SCHAU.BÜHNE


***** hervorragend   **** sehenswert   *** Licht und Schatten

** nur bedingtes Vergnügen    * überflüssig


Kasimir und Karoline     ****

von Ödön von Horvath

Inszenierung: Georg Schmiedleitner

Premiere: 6.10.2017

Mit: Josephine Köhler, Stefan Willi Wang u. v. a.

Staatstheater Nürnberg (Schauspielhaus)

 

Auf den Hollywood Hills oberhalb von Los Angeles leuchtet mit weißen Großbuchstaben das berühmte Hollywood-Sign als Bild-Symbol der weltweit bekannten Traumfabrik. Über die Gemütsverfassung der dortigen Bewohner hat die Gruppe Sunrise Avenue 2011 gesungen: „This is the end oft he rainbow, where no one can be too sad“.

Für seine Nürnberger Inszenierung des Horvath-Stückes „Kasimir und Karoline“ hat sich Regisseur Georg Schmiedleitner von Stefan Brandmayer ein großes Stahlgerüst auf die Bühne stellen lassen, bei dem oben der Schriftzug „TOMORROW“ blinkt - wohl als Zeichen der vagen Hoffnung auf ein besseres Morgen. Darunter tummeln sich kleinbürgerliche Glückssucher, proletarische Gauner und großbürgerliche Schürzenjäger. Im Original (Uraufführung 1932) war der Schauplatz das Münchner Oktoberfest, wo nach der Meinung des eitlen Kommerzienrates Rauches trotz Weltwirtschaftskrise noch klassenlose Demokratie herrscht, wo der kleine Dienstmann neben dem Geheimrat bei der Maß Bier sitzt. Schmiedleitner hat das Geschehen aber in eine Techno-Disko des 21. Jahrhunderts gebeamt und als Rummelplatz-Zitate nur noch drei Autoscooter, eine Galerie von Dixi-Klos, ein paar Lebkuchenherzen mit der Aufschrift „Ich liebe Dich so wie Du bist“ (jedoch nicht: „Und die Liebe höret nimmer auf“!) und ein Bierglas übrig gelassen. So tönen als Hintergrundmusik auch keine Oktoberfest-Hymnen („Trink, trink Brüderlein trink / Lasse die Sorgen zuhaus“) sondern massive Beats und die Sphärengesänge der Rausch-Gold-Engel Elli und Maria. Aus dem Ausrufer des Raritätenkabinetts wird ein hektischer DJ im Glitzeranzug (Pius Maria Cüppers), der Texte des Berliner Berghain-Bloggers Airen ins Mikrofon bellt. In dieser hitzigen Atmosphäre verhandeln der eben arbeitslos gewordene Chauffeur Kasimir (Stefan Willi Wang, diesmal bemerkenswert zurückgenommen) und die vergnügungssüchtige Karoline (Josephine Köhler mit einer sehr heutigen Rolleninterpretation) ihre Beziehungsprobleme. Während Karoline den vorbeifliegenden Zeppelin bewundert und sich in der Achterbahn ordentlich durchwirbeln lassen will, wird Kasimir zum pessimistischen Sozialkritiker: „Da fliegen droben zwanzig Wirtschaftskapitäne, und herunten verhungern derweil einige Millionen!“ Weil dem Kasimir die Lust und die nötigen Scheine zum Spiel des kurzzeitigen Vergessens fehlen, lässt sich Karoline auf diffuse männliche Angebote ein: auf den anfangs verklemmten Zuschneider Schürzinger (schön verbogen: Martin Aselmann) und auf seinen auftrumpfenden Chef Rauch (Michael Hochstrasser). Die Nacht im dichten Trockeneis-Nebel endet in desillusionierender Klarheit, als Karoline erkennt: „Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich - aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als wär man nie dabei gewesen.“

Nach 18 Jahren als stilbildender Dauergast dürfte sich Georg Schmiedleitner mit dieser soliden Inszenierungs-Arbeit für längere Zeit (für immer?) vom Nürnberger Theaterpublikum verabschieden - zum gar nicht so leisen Servus richtete er bei der Premierenfeier einen Dank an die Besucher, die ihn über die Jahre mit Zustimmung, aber auch mit kritischen Anmerkungen (bis hin zu Buh-Rufen) begleitet haben. Diesmal war der Beifall, trotz der Tatsache, dass man die Bühnensprache des Österreichers mittlerweile gut kennt und daher vor Überraschungen leider sicher ist, ungeteilt.

 

http://www.staatstheater-nuernberg.de/index.php?page=schauspiel,veranstaltung,kasimir_und_karoline,109226


Eistanz beim Oktoberfest?
Eistanz beim Oktoberfest?

Kasimir und Karoline **

von Ödön von Horvath

Inszenierung und Textfassung: Abigail Browde & Michael Silverstone ("600 Highwaymen")

Premiere: 11. 8. 2017

Salzburger Festspiele (Universität Mozarteum Salzburg, Großer Saal)

 

Nachdem Fußballvereine, Volksparteien, Musik-Initiativen und Stadttheater-Bühnen das Prinzip Nachwuchsförderung als wichtig erkannt haben, wollten dem die Salzburger Festspiele nicht nachstehen. Es gab einmal ein interessantes Young Directors Project, dem aber vor ein paar Jahren der Sponsor abhanden kam. Nun machten sich die beiden festival-erfahrenen New Yorker Projekt-Theaterkünstler Abigail Browde und Michael Silverstone auf die Suche nach unverbrauchten Gesichtern, sind aber offensichtlich mit ihrem Konzept des partizipativen Theaters an diesem Klassiker des kritischen Volksstücks weitgehend gescheitert. Durch ein frühes Casting wurden 23 Akteure ausgewählt - fast durchwegs ambitionierte Bühnen-Amateure -, die nun im fließenden Rollenwechsel die Texte der Protagonisten nachsprechen. Das wirkt in seltenen Momenten rührend, meist eher unfreiwillig komisch.

Dazu haben die beiden Gruppenleiter, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, den Horvath-Text in eine episch-erklärende Sprachwüste verwandelt ("und dann sagt Kasimir"), der die kritisch-satirische Spannung von Horvaths Dialogen vollkommen ausleiert. Von dem Original-Schauplatz, dem Münchner Oktoberfest während der Weltwirtschaftskrise 1932, ist noch eine kurze Lederhose und ein grüner Trachtenjanker übrig geblieben, ansonsten bewegen sich die Spieler auf einem großen, kargen Holzrechteck, fast wie ein Eislaufplatz, der von einer Holzbande umgeben ist. Mit viel, aber meist sinnfreier pantomimischer Hand- und Fuß-Arbeit wird eine Ringelreihen-Choreografie erzeugt, die an ein VHS-Mehrgenerationenprojekt unter dem Titel "Sprecherziehung und Tai Chi" erinnert. Die für das Stück so wichtige Oktoberfest-Musik als Medium der klassenlosen Verdrängungsmaschinerie ("Solang stirbt die Gemütlichkeit / In München nimmer aus") wurde ebenso gestrichen wie das schrille Abnormitätenkabinett, das an Büchners "Woyzeck" anknüpft. Es zeigt sich, dass die beiden Regisseure mit der Tradition des deutschsprachigen sozialkritischen Volksstücks aus dem 19. und 20. Jahrhundert - also von Büchner bis Kroetz - nicht vertraut sind und statt dessen in ein postmodernes Jungmädchen-Befindlichkeits-Spiel ausweichen, das während einer englischsprachigen Passage mit dem Song "If that is all there is" seinen Höhepunkt findet.

Dann werden noch ein paar Säcke mit Herbstblättern und Kinderpuppen ausgeschüttet - und wieder sorgsam zusammengekehrt -, bis eine der ca. acht Karolinen nach dem großen Aufräumen ihr ambivalentes Schlusswort verkündet: "Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich - aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als wäre man nie dabei gewesen". Verhaltener Beifall für eine Produktion, die den sich mit vielen Superlativen schmückenden Salzburger Festspielen ein bemerkenswert unprofessionelles Discount-Angebot beimischt.

 

http://www.salzburgerfestspiele.at/schauspiel/kasimir-karoline-2017


Johannas langer Schatten über der Männerwelt
Johannas langer Schatten über der Männerwelt

Die Jungfrau von Orleans ****

von Friedrich Schiller

Inszenierung: Peter Wittenberg

Premiere: 10.6.2017

besuchte Aufführung: 17.6.2017

mit: Lilly Gropper u. v. a.

Staatstheater Nürnberg (Schauspielhaus)

 

Das kommt einem doch irgendwie bekannt vor: ein Mensch ist angewidert von einer innerlich zerrissenen Nation ohne klare Herrschaft und fühlt in sich den göttlichen Sendungsauftrag, diesen chaotischen Zustand durch Kampf unter Einsatz des eigenen Lebens zu beenden. So aktuell ist Schillers romantische Tragödie aus dem Jahre 1801, so problemorientiert (und textlich großzügig durchgelüftet) hat sie Regisseur Peter Wittenberg als letzte Saisonpremiere des Nürnberger Sprechtheaters auf die große Bühne des Schauspielhauses gesetzt.

Dabei ist die Bühne von Florian Parbs ein sich nach hinten verengender weißer Trichter, auf dessen schiefer Ebene die Akteure wie Figuren auf dem Taktikbrett eines Handballtrainers aufgestellt und herumgeschoben werden. Im Mittelpunkt agiert als dominante Hauptperson die Jungfrau Johanna, die von Lilly Gropper als eine Mischung aus christlich-fundamentalistischer Penthesilea, aus Lara Croft und aus palästinensischer Selbstmordattentäterin (!) interpretiert wird. Ihre Präsenz ist unübersehbar, denn ihre Augenpartie wird während der gesamten zwei Stunden vermittels einer Helmkamera an die Rückwand der Bühne projiziert: „Johanna is watching you!“ Ihr gegenüber sind die anderen Darsteller nur klischeehafte Statisten: der schwache König Karl VIII. (Thomas Nunner), der konfliktscheu in ein Schäfer-Idyll fliehen will, der knatterige Vater Thibault (Frank Damerius), der von Johanna die tradierte Rolle als Ehefrau und Mutter einfordern will, die sittenlose, Chaos stiftende, intrigante Königinmutter Isabeau (Elke Wollmann) oder der nihilistische Sachzwang-Realist Talbot (Stefan Willi Wang), der in Johannas Sendung nur Dummheit und Aberwitz sieht. Johannas anfängliche Kampf-Erfolge zur Wiederherstellung des idealen Staates mit Reichseinheit, Frieden und legitimen König münden tragisch in die eigene Schuld, als sie im ringerischen Zweikampf mit dem englischen Anführer Lionel (Janco Lamprecht) plötzlich eine sexuelle Komponente an sich entdeckt. Dies führte schließlich bei der historischen Jeanne d’Arc zur Verbrennung (1431), bei Schiller zur Läuterung und zur Legenden-Verklärung: „Der Himmel öffnet seine goldenen Tore“. Aus diesen Bildkomponenten hat Peter Wittenberg ein sehr heutiges Schluss-Tableau entwickelt: es bleibt noch Zeit für eine Zigarette („Gute Nacht, Freunde!“), bevor Johanna im grell-orangen Licht des Bühnenhintergrunds entschwindet. Schillers erhoffter Sieg der Idee über die Anarchie der Geschichte wird so zum nebligen, aber sehr präsenten Dilemma des 21. Jahrhunderts. Über weite Strecken ein Musterbeispiel für die seriöse Auseinandersetzung mit klassischen Theaterstoffen.

 

http://www.staatstheater-nuernberg.de/index.php?page=schauspiel,veranstaltung,die_jungfrau_von_orleans,111437


Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter      ****

von Christoph Marthaler, Anne Viebrock & Ensemble

Inszenierung: Christoph Marthaler

Premiere am 21.9.2016

Besuchte Aufführung: 19.5.2017

Mit Sophie Rois, Irm Hermann u.v.a.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin

 

Es ist ein kurzer Theater-Brief zum langen Abschied von der Berliner Volksbühne, den Christoph Marthaler samt Ensemble verfasst hat. Denn auch er wird (wie manche anderen stilbildenden Regisseure) nach dem Ende der Castorf-Ära unter dem neuen Intendanten („Kurator“) Chris Dercon nicht mehr am Rosa-Luxemburg-Platz arbeiten wollen. Somit dürfte dann am 18. Juni 2017 die letzte Chance sein, diese eigenwillige Produktion, eine Mischung aus absurdem Theater, Bewegungs-Theater und meditativem Singspiel vor Ort anzuschauen. Wer sich allerdings von dem gut zweistündigen (pausenlosen) Theaterabend eine dramatische Handlung, pointierte Dialoge oder gar psychologische Entwicklungen einzelner Personen erwartet, wird enttäuscht sein. Marthaler stellt dagegen - wie der an Botho Strauß erinnernde Titel verspricht - Gesichter und Gefühle aus, präsentiert sein Ensemble als Bilder einer Ausstellung, die von einem Hausmeister (Marc Bodnar) herein- und herausgeschoben werden. Dazu passt auch der hohe Raum von Anna Viebrock, der dem Vorbild des derzeit leer stehenden Naturkundemuseums in Basel nachempfunden wurde. Im Hintergrund sorgt der Bühnenaufzug für Bewegung. Die menschlichen Exponate treten dann in eine fragile Beziehung zueinander, vermischen sich, lösen sich auf und singen andächtige Lieder von „Brüder zur Sonne, zur Freiheit“ bis zu Gustav Mahlers „Ich bin aus tiefem Traum erwacht“. Zur Begleitung stehen am Bühnenrand vier alte Heimorgeln, die von Bendix Dethleffsen und Jürg Kienberger bedient werden. Die Start-Auftritte und die Bewegungen der Personen im Raum haben teilweise artistische (Olivia Grigoli), teilweise clowneske Züge (Magne Havard Brekke). Recht selten fallen auch Sätze: Irm Hermann zum Beispiel beschwert sich gleich am Anfang: „Ich hasse diese Wanderausstellungen“. Später öffnet sie umständlich Glückskekse und verliest die aufmunternden Botschaften: „Du sollst dich im Zweifel für das Richtige entscheiden!“ Ansonsten werden einfach mal absurde Wortfetzen wie Teebeutel eingeworfen. Diese Kollektiv- und Musik-Performance entfaltet zunehmend einen Sog, dem sich der Zuschauer nur schwer entziehen kann, auch wenn sich das Geschehen einer aufgeklärten Analyse weitgehend entzieht. Der Kritiker der „Berliner Zeitung“ verfiel wohl gar in einen traumhaften Schlaf und vermeldete an Ende: „Nicht wecken, bitte“. Bei der Laudatio für Christoph Marthaler, der für diese Produktion im Mai 2017 den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost erhielt, wünschte sich Kultursenator Klaus Lederer noch viele Chancen, den Theater-Utopisten in Berlin zu sehen - fragt sich nur, eventuell wo!

 

http://www.volksbuehne-berlin.de/praxis/bekannte_gefuehle_gemischte_gesichter/


Abendmahl im Auerhaus: Frieder (Christoph Franken) bricht das Brot
Abendmahl im Auerhaus: Frieder (Christoph Franken) bricht das Brot

Auerhaus ***

Nach dem Roman von Bov Bjerg

in einer Fassung von Nora Schlocker und Birgit Lengers

Inszenierung: Nora Schlocker

Premiere am 21.5.2017

Deutsches Theater Berlin (Kammerspiele)

 

Nachdem „Auerhaus“, der kleine, aber feine Roman von Bov Bjerg, am Ende des Jahres 2015 mit frenetischen Rezensionen überschüttet wurde, kletterte er rasch in die Bestsellerliste und erlebt nun (wie bei Wolfgang Herrnsdorfs „Tschick“) den Prozess der multimedialen Weiterverwertung. Das Radio Berlin-Brandenburg produzierte ein Hörspiel, die Constantin arbeitet derzeit an einer Verfilmung (Produzent: Oliver Berben) und im Deutschen Theater Berlin sollte schon im Oktober 2016 eine Theaterfassung uraufgeführt werden. Wegen Erkrankung konnte man diesen Termin nicht halten, deshalb kam das Schauspiel Düsseldorf in den Genuss der deutschen Erstaufführung, die Berliner Version erlebte erst jetzt ihre Premiere.

Die dialoglastige Geschichte erzählt von sechs jungen Erwachsenen (vier davon stehen kurz vor dem Abitur), die sich zu einer „therapeutischen“ WG im Auerhaus (benannt nach dem häufig auf dem Kassettenrecorder laufenden Song „Our House“ von Madness) zusammenschließen und in dieser Idylle der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für eine gewisse Zeit Abstand zu ihren mehr oder weniger schlimmen Alltagsproblemen finden.

Nora Schlocker hat sich in ihrer Inszenierung für die Kammerspiele des Deutschen Theaters Berlin mit großer Energie auf die symbolgeladene Bildsprache des Romans gestürzt: der suizidgefährdete Frieder (Christoph Franken) bahnt sich mit einer Axt den Weg auf die Bühne (Jessica Rockstroh), dieselbe Axt verwendet er auch um den örtlichen Weihnachtsbaum provokativ umzuhauen (der Stumpf steht dann als kleine Installation während der Pause im Foyer!). Am Anfang schleppt sich Frieder weißgekalkt mit Unterhose und Hunde-Beißmanschette ins Rampenlicht, um dann von seinen WG-Genossen reingewaschen zu werden. Das Auerhaus symbolisiert ein selbstzementiertes Rechteck auf der schwarzen Bühne, das von den Bewohnern grundsätzlich nur barfuß betreten wird. Die sechs jungendlichen Akteure spielen neben den Auerhaus-Insassen auch einige Erwachsenen-Rollen als klischeehafte Charakter-Masken. Nach der Pause dürfen die Zuschauer sogar im Sinne eines Perspektivenwechsels Teilnehmer der rauschenden Silvester-Feier auf der Bühne werden. Leider bleiben die anderen Rollen, vor allem der Erzähler Höppner (Marcel Kohler) etwas blass und die musikalische Grundierung des Romans ist wenig präsent. Somit erinnert die verspätete Berliner Produktion an ambitioniertes Jugendtheater, das dem Zuschauer nie ganz vermitteln kann, weshalb er nach der Lektüre des Romans auch noch ins Theater gehen soll.

 

https://www.deutschestheater.de/programm/spielplan/auerhaus/1903/


Beziehungs-Sandkastenspiele? Michael Hochstrasser und Adeline Schebesch
Beziehungs-Sandkastenspiele? Michael Hochstrasser und Adeline Schebesch

Gift. Eine Ehegeschichte      ***

von Lot Vekemans

Inszenierung: Christina Gegenbauer

Mit Adeline Schebesch und Michael Hochstrasser

Premiere: 28.4.2017

Staatstheater Nürnberg, Kammerspiele

 

„Trauerarbeit“ nennt man im Deutsch der Psychotherapeuten seit Sigmund Freuds Schrift „Trauer und Melancholie“ die psychische Verarbeitung der Trauer, die jemand über den Verlust einer Bezugsperson empfindet. Dieses Thema brachte die niederländische Autorin in Form eines Duo-Dialog-Dramas 2009 auf die Bühne - seither wird das Stück häufig nachgespielt, in prominenter Besetzung mit Dagmar Manzel und Ulrich Matthes zum Beispiel 2013 im Deutschen Theater Berlin.

Ein Ehepaar (im Stück nur „Sie und „Er“ genannt) hat nach einem Unfall sein einziges Kind verloren, dann verloren sie sich selbst und schließlich einander. Jedenfalls vollzieht der Ehemann ausgerechnet am Silvesterabend, der in das neue Millennium führt (31.12.1999), die Trennung. Er steigt in sein Auto, fährt nach Frankreich, und zehn Jahre lang bricht der Kontakt zu der Ehefrau vollkommen zusammen. Erst durch einen Brief mit einer falschen Information (angeblich soll der Leichnam des Kindes wegen der Giftverseuchung des Friedhof-Bodens umgebettet werden) arrangiert die Ehefrau ein Wiedersehen. Hier setzt das Stück ein und zeigt uns, wie die beiden Personen versuchen, wieder ins Gespräch zu kommen, wie sie ihren Umgang mit dem furchtbaren Ereignis gestaltet haben und wie sie die Schuldfrage an der Trennung ausdrücken. Dabei drängt sich der Verdacht auf, dass die Autorin einem weit verbreiteten (Vor-) Urteil huldigt: Männer sind lösungsorientiert, Frauen sind problemorientiert. Denn der Mann hat in Frankreich eine neue Partnerschaft gefunden, seine neue Frau ist schwanger und ein scheinbar unbedeutender Moment (das Anhören eines Mannes, der für die Chorprobe ein Lied von Leonard Bernstein singt) hat ihm sein Gleichgewicht wiedergegeben. Die Frau dagegen ist in ihrer Trauer gefangen, nicht bereit zu einem Neuanfang und von den Erlebnissen des Unfalls und der kurzen Zeit des Kindes im Krankenhaus paralysiert. Der knapp 70minütige Dialog ist somit ein Protokoll der wieder versuchten Nähe, der gegenseitigen Abrechnung und Aggression, der scheiternden Kommunikation mit einem letztlich offenen Ende: auf ein kurzes Aneinander-Festklammern wie „zwei Schiffbrüchige an einer Boje“ folgt der Abgang der Frau durch die hintere Bühnentüre.

Für die Regie bietet so ein Text wenig Entfaltungsmöglichkeiten, es geht um ein paar stumme Momente im Scheinwerferkegel, um die richtige Rhythmisierung des Dialogs, alles andere müssen die Schauspieler glaubhaft erledigen. Dies tun Adeline Schebesch und Michael Hochstrasser mit gebotener Routine, stets etwas unterkühlt, ohne Overkill der Emotionen. Ein großer Erdhaufen in der Mitte der Bühne (Bühne: Birgit Leitzinger) bietet den Spielraum für Balgereien und (verbale) Beschmutzungen. Möglicherweise - dazu noch mit einem ausgebuddelten Spielzeugauto - deutet die Inszenierung damit an, dass die Eltern auf ihrem toten Kind buchstäblich herumtrampeln. Am Ende wird man allerdings den Verdacht nicht los, dass man konfliktbeladene Ehegeschichten schon sprachlich schärfer und theatralisch eindringlicher gesehen hat.

 

http://www.staatstheater-nuernberg.de/index.php?page=schauspiel,veranstaltung,gift._eine_ehegeschichte,122482


Alles dreht sich: Philipp Klapproth (Pius Maria Cüppers) im Taumel
Alles dreht sich: Philipp Klapproth (Pius Maria Cüppers) im Taumel

Pension Schöller ****

von Carl Laufs und Wilhelm Jacoby

Inszenierung und Bearbeitung: Bernadette Sonnenbichler

Premiere: 23.04.2017

Staatstheater Nürnberg, Schauspielhaus

 

Die forsche These „Wahnsinn oder Normalität - alles eine Frage der Perspektive“ lädt zu gesellschaftskritischen Reflexionen, aber auch zur Abfassung eines Schwanks für Schenkelklopfer ein. Laufs und Jacoby haben ihre „Pension Schöller“ als Zwischenwelt zwischen bürgerlichem Alltag und Irrenhaus konstruiert und damit seit der Uraufführung 1890 einen veritablen Bühnenhit gelandet.

Erfreulicherweise hat sich Bernadette Sonnenbichler für die Nürnberger Inszenierung zu einer inhaltlichen Entstaubung und zu einer kompromisslosen Modernisierung entschlossen, um dem alltäglichen Wahnsinn des 21. Jahrhunderts auf die Schliche zu kommen. Im Gegensatz zur etwas länglichen und erstaunlich originalgetreuen Wiener Burgtheater-Produktion (Andreas Kriegenburg im Oktober 2016) entstand so eine schrille Trash-Comedy-Show, die vor absurden Assoziationen nicht Halt macht. Philipp Klapproth (Pius Maria Cüppers) ist ein polnischer Geschäftsmann für Reinigungsmittel, der auch in die Heilanstalten-Branche einsteigen will. Deshalb verspricht er seinem Neffen Alfred (Philipp Weigand) eine fette Finanzspritze für dessen vermeintliche medizinische Karriere (als Proktologe!), wenn dieser ihm eine Irrenanstalt vorführt. Alfred fallen da nur die schrulligen Bewohner der Pension Schöller ein: der Major a.D. Gröber (Thomas Klenk), ein ehemaliger Afghanistan-Bundeswehr-Kämpfer, der nun seinen Hasso ausführt und Pegida-Parolen aufsagt; die Gothic-Bloggerin Josi Krüger (Karen Dahmen), die an Fantasy-Fortsetzungsgeschichten strickt; der weltreisende Globalisierungsprofi Tommy Bernhardy (Marco Steger) und der Möchtegern-Schauspieler mit Sprachfehler, Eugen Rümpel (Thomas Nunner), der unentwegt Mononoge aus großen Knassikern wie „King Near“ vorträgt. Pension-Chefin ist Frau Herr Schöller (Ruth Macke), die sich beim Fernsehsender Flox um den goldenen Schlüssel in der Reality-Show „Meine kleine geile Pension“ bewirbt. An der Seite von Klapproth senior agiert seine Privatsekretärin Melania Pump (Lilly Gropper), deren Push-Up-BH fast als zentrales Dingsymbol der ganzen Aufführung verstanden werden kann. Als einzig Normale stiefelt die Finanzbeamtin Uta Schmittchen - Sonja Hofmann ist ironischerweise eine Akteurin mit „echtem“ Down-Syndrom - auf der Suche nach Schwarzgeld durch die Szenerie.

Regisseurin Sonnenbichler gelingt es, das Ensemble zu großer Spielfreude und komödiantischer Differenziertheit anzustacheln, die muntere Drehbühne (Martin Miotk) mit den drei Stationen Bier-Bar, Pension Schöller und Privathäuschen sorgt für Tempo, in der Dachschräge steuert Schlagzeuger Cico Beck schummrige Electronic-Sounds und Werbe-Jingles bei. Für Philipp Klapproth endet die Geschichte mit einer partiellen Erleuchtung, die der Psychologe Arno Gruen so formuliert hat: Hinter der Orientierung an „Realität“, die gemeinhin ein Zeichen für Gesundheit ist, verbirgt sich eine tiefere, weniger auffälligere Pathologie: die Pathologie der Anpassung als Folge der Preisgabe des Selbst. Darüber sollten nicht nur die Bühnenfiguren nachdenken!

 

http://www.staatstheater-nuernberg.de/index.php?page=schauspiel,veranstaltung,pension_schoeller,102715


Die Ratten **

Von Gerhart Hauptmann

Inszenierung: Sascha Hawemann

Premiere: 4.3.2017

Staatstheater Nürnberg (Schauspielhaus)

 

„Im kleinen Kosmos einer Berliner Mietskaserne wird die ganze Misere der Welt (des beginnenden 20. Jahrhunderts) erlebbar.“ So vollmundig kündigt das Programmheft die Nürnberger Inszenierung von Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ an. Das Ergebnis nach drei Stunden Bühnenschau ist um vieles bescheidener: in dem Dachgeschoss tummelt sich neben der (un)heimlichen Rattenplage nicht nur die proletarische Kleinfamilie John, deren Hauptproblem die Kinderlosigkeit ist, sondern auch der abgehalfterte Theaterdirektor Hassenreuther, der dort seinen Fundus gelagert hat und eine Art Probebühne betreibt. Aus dieser Milieustudie, die soziale Gegensätze nicht beleuchten kann (oder will?), hat Gerhart Hauptmann eine Doppelhandlung gestrickt, die schon bei der Berliner Uraufführung 1911 als „Anhäufung von Unwahrscheinlichkeiten“ apostrophiert wurde. Der schrullige Direktor sorgt - in einer Theater-im-Theater-Meta-Ebene (Idealismus vs. Naturalismus) - für die komische Note, die frustrierte Nicht-Mutter John für das tragische Element. Sie will einem polnischen Dienstmädchen das Neugeborene abkaufen und verstrickt sich damit in eine Serie von Fehlhandlungen. Regisseur Sascha Hawemann hat das voluminöse Stück personell und textlich ausgedünnt, konnte sich aber im Geflecht von Tragik und Komödie nicht für eine klare Linie entscheiden. So wird über weite Strecken aus Hauptmanns Personenaufstellung ein zappeliger Käfig voller Narren, die gerne auch Anfänger-Übungen der Schauspielschule und Schrei-Attacken vorführen. Nach diesem ADHS-Ritual bricht der tragische Schluss mit dem angedeuteten Suizid der Mutter John („liecht lang uff Jesichte unten“) recht überraschend über den erschöpften Zuschauer herein.

Hawemanns inszenatorische Anforderungen an die Schauspieler (insbesondere bei Nicola Lembach, Philipp Weigand und Julia Bartolome) wirken krampfhaft, nur Stefan Lorch kann als Theaterdirektor für ironische Zwischentöne sorgen. Und Stefan Willi Wang spielt den Brutalo-Bruder Bruno wie er immer spielt, dazu knödelt er den Berliner Unterschichten-Dialekt mehr oder weniger unverständlich dahin. Die Bühne (Wolf Gutjahr) ist quasi ein Remake von Hawemanns Nürnberger „Tod eines Handlungsreisenden“ mit einer Vielzahl von rollenden Garderobenständern, die im Verlaufe des Abends wenig Funktionalität entfalten. Die Seitenwände aus Packpapier erlauben immerhin „durchschlagende“ Auftritte. Zahlreiche weitere Regieeinfälle sorgen für kollektives Rätselraten: Warum werden Walburga und Selma von einem Mann gespielt? Was bedeutet der große Schriftzug „Netto“ im Schlusstableau? Somit erzeugt dieser weitgehend inhaltsleere Kraftakt eher Kopfschmerzen als Nachdenklichkeit.

 

http://www.staatstheater-nuernberg.de/index.php?page=schauspiel,veranstaltung,die_ratten,102714


Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. V.l.: Marco Steeger, Frederik Bott, Frank Damerius
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. V.l.: Marco Steeger, Frederik Bott, Frank Damerius

Der Rote Löwe ***

Von Patrick Marber (Deutsch von John Birke)

Inszenierung: Klaus Kusenberg

Uraufführung: 25.2.2017 (Deutschsprachige Erstaufführung)

Staatstheater Nürnberg, Kammerspiele

 

Aus der Sicht der aktuellen deutschen Bundesliga-Szene sieht die Konfliktlinie folgendermaßen aus: auf der einen Seite der Red-Bull-Magnat Dietrich Mateschitz, der sich den Fußballverein Leipzig als profitorientiertes, inhabergeführtes Unternehmen zusammengekauft hat, auf der anderen Seite die Fans auf der Süd-Tribüne von Borussia Dortmund, die Leipzig als „Dosenclub“ titulieren, dessen Funktionäre mit Hasstiraden überschütten und dabei glauben, den alten Werten des Fußballspiels verpflichtet zu sein: Vereinstreue, prämaterialistische Spielfreude und die schöne Elf-Freunde-Ideologie. Oder eine Liga-Etage tiefer beim traditionsreichen 1. FCN: da gibt es die böse Bank, die für ein paar 100 000 Euro dem Stadion den Namen „EasyCredit“ aufpfropfte, und die gute Bank, die zusammen mit den Ultra-Fans den legendären Namen „Max Morlock“ wiederbeleben will.

Jene Frage nach dem Reinheitsgebot des Fußballs hat auch im Mutterland des Spiels den Dramatiker Patrick Marber („Hautnah“) zu einem kleinen Kammerstück animiert, das 2015 in London uraufgeführt wurde. Er begnügt sich mit drei Charakteren, die in einer schäbigen Umkleidekabine eines fünftklassigen Vereins ihre Positionen dialogisch kontrastieren. Der ältere Zeugwart Yates (Frank Damerius) lebt in seinen romantischen Erinnerungen als früherer Spitzenspieler, jetzt bügelt er die Trikots und versucht die alten Ideale am Leben zu erhalten. Der dynamische Trainer Kidd (Marco Steeger) wirft mit plakativen Durchhalte- und Aufstiegs-Floskeln um sich, ist aber zu jeder Schandtat bereit, um sich aus seiner privaten Finanz- und Ehekrise zu befreien. Der eine hat das Vereinssymbol, den roten Löwen, auf die Brust tätowiert, der andere schmückt sich nur mit der bunten Vereinskrawatte. Für beide ist der neu im Verein tätige Jungspieler Jordan (Frederik Bott) eine Projektionsfläche ihrer Interessen, dieser hat zusätzlich noch mit früheren Verfehlungen und einer verheimlichten Verletzung zu kämpfen. Jetzt ist er als gläubiger Christ gefestigt, muss aber im Semi-Profi-Geschäft ständig Kompromisse eingehen.

Klaus Kusenberg, der mit „Red Lion“ nun schon das zweite Fußballstück (nach „Linke Läufer“) im Schauspiel-Repertoire hat, verlässt sich auf die Dialogschärfe des Autors und auf die Präsenz seiner Akteure. Beides führt aber nicht zum klaren Punktsieg, da in Marbers Text bedenkliche Längen zu finden sind, sein Blick immer wieder nostalgisch getrübt ist und die englische Tradition des well made play doch etwas angestaubt wirkt. Während Marco Steeger aus dem Windmacher-Trainer eine unterhaltsame komödiantische Personenstudie filtert und Frank Damerius mit Yates ein nachdenkliches Charakterbild formt, bleibt der Jordan von Frederik Bott auffallend blass und sprachlich wenig differenziert.

Also ein klassisches Unentschieden - oder wie es derzeit beim ruhmreichen Club immer so schön heißt: kämpferisch lobenswert, aber spielerisch verbesserungsfähig!

 

http://www.staatstheater-nuernberg.de/index.php?page=schauspiel,veranstaltung,der_rote_loewe_dse_,102713

 

Zum Vergleich: Herbert Heinzelmanns (halef) Kritik in der Nürnberger Zeitung:

 

Solches Theater gibt es also noch: Ein handwerklich konstruiertes Stück („well-made play“ sagen die Engländer). Psychologisch agierende Schauspieler. Ein realistisches Bühnenbild. Zuschauer, die von der so genannten Postdramatik irritiert sind und bei Elfriede Jelineks „Sportstück“ den Kopf schütteln, verlangen immer wieder danach. Nürnbergs Schauspielchef Klaus Kusenberg hat sie jetzt mit der deutschsprachigen Erstaufführung von Patrick Marbers „Der rote Löwe“ ordentlich bedient.

„Der rote Löwe“ ist auch ein Sportstück. Ein Stück vom Rand des Fußballs. Schauplatz ist eine Umkleidekabine (da gibt es manches Vorbild in der Theatergeschichte). Dort treffen sich drei Männer: Kidd, der harte, cholerische Trainer der semiprofessionellen englischen Mannschaft mit dem Löwenkopf auf der Brust. Yates, der Zeugwart, als Spieler einst eine Legende im Verein, als Trainer später gescheitert. Und Jordan, ein hoffnungsvoller junger Fighter aus kaputtem Milieu. Auch sein Knie ist kaputt. Heimlich spritzt er Schmerzmittel. Dabei tut er ganz fromm und hat christliche Symbole auf die Haut tätowiert.

Es geht um Korruption. Jeder ist korrupt und korrumpiert sich. Das ist ein Fußballthema, denn dieser Sport ist mehr denn je „Opium des Volkes“. Für den Engländer Patrick Marber (wir haben seinen Beziehungs-Boulevard „Hautnah“ vor Jahren in der Regie von Oliver Karbus gesehen) ist der Fußball jedoch lediglich Folie für existentielle Grenzsituationen. Yates will auf den jungen Spieler Macht durch Zuwendung ausüben, um seine Legende im Verein aufzupolieren. Kidd ist ein skrupelloser Menschenhändler, weil er sonst nichts hat; seine Familie ist zerfallen. Jordan kommt mit der Rolle zwischen Moral und Milieu-Flucht nicht klar. Die Männer schreien sich die Wahrheiten ins Gesicht, erinnern sich sentimental (und ein wenig geschwätzig), wie’s mal gewesen ist. Für die Schauspieler heißt das, Wut, Melancholie, Ratlosigkeit zu zeigen.

Klaus Kusenberg lässt seine Akteure aus dem Bauch spielen. Keine Verfremdung. Volle Emotionen. Marco Steeger darf mit aller Körperlichkeit in den Trainer hinein, balanciert ihn zwischen zynischer Coolness und muskulär kaum beherrschter Großträumerei. Der Zeugwart von Frank Damerius hat sich mit seiner ausgesteuerten Position eigentlich arrangiert. Doch ab und zu blitzt die Sehnsucht in ihm auf, noch mal etwas zu bewegen in dieser kleinen Welt der Fußballhelden ohne Chance. Frederik Botts Jordan wird schon von den erbärmlichen Intrigenspielen des Mittelmaßes überfordert. Immer wieder langt er sich an den Kopf, erstarrt in einer Hemmung, zeigt am Ende dennoch die unterdrückte Brutalität des Charakters. Hier wird klassische Schauspieler-Arbeit vorgeführt.

Man könnte mit dem Stück womöglich anders umgehen als Klaus Kusenberg in seiner Inszenierung. Man könnte Bilder hinzu erfinden oder es auf seinen existentialistisch absurden Kern komprimieren. Kusenberg hat es so genommen, wie es da steht. Er hat einige der schlimmsten Sentimentalitäten (etwa die Regieanweisungen in Richtung von Yates‘ schlussendlichem Selbstmord) umgangen. Er hält die Dialoge ohne Pathos-Pausen schnell. Aber der allzu banal beklage Liebesverlust zwischen den Menschen muss dem Publikum dick aufgestrichen werden. Günter Hellwegs Spielraum vor Spind-Kästen (der Bühnenbildner war wegen Krankheit beim wohlwollenden Schlussapplaus nur auf einem Spind-Foto präsent) ist kein Anstoß für Assoziationen sondern ein Ring für Realismus. So brüllt „Der rote Löwe“ lauthals und ungebändigt in den Kammerspielen.

Jelinek-Geschädigte werden froh darüber sein. Vielleicht kommen sogar Club-Fans. Schließlich geht es um den „heiligen Gestank“ aus „Schweiß und Franzbranntwein und Lederfett“. Ein bisschen davon können sie in dieser Aufführung ohne Verstörung schnuppern.


Josephine Köhler schleicht übers heiße Blechdach
Josephine Köhler schleicht übers heiße Blechdach

Die Katze auf dem heißen Blechdach      *****

von Tennessee Williams

Inszenierung: Georg Schmiedleitner

Premiere: 9.12.2016

Staatstheater Nürnberg (Schauspielhaus)

 

Es ist was faul in den (Süd-)Staaten - und Thomas Lanier Williams III (seinen „Vornamen „Tennessee“ bekam er wegen seines Dialekts - wie wenn man Oskar Maria Graf „Oberbayern“ Graf genannt hätte!?) hat diese Missstände mit dramaturgischen Mitteln unter die Lupe genommen. Es sind die konsequenten Lebenslügen, die in der Familie des reichen Plantagenbesitzers Big Daddy gepflegt werden und die zum schönen Ausbruch kommen, als der Patriarch eine tödliche Krebsdiagnose erhält. Unter den beiden Söhnen und vor allem den Schwiegertöchtern entbrennt ein ungebremster Erbfolgestreit, in dem der ältere Sohn Cooper mit gebärfreudiger Frau Mae und vier Kindern (ein fünftes ist unterwegs) die besseren Karten zu haben scheint. Zudem entzieht sich der jüngere Sohn Brick diesem ritualisierten Spiel einer fast Ibsenschen Puppenheim-Familienaufstellung, indem er sich in intensiven Alkoholkonsum stürzt. Er hat für sich erkannt, dass man die grassierende Heuchelei nur durch Tod oder Suff ertragen kann. Doch seine toughe Frau Maggie kämpft wie eine Katze um die Ehe und um den Reichtum des Schwiegervaters.

Nach der Uraufführung 1955 ist vor allem die Verfilmung mit Elizabeth Taylor und Paul Newman (1958) in Erinnerung geblieben, die thematisierten Problembereiche wie Männlichkeitswahn, Familie als bloße Fassade, Homosexualität, Alkoholismus und obsolete Rollenmuster scheinen im Amerika der neuen Trump-Ära aber ungebrochene Aktualität zu haben. Somit kann Regisseur Georg Schmiedleitner dem Stück und dem brillanten Nürnberger Ensemble vertrauen und seine stimmige Dialogführung nur durch sparsame Inszenierungs-Details betonen. Auf der großen Bühne werden die Schauspieler von zwei grellen seitlichen Neon-Wänden ausgeleuchtet, als markantes Ding-Symbol steht im Zentrum ein Eisblock-artiges Möbel, auf dem zahlreiche Whisky-Flaschen versammelt sind. Die (meist scheiternden) Dialoge und Aktionen der handelnden Personen werden durch die Kontrabassisten Maike Hilbig live kommentiert und akustisch verdeutlicht. Das ist der perfekte Spielraum für die Katze Maggie (Josephine Köhler), für ihren trunkenen Ehemann Brick (Stefan Willi Wang), für den kränkelnden Patriarchen Big Daddy (Michael Hochstrasser), für seine ausgestopfte Ehefrau Big Mama (Elke Wollmann) und für die keifende Schwiegertochter Mae (Ruth Macke). Und sie schaffen in den knapp drei Stunden etwas, was im Theater selten gelingt: Betroffenheit, Identifizierung mit den Personen, atemlose Aufmerksamkeit. Dass Williams sich zu einem halbwegs optimistischen Ending hinreißen ließ, kommentiert Schmiedleitner mit einer ironischen „Make-America-Great-Again“-Himmelfahrt von Maggie und Brick sowie dem grandios verhunzten Elvis-Presley-Song „Love Me Tender“. Selten war der Zerfall so ansehnlich!

 

http://www.staatstheater-nuernberg.de/index.php?page=schauspiel,veranstaltung,die_katze_auf_dem_heissen_blechdach,102708


Foto: Werner
Foto: Werner

Pension Schöller ***

von Carl Laufs und Wilhelm Jacoby

Inszenierung: Andreas Kriegenburg

Premiere: 22.10.2016 / besuchte Aufführung: 30. 10. 2016

Burgtheater Wien

 

Die Grenzen zwischen Normalität und Abweichung beschäftigen die menschliche Gesellschaft seit einigen Jahrhunderten; in Dürrenmatts Schauspiel "Die Physiker" stellte sich heraus, dass das Irrenhaus der einzige Platz ist, wo ein normaler Mensch in Ruhe leben kann. Wie man mit diesem Thema die bürgerliche Gesellschaft der wilhelminischen Zeit verstören oder zum Lachen bringen kann, erprobten Carl Laufs und Wilhelm Jacoby in ihrem Schwank "Pension Schöller", der 1890 in Berlin uraufgeführt wurde. Dem wohlsituierten Herrn Klapproth werden im vermeintlichen Irrenhaus "gestörte" Typen vorgeführt, in Wahrheit handelt es sich nur um skurrile und liebenswerte Bewohner einer Frühstückspension. Als da sind der spontane Weltreisende Bernhardy im Tropenanzug (Michael Masula), die leidenschaftlich nach Groschenroman-Stories suchende Schriftstellerin Krüger (Christiane von Poelnitz), der knorrige Major Gröber (Dietmar König) und der Hobby-Schauspieler mit Sprachfehler, Eugen Rümpel (Max Simonischek). Sie alle sorgen für die schwanktypischen Irrungen und Wirrungen, besonders als sie im letzten Akt in die private Welt Klapproths einbrechen. Doch ebenso genretypisch löst sich am Ende alles in Wohlgefallen und innige Paarungen auf. Regisseur Andreas Kriegenburg versucht nun in den ehrwürdigen Mauern des Wiener Burgtheaters die vormoderne Posse in ein postmodernes Comedy-Stück zu verwandeln und in jedem Moment ist die panische Angst zu verspüren, diesen Klamauk auf dem Niveau eines Millowitsch-Theaters zu verhandeln. Es wird also viel Symbolisches und Meta-Ebenenhaftes aufgepfropft: gleich am Anfang platziert der Zahlkellner systematisch eine Bananenschale, Holzlatten werden slapstickhaft geschwungen, Cafe-Tischplatten werden umständlich gehalten und Stühle dienen vorwiegend zum Umfallen. Die Bühne (Harald B. Thor) besteht schließlich aus fünf Backstein-Bauteilen, die zusammen das Wort "Smile"(!) ergeben und viele Auftritts- sowie Abgangstüren enthalten. Die Schauspieler dürfen in manchen Dialogen und Monologen scheinbar frei paraphrasieren und zu kühnen Wortspielen (wie beim Einführungskurs auf der Schauspielschule) ausholen. Inhaltliche Neuschöpfungen wie die Einführung eines Obdachlosen als Spielzeug der zwei jüngeren Mädchen weisen verdächtig in die Richtung Dekonstruktion oder gar Lehrhaftigkeit. Dass trotz dieser recht gewollten Regie-Marotten der ursprüngliche Spaß nicht ganz versandet, ist erstaunlich. Dass trotz einer äußerst länglichen Exposition und mancher schwadronierenden Exkurse das Publikum den gut dreieinhalb Stunden (die Verfilmung von 1960 dauerte knackige 90 Minuten!) überwiegend amüsiert folgt, ist den spielfreudigen und präzisen Akteuren zu verdanken. Zum Ende bleibt dann nur noch die tiefsinnige Frage, ob dieser Käfig voller Narren wirklich am Bühnenrand endet.

 

http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/event_detailansicht.at.php?eventid=966466358


Die Republikaner mit Blut an den Händen (v.l.: Julian Keck, Stefan Drücke, Frank Damerius, Hubertus Hartmann, Thomas L. Dietz)
Die Republikaner mit Blut an den Händen (v.l.: Julian Keck, Stefan Drücke, Frank Damerius, Hubertus Hartmann, Thomas L. Dietz)

Römische Trilogie ****

nach William Shakespeare

Bearbeitung: John von Düffel

Inszenierung: Klaus Kusenberg

Uraufführung: 22. Oktober 2016

Staatstheater Nürnberg (Schauspielhaus)

 

Es gab schon mal Shakespeares gesammelte Werke für ein launiges Kammerspiel-Duo "leicht" gekürzt auf 120 Minuten. Nun also die drei Römer-Stücke "Coriolan", "Julius Cäsar" sowie "Antonius und Kleopatra" zum Preis von einem in einer dreieinhalbstündige Kompress-Fassung des von Nürnbergs Schauspieldirektor Klaus Kusenberg beauftragten Bearbeiters John von Düffel. War für William Shakespeare zu Beginn des 17. Jahrhunderts die frühe römische Geschichte (als Quelle dienten die Biografien Plutarchs) eine Fundgrube für großes dramatisches Geschehen, für im Leid und im Triumph große Männer - und Frauen, so richtet heute von Düffel (der auch für die Neu-Übersetzung zuständig ist) den Fokus eher auf staatstheoretische Fragen. Die ersten zwei Teile (mit den Untertiteln "Verachtung" und "Verschwörung") geraten auf diese Weise zu einem szenisch spannenden Hauptseminar der Politikwissenschaft, in dem absolut aktuelle Fragen abgehandelt werden: Wer ist das Volk? Wie viel Macht soll das Volk haben? Wer sind die Populisten und Demagogen? Ist in Krisenzeiten elitäre Herrschaft die bessere Lösung? Ist Widerstand gegen den volksfreundlichen Diktator zulässig? Für Coriolan(Stefan Willi Wang) ist die Antwort eindeutig: die starken Männer müssen uneingeschränkt regieren, der ungebildete Plebs bleibt auf die Rolle der duldenden Untertanen beschränkt. Wenn dann aber wortgewandte Volkstribunen (mit Anklängen an die Pegida-Bewegung) Stimmung machen, verkehrt sich die Verehrung des Kriegshelden in Ablehnung. Eine ähnliche Problemlage konstruiert der zweite Teil: Brutus (Frank Damerius) und seine (nicht immer ganz uneigennützigen) Republikaner-Freunde sehen in Julius Caesar eine Gefahr der systemwidrigen Alleinherrschaft, die man im äußersten Falle auch durch Tyrannenmord beseitigen darf ("Wenn Herrschaft zur Unterdrückung wird, wird Widerstand zur Pflicht"). Doch in der großen Forum-Szene anlässlich von Cäsar Beerdigung ergreift der Cäsar-Vertraute Antonius die rhetorische Chance die Brutus-Cassius-Clique als feige Mörder zu denunzieren und nun selbst das Machtvakuum auszufüllen. Diese beiden Teile absolviert das hervorragende Nürnberger Ensemble mit präziser Dialogkraft und differenzierter Figurenzeichnung, unterstützt von einer das Geschehen bereichernden und funktionellen Bühne (Günter Hellweg) und einem atmosphärischen Perkussions-Teppich (Werner Treiber). Nach der Pause bekommen allerdings die Emotionen Vorfahrt, Machtspiele und Leidenschaften sind nun die Triebfedern des etwas länglichen Geschehens (mit dem Untertitel "Verführung" oder "Versuchung" - das Programmheft ist da nicht ganz eindeutig!). In einem knöchelhohen, milchigen Bühnen-Pool bearbeiten Antonius (Stefan Willi Wang) und Kleopatra (Julia Bartholome) ihre Beziehungs-Geschichten. Schließlich ist es für den jungen und noch nicht machtmüden Octavian (Julian Keck) ein Leichtes, das Römische Reich als Kaiser Augustus in eine vermeintlich goldene Zeit zu führen. Insgesamt also eine unterhaltsame Lehrstunde der gefährdeten Demokratie, die sich zum Ende in ein eher vordergründiges Bilder- und Tragödien-Spektakel verdünnt.

 

http://www.staatstheater-nuernberg.de/index.php?page=schauspiel,veranstaltung,roemische_trilogie_ua_,102705


Der letzte Besuch der Mutter (Patricia Litten, m.) bei ihrem Sohn (Philipp Weigand, l.)
Der letzte Besuch der Mutter (Patricia Litten, m.) bei ihrem Sohn (Philipp Weigand, l.)

Der Prozess des Hans Litten (Taken At Midnight) ***

Von Mark Hayhurst

Inszenierung: Jean-Claude Berutti

Mit Patricia Litten u.a.

Premiere: 8.10.2016

Staatstheater Nürnberg, Schauspielhaus

 

Mit einem ambitionierten Projekt startet das Nürnberger Schauspiel in die Spielzeit 2016/2017. Vor ca. zwei Jahren präsentierte der Autor Mark Hayhurst das Doku-Drama über den deutschen Rechtsanwalt Hans Litten zuerst auf der kleinen Bühne in Chichester und dann auf der großen Bühne in London. Seine Hauptquelle war dabei das Buch von Littens Mutter Irmgard aus dem Jahre 1940: „A Mother Fights Hitler“. Diese selbstbewusste schwäbische Pietistin kämpfte nach der Verhaftung ihres Sohnes am 28.2.1933 bis zu dessen Selbstmord im KZ Dachau (am 5.2.1938) um seine Freilassung - immer im Glauben an die Noch-Existenz rechtstaatlicher Strukturen im NS-Staat. Das Besondere an der Nürnberger deutschsprachigen Erstaufführung (in der Übersetzung von Michael Raab) ist die Tatsache, dass das langjährige Ensemblemitglied Patricia Litten die Enkelin von Irmgard Litten ist, sich mit dem politisch-moralischen Kampf ihrer Großmutter ausführlich beschäftigt hat und nun auf der Bühne des Schauspielhauses in ihre Rolle schlüpft. Somit erlaubt die Inszenierung gleich drei Perspektiven auf die Anfangsjahre des NS-Staates nach der Machtergreifung: die persönliche Empathie der deutschen Enkelin, der analytische Blick des britischen Autors Hayhurst und die konkrete Bühnen-Umsetzung des französischen Regisseur Berutti.

Das eigentliche Erlebnis nach etwa zweistündiger Spielzeit bleibt hinter diesen interessanten Voraussetzung deutlich zurück: das Stück ist ein recht konventionelles Opus nach den Regeln des englischen „well made play“ (d.h. auch: mehr drama als doku) mit jener typischen Bühnenhandwerker-Mischung aus pointierten Dialogen, Betroffenheits-Monologen und englischem Humor. Trotz der flotten Szenenfolge fehlt den Stationen dieser Geschichte das überraschende, das erhellende Moment. An wenigen Stellen erfährt man etwas über die bemerkenswerte Sorglosigkeit von Teilen der linken Opposition in den Jahren ab 1930, von der frappierenden Systemtreue gewisser bürgerlicher jüdischer Kreise und von den Dilemmata der britischen Appeasement-Politik gegenüber Hitler. Möglicherweise wäre es für den Autor ergiebiger gewesen, wenn er den berühmten Edenpalast-Prozess (1931), bei dem der Zeuge Adolf Hitler vom Rechtsanwalt Litten in die Enge getrieben wurde, als Gerichtsdrama thematisiert hätte. Regisseur Berutti hat dem doppelten Leidensweg einer Mutter und eines Sohnes eher betuliches Text- und Schauspieler-Theater hinzugefügt: die Drehbühne mit wenigen Accessoires rotiert von Szene zu Szene, die verschiedenen KZ-Stationen Littens werden per abgehängter Stacheldraht-Bühne illustriert, dazu gibt es ein paar halbdokumentarische Video-Einspielungen.

Philipp Weigand tut sich sichtlich schwer mit der schillernden Figur des Hans Litten, seine Schutzhaft-Genossen Carl von Ossietzky (Marco Steeger) und Erich Mühsam (Pius Maria Cüppers) balancieren nahe am Klischee. Michael Hochstrasser als Gestapo-Mann Dr. Conrad und Heimo Essl als Vater Fritz Litten liefern vorhersehbare Rollenmuster. Und Jochen Kuhl als britischer Diplomat Lord Allen kann sich nicht recht entscheiden, ob er akzentfreies Deutsch sprechen soll. Als epischer und dialogischer roter Faden hält Patricia Litten die Inszenierung halbwegs zusammen, ihre Zerrissenheit zwischen dem Kampf gegen eine Tyrannei und der Rettung des eigenen Sohnes wird noch am deutlichsten sichtbar.

Somit hat man in Nürnberg schon zwingendere Auseinandersetzungen mit der eigenen Geschichte gesehen („Das Urteil von Nürnberg“) - aber auch schon missglücktere („Das Zeugenhaus“).

 

http://www.staatstheater-nuernberg.de/index.php?page=schauspiel,veranstaltung,der_prozess_des_hans_litten_-_taken_at_midnight_dse_,102703

http://www.arsvivendi.com/Buch/Neuerscheinungen/9783869137605-Eine-Mutter-kaempft-gegen-Hitler


Gessler (vorne Mitte) tot - Tell (hinten halbrechts) erschöpft
Gessler (vorne Mitte) tot - Tell (hinten halbrechts) erschöpft

Wilhelm Tell ****

von Friedrich Schiller

Inszenierung: Volker Schmalöer

Premiere: 4.6.2016

Staatstheater Nürnberg, Schauspielhaus

 

Vor ca. 700 Jahren fanden die historischen Ereignisse des Freiheitskampfes in der Schweiz statt, vor ca. 450 Jahren schrieb Ägidius Tschudi darüber in seinen helvetischen Chroniken und vor ca. 200 Jahren machte der Geschichts-Dozent Friedrich Schiller daraus ein Schauspiel, von dem er hoffte, dass es das Publikum inkommodieren, ihm seine Behaglichkeit verderben, es in Unruhe und in Erstaunen versetzen werde. Und was machen wir heute mit einem heldischen Jäger, der sich vom behaglichen Familienmenschen zum Tyrannenmörder wandelt, der plötzlich zu der Erkenntnis gelangt, dass dem Menschen „zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr verfangen will … das Schwert gegeben“ ist? Regisseur Volker Schmalöer und Dramaturg Horst Busch versuchen in Nürnberg jedenfalls den schwierigen Spagat, einerseits den Text von Schiller in all seiner Pathetik und idealistischen Rhetorik ernst zu nehmen, anderseits aber die Geschichte als zeitloses Argumentations-Theater über die Ambivalenz von Freiheitsbewegungen und über die Legitimität von Gewalt gegen einen Diktator mit heutigen szenischen Mitteln vorzuführen. Dazu wurde Schillers Text um einen ganzen (5.) Akt gekürzt und das Personal eingedampft, damit 12 Schauspieler in zweieinhalb Stunden den Kern des Geschehens deutlich machen können. Dies ist weitgehend gelungen; wenn einige Akteure das Schillersche Pathos nicht als Freibrief für Schrei-Tiraden missverstanden hätten, wäre das Vergnügen an der kurzweiligen Geschichtsstunde noch ungebrochener gewesen. Auf der kargen Bühne mit Alpen-Prospekt finden sich im Hintergrund leicht erhöht zwölf Sessel, von denen aus die im Wortsinne maskierten Schauspieler mit tragbaren Stehlampen ins Geschehen eingreifen. Davor ein Arsenal schmuckloser weißer Holzhocker, die im Laufe des Abends ihre schöne Ordnung verlieren (Bühne: Valentina Crnković).Während Thomas Klenk (als Gessler), Stefan Lorch (als Baumgarten) und Heimo Essl (als Walther Fürst) bekannte Rolleninterpretationen abliefern, wird der Werner Stauffacher von Michael Hochstrasser gegen den Kamm gebürstet, dass man glaubt, eine selbstvergessene Inkarnation von Roland Kaiser vor sich zu haben. Daniel Scholz verleiht der Titelfigur trotz Blut und Wanderstiefel wenig originelles Profil, dafür dürfen die beiden weiblichen Darsteller Nicola Lembach und Josephine Köhler in mehreren schillernden (teilweise männlichen) Rollen glänzen. Pius Maria Cüppers als Sohn Tells mit Pappmaché-Kopf und Julian Keck als lüsterner Rudenz mit Pferdekopf und Glitzer-Outfit stehen für aufgedrehte Spielfreude und teilweise höchst originelle Regie-Ideen. Da aber 99,9 % des heutigen Publikums nicht real entscheiden müssen, ob sie Gewalt gegen einen Autokraten anwenden müssen / sollen, hätte man tatsächlich zur Anregung der Reflexionen die Besucher am Ende der Vorstellung - ganz im Sinne von Schirachs „Terror“-Inszenierung - um ein begründetes Urteil zu Wilhelm Tells Handeln bitten können. Insgesamt ein lohnender Abschluss für eine politisch pointierte Premieren-Saison 2015/2016 im Schauspielhaus.

 

http://www.staatstheater-nuernberg.de/index.php?page=schauspiel,veranstaltung,wilhelm_tell,96057


Too old to rock'n'roll but too young to die? Ruth Macke, Frank Damerius, Pius Maria Cüppers, Marco Steeger und Josephine Köhler (v.l.)
Too old to rock'n'roll but too young to die? Ruth Macke, Frank Damerius, Pius Maria Cüppers, Marco Steeger und Josephine Köhler (v.l.)

Ewig jung ****

Von Erik Gedeon

Inszenierung: Kathleen Draeger

Premiere: 12.5.2016

Staatstheater Nürnberg, Schauspielhaus

 

Gattungstheoretisch nennt man das wohl Dystopie: in ca. 30 Jahren wird das schmucke Schauspielhaus geschlossen und zu einer Seniorenresidenz für alte SchauspielerInnen umgewidmet. Aber: Wenn es dann bei den Damen Köhler, Ostermeier und Macke und bei den Herren Damerius, Cüppers und Steeger immer so lustig und bissig zugeht, sollte man die Zuschauerbestuhlung ruhig installiert lassen. Denn die sechs ergrauten und tattrigen Mimen sind immer noch gut für eine dynamische Best-Of-Shakespeare-Revue, für anrührende und rockige Song-Einlagen sowie für Ausflüge in das Genre der Trash-Comedy mit Furzkissen und Verbal-Radikalismus. Erik Gedeon hat das „Songdrama“ 2001 für das Hamburger Thalia Theater geschrieben, das nach den Dauerbrennern wie „Sekretärinnen“ und „Männer“ durchaus auch in Nürnberg das Zeug zum Publikumsrenner hat. Bei der Premiere gab es jedenfalls Standing Ovation, Zugaben und langanhaltenden Beifall. Trotz sichtlicher Alterung bedient Bettina Ostermaier routiniert das Piano (oder das Akkordeon) und begleitet ein vielfältiges Songrepertoire von „I Love Rock’n’Roll“ über „I Will Survive“ und "Born To Be Wild" bis „I Got You Babe“ (warum nicht auch Bob Dylans titelgebendes „Forever Young“?). Spannend wird es, wenn die resolute Schwester Regina (Elke Wollmann) das Senioren-Kollektiv aufmischt, die Hasch-Zigaretten einsammelt und alle wieder in Ruhestellung versetzt. Über allem aber schwebt der Geist von Kusenberg: als Asche in der Urne!


Vom Wissen über Wasser erschlagen: Stefan Willi Wang als Badearzt Stockmann
Vom Wissen über Wasser erschlagen: Stefan Willi Wang als Badearzt Stockmann

Der Volksfeind ****

von Henrik Ibsen

Inszenierung: Sascha Hawemann

Premiere: 9.4.2016

Staatstheater Nürnberg, Schauspielhaus

 

Henrik Ibsen kann kein Wässerchen trüben? Von wegen: in einem kleinen norwegischen Kurbad ist das heilende Wasser nachweislich verseucht; dies hat der Badearzt Dr. Stockmann feststellen müssen. Und damit haben die Verantwortlichen ein Problem. Während Stockmann eine grundlegende Sanierung und die zeitweise Schließung fordert, dämmert den anderen langsam, welche Kosten die Veröffentlichung dieses Missstandes ausmachen würde. Deshalb entwickeln der Verleger Aslaksen und die Stadträtin Stockmann (des Doktors Schwester) langsam ein Konzept, dass Verschweigen besser als öffentliches Reden wäre. Auch die anfangs für Transparenz gestimmten Redakteure Hovstad und Billing ziehen den Schwanz ein. Somit entwickelt siuch (unter den kundigen Augen von Nürnbergs OB Maly und 2. Bürgermeister Vogel) eine spannende kommunalpolitische Farce; der unbeugsame Badearzt wird immer mehr zum Außenseiter, zum Volksfeind, der sich einer schweigenden Mehrheit gegenüber sieht. Damit ist Henrik Ibsen 1883 ein fast zeitloses gesellschaftskritisches Drama gelungen, das auch heute noch - in den Zeiten von Glyphosat, Asbest, Feinstaub und Formaldehyd - seine Aktualität nachweisen kann. Doch Regisseur Sascha Hawemann, der in Nürnberg schon Gorkis „Kinder der Sonne“ und Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisen“ gegen den Strich gebürstet hat, will mehr als nur die tragische Mär vom ökologischen Whistleblower, er will auch eine zeitgeistige Diagnose von Mehrheits-Demokratie bis in 21. Jahrhundert. Und so versickert das verdreckte Wasser zur nebensächlichen Assoziation (die aber im Bühnenbild recht häufig zitiert wird). Statt dessen erleben wir schon in der einleitenden Szene Gedanken zum Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie - und in der Schlüsselszene, der Versammlung, auf der Stockmann seine Botschaft unters Volk bringen will, redet er mehr über die Deformation des Einzelnen in der modernen Gesellschaft (er bedient sich dabei im Auftrag der Dramaturgie eines Textes, der 2007 in Frankreich über einen „kommenden Aufstand“ zirkulierte). Andere Ideen sind die Einbeziehung des Autors Ibsen und seiner Vorstellungen von elitärer Demokratie sowie einige Umgruppierungen des Personals. Dass diese Modernisierung-Kapriolen nicht in bloßer Dekonstruktion enden, verdankt Hawemann auch dem spielfreudigen Ensemble, allen voran Stefan Willi Wang als Badearzt Stockmann. Die übrigen Darsteller folgen klaglos den szenischen Gedankensprüngen, die man als Zuschauer nicht durchwegs nachvollziehen kann. Dass bei der Lautstärke und Schrillheit der Sprechfiguren (besonders Julia Bartolome) manchmal weniger mehr gewesen wäre, sei als kleine Einschränkung gesagt. Ansonsten: ein Abend, der zu weitreichendem Nachdenken animiert und das Nürnberger Theater erneut als Ort der zeitgenössischen Debatte präsentiert.

 

http://www.staatstheater-nuernberg.de/index.php?page=schauspiel,veranstaltung,ein_volksfeind,98954


Entdeckte Untreue: Elisa sieht ihren Mann Gilles mit Victorine
Entdeckte Untreue: Elisa sieht ihren Mann Gilles mit Victorine

Gilles‘ Frau ***

Nach dem Roman von Madeleine Bourdouxhe

Inszenierung: Gisela Hoffmann

Deutsche Erstaufführung: 9.3.2016

Gostner Hoftheater, Nürnberg

 

Das Thema Dreiecksbeziehung (meist in der Variante 1 Mann - 2 Frauen) hat seit jeher Schriftsteller interessiert. Schon Altmeister Goethe wagte mit seiner „Stella“ einen revolutionären Versuch zur Menage a trois, den aber dann wieder dem Zeitgeist zuliebe tragisch enden ließ. 1937 schrieb die Belgierin Madeleine Bourdouxhe den Roman „Gilles‘ Frau“, der lange vom deutschen Lesepublikum ignoriert wird, wohl auch deswegen, weil die Autorin erst in den späten 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts „neu“ entdeckt wurde - als Vorzeige-Autorin für feministische Frauenliteratur. Bei ihr steht die hochschwangere Elisa im Zentrum, deren Mann Gilles nach Jahren einer glücklichen Ehe ein Verhältnis mit Elisas kapriziöser Schwester Victorine hat. Elisa versucht mit allen Mitteln ihre Liebe zu retten, am Schluss sogar mit der Hoffnung auf ein baldiges Ende der entdeckten Affäre. Die szenische Umsetzung des Romans kommt im Gostner Hoftheater recht statuarisch daher, die drei Hauptpersonen müssen natürlich zwischen kurzen Dialogen in längeren epischen Erläuterungen ihre Situation erläutern. Die nach hinten offene Viereckbühne (Johanna Deffner) treibt die Akteure zu stummen Umrundungen. Elisa (Johanna Steinhauser-Ludwig) entsorgt mit zahlreichen Tulpen gleichsam ihre Illusionen über eine funktionierende bürgerliche Zweierbeziehung. Der grobschlächtige Kohlearbeiter und Ehemann Gilles (Merten Schroedter) wirkt ins seiner Ausdrucksweise eher limitiert, er ist eben der triebhafte Mann - zur rationalen Reflexion unfähig. Und Victorine (Christine Mertens) umtänzelt hochhackig das Eifersuchtstreiben. So entwickelt sich in guten 100 Minuten ein recht zähes Kammerspiel, das auch in einer zeitlosen Inszenierung (Gisela Hoffmann) und trotz der tragischen Schlusspointe nicht besonders auf- und anregen kann.

 

http://www.gostner.de/spielplan/gostner-1/2378-gilles-frau-von-madeleine-bourdouxhe-premiere-eigenproduktion-4.html


1984 ****

Nach dem Roman von George Orwell

Bühnenfassung von Robert Icke und Duncan Macmillan

Inszenierung: Christoph Mehler

Deutschsprachige Erstaufführung: 16.10.2015

Staatstheater Nürnberg, Kammerspiele

 

Eine Zukunftsvision mit dem Verfallsdatum 1984 scheint eigentlich obsolet zu sein, doch George Orwells gleichnamiger Roman hat sich als durchaus langlebiger erwiesen, seine Blicke voraus sind auch im 21. Jahrhundert - im Zeichen von NSA, Google, Information War - noch aktuell. Nicht zuletzt findet sich in Orwells Roman als Nachtrag eine „Kleine Grammatik“, in der vorausgesehen wird, dass etwa im Jahr 2050 die Altsprache vergessen sein und die Neusprache das Denken unumstößlich eingrenzen wird. 2013 haben Robert Icke und Duncan Macmillan eine Londoner Bühnenfassung geschaffen, die nun in der Übersetzung von Corinna Brocher in den Nürnberger Kammerspielen ihre deutschsprachige Erstaufführung fand. Der rechteckige Guckkasten ist mit einem Gazevorhang bespannt, der vielfältige Schrift- und Bildprojektionen erlaubt, dahinter agieren sieben Schauspieler, wobei nur die Rollen von Winston (Daniel Scholz), Julia (Karen Dahmen) und O’Brien (Louisa von Spies) eigenständigen Charakter entfalten. Ansonsten wird auch viel choristisch gesprochen, um den Antipluralismus einer autoritären Gesellschaft deutlich zu machen. Christoph Mehlers Regiestil betont wieder (vgl. „Woyzeck“) das Streben nach einem audiovisuellen, pausenlosen Gesamtkunstwerk (von knapp 100 Minuten Dauer), das dem Zuschauer nicht erlaubt, sich bequem im Sessel zurückzulehnen. Mehler arbeitet mit oft abstrakten gleichförmigen Bewegungsmustern, mit wiederkehrenden Sprachrhythmen und mit der schneidenden Mikro-Stimme von Louisa von Spies, die das Geschehen zum kathartischen Höhepunkt treibt. Am Ende ist Winston 2.0 „geschafft“ - er liebt die Partei aus freien Stücken, sein Individuum kann langsam ausgeblendet werden. Nachdem er vorher beruflich im Auftrag der inneren Partei Menschen gelöscht hat, ist er nun selber zum Opfer geworden und darf - allerdings ohne Tagebuch - in der schönen neuen Welt weiterexistieren. Eine starke Leistung des Ensembles, eine stimmige Regie, ein druckvoller Abend!

 

http://www.staatstheater-nuernberg.de/index.php?page=schauspiel,veranstaltung,1984_dse_,95404


"Hauptsache, wir leben, und viel mehr ist es auch nicht als Leben nach Verlassen der heiligen Heimat."
"Hauptsache, wir leben, und viel mehr ist es auch nicht als Leben nach Verlassen der heiligen Heimat."

Die Schutzbefohlenen *****

Von Elfriede Jelinek

Inszenierung: Bettina Bruinier

Premiere: 20.2.2016

Staatstheater Nürnberg, Schauspielhaus

 

Seit 2013 verfasst die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek „Textflächen“ zu dem aktuellen Thema „Flüchtlinge“. Nach der Uraufführung 2014 in Mannheim versucht sich nun das Nürnberger Staatstheater an einer mittlerweile fortgeschriebenen Fassung (diese ist kostenfrei nachzulesen auf Elfriede Jelineks Homepage - siehe Link unten). Das bedeutet viel Arbeit für Dramaturgie (Horst Busch) und Regie (Bettina Bruinier). Die beiden haben das umfängliche Textgerüst luftig perforiert, auf die gut verträgliche Dauer von 100 Minuten gekürzt und zu einem intensiven szenischen Arrangement für sieben SchauspielerInnen komponiert. Dabei bleibt Jelineks Grundanliegen unverstellt: sie will mit ihren sprachlichen Jelineckereien die vieltönende Kackophonie der öffentlichen Stimmen zu diesem Thema provokant persiflieren und gleichsam als semidramatischen Po-Etry-Schlamm vor dem Publikum auswälzen. Durch das assoziationsreiche Sprachgewitter schimmern drei Haltungen der Autorin durch: Empathie für die Flüchtlinge, Zorn über die Regierenden und Meinungsmachenden sowie Ratlosigkeit angesichts eines existenziellen Jahrhundert-Phänomens. Wenn sich die wortspielreichen Satzkaskaden im Zuschauerraum niederschlagen, erlebt man eine Mischung aus dem fränkischen Comedy-Drechsler Oliver Tissot (NATO oder Nahtod-Erfahrung?), dem frühen Publikumsbeschimpfer Peter Handke und einem aufgehübschten Dada-Manifest zur 100-Jahr-Feier. Das verlangt viel Konzentration, bietet aber auch gehobene Aha-Effekte. Das versierte und textsichere Nürnberger Kollektiv (Bettina Langehein, Julia Bartolome, Mareile Blendl, Philipp Weigand, Daniel Scholz, Thomas Nummer, Frank Damerius) kämpft sich mit großer Verve durch die Wortwindungen, kann sowohl solistisch als auch choristisch überzeugen. Politische Provokation (das beliebte Ösi- und Ungarn-Bashing), satirisches Querdenken (eine atemlose Helene-Fischer-Parodie oder ein Gedankenspiel zur Zivilisation durch das Dixi-Klo) und Einbeziehung des Publikums sorgen für stete Abwechslung. Durch Musik und Video-Installationen, durch präzise Bildsprache (Rettungswesten, Wasserkanister als Symbol für Hilfe und Verderben zugleich) entsteht ein fesselndes Gesamtkunstwerk für Augen, Ohren und Verstand. Wenn sich nur die Menschen genauso bewegen ließen wie die Hebebühnen des Nürnberger Theaters! Oder - um mit der Autorin zu reden: „Ich möchte den Tag erleben, … an dem wir keinen Zorn mehr brauchen.“

PS: Das ist doch wieder einmal eine kesse Anmeldung aus der Provinz für die nächsten Berliner Theatertage 2017!?

 

http://www.elfriedejelinek.com/

http://www.staatstheater-nuernberg.de/index.php?page=schauspiel,veranstaltung,die_schutzbefohlenen,95659


Familien-Aufstellung beim Seewirt
Familien-Aufstellung beim Seewirt

Mittelreich ****

Musiktheater nach dem Roman von Josef Bierbichler

Inszenierung: Anna-Sophie Mahler

Uraufführung: 22.11.2015

Münchner Kammerspiele

 

Immer wieder hört man den Vorwurf, dass das Theater der Gegenwart die reiche Fülle an dramatischer Literatur nicht nutzt und stattdessen in die Bearbeitung von epischen Werken flüchtet. Dies tun nun auch auf Anregung von Intendant Matthias Lilienthal die Regisseurin Anna Sophie Mahler und die Dramaturgin Johanna Höhmann, indem sie „Mittelreich“, den Roman-Bestseller von Schauspieler Josef Bierbichler (erschienen 2011 bei Suhrkamp) einer szenischen Bearbeitung unterziehen.

Die Geschichte erzählt von der Seewirtschaft und ihren Be- und Mitwohnern, der großen Familie über drei Generationen mit einem Schwerpunkt auf der Zeit nach 1945. Zum Personal des Hauses gehören u.a. der Seewirt Pankraz, der Wagner-Opern in seinem Zim­mer anhört, das Fak­totum Viktor Hanusch, das Fräulein von Zwittau (eine Hermaphroditin!). In dem großen Haus spiegeln sich ländliches Leben, städtischer Zeitgeist, exis­tenzielle Lebenskri­sen, persönliche Tragödien, religiöse Doppelmoral und Friktionen des „Wirtschaftswunders“. Die Menschen sind „mittelreich“, nicht reich, aber auch keine Hungerleider. Der Tod ist der ständige Begleiter der Hauptpersonen (Krieg, Blitzschlag, Altersschwäche). Der jüngste aus der Seewirts-Familie (Semi) wird zum Opfer klösterlicher Inter­natserziehung - ob er die Tradi­tion weiterführen kann, bleibt offen.

Mahler und Höhman haben Bierbichlers breit angelegten Erzählduktus sinnvoll komprimiert, auf sechs Personen reduziert, den oberbayerischen Lokalkolorit weitgehend getilgt und alles mit einem eindrucksvollen musikalischen Background versehen. Die karge Bühne, die nur ein paar Stühle, einen Tisch und eine alte Radio-Plattenspieler-Kombination braucht, zeigt auf zwei Ebenen (Vordergrund / Hintergrund) die Zeitebenen im 20. Jahrhundert, von etwa 1914 bis 1970. Davor öffnet sich ein kleiner Orchestergraben für zwei Flügel, eine Pauke und die Dirigentin Julia Selina Blank, die das Junge Vokalensemble München im 1. Rang und auf der Bühne einfühlsam steuert. Musikalisches Leitmotiv ist Johannes Brahms' „Deutsches Requiem“, das zunächst bei der Beerdigung des alten Seewirts gesungen und dann passagenweise in die Handlung integriert wird. Das eher statuarische Agieren der Schauspieler (Steven Scharf, Thomas Hauser, Stefan Merki, Annette Paulmann, Jochen Noch und Damian Rebgetz) erinnert zum Teil an Kroetzsches Volkstheater, wenn nicht gar an Beckettsche Endspiele. Höchstes Lob für diese eindrucksvolle Aufführung: Eine Einladung zu den Berliner Theatertagen 2016!

 

https://www.muenchner-kammerspiele.de/inszenierung/mittelreich


Das finale Chaos auf der Bühne
Das finale Chaos auf der Bühne

Der nackte Wahnsinn

(Staatstheater Nürnberg, Schauspielhaus) ****1/2

Von Michael Frayn

Inszenierung: Petra Luisa Meyer

 

Die schlechte Nachricht vorweg: diese Produktion des Nürnberger Schau­spiels wird wohl nicht zum Berliner Theatertreffen eingeladen werden, wie es Regisseur Dallheimer (Stefan Lorch) einmal in seinen kühnen Träu­men formuliert. Die gute Nachricht danach: die bühnenerprobte Komödie „Der nackte Wahnsinn“ (Originaltitel: „Noises Off“), die Michael Frayn in den 80er Jahren geschrieben hat, könnte in den nächsten Monaten (Jahren?) ein veritabler Kassenknüller für das Staatstheater werden, denn in den Zeiten von Flüchtlingskrise, IS-Terror und Euro-Schwäche besteht ein nachvollziehbares Bedürfnis, sich einmal drei Stunden an gepflegtem Nonsens und launigem Blödsinn zu erfreuen. Frayn hat mit diesem Stück ein Feuerwerk an Gags, Slapstick-Sequenzen, Türen- und Fensterschlagen komponiert, das auch als hintergründige Satire auf das Boulevard- und Tournee-Theater in Erinnerung bleibt. In drei Etappen erlebt man das ganz normale Chaos einer bunt zusammengewürfelten Bühnentruppe: erst die Generalprobe, dann eine Aufführung aus der Hinterbühnen-Per­spektive und schließlich die ca. 300. Aufführung, wo dann endgültig alles schief geht, was schief gehen kann: Theater im Theater oder Ein Boulevard-Käfig voller eitler Narren. Der Text an sich hat Heiterkeits­garantie, es kommt nur noch darauf an, einen spielstarken Bühnen-Achter samt Steuerfrau (hier: Regis­seurin Petras Luisa Meyer) zu finden, der das richtige Timing sowie die ausgewogene Mischung aus Gro­teske und Wahnwitz herausdestilliert. In Nürnberg ist das bestens gelungen, denn die Damen Köhler, Schebesch, Kirchmann und die Herren Cüppers, Damerius, Hochstrasser, Steeger, Lorch, Bruchmann können - um in der schönen Sportsprache zu bleiben, ihre Leistung auf dem Platz abrufen, das heißt mit physischer Präsens  und hoher Spielkultur überzeugen. Häufiger Zwischenbeifall bei der Premiere und am Ende lang anhaltende Ovationen für das Ensemble.


Streitbares Quartett: v.l. Julia Bartolome, Daniel Scholz, Heimo Essl, Elke Wollmann
Streitbares Quartett: v.l. Julia Bartolome, Daniel Scholz, Heimo Essl, Elke Wollmann

Wintersonnenwende (Staatstheater Nürn­berg - Kammerspiele) ****

Von Roland Schimmelpfennig

Inszenierung: Shirin Khodadadian

 

Vielschreiber Roland Schimmelpfennig lie­fert auch 2015 wieder ein Bühnenstück ab: „Wintersonnenwende“. Die deutsche Ur­aufführung fand am Deutschen Theater Berlin statt, nun wagt sich das Nürnberger Staatstheater an das mehrdimensionale Psychogramm der Gegenwart. Zunächst erleben wir eine eher konventionelle Figu­renkonstellation: ein bürgerlich-intellektuelles Ehepaar (Julia Bartolome als Bettina und Daniel Scholz als Albert), das sich längst auseinandergelebt hat und sich in scharfzüngigen Albee‘schen Eheschlachten definiert. Hinzu kommt aber noch der vorweihnachtliche Besuch der Schwiegermutter Corinna (Elke Wollmann), die das winterliche Gemetzel zum Dreieck ausweitet. Soweit erscheint das alles schon mehrfach thematisiert, wenn Corinna nicht eine zufällige Zugbekanntschaft, den früher in Paraguay (!) lebenden Arzt Rudolph (Heimo Essl), unangemeldet mitgebracht hätte. Dieser geschmeidige Gentleman Rudolph - Biedermann oder Brandstifter? - bringt nun eine ganz neue Note in die bildungsbürgerliche Fassade: er schwadroniert über germanische Traditionen und Begriffe, bevorzugt den deutschen Kom­ponisten Bach und lästert über die Defizite der westlichen Demokratie. Während die naive Schwieger­mutter groupiehaft an den Lippen des mysteriösen Gastes hängt, läuten beim aufgeklärten Schriftsteller Albert die ersten Alarmglocken. Die Fäden für die finale Katastrophe sind gespannt, noch dazu, wenn Bettina vor allen den Maler und Freund der Familie, Konrad (Stefan Willi Wang) küsst. Schimmelpfennigs Botschaft ist klar, wohl etwas zu klar: er will darstellen, wie sich schleichend rechtskonservatives Gedan­kengut in der bundesdeutschen Mitte einnistet, wie hilflos die Alt-68er diesem Phänomen gegenüber­stehen. Shirin Khodadadian vertraut dem vielschichtigen Text weitgehend, fordert von den präzisen Schauspielern schnelle Wechsel zwischen Rolle und gesprochener Regieanweisung. Die am Anfang plas­tikverhangene Hinterbühne symbolisiert die Winterkälte mit einer Übertragung von Caspar David Fried­richs „Eismeer“. Auf der Vorderbühne entwickelt sich ein Wohnzimmer-Chaos mit Stühlen, vielen Rotweinflaschen und einem zusammensteckbaren Plastik-Weihnachtsbaum. Nürnbergs dritte Schimmelpfennig-Inszenierung (nach „Besuch bei dem Vater“ und „Der goldene Drache“) liefert jedenfalls Stoff fürs Weiterdenken (verbunden mit einem Buchtipp der Dramaturgie: Liane Bednarz / Christoph Giesa: Gefährliche Bürger. Die neue Rechte greift nach der Mitte)  und nicht nur die sattsam bekannte Bürger-Weihnachts-Stilkritik (dafür hat man ja ohnehin das Kusz’sche „Lametta“ im Programm hängen!).


Revolution im Schlachthaus?
Revolution im Schlachthaus?

Das Fleischwerk (Staatstheater Nürn­berg, Schauspielhaus) **

Von Christoph Nußbaumeder

Inszenierung: Markus Heinzelmann

 

Eifrige Zuschauer der Polit-Magazine "Report", "Panorama" oder "Kontraste" wissen mittlerweile von den fragwürdigen Machenschaften der (deutschen) Fleischindustrie, von osteuropäischen Wanderarbei­tern, die durch Subunternehmer weit unter dem Mindestlohn beschäftigt werden. von qualvollen Vieh­transporten quer durch Europa und von einer seelenlosen Massenproduktion, die das Schweineschnitzel für etwa  3,99 € pro Kilo beim Discounter auf die Ladentheke bringt. So weit, so unschön.

Nun hat sich aber auch der niederbayerischen Schriftsteller Christoph Nußbaumeder des Themas ange­nommen und einen dramatischen Zugang dazu gesucht. Entstanden ist das Theaterstück "Das Fleisch­werk", das im September in Bochum Uraufführung und im Oktober in Nürnberg Zweitaufführung hatte.

Der Autor Nußbaumeder gilt als vielversprechender Literat der Arbeitswelt, möglicherweise in der Tradi­tion von Kroetz, Fleißer oder gar Brecht und Horvath. Warum das eindeutig zu hoch gegriffen ist, machte die Nürnberger Inszenierung leider deutlich. Nußbaumeder begnügt sich nicht mit dem Schicksal des bulgarischen Arbeiters Andrei (Philipp Weigand), der sich im Stile eines Spartakus gegen den Unter­nehmer auflehnt und im Schlachthaus die Fahne der Revolution flattern lässt, er schickt auch noch des­sen Frau Susanna (Bettina Langehein) als stille Rachegöttin ins Gefecht, lässt den Viehtransportfahrer Rabanta (Stefan Lorch) ausführlich über seine Krebserkrankung philosophieren und integriert einen Schweinemäster Weidenfeller (Thomas Marx), den es zu Prostituierten zieht. Somit ist das eigentliche Thema zwar dramatisch aufgepimpt (auch durch leicht verwirrende Zeitebenen), inhaltlich aber weitge­hend verwässert.

Die Schwächen dieses Stückes kann auch der etwas ratlos wirkende Regisseur Markus Heinzelmann nicht verwischen. Er setzt einzelne visuelle und darstellerische Akzente, probiert sich an Hintergrund-Videos, Schlagzeilen a la Piscator und umgibt das ganze oft blutige Geschehen auf der Bühne mit ab­waschbarer Plastikfolie. So bleibt wahrscheinlich nur die grell satirisch gezeichnete Figur des Subunter­nehmers Akif (Stefan Willi Wang) in Erinnerung, der allerdings - wohl als dialektische Brechung - selbst mal aus dem Iran nach Deutschland geflohen war. Dazu die bedauerliche Tatsache, dass die beiden "Neuen" im Ensemble (Bettina Langehein und Thomas Marx) den akustischen Bedingungen der großen Bühne kaum gewachsen sind und dass es beim anschließenden Premierenbuffet doch wieder Fleisch gab (Tafelspitzsülze!).


Jochen Kuhl als König Lear
Jochen Kuhl als König Lear

König Lear (Staatstheater Nürnberg, Schauspielhaus) ***

Von William Shakespeare

Inszenierung: Klaus Kusenberg

Mit Jochen Kuhl als König Lear

 

Zwei alte Männer - König Lear (Jochen Kuhl) und der Graf von Gloster (Rainer Matschuck)  - verirren sich in der Einschätzung der nächsten Generation und lösen damit eine großflächige Tragödie aus. Lear will nach einer devoten Liebeserklärung seinen drei Töchtern die Macht übergeben, kann aber nicht zwischen Schleimerei (Regan und Goneril) und ehrlicher Nüchternheit (Cordelia) unterschieden. Gloster lässt sich von seinem unehelichen Sohn Edmund (Christian Taubenheim) mithilfe gefälschter Botschaften einseifen und verstößt fälschlicherweise den leiblichen Sohn Edgar (Julian Keck). Mit dieser problemhaften doppelten Familienaufstellung nach William Shakespeare startet Schauspieldirektor Klaus Kusenberg in die neue Spielzeit 2015/2016 und setzt dabei auf eine recht konventionelle Inszenierung, die ganz dem Ensemble um Kammerschauspieler Jochen Kuhl vertraut. Aktualität und technische Spektakel werden vermieden, eher steuert Kusenberg seine Akteure zwischen dem grellen Grauen der griechischen Tragödie und der Endzeit-Resignation des absurden Theaters. Und steckt nicht tatsächlich in Lear eine gehörige Portion der Machthybris eines Kreon oder eines Agamemnon? Ist nicht Glosters Weg von der Verblendung zur Blendung eine Wiederkehr des König Ödipus? Ist dadurch nicht Regisseur Kusenberg zu einem inhaltlichen und stilistischen Remake seines Premieren-Starts von 2014 („Ödipus.Stadt“) verleitet worden?

Vor dem tragischen Ende stolpern die beiden Senioren halb nackt und schwer verwundet durch eine bunte Wildnis, nur begleitet vom Narr (Josephine Köhler), vom verkleideten Grafen Kent (Thomas Nunner) und vom ebenfalls irrlichternden Sohn Edgar. Das hat Züge  einer Warteschleife mit Wladimir und Estragon, einschließlich existenzieller philosophischer Einsichten (leider zu spät!). Zunehmend verlieren sich im zweiten Teil der Aufführung die gedankliche Klarheit und die szenische Präsenz, die vor der Pause erkennbar waren, da sich Kusenberg nicht mehr recht entscheiden will, ob er auf Emotionen oder auf distanzierende Ironie setzen soll. Hier können schließlich auch Günter Hellwegs sparsame und funktionale Bühnenkonstruktion und Bettina Ostermeiers atmosphärische Soundkulisse nicht mehr weiterhelfen. Insgesamt also ein solider, aber nicht sehr spektakulärer Nürnberger Saisonstart, der an Strahlkraft vermissen ließ und mit freundlichem Beifall bedacht wurde.


Polit-Diskutanten: Stefan Willi Wang (vorne) und Daniel Scholz
Polit-Diskutanten: Stefan Willi Wang (vorne) und Daniel Scholz

Die schmutzigen Hände (Staatstheater Nürnberg, Kammerspiele) ****

von Jean-Paul Sartre

Inszenierung: Schirin Khodadadian

 

1948 hat Jean-Paul Sartre mit dem Titel „Die schmutzigen Hände“ ein Dingsymbol geschaffen, das sehr anschaulich zur Diskussion über das Verhältnis von Politik und Macht, von Idealismus und Realismus in der Politik sowie von Gewalt (politischer Mord) und Parteiräson einlädt. Ob seine existentialistische Problemerörterung nach dem Ende des Ost-West-Konflikts noch aktuell ist, kann man anhand einer sehenswerten Inszenierung von Schirin Khodadadian in den Nürnberger Kammerspielen nachprüfen. Es geht Sartre um das grundsätzliche Dilemma der Kommunistischen Partei im 20. Jahrhundert, zugespitzt um die Frage Stalin vs. Trotzki oder demokratischer Zentralismus vs. utopistischer Anarchismus - angesiedelt aber in einem fiktiven Staat Illyrien. Der  idealistische Intellektuelle Hugo (Stefan Willi Wang) soll und will den kompromisslerischen Parteisekretär Hoederer (Daniel Scholz) umbringen. Im Nachhinein muss Hugo aber erkennen, dass die Parteilinie während seiner Selbstzweifel ob dieser Tat längst umgeschwenkt ist und ihn nun als individualistischen Träumer abservieren will. Durch die Methode der Rückblende braucht das Stück eine gewisse Anlaufzeit, bis es nach einer Stunde zum fesselnden Diskussionstheater wird. Dabei soll die mit Schreibtischen und - merkwürdig über- oder unterdimensionierten -  Schreibstühlen vollgestellte beengende Bühne (Carolin Mittler) möglichst wenig vom Wort-Spiel der Charaktere ablenken. Dank eines sprechmächtigen Schauspieler-Sextetts wird die Theorie-Debatte zum intensiven Polit-Thriller, dem auch die Einbeziehung zweier Dostojewski-Figuren („Schuld und Sühne“) nicht schadet.


"... und noch eins in die Fresse" - raue Sitten im Veroneser Saloon!
"... und noch eins in die Fresse" - raue Sitten im Veroneser Saloon!

Romeo und Julia (Staatstheater Nürnberg, Schauspielhaus) **

von William Shakespeare

Inszenierung: Johannes von Matuschka

 

Aus einem deutschen  Popsong wissen wir, dass der Wilde Westen gleich hinter Gütersloh beginnt. Aus der Inszenierung durch Johannes von Matuschka im Nürnberger Schauspielhaus erfahren wir nun wei­terhin, dass man ihn auch direkt bei Verona finden kann. Denn der Regisseur hat sich mit der Dramatur­gin (Diana Insel) auf das gewagte - und sehr gewollte - Assoziationsspiel eingelassen, dass der Begriff „Licht“ eine zentrale Rolle in Shakespeares berühmten Liebesdrama spielt (jetzt ahnt man auch, warum Shakespeare-Fan Goethe am Totenbett „mehr Licht“ forderte!?), dass der Gegensatz natürliches Licht und künstlich produziertes Licht ein markantes Phänomen der Moderne ist und dass somit das jugend­lich-naive Liebespaar für die naturhafte Empfindung steht, während ihre Väter der kapitalistischen tech­nologischen Neuerung als Unternehmer verpflichtet sind. So entsteht dann in der Gründerzeit des ame­rikanischen Westens der Gegensatz zwischen einer Montague Coal Mine (Chef: Heimo Essl) und der Capulet Power & Light Inc. (Chef: Michael Hochstrasser), die Capulet-Tochter Julia (Henriette Schmidt) darf natürlich nicht den Montague-Sohn Romeo heiraten sondern soll besser mit dem investitionskräfti­gen (Öl-?) Prinz Paris verkuppelt werden. Doch offensichtlich hat der Regisseur seinem Gedanken- und Bilderspiel selbst nicht recht getraut, was dazu führt, dass von Anfang an die Wild-West-Szenerie nicht konsequent dargestellt wird und mit dem Laufe der Handlung fast gänzlich verschwindet. Da wandelt sich dann das Bühnenbild (Marie Holzer) von rauchiger Saloon-Romantik immer mehr  zum tragischen Mausoleum. Während Mercutio (Thomas L. Dietz) als kauziger Sam Hawkins maskiert ist und in dieser Rolle die Grobianismen von Shakespeare überzeugend vermitteln kann, tritt Prinz Paris (Stefan Lorch) schon eher als Space Cowboy auf und der chaplinesk gewandete Romeo (Julian Keck) schwankt in Schwarz-Weiß über die Bühne, als würde er dauernd dem Song „Flash mich nochmal“ im Kopfhörer lau­schen - dabei signalisiert er doch mit seinem Schlab­ber-T-Shirt: „Nur über meine Leiche!“. Aus den rau­chenden Colts und den Ennio-Morricone-Klängen werden am Ende betroffene Fackelzüge und sakra­les Orgel-Gewaber, das eine Gretchen-artige, ausge­sprochen kitschige Apotheose des tragisch verstor­benen Paares untermalt. Fazit: Dass man Romeo und Julia als märchenhafte Liebestragödie nicht mehr 1:1 auf die Metropolen-Bühne des 21. Jahr­hunderts wuchten kann, ist nachvollziehbar. Was aber mit jenem schrägen Assoziations-Kasperlethea­ter gewonnen sein soll, bleibt das Geheimnis der Verantwortlichen. Für das leidensfähige Ensemble und das stets positiv gestimmte Premieren-Publi­kum war/ist das jedenfalls ein anstrengender Sai­son-Schluss 2015.


"Kommune 1" oder Szenen aus dem Leben der Boheme?
"Kommune 1" oder Szenen aus dem Leben der Boheme?

Das Leben der Boheme (Staatstheater Nürnberg, Schauspielhaus) ****

Nach dem Roman von Henri Murger und der Oper von Giacomo Puccini

Inszenierung: Stefan Otteni

Musikalische Leitung: Bettina Ostermeier

 

Ach, diese Boheme - gibt es jene antibürgerliche Subkultur, die man politisch inkorrekt als „Kultur-Zigeuner“ bezeichnen könnte, überhaupt noch? Oder ist dieses meist etwas verklärt betrachtete Jugend-Milieu ein historisches Phänomen des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts?

Wenn man die von Stefan Otteni und Bettina Ostermeier im Schauspielhaus eingerichtete Musik-Revue betrachtet, die im Wesentlichen am dem Roman von Henri Murger (1851) und einigen Motiven der Puccini-Oper (1896) beruht, so haben wir es hier trotz allerlei Aktualisierungen (Gostenhof!) eher mit einem Blick zurück in irgendeine anarchische Künstlerwelt, die sich als großstädtisches „Lumpenproletariat“ den traditionellen Normen verweigert, zu tun. Heute wäre das eine „Szene“ - vielleicht die der Punks oder der Graffiti-Maler.

Das Geschehen auf der Bühne spielt sich in einem drehbaren, gut einsehbaren Gebäudekomplex (Peter Scior) ab, der Platz bietet für die wechselnden Schauspiel-Gruppen und für das fünfköpfige Live-Ensemble. Bettina Ostermeier hat für die Songs und für atmosphärische Hintergründe in einem sehr gemischten Ton- und Text-Fundus gewühlt - von Puccini bis David Bowie, von Kurt Weill bis Funny van Dannen. Die äußerst originellen Arrangements und die beeindruckenden  Stimmen der Schauspieler (allen voran Henriette Schmidt und Elke Wollmann) versetzen die ansonsten recht banale und vordergründige Handlung um die Alltagsprobleme der vier Künstler in einen fast magischen Flow, der auch durch die Pause nicht gestört wird. Am Ende werden die desillusionierten Künstler vom knarzigen Vermieter (Frank Damerius) aus den Räumen geschmissen, denn ein Investor (Julian Keck) hat Großes vor mit dem Gebäude (Überraschung!). Regisseur Stefan Otteni, der schon mit Händl Klaus‘ „Eine Schneise“ den Willen zur poetischen Überhöhung dokumentiert hat, ist hier wieder ein durchaus unterhaltsamer Abend gelungen, der zurecht mit viel Applaus gefeiert wurde.


Philipp Weigand (l.) und Thomas L. Dietz: Dilettanten-Theater im Theater?
Philipp Weigand (l.) und Thomas L. Dietz: Dilettanten-Theater im Theater?

Kinder der Sonne / Nachtasyl

(Staatstheater Nürnberg, Schauspielhaus) *****

von Maxim Gorki

Inszenierung: Sascha Hawemann

mit Stefan Willi Wang u.a.

 

Vorne eine raumhohe Klarsichtfolie, hinten ein überdimensioniertes Bücherregal - dies ist das symbolkräftige Bühnenbild von Wolf Gutjahr, das im Nürnberger Schauspielhaus den Spielraum für etwa sechs Personen markiert. In diesem abgeschotteten Bezirk, einem Elfenbeinturm der Wissenschaft und Kunst, spielen Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“ ihre mal naiven, mal zynischen Eifersuchts- und Argumentationsspielchen. Da ist der Wissenschaftler Protassow (Stefan Willi Wang), der mit zarten Pflänzchen nach dem Ursprung des Lebens forscht, da ist der von expressionistischem Furor getriebene Künstler Wagin (Julian Keck), und da ist der von grundsätzlichen Zweifeln zerfressene Tierarzt Tschepurnoi (Christian Taubenheim). Zwischen ihnen flattern leicht schrille Frauenfiguren, die manchmal von Harmonie träumen, manchmal aber auch die Männer als abgehobene Spielfiguren behandeln. Die mondäne Jelena (Louisa von Spies) pendelt zwischen ihrem Mann Protassow und dem langhaarigen Künstler, setzt sich dann an den Flügel und interpretiert - ganz wie Diana Krall - Bob Dylans „Simple Twist Of Fate“ (die Geschichte wie eine Beziehung einfach so kippen kann). Protassows träumerische Schwester Lisa (Julia Bartholome) kann sich erst für den Tierarzt entscheiden, als dieser schon Selbstmord begangen hat. Schließlich möchte die zickige reiche Witwe Melanija (Kerstin Dahmen) den sprachbegabten Wissenschaftler anhimmeln und als Beziehungs-Trophäe in ihren Schrank stellen. In dieses Kabinett der Eitelkeiten dringt - neben einer ansteckenden Krankheit - aber immer wieder die grobe Welt des revolutionären Proletariats ein, repräsentiert durch den brutalen Schreiner Jegor (Stefan Lorch). Regisseur Sascha Hawemann wagt dazu noch einen zweiten „Einbruch“, indem er als Theater im Theater ein drolliges Clownspärchen (Philipp Weigand und Thomas L. Dietz) Szenen aus Gorkis „Nachtasyl“ vorspielen lässt. Die untersten Schichten der zaristischen Gesellschaft halten so der blasierten Intelligenzija einen grotesken Spiegel vor. Das Schlussbild der Aufführung zeigt die Auflösung: die Bücher sind am Boden zerstreut, die Rückseite der Bücherwand erweist sich als mögliche Hinrichtungsstätte mit angedeuteten Folterinstrumenten - Genosse Stalin lässt schon mal grüßen! Unter diesen Umständen flüchtet das schöngeistige Personal lieber in die aufgeblasene Matrjoschka-Puppe. Regisseur Sascha Hawemann ist es nach seiner umstrittenen Arthur-Miller-Interpretation im Vorjahr gelungen, das schwierige Gorki-Projekt mit starken Bildern und einem beweglichen Ensemble in die Gegenwart zu übersetzen, ohne dabei das Original mutwillig über Bord zu werfen. Ob freilich die Kunst zum Volk oder - wie Arno Schmidt forderte - das Volk zur Kunst kommen muss, bleibt auch nach diesen eindrucksvollen und nie langweiligen drei Stunden noch offen.


Michael Hochstrasser (l.) und Pius Maria Cüppers: It's party time!
Michael Hochstrasser (l.) und Pius Maria Cüppers: It's party time!

Alle lieben George (Staatstheater Nürnberg, Kammerspiele) ***

von Alan Ayckbourn

Inszenierung: Klaus Kusenberg

 

Alle lieben diesen George (Riley), besonders weil er angeblich (?) schwer krank ist und nur noch sechs Monate zu leben hat. Doch die „Hauptperson“ ist nie auf der Bühne zu sehen oder zu hören, löst aber quasi als Katalysator bei drei Paaren ein Gefühls- und Beziehungschaos mit angedeutetem „Gemetzel“ (Wasser­schlachten, Blumenzerstörungen, Brüllereien) aus. Soweit die Versuchsanordnung in Alan Ayckbourns etwa 70. Stück, das am Staatstheater Nürnberg (Kammerspiele) eine Deutsche Erstaufführung erfährt. Ayckbourns routiniert konstruierte Boulevard-Tragikomödie inklusive Theater im Theater wirkt nicht sonderlich innovativ - ein Kritiker der deutschsprachigen Erstaufführung 2012 in St. Gallen sprach sogar überspitzt von einem „blutleeren Stück“ - und die einschlägigen Paar-Probleme sind sattsam bekannt: Der Ge­schäftsmann Jack (Michael Hochstrasser) betrügt systematisch seine naive Frau Tamsin (Josephine Köh­ler), der Arzt Colin (Pius Marias Cüppers) entpuppt sich in der Ehe mit Kathryn (Adeline Schebesch) als Pedant und spießbürgerlicher Langweiler, der Bauer Simeon (Thomas Nunner) ist letztlich ein netter Tölpel (passend für „Bauer sucht Frau“), der ohne Monica (Elke Wollmann) - der Ex-Frau von George - verloren erscheint und seine verschütteten Gefühle an einem Felsblock abreagiert. Kein Wunder, dass die Damen auf den nur bühnen-absenten George (erneut) abfahren und gerne mit ihm einen letzten (?) Urlaub auf Teneriffa verbringen würden. Es kommt aber etwas anders, weil Ayckbourn zum Ende hin noch zwei dramaturgische Wendungen eingebaut hat. In vier Gärten mit reichlich Garten­stühlen (Bühne: Günter Hellweg) spielt sich das Dialog-Geschehen recht flott und meist unterhaltsam ab, komödiantische Höhepunkte setzen Pius Maria Cüppers und Josephine Köhler. Elke Wollmann und Thomas Nunner scheinen dagegen ratlos vor / hinter ihren Rollen zu stehen. Insgesamt eine von Schau­spieldirektor Klaus Kusenberg nett angerichtete Unterhaltung - mehr aber sicher nicht.


Shenja Lacher (li.), Andrea Wenzl (m.)
Shenja Lacher (li.), Andrea Wenzl (m.)

Der Widerspenstigen Zähmung

(Residenztheater München; 31.1.2015) ****

von William Shakespeare

Regie: Tina Lanik

mit Shenja Lacher, Andrea Wenzl u.a.

 

Zu den unverkennbaren Merkmalen des Münchner Residenztheaters unter der In­tendanz von Martin Kusej gehört die Gleichzeitigkeit von provokativen Inszenie­rungen (wie etwa momentan Frank Castorfs „Baal“) und Repertoire-Klassikern, an denen auch die Gäste der Touristen-Klasse Gefal­len finden können. Seit der Spielzeit 2012/13 gehört Shakespeares „Zähmung“ zu letzterer Kategorie, am 26.2.2015 findet nun die letzte Vorstellung statt. Man darf aber der Regiearbeit von Tina Lanik zugutehalten, dass sie die Verwechslungskomödie mit einigen interpretatorischen Untiefen ausgestat­tet und im wahrsten Sinne geerdet hat. Denn auf der großen, leeren Bühne müssen die Akteure mit viel Regen und Matsch kämpfen, um schließlich reichlich „befleckt“ zum Happy End zu gelangen. Auch die leichte Rät­sel- und Traumhaftigkeit der Theater-im-Theater-Rahmenhandlung gibt diesem scheinbar so vorder­gründigen Stück über die richtige Behandlung der Weiber einen neuzeitlichen, gender-gerechten Touch. In ihrem sehr lesenswerten Text für das Programmheft spricht Elisabeth Bronfen bei dem Paar Käthchen von Padua und Petruchio von zwei Gleichgesinnten, deren Neigung, sich zu verletzen oder verletzen zu lassen, als „Beweis für ein uneingeschränktes Teilen radikaler Intimität“ dient. Dazu kommt die schau­spielerische Stärke der beiden Hauptdarsteller Shenja Lacher und Andrea Wenzl, die diesem Duo eine kühne Kombination von Spielwitz und agiler Brutalität geben. Die gemeinsame Verabredung, sich auf eine verrückte Umdeutung der Welt einzuschwören, lässt die beiden als Gewinner aus einer Welt der Konventionen und des Vortäuschens hervorgehen. Nicht unverdient haben Wenzl und Lacher die Förder­preise 2014 des Münchner Residenztheaters gewonnen.


Das Käthchen von Heilbronn

(Staatstheater Nürnberg, Schauspielhaus) **

von Heinrich von Kleist

Regie: Bettina Bruinier

mit Kerstin Dahmen u.a.

 

Wenn es für den gern genutzten Sinnspruch „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum“ eine eindeutige literarische Referenz geben soll, dann ist es Kleists großes historisches Ritter­schauspiel „Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe“. Denn das Leben dieses Käthchens ist davon be­stimmt, das ihr im Traum erschienene Lebensbündnis mit dem Grafen Friedrich Wetter vom Strahl in der Realität zu verwirklichen. Trotz vieler Chancen zur Tragik (Fenstersturz, Feuer, Gift, Verwechslung) lässt Kleist diesen Traum in ein märchenhaftes Happy End münden, die liebende, unschuldige Seele entmach­tet die Fangarme des Tragischen.

Doch wollen und sollen wir uns heute noch mit diesem romantisch idealisierten Motiv auseinanderset­zen? Die Regisseurin Bettina Bruinier meint ja, und glaubt dies durch spektakuläre Aktualisierungen, durch viel Rauch, Lärm und Licht bewerkstelligen zu können. Selten hat man jedoch auf der Nürnberger Bühne ein solches Auseinanderklaffen von inszenatorischer Bemühtheit und fehlendem inhaltlichen Effekt gesehen. Wir erleben vor allem zwei konkurrierende Frauen: das etwa 16jährige Käthchen (Karen Dahmen) als Teenie mit Männerhemd und Badeshorts, als eine Mischung aus Narkoleptikerin und Stalkerin, die tatsächlich wie eine Kleistsche Marionette oder wie eine „musikalische Tanzfigur“ (Benno v. Wiese) brandsicher durch die Szenerie taumelt, und die grelle Kuni­gunde von Thurneck (Louisa von Spies), mal als plateaubesohlte Disco-Queen, mal als schauriges Opfer von Schönheitsoperationen, mal als giftmischende Gruft-Hexe. Danke - wir haben verstanden: das ist der Gegensatz von innerer und äußerlicher Schönheit. Zwischen den beiden irrlichtert der Graf von Strahl (Daniel Scholz), dem schließ­lich durch die äußerst märchenhafte Deus-ex-machina-Eingebung der Weg ins richtige Leben gewiesen wird.

Das Bemühen der Inszenierung, den voluminösen Text auf zwei Stunden herunterzukürzen und zahlrei­che Nebenrollen in Personalunion zu besetzen (Frank Damerius, Stefan Lorch, Marco Steger, Adeline Schebesch), führt beim nicht Originaltext-sicheren Zuschauer zu ga­rantierter Verwirrung. Wer dem Gan­zen dann doch noch etwas abgewinnen will, sei auf die immerhin unterhaltsamen Bühnen-Effekte (Rück-Spiegel, Stroh-Regen!) und auf das bedrohliche Musikprogramm mit rhythmischer Begleitung auf den Holzblöcken verwiesen. Unter dem Strich bleibt aber das Fazit, dass es nicht gelungen ist, das „schwächste Drama, das Kleist wohl geschrieben hat“ (so der Literatur­wissenschaftler Horst A. Glaser) in die Bühnensprache des 21. Jahrhunderts zu übersetzen.


Stefan Lorch als "Hackenmörder" Michael Weber
Stefan Lorch als "Hackenmörder" Michael Weber

Aus Liebe (Staatstheater Nürnberg, Schauspielhaus) *****

von Peter Turrini

Inszenierung: Markus Heinzelmann


Wieder einmal wird im Nürnberger Schauspielhaus die zeitlose Büchnersche Frage „Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?“ verhandelt. Diesmal allerdings nicht am Beispiel eines Dantons oder eines Woyzecks (der aus Eifersucht seine geliebte Marie umbringt) sondern am Beispiel des österreichischen Parlamentsassistenten Mi­chael Weber, der „aus Liebe“ seine Frau Elfriede und seine Kind Flora mit dem Hackebeil tötet. Peter Turrini hat den Fall des Reinhard S. (2008 zu lebenslanger Haft verurteilt) aufgegriffen und daraus eine Szenenfolge konstruiert, die nun als deutsche Erstaufführung dem fränkischen Publikum vorgestellt wurde. Dabei geht es dem Autor ersichtlich weder um eine stringente Darlegung der Kausali­täten noch um ei­nen pädagogischen Ansatz gegen Gewaltverbrechen. Vielmehr will er eine furchtbar moderne Welt zeigen, die durch Sprachlosigkeit, soziale Krisen und den Warencharakter der menschli­chen Bezie­hungen gekenn­zeichnet ist.

Als Weber beim Frühstück von seiner Frau erfährt, dass sie sich von ihm trennen und mit der Tochter das Haus verlassen wird, flüchtet er zunächst in eine Reihe von teils zufälli­gen, teil ge­planten Kontakten, kauft dann im Baumarkt ein Beil, erschlägt seine Frau und meldet sich schließlich bei der Polizei.

So könnte auch ein 70er-Jahre-Volkstheater von Franz Xaver Kroetz ablaufen, doch Regis­seur Markus Heinzelmann hat aus der düsteren und zugleich ironischen Textvorlage ein multimediales Bühnenwerk geformt. Die einzel­nen Räume bewegen sich auf drei Ebenen (Bühne: Gregor Wickert), dazwischen und darüber befinden sich Projektionsflächen, die das Geschehen aus einer anderen Perspektive sozusagen „kommentieren“. Die Schauspieler agieren also weniger zum Publikum als zur jeweiligen Kamera hin (Video-Technik: Boris Brinkmann). Damit entsteht ein komplexes Wort-Bild-Geflecht, das auf treffende Weise, die heutige You-Tube- und Selfie-Mentalität reproduziert. Für den meist bedrohlichen musikali­schen Hintergrund ist Christine Hasler verantwortlich, die zur Mordszene sogar einen eigenen Song bei­steuert.

Stefan Lorch pilgert als Hackenmörder eher schweigend und apathisch durch das Geschehen, er trifft dabei auf überwiegend krisenhafte Figuren wie den frustrierten Baumarkt-Verkäufer (Christian Tauben­heim) oder die verwitwete Kaffee- und Torten-Tante (Marion Schweizer). Da ist schließlich der liebe Gott (Jochen Kuhl) mit seiner Schöpfung nicht mehr ganz glücklich, auch wenn er am Ende noch für einen scheinbar hoffnungs­vollen Ausgang sorgt. Ein theatralisches Denk-Erlebnis für alle Sinne, das man sich unbedingt an­schauen sollte!

Kommentar des Gast-Kritikers Anton S.:

Ich fand die Behandlung des Themas Liebe (und Einsamkeit/letztendliches Alleinsein) in all ihren Facetten auch sehr interessant und provozierend-erhellend - inmitten all des Weihnachtskitsches von „Hl. Familie“, Familien- und Beziehungsidylle. Anfangs fand ich auch den Einsatz der Kameras (auch ich habe die Selfie-Manie sofort impliziert) und der unterschiedlichen Perspektiven überzeugend, muss aber sagen, dass mich das im weiteren Verlauf des Stückes zunehmend gestört hat. Es war für mich später einfach nur aufdringlich und etwas holzschnittartig-einhämmernd. Hinzu kommt, dass ich in der Erlanger Inszenierung der "Leiden des jungen Werther" genau denselben Kameraeffekt genießen durfte. - Manchmal habe ich den Eindruck, dass auch in der Theaterwelt bestimmte „Moden“ geritten werden: Nachdem die Vorliebe für Flüssigkeiten auf der Bühne (Theaterblut, Wasserbecken, durch die die Schauspieler springen) und nackten Darstellern nun etwas abgeflaut (und außer Mode gekommen?) ist, scheint die Kameraprojektion das neueste „inszenatorische“ Wunderkind zu sein. Mal sehen, wie lange diese Welle andauert.


Thomas Nunner als König Kreon
Thomas Nunner als König Kreon

Ödipus. Stadt (Staatstheater Nürnberg, Schauspielhaus) ****

von Sophokles, Euripides und Aischylos

Inszenierung: Klaus Kusenberg

 

Die tragische Familiengeschichte der Labdakiden hat die Herren Sophokles , Euripides und Aischylos zu einer Reihe von Stücken animiert, die nun von  John von Düffel zu einer Kompress-Fassung über Ödipus und die Stadt Theben verdichtet wurden. Diese Aus-4-mach-1-Version wählte Schauspieldirektor Klaus Kusenberg als durchaus vielversprechenden Start in die neue Sprechtheater-Saison 2014/15. Wer aus der Serie von Tragödien rund um Ödipus allerdings Heutiges oder Zeitloses - wie etwa das Versagen der Machthaber - destillieren will, ist eher auf die Figur Kreon verwiesen, der in der Wandlung vom umtriebigen Berater zum kompromisslosen Diktator und schließlich zum Zu-spät-Einsichtigen auch ein Modell moderner Politik abgibt. Dagegen muss man das gottgewollte Schicksal des Ödipus entweder als prähistorisches Mega-Drama abhandeln oder durch zeitgeistige Brechungen relativieren. Regisseur Kusenberg hat sich für ersteres entschieden und versetzt Stefan Willi Wang in einen lautstarken emotionalen Overdrive-Modus. Doch erst in den prägnanten Dialogen des Kreon (Thomas Nunner mit dem Outfit eines nordkoreanischen Polit-Funktionärs) mit dem Seher Teiresias (Adeline Schebesch) und mit Antigone (Josephine Köhler als Gothic-Girl) entfaltet sich die zeitlose Gültigkeit der Konflikte. Die eigentliche Leistung der Inszenierung liegt in ihrer Beschränkung auf reduzierte Ausdrucksmittel der Bühne (Günther Hellweg). Nur eine blendende Parkettwand brauchen die spielstarken Akteure als Spielfläche, sei es als massive "Klagemauer", sei es als unsichere schiefe Ebene oder sei es als kurzfristige Bodenplatte. Daneben spielt nur noch die Pappkrone von Kreon eine Rolle, die er sich verzweifelt in die Stirn drückt. Insgesamt also eine sehr solide Leistung des Ensembles mit einer reichlich spektakulären ersten und einer nachdenklichen zweiten Halbzeit.


Dantons Tod (Theater Erlangen) ***

Von Georg Büchner

Regie: Mario Portmann

 

Georg Büchners theatralische Abhandlung über die Französische Revolution und über den darin erkennbaren "Fatalismus der Geschichte" bleibt auch im 21. Jahrhundert aktuell - man betrachte nur die offensichtlich unüberwindlichen Dilemmata des sogenannten arabischen Frühlings, wo sich ähnlich positionierte Fraktionen gegenüberstehen. Insofern wäre es für die Inszenierung in Erlangen, deren Premiere am 16. Mai 2014 stattfand, gar nicht so dringend nötig gewesen, nach aktuellen Assoziationen zu schielen. Dantons (Daniel Seniuk) Vorliebe für Frauen, "Partys" und gutes Essen als Gegenmodell zur Tugend-Askese von Robespierre (Patrick Nellessen) und zum frühstalinistischen Radikal-Konzept von St. Just (Robert Naumann) wird aus dem Text heraus unzweifelhaft. Doch Regisseur Mario Portman wollte wohl seinem jugendlichen Ensemble Gelegenheit zur modernen Theatersprache geben und lässt so die Bass-Boxen wummern, die Kokain-Linien auf dem Parkett zeichnen und feuchte Quickies überdeutlich darstellen. Dies alles kann man noch als Übersetzung in die Gegenwart nachvollziehen, warum aber Danton als eine Art rappender Fernsehkoch seinen Genossen vier Spiegeleier brät, bleibt ein symbolisches Rätsel. Vor einer leider traurigen Zuschauer-Kulisse (am 30.9.2014) agieren die männlichen Darsteller mit körperlicher und sprachlicher Präzision, während die vier Damen dagegen zu wenig Profil gewinnen. Absolut gelungen ist die Einbeziehung der Person Georg Büchner als Kommentator des Geschehens. Die Bühne mit ihren groben beweglichen Mauerstücken erweist sich als praktikable Spielfläche für das temporeiche Agieren, das nur nach der Pause (im Kerker) arg verflacht. Insgesamt bleibt die Inszenierung aber eine gelungene Vorlage für Diskussionen über die Tragik der Revolutionäre.


Henriette Schmitt als Christopher Boone
Henriette Schmitt als Christopher Boone

Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone (Staatstheater Nürnberg, Schauspielhaus) ****

Nach dem Roman von Mark Haddon, Bühnenfassung von Simon Stephens

Mit Henriette Schmidt u.a.

 

Aus dem Roman über den 15jährigen Asperger-Autisten Christopher von Mark Haddon hat Simon Stephens eine Bühnen-Adaption in gewohnter britischer Gegenwarts-Dramatik hergestellt. Es geht dabei sowohl um Christopher als auch um sein näheres gesellschaftliches Umfeld, das große Probleme hat, mit seinen Verhaltensweisen umzugehen. Am wohlsten fühlt sich Christopher, wenn er allein den Sternenhimmel betrachte oder Mathematik-Formeln aneinanderreiht. Der Tod des Nachbarhundes Wellington bringt dann die zwar sonderbare, aber halbwegs geordnete Welt ins Wanken. Christopher will den Hundemord aufklären und entdeckt dabei die Beziehungskatastrophen seiner Eltern. Regisseur Christoph Mehler, der in Nürnberg mit "Kabale und Liebe", "Woyzeck" und "Hedda Gabler" schon eindrucksvolle Arbeiten ablieferte, verweigert sich bei seiner szenischen Umsetzung jeglicher "Rain Man"-Rührseligkeit, sondern dreht (!) das Stück durch die grelle Optik und Akustik seiner Woyzeck-Theatermasch(in)e (inklusive Anti-Märchen!). Auf der rastlosen Drehbühne (Nehle Balkhausen) purzeln, straucheln und hecheln die Akteure, dabei gerät der kleine Christopher (atemberaubend gespielt von Henriette Schmidt) als Ziggy-Stardust-Astronaut gegenüber seiner kitschfarbenen Umwelt (Kostüme: Janina Brinkmann) fast ins Hintertreffen: ist der junge Autist der einzige etwas Vernünftige in diesem Narrenkäfig? Sind wir nicht alle ein bisschen autistisch? Wir erleben den Satzfetzen produzierenden Vater Ed (Stefan Lorch), der Liebe proklamiert, aber seinem Sohne an die Wäsche geht. Wir erleben die überforderte Mutter Judy (Nicola Lembach), die sich mit dem notgeilen Pfarrer Roger (Daniel Scholz) nach London absetzt. Wir erleben die naive Sonderpädagogin Siobhan (Karen Dahmen), die mit ihren Schützlingen Liedchen trällert, und wir erleben die schrullige Miss Alexander (Pius Maria Cüppers), die Christopher mit Plätzchen anfüttert. Dessen Erkundungs-Tour nach London endet mit einer fürsorglichen Belagerung (Geschenke statt Verständnis), einer glücklichen Rückkehr mit bestandener Mathe-Prüfung und einem lebendigen Mops, mit dem Christopher nun spielen kann/soll. Regisseur Mehler sieht das Stück als physische Anforderung für die Schauspieler und als optisch/akustischen Schmerz für die Zuschauer (was einige nicht bis zum Ende durchhalten). Danach hat man weniger über Autismus als über die Reaktionen des Umfeldes erfahren. Immerhin blieben die Nürnberger Kulturfreunde von der Katastrophe verschont, die sich am 20. Dezember 2013 im histori­schen Apollo-Theater im Londoner Westend ereignete. Während einer Aufführung des Stückes "Super­gute Tage" stürzte ein Teil der Decke ein, 80 Zuschauer wurden durch die herabfallenden Steine verletzt.


Die Dreigroschenoper (Berliner Ensemble) ****

Von Bertolt Brecht

Musik von Kurt Weill

Regie, Bühne, Lichtkonzept: Robert Wilson

 

Seit 1928 gehört Bertolt Brechts "Dreigroschenoper" zum unverzichtbaren Standard-Repertoire des Theaters am Schiffbauerdamm (später Berliner Ensemble). Nach den Regiearbeiten von Erich Engel (1928, 1960) und Manfred Wekwerth (1981, 1985) hat nun der Gesamtkünstler Robert Wilson seit 2007 ein Konzept realisiert, das regelmäßig im Programm ist. Wilson, der sich einen Namen mit Büchner-Inszenierungen machte, befasst sich hier erstmalig mit Brecht, was aber letztlich nur bedeutet, dass er seine bekannten Vorstellungen von Schauspiel, Choreografie, Bühne und Licht der Bettleroper überstülpt. Das Spiel mit den marionettenhaften Figuren, mit den geometrischen Licht-Schatten-Mustern und mit den stilisierten Kostümen/Frisuren wirkt ungebrochen attraktiv fürs Auge, lenkt aber erfreulicherweise nicht ganz von der politischen Botschaft des Stückes und damit von Brecht bekannter dialektischer Hinterfotzigkeit ab: "Wovon lebt der Mensch? … Der Mensch lebt nur von Missetat allein! … für dieses Leben ist der Mensch nicht anspruchslos genug, drum ist all sein Streben nur ein Selbstbetrug". Aus dem präzise agierenden Ensemble ragt eindeutig Jürgen Holtz als Peachum heraus. Stefan Kurt bietet einen wohl verständlichen Macheath und Angela Winkler eine schräge Jenny. Im Orchestergraben intoniert das Dreigroschen-Orchester die Weill-Songs, die trotz aller Sperrigkeit teilweise schon Ohrwurm-Charakter haben. Somit ist diese Inszenierung keineswegs nur ein Berliner Touristenfänger sondern eine anspruchsvolle inhaltliche und szenische Auseinandersetzung mit dem Stück.


Max Wagner als Osvald Alving, Ursula Burkhart als Helene Alving
Max Wagner als Osvald Alving, Ursula Burkhart als Helene Alving

Gespenster (Münchner Volkstheater) ***

Von Henrik Ibsen

Regie: Sebastian Kreyer

 

"Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus" hieß es 1848 im Kommunistischen Manifest. Bei Henrik Ibsen geht es um die "gespenstische" Frage, ob wir den Gesetzen der Gesellschaft gehorchen, weil wir sie respektieren oder weil wir sie fürchten. Mit viel Wut im Bauch hat Ibsen 1881 sein Stück "Gespenster" fertig gestellt. Doch der Gutachter des Theaters in Kristiania reagierte ablehnend: „Dem Stück fehlt die gesunde dramatische Wirkung, und es versucht diesen Mangel durch pathologische Reize zu überdecken“. Damit hat er wohl nicht ganz unrecht, denn hier will Ibsen auf seine messerscharfe Kritik der bürgerlichen Familie (als vermeintliche Keimzelle der Gesellschaft) noch eins draufsetzen und operiert auch recht vordergründig mit den Themen Geschlechtskrankheit, Erbkrankheit, Inzest und Homosexualität - also wirklich das volle "pathologische" Programm, das damals in intellektuellen Kreisen ambivalent diskutiert wurde. Darüber hinaus baut er auch noch die karikaturhafte Figur des Pastors Manders ein, der als geschwätziger Kirchenvertreter sein Fett abbekommt. Dabei hätte die Grundidee von der mater familiae Helene Alving, die den Ruf ihres toten Mannes (Hauptmann Alving) retten und die bürgerliche Karriere ihres Sohne Osvald absichern und dazu eine soziale Stiftung begründen will, vollends gereicht.

Für das Münchner Volkstheater hat sich Regisseur Sebastian Kreyer diesem problematischen Stück eher unentschlossen angenähert (Premiere: 29. Juni 2013). Während man im ersten Teil eine recht schrille, Gag-gesättigte Trash-Comedy mit Gesangseinlagen französischer Chansons erlebt, kippt die Inszenierung im zweiten Teil vor einer arg biederen Kulisse (Helene Droll) wieder in gewohnte dramatische Bahnen. Ein echtes Manko ist die Jugendlichkeit der Männer im Ensemble. Weder der Pastor (verkörpert von Oliver Möller) noch der Tischler Engstrand (Pascal Fligg) erweisen sich als stimmige Charaktere. Immerhin wird mit Ursula Burkharts Helene Alving als Kraftzentrum dieser Aufführung in Erinnerung bleiben - mehr aber nicht.


Urteile (Residenztheater München) ***

Von Christine Umpfenbach und Azar Mortazavi

Regie: Christine Umpfenbach

 

Nachdem das dokumentarische Theater in den 70er Jahren mit den Gründervätern Peter Weiss und Heinar Kipphardt den gesellschaftlichen Diskus entscheidend mitbestimmte, sind seitdem die Nachfolge-Versuche spärlich und meist epigonal geblieben. Doch mit dem Stück „Himbeerreich“ hat Andreas Veiel kürzlich bewiesen, dass man Interview-Material durchaus attraktiv zu einem Bühnen-Geschehen komponieren kann. Seine Schlaglichter auf die verantwortlichen Akteure des Finanzkapitalismus waren kritisch und unterhaltsam zugleich. Ein von der Methode ähnliches Projekt startete Christine Umpfenbach nun in München: sie interviewte Verwandte, Bekannte der beiden Münchner NSU-Terroropfer, sprach auch mit Journalisten und Politikern und arrangierte das Text-Material zu einem szenischen Sprechen für drei Personen. "Urteile" nennt sich die etwa 90minuütige Produktion des Münchner Residenztheaters (Premiere am 10. April 2014), meint aber vielmehr „Vorurteile“ und will gesellschaftliche Denk-Schablonen und den „strukturellen Rassismus“ in Deutschland ins Licht rücken. Die Bewertung für den Beobachter muss in diesem Fall zweigleisig verlaufen: Kann man der politischen Botschaft des Stückes zustimmen? Ist es gelungen, die eher spröden Textbausteine in eine szenische Form zu gießen?

Zum einen ist die gewollte Beziehung zwischen strukturellem Rassismus (auch gespeist aus persönlichen Erfahrungen der Mitautorin Azar Mortazavi) und den NSU-Morden höchst zweifelhaft, die bundesdeutsche Gesellschaft des 21. Jahrhunderts produziert eben nicht zwangsläufig Böhnhardts und Mundlos‘. Zum anderen ist die szenische Umsetzung recht karg: drei Schauspieler (Paul Wolff-Plottegg, Gunther Eckes, Demet Gül) sprechen eher nebeneinander als miteinander in den verschiedenen Rollen, ein (entwurzelter?) Baum hängt bedrohlich verkehrt herum über den Akteuren (die aber kaum agieren!), nur einmal wird einigen Melonen mit dem Messer der Garaus gemacht - so viel zum Thema Spannungskurve und Symbolik.

Insgesamt also eine eher trockene Angelegenheit; die ihr recht bemühtes Anliegen so gar nicht zum theatralischen Glänzen bringen kann. So gesehen ist ein Besuch im Münchner Gerichtsgebäude wahrscheinlicher aufregender und lehrhafter.


Stefan Willi Wang als Truffaldino
Stefan Willi Wang als Truffaldino

Der Diener zweier Herren (Staatstheater Nürnberg, Schauspielhaus) ***

Von Carlo Goldoni

Inszenierung: Volker Schmalöer

mit Stefan Willi Wang u.a.

 

Rechtzeitig zum Höhepunkt des Frühlings 2014 serviert das Staatstheater Nürnberg den Zuschauern eine leichte (?) Komödie. Goldonis Klassiker "Der Diener zweier Herren" hat mittlerweile schon 267 Jahre auf dem Buckel, findet aber nach wie vor häufig den Weg in die spiel-freudigen Spiel-Pläne. Die Geschichte vom tumben Tor Truffaldino, der mit angeborener Bauernschläue fast zum hilflosen Zauberlehrling wird, hat ja auch eine kleine sozialkritische Komponente, die in den Inszenierungen jedoch meist übersehen wird. Zuletzt erreichte die Regie-Arbeit von Herbert Fritsch (Schwerin 2011), der Goldonis commedia dell‘ arte zu seinem rauschartigen Hyper-Bewegungstheater umpolte, überregionale Aufmerksamkeit. In Nürnberg versucht sich Volker Schmalöer an der schweren Leichtigkeit, liefert aber - im Gegensatz zu seinem brillant herausgeputzten "Menschenfeind" vor einem Jahr - eine eher mittelmäßige Darbietung ab. Die behutsame Modernisierung platziert das hektische venezianische Geschehen in eine Mischung aus Dschungelcamp und Narrenkäfig, angereichert mit Bacardi-Feeling-Optik (Ausstattung: Valentina Crnkovic). Die Orientierung zur prallen Komödie wird vom Ensemble aber nur teilweise getragen: während Frank Damerius (Dottore Lombardi), Josephine Köhler (Clarice) und Pius Maria Cüppers (Wirt Brighella) in ihren Rollen glänzen, ersetzen Daniel Scholz (Florindo Arretusi) und Louisa von Spies (Beatrice) komödiantische Präsenz durch Geschrei und Gehabe. Schließlich hinterlässt auch Stefan Willi Wang als Titelfigur gemischte Gefühle: im Penner-Schlabberlook wirkt er manchmal mehr als gedemütigte Kreatur denn als pfiffiger Schelm. Er wird in Kloschüsseln und Badewannen getaucht, versenkt sein Gesicht in rosé-farbene Puddings und trällert danach doch wieder entspannte Harry-Belafonte-Lieder ("I say, that the women of today, smarter than the man in every way"). Mit ein paar Aperol Spritz kann man die Komödie durchaus goutieren, wenn der Alkohol wieder den Verdauungsgang verlassen hat, dürfte auch die Erinnerung an diesen Abend schnell nachlassen.


Frank Damerius als Odysseus
Frank Damerius als Odysseus

Odysseus! (Staatstheater Nürnberg, BlueBox) ****

Von Kerstin Specht

Inszenierung: Maik Priebe

Mit Frank Damerius u.a.

 

Nach 20 Jahren Abwesenheit kehrt Odysseus nach Ithaka zurück, doch in der aktuellen Fortschreibung des Mythos durch Kerstin Specht ist er kein listenreicher Held mehr sondern eher ein "Draußen-vor-der-Tür-Beckmann", ein fast schon faustisch Unbehauster, der auch bei der Gattin Penelope keine Heimat mehr findet. Und so zieht er wieder von dannen - offensichtlich auf der Suche nach der eigenen Identität. Doch die Reise zu Personen und Stationen seiner Vergangenheit (Helena in Sparta, Idomeneos und Dädalus auf Kreta) bringt ihm nicht die erhoffte Ruhe - eher wirkt er wie ein Boots-flüchtling auf dem Weg nach Lampedusa. Schließlich endet er gebeugt in einer ganz und gar unmythischen Region: der Antarktis (ein symbolischer Ort der Kälte, der auch bei Franz Xaver Kroetz und Roland Schimmelpfennig schon erprobt wurde). Regisseur Maik Priebe hat für das Stationen-Spiel fast einen Boxring, besser: einen rechteckigen Laufsteg mit einem, Meer aus schwarzen Plastikplanen in der Mitte, konstruiert (Ausstattung: Susanne Meyer-Staufen), auf dem die fünf Akteure ihre sehr heutigen Probleme abhandeln. Alle tragen ihre Alltagskleidung verkehrt herum - es gibt kein richtiges Leben im Falschen! Die Zuschauer sind in der BlueBox nicht nur optisch nahe am Geschehen, durch Kopfhörer kann man sogar dem Atem der Darsteller lauschen. Insgesamt erlebt man eine konzentrierte Ensembleleistung mit Frank Damerius als Odysseus an der Spitze. Der Mut, junge deutschsprachige Gegenwartsdramatik (nun ja, Kerstin Specht ist immerhin schon 58 Jahre alt) als deutsche Uraufführung anzubieten, zahlt sich aus. Der Preis der deutschen Theaterverlage 2013 für die Pflege der zeitgenössischen Dramatik ist eine schöne Ermunterung und Belohnung dafür.


Über Leben (Staatstheater Nürnberg, Schauspielhaus) ****

Von Judith Herzberg

Inszenierung: Klaus Kusenberg

mit Renan Demirkan u.a.

 

Mit großem personellem Aufwand wagt sich in dieser Saison der Nürnberger Schauspieldirektor Klaus Kusenberg an Judith Herzbergs mittlerweile zum Dreiteiler angeschwollenen Opus "Über Leben".

Die jüdische Familiengeschichte (Schauplatz: Niederlande) entfaltet in drei Stationen (1972, 1979, 1998) zunächst scheinbar Banales: Heirat, Trennung, berufliche Krisen, schroffe und schräge Beziehungskatastrophen, tragische Unfälle, Selbstmord, psychische Krankheit, Generationenkonflikt und Aussagen wie "Es gibt Dinge, die kann man ertragen, und es gibt Dinge, die kann man nicht ertragen". Doch hinter all diesen problematischen Lebensbildern steht wie ein überlebensgroßer Schatten die Geschichte des Holocaust, die sich in die handelnden und verhandelten Personen eingebrannt hat.

Die beiden Senioren Ada (Renan Demirkan) und Simon (Jochen Kuhl), waren im Konzentrationslager, haben aber überlebt, Tochter Lea (Nicola Lembach) wuchs bei der nicht-jüdischen Ersatzmutter Riet (Elke Wollmann) auf. Dreimal trifft sich die gesamte Mischpoke (16 Personen - symbolisiert auch durch 16 von der Decke herabhängende Glühlampen) zu bestimmten Anlässen (Leas Hochzeit, Sanitär-Renovierung des Hauses, Simons Tod) im Mehrgenerationenhaus und beredet den neuesten Stand der Dinge. Dies geschieht im fliegenden Wechsel der Dialoge, quasi als temporeiche Serie von über 100 Short Cuts, teilweise verharren auch nicht beteiligte Personen in der einheitlichen Parkett-Wohn-Optik des Bühnenbildes (Günter Hellweg), bei dem erst im dritten Teil die Trennwände verschwinden, ohne dass damit eine Öffnung zum Besseren oder eine Geschlossenheit der Familie verkündet wird. Denn auch die dritte Generation trägt hart an den Verletzungen ihrer Eltern/Großeltern.

Simon erzählt einmal, dass den Juden vor dem Gang in die vermeintliche Dusche (Gaskammer) verpackte Steine als "Seife" mitgegeben wurden. Autorin Judith Herzberg bietet dem Zuschauer aber keineswegs eine Soap Opera (wie eine etwas bösartiger Nürnberger Kritiker meinte), sondern eher eine steinige Aufstellung der traumatisierten heutigen jüdischen Familie. Neben Komik und Anklage machen sich viel Melancholie und Selbstzweifel breit (zum Glück wenig Pathos) - also sehen wir keineswegs ein eindimensionales oder gar vordergründig pädagogisches Stück. Dank eines bis in die Nebenrollen sehr stimmigen Ensembles hat sich der Aufwand gerade auch für die - besonders im 3. Teil - geduldigen Zuschauer gelohnt. Geschichten über jüdisches Leben und Überleben lassen einen auch fast 70 Jahre nach den schrecklichen Ereignissen nicht kalt (vgl. z. B. auch den Roman "Landgericht" von Ursula Krechel). Und Simons Aussage "Ich sehne mich nach jemandem, der mit erklärt, wie das alles ineinander steckt" bleibt als Arbeitsauftrag nach dem anregenden Theaterabend übrig.


Stefan Lorch als Willy Lomann
Stefan Lorch als Willy Lomann

Tod eines Handlungsreisenden (Staatstheater Nürnberg, Schauspielhaus) ***

von Arthur Miller

Regie: Sascha Hawemann

 

Arthur Millers Drama "Tod eines Handlungsreisenden" galt eigentlich seit seiner Uraufführung 1949 als zeitloses Dokument für eine persönliche Tragödie im Hamsterrad des modernen Kapitalismus, besonders aber für das System der Selbsttäuschungen im american way of life.

Holger Bergs Nürnberger Inszenierung im Jahre 1997 (mit Waldemar Stutzmann in der Hauptrolle) hielt noch stark an dem Original fest (ähnlich wie Volker Schlöndorffs Verfilmung 1985) - doch mittlerweile sind neuartige Wirtschafts- und Finanzkrisen durch die Welt gezogen und auch die großstädtisch-ambitionierte Regiesprache hat sich verändert.

Somit ist die aktuelle Produktion im Schauspielhaus, für die Sascha Hawemann und sein starker Ossi-Hintergrund verantwortlich zeichnen, keine werktreue Adaption mit sanften Aktualisierungen, sondern eher eine Radikal-Bearbeitung mit der Kettensäge. Der Schauplatz wird nach Deutschland verlegt, Willy Lomann (Stefan Lorch, ein "Woyzeck" des 20. Jahrhunderts?) heißt wohl eher Lohmann und die Ziele seiner Verkaufsreisen sind Forchheim, Salzwedel und Braunschweig. Seine junge Frau Linda (Louisa von Spies) ist ein zappeliges Blondchen, das sich mit gehauchten Songs eine Marilyn-Monroe-Traumwelt zurechtschneidert. Und die Söhne Biff (Christian Taubenheim) und Happy (Julian Keck) machen auf krawallige Blindgänger, die gerne prekariats-typisch mit Unterwäsche vor dem Fernsehschirm sitzen oder sich im Bayern-München-Trikot als Sieger fühlen. Das Bühnen-Mobiliar besteht nur aus einem Fernsehapparat, einem Sofa, einem Kühlschrank (aus dem die Leere raucht?) und einer enormen Anzahl von rollbaren Kleiderständern, auf denen Hunderte von Anzügen (zum Anprobieren?) warten. Dazwischen brüllen die ständig aufgescheuchten Akteure, denen man ab und zu eine Dosis Ritalin wünschen würde. Alle Nebenrollen erledigt Philipp Weigand trampolinspringend, mal mit beleuchtetem Cowboy-Hut, mal mit Flossen und Neopren-Anzug. Der Millersche Text wurde unter weitgehendem Verzicht auf Nebenhandlungen und Rückblenden massiv gekürzt (Dramaturgie: Katja Prussas), stattdessen darf Happy Brachial-Prosa von Michel Houellebecq vortragen, um auch dem letzten das allgemeine Prinzip der Käuflichkeit des Menschen zu verdeutlichen. Das wirkt aber so, als würde man in eine Hanns-Eisler-Komposition einen Song von Rage Against The Machine einmontieren: gewollt! Selbst ein stimmiges Schlussbild mit Kleiderhaufen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass letzten Endes knallige Effekte den Blick auf die (Un-)Tiefen des Stückes verstellen. Vereinzelt vorzeitige Parkettfluchten und Buhrufe, die Mehrheit applaudierte freundlich, wohl auch etwas ratlos.


Stefan Willi Wang, Josephine Köhler und Elke Wollmann (v.l.)
Stefan Willi Wang, Josephine Köhler und Elke Wollmann (v.l.)

Eine Schneise (Staatstheater Nürnberg, Kammerspiele) ****

von Händl Klaus

Regie: Stefan Otteni

 

Tatort Wald - der Polizist Peter ist mit kriminalistischem Instrumentarium schon vor Ort. Doch der Fall erweist sich als kompliziert: ein Brandstifter war da, der eine Schneise und 14 verkohlte Bienenstöcke hinterlassen hat. Dazu lebt in der Einöde noch die Lehrerin Kathrin, eine naturbewusste Frau, deren junger Sohn Lukas (eine Mischung aus Parzival und Simplicissimus? ein Anagramm für Klaus H.?) gerne wissen möchte, wer eigentlich sein Vater ist. Die zerstörten Bienenstöcke gehören dem Imker Wim, der früher als Kunstfehler-Arzt im Gefängnis saß und nun offensichtlich mit einer Milben-Kultur die Bienen weltweit ausrotten will. Der eigentlich Schuldige an dieser thematischen Melange aus Straftaten und Psycho-Problemen ist der kauzige Tiroler Stückeschreiber Klaus Händl alias Händl Klaus. Und der erklärt nebulös: "Alle sind dabei verdächtig: mögliche Täter, wie sie sammeln und reden. Aus ihren Spuren, die weit zurück reichen, und den Schlüssen, die sie ziehen, entsteht ein zitterndes Bild, von Bienen erwidert - die sie umkreisen."

Die über-ambitionierte Uraufführung bei den Salzburger Festspielen 2012 (damals noch unter dem Titel "Meine Bienen. Eine Schneise") von Nicolas Liautard operierte mit einem Sängerknaben und der österreichischen Crossover-Kapelle Musicbanda Franui, missverstand das Auftragswerk als kunstgewerbliche Märchen-Oper und erntete nur Kopfschütteln und Langeweile.

Dagegen will bei der deutschen Erstaufführung in Nürnberg Regisseur Stefan Otteni (seine Regie zu Handkes "Immer noch Sturm" bekam überregionale Zustimmung) erfreulicherweise gar nicht alle Motiv-Fallstricke des Autors entschlüsseln und präsentiert stattdessen ein auf 75 Minuten komprimiertes Rätselspiel mit einer souverän und beweglich agierenden Viererbande (Josephine Köhler, Elke Wollmann, Stefan Willi Wang, Thomas Nunner). Die müssen zu Anfang erst einmal die Bühne mit schwarzen Plastikfetzen ordentlich vermüllen, damit die authentische Brand-Atmosphäre aufkommt. Wechselweise nur mit hautfarbenem Ganzkörper-Trikot wie behaarte Nackt-Primaten (was bei den beiden Männern eigentlich keinen rechten Sinn macht) oder als Alltagsmenschen schmettern sie die Händlschen Sprachkörper mit verhackstückten Dialogen ins Publikum - gerne auch als enervierende Warteschleife! Die traute Wald-Foto-Kulisse wird mit schwarzem Filzstift zugemalt, ein verkohlter Baum ist in die Szene gestürzt. Am Schluss bleiben - ganz im Gegensatz zum konventionellen Sonntags-Tatort - natürlich alle Fragen offen; aber schön, dass wir darüber (worüber?) geredet haben!


Josephine Köhler (oben), Michael Hochstrasser (unten r.), Nicola Lembach (unten, 2.v.r.)
Josephine Köhler (oben), Michael Hochstrasser (unten r.), Nicola Lembach (unten, 2.v.r.)

Das Himbeerreich (Staatstheater Nürnberg, Schauspielhaus) ****

von Andres Veiel

Regie: Petra Luisa Meyer

 

Die vom deregulierten Finanzkapitalismus ausgelöste Krise beschäftigt spätestens seit 2008 die Öffentlichkeit, gehört aber leider zu den Themen, die nie verständlich dem interessierten Publikum der Klein- und Bausparer erläutert wurde. Auffallend ist weiterhin, dass die politische Klasse anscheinend nicht in der Lage ist, mit gesetzlichen Maßnahmen oder Re-Regulierungen darauf zu reagieren.

Das Theater kann diese beiden Ansprüche schon gleich gar nicht einlösen, aber das neue Stück von Andreas Veiel versucht durch mehrere aus Interviews gewonnene Psychogramme die Menschen, die hinter dem abstrakten Finanzmärkten und Investmentbanken stehen, greifbar zu machen. Wie man diese anonymisierten und bearbeiteten (gekürzten) Interviews auf die Bühne bringen kann, ohne ein Hauptseminar der Neueren Finanzwissenschaft abzuhalten, demonstriert mit viel Kreativität die Inszenierung von Petra Luisa Meyer im Schauspielhaus Nürnberg. Sie beschränkt sich auf sechs markante Personen (darunter auch ein Chauffeur für die Finanzvorstände) und ergänzt eigenständig eine mal naiv, mal kritisch herumgeisternde Allegorie des Geldes (Josephine Köhler). Auf der Drehbühne erleben die Banker den Absturz von der luxuriösen Weihnachtsfeier im Nobel-Appartement zur gedemütigten Existenz im Kellerloch, sie monologisieren, sie dialogisieren und singen auch mal zwischendurch deutsche Schlager (von Bettina Ostermeier am Piano begleitet).

Aus dem spielfreudigen Ensemble ragen diesmal Nicola Lembach und der altgediente Akteur Michael Hochstrasser hervor. Am Ende hat man sich an den Dummheiten und Selbstzweifeln der Spitzen-Banker ergötzt und kann zu Hause einen letztlich unveränderten Blick auf die Kontoauszüge werfen. Ein Ausweg aus dem Billionen-Spiel ist (noch) nicht sichtbar!


Rainer Matschuk, Philipp Weigand
Rainer Matschuk, Philipp Weigand

Einige Nachrichten an das All (Staatstheater Nürnberg, Kammerspiele) ****

von Wolfram Lotz

Regie: Markus Heinzelmann

 

Ganz ohne Zweifel hat der preisgekrönte "Nachwuchs"-Autor Wolfram Lotz die Dramaturgie der letzen 60 Jahre eifrig studiert und in bemerkenswert eklektizistischer Weise für seinen Theatertext "Einige Nachrichten an das All" benutzt. Da findet man also Beckettsche Absurditäten, Handkesche Sprach- und Meta-Theater-Spielereien, Straußsche Dialogführung und nicht zuletzt Jelineksche Grobtext-Brocken. Das Ganze verläuft auf mehreren Handlungs-Ebenen, wobei die Stationen-Talkshow des "Leiters des Fortgangs" eine Art Grundgerüst bietet. Relativ sinnfrei hat Lotz in seinen Test noch zahlreiche Fußnoten eingestreut.

Eine prächtige Spielwiese also für einen Regisseur, auf der man natürlich grob scheitern (wie nach Meinung der Kritiker in Weimar) oder herzhaft brillieren (wie die Kritiker in Wien konstatierten) kann.

Die Aufführung im Nürnberger Staatstheater (Kammerspiele), gestaltet durch Markus Heinzelmann, nähert sich dem Stück vor allem auf komödiantische Weise. Der Leiter des Fortgangs wird zu einer Johannes-B.-Kerner-Charaktermaske (Stephan Willi Wang), der seinen Gästen ein Wort für die Ewigkeit entlocken will - und am Schluss selbst das Substantiv „Unterhaltung“ (Untertitel: "Nur keine Leere aufkommen lassen") auf Band spricht. Die Gäste sind eine dicke Frau aus dem Nachmittags-Talk, der Naturforscher Rafinesque, Heinrich v. Kleist (Stefan Lorch) und - lokal umgedeutet - Heimatminister Markus Söder (Marco Steger). Im Hintergrund wollen die zwei Körperbehinderten Purl und Lum beständig ein Kind haben, während ein alleinerziehender Vater (Adeline Schebesch!) sein Kind bei einem Unfall verliert. Was dies alles mit einem Weihnachtsspiel auf der onkologischen Kinderstation (als filmischer Hintergrund) und den Fußnoten von Henriette Schmidt zu tun, bleibt der Phantasie des Zuschauers überlassen. Wer sich diese Phantasie bewahrt hat und bei den Einstürzenden Kulissen nicht zu sehr erschrickt, dürfte an dem zweistündigen Abend durchaus Spaß finden.


Thomas Nunner als König Philipp II.
Thomas Nunner als König Philipp II.

Don Karlos, Infant von Spanien (Staatstheater Nürnberg, Schauspielhaus) ***

von Friedrich Schiller

Inszenierung: Shirin Khodadadian

 

Mit "Don Karlos", einem schweren Klassik-Brocken startet das Nürnberger Sprechtheater in die neue Saison 2013/14. Die Dilemmata sind eigentlich schon im Originaltext angelegt: man weiß nicht recht, wer die dramatische Hauptfigur sein soll, man grübelt über die rechte Gewichtung von Politischem und Privatem und man verzweifelt fast an der überbordenden Konstruktionslust des Autors, was die brieflichen Verwicklungen dieser Fünfer-Beziehung betrifft. Um wie viel leichter tut man sich da mit einem "King Lear" oder mit "Dantons Tod"! Selbst ein geradliniger Freiheitskämpfer wir der erfundene Marquis von Posa verfängt sich schließlich im Dickicht der Macht- und Liebesintrigen am Hofe.

So konnten auch die bemühte Regiearbeit von Shirin Khodadadian und das schauspielerische Engagement des Ensembles diese vom jungen Schiller veranlassten Schwierigkeiten kaum auflösen. Wenn es nach der Darsteller-Qualität geht, ist eigentlich König Philipp II. die interessanteste Hauptfigur, weil ihm Thomas Nunner (er spielte in der Nürnberger Inszenierung von 1997 noch den Don Carlos) sehr differenzierte Züge von Machtwille und Einsamkeit verleiht. Der jugendlich stürmerische Don Carlos von Martin Bruchmann erscheint dagegen genauso klischeehaft wie die aalglatte Fratze des Machiavellismus, die Thomas Klenk (wie fast immer) seinen Figuren, diesmal dem Herzog von Alba, überstülpt. Bei den beiden Damen bleibt fast nur in Erinnerung, dass Gräfin Eboli (Louisa von Spies) permanent am ganzen Leib zittert und dass Elisabeth (Karen Dahmen - neu in Nürnberg) sich zwangsläufig mit ihrem ausladenden Reifrock in den schmalen Gängen des Bühnenbilds (Carolin Mittler) verheddert.

Die dreistündige Inszenierung versucht durch nachvollziehbare Personal-Verdünnung und durch die Einführung eines Briefe vermittelnden Pagen (Julian Keck) dem Zuschauer Hilfestellungen zu geben, die Atmosphäre der Intrige und der Überwachung im Königspalast wird durch eine teilweise verschattete Bühne mit vielen Nischen, Dreh-Hintergründen und Türen verdeutlicht. In der Gesamtoptik wirkt der Spielraum wie eine Verlängerung des Zuschauerraums. Das letztlich nur verwirrende Kaleidoskop der Brief-Botschaften führt zu viel Papier auf dem Boden, das wechselweise verstreut und wieder aufgesammelt wird. Der Jahreszeit Herbst angemessen dominieren bei den Kostümen die Brauntöne.

Bei der Premiere gab es einhelligen Beifall, der jedoch nicht über eine gewisse Beliebigkeit dieser Theaterarbeit hinwegtäuschen kann. Somit nur ein viel sprechender, aber kein viel versprechender Auftakt.


Der Revisor (Residenztheater München - Schauspielhaus Nürnberg, im Rahmen der Bayerischen Theatertage 2013) *****

Von Nikolai Gogol

Regie: Herbert Fritsch

 

Meine Damen und Herren! Ich habe Sie hergebeten, um Ihnen eine höchst erfreuliche Mitteilung zu machen: Herbert Fritsch hat den "Revisor" inszeniert - und wie!! Mit einem atemberaubenden Turbo-Theater der Körperlichkeit, mit einem Fest aus Witz und bedrohlichem Aberwitz, mit einem farbenfrohen Ballett der provinziellen Eitelkeiten und Dummheiten und mit einem schrägen Plastikbahnen-Bühnenraum. Dies alles folgt einem stimmigen Konzept des Regisseurs: "Wir sind Gaukler, die den Revisor spielen, wir lügen euch das Stück Der Revisor vor, in dem auch wiederum gelogen wird." Was bei der Berliner "Spanischen Fliege" noch als reine Farce gewollt war, trifft hier punktgenau den Gogolschen Schwebezustand zwischen Komödie und Gesellschaftskritik. Ein aufgedrehtes Ensemble - angeführt von dem phänomenalen Sebastian Blomberg als Chlestakow lässt in pausenlosen 100 Minuten nie Langeweile aufkommen und schafft es auf spielerische Weise dem geneigten Publikum einen fast unvergesslichen Zerrspiegel vorzuhalten. Dagegen sind 90 Minuten Bayern München in der Allianz-Arena ein träges, nur vordergründiges Spektakel! Nun sollte man noch eine Zürich-Reise planen, um Herbert Fritschs Zugriff auf die "Physiker" von Max Frisch zu beobachten (Kritik folgt in der Schau.Bühne 2014).


Stefan Lorch, Anna Keil
Stefan Lorch, Anna Keil

Hedda Gabler (Staatstheater Nürnberg, Schauspielhaus) ****1/2

von Henrik Ibsen

Inszenierung: Christoph Mehler

mit Anna Keil

 

Da steht sie nun und kann nicht anders (?): Anna Keil als Dame Hedda auf einem trapezförmigen Schachbrett der menschlichen Schwächen und Eitelkeiten. Sie spielt statuarisch ihr distanziertes Machtspiel, weil sie die bürgerliche Zufriedenheit letzten Endes langweilt. Um sie herum bewegen sich als Bauern(-Opfer) ihr leicht vertrottelter Ehemann Jörgen Tesman (Stefan Lorch), der stets absturzgefährdete ehemalige Geliebte Eilert Lövborg (Felix Axel Preißler), der aalglatte Richter Brack (Pius Maria Cüppers) und die hoffnungslos naive Thea (Henriette Schmidt): Wie klischeehafte Randfiguren klettern sie aus dem Abgrund hinter der Bühne und verschwinden dorthin wieder. Am Ende aber hat die Dame ihr Risikospiel überzogen und richtet die Pistole gegen sich selbst.

Regisseur Christoph Mehler, der in Nürnberg schon mit "Richard III." und "Woyzeck" eine überzeugende Handschrift vorgezeigt hat, präsentiert Ibsens "Hedda Gabler" als nur äußerliches Schwarz-Weiß-Drama, denn die Nuancen finden in den Gesichtern und in den sparsamen Bewegungen der Akteure statt. So entsteht ein äußerst einprägsamer Theaterabend, den die Süddeutsche Zeitung zu Recht als "dicht, stringent und schnörkellos" lobte.


Besser wissen - The knowledge (Staatstheater Nürnberg, Kammerspiele) ***

von John Donnelly

Inszenierung: Johannes von Matuschka

mit Anna Keil u.a.

 

Waren das noch Zeiten, als die frechen Lausbuben in der Schule dem Lehrer die Kreide nass machten, ihm ein Furzkissen unterschoben oder im Chemieunterricht die Besoffenen markierten. Die Zeiten sind härter geworden und das Theater will dies reflektieren. So geht es etwa in dem Monodrama "Klamms Krieg" von Kai Hensel, in "KlassenFeind" von Nigel Williams oder in "Spieltrieb" von Juli Zeh schon um existentielle Auseinandersetzungen. Dem wollte wohl John Donnelly - selbst geraume Zeit als Lehrer in England tätig - im Sinne der britischen Großstadt-Boulevard-Dramatik noch eins draufsetzen und hat in seine vier Schüler Karris, Sal, Daniel und Mickey so ziemlich alles reingepackt, was als Kotzbrocken-Attitüde denkbar ist. Diesem Terror-Quartett soll nun die junge Referendarin Zoe begegnen, was einem Himmelfahrts-Kommando gleichkommt - vor allem weil auch die Kollegen nur an sich, an ihre Karriere und ihre Triebe denken.

Regisseur Johannes von Matuschka versucht im Bühnen-Metall-Container eine Gratwanderung zwischen drastischem (Verbal-)"Realismus" und Satire, die jedoch trotz der soliden Ensembleleistung (allen voran Anna Keil und Felix Axel Preißler - mittlerweile nach Leipzig abgewandert) mehr Lärm als Nachdenklichkeit erzeugt. Zukünftige Lehramtsanwärter können beruhigt sein: so schlimm geht’s halt nur im Theater zu!


Glaube Liebe Hoffnung (Staatstheater Nürnberg, Schauspielhaus) ***

von Ödön von Horvath

Inszenierung: Georg Schmiedleitner

mit Josephine Köhler

 

Die Geschichte der jungen Elisabeth, die trotz "Glaube, Liebe und Hoffnung" am Ende an den Verhältnissen scheitern muss, hinterlässt leider nur zwei Eindrücke, die länger haften bleiben. Da ist zum einen die Hauptdarstellerin Josephine Köhler, die als Kraftzentrum einer ansonsten wenig originellen Inszenierung den weiblichen Woyzeck gibt. Und da ist zum anderen die bedrohliche Drehbühne, eine Mischung aus Trutzburg und Klagemauer, die an die Architektur des Eingangs zum Gesetz aus Kafkas Parabel erinnert. Ansonsten hat man die vage Vermutung, dass Regisseur Georg Schmiedleitner nicht recht wusste, ob er das Gesellschafts-Panorama des frühen 20. Jahrhunderts seines Landsmanns Ödön von Horvath als realistische Tragödie oder als karikierende Farce anbieten soll. Trotzdem bleibt die Vision vom Leben, das ein bisschen weniger ungerecht sein sollte, bis heute aktuell.