crow oder Stevie Nicks und bei Scott Gilmore meint man manchmal die raue Schale eines Van Morrison oder eines Tom Petty herauszuhören.

Seit einem Monat kursiert auch die neue Single "Running Free" im Internet, eine positive Reflexion des anstrengenden Tour-Lebens mit täglich neuen Erlebnissen, aber auch mit dem Verzicht auf heimatliche Geborgenheit. Sarah Vitort schreibt in ihrem Instagram-Blog nicht nur von der Feier des 30. Geburtstages und von spontanen Auftritten bei Hochzeiten sondern auch von Erkältungs-Attacken und vielen langweiligen Straßen-Kilometern.

In Kürze kommen die beiden, die etwas mit dem Bonnie&Clyde-Image kokettieren, in die Metropolregion: am 22.9. gibt es ein ungewöhnliches Sonntags-Kaffeekränzchen mit Live-Music schon um 14.00 Uhr (Vorband: A Purple Sky) bei Kopf und Kragen in Fürth (Ottostraße 27, Hinterhof EG), am 24.9. sind sie um 20.00 Uhr in der Nürnberger Ludwigs Bar (Innere Laufer Gasse 35) zu Gast.

 

https://www.foxandbones.com/


Venice: Jacaranda Street      ****

Lennon Records (USA 2019)

Produced by Michael Lennon

13 Tracks - 60:07 Min.

 

Das verwandtschaftlich verknüpfte Lennon-Quartett Mark, Kipp, Pat & Michael meldet sich mal wieder mit einem Bündel neuer Songs (auf ihrem - nach Expertenzählung - Album # 21), die etwas beweisen, was eingefleischte Venice-Fans schon seit Jahrzehnten wissen: dass die Band die Speerspitze des südkalifornischen Soft-Rock darstellt und mit mehrstimmigen Vokal-Arrangements Maßstäbe setzt. Diesmal könnte man fast glauben, sie wollten ein Little-River-Band-Tribute Album machen, was aber keine Kritik an mangelnder Eigenständigkeit bedeuten soll. Die drei Auftakt-Songs haben ausgesprochene Ohrwurm-Qualität und erzählen die bewegte Geschichte einer Mutter („Jacaranda Street“), eines Feuerzeugs („The Lavender Lighter“) und einer Liebe („My Love Waits For Me“). Danach folgt ein treffender Exkurs in die Gefilde von Supertramp oder den Beatles („Stepping On That Bridge“) und ein von der akustischen Gitarre dominierter Country-Rock-Flow im Stile von Glenn Frey („Something Took You Over“), ehe sich die Band dem getragenen, puren Wohlklang hingibt und mit dem Titel „Middle Age Lullaby“ eine Art Botschaft an die Zuhörer herausgibt. Das Ganze ist wieder ein optimistisch stimmendes Familienprojekt, bei dem die Lead Vocals von Kipp und Mark bestens mit dem Background von Pat und Michael harmonieren. Während das Songwriting offensichtlich sehr demokratisch abgewickelt wird, liegt die Studioarbeit und die Konstruktion des musikalischen Arrangements eindeutig bei Michael Lennon. Wer sich also dem oft nervigen Alltag für eine Weile entziehen will, sich nicht von der Hektik der Großstadt anstecken lassen will, sondern sich eher in die meditative Bewegung des Ruderns versetzen will, der ist mit der aktuellen CD von Venice bestens bedient: „Hope in the going / In the quiet there is knowing / In the rhythm of the rowing“.

 

http://www.venicetheband.com/


Amos Lee: My New Moon     ****

Dualtone (USA 2018)

Produced by Tony Berg

10 Tracks - 38:05 Min.

 

Eines kann man von Amos Lee immer erwarten: hohe Qualität als Songwriter und als Sänger. Dass er auf seinem mittlerweile siebten Album auch als Prediger und Gesundheitsapostel auftritt und seine Musik als spirituelles Heilmittel verkauft, muss man ja nicht zwangsweise gutheißen. Die zehn perfekten Songs wurden in einem L.A.-Studio mit dem schönen Namen „Zeitgeist“ aufgenommen, und sie repräsentieren die stilistische Bandbreite dessen, was man als contemporary rock & pop bezeichnen kann. Die CD startet mit „No More Darkness, No More Light“, ein Song, der problemlos auf die Paul-Simon-CD „Graceland“ gepasst hätte. Es folgt „Louisville“, ein Stück Musik, an dem Bruce Springsteen gewiss seine Freude haben müsste. Schließlich „Little Light“, eine freundlich swingende Gospel-Nummer mit viel Optimismus, und danach der soundmäßig höchst aktuell klingende Soul-Pop von „All You Got Is A Song“ mit der bezeichnenden Aussage: „I’m going to sing away the pain“. Einen Kommentar zur derzeitigen politischen Lage in den USA will sich Amos Lee auch nicht verkneifen: nachdem am Anfang jemand ganz hamletartig ins Mikrofon schreit „There’s something rotten in the state of Denmark“, kommt bald die naheliegende Songzeile „There’s a crooked leader on a crooked stage“, um dann aber selbstkritisch fortzufahren: „Turns out that I’m crooked too“. Mit einem kunstsinnigen Produzenten (Tony Berg) und höchst kompetenten Begleitmusikern (z. B. Benmont Tench, oder Greg Leisz) ist Lee ganz nahe an seinem bisherigen Highlight „Mission Bell“ dran.

Man muss sich also nicht unbedingt von seiner Krankenkasse eine Heilkur verschreiben lassen, mehrmals Amos Lee anhören, tut es auch!

 

https://www.amoslee.com/


Vicky Emerson: Steady Heart      ****

Vickyemerson.com (USA 2019)

Produced by Vicky Emerson

9 Tracks - 34:52 Min.

 

Nicht erst seit Harvey Weinstein und der #MeToo-Debatte weiß man einiges über die schwierige Rolle von Frauen im Show-Business. Schon Tina Turner, Janis Joplin oder Aretha Franklin hätten davon erzählen können. Die weitaus weniger bekannte Vicky Emerson aus Minneapolis sieht sich in der Tradition von selbstbewussten Singer / Songwriterinnen, die einen Wechsel in den Geschlechter-Mechanismen der Musik-Industrie herbeiführen wollen. Ihre Konsequenz: sie hat ihr neuestes Album „Steady Heart“ selbst produziert und alle Arbeitsabläufe vom Studio bis zum Mastering unter Kontrolle gehalten. Dazu betreibt sie mit Sarah Morris eine Beratungsfirma für aufstrebende Musiker und ist damit auch ihre eigene Publicity Managerin.

Doch zurück zum Eigentlichen, zur Musik: mit „Steady Heart“ ist ihr die bisher beste CD gelungen, eine akustische dominierte, country-folkige Americana-Produktion, die sie eigentlich in eine Liga mit Rosanne Cash, Emmylou Harris und Lucinda Williams bringen müsste. Die stets geschmackvollen Arrangements mit der Geige von Jake Armerding, dem Kontrabass von Aaron Fabbrini und der Solo-Gitarre von Steve Bosmans geben ihrer unprätentiösen, aber sehr emotionalen Stimme den nötigen Freiraum zur Entfaltung. Textlich bewegt sie sich eher im konventionellen Bereich, kompositorisch zeigt sie aber große Kreativität und ein Gefühl für atmosphärische Songs. Besonders anhören sollte man sich das modern klingende „The Reckoning“ (eine Zusammenarbeit mit dem aufstrebenden Graham Bramblett) und die etwas traditionelleren „Steady Heart“ und „Good Enough“. Beim einzigen Cover, dem Crystal-Gayle-Hit aus den 70er Jahren („Don’t It Make My Brown Eyes Blue“) geht es ein bisschen in Richtung Lounge Jazz, Norah Jones hätte daran ihre Freude! Der abschließenden Einladung von Vicky Emerson („If I could be a boat, I’d take you from coast to coast. Throw all our cares into the wake”) möchte man jedenfalls gerne folgen.

 

https://www.vickyemerson.com/


Eric Brace, Peter Cooper & Thomm Jutz: Riverland       *****

Red Beet Records (USA 2019)

Produced by Eric Brace, Peter Cooper & Thomm Jutz

14 Tracks - 54:30 Min.

 

Vielen Musikfreunden ist der Mississippi nur durch den Kern/Hammerstein-Klassiker „Ol’ Man River” oder durch die unermüdliche „Proud Mary“ von John Fogerty bekannt. Vor wenigen Jahren erkundete Rosanne Cash zusammen mit ihren Ehemann John Leventhal ihre persönliche Geschichte und die musikalische Tradition des amerikanischen Südens: „The River And The Thread“ wurde zu einer hoch gelobten Americana-CD. Nun laden Eric Brace, Peter Cooper und Thomm Jutz mit ihrem hervorragenden Konzeptalbum „Riverland“ dazu ein, sich mit der wechselvollen Geschichte, der Kultur, der Landschaft und mit den Menschen rund um diesen großen Fluss zu befassen.

Die 14 Songs spannen einen weiten geschichtlichen Bogen von der Schlacht um Vicksburg (1863) während des Bürgerkriegs („Down Along The River“) über die verheerende Flut im Jahre 1927 („Drowned And Washed Away“) und die Rassenunruhen 1962, als der erste Farbige versuchte, sich an der Universität von Mississippi einzuschreiben („Mississippi Magic“), bis zur Gegenwart, wo man beispielsweise am Zusammenfluss von Ohio und Mississippi entspannt das Treiben auf dem Wasser beobachten kann („Fort Defiance“). In den Liedern geht es um bedeutende Personen der Kultur des Südens, um die Schriftsteller William Faulkner (der die stickigen Sommer des Südens in jedem Fall der Glitzerwelt von Hollywood vorzog), Shelby Foote und Eudora Welty, um den Bürgerrechts-Aktivisten Will D. Campbell, um die Musiker Muddy Waters, Jerry Lee Lewis, Tom T. Hall und Charlie Worsham, um die Bürgerkriegs-Generäle Beauregard, Grant und Sherman und nicht zuletzt um die Verkehrsmittel auf dem Fluss (Keelboat, Tugboat, Steamboat) und um ein historischen Maultier („Southern Mule“).

Brace, Cooper und Jutz sind, obwohl sie alle drei nicht aus dem tiefen Süden stammen, ernsthafte Kulturgeschichts-Wissenschaftler, die - ähnlich wie Randy Newman in seinem zynisch-ironischen Meisterwerk „Good Old Boys“ - einen kritischen Blick auf den Süden werfen und nicht in vordergründige Konföderierten-Klischees verfallen. Gleichzeitig lassen sie sich aber von dem Zauber der Landschaft erfassen und drücken das in einem akustischen Stil-Mix aus Country, Folk und Bluegrass aus. Den Kern dieser Südstaaten-Dialektik macht der siebenminütige Song Nummer 6 deutlich: „Mississippi magic is Mississippi madnesss now … Mississippi madness will be Mississippi magic again“. Ausdrückliche Hör- und Kaufempfehlung!

 

http://redbeetrecords.com/news/riverland-new-brace-cooper-jutz-release-dec-2018


Phil Lee & The Horse: He Rode In On     ****

Palookaville PAL 15 (USA 2018)

Produced by Phil Lee

12 Tracks - 52:33 Min.

 

Eine altbekannte Weisheit der Dakota-Indianer lautet: „Wenn Du merkst, dass Du ein totes Pferd reitest, dann steig ab!“ Wenn das Pferd aber Crazy Horse heißt und aus dem Stall von Neil Young stammt, dann lohnt es sich allemal den Sattel aufzulegen! So dachte wohl auch der Gitarrist, Sänger und Songwriter Phil Lee, der sich seit gut zwanzig Jahren im Dunstkreis des Big Daddy Neil aufhält und nun dessen alte Rhythmusgruppe mit Ralph Molina (dr) und Billy Talbot (b) für eine wirklich hörenswerte CD engagiert hat.

Phil Lee ist eine jener kauzigen Figuren, die die Hippie-Attitüde in das 21. Jahrhundert hinübergerettet haben. Mit seinem grauen Zauselbart könnte er jederzeit bei ZZ Top einsteigen, in weiser Selbsteinsicht nennt er sich den „King Of Nothing“, bestehend im Wesentlichen aus „skin and bone“, und mit markanter Stimme verkündet er „There’s a rebel in my heart“. Bei den Aufnahmen 2018 im kalifornischen Painted Sky Studio ist ein erfrischendes Retro-Roots-Album herausgekommen, das ungeniert Anleihen bei dem frühen Neil Young und dem mittleren Bob Dylan macht, das auch mal die Orgel des Sir Douglas Quintett aufjaulen lässt und in den Song „Wake Up Crying“ mit einem unverkennbaren The-Who-Riff einsteigt. Aber auch ein astreines Country-Duett mit Molly Pasutti ist im Angebot („Party Drawers“), das punktgenau in den Back-Katalog von Johnny Cash passen würde.

Zu den Musikern, die Phil Lee die Ehre gegeben haben, gehören auch Keyboarder Barry Goldberg, der zuletzt mit Stephen Stills und Kenny Wayne Shepherd fetten Blues-Rock machte, sowie die mehr oder weniger legendären Gitarreros Richard Bennett, Bill Kirchen und Jan King. Vom Opener, dem schon fast zwanzig Jahre alten Song „The Mighty King Of Love“, bis zu den beiden Bonus Tracks bietet die CD grundsoliden Americana-Rock mit dem siebenminütigen Höhepunkt „Bad For Me“. Die Botschaft an Phil Lee lautet: einfach weiterreiten!

 

https://www.philleeone.com/


David Olney: Don’t Try To Fight It      ****

Red Parlor Records (USA 2017)

Produced by Brock Zeman

10 Tracks - 33:29 Min.

 

Wer seit ca. vierzig Jahren im Musik-Geschäft tätig ist, muss nicht mehr sein Mäntelchen in den Wind hängen und schauen, was gerade irgendwie trendy sein könnte. David Olney (70) kann vielmehr ganz auf die Kraft seines Songwritings vertrauen und sich in einem breiten Spektrum amerikanische Musik bedienen. David Olney hat etwas zu sagen, hat etwas zu erzählen, obwohl er sich nicht als Missionar oder als Prophet sieht. Im Titelsong erlaubt er sich sogar den abgeklärten Rastschlag, dass es besser ist, mit einem hintergründigen Lächeln die gegenwärtigen Zustände zu kommentieren. Die CD, die nach unbestätigten Zählungen Olneys Work # 26 ist, startet mit einem krachigen Texas-Rocker im Stile von John Hiatt („If They Ever Let Me Out“) und schwenkt aber gleich im folgenden Song zu einer federnden Tex-Mex-Ballade um, die von dem verstorbenen Glenn Frey stammen könnte („Innocent Heart“). „Ferris Wheel“ ist eine poetische Metapher über das Leben und die conditio humana, gekleidet in einen soft-folkigen Rahmen, wie es der frühe Jackson Browne liebte. Heftiger gerockt wird bei „Crack In The Wall“, Retro-Freunde und Fans von Huey Lewis werden bei „Sweet Sugaree“ aufhorchen. Danach folgen wieder zwei ruhigere Nummern, die in der Melodieführung an Paul Mc Cartneys „Yesterday“ („Evermore“), bzw. an Bob Dylans „It’s All Over Now, Baby Blue“ („Yesterday’s News“) erinnern. Townes van Zandt soll einmal gesagt haben, dass er David Olney zu den besten Songwritern - neben Mozart, Lightning Hopkins und Bob Dylan! - zählt. Das mag etwas hoch gegriffen sein, doch die Tatsache, dass die Kunstfertigkeit von David Olney reift wie ein besonders teurer Rotwein, ist unbestreitbar.

 

https://davidolney.com/


Joseph Parsons: The Field - The Forest       ****

Blue Rose Records (D 2016)

Produced by Joseph Parsons

6 Tracks - 25:33 Min. / 6 Tracks - 23:02 Min.

 

Dass das Leben (und jede Medaille) zwei Seiten hat, kann mittlerweile als Allgemeinplatz abgehakt werden: Ying und Yang, Tag und Nacht, Leben und Tod, Liebe und Hass. Bei Joseph Parsons könnte man noch hinzufügen: Philadelphia und Hannover, Field and Forest. Denn so heißt seine aktuelle Produktion, die aus zwei EPs mit je sechs Songs besteht, die wiederum in einem plastikfreien geschmackvollen Klapp-Paket mit eingefügtem Booklet daherkommen. Die eine Seite („Field“) beschreibt Parsons als die Freude am Sonnenlicht, am friedlichen Spaziergang durch ein Feld. Die andere Seite („Forest“) markiert das gefährliche Abenteuer, den düsteren Blick in den Abgrund. Logischerweise definieren die beiden EPs auch die musikalische Bandbreite des Singer/Songwriters Joseph Parsons: auf „Field“ ist er der melodiöse Folk-Rocker, der mit einschmeichelnder Stimme und akustisch geprägtem Arrangement von Liebe und Hoffnung in einer brüchigen Welt singt: „It’s about time to put on your wings and fly“. Auf „Forest“ ist er der dynamische Power-Rocker, der seine Rhythmusgruppe (Sven Hansen, Fred Lubitz) und seinen Gitarristen (Ross Bellenoit) in düstere Soundlandschaften schickt und pessimistische Botschaften aussendet: „There is no hope in this shadowland“.

Da Parsons mittlerweile seinen Hauptwohnsitz in Deutschland hat, ist es nicht verwunderlich, dass die Songs auch in zwei norddeutschen Studios produziert wurden. Dennoch ist der Geist von Americana, von US-Folk und Roots-Rock unverkennbar. Wer Joseph Parsons mit seinem leider nur sehr selten sich findenden Quartett „Hardpan“ gehört hat, weiß, dass die Vergleiche mit Crosby, Stills, Nash & Young nicht übertrieben sind. Parsons wirkt wie eine Art Querschnitt aus diesen vier früheren US-Superstars, muss sich aber sein Geld mit regelmäßigem Touren auf kleinen Bühnen verdienen.

 

https://www.josephparsons.com/


Colin Linden: Rich In Love      ****

Stony Plain Records (CAN 2015)

Produced by Colin Linden

12 Tracks - 52:05 Min.

 

Um den 1960 in Kanada geborenen Colin Linden dem geneigten Hörer vorzustellen, bedarf es einer gewissen Portion namedropping: The Band, Bruce Cockburn, Blue Rodeo, Blackie & The Rodeo Kings, Lucinda Williams, Kevin Gordon, Emmylou Harris, Bob Dylan, Robert Plant, Alison Krauss , T Bone Burnett - das sind alles weitaus bekanntere Namen, mit denen er als Live-Musiker, Studiomusiker, Produzent oder Co-Komponist verbunden war. Daneben brachte er als eigenständiger Solist seit den 80er Jahren mittlerweile zwölf eigene Alben auf den Markt; „Rich In Love“ ist vorläufig sein letztes Werk. Und da kann er mit seiner Rhythmusgruppe, bestehend aus John Dymond (b) und Gary Craig (dr) - zusammen nennen sie sich schön selbstironisch „The Rotting Matadors“ - genau das machen, was den Kern seiner musikalischen Lebens bildet. Melodiöser, ländlicher Country-Blues, mal im rockigen elektrifizierten Gewand, mal mit akustischen Instrumenten im Vordergrund (Ukulele, Mandoline). Die zwölf Eigenkompositionen wurden in Nashville aufgenommen, distanzieren sich aber unüberhörbar vom Mainstream-Country dieser Musik-Metropole. Wenn dann noch Charlie Musselwhite zweimal seine Mundharmonika auspackt und Amy Helm klare Gesangsharmonien beisteuert, fühlt man sich eher in eine Scheune bei Woodstock/New York oder in einen Roots-Club in Austin/Texas versetzt. Besondere Anspieltipps sind der Titelsong „Rich In Love“, die bewegende Blues-Ballade „Delia Come For Me“ und die nachvollziehbare Lebensweisheit „No More Cheap Wine“.

 

http://www.colinlinden.com/


Rosanne Cash: She Remembers Everything     ****

Blue Note Records (USA 2018)

Produced by John Leventhal & Tucker Martine

10 Tracks - 38:36 Min.

 

Es sollte nicht als unhöflich verstanden werden, wenn man darauf hinweist, dass Rosanne Cash mittlerweile 63 Jahre alt geworden ist. Denn ihr neues Album verbindet Altersweisheit, Rückblick und Ausblick in einer gereiften poetischen und musikalischen Form. Sie ist gleichzeitig eine differenzierte Beobachterin der heutigen amerikanischen Gesellschaft und eine sensible Erzählerin persönlicher Befindlichkeiten. Sie thematisiert den schizophrenen Umgang mit Waffengesetzen („8 Gods Of Harlem“) ebenso wie die Untiefen der MeToo-Debatte („She Remembers Everything“). Sie beschreibt aber auch das Schlachtfeld der Zweisamkeit („The Only Thing Worth Fighting For“), die Ablösung der Wahrheiten früherer Generationen („The Undiscovered Country“) und die Endlichkeit der irdischen Lebensfreuden („Not Many Miles to Go“). War ihre letzte CD („The River And The Thread“) noch ein echtes Roots-Album im doppelten Wortsinn, so bewegt sie sich musikalisch nun auf einem ambitionierten Country-Pop-Feld und erinnert in vielen Songs an den Jackson Browne der 80er und 90er Jahre - sowie an dessen Alterswerk „Time The Conqueror“.

Außergewöhnlich ist die Tatsache, dass die eine Hälfte der Songs zusammen mit Ehemann John Leventhal in New York aufgenommen wurden, die andere Hälfte aber mit dem jungen Produzenten Tucker Martine in Portland/Oregon. Die Unterschiede sind dank der außergewöhnlichen stimmlichen Präsenz von Rosanne Cash kaum zu erkennen; dennoch hat die eine Song-Gruppe mehr Band-Charakter (mit dem brillanten Tim Young an der Gitarre), die andere mehr die Atmosphäre eines Leventhal-Homerecordings.

Bemerkenswert ist auch, dass Rosanne Cash immer wieder die kreative Begegnung mit anderen Künstlern sucht. Hier ist es zum einen das Songwriter-Team T-Bone Burnett & Lera Lynn, zum anderen sind es die musikalischen Freunde Kris Kristofferson, Elvis Costello und der Decemberist-Sänger Colin Meloy. Leider gibt es wieder die fragwürdige Produkt-Diversität mit einer Normal- und einer Deluxe-Ausgabe. Letztere hat drei Songs mehr im Gepäck.

 

https://www.rosannecash.com/


ESOEBO: IV      ****

Knot Reel Records (USA 2018)

Produced by Phil Madeira

10 Tracks - 35:18 Min.

 

Ein komischer Name! Man denkt an eine portugiesische Fußballlegende oder an ein pflanzliches Abführmittel. Weit gefehlt: Hinter dem Label ESOEBO verbirgt sich das musikalische Projekt von Chuck McDowell (voc, g) und Gail Burnett (voc, cello) aus Atlanta und das leicht rätselhafte Motto „Eclectic Selections Of Everything But Opera“. Ganz so eklektisch ist die CD Nummer Vier (= das dritte Studio-Album) aber gar nicht, vielmehr ist durch die Mitwirkung von Phil Madeira und der Begleitband von Emmylou Harris (Red Dirt Boys) eine schwungvolle Sammlung von Country-Rock-Nummern entstanden, die ein Spektrum von Alan Jackson über Lyle Lovett bis Jon Pousette-Dart abdecken. Chuck McDowell präsentiert sich als origineller Songwriter mit feiner Ironie und dem Gefühl für interessante Stories. Gail Burnett muss sich mit der Rolle der Background-Sängerin und Background-Cellistin begnügen. Anspieltipps sind das leicht bluesige „Hardwired For Trouble“, das country-romantische „Blue Moon“ und das schwungvolle „A Little Bit Like Saint Paul“. Nostalgischer Höhepunkt ist das postmaterialistische „For The Money“, bei dem der legendäre Commander-Cody-Gitarrist Bill Kirchen seine Gitarre auspackt. Nach solch animierenden Songs kann man Chuck McDowell verzeihen, das er uns zum Abschluss als Laienprediger in die Kirche führt und verspricht: „There comes a time where you suffer no more“.

 

https://www.esoebo.com/

http://www.chuckmcdowellmusic.com/music



Ry Cooder: The Prodigal Son    ****

Fantasy (USA 2018)

Produced by Ry Cooder & Joachim Cooder

11 Tracks - 49:57 Min.

Phil Cook: People Are My Drug ***

Thirty Tigers (USA 2018)

Produced by Brad Cook

9 Tracks - 36:29 Min.



Für alle, die in der letzten Zeit selten oder gar nicht den sonntäglichen Gottesdienst besucht haben, gibt es jetzt eine Möglichkeit der häuslichen Nacharbeit. Zwei CDs, die ganz stark in der amerikanischen Gospel-Tradition verankert sind, die aber jeweils einen ganz besonderen Zugang zu religiösen Themen beinhalten.

Bei Ry Cooder (71) ist es zunächst die Freude an den melodiösen Grundstrukturen der Songs von Willie Johnson, Roosevelt Graves und Carter Stanley, dazu aber auch eine gewisse Alterssehnsucht nach Geborgenheit, Friede und humanistischer Orientierung in aufgewühlten Zeiten. Doch keine Sorge: Cooder ist nicht irgendeinem Sekten-Guru auf den Leim gegangen, sondern hat sich seine dezidiert politische Einstellung und seine ironisch Distanz erhalten. Ein Song wie „Everybody Ought To Treat A Stranger Right“ ist auch ein klarer Kommentar zu einer der beherrschenden Fragen des 21. Jahrhunderts. „Shrinking Man“ und „Gentrification“ sind (selbst)-ironisch-distanzierte Anmerkungen zu persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen, „You Must Unload“ ist eine deftige Kritik am Christian Business in den USA und „Jesus And Woody“ ist ein nostalgischer Rückblick auf die pazifistisch-linke Ausrichtung der Folkmusik. Zusammengehalten wird das Album aber durch die positiven Botschaften von „Straight Street“ und „Harbor Of Love“. Musikalisch bleibt Ryland Cooder der zielsichere Goldgräber nach den Wurzeln der amerikanischen Musik, lässt sich aber von seinem Sohn Joachim Cooder ein sehr modernes Sound-Ambiente schneidern. Fazit: Der verlorene Sohn tritt zögernd vor den Altar des Herrn, will aber seine Neigung zum lauten, rauchigen Honkytonk nicht ausblenden.

Etwas anders gelagert ist die musikalische Botschaft von Phil Cook: aus seiner Zusammenarbeit mit Mavis Staples, Amy Ray und den Blind Boys Of Alabama ist eine Aufmerksamkeit für den ekstatischen Gospel-Song entstanden: repetitiver Charakter, treibender Beat, hoher Grad an Emotionalität. In diesem Stil verpackt Cook seine Message: die Gemeinschaft ist die größte Kraft, die einen voran bringt, nicht Waffen, nicht Drogen, nicht Hass-Ideologien. Wenn dein Haus brennt, ist Liebe das, was du retten musst! Besonders in dem Song „Another Mother’s Son“ kommt diese Einstellung zum Tragen und liefert auch einen aktuellen Beitrag zum gespaltenen Heimatland. Wer sich auf diese Gefühlebene einlässt kann mit Phil Cook, seinen Musikern der Guitarheels sowie den energetischen Stimmen von Tamisha Waden und Amelia Meath eine fast rauschhafte Dreiviertelstunde erleben.

 

http://philcookmusic.com/

http://rycooder.com/


Bob Rea: Southbound     ****

Shiny Dime Records (USA 2018)

Produced by Steve Daly

13 Songs - 50:23 Min.

 

Eigentlich ist der klassische Singer/Songwriter ausgestorben. Natürlich gibt es noch einige Unentwegte, die diese Stilart am Leben erhalten, aber die meisten sind in Richtung Americana abgeschwenkt oder rocken lieber kräftig. Vorhang auf für Bob Rea, der irgendwann entdeckte, dass seine große Liebe die Musik ist und deswegen seine alten Berufe wie Rancher oder Erbauer von Holzhütten an den Nagel hängte. Man kann nicht behaupten, dass das eine rationale Entscheidung war, denn reicher ist er dadurch sicherlich nicht geworden, aber musikalisch gesehen war es ein absolut korrekter Entschluss.

 Nimmt man seine mittlerweile dritte CD (innerhalb von 15 Jahren!) mit dem Titel „Southbound“ her, die auf einem Kleinstlabel (seinem eigenen?) erschienen ist, stellt dieser 59-jährige derzeit in Nashville lebende Sänger, Songschreiber und Gitarrist eines der Ausnahmetalente dar, die genau die Inhalte in ihrer Musik vorweisen, die zu einer guten Singer/Songwriter-Produktion gehören: Die persönlichen Erlebnisse (am ergreifendsten in Vietnam), die introspektiven Stücke und die Impressionen, die das Leben als Musiker so mit sich bringt - alles das findet sich hier. Doch das ist nur der Anfang. Denn was Rea vor allem neben seiner beeindruckenden Stimme besitzt, ist das Gefühl für die Sehnsucht und Wehmut in der Musik. Wenn er von seinem Freund singt, der in Vietnam starb, nur weil er die falsche Nummer bei der Einzugs-Lotterie zog - und Rea nicht - oder von Erlebnissen unterwegs erzählt - „Screw Cincinatti“, der Titelsong oder „Soldier On“ - immer teilen die Musik und die Texte etwas mit. Dazu kommt die Musik zwischen Country und Rock. Fantastisch!

Gastkommentar von mvr

www.bobreamusic.com


Taivi: Rising Tide        ***

Duck Lake Music (CAN 2017)

Produced by Taivi

13 Tracks - 44:15 Min.

 

Wenn eine Künstlerin sich Taivi nennt und auf dem Cover mit vielem blauem Wasser daherkommt, ist zunächst Vorsicht angesagt. Es droht Meditations-Sauna-Fahrstuhl-Lounge-Musik im Enja-Gefolge mit peruanischen Panflöten und australischen Didgeridoos. Doch weit gefehlt: Die Singer/Songwriterin aus Toronto/Canada präsentiert mit „Rising Tide“ eine durchaus anhörbare CD mit flotten Newgrass-Songs, die manchmal an das poppige Flair der Dixie Chicks andocken. Wer dann die Rückseite des Booklets mit allen Lyrics anschaut, weiß in welche Richtung man denken muss: akustischer Folk-Sound mit Gitarre und Mandoline. Die CD ist stark beeinflusst von der Bluegrass-Veteranin Claire Lynch, die Taivi für die Aufnahmen ihre Begleitband ausgeliehen hat. Besonders Bryan McDowell liefert an der Gitarre, an der Fiddle, an der Mandoline und an der Ukulele beachtliche Klangfarben ab. In ihren Songs erzählt Taivi von Landschaften, Liebe und Lebensweisheiten, dazu platziert sie eine Hommage an Pete Seeger („The Clearwater“): „freest man I’ve ever seen“. Auf jeden Fall ist Taivi eine interessante Stimme im weiten Feld der Folk-Pop-Damen!

 

https://www.taivimusic.com/


Lloyd Green & Jay Dee Maness:

Journey To The Beginning        ***

Handdrawn Records (USA 2018)

Produced by John Macy

12 Tracks - 35:14 Min.

Joe Goldmark: Blue Steel       **

Lo-Ball Records (USA 2018)

Produced by Joe Goldmark

13 Tracks - 41:14 Min.



Ein 50jähriges Jubiläum, darf man natürlich feiern, besonders wenn es um ein musikalisches Ereignis handelt, das im Jahr 1968 ein neues Genre einläutete. Die Byrds ließen sich von Gram Parsons für Country Music begeistern und strickten mit „Sweetheart Of The Rodeo“ ein legendäres Fusion-Produkt. Hauptverantwortlich für den neuen Sound waren neben den damaligen Bandmitgliedern Roger McGuinn, Chris Hillman, Gram Parsons und Kevin Kelley die nach Nashville einbestellten Studiomusiker Lloyd Green und Jay Dee Maness, beides Meister der Pedal Steel Gitarre. Die Erinnerungs-CD zeigt nun diese beiden gealterten, aber musikalisch noch agilen Herren als historische Schatzsucher, die alle zehn Songs der Original-CD als Instrumentals darbieten. Ob man allerdings nicht besser eine Deluxe-Edition der Byrds-CD mit einigen gescheiten Worten zu der Entwicklung dieses Genres veröffentlicht hätte, darf in Kreisen der Kenner diskutiert werden. Für Nostalgiker ist immerhin ein ‚Bonus-Track herausgesprungen: zum Abschluss gibt es eine Supergroup-Version von „You Ain’t Going Nowhere mit Gesangsbeiträgen von Herb Pedersen, Jeff Hanna und Richie Furay! Da bietet es sich fast an die Tracks 1 - 11 zu überspringen und Track 12 auf Dauer-Repeat zu stellen!

 

https://www.jaydeemaness.com/

http://www.handdrawnrecords.com/tribute-to-legendary-sweetheart-of-the-rodeo-50th-anniversary-rsd2018/

 

Diese Ansammlung von Songs braucht nun wirklich keiner. Dass man das Instrument auch in anderen Stilrichtungen einsetzen kann, mag interessant sein, ist aber letztlich nur nervig. Eine CD nur für eisenharte Fans von Herrn Goldmark, die sich den Nachmittagsschlaf veredeln wollen. Mit Cover-Songs von Rufus Thomas, Jeff Lynne, Graham Parker, Bob Marley und B.B. King. Dazu Instrumental der Kategorie „Easy Learning Pedal Steel“. Nicht alles was glänzt, ist Gold-Mark!

 

http://www.joegoldmark.com/


Brooks Williams: Lucky Star ***

Red Guitar Blue Music RGBM 18901 (USA 2018)

Produced by Brooks Williams

14 Tracks - 48:31 Min.

 

Brooks Williams ist ein Pendler zwischen der alten und der neuen Welt. Geboren in Georgia lebt er derzeit in Cambridge (England). Seine musikalischen Wurzeln liegen aber eindeutig im amerikanischen Country Blues, dessen Traditionen er mit eigenen Songs und mit ausgewählten Cover-Versionen weiterleben lässt. Sein bevorzugtes Werkzeug ist die akustische Gitarre (genau: eine Atkins „Forty Three“) und die Resonator Gitarre (Dobro; genau: eine National Guitar „Estralita“), die er mit filigranem Fingerpicking und atmosphärischem Slide bearbeitet. Für seine aktuelle CD hat er sich Kevin McGuire und Stuart Brown als Rhythmusgruppe ins schottische Studio geholt und mit ihnen in drei Tagen voller Live-Feeling 12 Songs eingespielt. Das Endprodukt klingt ein bisschen nach Geoff Muldaur oder John Hammond oder Billy Goodman oder … Wer schon 28 Tonträger (Live-CDs und EPs mitgerechnet!) abgeliefert hat, weiß was er tut, und will das Rad nicht neu erfinden. Somit sind auch bei Lucky Star keine Überraschungen zu erwarten, die Version von Walter Hyatts „Going To New Orleans“ schließt den Hauptteil des Albums ab. Als Zugabe gibt’s dann aber noch zwei Duette mit Hans Thessink, die in Wien aufgenommen wurden: „Rock Me“ von Thomas Dorsey, das Sister Rosetta Thorpe (die Patin des Rock & Roll) berühmt gemacht hat, und „Gambling Man“, ein Alltime-Klassiker aus der Feder von Williams selbst. Fazit: Das ist Musik, die in kleinen Clubs ihre volle Wirkung entfaltet, wenn man dem Protagonisten auf die Finger schauen und bedächtig den Kopf wippen kann: steady rolling blues!

 

https://brookswilliams.com/home


Blue Yonder: Rough And Ready Heart     **

New Song Recordings (USA 2018)

Produced by Gar Ragland

12 Tracks - 38:52 Min.

 

Fast jeden Dienstagabend trifft sich in der Bluegrass Kitchen in Charleston (West Virginia) eine treue Fangemeinde zu einem acoustic honky-tonk Tuesday und lauscht den Songs des Trios Blue Yonder. Der Kopf dieser Formation ist der Songwriter und Sänger John Lilly, ihm zur Seite stehen Robert Shafer mit gepflegten Gitarren-Licks und Will Carter am Kontrabass. Nun ist auch schon die zweite CD erschienen, bei der noch Tony Creasman am Schlagzeug und Russ Hicks an der Pedal Steel Gitarre assistieren. Das Ergebnis der 12 Songs ist allerdings eher enttäuschend: Blue Yonder bieten gefälligen, eher altmodischen Country Sound (mit Anleihen bei Western Swing, Blues und Rockabilly) in einer sehr hausbackenen Machart. Zu gut 80 Prozent hört man mid-tempo Songs, die nach einer schlichten Formel gestrickt sind: Intro - Strophe - Refrain - Gitarren-Solo - Pedal-Steel Solo usw. Das ist eher Musik für ein Kaffeekränzchen im Cowboy-Seniorenheim mit einem höchst überschaubaren Themenspektrum. Dagegen sind (oder waren?) die Bellamy Brothers richtiger Energie- und Kreativ-Bolzen! Wer nach den ersten acht Liedern noch nicht eingenickt ist, wird vielleicht bei „Windswept“ etwas hellhörig und findet das Ende komischerweise spannender als den Anfang. Blue Yonder mag live ganz sympathisch sein, als Studio-Produktion ist es nur ein Erinnerungsstück für eingefleischte Anhänger.

 

http://www.johnlillymusic.com/

https://www.blueyonderhonkytonk.com/

https://newsongrecordings.com/


I See Hawks In L.A.: Live And Never Learn   *****

Western Seeds Record Company (USA 2018)

Produced by Paul Lacques & Rob Waller

14 Tracks - 56:42 Min.

 

Es war das dramatische Datum Nine-Eleven 2001, als nicht nur die Türme des World Trade Center einstürzten sondern auch die Band I See Hawks In L.A. ihr erstes Album veröffentlichte - wobei aber das Ereignis in New York deutlich mehr Aufmerksamkeit auf sich zog. Weil wir hier aber eine Musik-Publikation sind, haben wir den musikalischen Output der Band seitdem aufmerksam verfolgt und können feststellen, dass ihr soeben erschienenes siebtes Album „Live And Never Learn“ ein weiterer Höhepunkt ihrer Karriere sein sollte. Das kalifornische Songwriter-Duo Paul Lacques und Rob Waller hat den Bassisten Paul Marshall und mittlerweile die Schlagzeugerin Victoria Jacobs an ihrer Seite, und aus dieser Kooperation sind 14 ansehnliche neue Songs entstanden, die den Bogen von akustischem Folk-Rock a la Beyond Reach (die Nachlassverwalter der Ozark Mountain Daredevils!) bis zu südkalifornischem Rock im Stile von Warren Zevon spannen. Typisch für die Band sind ökologische Themen („Planet Earth“, „Ballad For The Trees“), die abgeklärte Auseinandersetzung mit Rauschmitteln („Poour Me“, „Stoned with Melissa“) und erfahrene Lebensweisheiten („Live And Never Learn“, „Spinning“). Die Brandkatastrophen in Südkalifornien finden ihren Niederschlag in dem Song „Last Man In Tujunga“, wo der Erzähler seine Ex am Telefon hat, während die Flammen schon fast an seinem Haus züngeln („I’m losing you like all the others / But that’s no change in my luck“). Diese abgeklärte Mischung aus Ironie und Humanität macht die Hawks zu einer legendären Institution des Laurel Canyon Country-Rocks, die man gerne auch einmal live auf dem europäischen Kontinent hören würde.

 

http://www.iseehawks.com/


Craig Bickhardt: Home For The Harvest    ****

Stone Barn Records (USA 2018)

Produced by Craig Bickhardt

12 Tracks - 43:53 Min.

 

Craig Bickhardt hat in seiner langen Karriere schon so allerlei erlebt. Er sollte sogar zusammen mit Thom Schuyler und Fred Knobloch zu einer Country-Pop-Star-Band („SKB”) aufgeplustert werden. Doch 2006 verließ er Nashville, das er heute als „Mekka der Mittelmäßigkeit” bezeichnet, und geht seitdem unbeirrt seinen musikalischen Weg als einfühlsamer Songwriter, als hervorragender Sänger (der keinen Pitch Tuner braucht) und als virtuoser Saitenspinner.

Auf der aktuellen CD hat er 12 Eigenkompositionen versammelt (einige davon in Zusammenarbeit mit Barry Alfonso, Nathan Bell, F. C. Collins und Thom Schuyler), die als zurückhaltende, rein akustische No-Drums-Arrangements eingespielt wurden. Die Basis liefert Bickhardt mit Stimme, Gitarren, Mandoline und Bass, bei einigen Songs setzen Gäste (z. B. auch seine Tochter Aislinn) ein paar Akzente. Die Songs haben so einen fast schon traditionellen Folk-Charakter, sie erinnern an Gordon Lightfoot, Dan Fogelberg (ohne üppige Begleitung), Shawn Colvin oder John Prine. Vielleicht hätten ein paar mehr Uptempo-Nummern - wie z. B. „Racing The Bullet” - dem Album noch etwas Kick gegeben; so ist es eher Musik für die Hängematte und für den Schaukelstuhl auf der Terrasse. Bei den Lyrics vermeidet Bickhardt jegliche Provokation oder politische Botschaft, er ist ein genauer Beobachter von Landschaften, Menschen, Beziehungs-Kisten - und neuerdings auch von Problemen des Alters, die der 64jährige wohl gut nachvollziehen kann („Old Maid’s Man”, „One Little Light”). Meine persönlichen Anspieltipps sind „Chesapeake Bay”, der Titelsong „Home For The Harvest” und das oben genannte „Racing The Bullet”, das auch einem Amos Lee gut zu Gesicht stehen würde. In einer Zeit voll grellem Haschen nach Aufmerksamkeit ist die etwas altmodische Kommunikationsweise von Craig Bickhardt sehr beeindruckend.

 

http://www.craigbickhardt.com/news.html


Gerry Spehar: Anger Management      ****

Self-Released (USA 2018)

Produced by Paul Lacques & Gerry Spehar

12 Tracks - 49:18 Min.

 

Man kann nur spekulieren, was passiert wäre, wenn Gerry Spehar zwischen 1986 und 2016 nicht eine dreißigjährige Pause als hauptberuflicher Musiker eingelegt hätte. Jedenfalls ist er jetzt mit erstaunlicher kreativer Power wieder auf der Szene zurück und legt schon seine zweite CD (nach „I Hold Gravity“) vor. Das neue Album hat er gemeinsam mit Paul Lacques (von „I See Hawks In L.A.“) produziert und man merkt schnell, dass hier ein amerikanischer Wutbürger viel angestauten Zorn loswerden will. So ist „Anger Management“ eine echte Kollektion von Protestsongs geworden, die in der demokratisch-sozialistisch-pazifistischen Tradition von Woody Guthrie stehen. Auf dem Cover steht praktisch als Warnhinweis (wie bei Zigaretten), dass es sich um harte Aussagen handelt, die manchem weh tun sollen. Dass dabei der musikalische Gehalt nicht zu kurz kommt, ist die Leistung von Spehar und seinen Begleit-Aktivisten.

Hauptobjekt von Spehars Wut ist nicht ganz überraschend der neue US-Präsident Trump, der gleich in drei Songs sein Fett abbekommt. Bei „Bitch Heaven“ wird ein ganz und gar einseitiger Vergleich zwischen Donald Trumps Vater Fred C. Trump und Woody Guthrie gezogen. Old Man Trump war 1952 Vermieter für Guthries Familie und sorgte mit einer Baumaßnahme in Brooklyn für eines der ersten rassengetrennten Immobilien-Projekte („Beach Haven“). Der Song endet mit der plakativen Textzeile „This land is our land / it ain’t Old Trump’s land“. Auch zur aktuellen MeToo-Debatte hat Spehar einen satirischen Text bereit: „I got the freedom to grab whatever I want / cause the President says it is OK“. Weitere Themen von Gerry Spehar sind Immigration, das Schicksal von Kriegsveteranen, die durch unterirdische Atomraketen zerstörte Landschaft des Südwestens und die immer wieder aktuellen Fragen “What Would Jesus Do?” beziehungsweise „Pearl Harbour, what were you for?“

Musikalisch erinnert das Album an den Westcoast-Blues-Rock des frühen Stephen Stills, an manche schräge Melodieführungen bei Tom Waits oder an den TexMex-Wüstenrock von Calexiko. Zweierlei ist Gerry Spehar jedenfalls nicht: langweilig und unpolitisch. Er sollte als verrenteter Ex-Banker noch länger ein kritischer musikalischer Begleiter der amerikanischen Lebenswelt bleiben.

 

https://www.gerryspehar.com/


Thomm Jutz: Crazy If You Let It      ****

Mountain Fever Records (USA 2017)

Produced by Thomm Jutz

12 Tracks - 40:15 Min.

 

Das nenne ich gelungene Integration: da kommt ein Deutscher vor ca. 15 Jahren nach USA, siedelt sich in Nashville an und saugt die amerikanische Roots-Musik derartig in sich auf, dass er heute ein gefragter Produzent in der Country-Metropole ist und nun ein Bluegrass-Album vorlegt, das den Vergleich mit den großen Namen (z. B. Seldom Scene) nicht zu scheuen braucht. Dazu sagte Jutz vor einiger Zeit: „Ich bin definitiv nicht in dieser musikalischen Kultur aufgewachsen, aber es ist jetzt die Musik, die mir richtig ans Herz gewachsen ist, schon immer hatte die Musik, die ich gemacht habe, einen eher akustischen Charakter“. Zwei Dinge machen das Album außergewöhnlich: zum einen die Virtuosität der einzelnen Musiker mit Bandleader Thomm Jutz an der akustischen Gitarre, mit Sierra Hull an der Mandoline, mit Justin Moses an Banjo und Dobro und mit Andrea Zonn an der Fiddle. Zum anderen die positive Grundstimmung, die besonders im Titelsong ihren Ausdruck findet. Auch der Gesang von Thomm Jutz hat ein beachtliches Niveau erreicht, besonders wenn er durch die Harmony vocals von Andrea Zonn, Tammy Rogers, Peter Cooper oder Eric Brace unterstützt wird. Viele der Songs sind bei einer Art Samstag-Vormittag-Stammtisch entstanden, wo sich Thomm Jutz und Milan Miller entspannt zusammensetzen und ihren Ideen freien Lauf lassen. Stilistisch entfaltet sich eine Bandbreite von traditionellem Bluegrass über irischen Folk („The Road to Galway“) bis zu leicht poppig klingendem Newgrass („Sometimes What Glitters Is Gold“). Inhaltlich befasst sich Jutz mit Naturbeobachtungen, Eisenbahnen und nachdenkenswerten Lebensweisheiten. Natürlich ist das Nischenmusik, aber hörenswert für jeden, der noch nicht vom Format-Radio verdorben ist!

 

https://mountainfever.com/featured/crazy-if-you-let-it-new-album-from-thomm-jutz/


Bob Seger: I Knew You When    ****

Capitol Records (USA 2017)

Produced by Bob Seger

13 Tracks - 51: 39 Min.

 

Wenn dereinst vor dem JMG (jeder weiß: das Jüngste Musikalische Gericht) entschieden wird, wer die entscheidenden Beiträge zum American Mainstream Rock geleistet hat, wird neben Bruce Springsteen, John Mellencamp und Tom Petty auch Bob Seger aus der Auswahlliste stehen. Und als wolle er seine Nominierungschancen nochmal kräftig erhöhen hat Seger nach einer sehr durchwachsenen Periode von 1990 bis 2010 in jüngster Zeit zwei CDs auf den Markt geworfen: nach „Ride Out“ (2014) nun also „I Knew You When“.

Beide Alben sind kräftige Lebenszeichen des nunmehr 73jährigen, der allerdings seinem etwa fünfzigjährigen Musikerleben derzeit Tribut zollen muss: nach einer Bandscheibenoperation ist er noch unfähig, seine rapide unterbrochene 2017-Tour fortzusetzen. Begnügen wir uns also mit der neuen CD, die als Studio-Produktion Nr. 18 (sein Debüt „Ramblin‘ Gamblin‘ Man“ wurde 1969 veröffentlicht) gezählt werden kann. Die ersten vier Songs donnern mit einer enormen Frische und stimmlich unverbraucht aus den Boxen, dass man am liebsten danach auf Repeat stellen würde und mit einer EP-Länge zufrieden wäre. Doch auch der Rest (insgesamt 10 Songs, bei der Deluxe-Edition sogar 13) hält weitgehend das Niveau. Seinem Alter entsprechend muss sich Bob Seger auch mit dem Tod befassen, er widmet die CD seinem alten Kumpel Glenn Frey und hat für ihn zwei anrührende Songs komponiert: „I Know You When“, das stark an den Klassiker „Against The Wind“ erinnert, und „Glenn Song“. In einem Interview erläutert Seger: „Glenn war mein ältester Freund in der Musik. Wir trafen uns 1966 und waren zwei junge Idioten, die die Welt erobern wollten. Doch in den vielen Jahren danach war er der am meisten positive Einfluss auf mein Leben!“ Mit zwei Coverversionen leistet Seger eine Hommage an die ebenfalls verblichenen Lou Reed und Leonard Cohen: Reeds „Busload Of Faith“ wird zum bissigen Kommentar auf die neue Trump-Ära mit zwei neuen Textzeilen („You can’t depend on the president / Unless there’s a real estate you want to buy“) und Cohens „Democracy“ wird zur Klage über ein großes Land, das sich auf einen unberechenbaren Weg gemacht hat. Dazu hätte Bob Seger gerne noch je einen Song von Tom Petty und von Gregg Allman auf die CD gebracht, doch der Platz reichte nicht aus. Fazit: der Mann aus Michigan hat ein Statement von Bob Dylan eindrucksvoll bestätigt: er ist nicht der Bruce Springsteen für Arme, sondern Bruce ist der Bob Seger für Reiche! Hoffen wir also, dass er nach einer Phase der Erholung noch einmal richtig Gas geben kann.

 

http://www.bobseger.com/home


John Mayer: The Search For Everything   ***

Columbia (USA 2017)

Produced by John Mayer & Chad Franscoviak

12 Tracks - 44:18 Min.

 

Er war mal everybody’s darling, ein heißer Tipp der Musikszene, der alles konnte vom Blues bis zum radiotauglichen Country-Pop, dann war er Kate Perry’s darling und damit für eine geraume Zeit das Objekt der yellow press und nun ist er plötzlich nobody’s darling, weil alle an ihm etwas herumzunörgeln haben. Die Rede ist von John Mayer, der mit seinem neuen Album „The Search For Everything  - Part 1“ - nach gängiger Zählung seine neunte Studio-CD - irgendwie in alle herumstehenden Fettnäpfchen getreten ist und mit seinem glatten Stilmix alle Zuhörer die Stirn runzeln lässt. Es ist schon mutig, mit einer genialen Hommage an Hall & Oates („Still Feel Like Your Man“) einzusteigen, dann einmal mit links den Blues-Rock von Eric Clapton vorzuführen („Helpless“) um schließlich beim flockigen Laurel Canyon Country Pop zu landen („Roll It On Home“) und die CD mit einer Klage, die melodisch an „Desperado“ von den Eagles erinnert, aber nie deren drama nachvollziehen kann, zu beenden („You’re Gonna Live Forever In Me“). Musikalisch gibt es an dem revitalisierten John Mayer Trio - im wesentlichen gestaltet er die Songs mit der Rhythmus-Sektion Steve Jordan (dr) und Pino Palladino (b) - nichts zu mäkeln, aber weil alles so glatt poliert ist und keine Widerhaken im Arrangement zu finden sind, könnte man die zwölf Titel glatt als Hintergrund-Beschallung einer Mall verwenden. Vielleicht hätte John Mayer einfach mal seinen Beziehungsschmerz in der Versenkung verschwinden lassen und sich stattdessen auf seine unbestrittenen instrumentellen, kompositorischen und gesanglichen Talente rückbesinnen sollen. Wo er doch selber beteuert: „I may be old and I may be young / but I’m not done changing“.

 

http://johnmayer.com/


Eric Brace, Peter Cooper & Thomm Jutz:

Profiles In Courage, Frailty & Discomfort ****

Red Beet Records RBRCD0022 (USA 2017)

Produced by Eric Brace, Peter Cooper and Thomm Jutz

14 Tracks - 50:58 Min.

 

Das Konzept dieser Produktion ist einfach zu erklären: drei Songwriter, drei Stimmen, drei akustische Gitarren. Das Besondere liegt aber in der Kombination, einer unzweifelhaften Win-Win-Win-Situation: Eric Brace ist der Mann mit der markanten Stimme und gleichzeitig der Besitzer einer Plattenfirma (Red Beet); Peter Cooper ist der Mann für die hohen Harmonien und gleichzeitig ein kenntnisreicher Historiker der Country Music; Thomm Jutz ist der Mann für die ausgefeilten Gitarren-Solis und gleichzeitig der Chef eines mittlerweile sehr renommierten Tonstudios in Nashville (TJ Tunes).

Wer die drei auf ihrer Europa-Tournee 2016 erlebt hat, konnte schon die besondere Magie ihres Zusammenspiels erkennen, doch die CD bringt nun die Chance diesen Eindruck festzuhalten und immer wieder abzurufen. Brace, Cooper & Jutz haben 14 eigene Songs in ein filigranes Country/Folk-Arrangement gepackt und erzählen damit in der großen Tradition des Storytelling von Tom T. Hall und des schwungvollen Newgrass von Seldom Scene über vergangene Heroen und Leitthemen der Country Music wie auch über literarische Erlebnisse und heutige - eher alltägliche - Befindlichkeiten. Das Trio führt uns ans Grab von Johnny Cash („Hendersonville“) und Paul Buskirk („Parkersburg Blues“), zum Haus von Jerry Lee Lewis („Uneasy Does It“) und John Hartford („Hartford’s Bend“), in die Gedankenwelt von Willie Nelson („Lonesome And Alone“) und in die Gitarren- und Mandolinenwerkstatt von Hugh Hansen (der alte Martin-Hölzer wieder zum Singen bringen kann, was bei Menschen gar nicht so einfach ist!) und zu besonderen Orten wie dem verschwundenen Jefferson Hafen („Little Old Town“), der verschlungenen Dismal Hollow Road („My Sally“) und auch auf den Mond („Tranquility Base“).

Die Texte atmen alle eine gute Mischung aus Nostalgie (zum Beispiel bei dem Train Song über die Baltimore & Ohio Railroad Company) und leiser Ironie - leider ist aber kein Lyric Sheet enthalten. Dennoch merkt man der ganzen CD ein liebevolles Handwerk und ein künstlerisches Ethos an, das in der schnelllebigen Szene (besonders auch in Nashville!) selten zu finden ist.

 

http://redbeetrecords.com/eric-brace-peter-cooper-thomm-jutz


The Band Of Heathens: Duende     ****

BOH Records / Blue Rose Records BLU DP 0692 (D 2017)

Produced by Jim Vollentine & The Band Of Heathens

10 Tracks - 39:06 Min.

 

Mit ihrem aktuellen Album „Duende” - die Studio-Produktion Nummer 5 - beweist die “Heidenbande” aus Austin, Texas, dass nach zehn Jahren Bandgeschichte ein Schritt zurück manchmal auch ein richtiger Fortschritt sein kann. Waren sie bislang stilistisch korrekt auf den Pfaden des texanischen Americana-Sounds gewandelt - auf ihrer letzten CD „Sunday Morning Record“ sogar mit einem akustisch geprägten Arrangement - , so präsentieren sie nun einen erfrischenden Retro-Stilmix, der klingt, als würden sie in einem Country/Rockpalast der 1970er Jahre auftreten. Die sehr eingängigen und melodiestarken Stücke erinnern an die Keith-Richards-Riffs der Rolling Stones („Trouble Came Early“), an die Travelling Wilburys („Last Minute Man“), an die Hollies („All I’m Asking“), an Canned Heat („Sugar Queen“), an Sly And The Family Stone („Daddy Longlegs“), an die Mavericks („Road Dust Wheels“) oder gar an die legendären New Riders Of The Purple Sage (“Green Grass Of California“). Das hat alles einen ausgesprochen sympathischen Vintage-Charme und neben dem klassischen Rock-Instrumentarium ertönen auch noch ein paar warme, altmodische Keyboard- und Mellotron-Klänge. Dabei haben die beiden Songschreiber Ed Jurdi und Gordy Quist nicht nur im musikalischen Karteikasten gesucht sondern auch als Singer/Songwriter des 21. Jahrhunderts aktuelle Themen aufgegriffen: es geht bei den Lyrics um die Einsamkeit on the road, um die Einsamkeit in den gar nicht so sozialen Netzwerken, um die Sinnlosigkeit der modernen Konsumkultur und um die Einsamkeit der mexikanischen Einwanderer in den USA. Der abschließende Song der CD („Green Grass Of California“) ist keine Hymne auf Westcoast-Schrebergärtner sondern vielmehr ein Bekenntnis zur Legalisierung gewisser rauchbarer Substanzen. Vielleicht erreicht man mit dieser Hilfe auch eher den Status, den der Albumtitel auf Spanisch verlautbart. „Duende“ bedeutet in etwa so viel wie höhere Inspiration, Leidenschaft, ganzheitliche Emotion - und das kann man ab dem dritten Durchhören auch ohne grass bestimmt nachvollziehen.

 

https://www.bandofheathens.com/


Stills & Collins: Everybody Knows      ****

Cleopatra Records CLO 0691 - USA 2017

10 Tracks - 40:52 Min.

Produced by Stephen Stills, Judy Collins, Alan Silverman & Marvin Etzioni

 

Es war einmal vor ziemlich genau 50 Jahren, da begehrte der junge, schöne Stephen Stills die Folk-Prinzessin Judy Collins so sehr, dass er alle Hebel in Bewegung setzte, um in ihrer Nähe zu sein und sie zu erobern. Das gelang auch insoweit, als er im New Yorker Studio an ihrem Album „Who Knows Where The Time Goes“ als Gitarrist mitarbeiten durfte. Seine Liebe ging so weit, dass er sich zusätzlich noch eines Nachts nur mit einem Tontechniker einsperrte und ganz allein die Songs „Suite: Judy Blues Eyes“, „Judy“ und „Helplessly Hoping“ einspielte (nachzuhören auf der 2007 erschienenen CD „Just Roll Tape“). Leider fand die Romanze kein Happy End, da die Folk-Prinzessin damals mit vielerlei Problemen zu kämpfen hatte und zu einer festen Beziehung nicht bereit war. Da weinte der junge, schöne Stephen Stills bitterlich und schrieb drei Jahre später den Song „So Begins The Task“ mit den Zeilen: „And I must learn to live without you now / As I cannot learn to give only part somehow“. Und die Folk-Prinzessin resümierte wieder ein paar Jahre später in dem Lied “Houses”: “’Come’, you say, ‘come with me, I’m going to the castle / And the bells are ringing, the weddings have begun’ / But I can only stand here, I cannot move to follow / I’m burning in the shadow and freezing in the sun”.

Doch genug der traurigen Vergangenheit! 2017 ist Judy Collins keine Prinzessin mehr, sondern eine gereifte Mit-Siebzigerin und Stephen Stills ist auch nicht mehr ganz so jung und schön, hat aber mit der dritten Ehe seinen Beziehungs-Sturm-und-Drang beendet. Beide sind also bereit, ihre neu gefestigte Freundschaft nun auch musikalisch zu dokumentieren und eine CD unter dem sachlichen Namen „Stills & Collins“ zu produzieren. Das Ergebnis kann sich durchaus hören lassen, denn die immer noch engelsgleiche Stimme von Judy Collins harmoniert prächtig mit dem brüchigen Tenor von Stephen Stills. Dazu sorgt die solide Rhythmus-Sektion mit Kevin McCormick (b) und Tony Beard (dr) dafür, dass die Musik nie zu sehr ins ätherische Folk-Fach abdriftet, wenngleich Keyboarder Russell Walden manches von der Schärfe der Stillsschen Blues-Rock-Gitarre übertüncht. Die Songauswahl reflektiert die - oben skizzierte - musikalische Geschichte der beiden Protagonisten, dazu kommen beachtliche Cover-Versionen wie „Girl From The North Country“ (Bob Dylan), „Handle With Care“ (Travelling Wilburys“) und „Reason To Believe“ (Tim Hardin). Höhepunkt ist zweifellos der Titelsong von Leonard Cohen (und Sharon Robinson), der gleichermaßen zeitlos und hochaktuell in einer gepitchten Rock-Version daherkommt: „Everyboy knows that the boat is leaking / Everybody knows that the captain lied“!

Nachdem das Kapitel Crosby, Stills, Nash & Young endgültig geschlossen zu sein scheint, wäre es gar nicht überraschend, wenn man von Stills & Collins - wenn sie denn nicht gestorben sind - noch mehr hören würde; dann aber bitte mit dem Blick nach vorne!

 

https://www.stephenstillsjudycollins.com/


Rick Shea & The Losin’ End: The Town Where I Live    ****

Tres Pescadores Records (USA 2017)

10 Tracks - 41:49 Min.

Produced by Rick Shea

 

Seit gut dreißig Jahren ist Rick Shea als musikalischer Dienstleister in Sachen Country Rock in Südkalifornien unterwegs und dabei dem Motto treu geblieben: besser big in San Bernadino als eine kleine Nummer in Nashville. So legt er nun sein (hoffentlich richtig gezählt) neuntes Studio-Album vor, das wiederum einen feinen Mix aus geradlinigem Country Roots-Rock mit Tex-Mex- und Folk-Blues-Einflüssen enthält.

Im Mittelpunkt steht er zu Recht selber als Komponist von neun der zehn Titel, als markanter Sänger mit dem typischen Country-Kick in der Stimme und als versierter Arbeiter an verschiedenen Saiteninstrumenten (Gitarre, Pedal Steel, Mandoline, Dobro). Unterstützt wurde er im Studio von seiner langjährigen Backing Band „The Losin‘ End“, bestehend aus dem Multiinstrumentalisten Stephen Pratt (keyb, acc, g) und Dave Hall sowie Steve Mugallan als Rhythmusgruppe. Herausgekommen sind schnörkellose Songs, die sich gekonnt zwischen Tradition („The Road To Jericho“) und Moderne bewegen und die immer wieder an John Fogerty, J. J. Cale, Dave Alvin oder Tom Russell erinnern. Der Titelsong erweckt die besondere Stimmung von Peter Bogdanovichs Film-Klassiker „The Last Picture Show“, jenen Small-Town-Blues, den Rick Shea in die Worte fasst: „You‘ll waste your whole life in the ragged old town“. Bei dem schlichten „Starkville Blues“ erinnert man sich an die Harmonien von „Midnight Special“, und bei dem stimmungsvollen Country Blues „Sweet Little Mama“ schimmert „Corinna, Corinna“ durch. Zwei schöne tanzbare, Up-Tempo-Nummern sind „Hold On Jake“ und “(You’re Gonna Miss Me) When I’m Gone“. In dem Song “The Angel Mary and the Rounder Jim” - wohl das Highlight dieser CD - schildert Rick Shea die qualvolle Beziehung zwischen den Country-Folk-Legenden Mary McCaslin (dem Engel) und Jim Ringer (dem Herumtreiber), dazu steuert Claire Holley gefühlvolle Backing Vocals bei. Das einzige Cover ist eine vom Schlagzeug geliftete Version von „I Guess Things Happen That Way“, das vor allem in der Interpretation von Johnny Cash bekannt wurde.

Wenn es Rick Shea doch einmal in Kalifornien zu langweilig wird, sollte er in Old Europa vorbeischauen - herzlich willkommen!

 

https://www.rickshea.com/


Rusty Young: Waitin‘ For The Sun    ***

Blue Élan (USA 2017)

10 Tracks - 36:44 Min.

Produced by Jack Sundrud & Rusty Young

 

Das nennt man dann wohl Rücktritt vom Rücktritt. Vor drei Jahren kündigte Rusty Young das Ende seiner Live-Aktivitäten und damit eigentlich auch das Ende der legendären Band Poco an. Doch weit gefehlt: Von Kirk Pasich, dem Chef des Labels Blue Élan und bekennendem Country-Rock-Nostalgiker, ließ er sich zu einer Solo-Produktion überreden, die er nun zusammen mit seinen Poco-Kollegen auch live promotet. Und für 2018 sind schon wieder diverse Poco-Termine angekündigt!

Wenn man die zehn Titel der CD anhört (alle von Rusty Young komponiert), muss man feststellen, dass sich nicht viel verändert hat: Rusty Young klingt eben wie Poco, allerdings ohne (leider!) Paul Cotton, denn die Mitstreiter der letzten Jahre, Jack Sundrud und Michael Webb sind in die Studioarbeit massiv involviert gewesen. Für zwei Titel hat Young auch die ganz alten Begleiter eingeladen. Richie Furay und Timothy B. Schmit steuern zu „My Friend“, einem wehmütigen Rückblick auf knapp fünfzig Jahre Musik, süffige Background Vocals und Huhhuhs bei. Jim Messina und George Grantham geben bei der Rockabilly-Nummer „Honey Bee“ ihre Visitenkarte ab. Nur zu Paul Cotton - wie schon oben erwähnt - scheint der Draht abgerissen zu sein.

Leider enthält die CD neben vielen ansprechenden Songs im Mittelteil drei Durchhänger: „Sara’s Song“ ist ein schmalziger Beitrag zu Hochzeit der eigenen Tochter mit manieriertem Falsett-Vibrato, die man besser in der Privatschatulle hätte belassen sollen. „Heaven Tonight“ erschöpft sich in viel zu oft gehörten Mainstream-Klischees und das Instrumental „Seasons“ hört sich an wie pure Warteschleifen-Musik. Am stärksten klingt Rusty Young wenn er die Naturbeobachtungen aus seiner Wohnhütte in Missouri zu einem geradlinigen Song fasst. So geschehen und anzuhören bei „Waitin‘ For The Sun“ (mit deutlichem Beatles-Touch!), „Innocent Moon“ und „Gonna‘ Let The Rain“. Ansonsten wagt keiner aus der Ü-60-Fraktion den Verszeilen zu widersprechen: „Here we are / after all these years / still the same / as we were back when“!

 

http://www.rustyyoungmusic.com/


Neil Young & Promise Of The Real : The Visitor     ***

Warner Bros. / Reprise (USA 2017)

10 Tracks - 51:09 Min.

Produced by Neil Young

 

Wenn der Opa weihevoll seine leicht brüchige Stimme erhebt, dann lauschen die Enkel andächtig. So etwa kann man sich die Kommunikationssituation vorstellen, die Neil Young mit seinem rechtzeitig vor Weihnachten erschienenen neuen Album „The Visitor“ konstruiert.

Während seine Ex-Kollegen im konturenlosen Mainstream versumpft sind (Graham Nash), nur noch die Retro-Schiene bedienen (Stephen Stills) oder vokalistisches Kunstgewerbe produzieren (David Crosby), ist Neil Young (72) noch ganz als aufmerksamer Zeitgenosse im Hier und Jetzt unterwegs und öffnet in regelmäßigen Abständen seine musikalische Wundertüte. Er kann es sich leisten, seine Hörer zu verstören, einen sehr bunten Stilmix von verzerrtem Rumpel-Rock bis zu ätherischem Lagerfeuer-Folk zu servieren und mitunter naiv klingende Botschaften zu versenden.

Die CD hat er wieder mit seiner neuen Backing Band „Promise Of The Real“ eingespielt, in der Lukas und Micah Nelson, die Söhne von Country-Legende Willie Nelson, eine neue Musiker-Generation repräsentieren. Am Thema „Trump“ (der Präsident wollte ja Youngs „Rockin‘ In The Free World“ als Wahlkampf-Hymne missbrauchen!) kommt Neil Young natürlich nicht vorbei, im Auftaktsong ‚“Already Great“ erklärt er die Parole „Make America Great Again“ für überflüssig und lässt schließlich im Geist des 68er-Polit-Rock einen Protestanten-Chor gegen die Wagenburg-Mentalität der amerikanischen AltRight-Bewegung skandieren: „No wall, no ban, no fascist USA!“ Umgeben von dem typischen sanft-akustischen Folk-Sound (mit dylanesker Mundharmonika) macht er sich dann Gedanken um die Veränderungen in der Welt („Almost Always“) und vergleicht dabei Trump mit einem Gameshow-Moderator, der als prahlerischer Schaumschläger die Massen verführt.

Grenzwertig wird’s, wenn Young sich an die „Children Of Destiny” - fast im Tonfall der Brechtschen Kinderhymne - wendet und postuliert: „Stand up for what you believe / resist the powers that be / preserve the land and save the seas“. Als bekennender Umwelt-Aktivist, der jeden Parteitag der Grünen rocken könnte, entwickelt er schließlich in der Durchhalte-Botschaft „Stand Tall“ und in dem zehneinhalbminütigen Song „Forever“ seine Visionen einer besseren Welt: „Earth is like a church without a preacher“; aber als unverdrossene Prediger haben wir ja Neil Young - und seinen Freund Al Gore!

Jedenfalls kann der Enkel diese CD getrost dem Opa unter den Christbaum legen, ein gerührtes Lächeln ist sicher: Neil „Forever“ Young!

 

http://www.neilyoung.com/


Jason Isbell and the 400 Unit: The Nashville Sound     *****

Southeastern Records (USA 2017)

10 Tracks - 40:22 Min.

Produced by Dave Cobb

 

Das ist schon kess: da stellt sich Jason Isbell aufrecht und mit geschwellter Brust hin und nennt sein neues Album „The Nashville Sound”. Als ob er dem versammelten Country-Establishment mal zeigen wollte, wie die amerikanische Musik des 21. Jahrhunderts eigentlich gestrickt sein sollte. Und in dem Song „White Man’s World“ gibt er gleich noch eine Erklärung dazu: „Mama wants to change that Nashville sound / but they’re never gonna let her“. Mit der Mama ist sicher Amanada Shires, sein Eheweib und die Mutter seines Kindes, gemeint, die in der - erstmals auf dem Cover genannten - Begleitband „The 400 Unit“ die Fiddle bedient. Es könnte aber auch sein, dass er nur den Namen des RCA-Studios verewigen wollte, in dem er die zehn Songs aufgenommen hat.

Wie auch immer: Jason Isbell hat sich mit seinen letzten drei CDs in die vorderste Linie der American-Roots Music-Künstler katapultiert und bewiesen, dass man auch abseits vom ausgelutschten Nashville-Klischee gute und erfolgreiche Musik machen kann. Mit den ersten sechs Songs steckt er unüberhörbar seinen aktuellen musikalischen Rahmen ab: während bei „Last Of My Kind“ noch der akustische Country-Folk dominiert, wird dann bei „Cumberland Gap“ (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Song von David Rawlings!) harter Power-Country-Rock an die Rampe gefahren. „Tupelo“ ist ein melancholischer Lovesong, der fast als Hommage an Glenn Freys „Lyin‘ Eyes durchgehen könnte. Bei „White Man’s World“ stehen Stones-artige Blues-Riffs im Vordergrund, textlich ist es eine Generalabrechnung mit der Wagenburg-Mentalität der Trump-Wählerschaft. „If We Were Vampires“ ist noch einmal eine Betrachtung der endlichen Zweierbeziehung und mit „Anxiety“ donnert er seine persönlichen Lebensproblem in den Gehörgang des Rezipienten.

Jason Isbells Musik ist endgültig im stilistischen Koordinatensystem zwischen Ryan Adams, Steve Earle und Bruce Springsteen angekommen. Die vergangenen persönlichen Krisen stehen nicht mehr so dominant im Fokus, dafür versucht sich Isbell als kritischer Beobachter der massiven Veränderung im gelobten Land. Er erzählt von den aufgelassenen Kohleminen in Tennessee und von den historischen Verirrungen des weißen Mannes. Damit stellt er sich mit einer gewissen nostalgischen Verklärung in die Tradition der Songwriter des letzten Jahrhunderts und verkörpert Authentizität, Respekt und ehrliche handgemachte Musik. Völlig zu Recht wurde das Album für den Grammy 2018 in der Rubrik Americana / Roots Music nominiert - und hat wohl auch gute Siegchancen!

 

http://www.jasonisbell.com/


Chris Hillman: Bidin‘ My Time    ****

Rounder (USA 2017)

12 Tracks / 33:03 Minuten

Produced by Tom Petty

 

Chris Hillman hat ohne Zweifel den rechten Zeitpunkt abgewartet, die Frage ist nur wofür! Nach 56 Jahren im Musikgeschäft hatte man eher den Eindruck, er wolle sich aus der Szene herausschleichen und nur noch auf dem Schaukelstuhl seine Mandoline zupfen. Auch der Text seines späteren Titelsongs deutet in diese Richtung: “I'm just bidin' my time / It's dust on my saddle it's and clouds in my mind / I'm just bidin' my time / 'till I leave this old city behind“. Doch durch die Überredung seines alten Freundes Herb Pedersen hat er sich noch einmal zu einer CD-Produktion überreden lassen und das nicht zuletzt deswegen, weil der erst vor kurzem verstorbene Tom Petty erklärt hatte, er werde die Aufsicht über das Endprodukt und die Kontrolle über die musikalische Arbeit in seinem Studio übernehmen. Auf diese Weise ist ein bemerkenswertes Album entstanden, das mit 12 Songs die Geschichte Chris Hillmans von den Anfängen bei den Byrds bis heute als hörbare Retrospektive nacherzählt und mit der perfekten Mischung aus Newgrass, Folk-Rock und Country Rock die Basis des heutigen Americana-Sounds ausbreitet. Chris Hillman war eigentlich der geborene Mann der zweiten Reihe, unprätentiös, ohne Superstar-Allüren, dafür mit einem starken religiösen Hintergrund: bei den Byrds zupfte er ab 1964 den Bass und überließ den Frontmännern David Crosby und Roger McGuinn den Platz im Rampenlicht. An diese Zeit erinnern vier Songs (Pete Seegers „The Bells Of Rhymney“, McGuinns „Here She Comes Again“ und „New Old John Robertson“ sowie Gene Clarks „She Don’t Care About Time“), bei denen auch Crosby und McGuinn ihren kleinen Beitrag leisten. Leider wird auf der CD die äußerst kreative Zeit mit Stephen Stills und Manassas (1971 - 1973) nicht in Erinnerung gerufen - Stills hatte wohl mehr damit zu tun, die alten Beziehungen zu Judy Collins zu pflegen? Dass auch die country-poppige Kurz-Periode mit John David Souther und Richie Furay übergangen wird, ist verzeihlich. Der Rest ist fast ein Revival der Desert Rose Band mit dem hervorragenden John Jorgenson an der Gitarre und mit Herb Pedersen als perfekten Harmony-Vokalisten. Nicht vergessen sollte man auch die Rolle des Co-Komponisten Steve Hill, der leider nur einer kleinen Fan-Gruppe bekannt ist, hier aber sich bei fünf Songs die Credits mit Chris Hillman teilt. Abgerundet wird die wirklich sehr hörenswerte CD durch einen Rückblick auf die Anfänge der American Music, auf die Everly Brothers („Walk Right Back“) und durch eine Hommage an den Produzenten Tom Petty („Wildflowers“), der ja auch schon mit seiner Nebenband Mudcrutch bewiesen hat, dass sein Herz am Country Rock hängt. Auch das Thema mit dem Schaukelstuhl und dem staubigen Sattel ist vorerst vergessen: Chris Hillman (73) startete Ende September zur Promotion dieses Albums eine ausgedehnte Tour.

 

http://www.chrishillman.com/


Tedeschi Trucks Band: Let Me Get By       *****

Fantasy (USA 2016)

10 Tracks / 56:23 Min.

Produced by Derek Trucks (Doyle Bramhall II)

 

Wem die legendären Little Feat ein bisschen zu untätig, zu festgefahren sind und wem zuletzt das nervige Piano-Geklimper von Bill Payne auf den Wecker gegangen ist, hat nun eine vollwertige Alternative: die Tedeschi-Trucks-Band. Auf ihrer letzten CD (es ist Band-Veröffentlichung Nr. 3) präsentieren Derek Trucks und seine Ehefrau Susan Tedeschi einen elektrisierenden Stilmix aus Southern Rock, Blues und New Orleans Funk. Wer die Band schon einmal live gehört (und gesehen) hat, weiß, was gemeint ist. Umso erstaunlicher ist es, dass die Akteure dieses kreative Feeling auch 1:1 auf eine Studio-Produktion übertragen konnten. Der Name Derek Trucks lenkt den Blick natürlich auf die Südstaaten-Legende Allman Brothers Band, bei denen Derek zusammen mit seinem Onkel Butch Trucks (gestorben 2017) lange Jahre tätig war und sich dabei einen Ruf als herausragender Gitarrist erspielt hat. Mit dem leicht prolligen und dumpf-patriotischen Southern Rock hat allerdings die teilweise zwölfköpfige schwarz-weiße TT-Big(!)-Band nichts zu tun, sie pflegen einen fast schon intellektuellen Sound, der auch vor jazzigen Ausflügen und punktuellen Solo-Eskapaden (z. B. Kofi Burbridge auf der Querflöte) nicht zurückscheut und dennoch im Kern höchst tanzbar bleibt. Die Basis wird dabei von den Doppel-Drummern J. J. Johnson und Tyler Greenwell gelegt, zu denen Tim Lefebvre einen wunderschönen Bass setzt. Immer wieder stürmt die Dreier-Brass Section ins Geschehen und sorgt für Retro-Soul-Gefühle. Man höre sich in diesem Zusammenhang „I Want More“ an und lasse sich in die Zeit von „Dancing In The Streets“ (Martha And The Vandellas, 1964) versetzen. Die Songs wurden alle von Derek Trucks in Zusammenarbeit mit anderen Bandmitgliedern geschrieben, sind also echtes Work in Progress, meistens länger als die radiotauglichen vier Minuten und dennoch keine Sekunde langweilig. Überlassen wir das Schlusswort der kernig souligen Stimme von Susan Tedeschi: „In every heart there’s a voice / Getting a word throgh all that noise“!

 

http://tedeschitrucksband.com/


John Mellencamp feat. Carlene Carter:

Sad Clowns & Hillbillies                    ***** (für die Musik) * (für die Verpackung)

Republic Records (USA 2017)

13 Tracks / 46:40 Min.

Produced by John Mellencamp

 

Es ist die alte Geschichte von Inhalt und Verpackung. In der kommerz-orientierten Warenwelt bekommen wir oft Dinge, die schön verpackt sind, deren Inhalt sich aber als maßlos (ent)täuschend herausstellt. Genau umgekehrt stellt sich die Situation bei der neuen John-Mellencamp-CD dar: der Inhalt (= die Musik) ist vom Feinsten, der Verpackung aber ausgesprochen schäbig. Das mag dem modernen Audio-Konsumenten, der sich seine digitalen Portionen auf der Festplatte speichert, egal sein; aber der Musikliebhaber hätte für den Preis von ca. 15 € doch gerne etwas mehr als nur einen braunen Pappkarton ohne Songcredits, ohne Lyrics, in dem eine ebenfalls braune Silberscheibe steckt. Da ist auch die ökologische Korrektheit („No plastic“) kein rettendes Argument. Ein verantwortlicher Künstler, der sich dazu noch als ambitionierter Maler sieht, hätte diese schnöde Hülle nie zulassen dürfen! Wer aber den Ärger darüber beiseiteschieben kann, wird mit 13 Songs belohnt, die John Mellencamp auf dem Höhepunkt seiner bisher gut vierzigjährigen Karriere zeigen ( es ist seine 23. Studio-CD!) und die ihn in die Ehrenhalle der großen amerikanischen Alltags-Beobachter (etwa neben Bruce Springsteen, Neil Young und Willie Nelson) stellen. Es war schon immer das ländliche Leben im Heartland der USA, dessen Merkwürdigkeiten Mellencamp - wohnhaft in Indiana - interessierten. Doch anders als seine Protagonisten mutierte er nicht zum dumpfen Trump-Wähler sondern gibt auf der CD sogar mit dem eindringlichen Schluss-Song „Easy Target“ einen kritischen Kommentar zur nach wie vor bestehenden Rassenungleichheit und zur sozialen Ungleichheit ab: „All are created equal / Equally beneath me and you“. Musikalisch ist er ein bisschen von R.O.C.K. in the U.S.A. abgedriftet und nun eher im Lager des countryfizierten Roots-Rock zu verorten. Eine wichtige Rolle im Arrangement spielt die Fiddle von Miriam Sturm, allerdings mit rockiger Verzerrung. Die Stimme von John Mellencamp präsentiert charaktervoll die Folgen eines langen Raucherlebens, in den Duetten mit Carlene Carter und Martina McBride kommt es dabei zu schönen Kontrasten. Als Songwriter ist Mellencamp eine Bank, ein nachdenklicher und durchaus selbstkritischer Porträtist. Besonders hörenswert hierbei das rockige „Grandview“, das teilweise autobiographische „What Kind Of Man Am I?“ und das vorsichtig ironische „Sad Clowns“. Dort finden wir auch ein passendes Schlusswort: „I’m not exactly a young girl’s dream / Cause you figured out that by now / So baby, you’d better think again“.

 

http://www.mellencamp.com/


Ehre, wem Ehre gebührt! Bei einem emeritierten Universitätsprofessor heißt das Festschrift, beim verstorbenen Politiker Staatsbegräbnis, in der Musik-Branche Tribute Album. Dafür muss man sich dann normalerweise entweder aus dem Geschäft zurückgezogen haben oder tot sein. In unserem Fall können wir an zwei Beispielen recht deutlich beweisen, wie das Sinn macht - oder eher nicht.

Various Artists: Gentle Giants:

The Songs Of Don Williams **

Slate Creek Records (USA 2017)

Produced by Garth Fundis

11 Tracks - 41:51 Min.

 

Bei Don Williams ist der Anlass die Tatsache, dass der 78jährige nach einer Hüftoperation seinen endgültigen (?) Rückzug von öffentlichen Auftritten erklärt und damit eine etwa fünfzig Jahre währende Karriere beendet hat. Aber schon der Titel dieser CD, die sein langjähriger Begleiter Garth Fundis organisiert und produziert hat, ist eine halbe Irreführung, denn es handelt sich überwiegend nicht um Songs von Don Williams sondern um Songs vom Fremdkomponisten, die er mit seiner Interpretation in die Hitparaden gebracht hat (an erster Stelle die Klassiker „Some Broken Hearts Never Mend“ und „Tulsa Time“). Dabei entwickelte er einen Soft-Country-Stil, der bezeichnenderweise in England und in Deutschland noch etwas besser ankam als in seiner Heimat - zu Recht darf man bei Don Williams von einer schleichenden Roger-Whittakerisierung sprechen. Die Liste der singenden Tribut-Ehrengäste (z. B. Garth Brooks, Alison Krauss, Jason Isbell) ist beeindruckend, doch wenn dem originalen Schmalz nur noch eine Zusatzportion Süßstoff aufgedrückt wird, bleibt der Genuss fragwürdig. Allein der lakonische Beitrag von John Prine („Love Is On A Roll“) verdient Beachtung, ganz schlimm dagegen die verbrüllte „Amanda“ von Chris Stapleton! Somit hat also immerhin das Hausfrauen-Nachmittags-Radio in den USA noch einmal eine Möglichkeit, die Musik des sanften Riesen in kompakter Form abzuspielen.

 

http://www.slatecreekrecords.com/

Various Artists: Treasure Of The Broken Land: The Songs Of Mark Heard       ****

Storm Weathered Records SWR 001 (USA 21ß017)

Produced by Phil Madeira & Jeff Grantham

18 Tracks - 72:44 Min.

 

Ganz anders liegt der Fall bei Mark Heard: hier ist es gelungen, eine würdige Erinnerung an den 1992 nach einem Schlaganfall auf der Bühne verstorbenen Musiker herzustellen, pünktlich zum 25. Todesjahr! Der Bekanntheitsgrad von Mark Heard dürfte sich (besonders in Deutschland) in Grenzen halten, er war ein ambitionierter Musiker aus Glendale CA, der sich aber nie in eine Kommerz-Schablone pressen ließ. Seine christliche Einstellung (beeinflusst durch den Philosophen Francis Schaeffer) verschaffte ihm für ein paar Jahre einen Vertrag mit dem religiösen Label Home Sweet Home, doch auch hier blieb er ein Außenseiter und wurde niemals ein naiver Fundamentalist. Musikalisch ist er verwurzelt im Country Rock der 1980er Jahre, ganz wichtig war für ihn sein eigenes Studio (Fingerprint Recorder), das ihm die nötigen künstlerischen Freiheiten verschaffte. Der langjährige Edel-Fan Jeff Grantham hat nun Phil Madeira (von den Red Dirt Boys) beauftragt, nach Künstlern zu suchen, die für das Tribute-Album einen Mark-Heard-Song interpretieren. Herausgekommen ist eine beeindruckende Kompilation mit vielen der kreativen Namen aus der jungen Nashville-Szene: z. B. Matt Haeck, Birds Of Chicago, Drew Holcomb, Buddy Miller, um nur ein paar bekanntere zu nennen. Sogar Altmeister und Grandseigneur Rodney Crowell ließ sich nicht lumpen und steuerte eine relaxte Version des Songs „Nod Over Coffee“ bei. Bei vielen Titeln liefern die Red Dirt Boys, die auch die aktuelle Begleitband von Emmylou Harris sind, einen ausdrucksstarken Background. Somit also eine hochinteressante Erinnerung an einen weitgehend vergessenen Musiker des letzten Jahrhunderts, der über sein Songwriting ganz schlicht sagte: „Das ist für mich die moderne Art der Steinzeit-Höhlenzeichnung mit der Botschaft: Ich war hier!“.

 

http://www.markheard.net/

https://www.treasureheard.com/


Rodney Crowell: Close Ties ****

New West Records NW 6354 (USA 2017)

10 Tracks - 43:41 Min.

Produced by Jordan Lehning & Kim Buie

 

In einem Interview hat Rodney Crowell kürzlich erklärt, das für ihn (im Alter von 66 Jahren) die Zeit der romantischen Lovesongs vorbei sei. Somit ist auch nicht verwunderlich, dass er in seinem neuen Album „Close Ties“ das Thema „Beziehungen“ in einem ganz anderen Kontext betrachtet. Er erzählt durchaus selbstkritisch von gescheiterter Zweisamkeit („Reckless“, „Forgive Me Annabelle“) und meint damit sicher auch zum Teil seine Ex-Frau Rosanne Cash. Ein ganz besonderer Fall war sein Verhältnis zu Susanna Clark („A self-sure bastard and a stubborn bitch“), der Frau von Guy Clark, die 2012 gestorben ist und deren langsamen Verfall er mit großer Anteilnahme beobachtet hat („Life Without Susanna“). Genauso nüchtern betrachtet er rückblickend seine ersten Jahre als Songwriter in Nashville („Nashville 1972“), wo er als junger Spund glaubte, dem „alten“ Willie Nelson zeigen zu müssen, wie man einen guten Song schreibt. Heute trauert er dieser Zeit des Aufbruchs etwas nostalgisch nach: „Things have changed round here, but it don’t seem much better yet“. Da er die CD auch noch mit einem Blick auf seine problematische Jugendzeit in Houston beginnt („East Houston Blues“), kann man ohne Zweifel sagen, dass dies seine persönlichste, offenste und gereifteste Song-Sammlung ist. Musikalisch bleiben keine Wünsche offen, die Studiomusiker um Steuart Smith, Michael Rhodes und Jordan Lehning zelebrieren den geschmackvollen Background für Crowells markante Stimme und für seine Songs, die den Bogen von Country, Blues bis Folk spannen - mal eher akustisch mit dezenter String-Begleitung, mal im kompletten Rock-Arrangement. Hörenswerte Gastauftritte gibt es von Sheryl Crow, Rosanne Cash und John Paul White. Und damit am Ende nicht eine larmoyante „Life-is-messy-Stimmung“ überhandnimmt, gibt Crowell in der Mitte des Albums noch einen abgeklärten Mutmacher zum Thema „Jeder hat eine zweite Chance“ mit auf den Weg: „It Ain’t Over Yet“. Darin heißt es motivierend: „You can get up off the mat or you can lay there till you die“. Bleib also stehen, Rodney, damit wir noch mehr solche Botschaften hören!

 

https://www.rodneycrowell.com/home


Gerry Spehar: I Hold Gravity    *****

Self-Released (USA 2017)

11 Tracks - 42:31 Minuten

Produced by Paul Lacques & Gerry Spehar

 

Das ist die außergewöhnliche Geschichte von Gerry Spehar, den man spay-har ausspricht, den kaum jemand kennt und der nach einer Pause von mindestens 30 Jahren plötzlich ein unerwartetes, fast sensationelles Album vorlegt. Dahinter steckt eine sehr abwechslungsreiche Lebensgeschichte, die von Colorado in die französische 68er-Revolution und dann zu einem seriösen Bankjob in Los Angeles führte. Immer wieder hat Gerry dazwischen die Gitarre in die Hand genommen und zum Beispiel mit seinem Bruder George ein lokal bekanntes Duo gegründet. In L.A. hatte er Kontakte mit George Massenburg, Greg Leisz und anderen Szene-Größen, doch der Brotberuf ließ ihm zu wenig Zeit für ein musikalisches Ganztags-Treiben. So mussten viele Songs bis zur Rente und bis zu einem ausschlaggebenden Treffen mit den Musikern von „I See Hawks In L.A.“ warten, um doch noch das Licht der Öffentlichkeit zu erreichen. Spehar bezeichnet die 11 Songs als einen Soundtrack der Reisen, die er hauptsächlich mit seiner Frau Susan unternommen hat. So erzählt er von den Ölfeldern in Texas („Dirt“), von den Weinbergen im Nappa Valley („Muleshoe Mules“), von legendären Show-Catchern, die in Colorado aufgetreten sind („Be Nemanic“), von Fischzügen im Golf von Mexiko („Here In The Pass“) und von den Sorgen der Bauern in Iowa (Mr. & Mrs. Jones“).

Die Musik von Gerry Spehar ist in den Traditionen des kalifornischen Singer/Songwriter-Rock und des Modern Folk der Rockies verwurzelt, er erinnert immer wieder an Jack Tempchin oder gar an Warren Zevon, ohne aber den kruden Zynismus des letzteren aufzugreifen. Stimmlich liegt er etwa auf der Spur eines Larry Lee (einstmals bei den „Ozark Mountain Daredevils“, jetzt der Kopf von „Beyond Reach“). Am Ende der Produktion starb seine Frau Susan an Krebs, nicht zuletzt deshalb ist das Thema Tod auch in einigen Songs präsent: in dem leicht ironischen „How You Get To Heaven From L.A.“ heißt es sehr weltlich: „Seek absolution every day / In your own way“. Das eigene Ende wird in „God Lubbock“ schmucklos erläutert: „Dig a hole in the Dust Bowl out on the Lone Prairie / And let the wind blow over me“. Und seiner Frau verspricht er im Titelsong der CD, dass er mit beiden Beinen auf der Erde bleiben will: „I Hold Gravity”. So könnte für Gerry Spehar die neue Hauptbeschäftigung auch eine Art kreative Trauerarbeit sein, zu der man nur alles Gute wünschen kann.

 

https://www.gerryspehar.com/


Brent Moyer: Music Tells The Truth     ****

Brambus Records 201790-2 - Schweiz 2017

12 Tracks - 39:56 Minuten

Produced by Brent Moyer

 

Seit gut 30 Jahren ist der in Nashville beheimatete Gitarrist und Singer/Songwriter Brent Moyer musikalisch weltweit unterwegs, sodass sein Kampfname „The Global Cowboy“ durchaus berechtigt ist. Besonders gute Freunde hat er in der Schweiz bei dem Plattenlabel Brambus Records, die nun bereits seine sechste CD (seit 1996) in ihren Katalog aufgenommen haben. Auf dem neuen Album bietet Moyer einen sympathischen, sehr entspannten Retro-Country / Folk-Sound, der in seinen besten Momenten an Jesse Winchester, Tom Rush oder Rodney Crowell erinnert. Bei zwei bis drei „Ausrutschern“ nähert er sich allerdings gefährlich der Seichtigkeit von Smokie („Kay, Que Pasa“) oder gar Roger Whittaker („So Much“)! Brent Moyer hat eine angenehm soulige Stimme und seine Gitarren-Licks sind stets geschmackvoll in das einfache Gesamt-Arrangement integriert. Etwas aus dem stilistischen Rahmen fällt das swingende „Dig Two Graves“, eine Kooperation mit Anne McCue, bei der Erinnerungen an Gypsy Jazz geweckt werden. Interessant hört sich auch die Zusammenarbeit mit dem Ex-Strawbs-Gitarristen Brian Willoughby und dessen Partnerin Cathryn Craig bei dem Song „We’re Walking Each Other Home“ an, die übrigens ihrerseits bei Thomm Jutz in Nashville ein sehr schönes Album eingespielt haben („In America“). Meistens bewegt sich Brent Moyer ganz relaxed auf der „Easy Side“ und kann auch einem laid back Lifestyle, wie er in Florida gepflegt wird, viel abgewinnen: „On Captiva“ (diesen Song und das zugehörige Video sollte sich der dortige Tourismusverband mal anschauen!). Wenn sich also der Global Cowboy wieder einmal zu einem seiner regelmäßigen Live-Besuche in Europa aufmacht, wäre ein Konzertbesuch in jedem Fall anzuraten.

 

http://www.brambus.com/


Timothy B. Schmit: Leap Of Faith   ** 1/2

Benowen / Man In The Moon Records - USA 2016

12 Tracks - 64:07 Minuten

Produced by Timothy B. Schmit & Hank Linderman

 

Für die Herren Henley, Walsh und Schmit ist definitiv die Zeit p.E. (post Eagles) angebrochen und damit der Zwang sich von einer musikalischen Erfolgsgeschichte abzuwenden und gegebenenfalls neue Projekte zu starten. Für Don Henley ist das relativ einfach: er hat einen Fundus von höchst erfolgreichen Solo-Alben und wird demnächst mit diesen Songs und den Eagles-Klassikern, denen er mit seiner Stimmer das Markenzeichen aufgesetzt hat, auf Tournee gehen. Bei Joe Walsh könnte man sich vorstellen, dass er nur noch just for fun bei anderen Leuten mitspielt (vielleicht wieder mal bei Ringos All Starr Band?) und ansonsten einem Rentnerdasein frönt. Bleibt noch Timothy B. Schmit, der mit dem vorliegenden Solo-Album um Aufmerksamkeit und um einen Vertrauensvorschuss („Leap Of Faith“) wirbt, aber schon beim zweiten Song bemerkt: „Slow down / Take a deep breath and look around / It’s prime time / And it won’t last all that long“. Die gesamte CD mit zwölf - manchmal etwas länglichen - Eigenkompositionen beweist allerdings etwas, was man schon immer vermuten durfte: Schmit ist ein hervorragender Mann für die hohen Background-Vocals, für solides Bass-Spiel und für vereinzelte stimmungsvolle Balladen. Wenn es aber um eine komplette Solo-Produktion geht, wird das Eis dünn: weder als Front-Sänger, noch als Komponist, noch als Texter ragt Schmit aus dem weiten Feld der amerikanischen Songwriter heraus. Seine Songs bedienen oft gehörte Klischee-Themen, den Arrangements fehlt trotz wohlklingender Gastmusiker (Jim Keltner, Van Dyke Parks, John McFee, Herb Pedersen) das gewisse Extra und so pendelt das Album etwas desorientiert zwischen mid-tempo Mainstream-Rock und akustischem Bluegrass-Americana. Gerne möchte man spekulieren, welche Songs es überhaupt jemals auf ein Eagles-Album geschafft hätten: vielleicht „I Refuse“ - was dann aber Don Henley gesungen hätte! - , vielleicht „Goodbye, My Love“ und „This Waltz“ als dahingeschunkelte Country-Balladen im Stil von „Train Leaves Here This Morning“ oder „Hollywood Waltz“, ansonsten gilt eher: Fehlanzeige. Der Berufsberater meint abschließend: Lieber Timothy, sprich mal in aller Ruhe mit Rusty Young und Paul Cotton über ein Poco-Reunion-Projekt!

 

https://www.timothybschmit.com/


Steven Graves: Captain Soul ****

One Essence Music - USA 2017

11 Tracks - 49:13 Min.

Produced by Steven Graves

 

Ein Musiker - nennen wir ihn mal Steven Graves - hatte eines Nachts einen Traum: er träumte davon ein großes Festival zu organisieren unter dem Motto „Woodstock goes Westcoast“. Er hatte auch schon die Musiker vor Augen, die an den Festival-Tagen auftreten sollten: Grateful Dead, Santana, Willie Nelson, David Crosby, Stephen Stills, The Eagles, Van Morrison, Dobie Gray, Leon Russell, Tom Petty, Bonnie Raitt usw. David Bowie sollte bei einem Song als Sänger und Überraschungsgast erscheinen. Er selbst würde nur als Moderator mit dem Namen „Captain Soul“ auftreten, die Lehren seine großen Idols Yogananda Paramahansa verkünden und einen Kinderchor dirigieren, der „Gotta find love, gotta find peace“ singt. Als Finanzier wollte er einen Milliardär aus dem Silicon Valley gewinnen.

Als er dann am nächsten Morgen aufwachte, wurde ihm die Unmöglichkeit seines Traums schmerzlich bewusst. Doch als notorischer Optimist und Mensch mit positiven Vibrationen sammelte er stattdessen seine 21 besten Musikerfreunde aus Santa Cruz /CA, ging ins Studio und produzierte eine CD, die seinen Traum wenigstens annähernd verwirklichte. Und somit können wir alle dieses Traum-Festival besuchen, müssen dazu keinen Flieger besteigen und keine teuren Eintrittsgelder bezahlen. Es genügt, sich auf der Website von Steven Graves einzuklicken und die neue CD (= seine siebte übrigens) zu bestellen. Der Rest ist nostalgischer Genuss, denn die Eigenkompositionen von Steven Graves klingen keineswegs wie eine zweitklassige Classic-Rock-Cover-Band, sondern erinnern eher an die Höhenflüge von Ringos legendärer All Starr Band! Und alle singen mit trotziger Überzeugung - wie bei dem Titel „Somewhere, Somehow“: „I don’t want to hear about all the things that are wrong / I just want to feel your love and keep singing my song“.

 

http://stevengravesmusic.com/


Wendy Webb: Step Out Of Line ****

Spooky Moon Records SMR 2217 - USA 2017

10 Tracks - 40:21 Min.

Produced by Mark Keller & Wendy Webb

 

Der Aufwand hat sich gelohnt: für ihr fünftes Album hat sich Wendy Webb auf die Reise von Sanibel Island (Florida) nach Nashville gemacht, um im Haus von Mark Keller Songs aufzunehmen, von denen nun zehn Stück auf der CD „Step Out Of Line“ zu hören sind. Dabei handelt es sich um neun Eigenkompositionen und ein Bob-Dylan-Cover („Girl From North Country“ - nicht ganz un-autobiografisch, denn Wendy ist in Iowa aufgewachsen!). Mit ihrer Musik beamt sich Wendy Webb kunstvoll in die 70er Jahre zurück, als die ersten Frauen in der Singer/Songwriter-Szene Aufmerksamkeit erregten. Wer sich die Schnittmenge von Carole King, Bonnie Raitt und Laura Nyro vorstellen kann, ist bei Wendy Webb auf der richtigen Fährte. Ihr nostalgischer Westcoast-Laurel-Canyon-Sound entfaltet auch heute noch eine besondere Magie - nicht zuletzt dank ihrer intensiven Stimme und ihrer geschmackvollen Begleitung am E-Piano und an der akustischen Gitarre. Dazu ist es ihr gelungen renommierte Musiker zu einer Nachtschicht einzuladen; das Ergebnis sind brillante Soli von Wayne Jackson (tp), Jim Horn (sax), David Grissom (g), Dan Dugmore (pedal steel), Marc Jordan (keyb) und David Hungate (b). Wer nach den ersten drei Songs (und da besonders vom Titelsong) noch nicht in den Bann gezogen worden ist, dem müssen durch das übliche Radio-Futter die Gehörgänge verstopft sein. Definitiver Geheimtipp im heute weitgesteckten Feld der weiblichen Singer-Songwriter!

 

http://wendywebbmusic.com/


Sie waren viele Jahre lang ziemlich beste Freunde, doch dann muss im Frühjahr 2016 etwas passiert sein, was selbst dem harmoniesüchtigen Graham Nash den Kamm anschwellen ließ. Kurz darauf folgte seine öffentliche Aussage, es werde nie mehr eine Kooperation zwischen ihm und David Crosby geben. Und das bedeutet wohl auch das Ende aller noch möglichen CSN&Y-Projekte! Folgerichtig haben sich nun die beiden Akteure mit Solo-CDs in Szene gesetzt.

David Crosby: Lighthouse ***

GroundUpMusic / Verve - USA 2016

9 Tracks - 40:55 Min.

Produced by Michael League

 

David Crosby hat mit dem New Yorker Michael League, dem Kopf der Jazz-Rock-Band Snarky Puppy, einen neuen Partner gefunden, der für Ko-Kompositionen, fast das ganze Rest-Instrumentarium (g, b, voc) und für die Produktion zuständig ist. Das Ergebnis ist eine Abfolge suitenartigen No-Drums-Songs, bei denen klassische Kompositionsmuster bewusst verweigert werden und David Crosby auf der Suche nach den abgefahrensten Akkorden zu sein scheint. Man nehme das Byrds-Stück „Triad“ (von dem Album „The Notorious Byrds Brothers“), entferne das Schlagzeug und füge stattdessen diverse Ambience-Sounds hinzu, dann hat man ungefähr eine Idee, was auf „Lighthouse“ abläuft: konzentrierte Mood Music, die manchmal in Fahrstuhl-Musik abdriftet, aber immer von Crosbys kreativem Potenzial auf einem gewissen Niveau gehalten wird. Schon bei CSN(&Y) war Crosby für die (im doppelten Sinne) merkwürdigen Bestandteile der Musik zuständig, nun ist er allein auf sich gestellt, hat auch nicht mehr die straffen Arrangements seines Sohnes James Raymond als „Fessel“ und kann seinen Launen und seiner Neigung zu verschachtelten Vokal-Settings scheinbar ungetrübt frönen. Wie singt er doch so schön bei dem Schlusslied „By The Light Of The Common Day“: „Being happy isn’t quite enough / Somehow I needed to make it rough.“ Einigen wir uns also darauf, dass es kein Meisterwerk wie „If I Could Only Remember My Name” (von 1971), aber dennoch höchst interessant ist.

 

http://www.davidcrosby.com/

 

Graham Nash: This Path Tonight ***

Blue Castle Records BRC 2516-7 - USA 2016

10 Tracks - 42:03 Min.

Produced by Shane Fontayne

 

Graham Nash hat mit Shane Fontayne einen Partner gefunden, der für Ko-Komposition, Gitarrenarbeit, Produzenten-Tätigkeit und Abmischung verantwortlich ist. Das Ergebnis ist ein gereiftes Alterswerk des 74jährigen, das aber auch zeigt, welchen Stellenwert Graham Nash im kreativen Quartett CSN&Y eingenommen hatte. Ohne seine Hymnen-Glückstreffer (z. B. „Teach Your Children“) und ohne die Reibungen mit den viel profilierteren Mitmusikanten bleibt er relativ konturenlos im soften Mainstream-Soft-Rock irgendwo zwischen Phil Collins und Gerry Beckley stecken und kann sich nur noch wehmütig an die „Golden Days“ erinnern, als er in einer legendären Band (er meint damit wohl nicht die „Hollies“) „Songs with soul and words with so much hope for a brighter day“ vortragen durfte. Der Tenor dieses Album ist von einer gewissen Resignation geprägt, angesichts seiner privaten, musikalischen und der allgemeinen politischen Situation nicht weiter verwunderlich. Wenn man die Todesfälle von befreundeten Kollegen (z. B. Levon Helm, dem das Stück „Back Home“ gewidmet ist) vor Augen hat, muss man sich auch mit der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen: „What are you gonna do when the last show is over“ („Encore“). Das einzige Stück, das aus dieser doch recht gleichförmigen Sammlung heraussticht, ist „Fire Down Below“, ein melodiöser Rocker mit Hit-Potenzial. In drei Versioner kann man Graham Nashs Nachtwanderung erwerben: als CD mit 10 Tracks, als Bonus-CD mit 13 Tracks (51:54 Min.) und als Deluxe-Edition mit 10 Tracks und einer DVD (= Aufzeichnung eines Konzertes von Graham Nash mit Shane Fontayne aus dem Jahr 2016).

 

http://www.grahamnash.com/



Jack Tempchin: One More Song   ***

Blue Elan Records BER 1026 (USA 2016)

12 Tracks / 45:31 Min.

Produced by Joel Piper

 

Eigentlich könnte sich Jack Tempchin an den Strand von San Diego setzen und mit dem Geräusch der Brandung die Summe seiner Tantiemen zählen, die er für seine großen Hits der letzten 40 Jahre heute noch bekommt. „Peaceful Easy Feeling“ und „Already Gone“ wurden durch die Eagles zu Klassikern, ebenso wie „Slow Dancing“ durch Johnny Rivers. Die Liste ließe sich noch eine Weile fortsetzen, z. B. durch die Kooperationen mit dem vor kurzem verstorbenen Glenn Frey (etwa der groovende „Smuggler’s Blues“). Doch der Songwriter, der als Mitbegründer des Laurel Canyon Sounds gilt und sich optisch immer mehr an Roger Whittaker annähert (zum Glück aber nicht musikalisch!!), kann von der Arbeit im Studio und auf meist kleineren Bühnen nicht lassen und hat nun sein mittlerweile zehntes Album veröffentlicht. Darauf präsentiert er zwölf alte und neue Songs, meist mit einem stark reduzierten Arrangement, oftmals reduziert auf Stimme, Gitarre und Piano: quasi eine Rückkehr zu den Anfängen, als er in den frühen 70er Jahren seinen regulären Live-Act im Troubadour von West Hollywood hatte und dabei Musiker wie Randy Newman, Tom Waits, J. D. Souther oder Hoyt Axton kennenlernte. Unterstützen lässt er sich nun von dem deutlich jüngeren Joel Piper, der für Produktion, Mix und viele zusätzliche Instrumente verantwortlich ist. Leitmotivisch steht der Titelsong am Ende der CD, in dem der autobiografische Musiker für den letzten Gast an der Bar immer noch einen Song im Repertoire hat. Die geniale Version von Randy Meisner aus dem Jahr 1980 erreicht der Komponist freilich nicht ganz. Das Fazit für den Hörer ist eine sympathische Standortbeschreibung, die vor allem langjährige Fans ansprechen wird. Gespannt darf man auf ein für 2017 angekündigtes weiteres Projekt sein: eine CD mit Neuaufnahmen der Songs, die Jack Tempchin über die Jahre gemeinsam mit Glenn Frey geschrieben hat. Vorschlag für einen Arbeitstitel: „Part Of You, Part Of Me“?

 

http://www.jacktempchin.com/


Thomm Jutz: Volunteer Trail   ****

Thomm Jutz (USA 2016)

13 Tracks / 40:32 Min.

Produced by Thomm Jutz

 

Der Volunteer Trail ist ein ca. 17 km langer Rundwanderweg in Tennessee. Die Wanderung von Thomm Jutz war da schon bedeutend länger, denn im Jahre 2003 hat er sich entschieden, den deutschen Schwarzwald zu verlassen und sein musikalisches Glück in seiner neuen Wahlheimat Nashville zu versuchen. Mittlerweile hat er sich in der Hauptstadt der Country Music mit drei Säulen etabliert: als Besitzer eines Tonstudios (TJ Tunes), als Begleitmusiker für bekannte Solisten (z. B. David Olney) und als eigenständiger Gitarrist/Singer/Songwriter. Mit dem Album „Volunteer Trail“ präsentiert er nun seine erste richtige Solo-CD, die aber bei den ersten neun Song eher ein Studio-Band-Projekt ist und bei Song 10 - 13 verschiedene Gitarren- und Songwriting-Duos vorstellt. Zunächst bildet er mit Sierra Hull (mand), Mark Fain (b), Justin Moses (bj, fiddle, dobro) und Lynn Williams (dr) eine schwungvolles Newgrass-Band, bei der noch diverse Studiogäste einen Beitrag leisten. Das erinnert in positiver Weise an die modernen Bluegrass-Töne, die einst Chris Hillman der Band Manassas einflößte oder die Herb Pedersen noch heute mit seiner Band Loafer’s Glory praktiziert. Highlights dieses Part One sind die Songs „The Kid“ (zusammen mit Kim Richey komponiert), „Hartford’s Bend“ (eine Verneigung vor John Hartford) und „I Sang The Song“ (sozusagen die Lebensgeschichte von Oldie Mac Wiseman). Im Part Two wird dann einen Gang zurückgeschaltet, die Gitarren-Partner Tim Stafford, David Grier, Clay Hess und Wyatt Rice dürfen in Aktion treten. Am ehesten bleibt hier die Koproduktion mit seinem Songwriting-Partner Craig Market in Erinnerung: „Through The Eyes Of Someone Else“. Insgesamt eine sehr hörenswerte CD. Die Frage aber steht im Raum, ob sich Thomm Jutz demnächst entscheiden muss, welche Karriere auf seiner Wanderung durch das amerikanische Music-Business für ihn im Vordergrund stehen soll.

 

http://thommjutz.com/


Brad Colerick: Tucson ****

Back 9 Records BN 0405 (USA 2014)

11 Tracks / 44:26 Min.

Produced by Charlie White

 

Mit seinem vierten Solo-Album scheint Brad Colerick nun endgültig seine musikalische Nische gefunden zu haben. Es ist jener countryfizierte südkalifornische Soft-Rock, für den einst Musiker wie Dan Fogelberg (RIP!), Jackson Browne, America oder Herb Pedersen (mit seinem legendären Album „Southwest“) die Leitplanken gesetzt haben. Die elf neuen Songs von Colerick (davon sind neun Eigenkompositionen) sind auf akustischen Gitarren gegründet, dazu kommen geschmackvolle Akzente von der E-Gitarre und von der Pedal Steel (alles eingespielt von Produzent Charlie White), ein dezentes Fundament aus Bass und Schlagzeug sowie vereinzelte Ausflüge ins Newgrass-Arrangement (wie z. B. bei „Brakeman‘s Door“ oder bei „Hob Trasher“). Im Vordergrund steht Brad Colericks sympathische und einschmeichelnde Stimme, die uns verschiedene Geschichten aus dem Südwesten der USA erzählt. Überraschenderweise wurde die CD aber in einem Studio in Drasco, Arkansas aufgenommen! Das Titelstück (komponiert von David Plenn, den Colerick bei seiner wöchentlichen Musik-Live-Show „Wine & Song“ kennenlernte) berichtet über einer Fahrt von L.A. nach Tucson, Arizona mit der ernüchternden Zeile „They say this road goes on forever / That’s what they say until it ends“. Definitiver Anspieltipp ist „This Is What I Do (Mighty Keeper)“ ein echter Ohrwurm mit autobiografischem Charakter und knackigem Background-Gesang von Sally Dworsky. Wer sich also im Spektrum von Venice, Lowen & Navarro, Jeff Larson oder der Nitty Gritty Dirt Band wohl fühlt, der wird mit Colericks Album einen guten Griff machen. Einziger Negativ-Punkt: die flotten Uptempo-Nummern „Tragedy“ und „Roll On“ kommen zu spät!

 

http://www.bradcolerick.com/


Rosanne Cash: The River & The Thread    *****

Blue Note Records 0602537559121 (USA 2014)

11 Tracks (auf der Deluxe CD: 14) / Min.

Produced by John Leventhal & Rick DePofi

 

Wenn es eine US-Künstlerin gibt, die sich das Label Roots-Music (oder „Americana“) auf die Fahnen schreiben kann, dann ist es Rosanne Cash. Mit ihren letzten zwei CD-Veröffentlichungen - "The List" (2009) und "The River & The Thread" (2014) - hat sie sich auf die Suche nach mehreren Wurzeln begeben. Zum einen forschte sie auf der Basis einer To-Know-Liste ihres Vaters Johnny Cash nach den Ursprüngen des Great American Songbooks im Bereich Country & Folk. Herausgekommen ist auf "The List" ein beeindruckendes Destillat mit zwölf Songs aus den 50er und 60er Jahren. Zum anderen machte sie sich in Amerikas Süden auf die Suche nach der eigenen Familiengeschichte und nach den musikalischen Gründervätern von Blues, Country und Folk zwischen Memphis und Mobile. Aus dieser Reise entstand im Zusammenarbeit mit ihrem Ehemann John Leventhal, der den Löwenanteil der instrumentellen Beiträge leistet, das Album "The River & The Thread" mit elf Eigenkompositionen als Hör-Stationen, z. B. an der Tallahatchie Bridge, wo Bobbie Gentry den Selbstmörder Billy Joe in den Fluss springen ließ, an der Money Road, wo das Grab von Blues-Legende Robert Johnson zu finden ist, in Florence/Alabama, wo eine Künstlerin selbstgenähte Kleider verkauft („A Feather’s Not A Bird“) , in den Sunken Lands von Arkansas, wo die Großeltern Cash sich eine Existenz aufbauten, oder einem Rückblick in die Bürgerkriegszeit, wo Cash-Vorfahren auf beiden Seiten in den Kampf zogen („When The Master Calls The Roll“). Leitmotivisch steht für das ganze Projekt der Song „The Long Way Home“ mit den Textzeilen "You thought you left it all behind / you thought you'd up an gone /but all you did was figure out / how to take the long way home". Rosanne Cashs Wurzel-Musik ist freilich nicht dreckig und staubig (wie vielleicht bei dem Kollegen Steve Earle), sondern eher an einem modernen leicht poppigen Klang orientiert mit der klaren Dominanz ihrer fesselnden Alt-Stimme. Der heutige Blick auf den amerikanischen Süden ist zwar teilweise romantisch verklärt, insgesamt aber immer seriös und weitab vom Jambalaya-Klischee. Aus der Distanz zwischen Wohnort New York und dem Country-Mekka Nashville gewinnt Rosanne Cash ihre musikalische Eigenständigkeit. Folgerichtig bekam sie für dieses Album 2015 drei Grammies in der Kategorie American Roots Music. Wer sich die Deluxe-Fassung leistet, erhält drei Bonus-Tracks - darunter eine etwas gewöhnungsbedürftige Fassung von Jesse Winchesters „Biloxi“ - sowie ein stabiles Booklet mit allen Texten und Songkommentaren.

 

http://www.rosannecash.com/


The Rides: Pierced Arrow   ****

Provogue PRD 74615 (USA 2016)

13 Tracks (3 Bonus Tracks) - 62:01 Min.

Produced by Stephen Stills, Kenny Wayne Shepherd, Barry Goldberg & Kevin McCormick

 

Eigentlich hatten alle vermutet, die als neue Super-Session titulierte 2013er-CD „Can’t Get Enough” werde ein einmaliges Rides-Ereignis sein. Doch offensichtlich hatten Stills, Shepherd & Goldberg so viel Spaß miteinander, dass daraus mittlerweile eine richtige Band entstanden ist: mit Tour und zweitem Album! Somit startet das generationenübergreifende Trio-Projekt - unter solider Mithilfe des Bassisten Kevin McCormick und des Schlagzeugers Chris Layton eine erneute Reise in die Welt des modernen Blues-Rock, wo ganz offensichtlich die emotionale Heimat der Akteure angesiedelt ist. Die CD umfasst zehn sehr hörenswerte Gemeinschaftsproduktionen (darunter mit „My Babe“ auch eine klassische Willie-Dixon-Erinnerung), wobei die Lead-Vocals ganz demokratisch 5:5 unter Stephen Stills und Kenny Wayne Shepherd aufgeteilt sind. Erst bei der Nachspielzeit (drei Bonus Tracks) kommt Altmeister Stills alleine ans Mikrofon. Während Shepherd vor allem geradlinige Retro-Rocker anbietet (z.B. „Riva Diva“ und „I Need Your Lovin‘“), darf Stills die ganze Bandbreite seiner musikalischen Vorlieben ausleben. Dabei ist mit „Virtual World“ auch ein radiotauglicher Song hineingerutscht, der Millimeter-genau in ein Crosby, Stills & Nash-Album passen würde - beim Zuhören meint man sogar die Background-Stimme von Graham Nash zu hören. Und mit „There Was A Place“ verbreitet Stills Altersweisheit im Slow-Blues-Gewand des 21. Jahrhunderts - Gary Moore lässt grüßen. Für eine weitere gelungene Überraschung ist Barry Goldberg - der ansonsten eher im Hintergrund bleibt - zuständig. Sein Song „I’ve Got To Use My Imagination“, den er einst mit Gerry Goffin für Gladys Knight geschrieben hatte, wird hier zu einer packenden Soul-Blues-Nummer, ganz in der Tradition von Robert Cray. Dieses zweite Lebenszeichen einer recht zufällig zustande gekommenen Band hat nur ein Manko: auf die Bonus Tracks hätte man glatt verzichten können, weil hier fast nur noch der konventionelle 12-Bar-Blues ermüdend ausgewalzt wird. Weniger wäre also mehr gewesen! Unter dem Strich bleibt aber die erstaunliche „Vater&Sohn“-Demonstration zweier nimmermüder Gitarristen und Sänger, die wohl auch für einen dritten Streich gut sind.

 

http://www.theridesband.com/

http://www.stephenstills.com/index.html

http://www.kennywayneshepherd.net/


John Pousette-Dart: Talk  *****

Little Big Deal Music (USA 2015)

11 Tracks - 40:26 Min.

Produced by Bill VornDick

 

Wenn es erlaubt ist, die alte Floskel vom Steak, das dann richtig gut ist, wenn es vorher lang abgehangen wurde, auf Menschen zu übertragen, dann kann man mit Fug und Recht sagen, dass John Pousette-Dart eigentlich erst jetzt den Höhepunkt seiner musikalischen Produktion erreicht zu haben scheint. Nach der angestrengten Karriere-Rallye mit seiner Pousette-Dart-Band in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren hat er sich nun mit einer Rolle des entspannten Liebhaber-Musikanten abgefunden und gibt in längeren Abständen akustische Rauchzeichen. „Talk“ ist seine fünfte Solo-CD und die besondere Qualität liegt darin, dass man den Eindruck hat, hier sei im Studio („Ronnie’s Place“) ein kreatives Bandgefüge um den Singer-Songwriter Jon Pousette-Dart entstanden. Bekannte Namen wie Reggie Young, Dan Dugmore und David Hungate haben sich in Nashville eingefunden, um die durchwegs geschmackvollen Songs zu veredeln. So entsteht eine nie aufdringliche, aber stets hoch emotionale Melange aus Southern R&B, Soft-Rock und Country-Soul, die immer wieder an die großen Vorbilder Dobie Gray oder Jesse Winchester (dem auch mit seinem Songs „I Want To Mean Something“ aus dem Jahre 1988 ein Gruß ins Grab nachgesandt wurde) erinnert. Aus der 1977er-Schublade wurden dazu noch zwei PDB-Klassiker hervorgezaubert: „Amnesia“ und „County Line“, beide haben nichts an Frische verloren. Pousette-Darts Stimme ist immer noch in Bestform und seine neuen Kompositionen - egal ob als Mid-Tempo-Rocker oder als Soft-Rock-Balladen - haben eine besondere Attraktivität. Der beste Ausdruck dafür ist wohl: zeitlos! Oder: Gut abgehangen!

 

http://www.pousette-dart.com/


Don Henley: Cass County (Capitol 2015) ****

 

In den knapp bemessenen Pausen zwischen den Tournee-Strecken entwickeln die vier Eagles-Mitglieder den Ehr­geiz Solo-Projekte zu realisieren. Die letzten drei Veröf­fentlichungen waren allerdings eher mau: Timothy B. Schmit präsentierte recht seichte Liedchen („Expando“ 2009), Joe Walsh stöberte wenig originell in seiner Rum­pel-Kammer („Analog Man“ 2012) und Glenn Frey leistete sich einen definitiv überflüssigen Ausflug in die 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts („After Hours“ 2012). Somit durfte man gespannt sein, welchen solistischen Exkurs der Chef Don Henley anbietet. Die Auflösung: "Cass County" ist ein Rück­blick in seine Jugendzeit, die er in Linden, Texas ver­brachte, und ein anspruchsvoller Feldversuch zum Thema Modern Country oder Henley goes Nashville. Angesichts der seichten Massenware, die aus diesem Genre geliefert wird, tut sich der Ober-Eagle nicht allzu schwer, zu beweisen, dass er auch hier mehr Zwischentöne als die dröge Achy-Breaky-Heart-Fraktion produzieren kann. Zusammen mit großen Ge­sangskollegInnen (Dolly Parton, Alison Kraus, Trisha Yearwood, Lucinda Williams, Vince Gill, Merle Hag­gard und Mick Jagger) und zusammen mit seinem Kumpel Stan Lynch als Produzenten und Mit-Autor (der war mal Drummer bei Tom Petty) wurden auf der Deluxe-Version 16 Songs verewigt (die Economy-Ausgabe hat 12), die überwiegend selbst komponiert sind, aber auch fünf ausgefallene Cover-Versionen enthalten. (PS: um die Produkt-Verwirrung perfekt zu machen gibt es auch noch eine Super Deluxe Edition mit 18 Songs, darunter ein Duett mit Stevie Nicks!!)

Don Henley schlendert mit seiner markanten Stimme durch ca. 60 Jahre Country-History von der schmalztriefenden Ballade wie sie in den 1950er Jahren im Radio gespielt wurde („When I Stop Dreaming“) über den kalifornischen Country-Rock der 1970er Jahre a la „Tequila Sunrise“ („Waiting Tables“) bis zum genreübergreifenden Modern Country der Gegenwart („No Thank You“). Und irgend­wie sind dann auch noch zwei Songs hineingerutscht, die den altbekannten Don Henley der letzten Solo-CDs repräsentieren („Take A Picture Of  This“, „Words Can Break Your Heart“). Insgesamt ein gelungenes Kompendium, das aber über eine Tatsache nicht hinwegtäuschen kann: Am besten klingt’s, wenn sich die vier Eagles zusammensetzen und ihre musikalischen (und persönlichen) Reibungen wirken lassen.