HÖR.TEST


***** hervorragend    **** hörenswert    *** Licht und Schatten 

** nur bedingtes Vergnügen    * überflüssig


Josie Bello: Resilience ****

Josie Bello (USA 2022)

Produced by Mike Nugent

9 Tracks - 37:50 Min.

 

In Zeiten, die einem wie eine Dauerschleife verschiedener Krisen erscheinen, ist ein neu­es Fremdwort in aller Munde: Resilienz (lat: resilire „zurückspringen“ „abprallen“), also die psychische Widerstandsfähigkeit, die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sie durch Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen als Anlass für Entwicklungen zu nutzen.

Diesen Begriff hat die Singer / Songwriterin Josie Bello als Titel ihres neuen Studio-Albums - es ist ihr drittes nach „Can’t Go Home” (2018) und „Have Purpose Live Long” (2020) - gewählt; und sie kann da so einiges aus eigener Erfahrung beitragen.

Josie Bello ist aufgewachsen in Queens, NY, sie lebt jetzt in Huntington, NY. Zusammen mit Mike Nugent (g, b, dobro, voc und Produktion) sind neun eigene Songs entstanden, die einen folk-orientierten Roots-Rock als Basis haben, der durch Josies Fähigkeiten am Akkordeon und durch die Harmonika vom Jim Small manchmal ein leichtes Louisiana-Flair bekommt. Mit ihrer so gar nicht engelsgleichen Stimme erinnert Josie Bello an große Namen wie Rosanne Cash oder Bonnie Raitt, wobei diese natürlich (noch) in einer anderen Liga spielen.

Der Titelsong gibt mit kompaktem Dire-Straits-Groove die autobiografische Ich-Botschaft aus: „my life’s been all about resilience”. Resignative Momente erlebt man bei „I Am Empty“ und bei „Too Many Changes“, doch hier folgt auf die Klage „too many endings, too many miles, too many dreams” die positive Nachricht „I wasn’t always right but I always did my best“. Der nostalgische Blick auf die Jugendjahre („time was on my side / the future was a promise”) endet mit der nüchternen Gegenwarts-Analyse: „Killing Time“.

Abseits von privaten Einsichten ist Josie Bello eine aufrechte Kämpferin für eine bessere Welt was sie in ihren Songs „Rising“ und „The Sound Of Guitars“ eindrucksvoll demonstriert. Mit fast religiösem Unterton predigt sie „The time has come for us / to rise above the fear / hatred / violence”, und als optimistische Friedensbotschafterin glaubt sie an die versöhnende Kraft der Musik: „Put down the gun / give up the hatred / replace it with the sound of guitars”.

Aus den Anfängen ihrer Karriere hat sie noch eine präzise Milieu-Betrachtungen beim allmontäglichen „Coffee Shop Open Mic” im Programm. Mit dieser CD könnte ihr ein Sprung in größere Lokalitäten gelingen.

 

https://josiebello.com/


Mac Gayden: Come Along ****

ArenA Recordings (USA 2020)

Produced by Buzz Cason

11 Tracks - 42:06 Min.

 

Play It Again, Mac! Er hat’s noch mal gemacht, obwohl er mittlerweile zur Ü-80-Fraktion gehört. Zusammen mit seinem Uralt-Kumpel Buzz Cason hat Mac Gayden ein neues Album herausgebracht, und man wundert sich, dass es in seiner fast 60jährigen Musik-Karriere erst die No. 5 ist. Tatsache ist, dass er nicht durch seine eigenen Solo-CDs berühmt wurde, sondern durch seine Komposition „Everlasting Love“, die 1967 ein Hit für Robert Knight und etwas später für die Vanity Fair wurde. Diverse berühmte Namen hat er auf seiner Zusammenarbeits-Liste: Bob Dylan, Elvis Presley, Leonard Cohen, Kris Kristofferson, Duane Allman und Simon & Garfunkel - um nur die berühmtersten zu nennen. Außerdem hat er für den Song „Crazy Mama“ von J. J. Cale eine unvergessliche Slide Guitar mit Wah-Wah-Effekt eingespielt.

Genauso relaxed wie der leider schon verstorbene J. J. aus Tulsa ist auch die neue CD von Mac Gayden. Er braucht nichts mehr beweisen und darf auch zugeben, dass seine Stimme einen gewissen Alterungsprozess durchlaufen hat. Dafür hat er zusammen mit Buzz Cason in dessen Studio Creative Workshop in Berry Hill, Tennessee zehn angenehme Songs aus der Schublade gezaubert und in einer entspannten Mischung aus Retro-Roots-Rock und Country-Folk eingespielt. Geradezu programmatisch sind die Songtitel „Baby Slow Down“ und „Back Porch Gettin‘ Down“, als Anspieltipps eignen sich besonders der Titelsong und „The Day I Fell For You“. In zwei Versionen leuchtet der „Cherokee Moon“: einmal als bildstarke Band-Version mit einer stimmungsvollen Steel Guitar von Parker Carson (der Sohn von Buzz!), einmal als Aufzeichnung eines Haus-Konzerts von 2015, bei dem der legendäre Steve Young („Seven Bridges Road“) im Hintergrund etwas Gitarre zugibt. Mac Gayden hat sich eine junge Crew von Studio-Musikern aus Nashville engagiert: Sadler Vaden (g), Michael Rinne (b), John Radford (dr) und Micah Hulscher (keyb).

Das ist alles nicht besonders spektakulär, aber getragen von einer gewissen Altersweisheit und geprägt von relaxter Musikalität. Also nehmen wir die Einladung des bekennenden Yogi Mac gerne an: „Come along / you’re not alone / we can carry on / there’s a place / I’m talking about / where we can sing / and we can shout”.

 

https://www.arenarecordings.net/new-page


Sam Morrow: Concrete And Mud  ****

Sam Morrow / Forty Below Records (USA 2018)

Produced by Eric Corne

10 Tracks - 39:15 Min.

 

Wenn man sich den bisherigen Output von Sam Morrow anhand seiner vier CDs anschaut, wird man feststellen: das Highlight ist Nr. 3 mit dem Titel „Concrete And Mud“. Hier hat der in Kalifornien lebende, aber in Texas aufgewachsene Musiker seine besten Songs versammelt, hier hat er stimmlich eine besondere Klasse erreicht und hier hat er im Studio eine kompakte und perfekt groovende Band versammelt: Matt Tecu (dr), Ted Russell Kamp (b), Eli Wulfmeir (g), Sasha Smith (keyb) und Eamon Ryland (slide g) bilden einen harten Sound-Kern für diese Mischung aus synkopiertem Southern Rock, erdigem Roots Rock und bluesigem Country Rock. Manchmal fühlt man sich an die besten Tage von Little Feat erinnert, die neben Los Lobos und den Queens Of The Stone Age zu den Vorbildern von Sam Morrow zählen.

Eine wichtige Rolle für das Gelingen dieser CD spielt auch Eric Corne: er ist Produzent, leitender Studio-Techniker, Chef des Plattenlabels Forty Below Records, Mitkomponist und Background-Vokalist.

Spielt man die Songs „Heartbreak Man”, „Paid By The Mile”, “Quick Fix” und „Cigarettes” in Dauerschleife ab, geht einem der funkige Groove bald nicht mehr aus dem Kopf. Dazu kommt noch mit dem herausragenden „Weight Of A Stone“ und mit „San Fernando Sunshine“ ein leicht gebremstes Breitwand-Kino von hoher Emotionalität, und mit „Skinny Elvis“ und „Coming Hone“ folgen zwei erdige Country-Rocker, die von Altmeister Jay Dee Maness an der Pedal Steel Gitarre veredelt werden. „Mississippi River“ ist eine von der Fiddle (Aubrery Richmond) begleitete Schiffsreise durch ein „land of contradictions“, an seinen Ufern hausen „independent thinkers“ und natürlich auch „Whisky Drinkers“. Sam Morrows Texte mischen politische und private Beobachtungen, bei „Good Ole Days“ kommt er zu der Erkenntnis, dass die guten alten Zeiten auch nicht immer besser waren.

Dringende Kaufempfehlung (und die gilt zu 90 % auch für sein aktuelles Album „Gettin‘ By On Gettin‘ Down“), verbunden mit der Hoffnung, dass es Sam Morrow einmal live nach Europa schafft.

 

https://www.sammorrowmusic.com/


The Sky Kings: From Out Of The Blue ***

Rhino Handmade RHM 7714 (USA 2000)

Compilation produced by Roland Worthington Hand

24 Tracks - 78:30 Min.

 

Das ist die ein bisschen traurige Geschichte einer Band, die mit viel Vorschusslorbeeren und Optimismus gestartet ist, dann aber im Dickicht der Plattenindustrie versickerte. Es ist gleichzeitig ein Lehrstück über Musik-Business in der Marktwirtschaft und über die Rolle des privaten Format-Radios.

Alles begann im Jahr 1991 mit der Idee, vier bekannte Musiker zu einer Country-Rock-Supergroup zusammenzuschweißen. Alle vier waren mit ihren bisherigen Projekten an einer Art Wendepunkt angekommen: Bill Lloyd hatte sich von seinem Erfolgs-Partner Radney Foster getrennt, John Cowan stand nach der Auflösung der Band New Grass Revival alleine da, Rusty Young zweifelte nach dem Abgang von Timothy B. Schmidt zu den Eagles am weiteren Lebenswillen der Band Poco, und Pat Simmons fremdelte ein bisschen mit seiner Band, den Doobie Brothers. Kurzzeitig war auch noch Ex-Eagle Randy Meisner im Gespräch, der aber dankend ablehnte. So gab es Gespräche zwischen Bill Lloyd und Rusty Young; RCA Nashville mit dem Produzenten Josh Leo meldete Interesse an.

Ein Jahr später war ein Album mit zehn Songs fertig produziert, doch interne Personal-Rochaden bei RCA markierten plötzlich einen Veröffentlichungs-Stopp. Lloyd, Cowan & Young (Pat Simmons war wieder bei seinen Doobie Brüdern) klopften darauf bei Warner Brothers an, die aber knallharte Bedingungen stellten: neues Song-Material, Festlegung auf einen Hauptsänger und Orientierung an dem Sound der Modern-Country-Radiostationen. Die drei verbliebenen Bandmitglieder, die ihren Namen inzwischen aus rechtlichen Gründen von „Four Wheel Drive“ in „The Sky Kings“ verändert hatten, akzeptierten diese Maßgaben, arbeiteten unverdrossen weiter, machten Promo-Besuche bei Radiostationen und hatten auch zahlreiche Live-Gigs. Doch irgendwann wurde deutlich, dass auch Warner Bros. das Ganze nur halbherzig unterstützte, und so ergab sich 1997 ein endgültiger Schlusspunkt. Zwei Singles waren veröffentlicht, ein Smokey-Robinson-Song landete auf einem Country-Christmas-Sampler, der Rest war Schweigen!

Zum Glück gibt es aber auch Plattenfirmen, die abseits der kommerziellen Hauptstraßen nach hörenswerter Musik suchen. Und so entschloss sich Rhino Handmade im Jahr 2000 eine Kompilation herauszugeben, nicht The Very Best Of sondern eher ein Complete Work of The Sky Kings mit einer Laufzeit von über 78 Minuten. Leider ist diese Sammlung auch schon wieder aus dem Katalog gestrichen und damit nur noch auf dem Gebrauchtwarenmarkt zu finden.

Das ist einerseits schade, andererseits aber auch verkraftbar, denn die drei Musiker haben vorher (= vor 1991) und nachher (= nach 1997) mehr Qualität geliefert. Die 24 Songs der Sky Kings sind eben typische Formatware, kommerziell konstruiert und textlich eine Aneinanderreihung von Klischees - meist in der Machart von Confederate Railroad oder Little Texas. Dennoch kann man konstatieren, dass die Herren Lloyd, Cowan & Young nie unter eine gewisse Niveau-Linie fallen, dass der Solo-Gesang von John Cowan ein Hammer ist und dass die instrumentelle Aufarbeitung immer ohne Makel ist. Punktuell tauchen interessante Gäste bei einzelnen Titeln auf: Al Kooper, Sam Bush und Leon Russell. Als Co-Writer sollte man Craig Fuller, Delbert McClinton und Jim Photoglo erwähnen. Und die Cover-Version von Elvin Bishops „Fooled Around And Fell In Love” lässt sich auch heute noch mit Vergnügen anhören.

John McFee hat etwas Ähnliches wie die Sky Kings mit der Band Southern Pacific lanciert, Jack Sundrud wollte mit Great Plains das vermeintliche Modern-Country-Erfolgsrezept ausprobieren. Beide sind mittlerweile wieder reumütig auf die authentische Musik-Schiene zurückgekehrt. Der 2021 verstorbene Rusty Young spricht in den Liner Notes das passende Schlusswort: “one of the benefits of a long career in the music business is you learn to make music you’re proud of and be able to walk away knowing you’ve done your best!”

 

https://www.billlloydmusic.net/

https://www.johncowan.com/

https://blueelan.com/collections/rusty-young


Various Artists: My Friend. A Tribute To Rusty Young  ****

Blue Elan Records (USA 2022)

Produced by Kirk Pasich

16 Tracks - 60:45 Min.

 

2021 war ein hartes Jahr für alle Fans der Gruppe Poco: das Gründungsmitglied Rusty Young starb am 14. April im Alter von 75 Jahren, der langjährige Gitarrist, Sänger und Songschreiber Paul Cotton starb am 31. Juli im Alter von 78 Jahren.

Nachdem Drummer George Grantham seit einem Schlaganfall 2004 weitgehend außer Gefecht ist und Randy Meisners schlechte gesundheitliche Verfassung keine musikalischen Aktivitäten mehr zulässt, nachdem Richie Furay seine Power nur noch für vereinzelte Solo-Konzerte aufspart und Timothy B. Schmit nach wie vor gut beschäftigter Bassist der Eagles bleibt, muss man wohl vom endgültigen Ende dieser legendären und Musikgeschichte (Country meets Rock) schreibenden Band sprechen. Immerhin steht aber mit Cimarron 615 eine Band in den Startlöchern, deren Mitglieder (Jack Sundrud, Bill Lloyd, Michael Webb, Rick Lonow, Tom Hampton) viele Beziehungen zu Poco aufweisen und die nun bald ein Debüt-Album auf den Markt bringen wird.

Hier aber soll die Rede von einem Tribute-Album sein, das als letzte Ehrung für Rusty Young konzipiert wurde. Kirk Pasich, der Chef der Plattenfirma Blue Elan Records, hat dafür seine musikalische Familie und noch ein paar Mitstreiter versammelt; herausgekommen ist eine leicht wehmütige, aber meist sehr hörenswerte CD, auf der 15 Songs von Rusty Young und der größte Poco-Hit „Call It Love“ (damals -1989 - gesungen von Rusty Young) in sehr interessanten Versionen versammelt sind. Wenn man das Intro, ein Rusty-Young-Medley mit einem weiblichen Streicher-Quartett, überstanden hat, kommt gleich ein deftiger Rocker („Rough Edges“), der darauf hinweist, dass Rusty Young nicht nur der Mann der leiseren Soft-Country-Pop-Töne war. Es folgt die Newgrass-Attacke „Rocky Mountain Breakdown“ vom siebten Poco-Album (1974) - übrigens die erste eigenständige Rusty-Young-Komposition, die dieser bei der Band unterbringen konnte. Eigentlich war er ja nur für die Bedienung der Country-Instrumente (Pedal Steel Guitar, Dobro, Banjo etc.) engagiert worden, hat sich aber bis 2000 zum Bandleader hochgearbeitet.

Das eindeutig beste späte Poco-Album „Running Horse“ (2002) ist mit drei Titel vertreten, die großen Hits der Band sind nicht vergessen worden: „Rose Of Cimarron“, „Call It Love“ und „Crazy Love“.

Zwei bisher unveröffentlichte Kompositionen sind erfreulicherweise vorhanden: „Old Hat“ hat Rusty Young 1992 zusammen mit Jack Sundrud geschrieben, der Song sollte eigentlich ins Repertoire der damals konzipierten Country-Rock-Supergroup „The Sky Kings“ (Rusty Young, Bill Lloyd, John Cowan und Patrick Simmons) kommen, doch nach fünf Jahren ohne finalisierte Platten-Veröffentlichung wurde das Ganze wieder gecancelt. Ein fast ähnliches Schicksal hatte übrigens das Trio Souther-Hillman-Furay-Band! Ebenfalls neu ist der Song „Crooked Road“, den Rusty Young zusammen mit Suzanne Spring, der derzeitigen Frontfrau der Mustangs Of The West, 1999 zu Papier gebracht hatte.

Besonders lohnenswerte Anspieltipps sind die dampfende Gospel-Rock-Version „Gonna Let It Rain“ von Sam Morrow und der perfekte Country-Pop-Song „If Your Heart Needs A Hand” in der Version von Janiva Magness. Das schön ausgestattete Album endet mit der Frage, die bei solchen Anlässen immer passt: „Where Did The Time Go?“

 

https://blueelan.com/products/my-friend-a-tribute-to-rusty-young-digital-album


Scott Martin: Corner Of The World    ******

ScottMartinSongs (USA 2022)

Produced by Scott Martin & Michael Henchman

10 Tracks - 39:21 Min.

 

Das hat doch fast den Charakter einer Wiederauferstehung! Nach über 25jähriger Pause meldet sich der Singer/Songwriter Scott Martin, der in den 1980er Jahren eine hoffnungsvolle Musik-Karriere an der US-Westküste startete, mit einem Album zurück, für das zunächst nur ein Wort genügt: beeindruckend! Wir reden hier von seiner aktuellen CD „Corner Of The World“ und nicht von dem 2018er-Projekt, das irgendwie - gemäß seinem Titel „Missing“ - von der Bildfläche der Öffentlichkeit verschwunden ist.

Jetzt aber ist alles vorhanden: zehn perfekte Songs, die faszinierende Stimme von Scott Martin, sein kreatives Fingerpicking auf der akustischen Gitarre und die treffsicheren Soft-Rock-Arrangements, die er zusammen mit Michael Henchman entwickelt hat: Man möchte fast meinen, Scott Martin habe den Staffelstab von seinem großen Idol Dan Fogelberg (2007 verstorben) übernommen, doch auch andere Namen aus der Country/Folk/Rock-Szene drängen sich als Vergleiche auf: „Roxham Road“ klingt ein bisschen nach „Crazy Love“ von Poco, „We Dance Together“ könnte aus dem Repertoire der Band Venice stammen und „A Little Mystery““ (geschrieben zusammen mit Terry Klein, einem anderen in Austin lebenden Musiker) wäre ein Edelstein auf jeder John-Pousette-Dart-CD gewesen. Stimmlich liegt Scott Martin irgendwo zwischen Timothy B. Schmit, Jim Photoglo und Jeff Larson, er hat die Fähigkeit unangestrengt und unprätentiös, aber gleichzeitig sehr bewegend seine Song-Botschaften zu übermitteln.

Seine Texte sind eher im privaten Bereich angesiedelt und haben im Kern einen optimistischen Grundton: „Our cares are far away / And I’m just glad to be with you / For one more beautiful day“. Er kennt aber auch die dunklen Stunden und den wenig engelsgleichen Alltag. Er kennt die Träume von einer anderen, besseren Welt und die Tage die ohne Höhepunkte dahinplätschern; dennoch gilt die Devise: „We believe we have the power / We can will the sun to rise / Still the fire in my head / Never cools“. Scott Martin erzählt aber auch von den Lebensweisheiten, die ihm sein Vater mitgegeben hat („Find What You Love“) und von Flüchtlingsschicksalen an der kanadisch-amerikanischen Grenze („Roxham Road“).

Es wäre dringend zu wünschen, dass dieses unabhängig produzierte Album viel Aufmerksamkeit auf Scott Martin lenkt; denn es ist - ein großes Wort - ein Meisterwerk!

 

https://scottmartinsongs.com/home


The Dillards: Old Road New Again ***

Pinecastle Recording (USA 2020)

Produced by Bill VornDick

11 Tracks - 33:56 Min.

 

Seit den frühen 1960er Jahren steht der Name The Dillards für eine Wegmarkierung in der amerikanischen Musik: der Entwicklung vom traditionellen Bluegrass zum modernen Country- und Folk-Rock. Die Brüder Douglas und Rodney Dillard bildeten zusammen mit Mitch Jayne (b) und Dean Webb (mand) ein ambitioniertes Bluegrass-Quartett, verließen aber bald nach ihrem Debüt-Album „Back Porch Bluegrass“ (1963) das ländliche Salem, Missouri und die Ozark Mountains und wurden zu einem heißen Tipp in der kalifornischen Musik-Szene. Sie inspirierten Bands wie The Eagles, Poco, die Nitty Gritty Dirt Band und die Flying Burrito Brothers zu einer Fusion von Rock und Country-Traditionen. Auch die Dillards selber ergänzten ihre Arrangements um Schlagzeug, elektrischen Gitarren und sogar teilweise mit Streicher-Flächen. So wurden die Alben „Wheatstraw Suite“ (1968) und „Copperfields“ (1970) zu Trendsettern. Für Douglas Dillard war das offensichtlich zu „modern“, andere Musiker wie Herb Pedersen (g, mand, voc), John Hartford (bj, voc) oder Byron Berline (fiddle) stiegen ein. Der ganz große Durchbruch stellte sich freilich nicht ein und eine große Family Reunion 1979 in Salem, Missouri bildete den Abschluss - immerhin verkündete der Bürgermeister den 8. August 1979 zum Dillard-Day! Und die Vinyl-Alben von The Dillards, Douglas Flint Dillard, Rodney Dillard, Dillard & Clark und Dillard-Hartford-Dillard nehmen in meinem Plattenschrank einen Platz von gut 20 Zentimetern ein.

Von der Original-Besetzung lebt mittlerweile nur noch Rodney Dillard (geboren 1942), der aber unermüdlich versucht, das Dillards-Projekt am Laufen zu halten. Insofern ist die vorliegende CD ein munteres Lebenszeichen, spannend vor allem deswegen, weil es Rodney Dillard gelungen ist, eine Reihe illustrer Gäste als Mitstreiter zu gewinnen: Don Henley, Ricky Skaggs, Herb Pedersen, Sharon & Cheryl White, Bernie Leadon und Sam Bush - das ist schon das Who’s Who des Country Rock! Die elf Songs pendeln zwischen traditionellem Bluegrass, folkigem Newgrass und melodiösem Country Rock. Manches wirkt ein bisschen angestaubt, aber die Stimme von Rodney Dillard und die verschiedenen Vokal-Harmonien - auch mit seiner Frau Beverly - entfalten noch den alten Glanz. Das Duett mit Don Henley in dem Song „My Last Sunset“ erweist sich als besinnliches Take-It-Easy-Remake und der Titelsong ist ein nostalgischer Rückblick auf die glorreichen späten 1960er Jahre: „Buffalo roamed the Springfield, The Beatles and the grass / the Colonels and the Parsons weighed this wheated past / Angel City Darlings, Sweethearts Of The Rodeo / we tasted all the beauty of the Queen and Sally Rose”.

Rodney Dillard charakterisiert sich als geerdeter Common Man, die höchst missverständliche Botschaft „Tearing Our Liberty Down“ hätte er sich jedoch sparen können! NGDB-Mitglied John McEuen und Elektra-Gründer Jac Holzman gratulieren dennoch mit vollem Herzen zu diesem Neubeginn auf der alten Straße.

 

https://rodneydillard.tv/


Surrender Hill: Just Another Honky Tonk **

In A Quiet Western Town ****

Blue Betty Records (USA 2022)

Produced by Robin Dean Salmon

CD 1: 12 Track - 47:29 Min. / CD 2: 12 Tracks - 52:07 Min.

 

Hinter dem Bandnamen Surrender Hill, der an den Ort in Südafrika erinnert, an dem die Buren ihre Niederlage gegen die Briten im zweiten Burenkrieg (1899 - 1902) eingestehen mussten, steht das musikalische und private Duo Robin Dean Salmon und Afton Seekins Salmon. Die beiden trafen nach höchst unterschiedlichen künstlerischen Entwicklungen 2013 in Arizona aufeinander, produzierten zwischen 2015 und 2018 drei Alben („Surrender Hill“, „Right Her, Right Now“ und „Tore Down Fences“) und hatten etwa 200 Auftritte pro Jahr, nicht nur im amerikanischen Südwesten. Die erzwungene Live-Pause durch die Pandemie führte dann zu einem ambitionierten Home-Studio-Projekt, der nun vorliegenden Doppel-CD.

Die erste CD („Just Another Honky Tonk“) enthält eine dicke Portion der Art von Musik, die die Blues Brothers als falsche „Good Ole Boys“ in Bob’s Country Bunker hätten spielen sollen. Das mag live im entsprechenden Ambiente ganz witzig sein, als digitale Konserve werden die Cowboy- und Honky-Tonk-Klischees doch schnell etwas langweilig. Ausnahme: der Titel „Forgotten Town“, der auch auf eine Platte von Chris Isaac oder zu einem Film von Quentin Tarantino passen würde.

Konzentrieren wir uns also auf CD Nummer 2 („Quiet Western Town“), auf der Surrender Hill ihre Stärken als AltCountry/Americana-Band eindrucksvoll demonstriert. Ein Pfund sind ohne Frage die Stimmen von Robin & Afton, die sowohl für sich allein als auch im Harmoniegesang an Civil Wars oder sogar an Robert Plant & Alison Krauss erinnern. Dazu präsentieren beide ein einprägsames Songwriting, meist im beschaulichen Tempo mit Themen, die die Realität der Gegenwart spiegeln. Der Auftaktsong „Tumbleweed“ kreiert eine magische Stimmung und endet in einer eruptiven Steigerung, er erzählt von kleinen Städten, die sich in Ghosttowns verwandelt haben - Erinnerungen an Peter Bogdanovichs Kultfilm „The Last Picture Show“ kommen auf. Eine Abkehr von gesellschaftlicher Spaltung und von Hassbotschaften fordern „Call Upon My Friends“ und „Love Your Neighbor“, „Nothing But The Skin“ erinnert an die Humanität als Grundlage menschlicher Beziehungen.

Das Ehepaar Salmon hat sich gewichtige musikalische Unterstützung gesichert, allen voran den gefragten Studio- und Tour-Gitarristen Mike Waldron, bekannt durch seine Arbeit für Lee An Womack, Martina McBride und Garth Brooks. Matt Crouse (dr) und Drew Lawson (b) bilden eine solide Rhythmusgruppe, dazu sorgt Mike Daly (pedal steel) für Breitwand-Country-Kino und Eric Fritsch (keyb) lässt die Hammond B 3 zünftig rauchen.

Während also CD 1 für eine Line-Dance-Party beiseitegelegt werden kann, ist CD 2 ein Versprechen für eine mögliche weitere Karriere von Surrender Hill. No surrender!

 

https://surrenderhill.com/home


Brock Davis: A Song Waiting To Be Sung ****

Raintown Records (USA 2022)

Produced by Brock Davis

13 Tracks - 45:50 Min.

 

Brock Davis hat eine Pause eingelegt, vielleicht nennt man das Elternzeit, Zeit für die Familie, Zeit um zu sich zurückzufinden. 2006 wurde sein Sohn Keith geboren, 15 Jahre später hat ihn die musikalische Leidenschaft wieder erfasst, diverse Songs lagerten in der Schublade und auch in Ronnie’s Place Studio in Nashville war Zeit für einen Aufnahmetermin unter der Leitung von Zach Allen. Die Anreise von Santa Cruz, California hat sich definitiv gelohnt, die Songs, die darauf warteten gesungen zu werden, sind im Kasten, und die gleichnamige CD präsentiert 13 Titel von solider Qualität.

Das musikalische Spektrum von Brock Davis reicht vom Mainstream Rock eines Tom Petty oder eines Rick Springfield bis zu melodiösen Country Pop im Stile eines Jesse Brewster mit extrem radiotauglichen Hooklines. Neben ein paar eher klischeehaften Lovesongs gibt es auch packende Anspiel-Tipps: etwa das dynamische „Can‘t Get Close Enough To You“ und das autobiografische „I Get It Now“, ein Lied, in dem Brock Davis von einem früheren Sportlehrer erzählt, dessen Ratschläge er leider nur später als Erwachsener befolgt hat: „didn’t get it then / but how I get it now“. Der Titelsong erzählt von der Geburt seines Sohnes: „The dawn is breaking, I’m the world’s most lucky man / I’ve heard the secret and now I understand … my simple dream is lying in my arms - a tiny son”. Großen Optimismus strahlt auch der gospelartige Song „We Will Rise“ aus mit seinen hymnischen Background Vocals und einer rauchigen Hammond-Orgel von Michael Hicks. „All Free“ transportiert eine Botschaft gegen den alltäglichen Rassismus: „If we’re not all free / Then we’re not free at all“.

Insgesamt ist diese CD auch eine Art Selbst-Medikation des Musikers Brock Davis, ein Weg aus diversen Lebenskrisen und ein neuer Start - „Second Time Around“. Die Daumen sind gedrückt, eine breite Aufmerksamkeit wäre verdient.

 

https://brockdavismusic.com/home


Jefferson Ross: Southern Currency   ****

Jefferson Ross (USA 2022)

Produced by Thomm Jutz

11 Tracks - 44:09 Min.

 

Jefferson Ross ist ein Künstler mit vielen Facetten: er ist Sänger und Songwriter, spielt Gitarre, fotografiert und zeichnet - vor allem mit seiner Lieblingsfarbe Blau. Er pendelt zwischen Atlanta, Georgia und Nashville, Tennessee, ist tief verwurzelt im Leben der Südstaaten, kann aber differenzieren zwischen tumbem Patriotismus und empathischen Heimatgefühlen, erkennt die Widersprüche dieser Region und ihrer Menschen. So ist es nicht verwunderlich, dass sein fünftes Album einem Konzept folgt: „Southern Currency“ ist eine Reise durch die elf Südstaaten von A wie Alabama bis V wie Virginia, doch bestimmt kein rosafarbener Reiseführer, der nur von Mondlicht und Magnolias erzählt. Vergleichbar ist „Southern Currency“ mit Rosanne Cashs „The River And The Thread” oder „Riverland“, der Mississippi-Flussfahrt von Eric Brace, Peter Cooper und Thomm Jutz. Letzterer ist auch der gewichtige musikalische Begleiter von Jefferson Ross`s Song-Route. Die elf Titel wurden in den TJ-Tunes-Studios in Nashville aufgenommen, in einem streng akustischen Newgrass-Arrangement mit Lynn Williams (dr) und Mark Fain (b) als Grundlage, zu der Mike Compton (mand), Tammy Rogers-King (fiddle) und Thomm Jutz (g) für die instrumentellen Highlights sorgen.

Jefferson Ross erzählt mit angenehmem Timbre die Geschichten des amerikanischen Südens: tragische Familienkonflikte im Bürgerkrieg, Rassenunruhen in Birmingham, Alabama und einmalige Farbkompositionen beim Sonnenuntergang in Florida; die authentische Küche von Louisiana und entspannte Autofahrten in South Carolina („flow through life just like a cadillac“); das kurze Leben des Schriftstellers Thomas Wolfe und die Music der Allman Brothers sowie von James Brown „down in Macon, Georgia“. Ernestine tanzt mit Randy den „Nashville Neon Waltz“ in einer kleinen Bar, ein übermütiger Macho posaunt derweil in Clarksdale: „If I was the prince of the delta / I’d want to be the king of Mississippi “.

Die Musik spannt einen stilistischen Bogen vom sonnigen Folk-Pop über traditionellen Bluegrass-Country zum erdigen Country-Blues, ähnliche Texturen haben Chris Hillman und Herb Pedersen in ihren Werken erzeugt. Eines ist sicher: „Southern Currency“ ist kein wertloses Geld, sondern eine lohnenswerte Anlage in hochwertige Musik.

Wer daneben noch das geschriebene Wort und die Fotografie liebt, sei auf Jeffersons Bildband „Southern Light. Visual and Verbal Snapshots of the South“ verwiesen, wo er eigene Bilder mit Haiku-Poetik kombiniert.

 

http://jeffersonross.com/


Terry Klein: Good Luck, Take Care ****

terrykleinmusic (USA 2022)

Produced by Thomm Jutz

10 Tracks - 38:56 Min.

 

Für seine dritte CD (nach „Great Northern“ und „tex“) hat sich Terry Klein aus seiner Komfortzone Austin bewegt und den Sprung nach Nashville gewagt. Für fünf Tage war er während des Oktobers 2021 im TJ-Tunes-Studio von Thomm Jutz, dem mittlerweile sehr erfolgreichen Deutsch-Amerikaner, und das Ergebnis ist beeindruckend. Zehn Eigenkompositionen enthält das Album, die Musik entfernt sich vom akustischen Folk früherer Tage und tendiert mehr zu einem rauen Roots-Rock, ganz in der Tradition von Steve Earle, Rodney Crowell oder Lee Clayton. Das ist auch insofern überraschend, als Produzent Thomm Jutz mehr vom Bluegrass kommt, diesmal aber robust zur elektrischen Gitarre greift und mit Lynn Williams (dr) und Tim Marks (b) ein sehr kompaktes Rhythmus-Duo einbestellt hat. Für die Country-Elemente sorgen Tammy Rogers (fiddle, mand) und Scotty Sanders (pedal steel).

Das große Plus des Albums sind aber die Songwriting-Fähigkeiten von Terry Klein, der von sich sagt, dass er keine abstrakten Texte mag und lieber Geschichten aus dem alltäglichen Leben erzählt. Er scheut sich nicht, über eigene Panik-Attacken zu sprechen („Sixty In A Seventy Five“), vom Selbstmord des berühmten Stock-Car-Fahrers Dick Trickle zu berichten („Dick Trickle“) oder die kritischen Fragen der eigenen Tochter zum Fleisch-Konsum zu thematisieren („Does The Fish Feel The Knive“).

Terry Klein berichtet auch mit kritischen Untertönen von seinen jüngeren Jahren in Boston („Such A Town“) und von einer längst vergangenen Liaison mit der Drogendealerin Cheryl („Cheryl“). Klein ist kein Prediger mit erhobenem Zeigefinger, wer aber dennoch eine gewisse Botschaft heraushören möchte, sei auf den Song „What You Lose Along The Way“ verwiesen. Der endet mit der realistischen Erkenntnis: das Leben ist eine Summe von Verlusten - aber dennoch lebenswert! Und die CD ist kein oberflächliches Vergnügen - aber dennoch (oder gerade deswegen) sehr hörenswert!

 

https://www.terrykleinmusic.com/


Wollen die Russen Krieg?

Oder lieben sie ihre Kinder dafür zu sehr?

 

Das Verhältnis des Westens zu Russland (vormals UdSSR), zu seinen Einwohnern und zu seiner Regierung war in den letzten 70 Jahren geprägt von Antikommunismus, Bedrohungsangst, aber auch von neuer Hoffnung auf Partnerschaft. Mit Putins Überfall auf die Ukraine haben die Beziehungen einen zwischenzeitlichen Tiefpunkt erreicht. In Europa ist am 24. Februar 2022 etwas passiert, was nach 1945 eigentlich ausgeschlossen sein sollte: ein mit brutaler Konsequenz inszenierter völkerrechtswidriger Angriffskrieg gegen einen souveränen Nachbarstaat, kombiniert mit einer zynischen Desinformations-Kampagne.

Deshalb erscheint es sinnvoll, an zwei Kulturschaffende zu erinnern, die sich in der Vergangenheit die Frage stellten, ob von Seiten Russlands ein Angriffskrieg gegen den Westen drohe. Der eine ist der russische Schriftsteller Jewgeni Jewtuschenko (1932 - 2017) - bekannt durch seinen Roman „Stirb nicht vor deiner Zeit“ -, der 1961 das Gedicht „Meinst du, die Russen wollen Krieg?“ veröffentlichte. Unter dem Eindruck einer Reise durch Westeuropa und die USA, ein Jahr vor der Kuba-Krise, die die Welt an den Rand eines Atomkriegs brachte, entstanden die Zeilen, die noch im selben Jahr von dem russischen Komponisten Eduard Kolmanowski vertont und von Siegfried Siemund ins Deutsche übersetzt wurden.

Meinst du, die Russen wollen Krieg? / Befrag die Stille, die da schwieg

im weiten Feld, im Pappelhain, / Befrag die Birken an dem Rain.

Dort, wo er liegt in seinem Grab, / den russischen Soldaten frag!

Sein Sohn dir d‘rauf die Antwort gibt: / Meinst du, die Russen wollen Krieg?

 

Nicht nur fürs eig’ne Vaterland / fiel der Soldat im Weltenbrand.

Nein, dass auf Erden jedermann / in Ruhe schlafen gehen kann.

Holt euch bei jenem Kämpfer Rat, / der siegend an die Elbe trat,

was tief in unsren Herzen blieb: / Meinst du, die Russen wollen Krieg?

 

Der Kampf hat uns nicht schwach gesehn, / doch nie mehr möge es geschehn,

dass Menschenblut, so rot und heiß, / der bitt’ren Erde werd’ zum Preis.

Frag Mütter, die seit damals grau, / befrag doch bitte meine Frau.

Die Antwort in der Frage liegt: / Meinst du, die Russen wollen Krieg?

 

Es weiß, wer schmiedet und wer webt, / es weiß, wer ackert und wer sät -

ein jedes Volk die Wahrheit sieht: / Meinst du, die Russen wollen,

meinst du, die Russen wollen, meinst du, die Russen wollen Krieg?


Das Gedicht war besonders in der DDR sehr populär, wurde im Schulunterricht auswendig gelernt, bei FDJ-Treffen als antifaschistisches Kampflied gesungen. Hochgradig peinlich, dass die linke, marxistisch orientierte, überregionale Tageszeitung „Junge Welt“, dieses Gedicht in der Ausgabe vom 8. Januar 2022 als Beitrag gegen die „antirussische Hetze“ veröffentlichte. Die Ambivalenz der vier Strophen äußert sich nicht nur in der Legende vom guten Krieg und in der Heroisierung des edlen Soldaten, sondern auch in der grundsätzlich problematischen Typisierung des friedliebenden „Russen“.

 

24 Jahre später komponierte der englische Musiker Sting (Gordon Matthew Thomas Sumner) für „The Dream Of The Blue Turtles“, sein erstes Solo-Album nach der Police-Zeit, den Song „Russians“, eine dezidierte Stellungnahme gegen die Kalte-Kriegs-Rhetorik des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan: die Sowjetunion sei das „Reich des Bösen“.

In Europe and America / there's a growing feeling of hysteria

Conditioned to respond to all the threats / In the rhetorical speeches of the Soviets

Mister Krushchev said, „We will bury you“/ I don't subscribe to this point of view

It'd be such an ignorant thing to do / If the Russians love their children too

 

How can I save my little boy / from Oppenheimer's deadly toy?

There is no monopoly on common sense / On either side of the political fence

We share the same biology, / regardless of ideology

Believe me when I say to you / I hope the Russians love their children too

 

There is no historical precedent / To put the words in the mouth of the president?

There's no such thing as a winnable war / It's a lie we don't believe anymore

We share the same biology, / …


 

Anders als Jewtuschenko nahm Sting damals die kritische Perspektive auf die Positionen des Westens ein, geleitet von einer pazifistischen Überzeugung und von dem Glauben an die weltweite humane Zivilisation. Der Februar 2022 hat ihn jedoch belehrt, dass zumindest einige in verantwortlichen Positionen sitzende Russen diese Liebe zu den (eigenen) Kindern nicht ganz so ernst nehmen. Sting hat darauf ganz aktuell in einem emotionalen Instagram-Beitrag erklärt, er habe nie gedacht, dass dieser Song noch einmal relevant werden könnte. Doch in Anbetracht der „blutigen und erbärmlich falschen Entscheidung eines einzelnen Mannes, bei seinem friedlichen Nachbarn einzumarschieren“ sei „Russians“ ein leider wieder aktuelles Plädoyer für Menschlichkeit. Begleitet vom Cellisten Ramiro Belgardt und unter Verzicht auf die Textzeile zu „Mister Reagan“ performte er im heimischen Studio den Song für „die mutigen Ukrainer, die gegen diese Tyrannei kämpfen, aber auch für die vielen Russen, die eine Gefängnisstrafe in Kauf nehmen, um gegen die Schandtat zu protestieren“.

Die fatale Kontinuität vom Schuh des Nikita Chruschtschow, über die Rambo-Mentalität des Ronald Reagan zu den Großmacht-Phantasien des Wladimir Putin sollte eigentlich zu einem neuen lyrischen Versuch gegen die irrationale Logik des militärischen Denkens herausfordern: „Give Peace A Chance“!


John Mellencamp: Strictly A One-Eyed Jack   *****

Republic Records (USA 2021)

Produced by John Mellencamp

12 Tracks - 48:43 Min.

 

John Mellencamp, der sich am Anfang seiner Karriere noch mit dem geschmeidig-anzüglichen Beinamen „Cougar“ schmückte, war (neben Tom Petty) der unbestrittene Botschafter des ländlichen US-Heartland Rock - rau, aber herzlich. Davon ist auf seiner 25. Studio-CD nur noch das erste Adjektiv übriggeblieben. Die Arrangements (sogar die leicht angezerrte Geige von Miriam Sturm) und die Stimme sind rau wie Schmirgelpapier, die Gesamt-Befindlichkeit ist jetzt verbittert.

Es wäre auch ein bisschen peinlich, wenn man nach vierzig Jahren immer noch die Welt aus dem Horizont des Auto-Rücksitzes der Schulfreundin Diane betrachten und die Dauer-Juvenilisierung („Hold on to 16 as long as you can“) predigen würde. Aus „R.O.C.K. in the USA“ wurde L.I.E.S. und H.A.T.E. in the USA, der charismatische Songwriter nennt sich nun „Little Bastard“ und steht wie ein King Lear oder ein thebanischer Herrscher Kreon vor dem Scherbenhaufen eines Lebens und eines Landes.

Als neues Mitglied der Ü-70-Generation beklagt er derart schonungslos die vielen sinnlos verschwendeten Tage und die unerbittlich verrinnende restliche Lebenszeit („Wasted Days“), dass man ihm fast ein tröstendes „carpe diem“ zurufen möchte. Als Wutbürger der kaum mehr vereinigten Staaten äußert Mellencamp im Titelsong seine Ver-Stimmung über den Eindruck, dass nur noch Geld und Macht eine Rolle spielen und dass die Lügen im TV, in der Werbung und in der Kirche - symbolisiert in dem einäugigen Herz-Buben - zum Alltag gehören.

In Bruce Springsteen hat er einen Bruder im Geiste gefunden, der auf drei Songs mit elektrischer Gitarre und Background-Vocals einsteigt. Ansonsten halfen Mellencamp während der Pandemie seine treuen Begleiter Andy York, Dave Clark und John Gunnell im eigenheimischen Belmont Mall Studio dabei, seine notorisch verregneten Gedanken („A Life Full Of Rain“) musikalisch zu grundieren. Das Cover stammt übrigens vom 27jährigen Sohn Speck, der dem Porträt des Vaters noch eine, dem Albumtitel entsprechende schwarze Augenklappe hinzugefügt hat. Die zwölf Eigenkompositionen sind eine radikale Abrechnung, die in ihrer Intensität und Direktheit beeindruckt, bei der man aber vergeblich nach einem Hoffnungsschimmer oder einem Funken Ironie sucht.

 

https://www.mellencamp.com/


Peter Rogan: Broken Down Love   ****

Melt Shop Records (USA 2022)

Produced by Peter Rogan

12 Track - 47:44 Minutes

 

Wieder so ein Spätberufener: Peter Rogan war schon immer ein leidenschaftlicher Musiker, verdiente sein Geld aber als Elektriker in einer Stahlfabrik in Pennsylvania. Erst als Endfünfziger im Jahre 2014 entdeckte er auch das Songwriting für sich und verwirklichte 2018 seinen lebenslangen Traum: eine CD mit überwiegend eigenen Songs und mit einer erfahrenen Backing Band. So entstand „Still Tryin‘ To Believe“ als Independent-Produktion auf dem eigenen Melt Shop Label. 2021 griff Rogan noch einmal in die eigene Tasche, verkaufte sein Honda-Motorrad, startete eine Fundraising-Aktion und ging im Mai ins Cowboy Arms Studio, Nashville.

Das Ergebnis ist „Broken Down Love“, eine sehr hörenswerte Sammlung von 12 Songs (darunter zwei Cover-Versionen), verortet im Roots Rock mit viel Americana und ein bisschen Folk-Blues. Rogan nähert sich damit als Sänger, Songwriter und Gitarrist einer Liga, zu der auch bekanntere Namen wie Kevin Gordon, Steve Postell, der leider schon verstorbene Stephen Bruton oder John Hiatt gehören. Garanten für die musikalische Qualität sind Will Kimbrough an diversen Gitarren und Phil Madeira am Keyboard und an der Lap Steel Gitarre. Die beiden haben schon für große Stars wie Emmylou Harris gespielt und setzen nun Akzente für den Studio-Sound von Peter Rogan.

Die CD startet vielversprechend mit dem Titelsong und der Geschichte eines Mannes, der zwar seinen hellblauen Chevy-Belair-Oldtimer fachkundig reparieren kann, aber beim Kitten von Beziehungen scheitert. „Short Shifter Blues“ ist ein trockener Bericht aus der Arbeitswelt mit leichter Anlehnung an den altbekannten Little-Feat-Groove. Der Trucker-Song „Back to Natchez“ eröffnet mit der Lap Steel Gitarre Wege in den filmischen Country-Rock und „All That’s Left Is The Blues“ hält genau, was der Titel verspricht. Dass man Songs der Rolling Stones in dieses Genre übersetzen kann, hat schon vor langem Gram Parson bewiesen, bei „It’s Only Rock’n‘ Roll“ macht Will Kimbrough den Keith Richard und eine Studio-Horn-Section sorgt für authentische Memphis-Stimmung. „Dancing Naked“ führt mit Akkordeon weiter in den Mississippi-Süden und ist eine Empfehlung für alle Männer, wie man gestresste Ehefrauen wieder entspannen kann. „My Kinda Strange“ entpuppt sich als Geradeaus-Blues-Rocker mit einem saftigen Solo von Mr. Rogan himself. Akustisch schleicht sich „Don‘t Be Afraid Of The Rain“ in den Gehörgang und berichtet von einigen, lang zurückliegenden Jugendsünden. Dass es manchmal nötig ist, seine Lebensziele neu zu definieren, erläutert Rogans „Ships A Burnin´“ im melodiösen Retro-Rock. Das große Vorbild John Hiatt wird schließlich zitiert: „Thank Yo Girl“ in einer leicht beschleunigten Version mit fünf Background-Sängerinnen. Und mit dem letzten Titel „I Wish“ wünschen wir dem Elektriker Peter Rogan immer gute Kontakte, das helle Licht der öffentlichen Wahrnehmung und hoffentlich keinen Kurzschluss.

 

https://peterrogan.com/home


Steven Graves: All Alone    ***

Steven Graves (USA 2021)

Produced by Steven Graves, Travis Cruse & David Higdon

13 Tracks - 61:55 Min.

 

In schweren Zeiten ist Musik mit einer Prise Optimismus gefragt. Genau das liefert Steven Graves mit seiner mittlerweile neunten CD „All Alone“. Er ist eben der gute Mensch von Santa Cruz, Califonia, der dem Zuhörer hilft, durch die einsame Nacht zu kommen („Lonely Night“), und der die Schwarzseher daran erinnert, dass es eine ganze Menge guter Menschen auf dieser Welt gibt („Good People“). Bezeichnenderweise umrahmen diese beiden Songs das Album und verbreiten mit unübersehbaren harmonischen Anleihen eine Don’t-Worry-Be-Happy-Stimmung. Graves ist aber keineswegs ein naiver Gute-Laune-Onkel, er kennt auch den Blues und die Probleme von Beziehungen. Aber selbst angesichts einer schlimmen Naturkatastrophe, den Bränden in Kalifornien, kann er noch eine lebenswerte Zukunft erkennen: „Fire … burns the darkness away“.

Musikalisch ist Steven Graves mit seiner Band breit aufgestellt: ein bisschen Country, ein bisschen psychedelischer Westcoast-Rock im Stile von Grateful Dead, ein bisschen South-Of-The-Border-Sound, ein bisschen weißer Soul-Pop mit Anklängen an Otis Redding, ein bisschen Songwriter-Rock mit Botschaft wie Jackson Browne und viel Love&Peace-Hymnen (z. B. „Rise Together“), die an Jesse Colin Youngs Youngbloods und ihren Hit „Get Together“ aus dem Jahre 1967 erinnern. Irgendwie scheint in dem Musiker Steven Graves noch die Woodstock-Droge am Leben, man könnte ihn glatt in die damalige Setlist zwischen Santana, Crosby, Stills, Nash & Young und Blood, Sweat & Tears einbauen.

Einschränkend muss man aber auch feststellen, dass Steven Graves stimmlich und kompositorisch etwas limitiert ist, dass seine Songs oft starken gegenseitigen Wiedererkennungswert haben und häufig an einen Retro-Act aus den 1970er Jahren erinnern. Demgegenüber tritt er aber auch als authentischer politischer Aktivist auf, der für die Rechte der Eingeborenen („Sitting Bull“), für den Naturschutz und für eine bessere Zukunft seine Stimme erhebt. Das mag in heutigen oberflächlichen Musik-Business zwar altmodisch erscheinen, ist aber immer aller Ehren wert.

Mit Travis Cruse hat er einen präzisen Gitarristen an seiner Seite, mit Bryant Mills und Robert Melendez eine solide Rhythmusgruppe und mit den Bläsern Armen Boyd, Mika Rinta, Steve Stanley und Jeff Lewis eine heiße Brass-Abteilung. Auch wenn manche die Apokalypse an die Wand malen, bleibt Steven Graves bei seinem Glauben: „Love Conquers Fear“!

 

https://stevengravesmusic.com/home


Severin Browne: Overdue ****

CD Baby (USA 2021)

Produced by Ed Tree

10 Tracks - 40:43 Min.

 

Für Severin Browne - geboren 1949 in Frankfurt am Main - wird wohl sein ganzes musikalisches Leben lang das Label gelten, dass er der (ein Jahr jüngere) Bruder von Jackson Browne ist. Doch als entspannter Ü-70-Veteran kann er damit leben, dass seine Karriere auf einem niedrigeren Level verlaufen ist, dass er aber immerhin sechs Solo-CDs auf seinem Zettel hat, dass er einige halbwegs erfolgreiche Songs für andere Interpreten geschrieben hat, dass er sich regelmäßig mit Songwriter-Freunden aus SoCal trifft und mit denen unter dem Namen Tall Men Group auch schon fünf CDs veröffentlicht hat, dass er in der Pandemie eine regelmäßige First-Friday-Show mit Freunden (z. B. mit James Lee Stanley) auf Facebook-Zoom organisiert hat und dass er so zu dem vorläufigen Fazit kommt, darüber glücklich zu sein, schon so lange zu leben und den unruhigen Traum vom Starruhm aufgegeben zu haben.

„Overdue“ ist eine manchmal an den frühen James Taylor erinnernde Sammlung von Songs, die zurückblicken, Beziehungen analysieren, gegenwärtige Probleme ansprechen und persönliche Befindlichkeiten artikulieren. „Young And Free“ ist - wie der Titel schon sagt - eine Form der Erinnerung, aber auch eine aktuelle Selbst-Diagnose, bei der Soziologen von einer langdauernden Post-Adoleszenz sprechen würden: „I’m still busy being young and free“, ähnlich der Botschaft seines Bruders auf dessen neuem Album: „Still Looking For Something“. „On Way Way To Play“ ist eine emotionale Auseinandersetzung mit der Demenz-Erkrankung des Vaters, der ja die beiden Söhne musikalisch sozialisiert hat, und der Titelsong reflektiert die ungebrochene Freude am gemeinsamen Musik-Machen (jeden Montag!) mit Freunden: „We’re just fans of the music, not the Wrecking Crew“. Die Border-Geschichte vom Traum des jungen mexikanischen Ehepaars Miguel & Maria mit Tochter Lucia ist eine dezente politische Botschaft an die US-amerikanische Politik und „I Am And I Will“ entpuppt sich als kraftvolles Bekenntnis zu ehrlichen Beziehungen.

Man hätte sich vielleicht ein paar mehr Up-tempo-Nummern wünschen können, die diesen kalifornischen Folk-Rock angestachelt hätten, doch auch die relaxte Grundstimmung hat ihre Qualitäten und platziert Severin Browne in eine Liga mit Kollegen wie Jack Tempchin, Jonathan Edwards, Gerry Beckley oder Dan Navarro. Wer also noch nichts von Severin B. gehört hat: it’s overdue!

 

https://severinbrowne.com/


Richie Mayer: The Inn Of Temporary Happiness (Revisited)  ****

Richie Mayer Music (USA 2020)

Produced by Richie Mayer

11 Tracks - 40:36 Min.

 

Zwei Fotos auf dem Cover erzählen die Geschichte dieses Albums: vorne sitzt Richie Mayer mit Gitarre schwebend im weißblauen Himmel in einem Alfa Romeo Sportwagen. Das Kennzeichen lautet PWR POP und zeigt wohin die musikalische Reise geht: back to the future! Innen sehen wir Mayers Musikzimmer, vollgestellt mit Gitarren, Keyboards, Mischpult, digitalem Aufnahmegerät und diversen Monitorboxen. Das illustriert die Produktionsweise während der Pandemie: Home Recording ist angesagt! Bis auf ein Gitarrensolo von Jeff King hat Mayer alles selbst eingespielt, wohlgemerkt ohne die Hilfe von Computer, Sequenzern oder Vokal-Autotuner.

17 Songs hat er fertiggestellt, von denen sich elf auf dieser Revisited-CD befinden. Das Cover nennt sogar nur zehn Songs, doch wer Geduld hat, wird auch noch den Hidden Track „Warmth Of The Sun“ finden! Die Plattform Bandcamp bietet dazu eine Limited Edition an, auf der alle 17 Titel versammelt sind.

Richie Mayer stammt aus der 80er Power-Pop-Szene von Chicago, wo er zuerst mit Loose Lips melodiösen New Wave machte und mit PushPush eine Art Antwort auf Mr. Mister versuchte. Nach wechselndem und begrenztem Erfolg hat er sich im Jahr 2000 ganz der Architektur zugewandt. Erst Covid hat ihn wieder zur Musik zurückgebracht, und das ist gut so!

Das Ergebnis seiner Heimarbeit ist eine intelligente Kompositions-Reise durch die Felder der ambitionierten Pop-Rock-Musik, ganz in der Tradition des legendären Duos The Rembrandts (Phil Solem und Danny Wilde) oder der Studio-Band Third Matinee (Richard Page und Patrick Leonard). Wer genau hinhört, wird immer Zitate von den Beatles, von den Beach Boys, von 10cc oder vom Electric Light Orchestra bemerken, ohne dass Richie Mayer aber in puren Eklektizismus verfällt. Ein Plattentitel wie „Sgt. Pepper revisited“ wäre absolut angemessen. Die Songs verströmen eine Menge Energie, die Stimme von Richie Mayer ist auf hohem Level und seine Vielfältigkeit an den Instrumenten beeindruckt. Und da hätten wir schon einen weiteren passenden Albumtitel; „Never A Dull Moment“!

 

https://richiemayermusic.com/


When a man makes music with a woman …

… dann kommt manchmal etwas ganz Besonderes heraus wie etwa bei Sonny & Cher, Ike & Tina Turner, Stevie Nicks & Lindsey Buckingham oder - aktueller - bei Civil War oder Fox & Bones. Deshalb folgt hier ein Blick auf vier weniger bekannte Duos, die vor kurzem eine neue CD veröffentlicht haben.

Esquela: A Sign From God     **

Livestock Music (USA 2021)

Produced by Eric „Roscoe” Ambel

10 Tracks - 35:43 Min.

 

Auch John „Chico” Finn aus Bovina, N. Y., den Kopf der Band Esquela, hat die Pandemie hart getroffen Nach vier Alben, die weitgehend live im Studio aufgenommen wurden, musste er für „A Sign From God“ alle Musiker online zusammenkoppeln, um zu seinen Basis Tracks, die er mit akustischer Gitarre und Gesang auf seinem MacBook aufgenommen hatte, einen kompakten Roots-Rock-Sound herzustellen. Mediator war Produzent Eric „Roscoe“ Ambel, (bekannt für seine Arbeit mit Joan Jett, den Del-Lords und Steve Earle) der in seinem Home Studio die einzelnen Instrumente zusammenmischte.

Den weiblichen Part bei Esquela übernimmt Rebecca Frame, die zusammen mit dem Gitarristen Brian Shafer auch in der Band Becca Frame and the Tall Boys im Staate New York aktiv ist. Mike Ricciardi (dr), Keith Christopher (b) und Matt Woodin (g) komplettieren das Bandprojekt.

Die Songs von John Finn decken ein weites thematisches Feld ab: es geht um kritisch-ironische Gegenwartsbeobachtungen („Not In My Backyard“, „First World Problems“), es geht um historische Ereignisse wie den amerikanischen Bürgerkrieg mit der Schlacht von Bullrun, 1861, aber auch um das SS-Massaker im französischen Oradura 1944 und um zeitlose Probleme wie enttäuschte Liebe, Hass und Rassismus. Die Songliste endet sogar mit einem vertonten Gedicht des russischen Schriftstellers Konstantin Simonov (1915 - 1979), gerichtet an seine Freundin im Zweiten Weltkrieg: „Wait for me and I’ll return“.

Die musikalische Ausführung kann mit diesen textlichen Ambitionen nicht immer ganz mithalten, Arrangements und Komposition wirken etwas vorhersehbar und gleichförmig. Gleiches gilt auch für die vokale Präsenz der beiden Leadsänger. Esquela (das heißt auf Deutsch: Nachruf) präsentieren holzschnittartigen Indie-Roots-Rock mit kleineren Anleihen bei CCR, The Band, Tom Petty oder John Hall, ohne je in diese Niveauebenen vorzustoßen.

 

http://www.beccaframeandthetallboys.com/#!/bio

https://www.esquelatheband.com/


Kalinec & KJ: Let’s Get Away   ***

Berkalin Records (USA 2021)

Produced by Brian Kalinec & Michael Mikulka

10 Tracks - 35:25 Min.

 

Wenn ich mal in Houston, Texas durch die Innenstadt spazieren würde und wenn an einer Ecke Brian Kalinec und KJ Reimensnyder-Wagner ihre Gitarren ausgepackt hätten, würde ich gerne stehen bleiben und eine Weile zuhören. Die beiden kennen sich seit über acht Jahren und haben nun auf Kalinecs eigenem Berkalin-Label (dort gibt es auch die aktuelle Solo-CD von Brian Kalinec mit dem Titel „The Fence“) eine Duo-CD herausgebracht. Darauf finden sich zehn Songs, neun davon sind unaufgeregte Eigenkompositionen mit wechselnden Lead Vocals, dazu kommt ein Cover des Klassikers von Paul Overstreet und Don Schlitz („When You Say Nothing At All“), mit dem Ronan Keating 1999 einen satten County-Pop-Hit landete.

Auf allen Titel dominieren die akustischen Gitarren von Kalinec und KJ, den dezenten Background besorgen Jeff Duncan (fiddle), Tyson Sheth (dr) und Rankin Peters (b). Die Stimme von Brian Kalinec ist gefällig, die von Frau Reimensnyder etwas profilierter. Stilistisch bewegen sich beide im modernen Folk mit kleinen Anlehnungen an schottisch-irische Atmosphäre und an aktuelle Popsongs. Manchmal sorgt die Geige für etwas Western Swing-Stimmung - besonders bei dem Rausschmeißer von Brian Kalinec mit der unbestreitbaren Altersweisheit „I’m living what’s left over for me“. Die beiden verbreiten insgesamt eine positive Grundstimmung, was nicht verwundert, wenn man weiß, dass KJ ihr Geld auch als musikalische Motivationstrainerin verdient.

 

http://www.briankalinec.com

https://kjsmile.com


Mark Viator & Susan Maxey: Where the Road Leads    ***

Rambleheart Records (USA 2020)

Produced by Max Viator

12 Tracks - 50:20 Min.

 

Wenn mich mal die Straße nach Austin, Texas führt und ich dort auf einem Plakat ein Club-Konzert von Mark Viator (voc, g, national steel g, mand) und Susan Maxey (voc) angekündigt sähe, würde ich ohne großes Zögern hingehen. Denn die Live-Präsentation scheint mir das große Plus dieses Duos zu sein, das aber am Ende jeder Show auch ihre aktuelle CD „Where The Road Leads“ am Merchandise-Tisch verkauft.

Darauf befinden sich zwölf Song, überwiegend Eigenkompositionen von Mark Viator, die die Zeit zwischen eigener Jugend und Gegenwart und den erfahrenen Raum zwischen Texas und Louisiana abstecken. Die Leadvocals sind gerecht zwischen Susan und Mark verteilt, die Refrains werden solide zweistimmig abgeliefert und eine dezente Backing Band darf den Hintergrund ausfüllen; im Wesentlichen Chris Olson am Bass und Ralph Power an den Drums. Viator bedient allerlei Saiteninstrumente, besonders markant, wenn er die Dobro umschnallt. Dieser melodiöse Country Folk ist angenehm zu hören, reißt einen aber auch nicht vom Sessel und erinnert nur in wenigen besonderen Momenten die Strahlkraft eines Ry Cooder oder die Emotionalität von The Band. Das beste Stück ist bezeichnenderweise ein Cover eines Songs von Stephen Bruton (leider schon lange verstorben!): „Teach Me How To Stay“. Zweiter Anspieltipp ist der Titelsong mit der beruhigenden Botschaft, man wisse nie, wohin einen der Weg führen wird. Zurück zu NeWorlDeli, dem kleinen Club in Austin: am Ende wünschen wir uns den Koffer voller Erinnerungen als Zugabe!

 

https://www.viatormaxey.com/


Tip Jar: One Lifetime    ****

Shine A Light Records (NL 2021)

Produced by Eric van de Lest & Tip Jar

11 Tracks - 42:29 Min.

 

Die eigentliche Überraschung dieser Duo-Rubrik sind aber Bart de Win (voc, keyb, acc) und Arianne Knegt (voc) aus den Niederlanden, die mit ihrer aktuellen CD „One Lifetime“ weit mehr als nur ein kleines Trinkgeld im Becher verdient hätten. Das Ehepaar gehört zu der sehr lebendigen Euro-Americana-Szene in Holland, was vor allem an Bart de Win liegt, der zwar Jazzpiano studiert hat, aber sich im Laufe seiner Karriere immer mehr der amerikanischen Roots-Musik näherte (z. B. durch Tourneen mit Ian Matthews oder Kevin Welch). So entwickelten sich Beziehung zu den texanischen Musikern Walt Wilkins, Ron Flynt und Bill Small, die ihre Beiträge als Audio-Files über den großen Teich schickten und bei mehreren Kompositionen mitwirkten.

Die elf Songs werden eingerahmt von zwei Annäherungen an den New-Orleans-Blues mit Ragtime- und Vaudeville-Feeling. Tip Jar fühlen sich aber auch im Newgrass wohl („Kiss Me“ klingt wie eine Reminiszenz an die McGarrigle Sisters!), zeigen bei „Dreamer’s Dream“ ihre Verbundenheit zum Country-Pop der Everly Brothers und steuern voll Emotionalität in den souligen Gospel-Folk eines Phil Cook („Tell Me Something“). Ganz großes Kino sind die Dreier-Vokal-Harmonien zusammen mit Walt Wilkins oder Harry Hendriks - bei „Fallen Angels“ sind Vergleiche mit David Crosby erlaubt! Der positive Gesamteindruck wird abgerundet durch eine liebevolle CD-Präsentation mit wenig Plastik, dafür allen Lyrics und schönem Layout.

 

https://tipjar.nl/

https://bartdewin.nl/

https://shine-a-light.nl/

https://www.waltwilkins.com/


Robert Plant & Alison Krauss: Raise The Roof    *****

Warner Music (USA 2021)

Produced by T Bone Burnett

12 Tracks - 53:34 Min.

 

Es ist tatsächlich schon 14 Jahre her, dass Led-Zeppelin-Veteran Robert Plant und Newgrass-Ikone Alison Krauss, die sich auf einem Leadbelly Tribute-Konzert kennengelernt hatten, mit ihrem ersten gemeinsamen Album „Raising Sands“ für Aufsehen sorgten. Nach langer kooperativer Pause ist auf „Raise The Roof“ wieder T-Bone Burnett als Produzent, Arrangeur und Teilzeit-Gitarrist die dritte Kraft, die diese CD zu einem Hör-Erlebnis der Sonderklasse macht.

Repetition und Redundanz scheint das Prinzip von Burnett zu sein, er erweckt aber auf diese Weise Folk- und Country-Klassiker zu neuem Leben, schafft eine Atmosphäre der Meditation und der magnetischen Attraktion. All dies könnte aber auch zu gähnender Langeweile führen, wenn da nicht die Magie der zwei Stimmen wäre. Krauss und Plant (hier mal in der genderpolitisch richtigen Reihenfolge) halten im Harmonie- und im Solo-Gesang eine unglaubliche Spannung, gleichzeitig schaffen sie eine intensive Verschmelzung von ätherischem Folk-Sopran und blues-rockigem Senioren-Tenor. Die absturzsichere musikalische Basis liefern im Wesentlichen der Schlagzeuger Jay Bellerose, Viktor Krauss (Alisons Bruder) und Dennis Crouch am Kontrabass sowie die semi-elektrische Gitarre von Marc Ribot - nicht zu vergessen Star-Gastspiele von Buddy Miller, Bill Frisell, Russell Pahl, Colin Linden, Stuart Duncan und Lucinda Williams.

Ein weiteres Qualitätsmerkmal des Albums ist die Songauswahl. Neben nur einer Eigenkomposition von Plant und Burnett („High And Lonesome“) haben die Verantwortlichen tief in der Schublade mit dem Etikett Anglo-Americana gestöbert und erstaunliche Song-Perlen zu Tage gebracht. Fast vergessene Klassiker von Anne Briggs, Bobby Moore oder Ola Belle Reed tauchen auf, schottischer Gitarren-Folk von Bert Jansch mischt sich mit dem Tex-Mex-Sound von Calexiko und dem traditionellen Okie-Country von Merle Haggard. Eher erwartbar war ein weiterer Griff ins Songbook der Every Brothers, diesmal ist es „The Price Of Love“ in einer radikal entschleunigten Version. Unbedingter Anspiel-Tipp ist „Going Where The Lonely Go“ als bildreiche Breitwand-Filmmusik mit einer schwebenden Pedal Steel Gitarre. Auf der Deluxe-Edition gibt es noch zwei Bonus-Tracks von Hank Williams („My Heart Would Know“) und Lucinda Williams („You Can’t Rule Me“), die das chronologische und stilistische Spektrum dieser CD weiter abstecken. Für den Sommer 2022 ist eine Tourne geplant: Play it again, Robert & Alison!

 

https://www.robertplant.com/

https://alisonkrauss.com/


Eric Brace & Last Train Home: Everything Will Be   ****

Red Beet Records (USA 2022)

Produced by Jared Bartlett & Eric Brace

11 Tracks - 45:42 Min.

 

Schon mehrfach wurde auf diesen Seiten erwähnt, welche Auswirkungen die Pandemie auf das künstlerische Schaffen hat. Für Eric Brace und seine seit 25 Jahren mit unterschiedlichem Aktivitätslevel existierende Band „Last Train Home“ war das ein trotziges „Why bother?“ und der Rückzug ins Home Office, das bei Musikern Homestudio heißt. Audio Files wurden durch die Weiten des Internets hin und her geschickt und von Produzent Jared Bartlett zu einem stimmigen Endprodukt verarbeitet, das nun im neuen Jahr seinen Weg in die Öffentlichkeit sucht.

Eric Brace hat mit den elf Songs sein stilistisches Spektrum eindrucksvoll ausgemessen und das Netzwerk seiner musikalischen Freunde - mit dem Album #10 - wieder grandios in Szene gesetzt. Neben sieben Eigenkompositionen tauchen bei den Credits auch noch die Namen von Laura Tsaggaris, Thomm Jutz, John Hartford, Johnny Mercer und Gallagher & Lyle auf. Im Kern stehen Last Train Home für bläserunterstützten Folk/Country-Rock, aber auch Abschweifungen in den New Orleans Brass-Sound („If I Had A Nickel“), in den cowboy-seligen Western Swing („I’m An Old Cowhand“) und in ein Retro-Instrumental („East Nashville Highball“) sind erlaubt.

Höhepunkte sind der Titelsong „Everything Will Be“, eine differenzierte Reflexion über Optimismus in schweren Zeiten, und „In The Dark“, ein Song, den Eric Brace eigentlich für Jerry Lawson geschrieben hatte, der aber in der LTH-Version neue Qualitäten offenbart.

Wenn Eric Brace jetzt noch so viele Blockbuster-Erfolgssongs schreibt wie etwa Johnny Mercer für Frank Sinatra oder Graham Lyle für Tina Turner, dann kann er die nächsten Veröffentlichungen seines RedBeetRecords-Labels mit Goldprägung veröffentlichen. Und wenn er irgendwann mal „dead and gone“ ist, singen wir alle zwischen East Nashville und der Welt: „Everything will be okay“!

 

https://redbeetrecords.com/


Mudcrutch: 2     ****

Reprise Records (USA 2016)

Produced by Tom Petty, Mike Campbell & Ryan Ulyate

11 Tracks - 43:02 Min

 

Wer die Geschichte des 2017 verstorbenen Musikers Tom Petty nachverfolgen will, sollte an einer Band nicht vorübergehen: Mudcrutch wurde 1970 in Florida gegründet, löste sich aber 1975 wegen Erfolglosigkeit wieder auf. Drei Gründungsmitglieder (Tom Petty, Benmont Tench und Mike Campbell) machten aber als Tom Petty & The Heartbreakers weiter, und von da an gings nur noch aufwärts. In dem Song „Ino The Great Wide Open“ erinnerte sich Tom Petty 1991 ein bisschen daran: “The papers said Ed always played from the heart / He got an agent and a roadie named Bart / They made a record and it went in the charts / The sky was the limit”.

Interessanterweise erlebte Tom Petty nostalgische Gefühle und revitalisierte als Side-Project zweimal die Band, was bis heute in zwei CDs nachzuhören ist: Mudcrutch (1) erschien 2008 und Mudcrutch 2 folgte 2016. Zu Petty, Tench & Campbell gesellten sich Tom Leadon, der Bruder von Eagles-Gitarrist Bernie Leadon und der Drummer Randall Marsh. Auch hier war Tom Petty ganz klar der Chef, aber da man ja seine Angestellten bei Laune halten muss, durfte jeder der übrigen vier Bandmitglieder einen eigenen Song einbringen und singen!

Die Musik ist eindeutig Mainstream Rock mit einem gehörigen Retro-Anteil und mit kleineren Country-Ausflügen, für die Herb Pedersen (banjo, voc) und Josh Jove (pedal steel) sorgen. Die besten Songs stammen aber eindeutig von Petty selbst: der dynamische Auftakt „Trailer“, das atmosphärische „Beautiful Blue“, das hymnische „Hungry No More“ und natürlich die akustische Ballade „I Forgive It All“, in der Tom Petty die fragwürdigen Erziehungsmethoden seines Vaters reflektiert.

So gesehen war Mudcrutch nie die Resterampe der Heartbreakers, sondern eine emotional wichtige Parallelwelt für Tom Petty, in der er gerne auch den Bass und die Harmony Vocals übernahm.

 

https://www.mudcrutchmusic.com/


Bob Dylan: Rough And Rowdy Ways   *****

Columbia Records (USA 2020)

Produced by Bob Dylan and Matt Chamberlain

(nicht eindeutig angegeben!)

10 Tracks auf 2 CDs - 70:33 Min.

 

In den zehn Geboten des Christen- und Judentums heißt es unter anderem „Du sollst dir kein Gottesbild machen“. Nachdem nun aber Gott definitiv tot ist, darf man diese Regel auch auf andere übertragen: Du sollst dir kein Bild von Bob Dylan machen! Mit seinem beeindruckenden Album „Rough And Rowdy Ways“ unterstützt Herr Zimmermann diese Forderung nachdrücklich. Er möchte nicht in eine Schublade gesteckt werden, er möchte kein falscher Prophet sein, er möchte höchstens als „man of contradictions“ wahrgenommen werden, als vielfältige, manchmal verwirrende Persönlichkeit, die weiß, was sie weiß und was nicht.

Er sieht in sich ein bisschen von der jüdischen Widerständigkeit einer Anne Frank, von der Freude an rotzigem Blues-Rock wie die Rolling Stones, von der Erzählkunst eines William Blake oder eines Edgar Allan Poe und von dem Abenteuergeist eines Indiana Jones - wie immer auch diese Facetten zusammenpassen mögen. Über all diesen Ich-Botschaften steht die Frage, ob sich der Verfasser damit überhaupt selbst darstellen wollte.

Bob Dylan kann sich mittlerweile viel leisten: er kann unter die zehn Songs Gedankengrübeleien zu minimalistischer Musik mischen, er kann plötzlich eine Melodielinie („Lippen schweigen“) aus Lehars Operette „Die lustige Witwe“ in den Slow Waltz „I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You“ verpacken und den Titel so dahinnuscheln als wäre er mit Hans Moser in einem Wiener Heurigenlokal gestrandet. Er kann Touristenwerbung für Key West/Florida machen, und er kann mit einem 17minütigen Song ein Stück amerikanische Kulturgeschichte schreiben, ausgehend von dem Sündenfall des Jahres 1963, dem Mord an Präsident Kennedy. „Murder Most Foul“ kombiniert die poetischen Ambitionen eines Billy Joel („We Didn‘t Start The Fire“), eines Don McLean („American Pie“) und eines Don Henley („Hotel California“) zu einer Rumination über zwei Akkorde, die von Klavier und Streichern als Hintergrund bereitgestellt werden. Vielleicht ist es auch ein Angebot des Nobelpreisträgers, der sich immer noch dem Paarreim verpflichtet fühlt, für die nächste Inauguration eines amerikanischen Präsidenten - als Alternative zur political correctness jener Amanda Gorman? Der Song wird nach den zeitgeschichtlichen Skizzen zunehmend zu einer epischen Americana-Playlist des 20. Jahrhunderts für den legendären Disc Jockey Wolfman Jack, sie endet mit der Empfehlung „Play Murder Most Foul“.

Musikalisch schwebt Bob Dylan zwischen trockenem Retro-Blues-Rock, der nur noch auf ein paar lakonische Riffs von Keith Richards wartet, den leicht psychedelischen Harmonien und den rauchigen Vocals eines Tom Waits und einem meditativ in Moll-Tonlagen mäandernden Ambience-Sound, wie es auch schon der alternde Bruce Springsteen in einigen Songs vorgeführt hat. Möglicherweise stimmt es, dass „Rough And Rowdy Ways“ sein 39. Studioalbum ist. Möglicherweise trifft es zu, dass es eine seiner persönlichsten Veröffentlichungen ist. Sicher aber ist, dass man dieses Album zu den Top Five im Dylan-Werkkatalog zählen muss.

 

PS: Da die CD leider keine Lyrics enthält, folgt hier ein Verweis, dem man folgen sollte:

https://faroutmagazine.co.uk/bob-dylan-album-rough-and-rowdy-ways-full-lyrics/


Allan Thomas: The Journey   ****

Black Bamboo Recordings (USA 2021)

Produced by Allan Thomas & Bryan Kessler

12 Tracks - 52:17 Min.

 

Der Titelsong berichtet von einer Reise: „I’d like to get back in time in my life“. Die musikalische Reise reicht zurück ins Alter von acht Jahren, als der kleine Allan in Brooklyn, New York, im Autoradio seines Vaters „You Send Me“ von Sam Cooke hörte und spontan mitsang. Vor genau fünfzig Jahren erschien dann sein erstes Album auf Sire Records mit dem Titel „A Picture“. Mittlerweile lebt Thomas auf Hawaii und hat während der Pandemie sein siebtes Album fertiggestellt, das in einem Wechsel aus Studio-Sessions und Surf- bzw. Windsurf-Ausflügen entstanden ist. Das klingt doch nach maximal relaxter Atmosphäre.

Wer wissen will, wo man Allan Thomas musikalisch verorten kann, sollte gleich den zweiten Titel („Van“) anhören. Dort preist er die Annehmlichkeiten seines Wohnmobils: „have plenty of time to daydream / AirPods and some Steely Dan“. Da ist er zu Hause, bei leicht jazzig angehauchtem entspanntem Rock, wie ihn eben auch Donald Fagen oder David Crosby heute noch praktizieren. Die Stimme erinnert in den Höhen ein bisschen an Timothy B. Schmit oder an Graham Nash, mit letzterem hat er im Lauf seiner Karriere mehrmals zusammengearbeitet. Alle zwölf Songs sind Eigenkompositionen, bei den meisten hat sein langjähriger Freund Bryan Kessler mitgewirkt und auch ein bisschen Gitarre beigesteuert.

Im Grunde genommen handelt es sich um astreinen Westcoast Sound der 70er Jahre mit punktuellen Anleihen bei Reggae, Soul-Pop und Jazz-Rock. Dafür stehen auch die Studiomusiker Michael Landau, Dean Parks, Michael Ruff und James Raymond, die bei der Aufnahme mitgewirkt haben. Als Besonderheit bietet das Album ein Instrumental („It Goes Without Saying“) und drei Titel mit Sprechgesang, quasi Poesie mit Hintergrundmusik. Der Abschluss könnte eine Selbstcharakteristik sein, denn es heißt bei „The Invisible Man“: "He’s someone who’s still present but rarely seen / Flyin under the radar of erveryones screen“. Es würde sich aber durchaus lohnen, ein verstärktes Augenmerk auf Allan Thomas zu richten!

 

http://www.allanthomas.com/wordpress/


The Doobie Brothers: Liberté   ***

Island Records (USA 2021)

Produced by John Shanks

12 Tracks - 42:53 Min.

 

Es gab einmal eine legendäre Location namens Chateau Liberté in den kalifornischen Santa Cruz Mountains, ein angesagter Biker-Treff, in dem die Band The Doobie Brothers ab 1970 eine Zeitlang regelmäßig auftrat. Der Kern dieser Band ist über 50 Jahre trotz vieler Ups and Downs, trotz partieller Sendepause und sinkender Erfolgskurve gleichgeblieben: es sind die beiden Sänger, Songschreiber und Gitarristen Tom Johnston und Patrick Simmons. Dass sie nun mit „Liberté“ ihr 15. Studio-Album - erstmals nach elf Jahren wieder mit neuen Kompositionen - vorgelegt haben, ist ohne Zweifel ein Ereignis, allerdings eines mit gemischten Gefühlen.

Die Band hat immer noch unkaputtbare Classic-Rock-Hymnen auf ihrem Zettel: „Listen To The Music“, „Long Train Running“, „Jesus Is Just Alright“ oder „China Grove“. Und auch der von Michael McDonald ab 1978 herbeigeführte Stilwechsel in die Bereiche des Soul-Pop-Jazz brachte mit „What A Fool Believes“ und „Takin‘ It To The Streets“ noch andauernde Radio-Präsenz.

Nun aber legen die verbliebenen Brüder Johnston & Simmons zusammen mit John McFee entschieden den Rückwärtsgang in die frühen 70er Jahre ein. Dazu haben sie sich mit John Shanks einen Produzenten/Gitarristen/Songwriter engagiert, der nach seinen Arbeiten für Bon Jovi, Van Halen, Santana, Fleetwood Mac oder Joe Cocker weiß, wie ein amerikanisches Mainstream-Rock-Album klingen muss. Die zwölf Songs (vier davon waren schon im Vorfeld als EP erschienen) sind gnadenlos auf Kommerzialität und Radiotauglichkeit gestrickt, was auch die weitere Mitwirkung von Michael McDonald und Keyboarder Bill Payne (er ist reumütig zu Little Feat zurückgekehrt) überflüssig machte.

Manchmal klingen die Doobies wie eine Kopie von Blackberry Smoke („Don’t Ya Mess With Me“ oder „The American Dream“), teilweise packen sie wieder ihren alten Signature-Sound aus („Easy“, „Just Can’t Do This Alone“). Bei „Shine Your Light“ taucht eine Vers-Kopie des Curtis-Mayfield-Klassikers „People Get Ready“ auf, und über einige Kompositionen von Patrick Simmons decken wir mal den gnädigen Mantel des Schweigens.

Dennoch eignet sich die CD wunderbar für eine nächtliche Fahrt auf der Autobahn oder für eine Party von Ü-70-Motorradfahrern - ein paar legalisierte Doobies eingeschlossen. Und im Sinne der Französischen Revolution müssten die beiden nächsten Alben eigentlich „Equality“ und „Fraternity“ (oder Doobie-Brotherhood) heißen!

 

https://thedoobiebrothers.com/


Rodney Crowell: Triage   ****

RC1 Records / Thirty Tigers (USA 2021)

Produced by Dan Knobler & Rodney Crowell

10 Tracks - 43:05 Min.

 

Wenn jemand im Alter von 71 Jahren sein 18. Solo-Album vorlegt, dann muss man unwillkürlich die Frage stellen: Hat er noch was zu sagen / zu erzählen? Wie steht es um seine musikalische Kreativität? Im Falle von Rodney Crowell und der CD „Triage“ fällt die Antwort in beiden Fällen positiv aus!

Wie eine Mischung aus Heino und Graham Nash schaut der grauhaarige Rodney etwas griesgrämig auf dem Schwarz-Weiß-Cover - und tatsächlich: die Songs sind geprägt von Gedanken der Endlichkeit, von Weltschmerz und Melancholie und von einer gewissen religiösen Spiritualität. Crowells Debütalbum (1978) trug den Titel „Ain’t Living Long Like This“; damals bezog sich die Zeile noch auf den Rock&Roll-Lifestyle, jetzt ist es eine Altersweisheit angesichts eigener gesundheitlicher Probleme und der weltweiten Pandemie.

Die verhalten begonnene, jedoch schwungvoll endende Auftakt-Nummer „Don’t Leave Me Now“ ist eine zähneknirschende Bitte um Vergebung mancher Fehler und eine hartnäckige Botschaft des ungebrochenen Lebenswillens. Und mit „Triage“, dem Titelsong, versucht Crowell eine Definition - oder im Wortsinn eine Sichtung - des Begriffs „Liebe“ als Basis jeder Existenz. Doch wenig später bricht die Ironie wieder durch: „I’m All About Love“, ein groovender Blues-Rocker mit lakonischem Solo von Joe Robinson, entfaltet ein breites Arsenal von Liebesobjekten - von Wladimir Putin über Greta Thunberg bis zum Evangelisten Lukas!

Ein Höhepunkt des Albums ist der dylaneske poetische Blues über das weltweite menschliche Vergessen angesichts des blinden Tanzes auf dem Vulkan der Wachstums-Ideologie („Transient Global Amnesia Blues“). Etwas später die folgerichtige Forderung „Something Has To Change“ mit einem bemerkenswert verrauchten Trombone-Solo von Raymond Martin. Vorsichtig und teilweise verunsichert geht es dann mit „Hymn 43“ in die Kirche und zu einem akustisch intonierten Modern Gospel über das Leben und die Freiheit. Die Songfolge endet mit einer Betrachtung darüber, dass unser Körper nur eine flüchtige Erscheinung in dieser Welt ist: „This body isn’t all there is to who I am“.

Musikalisch erklingt alles auf durchgehend hohem Niveau, irgendwo zwischen Tom Petty und Jason Isbell, zwischen Folk-Blues und texanischem Country-Rock, immer schön geerdet und harmonisch nachvollziehbar. An dieser neuen Nachdenklichkeit hätten auch Bob Dylan oder Kris Kristofferson ihre Freude! Schade nur, dass die Songtexte der CD nicht beigelegt sind.

 

https://www.rodneycrowell.com/


Donald Fagen:

Donald Fagen’s The Nightfly Live ****

Universal Records (USA 2021)

Produced by Patrick Dillert & Donald Fagen

8 Tracks - 38:33 Min.

 

Steely Dan:

Northeast Corridor Live ****

Universal Records (USA 2021)

Produced by Patrick Dillert & Donald Fagen

12 Tracks - 62:15 Min.

 


Steely Dan, das heißt das Komponisten-Duo Walter Becker und Donald Fagen, waren Menschenfänger: zuerst köderten sie uns mit locker-flockigen Pop-Rock-Songs wie Do It Again, Rikki Don’t Lose That Number oder Reelin‘ In The Years. Dann aber zog es sie als Menschen-Forderer immer mehr zum anspruchsvollen Jazz-Rock hin, die Harmoniefolgen wurden komplizierter, die Arrangement aufwändiger. Das tat der Qualität keinen Abbruch, doch der Eintritt in die Hitparaden und in die Playlists der Radiostationen wurde schwieriger. Zudem verweigerten sich Becker & Fagen zunehmend dem anstrengenden Live-Circuit und verschanzten sich lieber als Sound-Perfektionisten im Studio. Ein ähnliches Schicksal hätte beinahe die Doobie Brothers unter Michael McDonald ereilt, und auch Toto hätte diesen Weg beschreiten können. Nach dem Tod von Walter Becker im Jahre 2017 wäre man eigentlich ein Ende der Band zu erwarten gewesen, doch Donald Fagen meinte „the games must go on“ und tourte mit einer 14köpfigen Edel-Band durch die USA und durch das UK. Das Ergebnis dieser Live-Auftritte ist nun auf zwei CDs nachzuhören. Für „Northeast Corridor“ wurde vor allem der Steely Dan-Katalog der Jahre 1972 - 1980 ausgewertet, dazu spielte Fagen seine legendäre Solo-CD „The Nightfly“ (1982) noch einmal live ein.

Die Aufnahmen stammen alle aus der Vor-Corona-Zeit, von einer Tour im Jahre 2019, ausgewählt wurden Takes von den Konzerten im Beacon Theatre, New York, im Orpheum Theatre, Boston, in der Mohegan Sun Arena, Uncasville, CT und und in The Met, Philadelphia. Die Besetzung ist auf beiden CDs identisch: neben Donald Fagen spielen Keith Carlock (dr), Freddie Washington (b), Jon Herington (g), Connor Kennedy (g), Jim Beard (keyb), die Bläser Michael Leonhart, Jim Pugh, Walt Weiskopf und Roger Rosenberg sowie die Background-Vokalistinnen Carolyn Leonhart, Catherine Russell, La Tanya Hall und Jamie Leonhart.

Wie nicht anders zu erwarten war, erreichen die Aufnahmen Studio-Qualität, sind durch kleinere Solo-Ausflüge etwas ausgedehnt und durch Zwischen-Beifall strukturiert. Die Arrangements sind nur in homöopathischen Dosierungen verändert und so stellt sich unweigerlich die Frage, ob man nicht mit den nach wie vor lieferbaren Originalen genauso gut - oder gar besser - bedient ist.

 

https://www.steelydan.com/#!/


George Enslé: Head-On   ****

Produced by George Enslé

Line / Sawdust Records (D 1987)

8 Tracks / 42:11 Min.

 

Genau gesagt sind zwischen diesen beiden Alben 43 Jahre vergangen, denn die Debüt-LP von George Enslé wurde in den Hound Sound Studios (Besitzer: Willis Alan Ramsey) von Austin, Texas im Jahre 1978 fertiggestellt und 1980 auf Gazebo Records veröffentlicht. 1987 machte dann der leider schon verstorbene deutsche Texas-Emigrant Heinz Geissler die Firma Line Records auf den vielversprechenden Songwriter aufmerksam, und so kam es zum deutschen Release der Vinyl-LP auf dem Sublabel Sawdust Records. 14 Alben liegen mittlerweile zwischen diesen beiden Produkten, George Enslé hat vor kurzem seinen 73. Geburtstag gefeiert und mit einer Textpassage aus dem Titelsong ein vorläufiges Fazit gezogen: „I’m gonna look to the future / And honor the past /While celebrating every day / Being the change I wanna see / Being a better me”

George Enslé: Be A Better Me    ****

Produced by Stephen Doster

PuffBunny Records (USA 2021)

11 Tracks / 39:42 Min.

 

Die personelle Brücke bildet ein gewisser Stephen Doster: Auf „Head-On“ spielte er akustische Gitarre, bei „Be A Better Me“ fungiert er als Produzent und steuert einige Gitarrensounds bei. Der Verfasser dieser Zeilen muss zugeben, dass er zwar die beiden abgebildeten Alben im Regal stehen, die musikalische Entwicklung des George Enslé aber zwischenzeitlich ein bisschen aus den Augen verloren hat.

Umso schöner die Erkenntnis, dass das Haar zwar kürzer und grauer geworden ist, dass aus dem Cadillac ein Pianostuhl geworden ist, dass aber die Gitarre immer in Reichweite geblieben ist und der Sound von George Enslé weiterhin in der Tradition des texanischen Country Folk verwurzelt ist, angelehnt an die großen Namen wie Townes van Zandt, Guy Clark, David Olney oder Rodney Crowell. Auch die Freude am beruhigenden Angelsport ist gleichgeblieben: „Fishing Lines“ damals - „Gone Fishin‘“ heute!

Die Head-On-LP ist natürlich nur noch antiquarisch auffindbar (für Sammler: SDLP 4.00420 J), für „Be A Better Me“ steht aber die ambitionierte Plattenfirma PuffBunny Records aus Fredericksburg, Texas, wo die Folk-Legende Taylor Pie das Artists & Repertoire Management betreut.

„Be A Better Me“ ist ein unaufgeregtes Alterswerk, mit kleinen Beobachtungen des Alltags, mit Erinnerungen an frühere Jahre und mit einem leicht religiösen Grundton. Die Songs sind erkennbar entweder am Piano oder mit der Gitarre komponiert, dazu kommt noch der Bass von Terry Hale, Dobro und Akkordeon von Greg Lowry, die ergänzenden Gitarren von Greg Whitfield und Stephen Doster und dezente Streicherpassagen. Kein Schlagzeug, nur akustische Instrumente, keine Studio-Effekte!

Für Enslé sind seine Songs „love letters to the world … written with the language of the heart“. Darin kann der Bettler an der Straßenecke genauso auftauchen wie der Kriegsveteran in einer High-School. Gerne arbeitet Enslé mit dem Symbol des Lichts, sei es die Beleuchtung auf der Veranda des elterlichen Hauses („Front Porch Light“) oder das Licht, das einem aus einem Auge anstrahlen kann („The Deep Wells Of Her Eyes“). Dem legendären texanischen Songwriter Blaze Foley (gestorben schon 1989) ist der Song „Blue Love“ gewidmet, von seinem Vater hat George Enslé das Schild übernommen, das man an schönen Tagen vor die Haustüre hängen sollte: „Gone Fishin‘“. Am Schluss gehen dann alle in die Kirche und stimmen den Gospel an („Down By The Riverside“) - oder wie es George Enslé erklären würde: Lieber Worte statt Waffen gebrauchen!

 

http://www.georgeensle.com/

https://www.puffbunnyrecords.com/


The Matthews Baartmans Conspiracy: Distant Chatter ****

Produced by Iain Matthews & B. J. Baartmans

Talking Elephants Records (UK 2021) / MIG Music (D 2021)

10 Tracks - 47:06 Min.

 

Iain Matthews feierte heuer seinen 75. Geburtstag, ist seit gut 55 Jahren im Musik-Business unterwegs, hat seinen Wohnsitz abwechselnd in England, USA und in den Niederlanden gefunden, hat schon verschiedenen Male seinen Rückzug verkündet und kann es trotzdem nicht lassen. Die Zählung seiner Solo-, Duo- oder Band-Alben (Fairport Convention, Plainsong und Matthews Southern Comfort) darf man eingefleischten Statistikern überlassen, die Zählung seiner Eigenkompositionen dürfte den hohen dreistelligen Bereich erreicht haben. Wieviel er mit der Cover-Version von Joni Mitchells „Woodstock“ verdient hat, wissen wir nicht, für Essen, Trinken und ein paar wertvolle akustische Gitarren dürfte es aber auf jeden Fall gereicht haben. Den Holländer BJ Baartmans kennt er schon seit 18 Jahren, dieser war Mitglied der reformierten MSC als Netherlands-Edition, außerdem hat er ein gut ausgestattetes Studio und kann als multiinstrumentalistischer Partner auf verschiedenen Ebenen glänzen.

Die Pandemie und der damit verbundene Lockdown war für die beiden das Startsignal zu einer intensivierten musikalischen Verschwörung, die nun in dem Album „Distant Chatter“ ihren gut hörbaren Ausdruck gefunden hat. Von Iain Matthews stammt dazu der thematisch passende Song „14 months“, in dem er all seine Frustration über diese Zeit heraussingt („Call it lockdown, rage or rant … Me I call it hell on earth“), aber auch einer neuen Hoffnung Raum gibt (“It’s been 14 months but I see the light“).

Insgesamt startet “Distant Chatter” mit einer herbstlich-melancholischen und leicht resignativen Stimmung („Sleepwalking“), die sich durch das ganze Album zieht. Matthews beobachtet aus der Sicht des älteren (weißen) Mannes eine Welt, in der Hass und Angst Überhand nehmen („All That Glitters“) und in der manchmal Sinn machen würde, einfach zu verschwinden („I’ve Gone Missing“). Dass man ein höchst aktuelles Problem in einen lockeren Folk-Pop-Song verpacken kann, beweisen Matthews und Baartmans mit „Are You A Racist“, wo die verschiedenen Erscheinungsformen abgefragt werden und die Gegenfrage gestellt wird: „What makes you think that you’re the chosen one“.

Die musikalische Qualität von „Distant Chatter“ ist dank eines geschmackvollen Arrangements sehr hoch, die stimmliche Form von Iain Matthews ist ungebrochen und kann in einer Liga mit Todd Thibaud oder Graham Nash eingeordnet werden. Aus diesem Grund müssen wir die abschließende Frage von Iain Matthews „War‘s das?“ - oder auf Englisch „Is This It?“ - mit einem klaren Nein beantworten. Es würde sich weiter lohnen, in dieser Zusammensetzung den Blues wegzuschreiben!

 

http://iainmatthews.nl/

https://www.bjbaartmans.nl/


The Immediate Family: The Immediate Family   ****

Produced by The Immediate Family

Quarto Valley Records (USA 2021)

14 Tracks - 53:06 Min.

 

Was haben Jackson Browne, James Taylor, Don Henley, Rod Stewart, Phil Collins, Keith Richards, Crosby, Stills, Nash & Young, Linda Ronstadt und Carole King gemeinsam? Auf den ersten Blick ganz einfach: sie sind (oder waren) höchst erfolgreiche Musiker, Songwriter und Sänger. Aber noch etwas trifft zu: sie haben immer wieder mit einer Gruppe von herausragenden Studiomusikern aus Südkalifornien (auch bei Live-Konzerten) zusammengearbeitet, nämlich mit Danny Kortchmar (voc, g), Waddy Wachtel (voc, g), Leland Sklar (b) und Russ Kunkel (dr). Diese vier, deren Namen man unzählige Male in den Credits lesen konnte, sind nun für ein eigenes Bandprojekt aus der zweiten Reihe vorgetreten und präsentieren eine Supergroup, etwa im Stil der legendären Blind Faith.

Weil man gewisse Anlässe im engsten Familienkreis begehen sollte (zum Beispiel 50jähriges Jubiläum von James Taylors Mega-Hit „You’ve Got A Friend“), nennen sie sich treffend „The Immediate Family“, haben den ebenfalls nicht ganz unbekannten Steve Postell als Spezialisten für höhere Stimmlagen in das A-Team einbezogen, sind eine Zeitlang zwischen 2018 und 2019 in Japan getourt und testen nun nach zwei 5-Track-EPs („Slippin‘ And Slidin‘“ und „Can’t Stop Progress“) mit einer vollständigen CD ihre Marktchancen am Ende von Corona. Schon in den 70er Jahren haben drei von ihnen unter dem unscheinbaren Namen „The Section“ das gemacht, was sie am besten können: Instrumentalmusik für Fans und Kenner.

Nun aber wollen sie richtige Songs präsentieren, eigene und solche von alten Freunden, denen sie schon bei der Original-Aufnahme geholfen haben. So findet man auf dem Album den melodiösen Soundtrack „Somebody‘s Baby“ von Jackson Browne als lässige Live-Darbietung sowie die dynamisch rockenden Songs „Things To Do In Denver When You’re Dead“ und „Johnny Strikes Up The Band“ von Warren Zevon. Auch die eigenen Titel dieser abgebrühten Ü-70-Combo - zum Beispiel das hitverdächtige „Slippin‘ And Slidin‘“ - machen Lust auf mehr, zum Beispiel auf eine Europa-Tournee - vielleicht im nächsten Jahr und dann vor großer Öffentlichkeit. 250 Jahre Erfahrung im Studio und on the road können sich nicht irren!

 

https://www.immediatefamilyband.com/#home-section


Tim Grimm: Gone   ****

Produced by Tim Grimm

Cavalier Recordings (USA 2021)

9 Tracks - 40:34 Min.

 

Was ist der Unterschied zwischen einem Leben in der Filmindustrie von Hollywood und einem Leben auf einem Bauernhof im südlichen Indiana? Wer darauf eine Antwort hören will, sollte Tim Grimm fragen, denn er hat beide Orte intensiv erlebt. Derzeit hat sich der Schwerpunkt nach Indiana verlagert, was auch zur Folge hat, dass er seine zweite künstlerische Leidenschaft als Sänger und Songwriter (die andere ist die Schauspielerei) intensiver pflegt und vor kurzem ein neues Album herausgebracht hat. Das hat sich definitiv gelohnt, denn „Gone“ ist ein reifes Meisterwerk im weiten Feld der anspruchsvollen Country/Folk-Music, geprägt von eindrucksvollen Kompositionen, nachdenklichen Texten und natürlich von Tim Grimms intensiver Stimme.

Die acht neuen Songs (Nr. 9 ist eine entschlackte Reprise von „A Dream“) wurden in Bloomington (Indiana) aufgenommen, das musikalische Personal ist im Wesentlichen die Familie von Tim Grimm, das heißt: seine Frau Jan Lucas-Grimm (Gesang und Harmonika) und seine Söhne Connor (am Bass) und Jackson (an Gitarre und Mandoline). Das Ergebnis ist deutlich mehr als nur ein bisschen Hausmusik, es ist akustisch dominierter und weitgehend Schlagzeug-freier Country/Folk, der sich zurecht an großen Namen wie John Prine, Eric Taylor, Michael Smith oder David Olney orientieren kann.

Diesen vier Vorbildern, die alle während der Corona-Pandemie verstorben sind, zollt Tim Grimm auch seine Hochachtung. Er covert einen Song von Eric Taylor („Joseph Cross“) und hat dessen Frau Susan Lindfors Taylor als Vokalistin eingeladen. Über Smith, Taylor und Olney hat er den Song „Dreaming Of King Lear“ geschrieben, wo er das Trio folgendermaßen charakterisiert: „Each of you were jesters, but none of you were fools … all of you were preachers and prophets without fear …”. Der Titelsong „Gone” ist schließlich eine melancholische Gegenwarts-Betrachtung mit einer Aufzählung, was so alles leider verschwunden ist. Dazu gehören auch John Prine und seine allerdings unvergessenen Songs (wie „Paradise”, „Angel From Montgomery“ oder „It’s A Big Old Goofy World”): „and there is hope in knowing some people know the words”.

Tim Grimm kann aber auch einen flockigen Country-Rocker abliefern (“Cadillac Hearse“) oder einen romantischen Lovesong authentisch interpretieren („Carry Us Away”). Welche Bedeutung Bücher und Bäume in den Zeiten des Lockdowns haben, erfährt man in dem Song „25 Trees“. Zu dieser Leseempfehlung kommt hier ein klarer Hör-Tipp: Tim Grimm - eine Stimme, die du nicht mehr so schnell vergisst.

 

https://timgrimm.com/


Richie Furay: 50th Anniversary Return To The Troubadour     *****

(Still Deliverin’ / Deliverin’ Again)

Produced by David Stone & Denny Klein

DSDK Productions (USA 2021)

Disc 1: 10 Tracks - 55: 38 Min.

Disc 2: 13 Tracks - 48:55 Min.

 

1968 - 1971 - 2018 - 2021: das ist die Zeitleiste, die hinter diesem Projekt steht. Im November 1968 debütierte die aufregende neue Band Poco im Troubadour (L.A.) in der Besetzung Richie Furay (g, voc), Jim Messina (g), - beide spielten vorher in der legendären Band „Buffalo Springfield“ - Randy Meisner (b, voc), Rusty Young (pedal steel) und George Grantham (dr, voc) - viele sehen darin die Geburtsstunde einer neuen musikalischen Fusion: Country & Rock. Nach zwei Studioalben erschien 1971 unter dem Titel „Deliverin‘“ die erste Live-LP von Poco, Konzerte in der Boston Music Hall und im New York Felt Forum wurden als Audio-Material benutzt. Randy Meisner war inzwischen durch Timothy B. Schmit (b, voc) ersetzt worden.

2018 stellte sich Richie Furay wieder auf die Bühne des Troubadours, diesmal mit seiner Richie Furay Band, in der auch Tochter Jesse Furay Lynch eine gewichtige Rolle spielt. Der erste Set war ein Überblick über Furays musikalisches Spektrum von Buffalo Springfield über Poco bis heute, nach der Pause folgte ein vollständiges Replay der Deliverin‘-Live-LP samt einer Zugabe mit dem Poco-Klassiker „A Good Feelin‘ To Know“. Für den Song „Hear That Music“ kam auch Timothy B. Schmit auf die Bühne, brachte sicherheitshalber ein Textblatt ein und bewies, dass seine Stimme unter dem Eagles-Stress überhaupt nicht gelitten hat. Von dem denkwürdigen und mit viel Nostalgie aufgeladenen Abend gibt es eine Doppel-CD und eine DVD, die allerdings erst 2021 auf den Markt kamen. Beide beweisen die Zeitlosigkeit der Songs, die auch ein etwas moderneres Arrangement vertragen. Beeindruckend ist auch die stimmliche Präsenz des musikalischen Direktors Richie Furay, der als Rock-Musiker, als Pionier des Country Rock, als Teil der etwas zu viel gehypten Supergroup Souther-Hillman-Furay-Band und als christlicher Prediger seinen Weg gemacht hat.

Die Liner Notes auf der LP von 1971, verfasst von dem Radio-Moderator Peter Fornatale können ohne Problem weitergeschrieben werden: „Poco music is happy music. It’s people music. It’s toe-tapping, foot-stomping, knee-slapping, blood-pumping, wide-grinning, shit-kicking, down-home rock and roll music. And it’s some of the finest music being made anywhere by anybody in these troubled times.” Kurz nach dem Erscheinen dieser Doppel-CD verstarben die Poco-Veteranen Rusty Young und Paul Cotton: „anyway bye bye!

 

https://www.richiefuray.com/


David Crosby: For Free     *****

Produced by James Raymond

BMG (USA 2021)

10 Tracks - 37:34 Min.

 

Blättert man durch das ABC der amerikanischen Singer/Songwriter lohnt es sich, bei C erneut anzuhalten, denn David Crosby hat eine neue CD herausgebracht, mit der er sich zu seinem 80. Geburtstag (am 14. August 2021) das schönste Geschenk macht. Über Jackson Browne sagte er übrigens, dieser sei der „verdammt beste Songwriter des modernen Amerika“. Bezüglich seiner eigenen Kompositionen kam er zu der Erkenntnis, er sei in seinen früheren Bands (The Byrds, Crosby, Stills, Nash & Young“) immer für die etwas verrückten Songs zuständig gewesen.

Leider ist Crosby mit seinen alten Bandkollegen ziemlich zerstritten, doch für sein aktuelles Solo-Album hat er gewichtiger Mitstreiter gefunden, die „For Free“ zu einem späten Höhepunkt seiner Karriere machen. An erster Stelle ist sein unehelicher Sohn James Raymond zu nennen, der für Produktion, Arrangements, alle Tasteninstrumente und auch für drei Kompositionen verantwortlich zeichnet. Den Auftaktsong „River Rise“ hat Michael McDonald (vordem bei den Doobie Brothers) mitgestaltet, „Rodriguez For A Night“ ist eine gemeinsame Arbeit mit dem genialen Donald Fagen (vordem bei Steely Dan). Damit sind auch zwei Bands genannt, die mit ihrem ganz leicht angejazzten Westcoast-Rock perfekt zu der musikalischen Grundorientierung von David Crosby gepasst hätten. Höhepunkt des Albums ist aber ohne Zweifel eine Reminiszenz an Joni Mitchells über 50 Jahre alten Song „For Free“: die archetypische Geschichte eines Straßenmusikers, der umsonst und draußen an einer lauten Straßenecke seine Klarinette ertönen lässt. Vielleicht könnte man David Crosby dazu überreden, so etwas inkognito beim nächsten Bardentreffen in Nürnberg auszuprobieren! Als Gesangspartnerin dürfte er (wie auf dem Album) gerne die aufstrebende Folk-Rock-Novizin Sarah Jarosz mitbringen.

Auch im hohen Alter und nach vielen Downs im bewegten Leben hat die Kreativität und stimmliche Präsenz von Mr. Crosby nicht nachgelassen. Er singt frisch von der (transplantierten) Leber weg, seine Phrasierung sind beispielhaft und die vokale Kraft erscheint wie eine Silvaner-Spätlese aus Escherndorf: absolut lagenrein und süffig beim Abgang in der Ohrmuschel. Design-Freunde können auch noch die originale Cover-Gestaltung von Joan Baez genießen - mit einem Wort: ein echtes Gesamtkunstwerk!

 

https://davidcrosby.com/


Jackson Browne: Downhill From Everywhere    *****

Inside Recordings (USA 2021)

Produced by Jackson Browne

10 Tracks - 50:12 Min.

 

Blättert man durch das ABC der amerikanischen Singer/Songwriter lohnt es sich, schon bei B anzuhalten, denn Jackson Browne hat eine neue CD (es ist immerhin seit 1972 schon sein 15. Studio-Album!) herausgebracht. In einer über 50jährigen Karriere hat er sich als „The Pretender“, als subtiler Beobachter von Land, Leuten und gesellschaftlichen Entwicklungen und natürlich auch als Komponist anrührender Love Songs (z. B. „Shape Of A Heart“) präsentiert. Mittlerweile ist auch das Altern und das Ende des Lebens ein Thema für den 72jährigen, der 1948 in Heidelberg geboren wurde, und so haben diese zehn fesselnden Gänsehaut-Songs fast den Charakter eines Vermächtnisses, einer Stabübergabe an die (über)nächste Generation.

Jackson Browne schafft es, gleichzeitig zeitnahe und zeitlose Geschichten zu erzählen, ohne dabei einmal das Wort „Trump“ oder „Corona“ zu gebrauchen. Larmoyanz und Pessimismus ist nicht seine Sache; dass alles bergab geht („Downhill From Everywhere“), will er wie einst Sisyphus nicht akzeptieren, denn er glaubt immer noch an die Chance der Freiheit („Still Looking For Someone“), an die Relevanz der menschlichen Berührung in Zeiten des Abstandhaltens und der Hass-Botschaften („Human Touch“ als bewegendes Duett mit Leslie Mendelson, das schon 2019 anlässlich einer Aids-Doku komponiert wurde) und an die Vollendung einer weltweiten Gerechtigkeit („Until Justice Is Real“). Jackson Browne ist auch ein Bewunderer der europäischen Kultur und Zivilisation, wenn er im Abschlusssong („A Song For Barcelona“) erzählt, dass diese Stadt sein Fluchtpunkt vom amerikanischen Rock and Roll ist. Nur einmal streift er zweisprachig die Tagesaktualität, wenn er von einer jungen Frau berichtet, die wieder nach Mexiko zurückgeschickt werden soll („The Dreamer“). Grenzmauern sieht er in diesem Zusammenhang als Zeichen dafür, dass wir Gefangene einer irrationalen Furcht sind: „the walls, that we’ve built between us / keep us prisoners of our fear“.

Musikalisch bleibt er seinem ruhigen Westcoast-Rock treu, den er mit langjährigen Bandkollegen wie Greg Leisz oder Bob Glaub genussvoll zelebriert. Das Cover erinnert an die Ruinen des Spätkapitalismus, an kaputte Frachtschiffe, die in Indien oder Bangla Desh verschrottet werden. Wer einmal in der untergehenden Abendsonne an der Westküste der USA gestanden ist und gen Osten geblickt hat, mag das perfekte Ambiente zu diesen Songs erleben. Ein leistungsfähiger Autolautsprecher und die A3 von Nürnberg nach Neumarkt spätabends tun es auch!

 

https://www.jacksonbrowne.com/


Firefall: Comet *****

Sunset Blvd Records (USA 2020)

Produced by Jock Bartley, Zach Allen & Firefall

10 Tracks - 40:13 Min.

 

Herzlich willkommen zu einer doppelten Reise in die Vergangenheit! Firefall, die ihre größten Erfolge in der Mitte der 70er Jahre hatten, melden sich nach über 25 jähriger Studio-Pause mit einem tollen Album voller Edelsteine zurück. 1994 war „Messenger“, die letzte CD mit neuen Songs erschienen, dazwischen gab es nur eine Solo-CD von Jock Bartley („Blindside“) ein grandioses Live-Reunion-Projekt (2009) und relativ regelmäßige Live-Auftritte in den USA. Jetzt aber haben sie - der Pandemie zum Trotz oder vielleicht gerade wegen einer gewissen Corona-Langeweile - noch einmal eine musikalische Botschaft herausgehauen, die es in sich hat: Wir sind noch da! Wir haben noch was zu bieten!

Die zehn Songs - vier davon von dem Bandleader Jock Bartley - strotzen vor Spielfreude und Optimismus und spannen ein musikalisches Band vom alten Westcoast-Sound der 70er Jahre bis zum modernen Country Rock. Zwar sind die alten Haudegen Rick Roberts und Larry Burnett nicht mehr dabei, aber die Gitarre von Jock Bartley und die Stimme des neuen Hauptsängers Gary Jones lassen keine Wünsche offen. Dazu komplettieren Mark Andes (b), Dave Muse (keyb, fl) und Sandy Ficca (dr) den typischen Firefall-Sound: melodiöser Westcoast-Rock mit perfektem Harmoniegesang und satten Solo-Gitarren.

Ganz am Anfang blickt Jock Bartley auf die Jahre 1965, 1967 und 1969 zurück („Way Back When“), wo sie alle ihre musikalische Sozialisation mit den Beatles, den Stones, den Byrds, aber auch mit Aretha Franklin, den Rascals, den Doors, mit Marvin Gaye und ganz besonders mit Creedence Clearwater Revival erlebt haben - John Fogertys „Lodi“ wird in diesem Song sogar ein bisschen harmonisch zitiert!

Doch auch schöne Cover-Versionen und Gast-Auftritte sind zu erleben: Randy Californias „Nature’s Way“ setzt einen ökologischen Spirit, der seit über 50 Jahren aktuell ist, Timothy B. Schmit mischt dabei als Duett-Sänger mit. Von dem leider schon verstorbenen Robbin Thompson stammt „A Real Fine Day“, ein Song, der bei jedem Anhören ein Lächeln hervorzaubert. Von Nashville-Urgestein Gary Burr kommt die leicht ironische Anmerkung „Younger“, ein perfektes Spielfeld für Sänger Gary Jones. Nicht zu vergessen der saftige Southern-Rocker „Ghost Town“ aus der Feder von Tony Joe White (RIP!), den Dave Muse mit seiner Querflöte veredelt und der auch auf jedes frühe Eagles-Album gepasst hätte. Der etwa 45 Jahre andauernde Kreis schließt sich mit „(I See) A New Mexico“, einer neuen South-of-the-Border-Komposition, die sich explizit auf Firefalls „Mexico“ aus dem Jahre 1976 bezieht: music, love & romance is in the air! Wollen wir hoffen, dass sich für Firefall bald wieder - vielleicht auch in Europa? - ein Live-Fenster öffnet, denn die alten Hits wie „Just Remember I Love You“ und „You Are the Woman“ stehen weiterhin auf der weltweiten Wunschliste!

 

http://www.firefallofficial.com/


Fox And Bones: American Alchemy    ****

Dutch Records (USA 2021)

Produced by Matt Greco & Dominik Schmidt

11 Tracks - 41:57 Min.

 

Die mittelalterlichen europäischen Alchemisten sahen ihr Opus magnum in der erfolgreichen Umwandlung eines Ausgangsstoffes in Gold oder in der Schaffung des Steins der Weisen. Mit ihrem dritten Album „American Alchemy“ hat das Duo Fox And Bones aus Portland, Oregon ähnlich ambitionierte Pläne. Sie wollen die Zeiten, als sie in leeren Räumen auftraten, mit ein paar Drinks bezahlt oder vom Veranstalter beschimpft wurden (so jedenfalls erinnern sie sich in dem Song „Already Here“), hinter sich lassen und aus ihren Kompositionen am besten irgendwas mit Platin machen. Die Chancen dafür stehen gar nicht schlecht, denn ihre Musik ist voll von ansteckendem Optimismus, eingängigen Melodien und treibenden Arrangements.

Hinter dem Bandnahmen verbergen sich die beiden Songwriter Sarah Vitort und Scott Gilmore, die sich auf dem Cover in dezenten Sepia-Tönen präsentieren und es dem Zuhören überlassen, darüber zu spekulieren, wer nun den Fuchs und wer die Knochen repräsentiert. Ganz unbescheiden starten sie das Album mit einem Aufruf zu einer neuen Bewegung, zu einem „Changing Of The Guard“, eine mitreißende Hymne, die auf allen Fridays-For-Future-Demos intoniert werden sollte. Der Song klingt, als hätten sich Stevie Nicks und Lindsey Buckingham einer Verjüngungskur unterzogen: bläsergestützter Power-Pop mit einer Prise Vintage-Nostalgie. Spätestens ab dem dritten Song „Dancing In The Aisles“ fühlt man sich wie in einer schwarz-weißen Gospelkirche, die auch für Agnostiker geöffnet hat: „Don’t need Jesus / To be a believer“. Erinnerungen an die Hippie-Bewegung in den frühen 70ern mit einer Prise Easy-Rider-Rider-Romantik kommt bei dem Song „Running Free“ auf, der schon vorab als Single eine vorzügliche Geschmacksprobe war. Fox And Bones überzeugen aber auch mit reduziertem Folk-Instrumentarium durch ihre markanten Stimmen (man könnte sagen, dass die Chemie stimmt!) und können auch nachdenklichere Atmosphären erzeugen. So ist das Finale „Layers Of Antiquity“ eine fast schon dylaneske Beobachtung der Gegenwarts- Themen, die schließlich nach sechs Minuten in eine großorchestrale Botschaft mündet: „If we’re all to bring this world together / We’ll have to let whatever doesn’t heal us to move on“.

Es ist Sarah & Scott zu wünschen, dass sie ihre gewaltige Dynamik bald auf großen Bühnen austoben dürfen: „We’re Already Here!“

 

https://foxandbones.com/


Improved Sound Limited: Improved Sound Limited   ****

Longhair LHC 00007 (D 2001)

Original Doppel-LP (D 1971)

Produced by Improved Sound Limited

18 Tracks - 71:21 Min.

 

Mit einem „Wumms” (Olaf Scholz) hat sich die Nürnberger Band Improved Sound Limited vor genau 50 Jahren auf dem Plattenmarkt angemeldet. Nach ersten Erfahrungen als Schülerband, als Backing-Band von Roy Black, als Beste Beat Band Bayerns bei einem Wettbewerb des Bayerischen Rundfunks, nach zwei Singles für Polydor und nach der Produktion der Filmmusik zu Michael Verhoevens Film „Engelchen macht weiter, hoppe hoppe Reiter“ wagten sie sich 1971 mit einer Doppel-LP auf dem renommierten Liberty/United Artists-Label, die 18 Eigenkompositionen des Brüderpaares Axel und Bernd Linstädt (letzterer für die englischsprachigen Texte verantwortlich) enthielt, an die Öffentlichkeit.

Die Reaktionen waren durchwegs positiv. In den Feuilletons der überregionalen Presse konnte man von „angelsächsischer Klasse“ oder von der „besten deutschen Rock-Produktion seit der Beatles-Live-LP mit Tony Sheridan“ lesen. Franz Schöler listete 1975 die Doppel-LP sogar in seiner „Diskografie der epochemachenden Rock-Platten 1954 - 1974“. Im Gegensatz zum sogenannten Krautrock konzentrierten sich Improved Sound Limited auf überschaubare, eher konventionell gestrickte Songstrukturen, im Gegensatz zum Deutschrock, den ihre Nürnberger Lokal-Konkurrenten „Ihre Kinder“ initiierten, blieben sie bei der englischen Sprache, allerdings mit manchmal sehr verkopften Texten, die auch aus einem Anglistik-Hauptseminar stammen könnten. Musikalisch orientierten sie sich an den späten Beatles, an Folk-Rock-Elementen, die man bei Jethro Tull oder sogar bei Led Zeppelin auffinden konnte und bei US-Bands wie The Byrds oder Lovin‘ Spoonful.

Die 18 Songs zeigen durchwegs kompositorische Klasse und ausgefeilte Arrangements weit über dem Level des Drei-Akkorde-Rocks mancher Zeitgenossen. Die Band wagt sich auf dem Album auch an witzige Songs-Miniaturen („Drunken Mr. Hyde“) und an ausschweifende Instrumental-Experimente (so das über 17 Minuten lange „A Soldier’s Songbook“). Das Thema Liebe wird nur dreimal angesprochen, wobei „I Am The Wolf“ gar nicht sehr idyllisch die Gewaltphantasien eines enttäuschten Liebhabers beschreibt: „I am the wolf in the chicken coop baby / Blood will be splattering all around“. Gleich beim ersten Song („Dr. Bob Dylan“) wird die Ambivalenz der Protestbewegung in den späten 60er Jahren am Beispiel der merkwürdigen Wandlungen des Herrn Zimmermann angesprochen, die Fragwürdigkeit militärischen Denkens wird pointiert in zwei Liedern verdeutlicht und selbst die verdruckste deutsche NS-Vergangenheits­bewältigung kann man in einen Pop-Song mit dreieinhalb Minuten packen („A Well Respected Man“). So ist das Doppelalbum ein Sammelbecken von „Reflexionen fünf junger Leute, die sich mit ihrer Umwelt und Situation kritisch befassen“ - wie damals der Kritiker der Nürnberger Nachrichten etwas altväterlich schrieb.

Wenn die Mannen von Improved Sound Limited nicht nach wenigen Jahren die Karriere-Ambitionen an den Nagel gehängt hätten, wären sie vielleicht zur deutschen Antwort auf Supertramp geworden!

Die Vinyl-Doppel-LP ist mittlerweile ein gefragtes Sammlerstück, die 2001 von Longhairmusic nachproduzierte CD ist nur noch antiquarisch zu haben. Wer Improved Sound Limited heute vollständig anhören will, muss den Geldbeutel weit aufmachen und die Ultimate-Collection mit 6 CDs kaufen.

 

http://www.improved-sound-limited.de/de/CDs.php


Sarah Jarosz: World On The Ground    *****

Rounder Records (USA 2020)

Produced by John Leventhal

10 Tracks - 35:31 Min.

 

Wimberley, ein kleines Städtchen mit rund 2600 Einwohnern, liegt etwa 60 Kilometer südwestlich von der Musik-Metropole Austin, Texas und kann immerhin drei (ehemalige) locals benennen, die in der Musik-Szene eine gewisse Berühmtheit haben: Ray Willie Hubbard, Kevin Welch und Sarah Jarosz. Letztere hat sich mittlerweile vor ihrem 30. Geburtstag nach New York abgesetzt und dort zusammen mit John Leventhal, der locker ihr Vater sein könnte, ihr fünftes Album fertiggestellt: „World On The Ground“ ist über weite Strecken ein Rückblick auf die Jahre der Jugend in Wimberley, dargestellt weniger im Ich-Modus sondern eher in anderen Charakteren, die ihr wohl seinerzeit über den Weg gelaufen sind.

Das ganze Album ist geprägt vom Motiv der small town und jener Ambivalenz aus vertrauter Heimat und Fluchtwünschen. In dem Song „Pay It No Mind“ wird diese Situation durch einen kleinen Vogel symbolisiert, der am Fenster im 7.Stock eines Hauses sitzt und titelgerecht singt: „When the world on the ground / Is gonna swallow you down / Sometimes you’ve got to pay it no mind”. Eine weibliche Person namens “Maggie”, der irgendwie die Decke auf den Kopf fällt und die genug hat von der engen Welt aus highschool, football und „processed food“, schnappt sich ein Auto und macht sich auf den Weg: „Drive across the desert in a blue Ford Escape / Hopefully this car will live up to its name“. Ein Mann namens „Johnny“ wundert sich, dass er die ganze Welt durchflogen hat und nun wieder bei einem Glas Wein in dem „same damn ground“ sitzt, wo er einst begonnen hat (dieser Song ist übrigens mein Anspieltipp No. 1!). Ganz in der Tradition von Bruce Springsteens „My Hometown“ hat Sarah Jarosz auch noch einen Song mit dem Titel „Hometown“ im Gepäck, der das Spannungsverhältnis zwischen einem hölzernen Schaukelstuhl und dem Leben on the road thematisiert.

Sarah Jarosz hat drei Pfunde, mit denen sie wuchern kann: zum einen ihre markante, aber nie manierierte Stimme, die zwischen Folk-Purismus und Pop-Intonation (oder zwischen Gillian Welch und Sheryl Crow) angesiedelt ist, zum anderen ihre instrumentellen Fähigkeiten an Gitarre, Banjo und Mandoline, die sie auch als One-Woman-Band bei dem Traditional „Little Satchel“ unter Beweis stellt, und schließlich ihr höchst originelles Songwriting mit ausgefeilten Harmoniefolgen und subtilen Texten.

Was hat schließlich ihr aktuelles Album mit Shawn Colvins „Steady on“ (1989) und Rosanne Cashs „The River & The Thread” (2015) gemeinsam? Bei allen drei CDs arbeitete eine (Ehe-)Frau mit John Leventhal als Produzent, Arrangeur und Studio-Musiker zusammen - dreimal war das Ergebnis als Mischung aus Modern Folk und anspruchsvollem Pop herausragend und preiswürdig: „World On The Ground“ wurde vor kurzem mit einem Grammy für das beste Americana Album 2021 ausgezeichnet!

 

https://www.sarahjarosz.com/


Jesse Brewster: The Lonely Pines    ****

Crooked Prairie Records (USA 2021)

Produced by Jesse Brewster & Gawain Mathews

10 Tracks - 35:01 Min.

 

Schon seit etwa zwanzig Jahren ist Jesse Brewster im Musik-Business, die soeben erschienene CD „The Lonely“ Pines“ ist schon seine fünfte Solo-Produktion (er startete 2005 mit „Confessional“). Doch der Bekanntheitsgrad in Europa dürfte sich noch in Grenzen halten; das soll sich jetzt - mit Hilfe seines schwedischen Publicity Managers - ändern.

Jesse Brewster lebt in der San Francisco Bay Area, hat schon ein paar private Schicksalsschläge hinter sich und präsentiert genau jene Singer/Songwriter-Musik, die man aus dieser Gegend erwartet: eingängigen Westcoast-Sound irgendwo zwischen Folk-Pop und Country-Rock, hörfreundlich und definitiv radiotauglich! Schon der Auftaktsong „Let‘s Run Away“, ein Plädoyer für die kleinen Fluchten aus dem Alltag („No good cause to wait another day / So let’s run away“), beißt sich im Ohr fest und macht Lust auf die restlichen neu(e)n Songs. Diese offenbaren eine gewisse Bandbreite von altmodischen piano-klimprigen Walzer-Beat bei „Bitter Pill“ über akustische Gitarren-Balladen mit klagender Mundharmonika („Southern“) bis zu irischen Einflüssen bei „Amber Kinney“. Am Thema der Corona-Pandemie kommt Jesse Brewster natürlich auch nicht vorbei, sein Song „Coming Home“ ist ein positiver Blick auf die Werte, die das Überleben („We’ll all get through this soon“) sichern und wertvoll machen: die Familie („it feels so good to be back home with the family“) und die Nachbarschaft („All my neigbors banding together“): Solidarität trotz Distanz! Die Pandemie hat auch Brewsters musikalische Projekte beeinflusst: die CD wurde zunächst mit dem kompetenten Produzenten Gawain Mathews und dem Drummer Ryan Low eingespielt, die finalen Zutaten musste Brewster in seinem eigenen Home Studio ergänzen.

Das Endergebnis kann sich - wie gesagt - sehen und vor allem hören lassen: Jesse Brewster klopft mit Recht und prägnanter Stimme bei der Klasse seiner Vorbilder Jackson Browne und Neil Young an, mit anderen südkalifornischen Songwritern wie Brad Colerick, Gerry Beckley (Ex-America), John Vester oder Jeff Larson spielt er längst in einer gemeinsamen Liga. Einen kleinen Punktabzug gibt es nur für die bedauerliche Tatsache, dass die CD sehr karg eingepackt ist und keinerlei Lyrics oder Credits beinhaltet! Die gibt’s nur mit der Sammler-Vinyl-Ausgabe, aber damit muss man wohl in Zeiten der Download-Kultur leben?

 

https://jessebrewster.com/


Ringo Starr: Zoom In    ***

Universal Music (USA 2021)

Produced by Ringo Starr & Bruce Sugar

5 Tracks - 19:34 Min.

 

Nun ist es also auch Ringo Starr ein bisschen langweilig geworden. Doch anders als der zweite Beatles-Überlebende Sir Paul McCartney, der sich 2020 ins Home Office einschloss und im Alleingang eine eher sperrige Solo-CD mit dem Titel „III“ erarbeitete, hat Ringo die Türen seines häuslichen Studios in Los Angeles weit geöffnet und zusammen mit vielen musikalischen Freunden aus seinem langjährigen Rock-Netzwerk - natürlich auch mit den bekannten Hygieneregeln - einen kurzen, knackigen und sehr eingängigen Fivepack produziert.

Es beginnt mit „Here’s To The Night”, einer „We-Are-The-World“-artigen Pop-Hymne, die Diane Warren maßgenau für Benefiz-Galas und weihnachtliche Charity-Events komponiert hat. Angesichts von Ringo Starrs bescheidenem Stimmvolumen wurde die originale Tonlage um genau sechs Halbtöne gesenkt, dafür aber ein beeindruckender Promi-Chor, eine echte All-Starr-Gesangsformation, für den häufig wiederholten Refrain engagiert. Anhand des offiziellen Song-Videos kann man erkennen, dass Paul McCartney, Joe Walsh, Dave Grohl, Ben Harper, Sheryl Crow, Chris Stapleton und Lenny Kravitz (neben einigen anderen) mitgewirkt haben, im finalen Mix sind ihre Stimmen aber nur schwer zu identifizieren.

Der flockige Pop-Song „Zoom In Zoom Out“ könnte glatt als Werbemelodie für die in Corona-Zeiten höchst erfolgreiche Videokonferenz-Plattform durchgehen, bekommt aber durch die Mitwirkung des Doors-Gitarristen Robbie Krieger einen zusätzlichen Retro-Charme. Die beiden Toto-Spieler Steve Lukather und Joseph Williams haben für Ringos Kernkompetenz, die Botschaft von Love, Peace & Hope, einen ziemlich radiotauglichen Song („Not Enough Love In The World“) bereitgestellt, und von Sam Hollander kam ein fertig gemixter Song namens „Teach Me To Tango“, eine Art Mambo No. 6, zu dem Ringo Starr nur noch seine gut geerdete Stimme und ein paar Drum-Fills hinzufügen musste.

Die eigentliche Überraschung ist ein Exkurs unter dem Motto „Ringo goes Reggae“: „Waiting For The Tide To Turn“ klingt ausgesprochen authentisch, wirkt wie eine späte Hommage an Bob Marley, enthält aber auch die so banale wie diskussionswürdige Textzeile „Let’s make some reggae music / And it will be a better day“.

Die ganze Sache dauert gute 19 Minuten, etwa so lang wie ein Corona-Schnelltest. Das Ergebnis ist weder eindeutig positiv noch dezidiert negativ. Einem so sympathischen Ü-80-Schelm wie Ringo Starr kann man einfach nicht böse sein.

 

http://www.ringostarr.com/


Emma Swift: Blonde On The Tracks   *****

Tiny Ghost Records (USA 2020)

Produced by Patrick Sansone

8 Tracks - 44:47 Min.

 

Das schönste Geschenk, das sich auf dem Gabentisch zu Bob Dylans 80. Geburtstag befindet, könnte von der australischen Singer/Songwriterin Emma Swift kommen: es ist eine CD mit acht Songs vom Literatur-Nobelpreisträger himself, die sie in einmaliger Weise mit ihrer magischen Stimme veredelt hat. Auf die dazugehörige Glückwunschkarte hat sie geschrieben: „Zu Ehren des majestätischen Bob Dylan freue ich mich, dass „Blonde On The Tracks“, eine Neuinterpretation einiger meiner Lieblings-Bob-Dylan-Songs, erschienen ist. Dieses Album wurde mit Liebe und Sorgfalt in Nashville vor und während der Pandemie gemacht.“

Über den gesundheitlichen Nutzen von Dylan-Songs gibt es keine gesicherten Studien, bei Emma Swift war es aber so, dass sie sich über eine Phase voller Depression und Schreibblockaden damit gerettet hat, dass sie an jedem Morgen ein Lied des Meisters angestimmt hat. Ihr Freund Robyn Hitchcock, mit dem sie seit 2013 in Nashville lebt, hat sie bei diesem Projekt zusammen mit Produzent Patrick Sansone - bekannt durch seine Mitwirkung in der Band Wilco - unterstützt.

Das Ergebnis ist atemberaubend: auf der Basis eines modernen Folk-Rock-Arrangements in der Tradition von The Byrds oder The Band arbeitet sich Emma Swift mit ungeheurer stimmlicher Präsenz in die Substanz der Songs. Die meisten stammen aus den Jahren 1965 - 1975, je zwei von den Alben „Blonde On Blonde“ und „Blood On The Tracks“. Es gibt Bekanntes wie „Simple Twist Of Fate“ (für viele der beste Dylan-Songs aller Zeiten) oder „Sad Eyed Lady Of The Lowlands“, das elfminütige Epos, mit dem Dylan seine erste Ehefrau Sara Lowndes charakterisierte. Es gibt aber auch Unbekannteres wie die schlichte Country-Nummer „Going Going Gone“ oder das vertrackte „The Man in Me“, das schon Wolfgang Ambros zu einer österreichischen Version animierte. Höhepunkt ist aber ohne Zweifel der Song „I Contain Multitudes“ aus dem aktuellen Album „Rough and Rowdy Ways“, in dem Bob Dylan rückblickend die Vielschichtigkeit und Rätselhaftigkeit seiner künstlerischen Person reflektierte: „Ich bin wie Anne Frank, wie Indiana Jones, wie die Rolling Stones“ heißt es da - viel Spaß beim Interpretieren!

Können Frauen Dylan-Songs singen? Aber sicher: Emma Swift steht in einer prominenten Reihe von Dylan-Interpretinnen wie Joan Baez, Odetta oder Emmylou Harris; die These sei gewagt: sie macht‘s am besten! Hoffentlich nimmt sich auch Herr Zimmermann die Zeit, dieses Geschenk an seinem runden Ehrentag in Ruhe anzuhören.

 

https://www.emmaswift.com/home


Steve Yanek: Across The Landscape    ****

Primitive Records (USA 2020)

Produced by Steve Yanek, Jeff Pevar und Leah Kunkel

11 Tracks - 49:33 Min.

 

Es war einmal ein ambitionierter Musiker namens Steve Yanek, der zu Beginn der 1980er Jahre davon träumte, der nächste Jackson Browne, Neil Young oder zumindest Ned Doheny oder John David Souther zu werden. Dafür zog er von den Stahlfabriken in Ohio zu der Musikindustrie in Los Angeles und präsentierte seine Songs in den einschlägigen Folk-Clubs. Doch irgendwie hat es mit dem großen Durchbruch nicht geklappt, zwei Plattenverträge wurden in letzter Minute wieder gekündigt und Yanek erkannte, dass die goldene Aufbruchsstimmung rund um den Laurel Canyon fast schon wieder vorbei ist, dass Äußerlichkeiten und nicht die musikalische Substanz das Musik-Business bestimmen. Also reiste er wieder zurück ins ländliche Pennsylvania, suchte sich mehrere Brotberufe, stellte sich aber gleichzeitig ein ordentliches Home-Studio und sogar eine unabhängige Plattenfirma (Primitive Records) zusammen.

An der Ostküste kam es dann 2004 zu einem neuen Anlauf, für den er sich zwei erfahrene Mitstreiter ins Boot holte: den Gitarristen Jeff Pevar, der mit David Crosby, CSN&Y und vielen anderen Westcoast-Celebrities zusammengespielt hat, und Leah Kunkel, die für Jackson Browne, James Taylor und Art Garfunkel schon Background gesungen hat und sich dank ihres Ex-Mannes, dem Schlagzeuger Russ Kunkel, in der Szene gut auskennt.

Herausgekommen ist dann 2005 das Album „Across The Landscape“, das elf Eigenkompositionen von Steve Yanek enthält, die sich stark an die oben genannten Namen anlehnen. „Right In Front Of You“ würde (auch textlich!) jede der frühen Jackson-Browne-Platten zieren, „No One Said“ oder „All I Ever Wanted“ wünscht man sich auf einem Firefall-Reunion-Album, „Dance With You“ hätte er zu Lebzeiten mal Tom Petty vorspielen sollen, „Got To Hear You Say It“ hätte er als Audio-Datei an Don Henley schicken sollen und „Barely Holding On“ wäre einen Anruf beim Management von Richard Marx wert gewesen. Damit wir uns richtig verstehen: Steve Yanek ist kein einfallsloser Epigone sondern ein richtig guter Songwriter, der unglücklicherweise mehrmals durch den Rost gefallen ist oder ein Beispiel für den alten Spruch „Wrong time wrong place“ wurde.

Doch es besteht noch Hoffnung: Steve Yanek hat die CD (auch für den europäischen Markt) mit ein paar kosmetischen Korrekturen neu veröffentlicht und für den Sommer 2021 ein neues Album (wieder mit Jeff Pevar) fest im Blick. Wie heißt es doch in dem finalen Song „Safe Harbours“: „There’s no turning back / The road lies ahead of you / Your faith and your anger / They’re going to pull you through“!

 

https://www.steveyanek.com/


Catherine Britt: Home Truth   ***

Beverley Hillbilly Records (AUS 2020)

Produced by Catherine Britt & Michael Muchow

12 Tracks - 43:10 Min

 

Wenn man sich schon mit Track #1 als wandelnder weiblicher Country-Song outet („I Am A Country Song“) und das Erbe von Hank Williams und George Jones reklamiert, weiß man eigentlich, wohin die musikalische Reise geht. Die Australierin Catherine Britt (geb. 1984) ist offensichtlich von ihren Eltern mit Country Music sozialisiert worden, hat dann 1999 im australischen Newcastle ihre Karriere gestartet, die sie - auf Empfehlung von Sir Elton John(!) - sechs Jahre nach Nashville führte und ist dann 2009 wieder in ihre Geburtsstadt zurückgekehrt, wo sie nun ihr mittlerweile achtes Album vorlegt: „Home Truth“. Diese heimatlichen Charaktereigenschaften, die sie auch von ihren Mitmenschen erwartet sind „honest, straight, 100% proof & little bitter sweet“. Unvermeidlich ist auch eine Hymne auf die Loyalität der Country Fans („there is nothing like a country fan“) und auf die Rolle der glücklichen Hausfrau und Mutter („I wouldn’t have it any other way”).

Catherine Britt, die in Australien eine Alt-Country-TV-Sendung moderiert, geht auch mit ihrer Musik auf die sichere Seite. Die elf Eigenkompositionen (jedoch mit wechselnden Songwriter-PartnerInnen) bewegen sich im Feld des Modern Country, dazu kommen ein paar Ausflüge in jenen stilübergreifenden Country Pop („Me“, „New Dawn“), der Superstars wie Taylor Swift oder Keith Urban zu Millionären gemacht hat. Der Sound des ganzen Album ist amtlich, radiotauglich und korrekt, die Banjos pluckern an der richtigen Stelle, die Steel Guitar schmelzt an den passenden Passagen, die Fiddles sorgen für akustische Authentizität und die E-Gitarren für mainstream-rockige Grundierung. Wer aber nach ein paar Widerhaken oder ironischen Brechungen sucht, wird enttäuscht. Catherine Britt bedient im Wesentlichen auf hohem Niveau und mit durchaus unverwechselbarer Stimme das Klischee. Auch die zwei männlichen Gesangspartner (Jim Lauderdale bei „Hard To Love“ und Lee Kernaghan bei „Country Fan“) bringen keine stilistischen Überraschungen. So schließen wir uns leicht verstört der Frage von Catherine Britt in dem Song „New Dawn“ an: „Where has everybody gone / 2020 phenomenon“?

 

https://catherinebritt.com/


Jim Stanard: Color Outside The Lines    ****

Manatee Records (USA 2020)

Produced by Kip Winger

11 Tracks - 36:02 Min.

 

Musik spielte schon immer eine große Rolle im Leben von Jim Stanard - aufgewachsen in Colorado nun lebend in Florida -, doch erst spät hat er sich dazu entschieden, sie zu seinem Fulltime-Job zu machen. Und deshalb sieht man ihn auf dem Cover seiner (erst!) zweiten CD als grauhaarigen Folk-Musiker in Blue Jeans mitten in einem Güterbahnhof, die Martin D-28-Gitarre locker in der rechten Hand gehalten.

11 Songs finden sich auf dem Album, das der Bassist Kip Winger, bekannt durch sein Mitwirken in der Band Alice Cooper, produzierte. Als musikalischer Begleiter hat sich Peter Yarrow mit seiner Tochter Bethany angeboten: tatsächlich erinnern die beiden Titel, an denen sie mitgewirkt haben, ein bisschen an die Zeiten von Peter, Paul & Mary! Ansonsten hat Jim Stanard aber mehr als Classic Folk zu bieten, er nimmt auch Anleihen bei Country und Blues, sogar sanfter Mainstream-Rock im Stile der Dire Straits ist dank seines Solo-Gitarristen John Skibic durchzuhören. Jim Stanard ist ein guter Beobachter des Lebens und entnimmt seine Songwriter-Themen der Geschichte und der Gegenwart. Exemplarisch nachzuprüfen am Starter „Home“, wo die Situation von Flüchtlingen seit über 150 Jahren skizziert wird. Die Themas Liebe folgt er in vielen Varianten: von einer komplizierten Trennung über die fake news bei Tinder-Kontakten bis zu einer Fortschreibung von Gordon Lightfoots „If you could read my mind“ unter dem Titel „Each Other‘s Mind“. Der Titelsong enthält eine zentrale Botschaft des stimmlich präzisen Jim Stanard: behaltet die kindliche Freiheit oder „Nothing was more natural / then to color outside the lines“.

Wer also seine musikalische Sozialisation mit Gordon Lightfoot, Richard Dobson, Tom Rush oder John Prine durchgemacht hat, findet in Jim Stanard einen neuen interessanten Wegbegleiter.

 

www.jimstanardmusic.com


David Olney & Anana Kaye: Whispers And Sighs ***

Schoolkids Records (USA 2021)

Produced by Brett Ryan Stewart

13 Tracks - 49:12 Min.

 

Vor ziemlich genau einem Jahr ist David Olney auf der Bühne während eines Auftritts in Santa Rosa Beach, Florida im Alter von 71 Jahren an einer Herzattacke gestorben. Somit ist die vorliegende CD seine letzte Studio-Produktion gewesen, die nun posthum herauskommt. Und die startet - nach einem kurzen Vorspiel - ausgerechnet mit seinem Song „My Favorite Goodbye“ - was für eine Koinzidenz!

Eine Radio-Aufzeichnung an seinem Todestag kann man übrigens unter diesem Link anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=v73VQVZpViA

Doch zurück zu dem ungewöhnlichen Projekt, das nun zu seinem Vermächtnis wird: David Olney arbeitete zusammen mit der aufstrebenden Künstlerin Anana Kaye (geboren in Georgien) und ihrem Ehemann Irakli Gabriel. Die beiden betreiben auch eine Musikvideo-Produktion in Nashville und erfuhren beim abschließenden Abmischen der Songs vom Ableben ihres musikalischen Mitstreiters. Herausgekommen ist ein spannender west-östlicher Diwan, eine musikalische Brücke zwischen Taiga und Texas, fast so als wäre Katie Melua mit John Prine (auch schon tot!) als Eastern Country Folk Duett in den Ring gestiegen.

Die Frage ist nun, wie die Kooperation zwischen dem ergrauten Rauschebart-Songpoeten aus Nashville und dem jungen Duo Kaye/Irakli funktioniert: leider stehen sich hier fast zwei Welten gegenüber, die abwechselnd den Lead-Gesang (und wohl auch die Kompositions-Tätigkeit) übernehmen. Bei den Arrangements hat sich eindeutig Anana Kaye mit ihrer Vorliebe für leicht klebrige Streicher-Texturen durchgesetzt, ein zwei- oder dreistimmiger Gesang ist so gut wie nie zu hören. Stattdessen ereignen sich drastische Stilbrüche, die man mögen muss: vom Kate-Bush-artigen Schwebezustand („My Last Dream Of You“) bis zum geerdeten Keith-Richards-Riff („Last Days Of Rome“).

Für alle David-Olney-Fans lohnt es sich eher, sein letztes Solo-Album „This Side Or The Other“ (ein tiefes Gedankenspiel über Mauern in dieser Welt) in memoriam anzuhören, dazu ein paar Shakespeare-artige Sonette aus seinem Buch „Sonnetts“ zu lesen und danach dem höchst philosophischen Olney-Song „Jerusalem Tomorrow“ in der Version von Emmylou Harris zu lauschen. Die weitere Karriere von Anana Kaye und Irakli Gabriel darf mit Interesse verfolgt werden.

 

https://davidolney.com/home

https://www.ananakaye.com/


The Band Of Heathens: Stranger    ****

BOH Records (USA 2020)

Produced by Tucker Martine

10 Songs - 42:57 Min.

 

Auf der waagerechten Linie der Stilfindung zwischen Texas Country und spätem Lennon/McCartney-Sound sind die Songwriter Ed Jurdi und Gordy Quist eindeutig einen Schritt nach rechts gegangen. Mitschuldig an dieser - keineswegs beklagenswerten - Entwicklung ist zum einen die Tatsache, dass sie für das aktuelle Album mit ihrer Band Of Heathens den vertrauten genius loci Austin, Texas verlassen haben, zum anderen, dass sie in Portland, Oregon den Soundbastler Tucker Martine (bekannt durch Arbeiten für The Decembrists, R.E.M. oder My Morning Jacket) mit der Produktion beauftragt haben.

Dies führt dazu, dass auf der CD ein fast schon psychedelischer Neo-Folk Song mit sägendem Streicher-Outro („Black Cat“) auf klassischen Roots-Country („Asheville Nashville Austin“) trifft, dass man sich bei dem Song „Dare“ in eine Brian-Wilson-Produktion versetzt fühlt und dass bei „Call Me Gilded“ eine Mischung aus James Taylor und den Avett Brothers ausgebreitet wird.

Insgesamt reflektieren viele Songs die verstörte Stimmung der Pandemie-Anfänge und die daraus resultierenden Fragen. Vor allem jenes Dilemma zwischen der Suche nach Wahrheiten und der Überflutung mit fake news scheint immer wieder bei den beiden Songschreibern Jurdi & Quist auf. In „South By Somewhere” heißt das „Wish I could go way back when / The truth was real“, in „Truth Left” behauptet der Refrain „There ain’t no truth left / We’re getting used to it“ und in „Today Is Our Last Tomorrow“ erzählen die zwei Heiden „I heard it on the news / A version of the truth / Was it fact packed or fiction and fable?”

Natürlich mag man angesichts dieser Stimmungslage in den Albumtitel einen Bezug zum Roman von Albert Camus hineingeheimnissen oder gar auf die Science Fiction Story „Stranger in A Strange Land“ von Robert B. Heinlein hinweisen, die genaue Analyse der Songtexte gibt aber diese Assoziation kaum her. Vielmehr schwebt über der gesamten Musik ein Gefühl der Fremdheit in einer Welt, die so wenig Fixpunkte bietet an denen man sich festhalten kann. Die Antwort der Band ist aber gar nicht so grüblerisch und dystopisch: selbst wenn heute unser letztes Morgen ist, sollte noch Zeit für ein bisschen Vergnügung sein. Mit „Stranger“ ist der Band Of Heathens jedenfalls der perfekte Soundtrack für einen musikalischen Jahresrückblick 2020 gelungen.

 

https://bandofheathens.com/


Sam Morrow: Gettin’ By On Gettin’ Down      ****

Forty Below Records (USA 2020)

Produced by Sam Morrow & Eric Corne

9 Tracks - 34:59 Min.

 

Der Weg von Houston, Texas nach Los Angeles hat Sam Morrow gut getan. Denn auf seiner vierten CD - schon der Vorgänger „Concrete And Mud“ war äußerst vielversprechend - präsentiert er ein durchgängig stimmiges Roots-Rock-Paket, das man gerne bald einmal live erleben würde. Morrow verlässt sich ganz auf seine präzise punktende und funkende Rhythmusgruppe mit dem Drummer Matt Tecu und dem Bassisten Taras Prodaniuk, die ihm den Groove für acht extrem haltbare Rock-Songs liefern. Erst beim Rausschmeißer greift Sam Morrow zur Akustik-Gitarre und erklärt mit markanter Stimme „I think I’ll just die here / High on this hill where the grass is stained green“.

Nicht nur die Tatsache, dass die Songs in einem Studio aufgenommen wurden, dass dem Doors-Gitarristen Robbie Krieger gehört, erklärt den unverkennbaren Retro-Charakter des Albums: ständig meint man auf einer neuen CD von Little Feat gelandet zu sein, dazu kommen Annäherungen an ZZ Top und an Lynyrd Skynyrd. „Wicked Woman“ und „Rosarita“ entwickeln genau jenen synkopierten Groove, für den Richie Hayward und Kenny Gradney berühmt waren; auf „Rosarita“ findet sich sogar noch eine Text-Anspielung auf die legendären „sailing shoes“ und das CD-Cover könnte glatt von Neon Park gestaltet sein.

Oft beschreibt Sam Morrow seine wenig erfreulichen Erfahrungen mit Beziehungen zum weiblichen Geschlecht, die ihm offensichtlich viele Nerven und viel Geld gekostet haben. Dafür aber den nötigen Country-Blues (man vergleiche den Albumtitel „Gettin‘ By On Gettin‘ Down“!) erzeugt haben, um zu einem hervorragenden Songwriter zu reifen. Sein Motto als Komponist und Live-Präsentator beschreibt er anschaulich in dem Song „Sit Crooked, Talk Straight“, wo er auch einige seine Vorbilder (The Band, Waylon Jennings und Tom Waits) Revue passieren lässt. Sam Morrow möchte aber kein Country-Outlaw sein, sondern eher als Classic-Rocker wahrgenommen werden. Mit dieser tollen No-Bullshit-Produktion sind seine Chancen deutlich gestiegen!

 

https://www.sammorrowmusic.com/


Huey Lewis & The News: Weather    ****

BMG Records (USA 2019)

Produced by Huey Lewis & Johnny Colla

7 Tracks - 26:05 Min.

 

Es ist immer bedauerlich, wenn man einen Artikel über einen Künstler mit einem Krankheits-Bulletin anfangen lassen muss. Bei Huey Lewis ist es aber leider unabdinbgbar: er leidet an der sogenannten Meniere-Krankheit (Schädigung des Innenohrs) und hat seit 2018 nur noch ein Gesamthörvermögen von etwa 15 Prozent. Das zwingt ihn seither zu dem Verzicht, als Sänger im Studio oder auf der Bühne zu arbeiten, weil der Hörverlust eine saubere Intonation praktisch unmöglich macht.

Eine neue Huey-Lewis-CD war praktisch seit 2011 in Arbeit, sieben Songs waren fertig produziert, dann schlug die Krankheit auf dem linken Ohr zu (das rechte war schon 2011 beschädigt worden). So hat sich Lewis mit seinen Bandkollegen (dabei sind noch die Original-News-Mitglieder Johnny Colla, Sean Hopper und Bill Gibson) entschlossen, wenigstens diese sieben Songs als EP-artige Statusmeldung zu veröffentlichen.

Und das ist gut so: denn damit bekommen Fans und Freunde noch einmal einen gute Laune machenden schlüssigen Überblick über die stilistische Bandbreite dieses sympathischen Musikers, der in den 80er Jahren mit Radio-Knallern wie „Power Of Love“, „Hip To Be Square“, „I Want A New Drug“ oder „The Heart Of Rock And Roll“ die Hitparaden stürmte. In gut 26 Minuten erprobt sich Lewis als nach wie stimmgewaltiger Shouter in den Genres des Mainstream-Rock, des Blue-Eyed-Soul, der Funky-Music, des Blues-Rock, der nostalgischen Surf-Doo-Woop-Music und sogar der Country Music. Denn „One Of The Boys“ war eigentlich als Komposition für Willie Nelson gedacht, wurde dann aber zu einer Art Rückblick auf das Lebenswerk von Huey Lewis & The News und zu einer Art aufmunternden Botschaft: „Though I ain’t getting any younger, I’m a long way from done“. Die bedenkliche symbolische Botschaft des Albumtitels ist aber eine andere: denn bei den TV-News kommen kurz vor Schluss die Sportnachrichten („Sports“), und ganz am Ende kommt das Wetter („Weather“). Für das Corona-Jahr 2020 und für seine eigene Befindlichkeit hat Huey Lewis schon vor Jahren die treffende Textzeile geschrieben: „Cool is a rule but sometimes bad is bad“.

 

https://hueylewisandthenews.com/


Gretchen Peters: The Night You Wrote That Song: The Songs Of Mickey Newbury   ****

Scarlet Letter Records / Proper Records (USA 2020)

Produced by Gretchen Peters & Barry Walsh

12 Tracks - 51:39 Min.

 

An dem Texaner Mickey Newbury (1940 - 2002) scheiden sich die Geister: die einen halten ihn für eine süßliche Schleimspur im nachmittäglichen Easy-Listening-Hausfrauen-Radio, die anderen sehen in ihm den Hohepriester des amerikanischen Country-Folk. Gretchen Peters zählt sich wohl eher zur zweiten Fraktion und hat sich in einer eigenen Produktion dem Songwriter Newbury ehrfürchtig genähert. Sie sieht in Newbury ein künstlerisches Profil, das ihrem eigenen nahesteht: beide sind Songwriter’s Songwriter, beide sind darauf bedacht, nicht in einer engen stilistischen Schublade abgelegt zu werden, beide prüfen mit Gitarre und Stimme die wirkliche atmosphärische und poetische Qualität eines Songs.

Gretchen Peters hat für „The Night You Wrote That Song“ schließlich zwölf Newbury-Songs ausgewählt, die meisten waren Hits für andere Musiker (z. B. Kenny Rogers, Andy Williams oder Eddy Arnold), einige sind aber Fundstücke und Randprodukte.

Die Basic-Tracks für diese Tribute-CD wurden zu dritt in demselben Studio aufgenommen, in dem Newbury am Ende der 60er Jahre seine Karriere startete: die Garage in dem Vorort Madison hieß Cinderella Sound und stand unter der Leitung von Wayne Moss (wer kennt noch Area Code 615 und Barefoot Jerry?). Zusammen mit Barry Walsh an diversen Tasten und Will Kimbrough an allerlei Gitarren hauchte Gretchen Peters mit ihrer markanten, nie gekünstelten Stimme den Songs neues Leben ein, wo nötig wurden dezente instrumentelle Ausschmückungen ergänzt: etwa durch Dan Dugmore an der Pedal Steel Guitar, Charlie McCoy an der Harmonika oder Eamon McLoughlin an der Geige. So lernt man einerseits den fast spirituellen Grundcharakter der Songs kennen, erfreut sich aber auch an der stilistischen Bandbreite von Soul, Gospel, traditionellem Country und bedächtigem Folkpop, einer Mischung, die dem Eklektiker Newbury in dem knallharten Nashville-Business immer mehr zum Problem wurde. Er wollte weder ein Country-Outlaw sein noch die abgewetzten Klischees der Nashville-Charts bedienen und wurde so im Laufe der Jahre zum Außenseiter, allerdings hoch verehrt von Kollegen wie Kris Kristofferson, Townes van Zandt oder Guy Clark.

Großes Kompliment also an Gretchen Peters, dass sie den Vorhang auf Mickey Newburys Songbook noch einmal geöffnet und einige zeitlose Edelsteine wieder zum Glänzen gebracht hat.

 

https://www.gretchenpeters.com/


Blackberry Smoke: Find A Light     ****

Legged Records / Earache Records (USA 2018)

Produced by Blackberry Smoke

13 Tracks -    53:47 Min.

 

Es gibt sie noch, die bewahrende Kraft in unserer schnelllebigen Welt. Zum Beispiel die Band Blackberry Smoke: gegründet im Jahr 2000 in Atlanta, Georgia, spielen sie seitdem in quasi unveränderter Formation, haben an ihrem Southern Rock Sound nur dezente Nuancen, an ihrem Langhaar-Outfit gar nichts verändert und legen mit „Find A Light“ ihr sechstes Studio-Album vor.

Dieses enthält wieder die bewährte Mischung aus stampfenden Rock-Krachern, halb-akustischen Country-Balladen und gitarrenlastigen Southern Rock-Hymnen. Kopf der Band ist seit der Gründung der Sänger, Komponist und Gitarrist Charlie Starr, der mit den Brüdern Richard und Brit Turner (b und dr) sowie Paul Jackson an der Gitarre und Brandon Still an den Keyboards einen Kreis kompetenter Kumpels um sich geschart hat.

Die dreizehn neuen Songs sind liebevoll im Klapp-Tray verpackt, das alle Lyrics, die interessanten Credits und stimmungsvolle Wasserfarben-Zeichnungen zur amerikanischen Tierwelt des bekannten Natur-Illustrators Obi Kaufmann enthält.

Entscheidend ist für Blackberry Smoke Fans aber die Musik, und die kann durch mit den Vorgängern Stand halten, reicht sogar fast an ihr bisheriges Highlight „The Whippoorwill“ (2012) heran. Die Blackberries starten mit dem gitarrenschweren Auftakt „Flesh And Bone“, im Refrain schaltet dann Charlie Starr die Vokal-Sirene ein: „What can I do, I‘m just flesh and bone“. Darauf folgt das absolut radiotaugliche und leicht hitverdächtige „Run Away From It All“ mit Anklängen an Tom Petty oder gar an die Rock-Seite der Eagles („The Long Run“). Bei „Medicate My Mind“ darf dann die akustische Gitarre einsteigen und die Stimmung wird gelassener: „Everything’s alright, as long as I can medicate my mind“. Drei etwas balladenhafte Country-Songs sind auch im Programm, besonders anschmeichelnd das Duett mit Amanda Shires („Let Me Down Easy“). So garantieren die Blackberries, dass sie sowohl in die Rock-Charts als auch in die Country-Charts einsteigen können und eine große Airplay-Bandbreite haben werden. Der finale Rausschmeißer wird einige überraschen, denn die Band demonstriert hier ihre Fähigkeiten bei den Vokal-Harmonien (with a little help von den Wood Brothers Oliver und Chris) und weckt Erinnerungen an Crosby, Stills, Nash & Young („Find The Cost Of Freedom“) oder an die Eagles („Walking In The Woods“). Vorher, erst am vorletzter Stelle, beglückt der Höhepunkt des Albums: eine unwiderstehliche Southern-Rock-Hymne, die wir gleichzeitig als Motto für die weitere Karriere der Band unterschreiben können: „Run until the wheels fall off“.

Kein Zweifel: mit dieser CD verteidigen Blackberry Smoke „erwachsen“ (wieder so eine schräge Fußballer-Floskel) ihren Spitzenplatz in der Southern-Americana-Rock-Liga!

 

https://www.blackberrysmoke.com/


Jono Manson: Silver Moon     ****

Independent (USA 2020)

Produced by Jono Manson

13 Tracks  -  48:16 Min.

 

Bei dem Nachnamen Manson denken viele zuerst an den berüchtigten Serienmörder Charles Manson, der am Ende der 1960er Jahre die sektenähnliche Manson-Familie an der amerikanischen Westküste gründete. Doch wir wollen von Erfreulichem reden, von dem Musiker Jono Manson, der bislang allerdings nicht auf dem Radar vieler europäischer Musikfreunde war. Dabei ist er schon weit über 40 Jahre im Geschäft und hat soeben seine zehnte CD mit dem Titel „Silver Moon“ veröffentlicht! Und die erweist sich spätestens nach dem zweiten Anhören als ein echtes Juwel, als ein wahrer Klassiker, der eigentlich viele Zuhörer verdient hätte. Und die naheliegende Frage lautet: warum ist dieser Kerl nicht berühmt geworden?

Jono Manson war in den 1980er Jahren eine gut vernetzter Musiker in New York City, der mit seiner Band The Worms (nicht: The Speyer!) vor allem in der Nightingale Bar auftrat und dabei die Karrieren anderer Bands wie Blues Traveler („Run Around“) oder Spin Doctors (jeder kennt ihre „Two Princes“?) beeinflusste. Schließlich zog er ab 1990 gen Westen und blieb in Santa Fe, New Mexiko hängen, wo er seitdem im eigenen Kitchen Sink Studio als Produzent und Künstler arbeitet. Dort haben schon T-Bone Burnett, Tom Russell oder John Fulbright aufgenommen.

Inzwischen nähert sich Manson seinem 60. Geburtstag, fühlt sich topfit, aber denkt öfter mal an die Unwägbarkeiten der Zukunft. Mit „Silver Moon“ hat er jedenfalls einen soliden Markstein gesetzt, der zeigt wie man mit scheinbar „einfachen“ Kompositionen beeindruckende Stimmungen erzeugen kann. Beim Auftakt „Home Again To You“ meint man, Bob Dylan habe sich spontan mit den Byrds (beziehungsweise mit den Travelling Wilburys!) getroffen, und bei dem Titelsong „Silver Moon“, der das langsame Verschwinden symbolisiert, darf der alte Kumpel Warren Haynes mit einem grandiosen Slide-Guitar-Solo den Rausschmeißer machen. Vielsagend ist sowieso die Liste der Freunde, die Jono Manson bei diesem Projekt unterstützt haben: Terry Allen, Joan Osborne, Eric Ambel, Eliza Gilkyson - um nur ein paar Namen zu nennen. Insgesamt steht Manson für einen eher soften Roots-Rock mit dem Retro Charme der Everly Brothers oder der Band Lovin Spoonful, für eine Prise Country a la Steve Earle oder John Prine, aber auch für schmeichelnden Soul-Pop in der Tradition von Van Morrison oder Dobie Gray. Bei Stücken wie „Loved Me Into Loving Again“, das auch einen kernigen Bläsersatz aufweist, entfaltet sich Jono Mansons leicht rauchige Stimme zur vollen Blüte. Ganz wichtig dafür, dass die Songs nie ins Seichte abrutschen sind die beiden festen Bandfreunde Jason Crosby an den Tasten und John Graboff an vielerlei Saiteninstrumenten. Unter den dreizehn Eigenkompositionen finden sich im Mittelteil drei grundehrliche Ich-Botschaften: „I Believe“, „I’m A Pig“ und „The Christian Thing“ (hier wartet man nur noch auf die Gast-Stimme von Willie Nelson!). Manson ist kein fundamentalistischer Missionar, aber er erinnert an Werte, die in den mehr und mehr gespaltenen „Vereinigten“ Staaten von Bedeutung sein sollten. Sein Glaubensbekenntnis ist eher humanistisch als christlich, wenn er von Freiheit, Glück und Wahrheit singt. Fazit: eine klare Empfehlung, sich den Namen Jono Manson ins Notizbuch zu schreiben!

 

http://www.jonomanson.com/


The Immediate Family: Slippin’ And Slidin’   ****

Quarto Valley Records (USA 2020)

Produced by The Immediate Family & Fred Mollin

5 Tracks - 22:31 Min.

 

Was haben Jackson Browne, James Taylor, Don Henley, Phil Collins, Keith Richards, Crosby, Stills, Nash & Young, Linda Ronstadt und Carole King gemeinsam? Auf den ersten Blick einfach: sie sind höchst erfolgreiche Musiker, Songwriter und Sänger. Aber noch etwas trifft zu: sie haben immer wieder mit einer Gruppe von herausragenden Studiomusikern aus Südkalifornien (auch bei Live-Konzerten) zusammengearbeitet, nämlich mit Danny Kortchmar (g), Waddy Wachtel (g), Leland Sklar (b) und Russ Kunkel (dr). Diese vier, deren Namen man unzählige Male bei den Credits lesen konnte, haben nun beschlossen, für ein eigenes Bandprojekt aus der zweiten Reihe vorzutreten und sozusagen eine Musicians-Supergroup zu gründen. Sie nennen sich durchaus treffend „The Immediate Family“, haben den ebenfalls nicht ganz unbekannten Steve Postell einbezogen, sind eine Zeitlang zwischen 2018 und 2019 in Japan getourt (dort gibt es auch zwei Erinnerungen in Form einer Danny-Kortchmar & The Immediate Family-CD mit dem Titel „Honey Don’t Leave L.A.“ und einer Live-CD mit der programmatischen Überschrift „Turn It Up To Ten“ auf dem Label Vivid Sound) und testen nun mit einer 5-Track-EP ihre Marktchancen nach Corona. Schon in den 1970er Jahren haben drei von ihnen unter dem unscheinbaren Namen „The Section“ das gemacht, was sie am besten können: Instrumentalmusik für Fans und Kenner.

Nun aber wollen sie richtige Songs präsentieren, eigene und solche von alten Freunden, denen sie schon bei der Original-Aufnahme geholfen haben. So findet man auf der Kurz-CD das melodramatische Epos „New York Minute“ von Don Henley (The Eagles) in einer groovigen Gitarren-Rock-Version und „Werewolves Of London“ von Warren Zevon (vielen Radiohörern durch „All Summer Long“, den Bastard-Mix von Kid Rock bekannt) als lässige Live-Darbietung. Sie erlauben sich sogar die feine Ironie, die Textzeile „I’d like to meet his tailor“ zu ändern - jetzt heißt es „we’ve all been fired by James Taylor“! Auch die eigenen Titel dieser abgebrühten Ü-70-Combo - etwa der flüssige Blues-Rock „Cruel Twist“, der irgendwie an eine andere Supergroup namens Blind Faith erinnert und tatsächlich ein Überbleibsel der Slo-Leak-Phase von Danny Kortchmar (zusammen mit Harvey Brooks und Charles Kamp) ist - machen Lust auf mehr, zum Beispiel auf eine vollständige CD, die im Frühjahr 2021 erscheinen soll.

 

https://www.facebook.com/TheImmedFamily


Joseph Parsons: At Mercy’s Edge   ****

Blue Rose Records (D 2020)

Produced by Joseph Parsons

10 Tracks - 40:29 Min.

 

Schon seit 22 Jahren ist Joseph Parsons ein Zugpferd im Künstler-Stall von Blue Rose Records und als Musiker auch in Deutschland live unterwegs - sei es solo, sei es zusammen mit Todd Thibaud, mit der Supergroup Hardpan oder zuletzt meist mit seiner exzellenten Joseph Parsons Band. Inzwischen hat sich der Amerikaner, der dort die meiste Zeit in Pennsylvania verbrachte, sogar in Deutschland niedergelassen und bewohnt mit Familie ein altes Haus (samt kleinem Tonstudio) in Parchim, südöstlich von Schwerin.

Warum er die USA - zumindest zeitweise - verlassen hat, erklärt sich schon aus dem ersten Song seines neuen Albums, der dynamischen, absolut radiotauglichen Power-Rock-Hymne „Greed On Fire“. Dort heißt es gleich zu Beginn „Set a course, get me out of here / This land has lost its way I fear“ und wenig später „Our soul was lost in Vietnam“. Insgesamt beschreibt der feinsinnige Parsons eine leicht dystopische Welt, in der es nicht leicht ist, die Nerven zu behalten: „I’m a lost soul in a burned-up world / Digging up diamonds that I sell for dirt”. Er sieht das Leben als Problemzone, die man nur durch ein bisschen Vergesslichkeit ertragen kann. Umso erstaunlicher, dass es ihm gelingt, so positiv klingende und empathisch ansprechende Songs zu schreiben, die allerdings mit klarer Rock-Kante arrangiert sind und immer wieder an Klassiker wie Tom Petty, Bruce Springsteen oder Mark Knopfler erinnern. Schuld daran ist nicht zuletzt sein hervorragender Gitarrist Ross Bellenoit, der markante und geschmackvolle Akzente setzt, besonders in dem leicht psychedelischen „Last One In“, das manchmal die Doors aufscheinen lässt, oder bei „Living With Top Down“, bei dem man Anklänge an den Sound von Chris Isaac erkennen kann. Nur ein Lovesong hat es hat die CD geschafft: die romantische (eigene) Familiengeschichte „One More“: „Each day we rise, another dream come true“ - ganz so tief ist die Welt also noch nicht gesunken! Bei Changes Everything“ und „Mule Train“ könnten John Hiatt oder Ry Cooder Pate gestanden haben, denn hier wird geradliniger amerikanischer Gitarren-Rock zelebriert. Das Album endet quasi mit einem Besuch im Irish Pub von Parchim und der wehmütigen Ballade eines heimkehrenden Seefahrers: „Mercy’s Edge“.

Alle zehn Songs hat der mittlerweile Ü-50er Parsons selbst komponiert und seine Stimme ist in den Jahren eher gewachsen und gereift. Es bleibt zu hoffen, dass er bald wieder die Möglichkeit hat, mit Band das Home Office zu verlassen und uns mit seinen ergreifenden Hymnen live zu beglücken!

 

https://www.josephparsons.com/


Eric Brace & Last Train Home: Daytime Highs And Overnight Lows *****

Red Beet Records (USA 2020)

Produced by Jared Bartlett & Eric Brace

14 Tracks - 56:42 Min.

 

Ein Wort voraus: wenn Eric Brace ein Projekt angeht, sei es als Sänger, Komponist, Solokünstler, Bandleader oder Plattenboss, dann darf man Qualität, Seriosität und ein durchwegs zufriedenstellendes Endprodukt erwarten. Das gilt für sein Solo-Album mit französischen Liedern, für seine Kooperationen mit Peter Cooper und Thomm Jutz und nun wieder für sein Leadership bei der Pop-Up-Band Last Train Home.

13 Jahre sind vergangen seit dem letzten Lebenszeichen dieser Band mit eigenständigen Songs, und der Titel („Last Good Kiss“) schien fast eine Ankündigung zu sein. Doch 2017 gab es ein Live-Wiedersehen in Arlington, Virginia und daraus erwuchs - zusammen mit dem Gitarristen Jared Bartlett - der Gedanke „Let’s Do It Again!“

In mehreren (Home-)Studios zwischen Nashville und Washington D.C. wurden von den elf Band-Kumpels die Tracks eingespielt, und das Endergebnis, das 2020 ans Tageslicht kam, ist schlicht begeisternd. Selten hört man eine solch abwechslungsreiche Musik aus den Elementen von Folk, Country und Americana, solch geschmackvolle Arrangements und ein derart stimmige Mischung aus Eigenkompositionen und abgelegenen, aber beeindruckenden Cover-Versionen.

Last Train Home ist sozusagen die amtliche Folk/Country-Bigband, in der neben den traditionellen Instrumenten auch eine messerscharfe, kleine, aber feine Horn Section (mit Kevin Cordt an der Trompete, Chris Watling am Saxophon) ihren Beitrag leistet.

Die 14 Songs befassen sich hauptsächlich mit drei Themen; der Album-Titel „Women, Water & Waggons“ wäre durchaus angemessen gewesen. Es geht also um die Gefährdungen der Liebe, um die Ausstrahlung von Flüssen und Meeren und um die nostalgische Erinnerung an Eisenbahnen. Den tatsächlichen Titel hat Eric Brace seinem Song-Text zu „Happy Is“ entnommen, wo von einer schmerzlichen Trennung die Rede ist und eben auch von „Daytime highs and overnight lows“. Zwei originelle Überraschungen enthält die famose Musik-Stunde: den bekannten Barry-White-Song „What Am I Gonna Do“, ein Soul-Klassiker, der aber schon länger im Repertoire der Band auftauchte, und die Retro-Komposition von Scott McKnight „Wake Up, We’re In Love“, eine witzige Hommage an den Sound des Sir Douglas Quintetts.

Meine persönlichen Favoriten sind das flotte und dennoch stimmungsvolle „Sleepy Eyes“ und die Hochwasser-Tragödie „Floodplains“ von dem leider viel zu wenig bekannten Steve Wedemeyer. Bei „Hudson River“ kann man lernen, dass es an diesem Fluss einen Peter-Cooper-Park gibt, der aber leider nicht nach Eric Brace‘s langjährigem Freund benannt ist. Wer eine Neigung zu alten Zug-Geschichten hat, ist mit „Old Railroads“ (von Thomm Jutz) und mit „B&O Man“ bestens bedient. Dringende Hör- und Kaufempfehlung verbunden mit der Hoffnung, dass Eric Brace mit Begleitern 2021 wieder mal den Weg nach Europa findet!

 

https://www.redbeetrecords.com/news/new-last-train-home-record-finally-here


Gunther Brown: Heartache & Roses     *****

GuntherBrown  (USA 2020)

Produced by Todd Hutchisen

11 Tracks - 39:41 Min.

 

Das kommt selten vor: eine völlig unbekannte CD mit einem völlig unbekannten Bandnamen liegt als Hörangebot des europäischen Publizisten im Briefkasten und nach mehrmaligem Blind Audio Date ist man der Musik verfallen! Es handelt sich bei dieser musical seduction um einen gewissen Gunther Brown; aber hinter diesem merkwürdigen Namen verbirgt sich eine sechsköpfige Truppe aus Portland/Maine, die es auf unglaublich relaxte Weise schafft, die alten ländlichen Folk-Traditionen der Band (= The Band!) und den melodiösen Country Rock der Ozark Mountain Daredevils zu einem zeitgemäßen Americana-Konzept zu vereinen, das in einer Liga mit Jeff Tweedy oder den Jayhawks angesiedelt ist.

„Heartache & Roses“ ist schon ihr drittes Album; während die beiden Vorgänger „Good Nights For Daydreams“ (2014) und „North Wind“ (Continental Song City CSCCD 1126 - USA 2016 - Produced by Jonathan Wyman - 10 Tracks - 39:14 Min.) noch eher in Richtung gitarrenlastigen Roots Rock gingen, bekommen jetzt auch die Mundharmonika, die Pedal Steel Guitar und das Banjo ihren Platz, wird das Tempo um einen Gang heruntergeschaltet und wunderschöne Balladen erwachsen aus einem stimmigen Arrangement. Genauso wichtig ist auch der personelle Umbruch. Bandleader Pete Dubuc hat nun mit Greg Klein und Joe Bloom zwei gleichwertige Sänger und Songwriter an seiner Seite - da könnte aus „Gunther Brown“ glatt „Bloom, Dubuc & Klein“ werden!

Die elf Songs atmen eine gewisse Traurigkeit, befassen sich mit den Ups und Downs des alltäglichen Lebens, bekommen aber durch die Kompositionen einen eindeutig optimistischen Charakter. Es geht um gute (ehrliche?) Vorsätze für das neue Jahr („five days from now, you’ll be looking at a new man“), um die Konsequenzen von klaren Trennungen („every word you taught me, I’ve unlearned“) und das Scheitern von Beziehungen („I planted a garden, but nothing ever growed“). Der Titel „Slow Me Down“ wartet mit eher flottem Tempo auf und erinnert an frühe Dire-Straits-Werke, der Titelsong „Heartache & Roses“ ist einer der vielen Geschichten über die Musiker on the road, vergleichbar mit Herb Pedersens „Wait A Minute“, und „Same Place Same Time“ berichtet dann doch von der Liebe auf den ersten Blick (vgl. die Einleitung des Review-Schreibers!).

„Heartache & Roses“ ist definitiv eine wärmende, aber nie klischeehafte Musik für die Zeiten der Corona-Quarantäne. Man würde sich aber sehr freuen, die ganzen Songs auch einmal live und in Europa erleben zu dürfen. Einstweilen eine dicke Anhör-Empfehlung für Gunther Brown!!

 

https://guntherbrown.com/


Drei Alben in 50 Jahren

Die irgendwie traurige Greg-Copeland-Saga

 

Die Geschichte beginnt mit drei Freunden an der Sunny Hills High School in Fullerton, California, die etwa ab 1964 den Traum von einer Karriere als Singer/Songwriter träumten und im nahe gelegenen Paradox Folk Club ihre ersten musikalischen Gehversuche machten. Wenn man die Namen verrät, weiß man, dass nur einer von ihnen dieses große Ziel erreicht hat: Jackson Browne. Die beiden anderen waren Steve Noonan und Greg Copeland, die trotz hoffnungsvoller Anfänge nie den großen Sprung schafften.

Fast tragisch ist das sehr übersichtliche Schaffen von Greg Copeland: er schaffte es in ca. 50 Jahren, nur gerade mal drei Langspielplatten/CDs zu veröffentlichen, Live-Auftritte kann man an einer Hand aufzählen, Tourneen zur Förderung der Karriere gab es nie - und das obwohl er bis heute in der damals so blühenden Orange County Szene bestens vernetzt ist.

Während Steve Noonan schon 1966 einen Plattenvertrag von Elektra bekam und zwei Jahre später seine erste LP veröffentlichte („Steve Noonan“) - mit der er allerdings überhaupt nicht zufrieden war! -, während Jackson Browne etwas vorsichtiger 1972 mit seinem bemerkenswerten Debüt „Jackson Browne“ und mit dem Hit „Doctor My Eyes“ den Durchbruch schaffte, ließ es Greg Copeland nach dem High-School-Abschluss ruhiger angehen: er studierte an der Universität Poetik, reiste viel in der Welt herum und begann erst 1980 wieder mit dem Songwriting. Er schickte Jackson Browne eine Kassette mit eigenen Liedern, die nur aus seiner Stimme bestanden. Browne vermittelte den Kontakt zu Geffen Records, die aber mit so einem Experiment nichts anfangen konnten.

Greg Copeland: Revenge Will Come      ****

Geffen Records (USA 1982)

Produced by Jackson Browne

10 Tracks - 39:44 Min.

 

Deshalb wurde „Revenge Will Come“ zu einem eher konventionellen südkalifornischen Singer/Songwriter-Album, auf dem sich country-poppige Love Songs wie „Starting Place“ mit politischen Statements („El Salvador“, „Revenge Will Come“) mischten. Manche Songs klingen stark nach Warren Zevon, manche eher nach dem gefälligen Soft-Rock von Browne (der im selben Jahr etwa mit „Somebody’s Baby“ wieder in die Hitparaden kam), manche erscheinen wie Anleihen beim engagierten Storytelling eines Woody Guthrie. Die Voraussetzungen waren also sehr erfolgsversprechend: ein berühmter Freund als Produzent (Jackson Browne), erstklassige Studiomusiker (Bob Glaub, Danny Kortchmar, Rick Vito) und eine sehr ambitionierte Plattenfirma. Doch trotz guter Kritiken (Time Magazine zählte „Revenge Will Come“ zu den zehn besten Alben des Jahres 1982) waren die Verkaufszahlen dürftig, war Greg Copeland frustriert und Geffen Records nicht mehr an dem Künstler interessiert (bezeichnenderweise ist bis heute kein Re-Issue als CD produziert worden und die Vinyl-LP hat mittlerweile hohen Sammlerwert!). Für Greg Copeland war damit dieses Kapitel beendet, er suchte nach anderen Möglichkeiten seine Familie zu ernähren und distanzierte sich für ca. 18 Jahre vom Musik-Business.

Erst bei der Jahrtausendwende 2000 macht es bei Greg Copeland wieder „click“ und er beginnt Songs zu schreiben. Es dauert allerdings weitere acht Jahre, bis eine CD mit 13 Titeln fertig ist - aber hier hat sich das Warten wirklich gelohnt!

Greg Copeland: Diana And James    *****

Inside Recordings (USA 2008)

Produced by Greg Leisz & Jackson Browne

13 Tracks - 49:52 Min.

 

With a little help from his friends Jackson Browne (Besitzer des Labels Inside Recordings sowie Executive Producer) und Greg Leisz (Multiinstrumentalist auf allen Arten von Saiteninstrumenten und Produzent) entsteht ein hervorragendes Album, ein Kleinod der südkalifornischen Songwriter-Szene, des leicht countryfizierten Folk-Rock. Alle Songs hat Greg Copeland geschrieben, doch nur zweimal taucht er mit akustischer Gitarre bei den Instrumentalisten-Credits auf. Seine Stimme hat ein rauchiges Profil, erinnert teilweise an Tom Waits oder Steve Earle, drängt sich aber nie zu sehr in den Vordergrund. Thematisch kreisen die Songs um das Thema „Beziehungen und ihre Probleme“, besonders anhörenswert dabei der Titelsong mit magischen E-Gitarren-Einwürfen, das mandolinenlastige „I Am The One“, das nachdenkliche „Between Two Worlds“ („King Cupid, your volunteers never go back / between two worlds there’s a broken door“), „Typical“, das Copeland als Zusammenfassung eines Lebens in vier Zeilen bezeichnet („Typical three-day day and a three-chord song / If it wasn’t for this, I’d be screaming in tongues / And the love light shines, sparkling on razor wire / Typical bud-wiser words, typical steel guitar“) und das atmosphärische Duett mit Carla Kihlstedt „Palace Of Love“.

Insgesamt ist es eine Schande, dass dieses Album so schnell wieder in Vergessenheit geriet, und für Greg Copeland wohl ein erneuter Hinweis, dass die Chemie zwischen ihm und dem Musik-Business nicht funktioniert.

 

Es dauerte sodann bis 2014, als wieder ein Lebenszeichen von Greg Copeland zu hören war - und das sogar live: zusammen mit Jackson Browne, Steve Noonan und Greg Leisz wurde ein Konzert im Fox Theater Fullerton organisiert, das zum einen die Restaurierung des Theaters und die OP-Kosten von Steve Noonan unterstützen sollte. Danach the same procedure as usual: Funkstille!

Wiederum vergehen einige Jahre, nach denen sich Greg Copeland motivieren lässt, in ein Studio zu gehen und neue Songs aufzunehmen.

Greg Copeland: The Tango Bar      ***

Paraply Records (USA 2020)

Produced by Tyler Chester

9 Tracks - 41:06 Min.

 

Diesmal ist Tyler Chester die treibende Kraft im Hintergrund: als Produzent, als Arrangeur und als Multinstrumentalist (g, piano, b, keyb, perc) hat er neun neue Songs von Greg Copeland fertiggestellt, die nun in den USA bei Franklin & Highland Recordings und in Europa - dank Peter Holmstedt - bei Paraply Records veröffentlicht worden sind. Die geradezu manische Zurückhaltlung von Greg Copeland äußert sich jedoch in der Tatsache, dass er nur fünfmal selber singt und viermal zwei vielversprechenden Damen den Vortritt lässt. Das ist gleich am Anfang Inara George, die Tochter der Little-Feat-Legende Lowell George, später dreimal die aufstrebende Independent-Folk-Country-Künstlerin Caitlin Canty, die zuletzt in Nashville ein vielversprechendes neues Album („Motel Bouquet“) präsentiert hat.

Greg Copeland nähert sich mit seinem rauchigen Bariton immer mehr der Stimme eines Randy Newman, seine Songs haben aber nicht dessen zynische Schlagseite sondern sind sehr poetische, manchmal verrätselte Beobachtungen des eigenen Lebens (mit 74 Jahren). Der Titelsong, mit dem die CD schließt, verwendet die Tango Bar als Metapher für eines gewisse Schwerelosigkeit und Zeitlosigkeit und sendet die Ich-Botschaft „Something in my heart has changed“. Dazu passt auch das Retro-Coverfoto, das Greg Copeland - zusammen mit Ex-Ehefrau Pamela Polland - vor 52 Jahren beim Sommerurlaub auf einer griechischen Insel zeigt. Copeland memoriert auch das New Yorker Künstler-Phänomen Lou Reed: „snipers voice, 3-D-Guitar, full blown superstar“ - praktisch das Antibild zum schüchternen Herrn Copeland. Mitgewirkt im Studio hat auch wieder Greg Leisz, teilweise mit markanter E-Gitarre, teilweise mit epischer Breitwand-Kino-Pedal-Steel. Die größte Überraschung folgt aber bei den Informationen der Plattenfirma: schon 2021 wird Teil 2 dieser Studio-Produktion (bislang noch ohne Titel) folgen. Zwei CDs in zwei Jahren, was soll das noch werden? Und dann noch dieses Zitat aus einem aktuellen Copeland-Interview: „Wenn ich eine Band zusammenstellen könnte, für die ich selbst an einem Freitagabend meine Couch verlassen würde, um sie anzusehen, dann gehe ich auf Tour!“ Wird Gregs Ankündigung Wirklichkeit?

 

https://gregcopeland1.bandcamp.com/releases

https://insiderecordings.com/gregcopeland/

https://www.hemifran.com/artist/Greg%20Copeland/


Terry Klein: tex     ****

Independent (USA 2019)

Produced by Walt Wilkins

10 Tracks - 42:46 Min.

 

Erst im gesetzten Alter von 40 Jahren hat Terry Klein begonnen, sich von seinem Brotberuf als Rechtsanwalt zu verabschieden und eine Karriere als Singer/Songwriter anzustreben. Folgerichtig siedelte er sich in der Musik-Hochburg Austin/Texas an, nahm Nachhilfestunden bei Mary Gauthier, fand in Walt Wilkins einen Produzenten mit feinem Blick für Musiker mit Perspektiven und in Ron Flynt einen bestens vernetzten Studio-Inhaber. 2017 erschien dann sein Debütalbum „Great Northern“, das mit „Better Luck Next Time“ einen treffsicheren Verweis auf seine großen Vorbilder Bruce Springsteen, John Prine oder Steve Earle enthielt. Nun folgt ein weiterer Schritt ins Rampenlicht: „tex“ ist ein stimmiges Kompendium von zehn anregenden Songs, die keineswegs nur im großen Staat Texas angesiedelt sind. Terry Klein führt uns zunächst in das Urlaubsparadies Cape Cod an der Ostküste, wo Touristenströme über die „Sagamore Bridge“ die Insel überfallen, danach zur Beerdigung seiner Mutter nach Oklahoma und am Schluss sogar zu den Erinnerungen eines Spions an ein total verregnetes Norwegen („Steady Rain“). Der einzige Tex-Mex-Klassiker ist das wohl unvermeidliche „When The Ocotillo Bloom“, ansonsten ist Terry Klein ein viel zu differenzierter Welt-Beobachter, um in gängige Klischees zu verfallen. Der wohlklingende Gesang pendelt zwischen sonorem Sprech-Blues und emotional gefärbten Selbstbeobachtungen. Musikalisch bewegt sich Terry Klein in sicherem Revier: dezent angerockter Texas Folk/Blues mit kompletter Bandbesetzung, ganz in der Tradition von Rodney Crowell oder James McMurtry. Bleibt zu hoffen, dass eine Textzeile aus dem Song „Anika“ nicht programmatisch für die weitere Karriere von Terry Klein ist: „Some things just stay broke / And that’s the way it goes“!

 

https://www.terrykleinmusic.com/


James Taylor: American Standard ****

Fantasy (USA 2020)

Produced by Dave O`Donnell, John Pizzarelli & James Taylor

14 Tracks - 45:06 Min.

 

Zu den Ausprägungen einer Altersweisheit gehört auch das Phänomen, dass man Musik, die man als junger Erwachsener kategorisch ignoriert oder abgelehnt hatte, plötzlich „neu entdeckt“ und wertschätzt. Aktuelles Beispiel: James Taylor ist ab 1968 mit den Beatles (auf deren Apple Records seine erste LP erschien) und mit den Kreativ-Kollegen aus dem südkalifornischen Laurel Canyon (Carole King, Joni Mitchell, Crosby, Stills, Nash & Young, Jackson Browne) musikalisch aufgewachsen und wurde als „Sweet Baby James“ zu einem der erfolgreichsten Singer/Songwriter der 1970er und 80er Jahre.

Im gereiften Alter von 72 Jahren - fünf Jahre nach seinem letzten und eher erfolglosen Album mit eigenen Kompositionen - erinnert er sich nun an die Songs, die er noch zuhause in Boston bei seinen Eltern hörte: Lieder aus Broadway Musicals (z. B. „Showboat“ oder Oklahoma“) und Jazz Standards überwiegend aus den Jahren 1920 - 1940, komponiert von bekannten Namen wie Frederick Loewe, Richard Rodgers, Oscar Hammerstein oder gar Henry Mancini. Diese Periode empfindet Taylor als Gipfel der amerikanischen Popmusik und es macht ihm offensichtlich eine diebische Freude, die 14 ausgewählten Titel zusammen mit seinem Kumpel John Pizzarelli in ein Arrangement für zwei akustische Gitarren umzuwidmen und sich durch die ganz schön vertrackten Harmoniefolgen zu bewegen. Seine alten Bandkollegen bittet er nur ganz dezent um kleine Beiträge: Highlights sind die Violine von Stuart Duncan, die Trompete von Walt Fowler und die Vocals seiner Ehefrau Caroline. Unverwechselbar und erstaunlich frisch noch die Stimme von James Taylor, wenn er „My Blue Heaven“, „The Nearness Of You“ oder „Ol‘ Man River“ anstimmt. Der Zuhörer fühlt sich in eine verrauchte New Yorker Bar versetzt und wartet nur darauf, dass kurz mal Woody Allen mit seiner Klarinette vorbeischaut. Im Pop-Himmel hört sich Frank Sinatra das Ganze an, denkt an seine eigene Version von „My Heart Stood Still“ und drückt gut gelaunt den Like-Button. „American Standard“ war und ist übrigens auch der Name einer amerikanischen Firma für Spülbecken und Wasserhähne - alles glänzt, alles fließt!

 

https://www.jamestaylor.com/


Charlie Roth: I’m The Smile      ****

Independent (USA 2019)

Produced by Charlie Roth & John Inmon

12 Tracks - 44:42 Min.

 

Am Anfang seiner Karriere verdiente Charlie Roth das Geld mit Musik und mit dem Job als Lastwagenfahrer für einen Bier-Großhandel. Das heißt, er konnte auf den kleinen Live-Bühnen das Publikum zum Trinken animieren und machte so ein doppeltes Geschäft! Mittlerweile hat er zum Alkohol ein differenziertes Verhältnis und sagt „Wer konnte glauben, dass Nüchternheit eine so coole Sache ist!“ Auf seinem aktuellen Album „I’m The Smile“ - nach korrekter Zählung das achte - setzt er sich in dem Song „Serenity“ mit dem Thema auseinander und erzählt von einem Familienvater, den der Alkohol ins Abseits brachte.

Das heißt: Charlie Roth ist ein Mann, der Geschichten des Lebens erzählen kann, der weiß, wovon er redet. Für die Produktion der CD ist er extra von Minnesota nach Texas gereist und hat sich John Inmon in das The Zone Studio geholt, der fast alle Gitarren-Bestandteile eingespielt hat und Mitproduzent war. Die solide Rhythmusgruppe bilden Pat Manske (dr) und Mike Morgan (b), beides erfahrene Akteure der Austin-Szene. Punktuelle Gast-Beiträge kommen von Bill Kirchen (g) – einstmals ein Lost Planet Airman unter dem Kommando von Commander Cody - und Lloyd Maines (dobro). So entstand ein runder und angenehm zu hörender 12-Teiler, der zwischen Country, Blues und Folk pendelt und manchmal an die einschlägigen Namen aus Nashville erinnert: Fred Knobloch, Thomm Shuyler oder gar der große John Prine! Neben den Eigenkompositionen bedient sich Charlie Roth auch einiger texanischer Songwriter wie Ray Bonneville, Chuck Hawthorne oder Jonathan Byrd. Über all dem schwebt das ansteckende Lebensmotto des sympathischen Musikers: Good Time Charlie’s Got The Smile!

Im April 2020 wollte Charlie Roth übrigens eine kleine Deutschland-Torunee starten. Hoffen wir auf bessere Zeiten!

 

https://charlierothmusic.com/


Bianca De Leon: Dangerous Endeavor     ***

Lonesome Highway Music LH 1001 (USA 2018)

Produced by John Inmon & Bianca De Leon

11 Tracks - 35:19 Min.

 

 Wer ohne Vorkenntnisse beginnt, sich Bianca De Leons aktuelles Album (mittlerweise im Werkverzeichnis die Nummer Fünf) anzuhören, fühlt sich beim ersten Stück fast in die Frühzeit der Dire Straits versetzt. So Knopfler-artig betätigt sich Mitproduzent und Multiinstrumentalist John Inmon bei „Thorns Of A Different Rose“, einer Komposition des Colorado-Cowboys Will Dudley. Dann aber setzt sich doch die country-folkige Tex-Mex-Musik durch, die Bianca De Leon den Beinamen „Border Queen“ eingebracht hat. Die acht Eigenkompositionen vermitteln ein authentisches South-Of-Austin-Feeling, das mit dem Titelsong seinen Höhepunkt findet: „It’s been a few years / Since I crossed the border / With a hell-hound on my trail“. Als langjährige Freundin von Townes Van Zandt darf auch einer seiner Klassiker nicht fehlen: „White Freightliner“ bekommt hier eine mollige Umdeutung. Als traditioneller Train-Song ist Hank Williams‘ „I ‚Heard That Lonesome Whistle“ enthalten. Und bei dem perlenden Piano (David Webb) von „Sad Corners Of Her Eyes“ denkt man unwillkürlich an Bob Segers „Against The Wind“. Insgesamt also gut gemachter Texas-Country-Rock über Liebesleid, Weltschmerz und alte Cadillacs mit einer ehrlichen, unprätentiösen Stimme und viel Herzblut.

 

https://biancamusic.com/


Bruce Springsteen: Western Stars     ***

Columbia (USA 2019)

Produced by Ron Aniello & Bruce Springsteen

13 Tracks - 50:52 Min.

 

Eines dürfte nach diesem etwas rätselhaften Album von Bruce Springsteen klar geworden sein: das unverwüstliche Narrativ vom „Ich-habe-die-Zukunft-des-Rock-&-Roll-gesehen“ ist endgültig erledigt. Richtig ist vielmehr: Bruce Springsteen gehört zur Ü-70-Fraktion und trägt die Against-The-Wind-Attitüde nur noch wie eine Potemkinsche Fassade vor sich her. Was er dennoch unheimlich gut kann: die all-american Klischees musikalisch attraktiv aufbereiten, obwohl ihm das keiner mehr so richtig abnimmt. Es ist einfach ein bisschen problematisch vom „Hitchhiking all day long“ zu singen, wenn man viel lieber die Enkelkinder mit dem dicken SUV von der Kita abholt. Und auch die Legende vom wilden Pferd ist eben eine Legende, wenn man sich lieber im Liegestuhl auf der Veranda räkelt und über sich die „Western Stars“ anschaut.

Musikalisch hat Bruce Springsteen die E-Street-Band (zumindest zeitweise) verlassen und mit seinem Kumpel Ron Aniello ein sehr solistisches Studio-Album kreiert, das praktisch den Weg von Nebraska an die Westcoast weist und eine bewusste Glenn-Campbellisierung oder Neil-Diamondisierung der Songs aufzeigt. Dazu wurden verzerrte Gitarren aus dem Arrangement verbannt, stattdessen hat Aniello die Lizenz zum genüsslichen Schichten von synthetischen Streicherteppichen und Greg Leisz darf die klagende Pedal Steel Gitarre einwerfen. Im Kopfkino des Hörers läuft da manchmal ein alter Winnetou-Film mit. Kompositions-Veteranen wie Leiber & Stoller oder Jimmy Webb werden zitiert und der Song „Hello Sunshine“ klingt wie ein Hybrid aus Danny O’Keefes „Good Time Charlie’s Got The Blues“ und Garland Jeffreys „Matador“.

Ein richtig schlechtes Album kann der ehemalige Boss eigentlich gar nicht machen, aber in einer Zeit mit bedenklichen politischen Entwicklungen ist das natürlich eine gewagte Form von Eskapismus, eine resignative Haltung wie die des Kafkaschen Galeriebesuchers, der das Gesicht auf die Brüstung legt und, im Schlussmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint, ohne es zu wissen.

 

https://brucespringsteen.net/


Haley Johnsen: London Sessions - Live From Abbey Road   ****

Haley Johnsen Music (USA 2020)

Produced by Warren Wyatt

8 Tracks - 30:22 Min.

 

Das ist der Lackmus-Test für ambitionierte MusikerInnen: man nimmt sich zwei Gitarren (akustisch und elektrisch), eventuell noch eine Stomp Box und ein Fußtamburin, mietet sich für einen Tag (27. Februar 2019) fünf Stunden lang ein legendäres Studio (Abbey Road Studio One in London), sagt zu dem Toningenieur (Lewis Jones) „Just roll Tape“ und legt los. Die Singer/Songwriterin und Gitarristin Haley Johnsen aus Portland, Oregon, die schon vor einigen Jahren in der US-Talentshow „American Idol“ reüssierte (sie kam unter die Top 24), hat diese Herausforderung während ihrer vorletzten Europa-Tournee angenommen, und das Ergebnis ist beeindruckend. Acht Songs sind herausgekommen, die auf CD ein authentisches Live-Feeling reproduzieren. Drei davon waren schon auf Haleys Debüt-CD „Golden Days“ in voller Bandbesetzung zu hören, besonders „Weekend“ hat Hit-Potenzial für alle, die einen Mix aus Americana, Pop, Rock, Soul und Blues mögen. Haleys Stimme hat das gewisse Etwas, das dafür sorgt, dass man die CD nicht gelangweilt zur Seite legt: im Angang ein Hauch von Sheryl Crowe, im Abgang eine leichte Rauchnote von Allanah Myles. Die Songs pendeln zwischen balladesker Dramatik und poppigen Hooklines, zwischen gitarrenbetontem Blues-Rock und flockigem Folk-Rock. Die selbst produzierte CD ist die perfekte Eintrittskarte bei Veranstaltern weltweit, denn man merkt, dass Haley Johnson allein im intimen Club genauso bestehen kann wie mit Band auf großen Bühnen. Nachdem 2020 als Jahr der Live Music wohl ausfällt, ist diese Konzentrationsübung ein willkommener Ersatz. Hoffen wir auf ein lebendiges Wiederhören im nächsten Jahr.

 

http://www.haleyjohnsenmusic.com/


Carla Olson & Todd Wolfe: The Hidden Hills Sessions     ****

Red Parlor RDP 1903 (USA 2019)

Produced by Carla Olson

11 Tracks - 52:38 Min.

 

Im November/Dezember 2019 waren Carla Olson und Todd Wolfe auf Tournee in Europa (Bericht vom Konzert in der Fürther Kofferfabrik unter Hör.Test.Live), als bleibende Erinnerung haben sie dabei ihre aktuelle CD „The Hidden Hills Session“ zurückgelassen. Das Coverfoto mit Mandoline und Rhinestone Cowboy Outfit, aufgenommen in einer südkalifornischen Kakteenlandschaft weckt Assoziationen an die Zeit, als Bands wie The Byrds oder die Flying Burrito Brothers die Verschmelzung von langhaariger Hippie-Kultur und Country Music erprobten, wovon selbst Classic Rock Bands wie die Rolling Stones angesteckt wurden. Dort haben auch Olson und Wolfe ihre Wurzeln, die sie aber bei den elf Songs nur sehr dezent andeuten.

Im Grunde ist das Album ein Unplugged-Lagerfeuer-Projekt: zwei Gitarren, zwei Stimmen, atmosphärischer Folk- und Blues-Rock. Ganz vorsichtig mischen sich auch der Perkussionist Victor Bisetti und der Bassist Tad Wadhams ins musikalische Geschehen, nur bei einem Song („If You Want Me“) greift Todd Wolfe zur elektrischen Gitarre. Folgerichtig bietet die CD ein vielfaches Lehrstück zum Thema „Solo auf der akustischen Gitarre“. Die Stimmen der beiden harmonieren exzellent, jeder hat gerade im Harmoniegesang seinen unverwechselbaren Charakter. Zu den sieben Eigenkompositionen - teilweise noch aus dem Repertoire der Todd Wolfe Band - kommen vier passend ausgewählte Cover-Versionen: Carla Olson erinnert an ihre Kollaborationen mit Gene Clark („In A Misty Morning“) und den Rolling Stones („Blue“, „Wild Horses“), dazu ist Stevie Winwoods „Can’t Find My Way Home“ ein unkaputtbarer Klassiker, den man auch dem Duo Stephen Stills & Judy Collins anempfehlen könnte. Als Kommentar zur politischen Lage in den USA und als trotzige Kritik an dem Regierungsstil des amtierenden Präsidenten ist „Sideshow“ ins Programm aufgenommen worden. Auch nach über 40 Jahren im Rock-Business zählen Carla Olson und Todd Wolfe definitiv noch nicht zum alten Eisen.

 

https://www.carlaolson.com/home.html

http://toddwolfe.com/


Emma Hill: Magnesium Dreams       ****

Kuskokwim Records (USA 2019)

Produced by Emma Hill, Bryan Daste & Zach Hill

8 Tracks - 28:28 Min.

 

Wenn man in Sleetmute, einer kleines Ortschaft in Alaska aufwächst, ist man fern von der Geschäftigkeit der großen Metropolen, bekommt aber vielleicht einen geschärften Blick für die wirklich wesentlichen Dinge im Leben. Bei der Singer/Songwriterin Emma Hill waren das immer wiederkehrende Angstträume, Anflüge von Depressionen und andere Formen von innerer Unordnung. Mit ihrer Musik bekämpft sie seit etwa 15 Jahren diese verstörenden Befindlichkeiten und verkündet auf ihrem neuesten Album „Magnesium Dream“ die frohe Ich-Botschaft „The sun is on the rise and I am right behind!“ Ihre empathisch gesungene Empfehlung lautet: bekämpfe die Geister der Vergangenheit, lass die Ängste hinter dir! Dies tut sie auf ihrer aktuellen Indie-Folk-Pop-CD mit einer eindringlichen Stimme, bei der die Eigenschaft „sirenenhaft“ positiv zu verstehen ist: sie kommt nicht als schrille Feuerwehr daher, sondern als betörendes Geräusch, das auch einen verirrten Odysseus in seinen Bann zieht. An ihrer Seite hat sie seit 2007 mit Bryan Daste aus Portland, Oregon einen versierten Multiinstrumentalisten, der vor allem die Pedal Steel Gitarre modern zum Klingen bringt, mit dem Banjo rhythmische Akzente setzt und ein perfekter Harmoniesänger ist. Als Duo erinnern die beiden an eine Kombination von Neil Young und David Lindley oder Gillian Welch und David Rawlings. Irgendjemand hat sich dafür die nichtssagende Schublade „Alaskana“ erdacht.

 

http://www.emmahillmusic.com


Ein Strauß von blauen Rosen

 

Die Firma Blue Rose Records aus Heilbronn versorgt den deutschen Markt immer wieder mit interessanten Neuerscheinungen der weitreichenden Americana-Szene. So ist das Angebot des Jahres 2019 ein willkommener Anlass für ein kleines Ranking.

 

https://bluerose-records.com/

 

Todd Thibaud: Hill West      *****

Blue Rose DP 0735

Produced by Ed Valauskas

11 Tracks - 40:04 Min.

 

Der aus Vermont stammende Thibaud präsentiert sich hier als absolut versierter Singer/Songwriter, der seine Lektion bei James Taylor oder Jackson Browne gelernt hat und es eigentlich verdient hätte, in deren Fußstapfen zu treten. In den verschneiten Bergen von Vermont und in der Großstadt Boston entstand das neue Album, das ein Stück akustischer ausgerichtet ist als sein Vorgänger Waterfall (2013). Mein persönlicher Favorit ist „Edge Of Breaking“, das man gerne noch ein bisschen länger hätte ausspielen können. Aber Todd Thibauds Konzept ist die Konzentration auf das Wesentliche: auf den Song, die Stimme und das funktionelle Arrangement. Wünschen wir ihm, dass er mit dieser perfekten CD den Status des Geheimtipps verlassen kann!

 

https://toddthibaud.com/


Dan Navarro: Shed My Skin     *****

Blue Rose DP 0729

Produced by Steve Postell

12 Tracks - 60:07 Min.

 

Im Jahr 2008 erschien das letzte Album des renommierten kalifornischen Folk-Rock-Duos Lowen & Navarro, es trug den bezeichnenden Titel „Learning To Fall“. Und die beiden fielen tatsächlich in ein tiefes Loch: Eric Lowen, weil er mit seiner tragischen ALS-Diagnose nicht mehr Musik machen konnte (der letzte Live-Auftritt war Anfang Juni 2009 im Rollstuhl), Dan Navarro, weil er dann 2012 seinen langjährigen Partner endgültig verlor. Doch Navarro blieb als Solo-Musiker weiterhin aktiv und hat nun endlich wieder einmal eine CD mit neuen Songs aufgenommen. Die zwölf Titel enthalten acht Eigenkompositionen und vier sehr originell ausgewählte Cover-Versionen. Navarro hat auch nicht an kompetenten Mitstreitern gespart: die Produktion übernahm Steve Postell, der sowohl solo als auch mit der Band Little Blue im ähnlichen Genre unterwegs war; im Studio gaben sich - unter anderem - Danny Kortchmar, Leland Sklar und Wendy Waldman ein Stelldichein. Herausgekommen ist dabei melodiöser und entspannter US-Folk-Rock im gewagten XXL-Format (die meisten Songs sind über fünf Minuten lang, aber keinen Moment langweilig). Dan Navarro präsentiert sich einfühlsamer Sänger mit charaktervoller, leicht rauchiger Bariton-Stimme und interessanten Harmony-Vocals-Gästen - z. B. Janiva Magness bei dem Latin-angehauchten „You Drove Me Crazy“. Bei den Covers ist besonders interessant zu hören, was man aus Billy Idols „Sweet Sixteen“ und aus Jimmy Webbs „Wichita Lineman“ (besonders bekannt durch Glen Campbell) alles machen kann.

Unbedingte Kaufempfehlung für dieses Meisterwerk - und ein Hinweis für alle Europäer, die Dan Navarro einmal live erleben wollen: im Mai 2022 wird er zusammen mit Gretchen Peters und Beth Nielsen Chapman musikalischer Stargast auf einer Donau-Flusskreuzfahrt von Budapest nach Nürnberg sein! (siehe Link)!

 

https://fanclubcruises.com/event/navarro-peters-nielsen-danube-river-cruise

http://w.dannavarro.com/dannavarro/home.html


Rich Hopkins & The Luminarios: Back To The Garden    ****

Blue Rose DP 0731 (D 2019)

Produced by Rich Hopkins & Lisa Novak

11 Tracks - 55:30 Min.

 

Wenn man Tom Petty, Neil Young, Musiker von The Byrds und The Band (leider können einige von denen aus „gesundheitlichen“ Gründen nicht mehr!) zusammen mit ein paar Southern Rock Gitarristen in ein Studio in Tucson, Arizona sperren würde und nach ca. einem Monat weißer Rauch (warum wohl?) aufsteigen würde, käme wohl in etwa die Musik heraus, die Rich Hopkins auf seinem neuen Album mit Gattin Lisa Novak und seinen Kumpels, den Luminarios präsentiert: gitarrenlastiger Desert-Rock mit epischen Hymnen und knackigen Melodien, garniert mit etwas folkigen Zutaten und einer Portion Psychedelia. Die CD beginnt regional und genretypisch mit den Geräuschen einer Klapperschlange („Acoma Mary“), sie endet - perfekt zum 50er-Jubiläum passend - mit einem Zitat aus Joni Mitchells Woodstock-Assoziationen („Back To The Garden“) und den Retro-Hippie-Textzeilen „All that’s grown here are seeds of love … all that matters is who you love“. Dazwischen wird melodiös gerockt, dass es dem Americana-Liebhaber den roten Staub in die Augen treibt und sein Kopfschütteln ein definitives Zeichen von Zustimmung ist. Mit so viel optimistischer Power („There is always a way to work it out“) kann man getrost ins nächste Jahrzehnt einbiegen!

 

http://www.richhopkins-germanfanclub.de/


The Schramms: Omnidirectional    ***

Blue Rose BLU CD 0724

Produced by JD Foster

12 Tracks - 49:00 Min.

 

Offen nach allen Richtungen: Das ist die Parole, die Mastermind Dave Schramm für seine neue CD ausgibt. Manche nennen das Beliebigkeit, nicht so bei seiner Band The Schramms und deren siebtem Album „Omnidirectional“; denn die zwölf Songs erweisen sich als zwar sperrige, aber durchaus substantielle Musikangebote, die natürlich eher in einen konzentrierten Konzertsaal als zu einem Dudelfunk im Autoradio passen. Schramm ist immer mehr ein master of deconstruction, er misstraut den eingefahrenen Songstrukturen und den glatten Harmonien, er liebt es mehr ein bisschen schräg und hintergründig. Aus der Dreieinigkeit von Gitarre, Klimperpiano und Bassklarinette entwickeln sich in zusammenarbeit mit seiner Rhythmusgruppe Ron Metz (dr) und Al Greller (b) die Lieder im mittleren Tempo, die immer wieder assoziative Verweise auf die Decembrists, auf Lambchop, auf David Crosby oder Tom Waits enthalten. Ja sogar der „Revolver“ der Beatles liegt bereit, doch es kommt nie zum großen Knall, weil Dave Schramm - als überzeugter Pazifist - das auch gar nicht will. Genauso wenig kann er sich für das musikalische Schubladendenken erwärmen und verweigert sich konsequent den Zuordnungen zu Neo-Folk, Americana oder Indie-Rock. „Omnidirectional“ ist also nichts für den kulinarischen Hörgenuss oder für die schnelle Nummer nebenbei, eher ein Soundkatalog für Menschen, die auch Kurt Weill oder Brian Wilson in seiner No-Surf-Art-Phase gut finden. Honestly!

 

http://www.theschramms.com/


Renée Wahl and the Sworn Secrets: Cut To The Bone      ****

Double R Records DRR 004 (USA 2019)

Produced by Stuart Mathis

9 Tracks - 34:25 Min.

 

Der deutsche Merksatz „Wer die Wahl hat, hat die Qual“ (mit latenter antidemokratischer Konnotation!) ist in diesem Zusammenhang nicht zutreffend. Denn die Rede ist von der US-amerikanischen Singer / Songwriterin Renée Wahl, die mit ihrem zweiten Album „Cut To The Bone“ keinerlei Qual, dafür aber bemerkenswerte Qualität liefert. Die neun selbst komponierten Songs bieten rauen AltCountry-Rock mit vielen grauen Untertönen und großer thematischer Vielfalt.

Zusammen mit dem Gitarristen und Produzenten Stuart Mathis hat sie die Musik in Brentwood, Tennessee aufgenommen und in East Nashville abgemischt. Die gelernte Physikerin, die auch zwölf Jahre für Air Force arbeitete, nun aber hauptamtlich Musik macht, kann sich auf drei Dinge verlassen: auf ihre Songs, auf ihre markante Stimme und auf die kantigen Arrangements von Stuart Mathis, der das Hörerlebnis mit subtiler Gitarre veredelt. Der Titelsong setzt perfekt die Stimmung (unter anderem mit der weiblich selbstbewussten und politisch sehr aktuellen Textzeile „I’m not falling for your deal even though it would be so easy“), darauf folgt mit „Cold Day In Memphis“ eine Nummer, die perfekt in Rosanne Cashs Reise-Album „The River And The Thread“ gepasst hätte. „Temptation“ bietet Musik mit tiefgründiger Twang-Gitarre und subtiler sexueller Spannung - genau die richtigen Ingredienzien für einen Tarantino-Film (und vielleicht für einen Backing vocals Auftritt von Chris Isaac?). Offen und mit erfrischender Selbstironie erzählt Renee Wahl in „Meds“ von ihrem Tablettenschrank und von gelegentlichen Anflügen einer Depression. Bei „Six Days Til Sunday“ wird dann auch mal die Kreissäge ausgepackt, doch über allem triumphiert die Power-Stimme der Sängerin - sicherlich auch live ein Höhepunkt!

Wer also testen möchte, wie ein weiblicher Kevin Gordon klingen könnte oder wie eine Brandi Carlisle in Schwarz sich anhören würde, der sollte Renée Wahl in die engere Wahl nehmen - und damit genug der Wortspielereien!

 

https://reneewahl.com/


Vince Gill: Okie      ****

MCA Nashville (USA 2019)

Produced by Vince Gill & Justin Niebank

12 Tracks - 49:51 Min.

 

Dass die Country Music letztlich eine Bastion konservativer Werte ist, steht außer Frage. Selbst Tendenzen wie Outlaw Country oder Alt-Country konnten/können diesen Befund nicht widerlegen. Auch Vince Gill, der Neu-Eagle, folgt der Tradition und befasst sich auf seinem neuen Album „Okie“ nicht mit dem derzeitigen amerikanischen Präsidenten, nicht mit Honky-Tonk-Exzessen und auch nicht mit Sex, Drugs & Rock’n‘Roll. Gleichzeitig entgeht er aber weitgehend der Gefahr ein reaktionäres Weltbild zu zeichnen und sich in wenig glaubwürdigen Klischees zu erschöpfen. Dazu ist er als Musiker, Songwriter und Sänger eine Klasse für sich, ein künstlerischer Aussichtsturm im Flachland von Nashville.

Die zwölf Eigenkompositionen (drei davon mit Partner) erzählen von Erfahrungen mit der Übergriffigkeit eines Lehrers („Forever Changed“), von den Schwangerschafts-Problemen eines 17jährigen Teenagers („What Choice will You Make“), von der (meistens) guten alten Zeit („Black And White“), vom späten Dank an die Mutter („A Letter To My Mama“) und von der Religiosität, die er an seiner Frau Amy Grant erlebt („When My Amy Prays“ und „The Red Words“). All das interpretiert Gill nicht im Sermon eines Predigers, sondern eher eines nachdenklichen Zweiflers, eines gereiften Mannes, der die wilden Jahre hinter sich gelassen hat („I Don’t Wanna Ride The Rails No More“). Eine besondere Verbeugung macht Vince Gill vor zwei musikalischen Vorbildern, die 2016 gestorben sind: Merle Haggard und Guy Clark. Von beiden hat er offensichtlich viel gelernt, der Erstgenannte macht ihn auch stolz auf seine Herkunft aus Oklahoma.

Im Studio hat Vince Gill eine kleine, aber feine Schar von musikalischen Gästen um sich versammelt: Fred Eltringham am Schlagzeug, Michael Rhodes am Bass, John Jarvis an den Tasteninstrumenten und Paul Franklin an der Steel Guitar. Dass er selbst mit Gitarren aller Art bestens umgehen kann, braucht nicht weiter hervorgehoben zu werden.

Die CD macht Lust darauf, Vince Gill auch mal wieder als Solist live zu erleben, vorläufig ist er aber (erneut ab Februar 2020) als Glenn-Frey-Ersatz gut im Geschäft.

 

http://www.vincegill.com/


Drew Holcomb & The Neighbors: Dragons ****

Magnolia Music / Thirty Tigers (USA 2019)

Produced by Cason Cooley

10 Tracks - 34:46 Min.

 

Das Motto dieses neuen Albums von Drew Holcomb findet sich etwas versteckt im Track # 3 „I‘ll never forget the way you made me feel“. Dort formuliert der in Tennessee lebende Songwriter und Bandleader ganz schlicht: „It’s not a song, it’s my life“! Richtig: in den zehn Eigenkompositionen (bei denen fünfmal gute Freunde mitgeholfen haben) erzählt Holcomb ohne jedes Pathos und ohne Klischeeverdacht von seinem Leben als ambitionierter Musiker und Familienvater, von seiner Frau Ellie, die seine wichtigste Partnerin auf der Bühne, aber auch die Mutter dreier Kinder ist, und von seinem Großvater, der ihm einige wichtige Empfehlungen mit auf den Weg gegeben hat. Daraus resultiert für Holcomb eine gut abgewogene Lebensphilosophie mit einer kleinen Portion Ironie, einer Tendenz zum Optimismus, aber auch einem unabweisbaren Realitätssinn. Wie heißt es einmal so schön: „Maybe we’re not supposed to try everything“. Oder an anderer Stelle: „We want the love, but we don’t want the hurt“. Themagerecht beginnt die CD mit einer launigen Mitsing-Nummer („Family“) und endet mit einer leicht melancholischen Piano-Ballade („Bittersweet“), die das Dilemma des Künstlers illustriert: „Big year at the box office, everyone’s at your show / Strange year on the home front, nobody knows“.

Diese nachdenklichen Ich-Botschaften sind in ein äußerst geschmackvolles Musik-Angebot eingepackt, das zwischen lebendigen Country-Gospel, Singer/Songwriter Folk-Rock und modernen, radiotauglichen Power-Pop pendelt. Drew Holcomb hat sich damit in eine Liga mit Jason Isbell, Pete Droge oder John Mayer katapultiert und sollte für sein Song-Angebot ein breites (gerne auch anspruchsvolles) Publikum finden. Dieses kann dann zu der Musik trotz einer weit verbreiteten Weltuntergangsstimmung das Glas heben („End Of the World“) und in die Lebensweisheit des Holcomb-Großvaters einstimmen: „Take a few chances / A few worthy romances / Go swimming in the ocean on New Years Day / Don’t listen to critics / Stand up and bear witness / Go slay all the dragons that stand in your way“.

 

https://www.drewholcomb.com/


The Weight Band: World Gone Mad      ****

Independent (USA 2018)

Produced by The Weight Band

11 Tracks - 47:15 Min.

 

Es gibt schon fast zu viele Tribute Bands auf dieser Welt, die glauben von dem Vermächtnis verflossener Künstler oder Bands profitieren zu können. Ob Janis Joplin, Queen, Dire Straits, Abba, Michael Jackson oder Pink Floyd - niemand ist sicher vor der Vermarktung durch clever kalkulierende Cover-Profis.

Ganz anders liegt allerdings der Fall bei der Weight Band. Hier haben sich seit 2013 US-Musiker zusammengefunden, die in irgendeiner Weise eine Beziehung zu der legendären „Band“ haben, die bedauern, dass Robbie Robertson, Garth Hudson, Richard Manuel, Rick Danko und Levon schon 1976 zum letzten Walzer gebeten haben und dass die drei letztgenannten schon im Rock’n’Roll-Heaven gelandet sind. Sie spielen aber auf ihrem Debüt-Album keine Dauerbrenner der Band sondern neun Eigenkompositionen, die sie als „Woodstock Sound“ titulieren, damit aber nicht das legendäre Festival sondern die Gegend meinen, in der The Band (und auch Bob Dylan) ihre berühmten Basement Tapes aufnahmen. Da ist viel ungeschliffener ländlicher Rock, ein bisschen Country Blues und dynamischer Folk Rock zu hören, der genauso auch in eine Setlist von Little Feat, The Byrds oder Grateful Dead passen würde. Der Kopf (und der Hauptkomponist) der Weight Band ist Gitarrist und Sänger Jim Weider, der ab 1999 in einer nicht mehr so erfolgreichen Spät-Version der Band mitspielte. Auch die anderen Mitwirkenden sind z. B. mit dem Scheunen-Schmelztiegel von Levon Helm, der 2012 starb, verbunden

Das Album startet mit einer flotten Mandolin-Melodie und mündet fließend in den Titelsong „World Gone Mad“ - ein echter Ohrwurm und gleichzeitig eine treffende Beschreibung der gegenwärtigen politischen Situation (nicht nur in den USA). Später wird ein Song von Robert Hunter und Jerry Garcia eingestreut („Deal“), auch ein entlegener Titel von Bob Dylan („Day Of The Locusts“) darf bei diesem Projekt nicht fehlen. Als Rausschmeißer beweist die Weight Band schließlich mit einem Live Track („Remedy“), dass bei ihnen auf der Bühne noch ordentlich die Post abgeht: Albert Rogers (b) und Michael Bram (dr) sorgen für den soliden Background, auf dem Jim Weider, Marty Grebb und Brian Mitchell ihre Exkurse an Gitarre, Keyboards und Saxophon ausleben können. Fazit: You’re Never Too Old To Rock And Roll - oder eine höchst sympathische Traditions-Retro-Angelegenheit, die aber auf der Höhe der Zeit ist.

 

http://www.theweightband.com/


Jacob Miller: This New Home ****

Independent (USA 2019)

Produced by Jacob Miller

10 Tracks - 37:42 Min.

 

Mit seiner Debüt-CD im Gepäck kommt Jacob Miller zum ersten Mal zu einer einmonatigen Live-Tour nach Europa. Aufgewachsen in Wisconsin zog er 2009 an die Westküste nach Portland/Oregon, um sich dort ganz auf seine Leidenschaft für die Musik zu konzentrieren. Als Sänger, Gitarrist und Komponist eines Old Time Jazz-Sextetts mit dem Namen The Bridge City Crooners beamte er sich in die goldenen 1930er Jahre zurück, um dann aber auf den Reisen durch die USA immer mehr von den Wurzeln der amerikanischen Musik aufzusaugen und in ein Soundkonzept der Gegenwart zu filtern. So studierte er das Piedmont-Blues-Picking in North Carolina, den Folk-Rock der 70er Jahre und den Singer/Songwriter-Pop der jüngsten Vergangenheit. Aus diesen Erfahrungen konzipierte er die zehn Songs, die er für das Album „This New Home“ multiinstrumental mit der Methode Homerecording einspielte. Nur an wenigen Stellen wurden musikalische Gäste eingeladen: zweimal eine kleine Horn-Sektion, einmal ein String-Arrangement aus Violine und Cello, einmal der Schlagzeuger Phil Rogers. Die Lieder thematisieren die wechselhaften Zustände von Beziehungen, erzählen von Missverständnissen („Words We Didn’t Mean“), vom Wunsch allein zu zweit zu sein („Take Me Home“) oder von der Verarbeitung einer Trennung („I‘m Learning To Let You Go“). Jacob Miller sendet damit sehr persönliche Ich-Botschaften, garniert mit einem entspannten Folk-Pop-Feeling. Wer sich die prägnante Stimme und die starken Arrangement genau anhört, kann erkennen, dass Miller weit über dem Durchschnitt agiert, dass er definitiv das Potenzial für eine große Karriere hat. Er darf sich nicht nur in eine Reihe mit den aktuellen US-Musikern Blake Mills (früher mal bei den Dawes) oder John Mayer stellen, sogar die Ähnlichkeit zu dem Paul Simon der 1980er Jahre ist keine Übertreibung.

 

http://www.jacobmillermusic.net/


Tim Grimm: Heartland Again      ****

Cavalier Recordings (USA 2019)

Produced by Tim Grimm

12 Tracks - 48:55 Min.

 

Die CD hat eine interessante Entstehungsgeschichte. Tim Grimm, der eigentlich manchen eher als Schauspieler (z. B. in der Sitcom „Hör mal, wer da hämmert“) bekannt ist, entschloss sich vor über 20 Jahren, mit seiner Frau Jan die hektische Metropole Los Angeles zu verlassen und auf dem Bauernhof seines Vaters und Großvaters nahe Ogilville / Indiana zu leben - eben dort, wo das wirklich Herz der USA schlägt. Die Eindrücke des ländlichen Lebens verarbeitete er dann zu elf Songs, die 1999 unter dem Titel „Heartland“ erschienen. Dieser Rückzug back to the roots brachte ihm den Ehrentitel „Poet des ländlichen Mittleren Westens“ ein. Da nun die beiden Söhne Connor und Jackson erwachsen sind und musikalisch dem Vater nacheifern, kam der Entschluss, die zwanzig Jahre alten Songs noch einmal als Family Band aufzunehmen (die Original-CD ist nur noch zu immensen Sammler-Preisen auffindbar).

So präsentieren also Vater, Mutter und Söhne Grimm ein märchenhaftes, zeitloses Album, dem noch zwei neue Songs angefügt wurden. „Staying In Love“ ist eine gefühlvolle Reminiszenz an den vor zwei Jahren verstorbenen Vater, „Love More“ ist ein eher unpolitischer Blick auf die gespaltene US-Gesellschaft der Gegenwart: „kindness can hold the world together“. Die Familie liefert mit akustischem Folk-Instrumentarium und elektrischen Zutaten durchaus aktuellen Country-Folk, der bei dem Traditional „Sowin‘ On The Mountain“ (bekannt durch die Version von Ramblin‘ Jack Eliott) auch rockige Züge annimmt. Jenen Ramblin‘ Jack hat Grimm vor einigen Jahren auf seinem Album „The Turning Point“ zum „King of the Folksingers“ geadelt. Im Mittelpunkt dieser Revisited-CD steht der Song „80 Acres“, der - gesanglich fast im Stil eines Johnny Cash - die wechselvolle Geschichte des Farmlandes nacherzählt: „I don’t pretend to own it / but this paper says it’s mine / this farm is a long memory / walking back in time / … freedom is finding beauty / in the simple and the plain“. Es sind traditionelle, konservative Werte wie Heimat, Verantwortung und Familie, die hier ohne falsche Nostalgie hochgehalten und besungen werden. Wenn Tim Grimm uns dazu glaubhaft verspricht, nicht - wie viele Leute in seiner Region - Donald Trump zu wählen, kann auch noch ein Stern mehr gewährt werden!

 

https://www.timgrimm.com/


Venice: Jacaranda Street      ****

Lennon Records (USA 2019)

Produced by Michael Lennon

13 Tracks - 60:07 Min.

 

Das verwandtschaftlich verknüpfte Lennon-Quartett Mark, Kipp, Pat & Michael meldet sich mal wieder mit einem Bündel neuer Songs (auf ihrem - nach Expertenzählung - Album # 21), die etwas beweisen, was eingefleischte Venice-Fans schon seit Jahrzehnten wissen: dass die Band die Speerspitze des südkalifornischen Soft-Rock darstellt und mit mehrstimmigen Vokal-Arrangements Maßstäbe setzt. Diesmal könnte man fast glauben, sie wollten ein Little-River-Band-Tribute Album machen, was aber keine Kritik an mangelnder Eigenständigkeit bedeuten soll. Die drei Auftakt-Songs haben ausgesprochene Ohrwurm-Qualität und erzählen die bewegte Geschichte einer Mutter („Jacaranda Street“), eines Feuerzeugs („The Lavender Lighter“) und einer Liebe („My Love Waits For Me“). Danach folgt ein treffender Exkurs in die Gefilde von Supertramp oder den Beatles („Stepping On That Bridge“) und ein von der akustischen Gitarre dominierter Country-Rock-Flow im Stile von Glenn Frey („Something Took You Over“), ehe sich die Band dem getragenen, puren Wohlklang hingibt und mit dem Titel „Middle Age Lullaby“ eine Art Botschaft an die Zuhörer herausgibt. Das Ganze ist wieder ein optimistisch stimmendes Familienprojekt, bei dem die Lead Vocals von Kipp und Mark bestens mit dem Background von Pat und Michael harmonieren. Während das Songwriting offensichtlich sehr demokratisch abgewickelt wird, liegt die Studioarbeit und die Konstruktion des musikalischen Arrangements eindeutig bei Michael Lennon. Wer sich also dem oft nervigen Alltag für eine Weile entziehen will, sich nicht von der Hektik der Großstadt anstecken lassen will, sondern sich eher in die meditative Bewegung des Ruderns versetzen will, der ist mit der aktuellen CD von Venice bestens bedient: „Hope in the going / In the quiet there is knowing / In the rhythm of the rowing“.

 

http://www.venicetheband.com/


Eric Brace, Peter Cooper & Thomm Jutz: Riverland       *****

Red Beet Records (USA 2019)

Produced by Eric Brace, Peter Cooper & Thomm Jutz

14 Tracks - 54:30 Min.

 

Vielen Musikfreunden ist der Mississippi nur durch den Kern/Hammerstein-Klassiker „Ol’ Man River” oder durch die unermüdliche „Proud Mary“ von John Fogerty bekannt. Vor wenigen Jahren erkundete Rosanne Cash zusammen mit ihren Ehemann John Leventhal ihre persönliche Geschichte und die musikalische Tradition des amerikanischen Südens: „The River And The Thread“ wurde zu einer hoch gelobten Americana-CD. Nun laden Eric Brace, Peter Cooper und Thomm Jutz mit ihrem hervorragenden Konzeptalbum „Riverland“ dazu ein, sich mit der wechselvollen Geschichte, der Kultur, der Landschaft und mit den Menschen rund um diesen großen Fluss zu befassen.

Die 14 Songs spannen einen weiten geschichtlichen Bogen von der Schlacht um Vicksburg (1863) während des Bürgerkriegs („Down Along The River“) über die verheerende Flut im Jahre 1927 („Drowned And Washed Away“) und die Rassenunruhen 1962, als der erste Farbige versuchte, sich an der Universität von Mississippi einzuschreiben („Mississippi Magic“), bis zur Gegenwart, wo man beispielsweise am Zusammenfluss von Ohio und Mississippi entspannt das Treiben auf dem Wasser beobachten kann („Fort Defiance“). In den Liedern geht es um bedeutende Personen der Kultur des Südens, um die Schriftsteller William Faulkner (der die stickigen Sommer des Südens in jedem Fall der Glitzerwelt von Hollywood vorzog), Shelby Foote und Eudora Welty, um den Bürgerrechts-Aktivisten Will D. Campbell, um die Musiker Muddy Waters, Jerry Lee Lewis, Tom T. Hall und Charlie Worsham, um die Bürgerkriegs-Generäle Beauregard, Grant und Sherman und nicht zuletzt um die Verkehrsmittel auf dem Fluss (Keelboat, Tugboat, Steamboat) und um ein historischen Maultier („Southern Mule“).

Brace, Cooper und Jutz sind, obwohl sie alle drei nicht aus dem tiefen Süden stammen, ernsthafte Kulturgeschichts-Wissenschaftler, die - ähnlich wie Randy Newman in seinem zynisch-ironischen Meisterwerk „Good Old Boys“ - einen kritischen Blick auf den Süden werfen und nicht in vordergründige Konföderierten-Klischees verfallen. Gleichzeitig lassen sie sich aber von dem Zauber der Landschaft erfassen und drücken das in einem akustischen Stil-Mix aus Country, Folk und Bluegrass aus. Den Kern dieser Südstaaten-Dialektik macht der siebenminütige Song Nummer 6 deutlich: „Mississippi magic is Mississippi madnesss now … Mississippi madness will be Mississippi magic again“. Ausdrückliche Hör- und Kaufempfehlung!

 

http://redbeetrecords.com/news/riverland-new-brace-cooper-jutz-release-dec-2018


Joseph Parsons: The Field - The Forest       ****

Blue Rose Records (D 2016)

Produced by Joseph Parsons

6 Tracks - 25:33 Min. / 6 Tracks - 23:02 Min.

 

Dass das Leben (und jede Medaille) zwei Seiten hat, kann mittlerweile als Allgemeinplatz abgehakt werden: Ying und Yang, Tag und Nacht, Leben und Tod, Liebe und Hass. Bei Joseph Parsons könnte man noch hinzufügen: Philadelphia und Hannover, Field and Forest. Denn so heißt seine aktuelle Produktion, die aus zwei EPs mit je sechs Songs besteht, die wiederum in einem plastikfreien geschmackvollen Klapp-Paket mit eingefügtem Booklet daherkommen. Die eine Seite („Field“) beschreibt Parsons als die Freude am Sonnenlicht, am friedlichen Spaziergang durch ein Feld. Die andere Seite („Forest“) markiert das gefährliche Abenteuer, den düsteren Blick in den Abgrund. Logischerweise definieren die beiden EPs auch die musikalische Bandbreite des Singer/Songwriters Joseph Parsons: auf „Field“ ist er der melodiöse Folk-Rocker, der mit einschmeichelnder Stimme und akustisch geprägtem Arrangement von Liebe und Hoffnung in einer brüchigen Welt singt: „It’s about time to put on your wings and fly“. Auf „Forest“ ist er der dynamische Power-Rocker, der seine Rhythmusgruppe (Sven Hansen, Fred Lubitz) und seinen Gitarristen (Ross Bellenoit) in düstere Soundlandschaften schickt und pessimistische Botschaften aussendet: „There is no hope in this shadowland“.

Da Parsons mittlerweile seinen Hauptwohnsitz in Deutschland hat, ist es nicht verwunderlich, dass die Songs auch in zwei norddeutschen Studios produziert wurden. Dennoch ist der Geist von Americana, von US-Folk und Roots-Rock unverkennbar. Wer Joseph Parsons mit seinem leider nur sehr selten sich findenden Quartett „Hardpan“ gehört hat, weiß, dass die Vergleiche mit Crosby, Stills, Nash & Young nicht übertrieben sind. Parsons wirkt wie eine Art Querschnitt aus diesen vier früheren US-Superstars, muss sich aber sein Geld mit regelmäßigem Touren auf kleinen Bühnen verdienen.

 

https://www.josephparsons.com/


Rosanne Cash: She Remembers Everything     ****

Blue Note Records (USA 2018)

Produced by John Leventhal & Tucker Martine

10 Tracks - 38:36 Min.

 

Es sollte nicht als unhöflich verstanden werden, wenn man darauf hinweist, dass Rosanne Cash mittlerweile 63 Jahre alt geworden ist. Denn ihr neues Album verbindet Altersweisheit, Rückblick und Ausblick in einer gereiften poetischen und musikalischen Form. Sie ist gleichzeitig eine differenzierte Beobachterin der heutigen amerikanischen Gesellschaft und eine sensible Erzählerin persönlicher Befindlichkeiten. Sie thematisiert den schizophrenen Umgang mit Waffengesetzen („8 Gods Of Harlem“) ebenso wie die Untiefen der MeToo-Debatte („She Remembers Everything“). Sie beschreibt aber auch das Schlachtfeld der Zweisamkeit („The Only Thing Worth Fighting For“), die Ablösung der Wahrheiten früherer Generationen („The Undiscovered Country“) und die Endlichkeit der irdischen Lebensfreuden („Not Many Miles to Go“). War ihre letzte CD („The River And The Thread“) noch ein echtes Roots-Album im doppelten Wortsinn, so bewegt sie sich musikalisch nun auf einem ambitionierten Country-Pop-Feld und erinnert in vielen Songs an den Jackson Browne der 80er und 90er Jahre - sowie an dessen Alterswerk „Time The Conqueror“.

Außergewöhnlich ist die Tatsache, dass die eine Hälfte der Songs zusammen mit Ehemann John Leventhal in New York aufgenommen wurden, die andere Hälfte aber mit dem jungen Produzenten Tucker Martine in Portland/Oregon. Die Unterschiede sind dank der außergewöhnlichen stimmlichen Präsenz von Rosanne Cash kaum zu erkennen; dennoch hat die eine Song-Gruppe mehr Band-Charakter (mit dem brillanten Tim Young an der Gitarre), die andere mehr die Atmosphäre eines Leventhal-Homerecordings.

Bemerkenswert ist auch, dass Rosanne Cash immer wieder die kreative Begegnung mit anderen Künstlern sucht. Hier ist es zum einen das Songwriter-Team T-Bone Burnett & Lera Lynn, zum anderen sind es die musikalischen Freunde Kris Kristofferson, Elvis Costello und der Decemberist-Sänger Colin Meloy. Leider gibt es wieder die fragwürdige Produkt-Diversität mit einer Normal- und einer Deluxe-Ausgabe. Letztere hat drei Songs mehr im Gepäck.

 

https://www.rosannecash.com/


I See Hawks In L.A.: Live And Never Learn   *****

Western Seeds Record Company (USA 2018)

Produced by Paul Lacques & Rob Waller

14 Tracks - 56:42 Min.

 

Es war das dramatische Datum Nine-Eleven 2001, als nicht nur die Türme des World Trade Center einstürzten sondern auch die Band I See Hawks In L.A. ihr erstes Album veröffentlichte - wobei aber das Ereignis in New York deutlich mehr Aufmerksamkeit auf sich zog. Weil wir hier aber eine Musik-Publikation sind, haben wir den musikalischen Output der Band seitdem aufmerksam verfolgt und können feststellen, dass ihr soeben erschienenes siebtes Album „Live And Never Learn“ ein weiterer Höhepunkt ihrer Karriere sein sollte. Das kalifornische Songwriter-Duo Paul Lacques und Rob Waller hat den Bassisten Paul Marshall und mittlerweile die Schlagzeugerin Victoria Jacobs an ihrer Seite, und aus dieser Kooperation sind 14 ansehnliche neue Songs entstanden, die den Bogen von akustischem Folk-Rock a la Beyond Reach (die Nachlassverwalter der Ozark Mountain Daredevils!) bis zu südkalifornischem Rock im Stile von Warren Zevon spannen. Typisch für die Band sind ökologische Themen („Planet Earth“, „Ballad For The Trees“), die abgeklärte Auseinandersetzung mit Rauschmitteln („Poour Me“, „Stoned with Melissa“) und erfahrene Lebensweisheiten („Live And Never Learn“, „Spinning“). Die Brandkatastrophen in Südkalifornien finden ihren Niederschlag in dem Song „Last Man In Tujunga“, wo der Erzähler seine Ex am Telefon hat, während die Flammen schon fast an seinem Haus züngeln („I’m losing you like all the others / But that’s no change in my luck“). Diese abgeklärte Mischung aus Ironie und Humanität macht die Hawks zu einer legendären Institution des Laurel Canyon Country-Rocks, die man gerne auch einmal live auf dem europäischen Kontinent hören würde.

 

http://www.iseehawks.com/


Craig Bickhardt: Home For The Harvest    ****

Stone Barn Records (USA 2018)

Produced by Craig Bickhardt

12 Tracks - 43:53 Min.

 

Craig Bickhardt hat in seiner langen Karriere schon so allerlei erlebt. Er sollte sogar zusammen mit Thom Schuyler und Fred Knobloch zu einer Country-Pop-Star-Band („SKB”) aufgeplustert werden. Doch 2006 verließ er Nashville, das er heute als „Mekka der Mittelmäßigkeit” bezeichnet, und geht seitdem unbeirrt seinen musikalischen Weg als einfühlsamer Songwriter, als hervorragender Sänger (der keinen Pitch Tuner braucht) und als virtuoser Saitenspinner.

Auf der aktuellen CD hat er 12 Eigenkompositionen versammelt (einige davon in Zusammenarbeit mit Barry Alfonso, Nathan Bell, F. C. Collins und Thom Schuyler), die als zurückhaltende, rein akustische No-Drums-Arrangements eingespielt wurden. Die Basis liefert Bickhardt mit Stimme, Gitarren, Mandoline und Bass, bei einigen Songs setzen Gäste (z. B. auch seine Tochter Aislinn) ein paar Akzente. Die Songs haben so einen fast schon traditionellen Folk-Charakter, sie erinnern an Gordon Lightfoot, Dan Fogelberg (ohne üppige Begleitung), Shawn Colvin oder John Prine. Vielleicht hätten ein paar mehr Uptempo-Nummern - wie z. B. „Racing The Bullet” - dem Album noch etwas Kick gegeben; so ist es eher Musik für die Hängematte und für den Schaukelstuhl auf der Terrasse. Bei den Lyrics vermeidet Bickhardt jegliche Provokation oder politische Botschaft, er ist ein genauer Beobachter von Landschaften, Menschen, Beziehungs-Kisten - und neuerdings auch von Problemen des Alters, die der 64jährige wohl gut nachvollziehen kann („Old Maid’s Man”, „One Little Light”). Meine persönlichen Anspieltipps sind „Chesapeake Bay”, der Titelsong „Home For The Harvest” und das oben genannte „Racing The Bullet”, das auch einem Amos Lee gut zu Gesicht stehen würde. In einer Zeit voll grellem Haschen nach Aufmerksamkeit ist die etwas altmodische Kommunikationsweise von Craig Bickhardt sehr beeindruckend.

 

http://www.craigbickhardt.com/news.html


Gerry Spehar: Anger Management      ****

Self-Released (USA 2018)

Produced by Paul Lacques & Gerry Spehar

12 Tracks - 49:18 Min.

 

Man kann nur spekulieren, was passiert wäre, wenn Gerry Spehar zwischen 1986 und 2016 nicht eine dreißigjährige Pause als hauptberuflicher Musiker eingelegt hätte. Jedenfalls ist er jetzt mit erstaunlicher kreativer Power wieder auf der Szene zurück und legt schon seine zweite CD (nach „I Hold Gravity“) vor. Das neue Album hat er gemeinsam mit Paul Lacques (von „I See Hawks In L.A.“) produziert und man merkt schnell, dass hier ein amerikanischer Wutbürger viel angestauten Zorn loswerden will. So ist „Anger Management“ eine echte Kollektion von Protestsongs geworden, die in der demokratisch-sozialistisch-pazifistischen Tradition von Woody Guthrie stehen. Auf dem Cover steht praktisch als Warnhinweis (wie bei Zigaretten), dass es sich um harte Aussagen handelt, die manchem weh tun sollen. Dass dabei der musikalische Gehalt nicht zu kurz kommt, ist die Leistung von Spehar und seinen Begleit-Aktivisten.

Hauptobjekt von Spehars Wut ist nicht ganz überraschend der neue US-Präsident Trump, der gleich in drei Songs sein Fett abbekommt. Bei „Bitch Heaven“ wird ein ganz und gar einseitiger Vergleich zwischen Donald Trumps Vater Fred C. Trump und Woody Guthrie gezogen. Old Man Trump war 1952 Vermieter für Guthries Familie und sorgte mit einer Baumaßnahme in Brooklyn für eines der ersten rassengetrennten Immobilien-Projekte („Beach Haven“). Der Song endet mit der plakativen Textzeile „This land is our land / it ain’t Old Trump’s land“. Auch zur aktuellen MeToo-Debatte hat Spehar einen satirischen Text bereit: „I got the freedom to grab whatever I want / cause the President says it is OK“. Weitere Themen von Gerry Spehar sind Immigration, das Schicksal von Kriegsveteranen, die durch unterirdische Atomraketen zerstörte Landschaft des Südwestens und die immer wieder aktuellen Fragen “What Would Jesus Do?” beziehungsweise „Pearl Harbour, what were you for?“

Musikalisch erinnert das Album an den Westcoast-Blues-Rock des frühen Stephen Stills, an manche schräge Melodieführungen bei Tom Waits oder an den TexMex-Wüstenrock von Calexiko. Zweierlei ist Gerry Spehar jedenfalls nicht: langweilig und unpolitisch. Er sollte als verrenteter Ex-Banker noch länger ein kritischer musikalischer Begleiter der amerikanischen Lebenswelt bleiben.

 

https://www.gerryspehar.com/


Thomm Jutz: Crazy If You Let It      ****

Mountain Fever Records (USA 2017)

Produced by Thomm Jutz

12 Tracks - 40:15 Min.

 

Das nenne ich gelungene Integration: da kommt ein Deutscher vor ca. 15 Jahren nach USA, siedelt sich in Nashville an und saugt die amerikanische Roots-Musik derartig in sich auf, dass er heute ein gefragter Produzent in der Country-Metropole ist und nun ein Bluegrass-Album vorlegt, das den Vergleich mit den großen Namen (z. B. Seldom Scene) nicht zu scheuen braucht. Dazu sagte Jutz vor einiger Zeit: „Ich bin definitiv nicht in dieser musikalischen Kultur aufgewachsen, aber es ist jetzt die Musik, die mir richtig ans Herz gewachsen ist, schon immer hatte die Musik, die ich gemacht habe, einen eher akustischen Charakter“. Zwei Dinge machen das Album außergewöhnlich: zum einen die Virtuosität der einzelnen Musiker mit Bandleader Thomm Jutz an der akustischen Gitarre, mit Sierra Hull an der Mandoline, mit Justin Moses an Banjo und Dobro und mit Andrea Zonn an der Fiddle. Zum anderen die positive Grundstimmung, die besonders im Titelsong ihren Ausdruck findet. Auch der Gesang von Thomm Jutz hat ein beachtliches Niveau erreicht, besonders wenn er durch die Harmony vocals von Andrea Zonn, Tammy Rogers, Peter Cooper oder Eric Brace unterstützt wird. Viele der Songs sind bei einer Art Samstag-Vormittag-Stammtisch entstanden, wo sich Thomm Jutz und Milan Miller entspannt zusammensetzen und ihren Ideen freien Lauf lassen. Stilistisch entfaltet sich eine Bandbreite von traditionellem Bluegrass über irischen Folk („The Road to Galway“) bis zu leicht poppig klingendem Newgrass („Sometimes What Glitters Is Gold“). Inhaltlich befasst sich Jutz mit Naturbeobachtungen, Eisenbahnen und nachdenkenswerten Lebensweisheiten. Natürlich ist das Nischenmusik, aber hörenswert für jeden, der noch nicht vom Format-Radio verdorben ist!

 

https://mountainfever.com/featured/crazy-if-you-let-it-new-album-from-thomm-jutz/


Eric Brace, Peter Cooper & Thomm Jutz:

Profiles In Courage, Frailty & Discomfort ****

Red Beet Records RBRCD0022 (USA 2017)

Produced by Eric Brace, Peter Cooper and Thomm Jutz

14 Tracks - 50:58 Min.

 

Das Konzept dieser Produktion ist einfach zu erklären: drei Songwriter, drei Stimmen, drei akustische Gitarren. Das Besondere liegt aber in der Kombination, einer unzweifelhaften Win-Win-Win-Situation: Eric Brace ist der Mann mit der markanten Stimme und gleichzeitig der Besitzer einer Plattenfirma (Red Beet); Peter Cooper ist der Mann für die hohen Harmonien und gleichzeitig ein kenntnisreicher Historiker der Country Music; Thomm Jutz ist der Mann für die ausgefeilten Gitarren-Solis und gleichzeitig der Chef eines mittlerweile sehr renommierten Tonstudios in Nashville (TJ Tunes).

Wer die drei auf ihrer Europa-Tournee 2016 erlebt hat, konnte schon die besondere Magie ihres Zusammenspiels erkennen, doch die CD bringt nun die Chance diesen Eindruck festzuhalten und immer wieder abzurufen. Brace, Cooper & Jutz haben 14 eigene Songs in ein filigranes Country/Folk-Arrangement gepackt und erzählen damit in der großen Tradition des Storytelling von Tom T. Hall und des schwungvollen Newgrass von Seldom Scene über vergangene Heroen und Leitthemen der Country Music wie auch über literarische Erlebnisse und heutige - eher alltägliche - Befindlichkeiten. Das Trio führt uns ans Grab von Johnny Cash („Hendersonville“) und Paul Buskirk („Parkersburg Blues“), zum Haus von Jerry Lee Lewis („Uneasy Does It“) und John Hartford („Hartford’s Bend“), in die Gedankenwelt von Willie Nelson („Lonesome And Alone“) und in die Gitarren- und Mandolinenwerkstatt von Hugh Hansen (der alte Martin-Hölzer wieder zum Singen bringen kann, was bei Menschen gar nicht so einfach ist!) und zu besonderen Orten wie dem verschwundenen Jefferson Hafen („Little Old Town“), der verschlungenen Dismal Hollow Road („My Sally“) und auch auf den Mond („Tranquility Base“).

Die Texte atmen alle eine gute Mischung aus Nostalgie (zum Beispiel bei dem Train Song über die Baltimore & Ohio Railroad Company) und leiser Ironie - leider ist aber kein Lyric Sheet enthalten. Dennoch merkt man der ganzen CD ein liebevolles Handwerk und ein künstlerisches Ethos an, das in der schnelllebigen Szene (besonders auch in Nashville!) selten zu finden ist.

 

http://redbeetrecords.com/eric-brace-peter-cooper-thomm-jutz


Stills & Collins: Everybody Knows      ****

Cleopatra Records CLO 0691 - USA 2017

10 Tracks - 40:52 Min.

Produced by Stephen Stills, Judy Collins, Alan Silverman & Marvin Etzioni

 

Es war einmal vor ziemlich genau 50 Jahren, da begehrte der junge, schöne Stephen Stills die Folk-Prinzessin Judy Collins so sehr, dass er alle Hebel in Bewegung setzte, um in ihrer Nähe zu sein und sie zu erobern. Das gelang auch insoweit, als er im New Yorker Studio an ihrem Album „Who Knows Where The Time Goes“ als Gitarrist mitarbeiten durfte. Seine Liebe ging so weit, dass er sich zusätzlich noch eines Nachts nur mit einem Tontechniker einsperrte und ganz allein die Songs „Suite: Judy Blues Eyes“, „Judy“ und „Helplessly Hoping“ einspielte (nachzuhören auf der 2007 erschienenen CD „Just Roll Tape“). Leider fand die Romanze kein Happy End, da die Folk-Prinzessin damals mit vielerlei Problemen zu kämpfen hatte und zu einer festen Beziehung nicht bereit war. Da weinte der junge, schöne Stephen Stills bitterlich und schrieb drei Jahre später den Song „So Begins The Task“ mit den Zeilen: „And I must learn to live without you now / As I cannot learn to give only part somehow“. Und die Folk-Prinzessin resümierte wieder ein paar Jahre später in dem Lied “Houses”: “’Come’, you say, ‘come with me, I’m going to the castle / And the bells are ringing, the weddings have begun’ / But I can only stand here, I cannot move to follow / I’m burning in the shadow and freezing in the sun”.

Doch genug der traurigen Vergangenheit! 2017 ist Judy Collins keine Prinzessin mehr, sondern eine gereifte Mit-Siebzigerin und Stephen Stills ist auch nicht mehr ganz so jung und schön, hat aber mit der dritten Ehe seinen Beziehungs-Sturm-und-Drang beendet. Beide sind also bereit, ihre neu gefestigte Freundschaft nun auch musikalisch zu dokumentieren und eine CD unter dem sachlichen Namen „Stills & Collins“ zu produzieren. Das Ergebnis kann sich durchaus hören lassen, denn die immer noch engelsgleiche Stimme von Judy Collins harmoniert prächtig mit dem brüchigen Tenor von Stephen Stills. Dazu sorgt die solide Rhythmus-Sektion mit Kevin McCormick (b) und Tony Beard (dr) dafür, dass die Musik nie zu sehr ins ätherische Folk-Fach abdriftet, wenngleich Keyboarder Russell Walden manches von der Schärfe der Stillsschen Blues-Rock-Gitarre übertüncht. Die Songauswahl reflektiert die - oben skizzierte - musikalische Geschichte der beiden Protagonisten, dazu kommen beachtliche Cover-Versionen wie „Girl From The North Country“ (Bob Dylan), „Handle With Care“ (Travelling Wilburys“) und „Reason To Believe“ (Tim Hardin). Höhepunkt ist zweifellos der Titelsong von Leonard Cohen (und Sharon Robinson), der gleichermaßen zeitlos und hochaktuell in einer gepitchten Rock-Version daherkommt: „Everyboy knows that the boat is leaking / Everybody knows that the captain lied“!

Nachdem das Kapitel Crosby, Stills, Nash & Young endgültig geschlossen zu sein scheint, wäre es gar nicht überraschend, wenn man von Stills & Collins - wenn sie denn nicht gestorben sind - noch mehr hören würde; dann aber bitte mit dem Blick nach vorne!

 

https://www.stephenstillsjudycollins.com/